Manche Gebäude stehen solide da, zumindest dem Schein nach. Eine repräsentative Fassade, ein beeindruckendes Äußeres. Und drinnen wuchert der Schwamm, da haben die Termiten die Holzkonstruktion zerfressen. Ein Windhauch, und vom eben noch so prächtigem Palast bleibt nichts weiter als eine Staubwolke und ein paar Trümmer.
Mit den Behausungen, in denen man sich mental einrichtet, da steht es nicht anders. Eine Erklärung, die gestern überzeugte, die ruft morgen Gelächter hervor. Und übermorgen? Da wird sie vielleicht wieder interessant, da sich die Zeiten wieder geändert haben und auch die Antithese sich überlebt haben wird.
Man vermeint sich im Besitz eines Patentrezeptes, einer für alle Zeiten funktionierenden Welterklärung. Diese gibt einem Sicherheit und garantiert den Erfolg. Zumindest scheinbar. Eine Zeitlang ist man damit wunderbar durchgekommen, hat sich auf der Erfolgsspur befunden und von einem Tag auf den nächsten hat es nicht mehr funktioniert, ist alles wie eine Seifenblase geplatzt. Eben beneidet, plötzlich verlacht. Warum hat es gestern geklappt und warum geht es heute schief?
Man befindet sich hoch zu Ross und plötzlich steht der Tierarzt vor einem und überreicht einem den Totenschein für den Gaul, auf dem man sitzt.
Manche sind Anhänger eines religiösen Glaubens, der ihnen die nötige Sicherheit gibt, um das Dasein bewältigen um können. Und womöglich wachen sie eines Tages mit Zweifeln auf, die, je mehr man sich dagegen wehrt, um so massiver werden. Man ist abtrünnig geworden oder Gott hat sich von einem abgewandt, hat einen im Regen stehen gelassen, ganz, wie man es sieht. Der Erlöser fährt in den Himmel auf und erfährt dort nichts als die gähnende Leere und die Eiseskälte des Weltraums, so Ende des 18. Jahrhunderts eine Episode in Jean Pauls „Siebenkäs“.
Andere üben sich in metaphysischer Enthaltsamkeit, sie meinen, die Welt rational erfasst zu haben, negieren jegliche Transzendenz, von einem Tag auf den anderen ist es anders, da steht man vor den Trümmern des eigenen Weltbildes. Die Erde ein unbedeutendes Staubkörnchen im Weltall, der Mensch ein Trockennasenaffe, der freie Wille nicht vorhanden, das Dasein vollkommen sinnlos, manchmal, aber nicht immer kann man es verkraften. Der Technokrat von gestern wird fromm, der Heilige wird Zyniker, der Revoluzzer erzkonservativ und der Wohltäter konvertiert zum Primat des Eigennutzes. Man möchte sich für die Belange des Gemeinwesens engagieren, möchte sich einbringen, um dann feststellen zu müssen, dass die Organisation, der man beigetreten ist und deren Ziele man teilt, dass sie ein Hort der Korruption geworden ist, des Postengeschachers, dass die fragwürdigsten Protagonisten es nach oben geschafft haben und der morgendliche Blick in den Spiegel einem offenbart, dass die Korrumpierung auch bei der eigenen Person längst schon angefangen hat.
Immer wieder wird alles anders. Man hat sich die Welt hinreichend erklären zu können geglaubt und plötzlich bricht einem der Boden unter den Füßen weg. Alles, an was man geglaubt hatte, das entpuppt sich als Unsinn, bestenfalls als Halbwahrheit. Die einstmals gesicherte Wahrheit als Schimäre, der Prophet als Scharlatan, der Machthaber ein Schwächling, das Imperium ein Papiertiger.
Irgendwann hatte man den Glauben an einen Schöpfer des Universums durch den an den Fortschritt ersetzt. Unsere industrialisierte Zivilisation höherwertiger als die irgendwelcher Naturvölker. Der moderne Mensch klüger als seine Vorfahren. Der Monotheismus höherwertiger als der Animismus, als der Geisterglaube der Indigenen. Die nüchternen Formen des Bauhauses rationaler als die Ornamente und Simse der Gründerzeit. Die Aufklärung die Befreiung vom Aberglauben.
Doch was ist Glaube und was ist Aberglaube? Das eine gilt als Tugend, das andere ein Laster, doch wer trifft die Unterscheidung zwischen beidem? Man glaubt an Gott oder an das wissenschaftliche Weltbild, und vielleicht ist das eine so angreifbar wie das andere, vielleicht ist auch alles Aberglaube. Der Glaube an einen Schöpfergott, an den Fortschritt, an die kollektive Selbstbestimmung. Der Glaube an die Freiheit wie auch der an die Hierarchie.
Eine plausible Unterscheidung zwischen Glauben und Aberglaube wären die eigenen Glaubenssätze versus der Weltsicht des Anderen. Der Inhaber eines Weltbildes, egal um welches es sich handelt, befindet sich in der Plausibilitätsfalle. Alles, was zur bestehenden Weltsicht passt, das wird integriert, was ihr widerspricht, das wird gelöscht. Glaubenssätze über Gott, Demokratie, Wissenschaft. Über den Wert der Tradition, den Liberalismus, den freien Markt, über die zentrale Steuerung von Kollektiven. Und alles Gedankengut, das man wieder und wieder repetiert, bis hin zur Selbsthypnose, das erscheint einem als richtig und wahr.
Und immer wieder kommt es anders. Die Hypnose ist nicht so perfekt, dass man nicht hin und wieder aufschreckt. Der so sorgfältig ausgearbeitete Plan wird Makulatur, löst sich in Luft auf. Gott wird zur Schimäre, der Mächtige zum Papiertiger, der Milliardär zum Schuldenkönig, die Demokratie zum Wettbewerb der Gauner. An dieser Stelle dann die Frage, will man wieder in die alten Muster zurück oder siegt die Neugier, was verbirgt sich hinter dem Vorhang?
Manchmal bedarf es eines Blicks von außen, des Ausbrechens aus vertrauten Mustern. Es ist schon passiert, dass ein Schachgroßmeister gegen einen Anfänger verloren hat, der gerade mal die Spielregeln beherrschte, aber von Strategie keinerlei Ahnung hatte. Gerade dieses konzeptlose Spielen brachte den professionellen Schachspieler aus dem Konzept. Mit ausgeklügelten Strategien wurde er spielend fertig, doch auf die Stümperei eines Anfängers fand er keinerlei Antwort.
Es ist auch schon vorgekommen, dass in einer Werkstatt Spezialisten zum dritten Mal einen Motor auseinandergenommen und wieder zusammengebaut hatten und immer noch nicht herausgefunden hatten, warum der nicht lief. Bis der Lehrling einmal fragte, ob überhaupt Benzin im Tank sei...
Routine verschafft einem eine gewisse Sicherheit, doch mit der Nebenwirkung, dass es zunehmend schwieriger wird, gewohnte Pfade zu verlassen. Auf einem Gebiet ist man Spezialist, kennt sich aus, man beherrscht das Spiel des Lebens und meint, dessen Regeln zu kennen.
Allerdings spielt man ein Spiel, dessen Regeln sich fortwährend ändern. Und zumeist weiß man nicht, was gerade gilt. Aber man glaubt, es zu wissen. Die nötige Routine, die Erfahrung zu haben. Das Spielfeld zu kennen.
Man glaubt, erfolgreich zu pokern und findet sich in einem Schachturnier wieder. Man wähnt sich auf der Siegerstraße und steht plötzlich unvermittelt vor dem Prellbock des Abstellgleises. Die Siegerpose ruft nur noch Gelächter hervor, die Versuche, den Gegner einzuschüchtern, ein müdes Abwinken. Die Erfolgsrezepte landen im Altpapier, der Sockel, auf dem man eben noch so komfortabel gestanden hatte, wird vom Gerichtsvollzieher mitgenommen.
In den Momenten des unverhofften Verlierens wird man schlagartig wach. Das Betriebssystem der Selbsthypnose ist aufgehoben, abgestürzt, das so mühsam Gelernte plötzlich obsolet. Die bisherigen Glaubenssätze unglaubwürdig. Die Firewall funktioniert nicht mehr.
Gerät ein Individuum in eine solche Situation, wird es leicht das Opfer von Betrügern und Seelenfängern. Verliert eine ganze Gesellschaft ihr Selbstverständnis, ist dies die Stunde der Demagogen. Diese verkaufen ein neues, schlüsselfertiges Glaubenssystem, bei dem eigentlich zu hinterfragen wäre, ob es brauchbar ist oder nicht, zumeist ist Letzteres der Fall. Doch wer in Not ist, greift nach jedem Strohhalm und verfügt nicht mehr über die Ressourcen, genau hinzuschauen.
Was kann man tun, wenn die eine Gesellschaft zusammenhaltende Erzählung abhanden kommt? Wenn eine solche Gesellschaft ihre eigenen Grundlagen in einer Art Kulturrevolution demontiert? Dann befindet man sich in einer prekären Situation, es ist, als liefe man in einer Herde mit, bis man feststellt, dass es sich um eine Gemeinschaft von Lemmingen handelt. Weiter mitlaufen würde den baldigen Sturz von der Klippe bedeuten, das Aussteigen führt in die Einsamkeit, in den Verlust der Reputation. Der Lächerlichkeit preisgegeben steht man am Rand und schaut zu, wie die Anderen munter in die Tiefe purzeln…
Nichts ist für die Ewigkeit gebaut, auch die Mythen nicht, die eine Gesellschaft zusammenhalten.
Irgendwann kommt der Abschied von den kollektiv geteilten Halbwahrheiten, der Zweifel an dem, was einem tagtäglich erzählt wird, zuerst ist es ein einsamer Weg, plötzlich zweifeln mehr und mehr, irgendwann vielleicht zweifelt die Majorität. Das Abstellgleis, auf dem man sich eingerichtet hat, wird zur Autobahn.
Vielleicht ist es immer problematisch gewesen, sich in vorgefertigten Gedankengebäuden aufzuhalten, egal, um welche es sich handelt. Man delegiert die Orientierung über das eigene Dasein an Andere, an Institutionen und ist darauf angewiesen, dass diese nicht irren. Was auf Dauer ein Ding der Unmöglichkeit ist, handelt sich doch um Halbwahrheiten, um eine Gemengelage zwischen Einsichten, Projektionen, Wunschvorstellungen und Befürchtungen. In der Regel bleibt die Überprüfung des vorbehaltlos Geglaubten aus, bis irgendwann einem die Wirklichkeit wie ein nasser Waschlappen ins Gesicht klatscht. Wird auch dies ignoriert, findet man sich in einem Platzregen aus nassen Waschlappen wieder…
Wie geht es weiter nach einem solchen Regen? Die mentalen Behausungen sind weggespült, der vorgeplante Lebensweg, der Konsens eines Gemeinwesens ist dahin. Die etablierten Denkmuster haben sich aufgelöst.
Neues Spiel, neues Glück? Die Häutung einer Schlange, die Mauser eines Vogels? Ein neuer Aufbruch mit der damit verbundenen Unbefangenheit und Leichtigkeit, ohne die drückende Last der Routine?
Ist der periodische Zusammenbruch etablierter Weltbilder vielleicht eine Notwendigkeit, da diese irgendwann wie der Schuh eines heranwachsenden Kindes zu eng werden? Oder arrangiert man sich lieber dauerhaft mit schmerzenden Füßen, anstatt die Schuhe zu wechseln?
Es ist wohl ein Ding der Unmöglichkeit, dass in einer Welt permanenter Veränderungen etwas auf Ewigkeit besteht. Die Antike, das Mittelalter, die Moderne, irgendwann war es vorbei. Perioden der Freiheit und der Despotie, der Freizügigkeit und der Hypermoral, sie wechseln einander ab. Der gesetzliche Rahmen wird so lange perfektioniert, bis er das Gegenteil des Erwünschten bewirkt. Danach der Einsatz der Kettensäge, die Abrissbirne.
Nach dem Abriss beginnt der Zyklus von neuem, der erwartungsvolle Aufbruch, die Blüte, der schleichende Niedergang, die Agonie, die innere Kündigung. Und dann wieder die Abrissbirne.
Und wieder und wieder wechselnde Erzählungen, die das Geschehen begründen sollen, neue Halbwahrheiten, die in der Aufbruchsphase, wenn alles so wunderbar zu funktionieren scheint, so gerne geglaubt werden, und von denen man sich in Zeiten der Stagnation abwenden wird.
Wahrscheinlich ist das einzige Beständige in der Welt die Erosion, die Entropie, der Zerfall. Auf der anderen Seite, der Wille zum Aufbau, ohne den es niemals etwas gegeben hätte, das untergehen könnte. Es gibt nur ein Glück auf Zeit, nicht für immer. Bedeutet dies, dem Wunsch nach Gelingen, nach Glück zu entsagen zu versuchen? Oder ist das Leben nicht gerade dieses Wechselspiel zwischen Aufbau und Zerfall, zwischen Illusion und Desillusionierung, dem wir uns nicht entziehen können, außer um den Preis des Nichtseins?