Es ist nicht wichtig, ob der Mensch vom Affen abstammt, viel wichtiger ist, dass er nicht wieder dorthin zurückkehrt...
Reisen bildet. So sagt man. Vielleicht stimmt es sogar. Zumindest manchmal. Manchmal stimmt es auch nicht, da ist Reisen nichts Anderes als eine dreidimensionale Art des Fernsehens.
Man steigt in den Zug, ins Auto, ins Flugzeug, und wenige Stunden später betritt man eine andere Welt. Zumindest war es einmal so.
Im Laufe der Zeit haben sich die Dinge geändert, sie haben sich einander angeglichen. Viele sagen, es sei besser geworden. Der Mensch ist Kosmopolit geworden, nicht mehr der Provinztrottel von einst. Und in der Tat: Die Unterschiede zwischen Provinz und Metropole relativieren sich. Die Welt ist ein globales Dorf geworden mit ihrem digitalen Dorfklatsch in Form von Katzenvideos und der Wissensmanufaktur Wikipedia. Alle Welt trinkt seit Jahrzehnten die Globalisierungsbrause Coca Cola. Und der Präsident, der Oligarch, sie können mit all‘ ihrem Geld, mit all‘ ihrer Macht keine bessere Coca Cola bekommen als Du und ich….
So mancher meint, ihm sei der Teppich unter den Füßen weggezogen. Tag für Tag verschwindet ein wenig von der ihm vertrauten Welt und ihm scheint, jemand nähme ihm die Gläser mit Rotwein gefüllt weg und brächte sie mit Coca Cola gefüllt wieder.
Wer überall Coca Cola bekommt und dieses Blubberwasser trinkt, es tatsächlich genießt, der kann sich eigentlich überall zu Hause fühlen. Man scheut das Unbehagen, wenn man sich auf unbekanntem Terrain bewegt. Alle Orte dieser Welt gleichen sich einander an, alle Mentalitäten unterziehen sich einer Normung, sodass das Gefühl des Fremdseins nirgendwo mehr entsteht.
„In der Einsamkeit der Flughäfen atme ich auf“, so Heiner Müller in der „Hamletmaschine“. Die Welt ist Flughafen geworden, die frisch aufgeblasenen Wohnhäuser gleichen geschrumpften Abflugterminals, ebenso die Einkaufstempel mit ihren Glitzerburgen, die Tintenpaläste der Verwaltungen. Der Globalismus, ist er ein Abflugticket ins Nirgendwo?
Wir bewegen uns nach und nach zur „Weltgesellschaft“ hin. Diese wird mit Vorliebe als ein Rezept zur Befriedung der Welt angepriesen. Norbert Bolz behauptete in seiner Schrift: „Das konsumistische Manifest“, Coca Cola habe mehr für den Weltfrieden getan als alle Intellektuellen zusammengenommen. Seine Schrift, die Utopie einer Welt, in der es lediglich um seichte Unterhaltung und das Streben nach Konsum geht. Bolz gibt zu, dass das Dasein in einer solchen Welt ein sehr langweiliges sein wird, die Langeweile, die sei eben der Preis, den man zu entrichten habe für eine befriedete Gesellschaft.
In ökologisch gesinnten Kreisen beklagt man seit Jahrzehnten das Aussterben selten gewordener Tier- und Pflanzenarten. Dagegen schweigt man über das kulturelle Artensterben und nimmt die uniforme Monokultur, das Verschwinden der regional geprägten Kulturlandschaft klaglos hin.
Die Stadt hört auf, Stadt zu sein, das Dorf ist nicht mehr Dorf, beides gleicht sich einander an, in einer beliebig austauschbaren, internationalen Vorstadtarchitektur. Der Lebensraum ist Nicht-Ort geworden. Das Land, die Stadt überwuchert von einem gesichtslosen Siedlungsbrei. Die oftmals physisch wie auch psychisch entwurzelten Bewohner einer sich exponentiell beschleunigenden Welt nehmen den Verlust meist nicht mehr als einen solchen wahr.
Ein Stefan Zweig bemerkte bereits 1925 zu diesem Vorgang:
Monotonisierung der Welt. Stärkster geistiger Eindruck von jeder Reise in den letzten Jahren, trotz aller einzelnen Beglückung: ein leises Grauen vor der Monotonisierung der Welt. Alles wird gleichförmiger in den äußeren Lebensformen, alles nivelliert sich auf ein einheitliches kulturelles Schema. Die individuellen Gebräuche der Völker schleifen sich ab, die Trachten werden uniform, die Sitten international. Immer mehr scheinen die Länder ineinandergeschoben, die Menschen nach einem Schema tätig und lebendig, immer mehr die Städte einander äußerlich ähnlich. Paris ist zu drei Vierteln amerikanisiert, Wien verbudapestet; immer mehr verdunstet das feine Aroma des Besonderen in den Kulturen, immer mehr blättern die Farben ab., und unter der zersprungenen Firnisschicht wird der stahlfarbene Kolben des mechanischen Betriebes, die moderne Weltmaschine sichtbar.
Was würde ein Stefan Zweig heute sagen? Die Frage erübrigt sich, die Welt von heute bringt keinen Stefan Zweig mehr hervor. Nicht jeder Boden ist fruchtbar, und in einer ausgelaugten Moderne gedeiht in erster Linie kulturelles Unkraut, wenn da noch überhaupt etwas wächst. Undenkbar, dass in der jetzigen Zeit sich jemand eines subtilen Sprachstiles in der Qualität eines Stefan Zweig oder eines Marcel Proust bedienen könnte.
Die Jetztzeit gehört dem „Mann ohne Eigenschaften“, ein Buchtitel von Robert Musil aus den 20er Jahren. Es erübrigt sich, diesen Begriff gendern zu müssen, lediglich die positiv besetzten Begriffe erheben Anspruch auf Geschlechtergerechtigkeit…
Die Kultur der Jetztzeit hat jeglichen Anspruch auf Überzeitlichkeit aufgegeben und ist in der Welt der Moden und der Tagesaktualität aufgegangen. Möglicherweise ist der ganze Kulturbetrieb mit seinen Spektakeln und mit seiner aufgeblähten Bürokratie ein Anzeichen dafür, dass die Kultur schon weitgehend verloren ist, dass es sich oftmals lediglich um Kultursimulation handelt. Oder um eine Form des Gouvernantentums, dem Versuch der Umerziehung des Menschengeschlechtes zum sogenannten „neuen Menschen“. Natürlich kann man den gegenwärtigen Verfall der Sprache, die um sich greifende Beliebigkeit als Fortschritt verkaufen. Mit ein wenig Rabulistik ist alles möglich, Papier ist geduldig, und die Ohren sind es noch mehr, allerdings scheidet sich Bedeutungsvolles und Bedeutungsloses erst im Verlauf einiger Jahrzehnte, und da ist es fraglich, ob aus der Jetztzeit allzu viel für künftige Generationen von Belang sein wird.
Die Kultur der Moderne ist eine Kultur des Spektakels. Immer höher, immer weiter, immer lauter. Das einander Übertrumpfen mit Superlativen, das Übersteigern der Virtuosität des Bauens zum Architektursport. Das Ergebnis, die Kakophonie. Spektakuläre Bauten in der Vielzahl wirken wie steingewordener Freejazz. Spektakuläre Literatur, spektakuläre Kunst, spektakuläre Virtuosität in der Musik, also im Extremfall die geigensportliche Darbietung, es sind kurzfristige Rauschmittel, die allzu schnell zu Ermüdung führen, zum Katzenjammer des Überdrusses. Allzu oft entpuppt sich die glänzende Fassade als billige Effekthascherei. Schnell ist der Lack ab, die Halbwertszeiten der Avantgarde werden immer kürzer.
Die Welt mit ihren Möglichkeiten des Informationsaustausches ist ein Dorf geworden, ein globales Dorf mit seiner Wegwerfarchitektur und mit dem digitalen Dorfklatsch in den sozialen, oftmals auch asozialen Medien. Möglicherweise handelt es sich bei dem globalen Dorf um die allergrößte denkbare Provinzialität. Der Supergau der Heimatlosigkeit. Das im globalen Dorf enthaltene Mobiliar, kaum erworben, wird beim nächsten Sperrmülltermin schon auf die Straße gestellt. Und böse Zungen könnten vom Wegwerfambiente auf den Wegwerfmenschen, auf den Einweg-Homunkulus schließen.
Wir leben in der Chronokratie, in der Herrschaft der Zeitknappheit und mit den damit verbundenen Aufmerksamkeitsdefiziten. So fällt es schwer, das Kultursterben als solches wahrzunehmen. Das, was wir Kultur nennen, das begann, als der Mensch begann, sesshaft zu werden. Als er sich in dem Boden, auf dem er lebte, verwurzelte, und diesen Boden bebaute, ihn gestaltete, seine regionalen Traditionen im Austausch mit der ihn umgebenden Landschaft, mit seinen geographischen und klimatischen Gegebenheiten entwickelte.
Der heutige Mensch ist wieder Nomade geworden, selbst, wenn er auf dem Boden sitzen bleibt, auf dem er geboren und auf dem er aufgewachsen ist. Er ist als Weltbürger jetzt überall, also nirgendwo zu Hause, als entorteter Mensch nichts als Flugsand im Weltgeschehen. Mit der Austauschbarkeit der Geographie, mit der globalen Einheitsarchitektur, mit der zu erwartenden Mentalitätslosigkeit des globalisierten Einheitsmenschen, mit der als Kosmopolitismus getarnten Obdachlosigkeit.
Heidegger sprach nach 1945 davon, dass Sowjetkommunismus und Amerikanismus, metaphysisch betrachtet, identisch seien. Sie unterschieden sich zwar an der Oberfläche, wohl auch an den Methoden, doch der Kern sei der Gleiche. Beides sind Kulturen der Entwurzelung, der Nivellierung, der Entortung. Der Verlust des Ortes, die Preisgabe der Identität ist der Preis für die Unterwerfung allen Seins unter das Effizienzdenken. Zumeist geschieht es nach der Logik: Wer A sagt, muss auch B, muss auch C sagen…
Möglicherweise begann diese Entwicklung, die Erosion der Kultur, schon mit dem Beginn der Industrialisierung. Und die Folgeerscheinungen dieses ersten Schrittes in die Moderne sind möglicherweise weitgehend determiniert, mit dem Schritt in die effiziente Güterproduktion wurden die Weichen in die gegenwärtige Welt gestellt. Mit den Folgeerscheinungen dieser Entwicklung fertigzuwerden, das ist eine Aufgabe, von der bisher nicht absehbar ist, ob sie gelöst werden kann.
In einem Artikel über den Transhumanismus beschrieb der russische Intellektuelle, um die Vokabel Kremlphilosoph zu vermeiden, Alexander Dugin, die Unvermeidbarkeit dieser Entwicklung, die schlussendlich in der Abschaffung des Menschen zugunsten Mensch-Maschine Hybridwesen enden müsse und forderte die komplette Abwendung von der Moderne. Auf dem Papier ist das gut möglich, allerdings, wie sähe ein solcher Schritt in der Praxis aus, also nicht nur die Abwendung vom modernen Denken, sondern auch von der modernen Produktion? Dafür ist das Bevölkerungswachstum allzu weit fortgeschritten, und wir zu sehr an die Bequemlichkeit einer Wohlstandsgesellschaft gewöhnt. Eine globale vormoderne Produktionsweise würde allenfalls eine oder zwei Milliarden Menschen auf der Welt ernähren können, die tatsächlichen Folgen einer ökoromantischen Wende könnten wohl die Schandtaten der Diktatoren des 20. Jahrhunderts bei weitem in den Schatten stellen. Ein naives „Zurück zur Natur“ im Sinne Rousseaus würde wahrscheinlich zu den „Killing fields“ eines Pol Pot führen.
Der Rückweg in die Vergangenheit als gesamtgesellschaftliches Konzept ist wohl auf alle Zeiten versperrt, und der Weg in die Zukunft gleicht einer Autobahnfahrt mit ausgeschalteten Scheinwerfern.
Man kann das Wort „modern“ auch auf der ersten Silbe betonen, dann heißt es „modern“. Modert die Moderne? Modert sie in den Köpfen, setzt sie Schimmel an, krankt sie etwa daran, dass sie den Menschen ihre Identifikationsräume nimmt und die noch funktionierenden Strukturen nach und nach eliminiert. Der moderne Mensch, identitätslos, ein Jemand, der nicht mehr weiß, was Identität eigentlich ist, der jemanden, der sich diese Frage überhaupt stellt, als suspekt betrachtet und alles dafür tut, den Fragesteller zum Schweigen zu bringen? Wie einer, der blind geboren ist und nichts Anderes kennengelernt hat in seinem Dasein als die ewige Dunkelheit, und dem man nun zu erklären versucht, was Sehen überhaupt bedeutet, man ihm mühsam und ohne Aussicht auf Erfolg den Unterschied zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Rot und Grün zu erklären versucht.
Das Ideal der Aufklärer vergangener Zeiten, der Revolutionäre von Paris wie auch von Petersburg und Moskau, wurde erreicht, allerdings ist es fraglich, ob dies wirklich eine erfreuliche Nachricht ist. Es gibt keinerlei Unterschiede mehr. Wir haben uns von unseren Eigenschaften emanzipiert. Und sind gerade dabei, die Biologie hinter uns zu lassen. Der Mensch der Zukunft, die Menschmaschine, der Cyborg? Vielleicht auch der Abschied aus der realen, aus der physisch erfahrbaren Welt und dem endgültigen Aufgehen in der Virtualität. Kann man sich von der Realität emanzipieren? Und ist es überhaupt Emanzipation, in eine Traumwelt abzudriften und diese so perfekt zu gestalten, dass die mit den Sinnen erfahrbare Welt unerheblich wird, dass man sich irgendwann möglicherweise in der realen Welt glaubt und sich tatsächlich in einer virtuellen befindet.
Für sich betrachtet, ist der Emanzipationsgedanke ein sinnvoller, solange es sich um die Emanzipation aus unterdrückerischen Herrschaftsverhältnissen oder aus erstickenden Traditionen handelt. Allerdings stellt sich die Frage, wo fangen diese an und wo hören die auf?
Kann man sich aus unerfreulichen Verhältnissen emanzipieren, materielle Not überwinden, oder geht man weiter und versucht, sich von seiner Natur zu emanzipieren, von der Biologie, sich jeglicher kollektiven Identität zu entkleiden, in der man aufgewachsen ist? Möglicherweise sämtliche Identifikationsmerkmale dekonstruieren? Man kann auch alles und jedes als unerträgliche Einengung empfinden, von der Schwerkraft angefangen bis hin zum Zwang der Nahrungsaufnahme, das Mannsein, das Frausein und dem damit verbundenen Hormonhaushalt, von den genetischen Veranlagungen, von der Endlichkeit des Daseins und die durch das Aufwachsen in einer Volksgruppe, in einer Region entstandene Mentalität, ja, man kann in infantiler Wut gegen die „Tyrannei des Faktischen“ aufbegehren.
Manches nennt sich Emanzipation, was schlicht und einfach Dekonstruktion der Realität und der Wesenhaftigkeit ist. Das seiner kulturellen Verortung entkleidete Wesen wird wahrscheinlich alles Andere als ein Evolutionssprung im Sinne von Nietzsches Übermensch sein, sondern mit größerer Wahrscheinlichkeit uns die Mensch-Ameise bescheren..
Und doch wird eine allgegenwärtige Propaganda uns einhämmern, dass derjenige, der seine Wurzeln kappt, erst wirklich frei wäre. Nichts wird wohl falscher sein als das. Die Folge des Wurzelabschneidens ist keinesfalls die Befreiung, sondern die Verkümmerung, das schleichende Absterben, das Dahindämmern und das langsame Verebben. Der seiner Identität entkleidete Mensch ist dankbarer Kunde kommerzieller Sinnlosigkeitsbewältigungsanbieter. Einträglicher Konsument der Angebote der Psychoindustrie.
In der Geschichte geschieht nichts wirklich Neues. Wir hatten das schon einmal, wenn auch mit etwas weniger technischem Brimborium. In der Spätphase des römischen Reiches. Eine nicht bewältigte Sinnkrise. Danach ein dreihundertjähriges Nichts. Eine Zeit, in der fast nichts mehr gebaut, nichts geschrieben, nichts erfunden wurde, aus der die Zeugnisse so dürftig und so fragwürdig sind, dass es sogar Leute gibt, die anzweifeln, ob es diese Jahre überhaupt gegeben hat.
In der Sinnkrise des spätrömischen Reiches etablierte sich ein Importartikel, der anderweitig lediglich eine Nischenexistenz für sich hätte beanspruchen können, das Christentum. Das dann irgendwann, in Synthese mit heidnischen Elementen und gnostischem Gedankengut, oftmals im Untergrund, zur Muttersprache des Abendlandes wurde. Im Christentum enthalten war der Keim der Aufklärung, die ihre Vorläufer in den verschiedenen Reformationsbewegungen fanden.
Das Resultat der Aufklärung ist ein höchst ambivalentes. Zwar bescherte es einen in der bekannten Menschheitsgeschichte niemals gewesenen technischen Aufstieg, auch die Befreiung von religiösen Zwängen, von aus diesen sich ergebenden Machtverhältnissen, andererseits auch die erwähnte Sinnkrise, die Entfremdung, die Unfähigkeit, mit der Umwelt in Beziehung zu treten.
Sollte das Endresultat der Aufklärung der Nihilismus sein? Mit vielen, oftmals berechtigten Argumenten die Religion abgetan, mit ebensolchen Begründungen jegliche Gruppenidentität dekonstruiert und einem schrankenlosen Individualismus Tür und Tor geöffnet. Die moralische Repression vergangener Zeiten zur Seite geschoben, das Lustprinzip auf ein Podest gestellt, und unter dem Banner der Befreiung eine neue, nicht minder repressive Hypermoral der politischen Korrektheit, der Übertoleranz, der universalen Relativität eingeführt. Die Verteidigung der relativistischen Hypermoral nennt sich Zivilcourage, die sich mehr und mehr als das Gegenteil von Mut herausstellt. Es bedarf keinen Mutes, lauthals das herauszuschreien, was ohnehin fast alle denken, genauer gesagt, das unreflektiert zu wiederholen, was Andere vorgegeben haben. Zivilcourage ist der Gratismut der ganz besonders eifrigen Mitläufer, das etwas zweifelhafte Heldentum, gemeinsam mit den Anderen auf die letzten drei verbliebenen Andersdenkenden einzuprügeln. Mut setzt Wahrhaftigkeit voraus, und diese kann einen in Gefilde führen, die einen in krassen Gegensatz zu den Mehrheitsmeinungen führen und auch das Gedankengut in Frage stellen, in dem man aufgewachsen, oder vielmehr, mariniert ist.
Ist das Endresultat der Aufklärung ein kollektiver Wahn, eine ins Unendliche gesteigerte Irrationalität? Ist möglicherweise der Keim der Selbstzerstörung in der Aufklärung enthalten?
Es stellt sich hier die Frage, warum in der politischen Linken, die als emanzipatorische Bewegung gestartet sind, so viel Sympathie, ja Bereitschaft zur Unterwerfung unter die reaktionärste aller auf dem Markt der Weltanschauungen erhältlichen Angebote zu finden ist. Ist es der unbewusste Versuch, mittels des Islam durch die Hintertür die Aufklärung zum Scheitern zu bringen? Mit den Argumenten der Gleichheitsreligion eine Ideologie der extremen Ungleichheit zu etablieren. Den Salafismus als Abrissbirne für die gehassliebte moderne Welt, aus Enttäuschung darüber, dass das ersehnte Paradies auf Erden in Wirklichkeit kein solches ist? Haben wir es mit einem evolutionären Prozess der Selbstdestruktion zu tun?
Wahrscheinlich gibt es unzählige Interpretationsmöglichkeiten, möglicherweise ein Betätigungsfeld für die Tiefenpsychologie, weswegen sich vorgeblich besonders progressiv gebende Kräfte zum Erfüllungsgehilfen einer militant auftretenden, archaischen Ideologie machen und damit alles aufs Spiel setzen, was in jahrhundertelangen Kämpfen errungen wurde.
Wurde mit der im Rationalismus begründeten Absage an die Transzendenz der aufbauende Impuls, der einen kulturellen Raum am Leben hält, gebrochen? Können wir auf Dauer in der metaphysischen Obdachlosigkeit existieren? Ist das Verbleiben im Relativen vielleicht eine Lebensweise, die lediglich für Einzelne gangbar sein kann, aber keineswegs ein massentaugliches Produkt?
Es stellt sich die Frage:
Kann der Mensch auf Dauer ohne eine wie auch immer geartete Transzendenz auskommen? Ist er in der Lage, die Kette der Enttäuschungen, die ein Dasein ohne metaphysische Erklärungen oder Illusionen mit sich bringt, zu bewältigen? Wird er, nachdem er aufgehört hat, ein Verfügungsobjekt für die religiösen Welterklärer oder Märchenerzähler zu sein, ein Spielball für die windigen Geschäftemacher der Selbstoptimierung, der Betäubungsindustrie und der pharmazeutischen Gesundbeter werden? Endet die Aufklärung im Psychokapitalismus?
Dostojewski hatte dieses Dilemma schon im 19. Jahrhundert erkannt, hier einige Sätze aus seinem „Großinquisitor“.
Das Geheimnis des Menschen liegt nicht lediglich darin, zu leben, sondern darin, für irgendeinen Zweck zu leben. Hat der Mensch keine feste Vorstellung von dem Zwecke, so mag er nicht weiterleben und zieht die Selbstvernichtung dem Verbleiben auf der Erde vor, mögen auch noch so viele Brote um ihn herumliegen.
Kann die Aufklärung vielleicht auch daran scheitern, dass die Menschen keinerlei Interesse daran haben, mündig zu sein, sondern ihr Glück in der Unterwerfung suchen? Nicht selbst denken, nicht entscheiden zu müssen, sondern jemanden zu haben, der einem sagt, wo es langgeht? Das mag der Papst in Rom sein, oder der Dalai Lama, oder der Führer einer politischen Partei, einer Ökologiebewegung, je mehr Zumutungen eine Religion, eine politische Ideologie dem Menschen aufbürdet, desto mehr liegen ihr die Menschen zu Füßen.
Sind die Postulate der Aufklärung, der Mensch könne und wolle frei und selbstbestimmt durchs Leben gehen, möglicherweise falsch? Auch in diesem Punkt war Dostojewski pessimistisch:
„Denn nichts ist für die menschliche Gesellschaft unerträglicher gewesen, als die menschliche Freiheit“
Aufklärung bedeutet auch das Eingeständnis einer umfassenden Desorientierung, die Erkenntnis, in den alten Überlieferungen nicht mehr zu Hause zu sein, tradierte Erklärungsmodelle in Frage zu stellen. Wie George Lukacs 1962 in „Die Zerstörung der Vernunft“ feststellte:
Ein beträchtlicher Teil der führenden deutschen Intelligenz hat das „Grand Hotel Abgrund“ bezogen, ein schönes, mit allem Komfort ausgestattetes Hotel am Rande des Abgrunds, des Nichts, der Sinnlosigkeit. Und der tägliche Anblick des Abgrundes, zwischen behaglich genossenen Mahlzeiten oder Kunstproduktionen, kann die Freude an diesem raffiniertem Komfort nur erhöhen.
Nicht jeder Blick in den Abgrund ist so komfortabel wie der eines recht privilegierten Beobachters. Andere haben es weniger komfortabel und zerbrechen an der gefühlten Sinnlosigkeit ihres Daseins, sie gehen an den Zumutungen der mit der Aufklärung verbundenen Desillusionierung zugrunde.
Nun werden Vertreter aufklärerischer Zivilreligionen, etwa ein Michael Schmidt-Salomon, einem entgegnen, dass wir bisher allenfalls eine halbierte Aufklärung haben, dass es bis jetzt eine vollständig aufgeklärte Gesellschaft noch nicht gegeben hat, und die Menschheit, nachdem sie ihren religiösen Illusionen endgültig entwachsen sein wird, ein wesentlich erfüllteres Leben führen wird, als das bislang der Fall war.
Da gesellschaftliche Entwicklungen weniger in linearen, sondern vielmehr in dialektischen Prozessen geschehen, so ist die Antwort auf den Hyperrationalismus wohl der Rückschlag in den Irrationalismus, die Esoterikwelle der letzten Jahrzehnte zeigt auf, dass der Mensch sich schwertut mit dem Verzicht auf Transzendenz. Allerdings sucht man in dieser neuen Religion des Globalismus, in der New Age Szene, Transzendenz zumeist vergeblich. In den tradierten Religionen allerdings ebenso.
Wie auch in den meisten anderen Bereichen des Lebens.
Was bleibt, ist ein tiefes Gefühl der Enttäuschung. Der liebe Gott ist mal kurz Zigaretten holen gegangen und nicht mehr wiedergekommen. Die Erdenbewohner, alleine gelassen, die richten sich ein unter den Brückenpfeilern ihrer transzendentalen Obdachlosigkeit. Der Fusel, in Zweiliterflaschen erhältlich bei einer bekannten Supermarktkette, die lässt uns die Trostlosigkeit eines Daseins ohne metaphysische Illusionen vergessen. Man kann sich immer noch ans Geländer stellen und gen Himmel schauen, ob der liebe Gott uns eine seiner Kippen hinunter schnippt. Doch zumeist schaut man vergeblich. Schaut nach oben, nimmt einen Schluck aus der Pulle, blickt wieder auf zum Himmel mit den Flugzeugexkrementen in Form langer weißer Streifen, trinkt noch einen, und wenn man dann betrunken ist, streitet man sich über die Frage, welche Marke Gott raucht...