162


6 Seiten

Alexa muss leider draußen bleiben… Die Sphäre des Privaten

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Privatsphäre, wer braucht so etwas schon? Wenn auch jeder und jede ohnehin sich in jeder Situation mit debilem Grinsen knipst und die Myriaden an Bildern, die kein Schwein sehen will, zur Ergötzung kommerzieller Interessen ins Weltnetz stellt, seine ganzen Banalitäten mit einer Öffentlichkeit teilen will, bei seiner Selbstentblößung bis zur Seelenpornographie geht, sich zu allem Überfluss noch eine Quasseldose namens Alexa in die Wohnung stellt und ein Abhörgerät mitschleppt und dieses auch noch selbst bezahlt und damit angibt, mit der allerneuesten Technik ausspioniert zu werden. Und wer etwas auf sich hält, der ist jetzt Anhänger des chinesischen Überwachungsstaates, denn dies sei ja das Modell einer glorreichen Zukunft...
Wieso auch nicht, man hat ja nichts zu verbergen…

In der Kurzgeschichte von Kurt Kusenberg „Die gläserne Stadt“ lässt ein ehrbarer Kaufmann
sich ein Haus vollständig aus Glas errichten, er wolle der Öffentlichkeit seine untadelige Lebensführung zur Schau stellen, jeder könne sehen, wie er lebt, wie er arbeitet, wie er seine Kinder erzieht. Und das taten die Bürger auch, zu Scharen pilgerten sie zu diesem Haus und beobachteten dieses Musterbeispiel an Wohlanständigkeit. Ehemänner führten ihre schlampigen Frauen, Ehefrauen ihre liederlichen Männer, Eltern ihre ungeratenen Kinder vor eben dieses Haus, um die Sünder zu beschämen und sie zu bessern. Die erzieherische Wirkung des Glashauses war unermesslich.
Das gute Beispiel machte Schule, bald ließen sich auch andere Bürger Häuser aus Glas bauen und führten ein ebenso exemplarisches Leben. Mit den Jahren sah man in dieser Stadt fast nur noch Glashäuser, man galt als verdächtig, wenn man noch eines der alten Steinhäuser bewohnte, irgendwann wurde es auch verboten.
Allerdings, bei trüben Wetter sah diese gläserne Stadt nicht besonders hübsch aus, das Glas schimmerte grau wie Blei, es fehlten einfach die Farben. Jemand machte den Vorschlag, die Glashäuser mit Kletterpflanzen und Spalieren zu begrünen, um der allgemeinen Tristesse entgegenzuwirken. Natürlich sollte mit der Dekoration äußerst sparsam verfahren werden, da der transparente Charakter dieser Bauwerke erhalten bleiben sollte. Irgendjemand importierte ein schnell wachsendes Klettergewächs aus Asien und in kürzester Zeit waren die Häuser allesamt überwuchert, die Privatsphäre wieder hergestellt, bis auf das Haus des so ehrbaren Kaufmannes am Anfang der Geschichte, der bis zum Schluss an der Transparenz seiner Lebensführung festhielt, die anderen erfreuten sich ihrer neugewonnen Freiheit, Lebensbereiche zu haben, die die Öffentlichkeit nichts angingen.

Auf indiskrete Fragen gibt es die unmissverständliche Antwort: „Das geht Dich nichts an.“ Im Notfall auch garniert mit einer kräftigen Ohrfeige. Seine intimen Geheimnisse munter auszuplaudern gilt als schlechter Stil, jemand, der mit seinen Bordellerlebnissen prahlt oder über die Konsistenz seines Stuhlgangs philosophiert, gilt als suspekt, seine Vermögensverhältnisse behält man in manchen Situationen besser auch für sich, um nicht des Nachts ungebetenen Besuch zu erhalten. Man muss auch nicht jede seiner Schrullen thematisieren, dafür stehen zu viele Hobbytherapeuten am Straßenrand.
Außerdem gibt es immer eine gewisse Diskrepanz zwischen dem Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit und dem, was man tatsächlich ist. Man präsentiert sich mit den Eigenschaften, von denen man glaubt, dass sie für die Außenwelt zumutbar seien. Zwischendurch ringt man sich im Zustand der permanenten Übellaunigkeit ein freundliches Lächeln ab, obwohl einem vielleicht nicht danach zumute ist. Ein Millimeterlächeln vielleicht, ein mühsam abgerungenes Betongrinsen... die Selbstzweifel, die bleiernen Gedanken, aus denen man nicht mehr herauskommt, die teilt man lieber nicht. Nicht alle Gedanken, die einem durch den Kopf gehen, sind freundlich, nicht alles im Kopf ist jugendfrei, muss das alles wirklich ungefiltert nach außen dringen? Niemand käme irgendwohin, außer ins Gefängnis, gäbe er jedem seiner Impulse augenblicklich nach. Manches im Kopf ist schlicht und einfach sinnloser Lärm, ist da nicht diese Schwelle zwischen innen und außen sinnvoll?
Der Anspruch, in jeder Situation authentisch zu sein, ein Dasein ohne Lügen und Verstellung zu führen versus den zivilisatorischen Aspekt, dass es ohne eine allgemeine Höflichkeit und eine gewisse Diskretion nicht geht. Also Rousseau oder Voltaire… zurück zur Natur oder die allgemeine Barbarei hinter sich lassen?…

„Das Private ist politisch“, so hieß es in den späten Sechzigern. Was bedeutet dies eigentlich? Dass es das Refugium des nichtöffentlichen Raumes nicht mehr geben darf, also die Enteignung der Privatsphäre? Dass die Politik sich jedes Recht anmaßen kann, sämtliche Bereiche des Nichtöffentlichen zur öffentlichen Sache zu erklären? Eine andere Parole aus dem Allmachtsanspruch des Kollektiven: „Eigentum ist Diebstahl!“ Gilt dies auch für das Eigentum an der eigenen Person? Maßt man sich Lebensbereiche an, die die Außenwelt nichts angehen, hat man diese dann gestohlen? Natürlich wird es immer gute Argumente geben, die Bereiche des Privaten auszuhöhlen, wenn jemand Raubbau an seiner Gesundheit betreibt, so entsteht auch der Allgemeinheit ein Schaden, da sie gezwungen ist, ein solches Verhalten mittels Krankenkassenbeiträgen zu subventionieren. Im Gegenzug der Schaden, der entsteht, dass nach dieser Logik jeder Bereich des Daseins von der Öffentlichkeit, genauer gesagt, der Verwaltung annektiert wird, dass es dann das Selbsteigentum, die Selbstbestimmung nicht mehr gibt. Früher hätte man dies Leibeigenschaft genannt, heute haben wir Euphemismen dafür, die den schleichenden Verlust der Selbstbestimmung verschleiern.
Gibt es das Recht der Allgemeinheit, einem erwachsenen Menschen das Rauchen, das Trinken, den schleichenden Suizid oder auch das selbstbestimmte Ende eines Lebens zu verwehren? Man mag mit der Lebensführung eines Anderen seine moralischen Probleme haben, man mag mit gutem Grund die Bereitschaft aufkündigen, ein solches Verhalten zu unterstützen, aber es gab bisher mit gutem Grund eine Hemmschwelle, sich in die Lebensführung anderer Menschen einzumischen. Bin ich berechtigt, bin ich sogar verpflichtet, andere Menschen von ihren Dummheiten abzuhalten? Und überhaupt, wer bestimmt, was Dummheit ist oder was nicht?
Der private Lebensbereich ist ein Gebiet, in dem ich selbst entscheiden kann. Gibt es das Private nicht mehr, so wird auch dieser Bereich fremdbestimmt, so gerät man schnell in den Zustand, Eigentum seines Nächsten und Übernächsten zu sein. Anstelle der eigenen Dummheiten lebt man die einem aufgezwungenen Dummheiten Anderer. Die Dummheiten einer aufgeblasenen Bürokratie, die Dummheiten einer denkfaulen Mehrheit.

Freiheit hat ihren Preis, dieser besteht darin, Qualifikationen in Sachen Navigation erwerben zu müssen. Wo stehe ich, welche Folgen haben eigene Entscheidungen, habe ich das Recht, Andere für die Folgen der eigenen Fehlschlüsse einstehen zu lassen? In einer Welt der individuellen Freiheit und der Privatsphäre findet das Prinzip Solidarität schnell seine Grenzen. Oder man stellt die kollektive Sicherheit und Solidarität über alles und beraubt eine Gesellschaft damit ihrer kreativen Impulse. Im Falle des Letzteren wäre auch die Privatsphäre der Kontrollwut der Öffentlichkeit und der Verwaltungen unterworfen.

In einer Zeit, in der das Überleben des bisher gewohnten Lebensmodells zur Disposition steht, da schießen neue Konzepte wie Pilze aus dem Boden. Vor einigen Jahren veröffentlichte das World Economic Forum einen Artikel der ehemaligen dänischen Umweltministerein Ida Auken über das Leben in der smart city im Jahr 2030:

„Willkommen in meiner Stadt – oder sollte ich sagen, in unserer Stadt. Ich besitze nichts. Ich besitze kein Auto. Ich besitze kein Haus. Ich besitze keine Geräte oder Kleidung.
Nacheinander wurden all diese Dinge kostenlos verfügbar, sodass es für uns keinen Sinn hat, viel zu besitzen.“
Schließlich braucht man kein Geld mehr, sogar die Miete für die Wohnung entfällt, „weil jemand anderes unseren freien Platz nutzt, wenn wir ihn nicht brauchen. Mein Wohnzimmer wird für Geschäftstreffen genutzt, wenn ich nicht da bin.“
Die Entscheidung darüber, was man überhaupt noch benötigt, nimmt einem die künstliche Intelligenz ab, die löst gleich die Bestellung aus, die Lieferung erfolgt per Drohne.
Ein paar Zweifel befällt sogar die Autorin: „Hin und wieder ärgere ich mich darüber, dass ich keine wirkliche Privatsphäre habe. Dass ich nirgendwo hingehen kann, ohne registriert zu werden. Ich weiß, dass alles, was ich tue, denke und träume, irgendwo aufgezeichnet wird. Ich hoffe nur, dass es niemand gegen mich einsetzen wird.“

Wahrscheinlich wäre es das erste Mal in der menschlichen Geschichte, dass eine Möglichkeit des Machtmissbrauchs ungenutzt verstreicht. Ansonsten ist der science fiction Kommunismus, wie er vom World Economic Forum und einigen anderen Organisationen derzeit propagiert wird, alter Wein in neuen Schläuchen, eine Totgeburt, die unausweichlich scheitern wird, weil sie einen Menschen voraussetzt, den es nicht gibt. Es wird auch deswegen scheitern, weil bei den meisten Entscheidungen, die getroffen werden, Inkompetenz, Dummheit, Ignoranz, Gier sowie Verblendung und Beratungsresistenz eine wesentliche Rolle spielen, seien es individuelle oder kollektive Entscheidungen. Die Privatsphäre, die Trennmauer zwischen dem Ich und den Anderen, die begrenzt die Auswirkungen falscher Entschlüsse, als Individuum korrigiert man außerdem recht schnell, sobald man nur die Auswirkungen zu spüren beginnt. Wenn Andere für einen entscheiden wollen, dann kann die Privatsphäre einem noch einen gewissen Schutz bieten vor der Kontrollwut Anderer, hohe Mauern und dichte Hecken verbergen, dass man es nicht allzu ernst nimmt mit der aktuellen Sau, die gerade durchs Dorf getrieben wird. Nicht alles geht Alle etwas an, das war das bisherige Erfolgsrezept der westlichen Hemisphäre.
Dieser Grundsatz musste viele Jahrhunderte lang gegen die katholische Inquisition, gegen den protestantischen Tugendterror, gegen die Allmachtsphantasien totalitärer Regierungen verteidigt werden. In der heutigen Zeit gegen Internetkonzerne, deren Technologie eine bisher nie erlangte Kontrollmöglichkeit darstellt.

Niemand kann unter Zwang denken, niemand kann angesichts eines vorgehaltenen Revolvers kreativ werden und Lösungen finden, jegliche Innovation entspringt der Freiheit des Denkens und des Handelns. Eine Gesellschaft ohne Privatsphäre, ohne individuelle Freiheit, ohne die Möglichkeit, aus dem Einheitsdenken eines Kollektives auszubrechen und andere Wege zu versuchen, die wird in Stagnation verfallen, da wird es keine Entwicklung geben. Was zur Folge hat, dass die Möglichkeit der Korrektur von Irrwegen nicht mehr besteht. Um einen Irrweg als solchen zu erkennen, muss zuallererst einmal die Möglichkeit bestehen, als Individuum eine bestehende Gedankenblase in Frage zu stellen, etwas anders zu denken, als es bisher gedacht worden ist. Der zweite Schritt, aus eigenem Antrieb aus der Privatsphäre heraus, besteht darin, die etablierten Gedankengebäude durch Widerspruch herauszufordern. Der dritte Schritt, als Verfemter in der Minderheitsposition auszuharren und zu warten, bis die herrschende Theorie an ihren inneren Widersprüchen zerbricht und deren Verfechter aus Altersgründen ausgeschieden sind.
Der private Raum abseits öffentlicher Anerkennung und Subventionierung, des gesellschaftlichen Status und der Autoritätsgläubigkeit ist das Biotop, das die Infragestellung der allgemeingültigen Meinungen überhaupt ermöglicht. Auch wenn der Großteil der Außenseitermeinungen wahrscheinlich Unsinn sind, ist die Möglichkeit des unbehelligten Denkens Grundvoraussetzung einer eventuellen Lösung tatsächlich bestehender Probleme.

Wer Alexa Hausverbot erteilt, wer sein smartphone in den faradayschen Käfig einsperrt, wer seine Einkäufe mit schmutzigen Scheinen und klebrigen Münzen bezahlt anstatt mit der hygienischen Karte, wer nicht sein gesamtes Dasein in den sozialen Medien preisgibt, wird so jemand bald als verschrobener Sonderling oder gar als asoziales Element abgestempelt werden? Welche Folgen wird es haben, auf die Frage, ob man gegen die Maul- und Klauenseuche geimpft sei, die Frage mit einem mürrischen „Das geht Dich nichts an“ zu quittieren? Niemand hat mehr etwas zu verbergen zu haben, nicht, mit wem man sich zusammentut, wohin man geht, wofür man sein Geld ausgibt, was man denkt und was man vorhat.

In jungen Jahren las ich eine Geschichte, ich glaube, sie war von Isaak Asimov, in der durch die segensreiche Wirkung irgendwelcher Generatoren die gesamte Menschheit zur Telepathie fähig geworden sei. Jeder könne nun Gedanken lesen, dies würde doch die Kommunikation ungemein erleichtern. Was als großer wissenschaftlicher Fortschritt angesehen worden war, das erwies sich als Verhängnis, denn es gab nunmehr keinerlei Geheimnisse mehr voreinander, keine Privatsphäre, jeder wusste alles über jeden, und die Menschen stellten fest, dass jegliche Anziehungskraft zwischen ihnen verschwunden sei. Mit der Folge, dass sie nicht mehr zueinander fanden, sich nicht mehr reproduzierten und im Laufe der Zeit ausstarben.

Es bleibt die Frage, ob wir einander überhaupt noch ertragen würden, wenn alle über alle alles wüssten, oder ob es nicht gerade der Bodensatz an Unergründlichem ist, der das Interesse am Anderen weckt und aufrechterhält. In diesem Fall wäre es gerade die Privatsphäre, das „nicht alles wissen“, was die menschliche Begegnung und das Miteinander überhaupt ermöglicht. Welche Nähe ist erwünscht und ab welchem Punkt wird sie als Vereinnahmung oder gar als Übergriff empfunden? Und wie kommt das Gespür zustande, wann dieser Punkt erreicht ist, ab wann mit Abstoßungsreaktionen zu rechnen ist? Oder wird das gemeinsame Leben im virtuellen Raum eine Gleichzeitigkeit von allzu großer Nähe und extremer Distanzierung gewährleisten? Oder, um es mit Sartre zu sagen, „Die Hölle, das sind die Anderen“… sowohl in der physischen wie auch in der virtuellen Welt...

Wo es nichts zu tun gibt, weil, so ein immer wieder zitierter Allgemeinplatz, man den Fortschritt nicht aufhalten kann, so bleibt einem lediglich, die digitale Welt mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Man besorge sich zwei dieser Geräte namens Alexa, lasse diese sich, während man sich aus dem Staub gemacht hat, miteinander unterhalten, genauer gesagt, sie werden ein paar dümmliche Witze über protegierte Minderheiten reißen. Nach einiger Zeit rückt ein Sondereinsatzkommando der Polizei an, um die beiden Alexas zu verhaften, nachdem sie wegen ihrer Hetzreden vom Rauchmelder verpfiffen worden sind. Das Video, das man davon drehen könnte, das könnte einem endlich die Viertelstunde Berühmtheit verschaffen, von der man sein Leben lang geträumt hat...
 
Wenn du registriert und angemeldet bist und selbst eine Story veröffentlicht hast, kannst du die Stories bewerten, oder Kommentieren. Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diese Story kommentieren.
Weitere Aktionen
Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diesen Autoren abonnieren (zu deinen Favouriten hinzufügen) und / oder per Email weiterempfehlen.
Ausdrucken
Kommentare  

Noch keine Kommentare.

Login
Username: 
Passwort:   
 
Permanent 
Registrieren · Passwort anfordern
Mehr vom Autor
Empfehlungen
Andere Leser dieser Story haben auch folgende gelesen:
Das Kleingedruckte | Kontakt © 2000-2006 www.webstories.eu
www.gratis-besucherzaehler.de

Counter Web De