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7 Seiten

Mythos Reinheit

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Unsere Welt ist schmutzig, sie ist dreckig, sie wird bestimmt von dem Gestank von Verwesungsprozessen, von der allgegenwärtigen Entropie, zwar gibt es hin und wieder kurzzeitige Phasen des Aufbaus, doch allzu schnell wird das alles wieder Staub, es ist der ewige Kreislauf von Werden und Vergehen, Aufstieg und Niedergang. Die Natur offenbart ihr chaotisches Durcheinander, einen unüberschaubaren Formenreichtum. Gerade Linien kennt die Natur nicht, von den Sonnenstrahlen und der Horizontlinie des Meeres abgesehen. Alles ist krumm und buckelig, keinerlei sorgfältige Planung, sondern wüste Improvisation. Da kann man sich mitunter fragen, ob der liebe Gott nicht ein wenig zu viel mit Free Jazz beschallt wurde, als er die Welt erschaffen hatte.
Unsere liebe Natur geht so verschwenderisch mit ihren Ressourcen um, so dass sie jeden Geizhals zur Verzweiflung bringen muss.
Effektivität ist anscheinend nicht gerade die Stärke unseres lieben Gottes, er ist ein schlechter Ingenieur, ein miserabler Kaufmann, er kann sich allenfalls noch ein Mausloch schaffen und sich darin vor Scham verkriechen und uns allen den Eindruck hinterlassen, es gäbe ihn nicht…

Jeder Kaufmann hätte effektiver die Ressourcen verwaltet und jeder Tiefbauingenieur hätte den kürzeren, den schnurgeraden Weg von A nach B gefunden. Und vor allem hätte er den allgegenwärtigen Dreck einmal wegräumen lassen, vom Sternenstaub im Weltall bis hin zu dem Gerümpel an Totholz im Wald.

Vor einem Jahrhundert spie ein Architekt die Parole aus: „Ornament ist Verbrechen!“ Und er erstellte eine Auflistung, welche Ressourcen an Arbeitskraft und an Material für die unnötigen Verzierungen irgendwelcher Hausfassaden und Gebrauchsgegenstände verschwendet wurden. Was krumm und buckelig war, das sollte schön gerade werden. Und in den Manifesten eines Adolf Loos sowie seiner Kollegen vom Bauhaus und Le Corbusier sollte ja nicht nur das Gebaute geradlinig werden, sondern auch und vor allem das Denken der Menschen. Also, der Putzfimmel eines Baumeisters, der gegenüber den schmutzbefallenen Gründerzeitschnörkeln die hygienische Sauberkeit glattgebürsteter Wandflächen bevorzugte, der sollte Schrittmacher werden für die Sublimierung und die moralische Vervollkommnung des Menschengeschlechtes. Denn die Reinheit von Schmutz sollte auch einhergehen mit der moralischen Sauberkeit, mit der charakterlichen Reinheit, verbunden mit den Eigenschaften Lauterkeit, Redlichkeit und Aufrichtigkeit. Was in der Praxis nicht wirklich funktionierte, man kann auch in noch so sterilen Räumlichkeiten die schmutzigsten Gedanken der Welt hegen… Auch entpuppte sich oftmals das „neue Bauen“ wie etwas die Gropiusstadt in Berlin, als sozialer Brennpunkt und Hort des Vandalismus.

In der New Yorker Metro wurden vor einigen Jahren Untersuchungen angestellt, welche Krankheitserreger sich an den Halteschlaufen und Haltestangen der Waggons befanden, man stieß auf allerlei Unappetitliches, unter anderem auf vereinzelte Exemplare des Yersinia Pestis, des Erregers der Beulenpest. Trotzdem hatte ich noch nie davon gehört, dass in der New Yorker U-Bahn der schwarze Tod ausgebrochen sei, das Risiko, sich in öffentlichen Verkehrsmitteln durch irgendwelche Mikroben mit etwas Schlimmeren als der Influenza oder mit Läusen anzustecken, ist vergleichsweise gering.
In der Medizin hat sich herausgestellt, dass es wenig Sinn hat, sämtlichen Mikroorganismen mit Desinfektionsmitteln zu Leibe zu rücken. Man erzeugt auf Dauer multiresistente Krankheitserreger und ein beschädigtes Immunsystem. Zum Leben gehören Krisen und Konflikte dazu, die Auseinandersetzung mit Störfaktoren, angefangen bei irgendwelchen Mikroben, mit denen sich ein einigermaßen intakter Organismus erfolgreich auseinanderzusetzen weiß, bis hin zu unerwünschten Meinungen und Einsichten, ohne geistige Auseinandersetzung, ohne Streit und Dissens wäre das Leben allzu langweilig. Die Reinigung der Welt von allen Bakterien und Viren hätte wahrscheinlich das Ende sämtlichen Lebens zur Folge, die Reinigung der Kommunikation von allen unbequemen Aussagen und Streitpunkten bedeutet des Einschlafen des geistigen Lebens, die intellektuelle Erstarrung.

In der Reformationszeit gab es den Streit um die Reinheit der Lehre, alles, was nicht auf den Texten der Bibel basierte, das sollte ausgeschieden werden, unter anderem auch die als heidnisches Relikt verpönte Bilderwelt. Du sollst Dir kein Bild von Gott machen, du sollst dich nicht irgendwelchen Vorstellungen hingeben, nicht in Träumereien schwelgen, sondern emsig arbeiten. Im Vergleich zu den katholischen oder orthodoxen Kirchen erscheinen die protestantischen wie Ausnüchterungszellen. Alles, was vom Wort ablenken könnte, ist eliminiert. Langweilt einen in einer katholischen Kirche die Predigt, so kann man sich wenigstens die Bilder und Figuren anschauen, in einer weißgetünchten Kirche hilft einem dann allenfalls der Tiefschlaf. Im Rückblick nach einigen Jahrhunderten Erfahrungen mit Versuchen, die Texte der Bibel in wortwörtlichem Verständnis umzusetzen ist der Erfolg solcher Bestrebungen begrenzt, das Denken mäandert, es bahnt sich seine eigenen Wege, es entwickelt jeder seine eigenen Vorstellungen, ein monolithisches, für alle verbindliches Glaubensgebäude ist auf Dauer nicht durchsetzbar.

Die Natur geht mehr als verschwenderisch mit ihren Potentialen um. Ein einziges Tropengewitter verbraucht so viel Energie wie die industrialisierte Welt in einem ganzen Jahr. Verglichen mit dem Energieumsatz der Natur ist das Handeln des Menschen so bedeutsam, wie der berühmte Sack Reis, der in China umfällt.
Was für den Menschen eine Kränkung bedeutet. Ist er doch der Mittelpunkt der Welt, ist die Welt doch einzig und alleine um des Menschen willen geschaffen worden. Und ist das Höchste, das der Mensch schaffen kann, die Idee, der Plan, die Vorstellung, wie diese Welt auszusehen habe, wenn er in der Welt das Sagen hätte. So plant er sich eine Welt, in der es diese widerwärtigen Ornamente, das Mäandern der Natur, nicht gäbe. Er versucht, die Flüsse zu kanalisieren, und er kanalisiert auch das Mäandern und das Umherschweifen des menschlichen Denkens und die Verhaltensweisen. Er schafft sich die Vorstellung eines rationalen, eines tugendhaften Menschen bar jeglicher unerwünschter Eigenschaften, der rational und nicht hormonbestimmt agiert, der sich von Überlegung und nicht von irgendwelchen Impulsen bestimmen lässt. Der rational handelnde Mensch ist ebenso wie der Heilige oder der von sämtlichen vorgegebenen Sozialisationen und Geschlechterrollen befreite Mensch eine Wunschvorstellung. Der Möglichkeit, dass wir werden können, was wir glauben, werden zu wollen, der sind enge Grenzen gesetzt. Die Natur geht ihre eigenen Wege, was bedeutet, auf lange Sicht behalten die archaischen Instinkte die Oberhand.

Die Puritaner der Reformationszeit versuchten durch die Reinigung ihres Glaubens von heidnischen Elementen sowie von der allgegenwärtigen Korruption das Christentum an seine Wurzeln zurückzuführen. Was zu einem moralischen Rigorismus führte, zu gesellschaftlichen Verwerfungen, zu einer Unkultur der Lebensverneinung. Bei der Kolonialisierung Amerikas hatten die Spanier die Ureinwohner versklavt und ihnen ihre Lebensmodelle aufgezwungen, die Puritaner in Nordamerika verrichteten ihre Arbeit um einiges gründlicher und haben sie nahezu ausgerottet. Und während sie die Säuberung ihres Kontinentes noch verrichteten, hatten sie, Gipfelpunkt der Heuchelei, ihre Golddollars mit Indianermotiven versehen…

In der Praxis erweist sich zumeist, dass Ideen nicht in ihrer Reinform umsetzbar sind, die moralischen Ansprüche des Christentums sind lediglich in verdünnter Form, in der Mixtur mit anderen Gedankenwelten erträglich, in der Reinform erweisen sie sich als toxisch. Es gibt kein „reines“ Christentum, keinen „reinen“ Islam, keinen „reinen“ Sozialismus, keine „reine“ Marktwirtschaft. Es gibt lediglich irgendwelche Mischungen aus einander widerstrebenden Prinzipien, Kompromisse der Ideale mit der ungeliebten Wirklichkeit. Die Wirklichkeit, das ist der Hammer für unsere Elfenbeintürme, die Abrissbirne unserer Gedankengebäude. Es kommt immer anders als gewünscht, letztendlich wird jedes fließende Wasser die Kanalisationsbauten erodieren und zum Mäandern zurückkehren.
Eine Idee, die nicht in der Lage ist, sich mit der Wirklichkeit, mit der Natur des Menschen zu arrangieren, die wird zur Tyrannei. “Wir müssen mit den Menschen leben, die wir haben, andere gibt es nicht“, die tatsächlich vorhandenen Menschen sind in den allerseltensten Fällen Heilige, sie sind von zumeist mittelmäßiger Intelligenz, sie sind nicht besonders innovativ, sie denken nicht über den Tellerrand hinaus, also, es ist eine Enttäuschung, mit dem Störfaktor Mensch überhaupt noch irgendetwas zu tun zu haben, das Reich der reinen Ideen ist wesentlich befriedigender.
Im Reich der reinen Ideen kann man den Menschen als beliebig formbare Knetmasse behandeln, in der Gedankenwelt sich das erwünschte Menschenwesen aus dem Baukasten erstrebenswerter Tugenden zusammenstellen, wie es einem beliebt. Doch, wer versucht, seine Affekte niederzuringen, die den hochgestellten Idealen zuwiderlaufen, der sieht sich vor Probleme gestellt. So mancher, der auszog, ein Heiliger zu werden, der fand sich im Bordell wieder. Oder im Gefängnis, weil er nicht von kleinen Kindern lassen konnte, wer sich selbst vergewaltigt, der ist versucht, diese Gewalt auch gegen Andere zu richten. Es gibt zahllose Berichte über die Grausamkeit einer Schwester Theresa, die als Musterbeispiel an Nächstenliebe und Selbstlosigkeit gilt und die als Heilige verehrt wird. In ihrem Nachlass wurden Aufzeichnungen gefunden, die das psychische Elend einer Frau offenbarten, die sich von irgendwelchen Dämonen besessen und für die „ewige Verdammnis“ bestimmt glaubte, in Kalkutta wurde sie als „der Todesengel“ gefürchtet.
Vom Elend in katholischen Pfarrhäusern und hinter Klostermauern ganz zu schweigen, was bleibt von dem Idealismus derer, die jung und naiv in einen Orden eintreten, die ihren Gottheiten versprechen, ihr Dasein vollständig auf das Höchste auszurichten, die geloben, alles hinter sich zu lassen, was diesem Ziel im Wege steht, ihrem Ich, ihren Wünschen, den Gelüsten und Begehren abzuschwören um einer höheren Sache willen, und wieder und wieder erweist sich die menschliche Natur mit ihren Hormonschüben, mit ihrer Beschränktheit als Stolperstein, immer wieder stellt sich heraus, dass diese hochherzigen Vorsätze und allerbesten Absichten rein gar nichts bringen, dass sie im Gegenteil die unerwünschten Eigenschaften in den Untergrund schicken und erst recht virulent machen.
Verbitterte Idealisten und Triebtäter mit Heiligenschein sind das unerwünschte Resultat des Versuches, den schnurgeraden Weg zur Vollkommenheit zu gehen. Am Ende ist man ein vollkommener Esel gewesen, das wäre noch das kleinere Übel, der Amokläufer im Namen der Tugend ist das bei weitem größere. Wer frühzeitig gestolpert ist, hat sich möglicherweise erspart, den Weg der Verirrungen bis an das bittere Ende zu gehen, in diesem Falle haben die schwachen Naturen noch Glück gehabt. Sublimierung geht, wenn überhaupt, nur mit der Natur, nicht gegen sie.

In der Natur ist alles krumm und buckelig und dies verträgt sich nur schlecht mit den Idealen einer erdachten Welt. Die kürzeste Strecke zwischen zwei Punkten ist möglicherweise die Zickzacklinie und das Vergessen, dass man überhaupt ein solches Ziel gehabt hat. Plötzlich ist man aus Versehen dort, wo man eigentlich hinkommen gewollt hatte. Oder auch nicht…
Man hat die Wahl zwischen dem Chaos und der Knute, zwischen dem Gewimmel eines Marktplatzes und dem Kommando. Doch übersteigt der Energieaufwand, die Welt nach dem guten Vorsatz, auf Kommando funktionieren zu lassen, den zu erwartenden Nutzen bei weitem. Was bedeutet, auf lange Sicht erobert sich die Natur das ihr abgerungene Terrain zurück. Die Glasfassaden der Bankentürme werden trüb, der Sichtbeton der Bauhauswürfel wird mit Flechten besiedelt und zerbröselt, der Reinheit einer unterkühlten Ästhetik ist nur ein kurzzeitiges Dasein beschert. Die Tugendwächter werden korrumpiert, die Architekten einer kollektivistischen Gesellschaftsordnung geben sich Alkoholexzessen hin und errichten ihre Bonzenvillen in abgeschirmten Gefilden. Der Idealist wird Zyniker, nachdem er vor langer Zeit dem Eigentum abgeschworen hat, entdeckt er nun die unsterbliche Liebe zum Geldmachen. Der Heilige wird Sklave seines Hormonspiegels, er gibt sich, weil er einen gewissen Nachholbedarf hat, exzessiv den Lustbarkeiten des Erdenlebens hin.

Die Alternative zur allgegenwärtigen Erosion, zur schleichenden Korrumpierung der lauteren Absicht wäre ein Tugendterror, wie er unter Calvin in Genf praktiziert worden ist. Ähnlich die islamischen Erweckungsbewegungen wie die Wahabiten in Saudi Arabien und die afghanischen Taliban, es sind Bestrebungen, sich der Realität der menschlichen Natur mit Gewaltmaßnahmen entgegenzustellen. Doch ist allgemein bekannt, dass mancher Taliban bei der Prostituierten, die sie gerade steinigen, gestern noch Kunde gewesen sind. Die moralische Sauberkeit läuft in solchen Fällen Amok, sie wird totalitär, sie wird ihre Scheiterhaufen errichten, ihre Galgen und Guillotinen, sie wird unzähligen Individuen die zweifelhaften Freuden hypermoralverträglichen Frühablebens ermöglichen. Doch wird auch dies nicht lange funktionieren, der erforderliche Energieaufwand, den Fanatismus aufrechtzuerhalten, die fortlaufende Indoktrination zu perpetuieren, wächst exponentiell, bei immer dürftigeren Ergebnissen. Lethargie und Zynismus machen sich breit, offene Verachtung gegenüber den Moralaposteln, gegen die Schreihälse an den Rednerpulten.

Was ist Tugend und was ist Laster? Wer bestimmt das? Und inwieweit können solche Prinzipien verabsolutiert werden? Kann das, was eine Gruppe nomadisierender Ziegenhirten vor einigen tausend Jahren für richtig hielt, heute noch uneingeschränkt gelten? Oder auch das, was sich irgendwelche großen Geister der Frühaufklärung ersonnen hatten. Kann man überhaupt irgendetwas, irgendjemandem so viel Autorität über das eigene Dasein einräumen, dass man dessen Worte und Parolen nicht hinterfragt? Das Denken der Jetztzeit besteht überwiegend aus Irrtümern, ist es denn je anders gewesen? Bedeutet die Vorstellung der Reinheit nicht in erster Linie die Konservierung solcher Irrtümer. Und ist der allgegenwärtige Hang zur Übertreibung in die eine oder in die andere Richtung nicht mit dem Festhalten an solchen Irrtümern verbunden? Wenn ich erkannt haben sollte, dass eine Medizin Gift ist, erhöhe ich dann die Dosis, um mein Vertrauen in die Rezeptur unter Beweis zu stellen? Bis man schlussendlich an den lodernden Scheiterhaufen des Hexenwahns, an den stalinistischen Säuberungen eines Parteiapparates angekommen ist, bis man der Versuchung erlegen ist, jedes mögliche Gegenargument per Genickschuss zu erledigen. Reinheit der Sitten, Reinheit des Denkens, Reinheit der Ethnie, Reinheit des Planeten von allen Lebewesen, ist das Leben doch nichts weiter als ein Schimmelbelag auf einer ansonsten blitzsauberen Erdkugel… Die Sahara und die Antarktis kämen dem Ideal der Reinheit am nächsten, die lebensfeindlichsten Orte der Welt sind diejenigen, die den Herzschrittmacher eines Puritaners höher schlagen lassen. Der Gipfelpunkt der Reinheit ist das Verebben im Nirgendwo...
 
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