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344 Seiten

MINOU Roman. DER GANZE ROMAN

Romane/Serien · Spannendes
*





Dieser Roman besteht aus den Bänden:


MINOU

DER SIZILIANER

ERFAHRUNGEN

und die ersten Kapitel von
DIE ODYSSEE GEHT WEITER sind auch schon fertig

.....

Wenn Du, lieber Leser, bessere Übersichtlichkeit ( bessere Formatierung )wünschst

siehe hier:
http://www.e-stories.de/view-kurzgeschichten.phtml?9345+romane

Bis auf die Präsentation ist dieser Text auf WebStories aber identisch mit dem anderen.

.........



Klappentext:

Hermine ist 1939 geboren. Als sie ein Jahr alt ist, stirbt ihre Mutter bei der Geburt des kleinen Bruders. Den Vater kennt Hermine kaum. Er ist Soldat in Hitlers Krieg. Hermine wird von ’Haushälterinnen‘ versorgt, kommt dann zu einer Tante. Vier Jahre später heiratet der Vater wieder. Mit der Stiefmutter und dem kleinen Bruder erlebt Hermine die Wirren des zweiten Weltkriegs, die 'Evakuierung' auf einem gräflichen Gut in Bayern. Auch die Endzeit-Zustände des zusammenbrechenden 3. Reiches werden im Roman geschildert.

Dann die 1950er und 1960er Jahre. Das innerlich einsame, oft durch Anfälle von Traurigkeit und allerlei obskure Krankheiten gebeutelte, junge Ding mit übermäßigem Hang zur Romantik findet bei dem Vater und der Stiefmutter keine Geborgenheit.

Hermine befasst sich mit den Helden alter Sagen, verschlingt historische Romane, liest von geheimnisvollen Männern - dem rätselhaften Ostgotenkönig Teja zum Beispiel - träumt nachts von Abenteuern in fernen Ländern.
Als Teenager tauft sie sich frivol in ‚Minou‘ um und beginnt, in Gedanken ihre Zukunft nur auf die Liebe zu setzen.
Alle Leidenschaft möchte sie erleben - denkt sie pathetisch - alles Schöne auskosten, das das Schicksal bereit hält, die Sinnlichkeit erfahren mit ihren vielen Facetten, die Welt im Tiefsten kennen und begreifen lernen. All diese Wünsche will sie sich nicht wirklich eingestehen, denn sie ist ein typisches, gehemmtes Kind der 1950er Jahre. Nach der Schulzeit beginnt sie ihren Job als Telefonistin auf der Post.

Mit siebzehn reißt sie in einer Nacht- und Nebel-Aktion von Zuhause aus und fährt nach Sizilien, wo sie im Jahr zuvor während eines Aufenthaltes in einem Feriencamp den schillernden Conte Ernando Sascala kennengelernt hat, den sie 'unsterblich liebt' und nicht vergessen kann.
Auch ihre nachfolgenden großen Lieben enden stets mehr oder weniger im Chaos. Immer auf der Suche nach Geborgenheit und Sinn wird sie von Partnerschaft zu Partnerschaft, von Land zu Land, gewirbelt. Nirgends kann sie wirklich Wurzeln schlagen.

Nach Jahren des Driftens und 'Ausprobierens' vieler Jobs und Lebenssituationen, sucht sie mit ihrem kleinen Sohn als Frau eines US.Offiziers in Amerika einen neuen Anfang – es ist dort die Zeit des zu Ende gehenden Vietnamkriegs-Debakels und der Massenproteste. Es ist auch die Zeit der San Francisco - Blumenkinder und der sanften Drogen. Nach vielen bunten Erlebnissen in der Neuen Welt muss Minou feststellen, dass sie nirgends wirklich heimisch geworden ist.

Sie zieht Bilanz: Ein grelles Bilderbuch voller rätselhafter Hieroglyphen, deren Sinn ich noch nicht begriffen habe ... das ist mein Leben.



*


1. TEIL: MINOU


Hier führe ich die Kapitel des Romans im Vorhinein auf – damit Du, lieber Leser, es leichter hast, Dich durchzufinden.



Die Kapitel:

01 Der Psychiater

02 Erste Erinnerungen. Zu heiß gebadet

03 Ein Haus wird verkauft

04 Eine schöne Zeit.
.... Hydra
.... Paros
.... Hydra noch einmal
.... Elena
.... Tom und Jerry

05 Minou - woher der Name kommt

06 Tante Anna
.... Ein Geburtstag
.... Das brave Kind

07 Eine nagelneue Mutter

08 Angst. Allein im Haus

09 Das Kind ist nicht normal

10 Das Bild der ersten Mutter

11 Der liebe Gott und der Krieg

12 EVAKUIERUNG 1
.... Eine Brücke, ein Bunker 1944
.... Gut Morgenau
.... In Morgenau töten sie Tiere
.... Eine schön geordnete Welt
.... Jetzt erscheint auch noch die Mutter Gottes

.... EVAKUIERUNG 2
.... Eine Insel im Teich
.... Der Toni ist ein Depp
.... Halenas Schätze
.... Der wilde Stier
.... Monika und Gert
.... Versuch eines Widerstands: die weiße Rose
.... Das Spektakel am Himmel
.... Der Eiskeller
.... Sommerglück, Herbstspaß, Winterzauber
.... Eine Zuflucht

.... EVAKUIERUNG 3
.... Der Konvoi
.... Die amerikanischen Piloten
.... Eine Vision von Macht und Glorie
.... ‘O when the Saints come marching in’
.... Eine Flucht
.... Unheilvoller Fund
.... Das Ende einer wirren Zeit

13 Wie man dem Bruder Werner das Bettnässen austreibt

14 Heulsuse
.... Ein Geschenk aus Amerika
.... Marienstock ... sehr katholisch
.... Erstkommunion
.... Josi, ein blond gelocktes Mädchen kommt zu Besuch
.... Der Herr Dechant

15 Der Heimkehrer

16 Die 'Xanutta'

17 Druckerei um 1950
.... Die 'Maschin’
.... Zilli sieht aus wie Marlene Dietrich

18 Familienspaziergang

19 Ein bisschen Familiengeschichte
.... Michael Kern und Margarete. Opa und Oma
.... Rita und Ferdinand: der Dessous- Laden -
.... Ludwig Künze und Elise, die 'Verrückte':
.... (Urgroßvater und Urgroßmutter)

20 Wie bei Hempels unterm Sofa

21 Reden verletzen
.... Jetzt hat es auch noch die Kinderlähmung
.... Wie ein Dieb in der Nacht
.... Was es mit dem schönen, warmen Kamin auf sich hat

22 Eine rosige Zukunft

23 Der wundersame Marmeladen-Einkochtopf

24 Von Totenbildchen und einer Begegnung mit der Gestapo

25 Die wahren Verlierer und ein verwirrtes Kind
.... Soeur Oranna
.... Das Lamm Gottes

26 Sonntags im Hochamt
.... Hermine ‚kippt um'

27 Dann der Onkel Hans

28 Ein gewisser Tag im Juni

29 Winnetous Tod

30 Märtyrerinnen
.... Die heilige Maria Goretti
.... Der Pfarrer von Ars

31 Papa und die Lyrik
.... Lisa und die höheren Werte
.... Ein Mädchen küsst das Bild Jesu

32 Schulfreundinnen
.... Eine Bücherjagd

33 Herz - Schmerz - die Schlager
.... Am Schwimmbad

34 Der neue Deutschlehrer
.... Götz von Berlichingen
.... und weiter Goethe
.... Die schwarze Galeere

35 Süd-Sehnsucht

36 Teja, der Gotenfürst

37 Der Musiklehrer
.... Begegnung mit Beethoven

38 Minous Liebestraum
.... Die Beichte

39 Das Tanzstunden-Debakel

40 Kaufparadies

41 Pony

42 Das Mädchen im Turm

43 Eine Seifenblase zerplatzt

44 Fräulein vom Amt

45 Sartre. Mascha Kaleko

46 Die Anhalterin

47 Lebensgefühl
.... Noch ein Traum

48 Edith Piaf

49 Die große Reise

50 Straße von Messina

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MINOU


01
DER PSYCHIATER

Minou ist wieder einmal ohne Nahrungsmittel. Bis auf ein paar Dosen Pepsi-Light und eine Flasche Bardolino steht nichts mehr im Kühlschrank ... sogar das Espressopulver ist alle. Soll sie den Wein entkorken? Vielleicht hätte sie nach ein paar Schlucken mehr Mut, zum Supermarkt zu gehen ... andererseits ... würde sie dann umkippen, würden die Leute womöglich denken, sie wäre betrunken.

Nein, der Rotwein kann ihr nicht helfen! Er schmeckt ihr in letzter Zeit auch nicht. Sie sollte eigentlich immer ein Glas davon zum Essen trinken, weil er ja gesund ist ... Manchmal hat sie eine Flasche zwei Wochen lang geöffnet im Kühlschrank stehen und zwingt sich Tag für Tag ein wenig auf, damit er nicht verdirbt. Doch Pepsi-light bestellt sie in rauen Mengen und lässt es von einem Getränkedienst bringen. Keine Limonade, keine Säfte, keinen Sprudel!

Abgesehen von Kaffee und Pepsi ist Wasser aus dem Hahn - von dem sie jeden Tag zwei Liter abkocht und es dann in einer Karaffe im Kühlschrank frisch hält und mit Eiswürfeln verfeinert, ihr einziges Getränk.

*


Es ist schon nach Mittag. Jetzt schafft sie es, aus der dritten Etage durchs Treppenhaus bis hinunter zur Eingangstür. Minou frisch geschminkt und wild entschlossen. Hunger hat sie keinen, aber etwas zu essen muss sie besorgen, bevor irgendwann ihr ganzes System noch kollabiert ...

Schlecht fühlt sie sich. Der Boden vibriert wie bei einem kleinen Erdbeben oder, als würden ein halbes Dutzend Presslufthämmer im Nebengebäude des Hauses wüten. Aber ihr ist inzwischen aus Erfahrung klar, dass es nur ihre Beine sind, ihre Knie, die wie verrückt zittern und dieses Gefühl auslösen. Ihr Kreislauf ist gerade dabei, zusammenzubrechen. Sie ist sicher: in ein- zwei Minuten spätestens wird sie wie gefällt auf dem Pflaster liegen. Aber nein ... das darf nicht sein. Sie muss es zum 'Plus' schaffen.

Dem Lärm der Straße wirft sie sich entgegen, dem Autoverkehr, den Menschen, die da draußen auf dem Bürgersteig an ihr vorbei laufen. Manche grüßen und lächeln, sie tut das gleiche – solange nur niemand anfängt, sie in ein Gespräch ziehen zu wollen ... denn das kennt sie schon, davon wird ihr schlecht. Das erträgt sie nicht! Aber nein ... die Leute sind bestimmt nicht an ihren Zuständen schuld, nein, den Menschen kann sie entgegentreten, schließlich hat sie sich ja präsentabel hergerichtet. Es ist ihr Körper, dem sie nicht trauen kann, es sind diese elendigen Schwindelgefühle, ach, die verdammte Übelkeit, die da schon wieder vom Bauch hochkriecht!

Kaum auf der Straße, ist sie in Sekunden klitschenass. Bis in die Kleider hinein spürt sie diesen irren Schweißausbruch. Es geht nicht. Es geht gar nichts mehr. Nach fünfzig Metern macht sie schwankend kehrt. Denn im Kopf hat es furchtbar angefangen: Drehschwindel! Der wird sie jetzt umhauen. Mit letzter Kraft kommt sie ins Haus. Zieht sich quasi am Geländer hoch zu ihrer Wohnung.

Schnell, den Fernseher anstellen. Ablenken, ablenken. Auf der Couch greift sie nach dem Telefonhörer. Sie heult. Vor Wut. Hilflos. Jetzt muss sie bei Karstadt anrufen und sich Sachen bestellen ... bevor sie hier verhungert. Aldi und Plus liefern nicht ins Haus. Karstadt aber schon. Und das Bringen ist kostenlos, wenn die Bestellung mindestens hundert Euro beträgt. Dafür zahlt man bei denen ungefähr doppelt so viel für die Lebensmittel des täglichen Bedarfs. Sie will sich nicht über Preise aufregen. Geld ist Minou ohnehin egal, sie würde es gern mit vollen Händen hinauswerfen, wenn sie es denn hätte.

*


Minou wird jeden Montag- und Freitagabend von Dr. Goldberg angerufen. Dann muss sie ihm berichten, was sie in den letzten Tagen so gemacht hat. Auch ihre Träume soll sie ihm erzählen. Und welche Gedanken ihr bei dem und jenem Traum durch den Kopf geschossen sind ...

"Vorige Nacht wurde ich von einem Elefanten gescheucht", sagt sie ihm durchs Telefon, "einem aus Gummi! Aufgeblasen, fett, grau, rannte er hinter mir her und wurde immer größer. Dazu war er auf bösartige Weise quicklebendig und verfolgte mich durch die drei Zimmer meiner Wohnung, bis ich dann an der letzten Wand in der Küche nicht mehr weiter konnte und festsaß. Er füllte nämlich inzwischen den ganzen Raum aus, vom Boden bis zur Decke... und quetschte sich immer enger an mich. Zum Glück wachte ich auf ...


" Nun ... und was ist Ihre Interpretation?" fragt der Doktor.
"Dazu fällt mir gar nix ein", sagt sie und dass lieber ER den Traum deuten solle. Er habe doch mehr Übung. Schließlich sei er der Fachmann.
Doktor Goldberg schweigt.

"In der Nacht zuvor hat man mich mit Gurten im Cockpit eines Space-Shuttles festgebunden und ins Universum geschossen. Na ja, es hieß zwar, es wäre ein Space-Shuttle, es sah aber eher wie ein normales Flugzeug aus. Ich war versteinert, willenlos. Seltsam losgelöst, kreuzte ich mitten in dieser großen Leere, die mich dann umgab. Ich kurvte einfach so im All. Eher im Nichts. Angst hatte ich keine."
"Hmm", murmelt der Doktor: "Aha."

Er therapiert Minou übers Telefon. Fernbehandlung! Doktor Goldberg ist Psychiater.

Ihr vom Zufall für sie ausgesuchter Seelendoktor. Doch von Ihm als ‚mein‘ Arzt oder ‚mein‘ Therapeut zu sprechen, das könnte sie nie. Nicht einmal im Inneren und vor sich selbst könnte sie das. Denn da ist zwischen ihnen ... diese Fremdheit. Ja, tatsächlich, bei der ganzen Sache ist ein Haken: denn meistens redet sie, redet, stockend oft, mit großen Pausen ... dann wieder sprudelnd, wütend, vehement, aber er, der Doktor, sagt kaum etwas. Kaum je. Also, mit anderen Worten: er sagt ... NICHTS.

Das muss so sein, hat sie gelesen - oder hat Dr. Goldberg es ihr am Anfang selbst erklärt ? - Auf alle Fälle ... der Therapeut soll nur zuhören und keine oder sehr sparsame Kommentare abgeben, das ist ganz im Sinn Sigmund Freuds.

'Ich interessiere diesen Menschen schon lang nicht mehr', denkt Minou. 'Am Anfang hat er vielleicht etwas Rettungs- oder Förderungswürdiges in meiner Person vermutet, zumindest ein spannendes Irresein mit einem zu erhoffenden, für ihn lehrreichen Krankheitsverlauf. Im besten Fall hatte er sich sogar echte Heilungschancen ausgerechnet. Deshalb hat er mir die Behandlung wohl angeboten. Alles schiefgelaufen ...
Ich bin gewogen und für zu leicht befunden worden. Traurig ... aber wahr. Da habe ich ihm so viele meiner intimsten Gedanken - na ja, zumindest ein paar - preisgegeben. Ihm meine Vergangenheit zur Begutachtung, zur Entwirrung vorgesetzt. Und was war am Ende? Das Gefühl, den eigenen Stolz verletzt, die Seele - immerhin bis zu einem gewissen Grad - entblößt zu haben. Doch wozu?
Besser wäre es gewesen, wenn ich für ihn rätselhaft und unergründlich geblieben wäre. Dann hätte er mich nicht so schnell fallen lassen.
Denn Psychiater hin, Psychiater her, ein Mann ist ein Mann und wenn eine Frau sich freiwillig um jedes Geheimnis bringt ...'

Denn da war am Anfang fast ein Zauber gewesen ... mit Marilyn hatte er sie verglichen, der Hellen, Schönen, der so unbewusst Kindlichen.
"Könnte es sein, dass die Männer so etwas wie die Monroe in Ihnen sahen?", hatte er einmal mit ungewohnt leiser Stimme durchs Telefon gemurmelt. Das hatte sie wirklich sehr erstaunt. Ein abwegiger Gedanke. Auf den war noch nie jemand gekommen.
Sollte das bedeuten, dass er sie attraktiv fand?
Nein ... beschloss sie, es war ja anders: der Anlass war höchstwahrscheinlich ein Gedicht gewesen, das sie über die Monroe verfasst und ihm vor kurzem durchs Telefon vorgelesen hatte. Seine seltsame Frage war wohl nur die Reaktion auf dieses ‚Poem‘ gewesen.

Dass sie sich alt, müde, ausgebrannt fühle, klagte sie eines schlimmen Abends.
"Sie sind doch JUNG", hatte er da schwungvoll durch die Leitung gerufen.

Noch andere kleine, versteckte Komplimente hatte er ihr manchmal gemacht. In aller Reinheit und Würde und nie anzüglich, das war klar. Andere Gedanken hätte sie ihm auch nie unterstellt.

Und sie? Am Anfang hatte sie Vertrauen in Dr. Goldberg gesetzt. Um bei der Wahrheit zu bleiben ... sie hatte sich eingeredet, dass es gut sei, wenn sie ihm vertraute, hatte sich praktisch selbst auf diese Straße des Vertrauens gezwungen, obwohl im Inneren, da fehlte irgendwie ... vielleicht sogar ... der Glaube.

Doch egoistisch wie sie war, hatte sie zumindest vage auf seine Führung und Hilfe gehofft. Aber es kamen keine konkreten Ratschläge von seiner Seite. Er hätte sie herausreißen sollen aus ihrer Lethargie, wenn sie wieder einmal von Depressionen gelähmt, darnieder lag. Er hätte sie tatsächlich therapieren müssen, jenseits von Medikamenten, die sie ja nicht nehmen konnte oder WOLLTE - wie weniger wohlgesonnene Ärzte früher bösartig behauptet hatten! -
Wenn sie also starr, vor Angst gelähmt in der Wohnung gefangen lag und in ihrem Leben alles stillstand, auch dann kam von Doktor Goldbergs Seite keine wirkliche Hilfe, nicht einmal ein aufbauender Kommentar. Aber seine Anrufe waren zumindest immer regelmäßig da.

Soll ein Therapeut nicht ein Fels sein in der Brandung? Ein anteilnehmender Freund? Was sie gefunden hatte, war ein Doktor, der sie reden ließ, der am anderen Ende der Leitung atmete und ... schwieg. Wo war die Resonanz?

"Ach, die große, angestrebte Hilfe wird schon irgendwann kommen. In Zukunft ... wenn er mich erst besser kennt", denkt sie, hofft sie. Doch es geschieht nicht.
"Wenn wir uns weniger fremd wären, - seelisch, natürlich, von etwas anderem ist ohnehin keine Rede - , dann wäre alles viel leichter ... aber so ...
Nein, tatsächlich, Dr. Goldberg ist mir nicht näher als irgend ein Amts- oder Behörden-Mensch, mit dem ich übers Telefon verhandele.
Doktor Goldberg ... nach sechs Jahren Gesprächstherapie spricht er mich immer noch mit ‚Sie‘ an und mit ‚Frau Dulbry‘. So etwas ist anscheinend normal. So muss es sein zwischen Psychiater und Patient, heißt es auch in Lehrbüchern.
"Ja, wahrscheinlich muss es so sein. Was erwarte ich eigentlich?"

Keine Frage ... Rat erwartet sie von ihm. Was sonst? Er aber rät ihr nie, was sie tun soll, um wieder besser im Leben Fuß zu fassen, von Menschen geliebt zu sein, wie sie es früher war. - Oder zu sein glaubte? - Sie muss wieder lernen, ‚soziale Kontakte‘ zu pflegen, das hat man ihr schon oft gesagt. Sie sieht das auch ein. Doch ... es geht nicht.

"Das ist, weil Sie es selbst nicht wollen", war dann immer der Kommentar von Leuten, die sie überhaupt nicht kannten.
Minou fühlt sich sehr allein.
"Nicht als ob die anderen MICH alle verlassen hätten", denkt sie, "nein ... so eingleisig ist das Leben nicht. Sie sind nicht alle plötzlich weggetaucht. So schnell verliert man keine Freunde. Aber ich bin dennoch nicht allein schuldig an meiner Isolation, wie man es mir am Anfang einzureden suchte. Ich habe keinen davongescheucht und doch sind sie weggeglitten ... langsam, unmerklich, einer nach dem anderen. Oder bin ich es, die weggeglitten ist ?
Nein, es waren schon die anderen, die m i c h allein ließen ... meine Einsamkeit ist keine stolze, selbstgewählte. Jetzt vielleicht. Am Anfang nicht."

"Irgendwann war es wie ein reißender Fluss zwischen ihnen und mir. Auf diesem Fluss schwammen sie mir alle davon, meine Lieben, in die bunten Weiten ihres mehr oder weniger betriebsamen Lebens, während ich wie gefesselt und bewegungslos am Ufer zurück blieb.

"Lüge", schreit sie sich dann jedoch innerlich an, "alles Lüge!" Mit diesen meinen Freundschaften muss schon vorher etwas im Argen gelegen haben ... Tatsache ist, ich war eigentlich immer allein, auch wenn es nach außen hin überhaupt nicht so aussah."
Das war es. Wenn sie zurückdachte, waren die Freundschaften stets kurz und wenig krisenfest gewesen, sogar ihre ‚großen‘ Liebesgeschichten kamen ihr im Lauf der Zeit vor, als mutierten sie langsam und schleichend von – für sie - weltbewegenden Ereignissen zu immer mehr verblassenden Nichtigkeiten, die zusammen mit dem Lachen und der Leichtigkeit des Seins aus ihrer Erinnerung wegzugleiten begannen.

"Sie sehen alles negativ. Das macht Ihr Krankheitszustand", sagt Dr. Goldberg, "das macht die Depression."

Nein ... die Gefühle waren fast tot. Liebesglück und Schmerz, die zermürbenden, ihre Seele und ihr Hirn zermarternden Leidenschaften - nichts Wichtigeres hatte es für sie im Leben gegeben, durch Himmel und Hölle hatten sie sie gerissen - und jetzt? Vergangenheit. Wie alte Filme ... weit weg, pathetisch nur noch ... und schon nicht mehr wahr. Würde am Ende alles, was die Seele einmal so sehr aufwühlte, banal werden? Bedeutungslos? Ja, so würde es wohl sein!

"Sie sollten es DOCH einmal mit Medikamenten versuchen", schlug Dr. Goldberg forsch vor.
"NEIN."

Zuerst war es wenig merkbar gewesen, wie es um sie immer stiller wurde. Sie war ja keine ganz und gar unangenehme Person. Bis vor einigen Jahren noch hatte sie immer das Gefühl gehabt, dass die Menschen sie gern mochten und ihre Nähe suchten, es hatte Zeiten gegeben, da war sie geradezu von ihnen umringt, aber ... seit sie hier in dieser Wohnung ... seit sie ihren Laden aufgegeben hatte ... Sie war unauffälliger, wortkarger geworden, obwohl immer freundlich ... sie hatte nachbarschaftlich mit den Leuten geplaudert im Supermarkt um die Ecke oder unten im Hof, wenn sie die Mülltonne ausleerte oder Wäsche aufhängte. Auch dann noch, als sie schon längst keine Besuche mehr empfing. Das Alleinsein hatte sich aber von Tag zu Tag beschleunigt. Irgendwann war sie dann, rumms, auf dem Tief der absoluten Einsamkeit angelangt.

‚Doktor Goldberg ... warum hilft er mir nicht, da herauszukommen. Warum gibt er mir keine Ideen, Anstöße, mein Leben besser zu meistern? Wozu sonst hat man einen Therapeuten?‘
Aber ... dass es nicht klappt, ist ja keineswegs seine Schuld, da macht sie sich gar nichts vor. Da ist der Riss, die Kluft, die sie nicht nur von ihm, sondern von allen trennt und eigentlich ist das seit vielen Jahren so ...
‚Und wenn dann noch die Angst dazu kommt, und es ist nicht ein Mensch da, den ich herbeirufen kann. Was, wenn ich mit Herzschwäche und nah am Kollaps - Kollaps sagt sie, Sterben meint sie - aber, was für ein Gedanke ... nein, den schiebt sie sofort weit weg - also, wenn ich mit Herzschwäche - was ja auch passieren könnte - zusammenbräche, und dann Notarzt, Rettungswagen ...
Nicht für mich", denkt sie ..."Krankenhaus ... Intensivstation, die Geräte ... das wäre mein Untergang, das ist tödlicher als der Tod ... nein, so etwas ... für mich ... niemals."
Derartige Monologe führt sie im Kopf, wenn sie allein ist.

Beim bloßen Gedanken an solche Schrecknisse fängt sie schon an, zu zittern und zu beben. Wenn Leib und Leben direkt in Gefahr wären, nein, sie wüsste nicht, wen sie da herbeirufen könnte. Wollte.

Minou ist tatsächlich allein.

Nur noch EINEN Ansprechpartner hat sie, das ist Dr. Goldberg, der Psychiater. Der ist aber für körperliche Gebrechen nicht zuständig und die scheinen jetzt bei ihr langsam die Überhand zu gewinnen. Verwirrend das alles! Und sie – so hilflos. Nur ... keiner merkt es. Doktor Goldberg sitzt am anderen Ende der Telefonleitung ruhig wie Buddha, lächelnd wie Buddha. Sie kann es sich genau vorstellen ... er lächelt ständig sein leises, wissendes Lächeln. Sie kann ihn durch die Strippe lächeln spüren ...er hört ihr zu und sendet niemals die Wärme, die sie so dringend ... na ja.

"Er schätzt meine geistigen und menschlichen Eigenschaften gering", glaubt sie zu spüren. "Bestimmt fühlt auch er, dass ich ein ‚seelischer Krüppel‘ bin." Ist für Minou nichts Neues, diese ‚Seelen-Krüppel- oder "Die-ist-doch-nicht-normal- Geschichte‘. Seit sie mit viereinhalb Jahren zu Lisa, der Stiefmutter, kam, , verging kaum ein Tag, an dem sie diese Worte nicht von Lisa hören musste ... meistens hinter ihrem mageren Kinderrücken zu Dritten gesprochen, manchmal ihr direkt ins Gesicht geschleudert.

'Klar ... Dr. Goldberg muss ja meine Anomalie ebenfalls ständig vor Augen - oder eher vor Ohren - haben. Ich bin ein Nichts. Was hab ich denn als Lebensleistung schon aufzuweisen? Null. Auch er traut mir nichts zu.'

Sie ist enttäuscht. Hätte gewünscht, er hielte sie für wertvoll, ganz einfach so ... ohne großen Grund hielte er sie für einen liebenswerten und WERTVOLLEN Menschen. Doch wenn sie ihm Dinge erzählt, kommt es ihr vor, als plappere sie ins Leere hinein. Mit ihren Worten kann sie sein Mitfühlen - nicht zu verwechseln mit Mitleid, darauf legt sie keinen Wert - nicht wecken. Kaum je bringt sie ihn mit ihren Tiraden dazu, Antwort zu geben. Sie kann ihn aber am anderen Ende der Leitung atmen hören.

"Ich lausche", murmelt er manchmal, wenn sie nach einem längeren Monolog kleinlaut fragt: "Sind sie noch da?".
Wie gesagt: Er redet überhaupt kaum je. Hört aber anscheinend eifrig zu. Hin und wieder nimmt sie das Kratzen eines Stiftes über hartes Papier wahr. Aha, er macht Notizen.

"Was, du sprichst mit einem Seelenklempner? Haha! Und am Telefon? Ich wette, dieser Typ lässt dich quatschen und holt sich dabei einen nach dem anderen heru... du weißt schon ...", hatte Monika grinsend gesagt, Moni, auch eine frühere ‚Feundin‘. Sie kam Minou noch ab und zu besuchen, obwohl sie schon jahrelang nichts mehr gemeinsam unternahmen.

Persönlich hat Minou Dr. Goldberg nur drei oder viermal gesehen. Im Zentrum der Stadt ein altes Haus aus der Jugendstil-Zeit. Über Treppen steigt man hinauf in seine Praxis im dritten Stock. Mehrere separate kleine Warteräume sind durch runde, gewölbte Torbögen, nicht durch Türen, getrennt. Bequeme Sitzmöbel, rankende, breitblättrige Grünpflanzen, kostbare Barockschränke, alte beschnitzte Truhen, ein Aquarium mit Unterseenlandschaft und bunten, exotischen Fischen ... all das zaubert eine Art luxuriöse Gemütlichkeit, die tatsächlich imstande ist, die Psyche der hilfesuchenden, vom Leben gebeutelten Patienten erst einmal zu beruhigen. Bis eine der jungen, durchgestylten, hochmütigen Sprechstundenhilfen ihr Ding abzieht: etwa zu einem älteren Mann gewandt, klingt das dann so: "Herr Müller, wir haben heute schon wieder unser Krankenkassenkärtchen vergessen. Also, gehen wir erst einmal schön nach Hause und holen es, sonst können wir nämlich nicht mehr behandelt werden!", oder kühl: "Herr Schmeer, bitte in Zimmer drei zur Elektro-Enzephalographie."

Und das ist Dr. Goldberg: auffallend klein, aber breitschultrig, durchaus sportgestählt. Nachtdunkel sind die Augen, sowie das üppig wuchernde, sich kräuselnde Haar und der lockige Bart. Viel Rabenschwarzes als Gegensatz zu der leuchtenden, edlen Blässe des Teints. Sein Gesicht lächelt tatsächlich fast immer. Versonnen, geradezu mystisch und im höchsten Grad in sich ruhend ist dieses Lächeln ... ein Minou seltsam irritierendes Lächeln auf sehr fremdländischen Zügen ... Eines Tages, viel später, als er ihr am Telefon sagt, dass er einen Therapieanruf wegen der Bar-Mizva-Feier seines Sohnes auf einen anderen Tag verschieben müsse, wird Minou zum erstenmal klar, dass er Jude ist. Sie hatte anscheinend nie genug über ihn nachgedacht.

Wie hatte sie den Doktor kennengelernt? Sie hatte im Vorhinein nur vage von ihm gehört, so wie man eben von dem oder jenem niedergelassenen Arzt hört, den die einen fantastisch gut finden, während die anderen das genaue Gegenteil behaupten. Eines Tages war sie zu ihm gewankt, als eine ungewohnt heftige Schwindelattacke sie mitten im Stadtzentrum, noch dazu auf einer Straßenkreuzung, innerhalb von Sekunden im wortwörtlichen Sinn von den Beinen gefegt hatte.

Passanten - o Gott, die glaubten, sie sei betrunken oder so - hatten sie zumindest zu einer Bank gebracht, wo sie die schlimmste Panik zügeln konnte. Aber ihr Zustand besserte sich leider nur wenig, sodass sie das Gefühl hatte, es diesmal nicht mehr bis nach Hause zu schaffen. Ärzte hatte ihr schon früher gesagt, dass ihr Herz in Ordnung sei. Man hatte ihr geraten, doch einmal zu einem Psycho-Therapeuten zu gehen und Dr. Goldbergs Praxis war zufällig die dem Ort ihres Zusammenbruchs am nächsten gelegene.

So war sie mit letzter Kraft da hin geschwankt. Es war ihr auch gleich, an wen sie geriet, ob er gut für sie sein würde oder nicht, nur Hilfe, Hilfe ... denn ihre Panik war riesengroß und ihr Blutdruck schien rasend hoch, bald würde er in einem Schlaganfall explodieren, dachte sie und wenn sie jetzt keine Hilfe bekam, das heißt, ein aufklärendes EKG und jemanden zum Zuhören, zum Abladen ihrer riesengroßen Angst, dann ... es ging ihr schlecht, es ging ihr schlecht, weil ihr ganzes Herz- und Kreislaufsystem - o, damit kannte sie sich aus! - an den Rand des totalen Zusammenbruchs gesackt war und nicht mehr lange durchhalten würde, das spürte sie. Der Herzinfarkt konnte nur noch Minuten entfernt sein ... Sie ahnte das. Wem eine solche Panik im Nacken sitzt, der denkt kaum mehr viel nach ...*

Wochen später, als ihre Angst sozusagen zum gleichbleibenden Dauerzustand geworden war und sie die Wohnung nicht mehr verlassen konnte, machte Dr. Goldberg ihr den Vorschlag, sie weiter telefonisch zu behandeln. So hält er das jetzt. Er ruft sie also zweimal in der Woche für je 30 Minuten an. Immer gegen neun Uhr abends, wenn sein letzter Patient gegangen ist. Nur an Feiertagen oder in seiner Urlaubszeit fallen diese Anrufe aus. Sonst nie. Das hält der Doktor jetzt schon fast sieben! Jahre durch.

"Du zappelst auf dem Boden herum, wie ein Schmetterling, dem man die Flügel ausgerissen hat", hatte ihr ein früherer Liebhaber noch freundlich mit auf den Weg gegeben, nachdem sie ihm am Telefon hatte erklären müssen, dass sie ihn nicht sehen könne, dass sie nicht in der Lage sei, mit ihm ins Theater zu gehen, auch nicht in ein Kino.
"Ins Restaurant schaffst du es erst recht nicht, redest du dir ein. Hast Angst, bewusstlos vom Stuhl zu kippen. Du bist doch hirnverbrannt", hatte er wütend durch die Leitung gerufen.

'So ähnlich wird es Dr. Goldberg auch sehen', denkt Minou. Mit anderen Worten, diese Patientin ist nach sieben Jahren Therapie noch immer unfähig, ein normales Leben zu führen, aber gestorben ist sie ja auch nicht.'
Und sie ist fordernder geworden. Eines Tages fällt es ihr morgens um zehn ein, bei ihm in der Sprechstunde anzurufen, weil sie in Not sei. "In N o t", brabbelt sie dramatisch durch die Leitung. Was für ein sonderbar verschrobener Ausdruck: 'ich bin in Not', vor allem, was kann ER dagegen tun, außer sie in eine Klinik einzuweisen, was er ihr schon oft vorgeschlagen hat und was sie, vom Heulkrampf geschüttelt, auch jetzt wieder aufs heftigste ablehnt.

Als sie ähnliche störende Szenen dann noch zweimal innerhalb der gleichen Woche am Telefon aufführt und seinen Arzthelferinnen so vehement ihre Panik in die Ohren schreit, dass die nicht mehr wissen, was sie tun sollen ... und als sie schluchzt, dass sie dringend den Doktor sprechen müsse und zwar sofort und zwar sofort, und als sie nicht aufgibt, da wird er hilflos und deshalb ziemlich ungehalten. Was erwartet sie von ihm? Er hat feste Behandlungstermine, die er nicht brechen kann oder will, seine Wartezimmer sitzen voller Leute, seine seelenärztlichen Zuwendungen sind portionsweise und auf die Minute eingeteilt. Jahrelang ist sie eine disziplinierte Patientin gewesen, hat nie Extrazeit für sich in Anspruch genommen ... jetzt aber ... statt der langsam erwarteten Besserung wirft sie ihm ein Bündel an Ängsten vor die Füße. Statt sich zu einer Art von Normalität hinzubewegen, fängt sie nun an, sich wie ein hilfloses Kind von ihm tragen lassen zu wollen ... all die Jahre der Therapie ... ein Heilungsversuch, der denkbar fehlgeschlagen ist. Diese Frau ist ein Ausbund an Neurosen, jetzt schlimmer denn je. Nein, nein ... so kann das nicht weitergehen.

Bald danach kündigt er ihr schriftlich seine Anrufe auf. Aus Frustration, aber auch in der leisen Hoffnung, dass eine Weiterbehandlung, wenn auch mit der Forderung verbunden, sich dafür in seine Praxis zu bewegen – ihr wichtig genug sei, ihre Ängste endlich zu überwinden. Also schreibt er, wenn ihr an einer Zusammenarbeit künftig noch etwas läge, müsse sie sich wie jede andere Patientin auch, und egal, wie sie das schaffe, zu festen Terminen bei ihm einfinden. In Gottes Namen auch mit einem von ihm ausgestellten Taxischein.

Minou ist fassungslos. Das schlägt er ihr allen Ernstes vor!! Als ob sie das könnte. Als ob sie das könnte!!! Er muss doch wissen, dass sie das niemals schaffen wird in ihrem tödlich gefährdeten Zustand!!
Sie spürt, es hat so kommen müssen, er hat sie schon lange innerlich fallen lassen, sie hat es längst begriffen, wenn er das auch SOO nicht gesagt hat ...
Als sie den Brief öffnet, in dem er ihr die wöchentlichen Anrufe aufkündigt, an einem hellen, sonnenflimmernden Vorfrühlings-Mittag in ihrer hellen Küche, wirft eine Herzattacke sie derart nieder, dass sie glaubt, ihre letzte Stunde habe jetzt endgültig geschlagen. Ziellos taumelt sie in der Wohnung herum, sucht in dem und jenem Zimmer Zuflucht, versucht inneren Halt an einst geliebten Gegenständen zu finden, sozusagen stellvertretend für Menschen, die ja nicht da sind, versucht auch zu beten in ihrer Angst ... vergebens. Der liebe Gott ist fern, fern und gerade mit Wichtigerem beschäftigt!

Keines guten Gedankens fähig, ihrer Glieder nicht mehr mächtig, des Gleichgewichts beraubt, taumelt sie von einer Seite des Zimmers in die andere, wie ein Kreisel, der außer Kontrolle geraten ist. Vom Schwindel gefällt, plumpst sie dann aufs Bett, rappelt sich wieder auf, fällt nieder, kriecht auf allen Vieren ... das Zimmer fängt an, sich zu drehen, sie kann nicht mehr sehen, kaum atmen, Panik schlägt über ihr zusammen, leer, wie ein dunkles schwarzes Loch, kalt wie Eisfelder, nur dass darüber rettend kein Himmel strahlt. Sie weiß - wie schon so oft! - dass sie jetzt sterben wird ... wehrt sich, wehrt sich. Nein, nur das nicht, nur das nicht! Irgendwie kommt sie wieder auf die Beine. Lediglich, um unter einer noch stärkeren Schwindelattacke erneut aufs Bett zu sacken.

Diesmal ist es schlimmer denn je - auch das denkt sie keineswegs zum erstenmal und dass sie schon so oft ebenso gedacht hat, ist ihr klar, vermindert ihre Panik aber nicht - obwohl ... jetzt spürt sie: im Grunde war es so schlimm wie diesmal WIRKLICH noch nie!
Wie eine Verrückte bombardiert sie daraufhin Dr. Goldberg wieder mit hochdramatischen Hilferufen mitten in seine geschäftige Praxiszeit hinein. Sie redet rasend und viel, weiß nachher nicht mehr so genau, was sie gesagt hat,

Er bietet ihr wohl beim ersten Anruf wieder den Notarzt an, dabei muss er doch wissen, dass sie so etwas nicht überleben KANN , Blaulichtwagen, Krankenhaus!

Dass er hilflos sei, mit seinem Latein am Ende, sagt der Doktor mit fester, aber leiser Stimme. Bei Minous zweitem Anruf schon kommt er nicht mehr selbst ans Telefon, lässt sich von der Rezeptionistin verleugnen, beim dritten tönt ihr gar die eiskalt schneidende Stimme seiner mitarbeitenden Ehehälfte, Frau Dr. Goldberg, ins Ohr.

Minou, die Hysterische, ist danach wochenlang am Boden zerstört. Wieso eigentlich?

Ihre Beziehung war doch - um ehrlich zu sein -, niemals eine wirklich nahe. Das muss einem erst einmal jemand nachmachen: Sieben lange Jahre zweimal in der Woche Telefonkommunikation miteinander - und keine Freundschaft entsteht zwischen den Gesprächspartnern, keine innere Beziehung ... Verbundenheit gleich Null.

Minou, am Ende ihrer Kraft, sinkt in ein Loch tiefster Verlassenheit, seit sie Doktor Goldberg nicht mehr zum Reden hat. Sie begreift den Grund nicht,

denn sie hat diesen Mann nie wirklich gern gehabt, nur manchmal - in Grenzen! - gemocht, dann wieder ist er ihr gleichgültig gewesen, obwohl ... meistens hatte sie atemlos die Minuten gezählt, bis das Telefon läutete, hatte nach seiner Stimme gegiert wie nach einem lebensrettenden Elixier, an anderen Abenden aber hatte sie sich gewünscht, dass er sie um Gottes Willen mit seinem Anruf verschonen möge,
vor allem, wenn sie in raren angstfreien Augenblicken eine interessante Fernsehsendung schaute ... Doch da kannte sie nichts, beim ersten Schrillen des Telefons drehte sie selbst den spannendsten Krimi augenblicklich ab. Auch sie hielt nämlich verbissen und diszipliniert an der Therapie fest. Dabei hatte sie oft nach den - viel zu kurzen - Gesprächen nichts als Leere und Enttäuschung empfunden.


Ihre fernmündlichen Sitzungen - er ließ sie, wie schon gesagt, niemals ausfallen, so überaus korrekt war er - schienen ihr meistens unergiebige Monologe ihrerseits. Sie hatte darin ihre eigene Erbärmlichkeit und charakterliche Minderwertigkeit noch einmal nacherlebt und sich ihrer Offenheit wegen im Nachhinein geschämt, während er ... schwieg ... schwieg. Wirkliche Nähe, dieses warme Gefühl des Vertrauens, des-sich-bei-jemand-geborgen-Fühlens, das sie so herbeisehnte - sie hatte dabei nicht Erotik im Sinn, damit das endgültig geklärt ist - war in ihr nie entstanden. Sie war meistens nach den Telefonaten noch trauriger, noch leerer gewesen als vorher, weil von seiner Seite ... nichts gekommen war, was ihre Seele hätte aufrichten, ihre tausend Ängste hätte besiegen können.

Doch als er dann die fruchtlose Behandlung aufgibt, das heißt, als er sie zwingen will, in seine Praxis zu kommen - was sie ja nicht kann und vielleicht war es ja auch nur eine Ausrede von ihm, sie loszuwerden, da er ja wissen musste, dass sie das niemals schaffen würde - da geht es ihr schlecht wie nie. Die Angst- und Panikattacken laufen zu ungeahnter Höhe und Häufigkeit auf. Und werden von da an überhaupt nie mehr verschwinden.
Eines Tages erfährt sie zufällig am Telefon von ‚ihrer‘ Sachbearbeiterin bei der Krankenkasse - es geht um eine ganz andere Angelegenheit - dass der Doktor in all den Jahren an ihrer Behandlung nicht nur nichts verdient, sondern eher noch zugelegt haben musste. Eine solche 30-minütige Ferntherapie wurde von der Kasse als Beratungsgespräch verbucht und hatte ihm gerade einmal acht DM brutto eingebracht, ihm, dessen Wartezimmer von einträglicheren und bestimmt angenehmeren, zumindest pflegeleichteren Patienten überquoll und dessen Arbeitszeit bis über die Grenzen hinaus ausgebucht war. Dass er sie quasi umsonst behandelt hatte, war ihr nicht bewusst gewesen und er hatte es auch niemals ihr gegenüber erwähnt.

Soviel zu Dr. Goldberg.

*



02
ERSTE ERINNERUNGEN
Das Bad in der Küche

"Jetzt ist mir klar, woher all meine Kalamitäten kommen", sagt Minou eines Tages am Telefon zu Dr. Goldberg, "sie haben mich nämlich als kleines Kind zu heiß gebadet!" Ein Scherz. Sie will den Doktor zum Lachen bringen. Er tut ihr dann auch den Gefallen ... Sie hört sein kurzes, trockenes: "Hahaha!" durch die Leitung.


Rückblende zirka 1943
Die komische Zinkbütte, die dunkle Küche im Opa-Haus in Unterstetten ... dieses Gebadet - Werden, das ist das erste Bild überhaupt, woran sie sich aus der Kinderzeit erinnert. Und an das Gefühl: es ging mir nicht gut ...

"Da war doch was los mit mir, damals. War ich krank?" fragt sie die Unterstettener Tanten, als sie einmal - viele Jahre später - bei ihnen zu Besuch ist. Aber die Tanten machen große Augen.
"Das ist mir aber neu", sagt Tante Ida, "das bildest du dir ein, Mädchen... Anna, du weißt doch davon auch nichts... oder!"
"Nee", sagt die Tante Anna.
"Aber da w a r etwas", insistiert Minou. Ich hatte Fieber! Hier in der Küche habt ihr mich in die Bütte gesetzt!"
"Du warst nicht krank. Du bist nie krank gewesen. Solang du bei uns warst, bist du niemals krank gewesen! Wieso auch? Wenn du wüsstest, wieviel Vitamintropfen ich dir immer gegeben habe!" Tante Annas Augen sind, wie früher schon so oft, auch jetzt feucht vor Rührung.


Tatsächlich erinnert sich Minou aber genau an die Küche. Abend war es. Schummerlicht. An der Decke baumelte die dunkelgelbe Funzel. Die Oma sparte nämlich eisern Strom. Immer sparte sie Strom, auch später, als sie einigermaßen Geld hatten. Die Unterstettener Oma sparte Strom, so lange sie lebte. Deshalb gingen sie auch immer mit den Hühnern schlafen.

Das Bild formt sich vor Minous innerem Auge: die sonderbare, graue Zinkbütte mit Beulen und Dellen auf den Holzdielen in dieser Küche. In der Bütte liegt sie selbst, das Kind, und fremde Frauen sind da und fremde Hände fummeln an ihr herum. Das Wasser ist heiß, splascht manchmal über, wenn dicke Arme hineinlangen. Das Wasser splascht über und macht Pfützen auf dem frisch geschrubbten Fußboden, obwohl das Kind ja kaum zappelt. Es zappelt nicht und wehrt sich nicht. Es ist zu müde.

"Ich lag in der Bütte und schwitzte furchtbar und ihr habt immer wieder aus einem Topf heißes Wasser nachgegossen", sagt Minou.

"Das bildest du dir ein",... die Tante Anna schaut fragend, hilflos zu Tante Ida hin. "Bei uns war das nicht, höchstens oben in Marienstock..."

Aber Minou weiß es besser. Es ist in Unterstetten gewesen, nicht in Marienstock. Sie weiß es: denn da rutscht sie eben aus jenem unerforschten Land, wo sich all die blanken, unschuldigen Seelen tummeln, die ‚schicksallosen, schlafenden Säuglinge‘, - jene, die zwar schon auf Erden sind, aber noch nichts von ihrem Glück wissen - also da rutscht sie aus jenem geheimnisvollen Land ins Licht ihrer ersten Wahrnehmung, im zarten Babyalter von drei Jahren oder so, da erwacht sie sozusagen mit einem Mal zum ‚Sein‘ ... und dann gleich das: Sie liegt nackt in einer Bütte mit heißem Wasser, rundum stehen lauter Frauen, die sie nicht kennt, die glotzen sie an. Das gefällt ihr nicht. Weil ihr auch schlecht ist. Elend. Übel ...

Seltsame Gesichter, beugen sich über das Kind. Und Hände packen es. Sie halten es in der Bütte fest, reiben an ihm herum. Das Wasser riecht nach etwas Fremdem. Das riecht nicht gut und beißt in der Nase. Sie haben das Wasser sehr warm gemacht. Heiß? Oder eher doch nur ziemlich warm? Dem Kind erscheint es aber kochend, weil ihm auch innen so heiß ist... Also... die Frauen reden und sehen sich an. Die sind fremd. Die gefallen ihm nicht. Das Kind möchte, dass die weg wären.

Sie sind viel zu laut, plappern und wundern sich.
"Was hat denn das da?"
"Ja, was hat es denn? "
Das da hat einen Ausschlag. Und Fieber. Da ist etwas mit seiner Haut. Flecken? Beulen?

Gesichter bücken sich zu dem Kind herunter. Es ist winzig und schlapp. Es spürt: ihm ist sonderbar und komisch, da ist etwas los mit ihm, nein, es geht ihm überhaupt nicht gut.
Jemand gießt Wasser nach in die Bütte. Es ist heiß im Wasser, furchtbar heiß. In ihm drin ist es noch heißer, dass es fast verbrennt. Es ist heiß in der Küche und schon fast dunkel.

Vor dem Fenster schweben weiße Flocken herunter.

Nachher liegt es im Bett. In einer Stube. Dick zugedeckt. Und da kommen all diese kleinen, munteren Teufelchen mit den Mistgabeln. Sie toben, tanzen durchs Zimmer, stechen ab und zu ihre Gabeln in es hinein. Das tut weh. Sie lachen und kichern.

Es ist dem Kind einmal heiß und einmal kalt, es ist so eng unter den Plumeaus, dass es kaum mehr schnaufen kann. Und stockdunkel der Raum.

Die wirren Teufelchen springen auf seiner Brust und auf seinem Bauch herum, dass sie es fast erdrücken und sind so knallig rot wie Feuer und Flammen. Jetzt fällt sogar noch die Zimmerdecke herunter und direkt auf sein Gesicht. Es holt nach Atem aus, doch bekommt keine Luft. Das Kind hat riesengroße Angst. Angst. Und es ist allein. Wo ist nur die Tante Anna hin?
"Anna... Anna", schreit es laut.

*




03.
EIN HAUS WIRD VERKAUFT

1980
Minou fährt nach Jahren in ihr Elternhaus zurück. Lisa, die Stiefmutter, hatte Tags zuvor angerufen:
"Die Bruchbude wird verkauft. Am Samstag war die Annonce in der Zeitung. Ein Interessent hat sich schon gemeldet. Ich möchte das so schnell wie möglich über die Bühne bringen. Dabei hab ich gesehen: es sind auch von dir noch Sachen im Keller, Arbeitspapiere, Zeugnisse, Lohnsteuerkarten. So etwas ist für jeden halbwegs normalen Menschen lebensnotwendig. Obwohl d u ja immer so tust, als ginge d i c h das nichts an ...
Habe ich dir nicht schon hundertmal gesagt, du sollst dich um deinen Krempel kümmern, so lange noch Zeit ist? In ein paar Tagen kommt nämlich eine Entrümpelungsfirma und dann wird ausgemistet. Also, bevor du irgendwann schreist: "Alles ist weg", hast du jetzt die letzte Gelegenheit ..."

Der Ort heißt Marienstock. Die Adresse: Grubengasse 10. Wie tausendmal vorher läuft Minou die enge Straße hinunter, die mit ihrem Kopfsteinpflaster, den Buckeln und Schlaglöchern steil zum Helenenschacht hin abfällt.
Früher hatte sie gezittert, wenn sie mit ihrem Fahrrad da hinabfahren musste. Irgendein Kind stürzte immer. Lag dann mit aufgeschlagenen Knien oder blutender Nase im Rinnstein. Auch Minou hat eine dicke Narbe an der Lippe vom Aufprall gegen Frau Michels Gartenmauer unten an der Kurve. Da war sie neun.

Nun steht sie vor dem Elternhaus. Hat sie es je als solches empfunden? Ein großes Emailschild, an der Fassade festgemacht, ragt in einigen Metern Höhe quer in die Gasse hinein. Leuchtet noch immer, als sei es frisch geschrubbt. Dicke, gelbe Lettern auf schwarz glänzendem Grund verkünden wie eh und je:

Peter Kern
Buch- und Akzidenzdruckerei
Feinste Drucksachen aller Art

Dieses Schild sticht ins Auge. Weithin lesbar. Rein, klar. Schnörkellos die Schrift. Ein Muster an sachlicher, handfester Grafik. Stil der Neunzehnhundertdreißiger Jahre. Eines jener markanten Blechschilder, für die Sammler heute Geld bezahlen.

Aber das Gebäude! Und die Gegend! In zwei Zeilen stehen die Häuser rechts und links der buckligen Straße. Schäbig. Nah beisammen. Nicht Wand an Wand. Doch eng genug, dass eines dem anderen für immer das Licht nimmt.

Nach hinten hinaus mickrige Gemüsegärtchen. Kraut und Rüben durcheinander. Die wenigen Obstbäume krüppelig vom Alter, vom ständigen Zurückgestutzt - werden. Jedes Stückchen Minigarten mit vier, fünf sonnenlosen Beeten hat seinen eigenen, windschiefen Zaun aus Eisenstäben, die mit Maschendraht verbunden sind. Man legt anscheinend noch immer Wert auf Abgrenzung. Die Straße ist nicht verkommen. Sie ist nie anders gewesen. Grubengasse. Marienstock.

'Armselig das alles', denkt Minou, 'komisch ... hab ich früher nie so empfunden!'
*

Jetzt, als sie so um die Ecke läuft und in die Straße ihrer Jugend einbiegt, überfällt es die Besucherin mit Wucht: Sie ist im Land des Mangels. Das Kopfsteinpflaster gelockert, holprig, teils herausgerissen. Auch die tiefen Schlaglöcher auf dem schmalen Bürgersteig sind noch da. Wie eh und je. Die Häuser in erbärmlichem Zustand. Die Gasse ist im Mief der Nachkriegsjahre stecken geblieben. Noch immer. Nach all den Jahrzehnten. Hier ist wohl einmal eine Fassade gestrichen, dort ein Fenster begradigt und ein wenig verbreitert worden. Das ändert wenig am ganzen Bild.

"Stiefmütterchen", denkt Minou, "dein ewiges Gejammer und Genörgel ist doch nicht pure Bosheit gewesen!"

"Wie ich dieses Dreckloch hasse", hatte Lisa damals erbittert gerufen... "Ach, ich habe von alledem die Nase sooo voll." Sie rief es häufig.
"Bei den hunderttausend schönen Orten die es auf der Welt gibt, musste es mich ausgerechnet hierher verschlagen. Warum nur? Wozu?"
Ach Lisa... die Antwort weiß nur der Wind.


Das Haus ist an der Vorderfront in zirka zehn Zentimeter Abstand zum Mauerwerk von einem total unsinnigen, kaum einen Meter hohen, eisernen Zaun umgeben, der früher hellgrau war, - wenn Minou sich recht erinnert - und jetzt mit Menningfarbe so schlimm, so rot überpinselt ist, dass sogar die Hausfassade etwas davon abbekommen hat und an manchen Stellen wie blutverspritzt aussieht. Wer hat diesen Anstrich verbrochen? Ein hochgradig Sehbehinderter? Ein Betrunkener? Von den Familienmitgliedern kann es doch wohl keiner gewesen sein?

An der Rückwand des Gebäudes gibt es eine feuerleiterähnliche Treppenkonstruktion aus rostigem Metall, die ist ebenso überflüssig wie vieles hier. Sie ist unsinnig schmal. Höchstens ein Kletterartist könnte sich da oben halten. Auch verbindet sie weder Fenster- noch Türöffnungen mit dem Boden. Nicht einmal als Rettungsweg im Brandfall hat die Vorrichtung also einen Wert.
Dann ist da noch, ebenfalls auf der Rückseite des Hauses, der Vorbau, den sie als Kinder 'das Dächelchen' nannten. Ein Dächelchen, mit dem nie ein Mensch etwas anfangen konnte. Es steht auf vier wuchtigen Pfeilern ungefähr drei Meter hoch über der Erde. Mit einer Fläche so groß wie zwei Zimmer.

Wahrscheinlich ist es ursprünglich als Terrasse geplant worden. Nur hat der Architekt jedwede Möglichkeit, da hinauf zu gelangen, bei seinem Entwurf anscheinend vergessen. Na ja, man müsste von unten eine Leiter anstellen oder von oben mit der Leiter viele Meter tief aus einem der höhergelegenen Fenster aufs Dächelchen hinuntersteigen. Aber das wäre Hals- und Beinbruch.


Rückblende zirka 1950
"Da könnten die Kinder im Sommer schön sitzen und Schulaufgaben machen, wo doch sonst nirgends Platz ist. Oder man könnte sich bräunen, denn das ist so ungefähr die einzige Stelle hier ums Haus, wo die Sonne hinkommt", sagt Lisa. "Ja, es wäre eine tolle Terrasse, wenn man da nur HINAUFKÄME."
Oder wie würde man sperrige Sachen - zum Beispiel einen Tisch oder Stühle - hin- und herbefördern? Man müsste nachträglich eine Treppe ...
"Für eine Treppe ist es viel zu eng", grinst Onkel Peter.
"Ach, hier sind alle nur ... STINKFAUL. Niemand will etwas ändern", ... so Lisa.

Das Haus ist 1900 entstanden. Die in Stein gehauene Jahreszahl prangt oben am Giebel.
Im Inneren hält das Domizil, was sein Äußeres verspricht.
"Die Anordnung der Treppen, Flure und Zimmer - eine Katastrophe", sagt Lisa, "so furchtbar unpraktisch, so viel kostbarer Raum vergeben. Wie konnte ein Architekt nur so einen Blödsinn ...!"

Ja, die Stiefmutter jammert. Von Jahr zu Jahr mehr. Manchmal heult sie.

"Das Haus ist immerhin fünfzig Jahre alt", bekennt Papa kleinlaut.
"Mir hätte man eine solche Bruchbude nicht untergejubelt", ruft Lisa.
Oskar Kern ist relativ verwundert über die Reaktion seiner Frau.
"Tut mir leid, ich kann nichts dafür, ich habe damals noch nicht gelebt!", murmelt er
"Warum hat aber dein Vater, unser aller hochgeehrter Opa, ( Er ist der Auftraggeber gewesen! ) nicht laut protestiert damals, als man noch etwas hätte retten können?" wirft Lisa dem Papa an den Kopf . Ja, eigentlich müsse man den Architekten zur Rechenschaft ziehen für diese seine grausige Greueltat ...
Papa sieht Lisa groß an. Er ist stets mit dem Haus zufrieden gewesen. Was geistern der Frau nur für Gedanken durch den Kopf!

Der zu jener Zeit schon hochbetagte Baukünstler, Schöpfer des Monsterhauses, rettet sich in den frühen 1950er Jahren endgültig vor Lisas Verachtung, indem er dieser Welt für immer adieu sagt und sich, ganz ohne eigenes Zutun, in die Ewigkeit davonmacht.

*

1980
Minou hat keine Lust, in das Haus hinein zu gehen, aus dessen erstem Stock zuerst Tante Zilli, Onkel Peters Witwe, und vor einem Monat nun auch Lisa, die Stiefmutter, ausgezogen ist. Sie schaut auch nicht in die Dachkammer, in der sie in ihrer Teenagerzeit schlief. Genausowenig mag sie sehen, was von der Druckerei im Erdgeschoss übrig geblieben ist. Die hat man schon vor zehn Jahren stillgelegt.

Minou ist nur gekommen, um ihre Papiere aus dem Keller zu retten. Die Tür ist zugezogen, doch nicht abgesperrt. Eine Treppe führt an der Giebelseite des Hauses von außen steil und tief nach unten. Fast senkrecht. Wie in einen Schacht. Gott sei Dank lässt sich das Licht noch anknipsen.

Die Wände des weiten, unterirdischen Geschosses sind aus dem roten, immer etwas klammfeuchten Sandstein ihrer Heimat herausgehauen. Ein Geruch ... nach Stein-, Mörtel, Moder ... irgendwie nach den Innereien der Erde. Oben, am Hahnenkopf, dem höchsten Gipfel der Umgebung, gibt es - in den roten Stein eingesprengt - weitverzweigte Stollen, die genau so riechen. Die sogenannten 'Sandkaulen.' Als kleines Mädchen hat Minou den 'unterirdischen' Geruch der Stollen gern gemocht. Dahin haben sich die Marienstocker im Krieg vor den Bomben und den amerikanischen Jagdfliegern, den 'Jabos', geflüchtet. Dort wurde für die Kinder während der Luftangriffe sogar Schulunterricht abgehalten..

Der Keller des Elternhauses ist vollgestopft mit dem Gerümpel eines halben Jahrhunderts. Schutt, fortgeworfener Hauskram, längst vergammeltes Zeug liegt in stinkenden Haufen beisammen. Hinter Lattenverschlägen lagern unter einer Staubschicht noch immer penibel gestapelt, Massen von Briketts, mit denen lang schon keiner mehr heizt. Daneben, in aufgetürmten Hügeln, schwarz, fett, tonnenweise die Anthrazitkohle. Brennmaterialien, die es jeden Herbst kostenlos gab bis in die neunzehnhundertsiebziger Jahre hinein, jahrzehntelanges Versorgungsgeschenk der Grubenverwaltung Maiwald für die pensionierten Bergleute oder ihre Hinterbliebenen.

Minous Großvater, Nickel Kern, ist Grubenelektriker gewesen. Er pendelte auf seinem Fahrrad zwischen den Stollen und Schächten der Gegend hin und her, arbeitete zwei Jahre da, fünf Jahre dort, kam herum, kannte alle Zechen der Umgebung von innen und außen.

Jeden Herbst wurde also eine Ladung des 'schwarzen Goldes' zu der Familie gekarrt und zwar noch bis Jahrzehnte nach Nickels Tod. Solange eben, wie Margarete, seine Frau, Minous Großmutter noch lebte. Sie wurde neunzig Jahre alt, im Gegensatz zu Nickel, der es nicht einmal bis zu seinem sechzigsten Geburtstag geschafft hatte, sich auf dieser buckligen Erde zu behaupten.

Opa und Margarete besaßen noch ein zweites Haus, das sie selbst bewohnten, während sie das in der Grubengasse 10 an ihre Söhne Oskar und Peter vermietet hatten. Dies andere Haus steht etwa 50 Meter weiter oben am Hang, ebenfalls in der Grubengasse, jedoch an der Ecke Brückenstadter Straße. Die Brückenstadter Straße ist heute eine stark befahrene, hektische Durchgangsroute. In Minous Kindheit war dort so gut wie kein Verkehr.
Opas und Margaretes Haus, von ebendemselben Architekten etwa zur gleichen Zeit erbaut, war unvergleichlich bequemer als das weiter unten in der Straße, in dem Minou gewohnt hat. Das Haus der Großeltern hatte von Anfang an Dampfheizung in den Zimmern, ein Wasserklosett auf der Treppe und eine Art Badekammer im Keller. All das war Luxus pur im Baujahr 1900 und in einem Dorf wie Marienstock. Das Haus gehört jetzt Tante Rita. Auch dort, so könnte Minou schwören, ist der Keller noch immer vollgestopft mit den kostenlos gelieferten Kohlen, obwohl die Heizung längst auf Öl umgestellt ist.

Minou fühlt sich nicht gut, seit sie am Bahnhof ausgestiegen ist. Sie ist ungern gekommen. Ihr ist die ganze Zeit über schon schlecht.

Sie geht also die Treppe hinunter in den Keller ihres Elternhauses. Mit einer vom Boden aufgelesenen Latte stochert sie im Abfall herum, wühlt Wolken von Staub hoch, die ihr beißend entgegenwehen. Dazu ein süßwiderlicher Zersetzungsgeruch. Als ob da unten Verwesendes ... und tatsächlich... da liegen ein paar zerfaulte, tote Tauben. Oder eher die wirren Federbälge, die von ihnen übrig sind. Es würgt Minou im Hals, dass sie ... o, sie muss sich gleich übergeben ... Aber sie reißt sich zusammen. Hustend spürt sie, dass sich da vielleicht Gifte frei machen könnten oder geheime, bösartige Viren. Wie in Pyramiden, in altägyptischen Grüften.

Sie weiß, wo sie ungefähr nach ihren Papieren suchen muss. Findet eine Aktentasche. Schwarzvermodert. Das Leder hat dem Auflösungsprozess nicht standgehalten. Ihre einst so schicke, rotbraune Schultasche von damals! Eines der wenigen Weihnachtsgeschenke, über die sie sich als Kind wirklich gefreut hatte. Sie nimmt den Inhalt heraus: In einer Mappe aus Wachstuch fast unversehrt, wenn auch grässlich stinkend, das Abgangszeugnis der Mittelschule. Und das vom Fernsprechamt Brückenstadt. Ebenfalls durch Wachstuch gerettet, ihr Tagebuch aus Mädchenzeiten.
Und ihr altes, rosa Poesiealbum: Sie blättert: Mit vielen Glanzbildchen verziert, stehen da Weisheiten aus der Kinderzeit in fein säuberlicher Schönschrift:

- ÜB IMMER TREU UND REDLICHKEIT BIS AN DEIN KÜHLES GRAB UND WEICHE KEINEN FINGER BREIT VON GOTTES WEGEN AB: -
In ewigem Gedenken an deine Mitschülerin Senta Schulze...

- DIE TAGE SIND JA BLÄTTER NUR IM BUCHE DEINES LEBENS. FÜLL SIE MIT GUTEN TATEN AN UND WERKEN REINEN STREBENS: -
In den Kranz der Erinnerung geflochten von deiner dich liebenden Freundin Heidi... und so, Seite um Seite.

In einer Anwandlung von Nostalgie und Finderfreude küsst sie das Album ... nein, hebt es nur bis vor die Lippen. Es hat einen zu widerwärtigen Geruch.

In der Schulmappe steckt - leider nicht eingewickelt - ein Buch aus der frühen Jugend mit dem schönen Titel: Das Licht der Berge. Sowie Winnetou III von Karl May. Die Bände riechen beide gleichermaßen nach Moder, Pisse und nassem Sandstein. Das Licht der Berge und den Winnetou schleudert sie auf den Müllhaufen zurück. Ebenso die jetzt leere Schulmappe, die ihr fast in der Hand zerbröselt.
Sie findet auf einem Haufen Müll eine alte Tasche aus Kunstleder. Die hat sich nicht aufgelöst. Als Minou sie anfasst, heftet sich Schimmelpilz an ihre Finger wie schwarzer Blütenstaub.
Diese Tasche kennt sie doch! Sie kauert sich nieder. Einen kleinen Stapel Lohnsteuerkarten zieht sie hervor ( "unersetzbar", hat Lisa gesagt! ) Es sind auch ein paar Briefe in dieser Tasche ... und Fotos. Farbfotos. Auf der Rückseite eines jeden Fotos steht mit Tinte das Datum geschrieben:

Sommer 1958. Athen.
Oder: Hydra. Paros. Mykonos.

Da sieht Minou: es ist ihre eigene Schrift.
Ausgebleicht sind die Aufnahmen. Was einmal leuchtete, ist jetzt fad. Das Grüne gelb. Das Rote hellrosa. Die tiefblaue, ägäische See ... hier ist sie fahlweiß wie Leitungswasser. Der Himmel grau, flau. Die Strahlkraft der Farben ist vergangen. Die Zunge der Zeit hat sie weggeleckt.

Und da liegt in einem Dreckhaufen noch die große, kugelige Vase. Die knallrote mit den fetten, schwarzen Punkten. Die immer ein fröhlicher Farbfleck auf dem Regal in ihrer Dachkammer gewesen ist. Die Vase hatte sie von ihrem ersten, selbst verdienten Geld gekauft!
"Du hast Geschmacksverirrung", hatte Lisa damals gerufen, "da kann ich ja nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen!" Das hatte die Stiefmutter natürlich nicht getan, es hätte auch ziemlich blöd ausgesehen ... aber recht hatte sie doch gehabt. Jetzt versteht Minou Lisa sogar. Denn es ist keine edle Vase. Nur eine grelle, billige aus Steingut. Wie ein lupenvergrößerter Marienkäfer glimmt sie rot und prall aus dem Berg von Abfällen heraus.
"Rette mich!", blinzelt sie Minou zu. Ja sie wird sie retten, damit die Schrottfirma sie morgen nicht auch mit-entsorgt. Die Vase hat einen Sprung, der früher, als sie ihr gehörte, nicht da war. Deswegen hat man sie wohl weggeworfen.

Auch die Fotos, die Papiere, das Poesiealbum nimmt sie mit, als sie heimfährt.
Dort, weit weg von Marienstock, in ihrer winterweißen Wohnung im Norden, betrachtet sie, auf dem Bett liegend, die Aufnahmen aus Griechenland. Eine nach der anderen. Lange. Sie sind kleiner, als die Abzüge, die man heutzutage macht, die Gesichter winzig. Selbst mit der Lupe erkennt Minou die Feinheiten kaum. Aber sie sieht hinter das Sichtbare. Buntes, Vergangenes steigt herauf. Es tauchen Menschengestalten aus dem Dunkel der Jahre, an die sie lang nicht mehr gedacht hat. Deren Bilder aber immer da waren, tief in ihr drin.

*




04
EINE SCHÖNE ZEIT

Minou betrachtet die alten Fotos aus Griechenland. Andròs, Insel der Kykladen.

Strand. Morgenfrühe. Die Sonne ist eben blass aus dem Meer aufgetaucht. Zwei junge Männer stehen im hellen Uferwasser. Lachend, bewehrt mit Holzstücken aus Treibgut, stochern sie in einer Felsspalte herum. Ein Tier, etwas Aaliges, Schlüpfriges windet sich in der Höhle. Ein Monsterkopf zum Fürchten, das Maul schnappt, hundert spitze Zähne fletschend, auf und zu. Eine dieser Muränen, die gern beißen, deren Biss giftig ist. Das kleine Ungeheuer, durch die Menschen irritiert, flüchtet aber ins offene Meer.

In Bermudashorts waten die beiden Männer im Wasser. Nass kleben ihnen die weißen Baumwollhemden an Brust und Rücken. Minou hat sich von dem einen die Leica ausgeborgt. Ist im Fotografiertaumel. Knipst alles Besondere. Etwas Besonderes sind diese Männer. So schön. So fremd. So ... zum in-der-Erinnerung-behalten. Der Dunkelhaarige mit den freundlichen, schwarzen Augen ist Jerry. Der andere - Tomas – blickt stolz und gelangweilt. Sie finden es sicher merkwürdig, immer wieder von ihr mit der Kamera verfolgt zu werden. Minou erklärt ihnen, in welche Position sie sich drehen, zu welcher Seite sie die Gesichter wenden sollen ... der Lichtverhältnisse wegen.
"Sag mal, bist du Leni Riefenstahl?" Tomas - der Ägypter - lacht.
"Was meinst du?", fragt Minou, "WER ist das?"

Die beiden Männer lassen sie machen. Man wohnt nah bei einander. Verbringt die Tage gemeinsam. Freunde sind sie. Nicht, als ob Minou die beiden Typen hemmungslos anhimmelte. Sie schläft auch mit keinem von ihnen – damals nicht - obwohl sie schon eine Weile ständig zusammen sind und jeder Beobachter so etwas vermuten könnte.

Als Minou die Fotos jetzt, nach so vielen Jahren betrachtet, in ihrem weißen Winterschlafzimmer in der kleinen Stadt im Norden Deutschlands, da ist ihr, als stürme das Leben noch einmal auf sie ein. Mit aller Kraft. Sie spürt den warmen Wind der Ägäis und wie die Sonne auf ihre Haut brennt. Ihre Haut ist samtig und golden.


HYDRA

Roh gezimmerte Tische stehen an der Strandpromenade vor dem Kafenion. Und wackelige Stühle aus verwittertem Holz. Auf den Tischen Kaffeetassen, Gläser, Aschenbecher vollgetürmt mit Zigarettenkippen, die eine Windbö jetzt weg weht. Auch eine Landkarte wird von der Brise aufgefächert und davongetragen. Wie ein großer, taumelnder Vogel klatscht sie gegen die weiß gekalkte Mauer am Kai.

Die Stühle sind von Seereisenden belagert. Auf dem Boden lässig verschnürt ihr Gepäck. Junge Männer, im Schatten einer Pergola, strecken ihre ohnehin schon brandrote Beine in die Sonne. Rucksacktouristen sind es, Amerikaner, Engländer. Die Mädchen, braungebrannt, in Bikinioberteilen, kurzen Höschen. Gammlerinnen mit verwehtem Langhaar, Zigaretten lässig zwischen die Lippen geklemmt. Die bunten Weibchen haben sich malerisch zurechtgerückt, denn ein Foto wird gemacht.
"Cheese" muss man flüstern. Oder den Mund so formen, als ob... Das ergibt ein schönes Lachen.

Die jungen Kerle grinsen. Schneiden Grimassen für die Kamera, während sie auf die Fähre warten, die sie weiter bringen wird zu immer neuen Inseln.
Ihre Badesachen liegen noch zum Trocknen gebreitet über den Quadern am Kai. Am Pfeiler lehnt eine Gitarre.

Drüben, auf dem Pflaster bei der Mole knäueln sich Kork, Seile, Taue zu Bergen von Wirrwarr. Dort sitzen alte Fischer am Boden und flicken ihre baumwollenen Netze. Die Vormittagssonne wirft Schatten auf stoische Gesichter. Die Fischer tragen zerknautschte Leinenkappen oder um den Kopf geknotete Schneuztücher gegen die Sonne. Ihre Haut ist in weiche Falten gelegt und gleicht gewässertem Dörrobst. Die Augen sind glanzlos wie matte, braune Rosinen.

Ein Schwammverkäufer ruft mit rauer Stimme etwas auf Englisch, das wie ‚freshness‘ und ‘deepsea‘ klingt. Goldgelbe Naturschwämme direkt aus dem Meer, Prachtexemplare, rund und groß, trägt er, auf Schnüre gereiht, mehrfach um seine Mitte geschlungen wie einen Wulst von Rettungsringen.

Ein weißes Schiff hat gerade angelegt. Die ‚Minotaurus‘. Inmitten von heimkehrendem Inselvolk kommt ein junges Mädchen die Gangway herunter. Das ist ja sie ... Minou. Sie stolpert. Linkisch. Wäre mit ihren hohen, dünnen Absätzen beinahe hingefallen. Kann sich aber auffangen. Lacht in die Kamera ... rot vor Verlegenheit.

Inselleute drängen sich auf der Promenade. Männer vom Markt und vom Hafen. Man umringt Minou. Fasst sie beim Arm. Bei der Schulter. Lässt Wortschwälle auf sie los, die sich gegenseitig übertönen. Die Deutsche versteht natürlich nichts. Weiß nur: die wollen ihr vielleicht etwas verkaufen. Vielleicht ein Pensionszimmer vermieten. Oder vielleicht halten sie sie einfach für besonders ... zugänglich. Ein leichtes Mädchen ? Und sich selbst für unwiderstehlich. Die meisten haben üppiges, schwarzes Haar und kurze, stämmige Staturen.

Sie sehen sich alle ähnlich, denkt Minou, mit ihren pfiffigen Mienen, den mehr oder weniger fetten Bäuchen, die mehr oder weniger wabernd über den Bund der ausgebeulten Hosen herabhängen. Mit den schweißfleckigen Hemden. Den drahtigen Schnauzbärten. Sind alles andere als Casanovas.
Doch sie sind nett einfach, geradeheraus - glaubt sie - und ganz bestimmt gute Menschen.

Seit das Schiff angelegt und einen Passagierstrom aus seinem Bauch entlassen hat, ist es hier wirklich lebendig.
Schwarz gelockte Knaben drängen herbei. Schuhputzerbuben auf Kundenfang. Ihr Handwerkszeug tragen sie in Holzkistchen bei sich. Und hübsche, junge Backwarenverkäufer balancieren auf ihren Köpfen flache Körbe mit Sesambrot und den runden Fladenbroten, die man hier ‚Pita‘ nennt, oder 'Koulouria', ein Gebäck, das irgendwie aussieht wie kleine Zopf- oder Kranzkuchen.

Mit den Ellbogen stoßen sie sich im Trubel gegenseitig zur Seite, um in Minous Nähe zu kommen. Glauben die etwa, sie wäre eine Tussi mit viel Geld? Man umringt sie grinsend von rechts und links. Jerry, der Mann aus Alexandria, knipst das Foto. Die Insel-Jugendlichen scheinen geradezu versessen darauf, mit einer Fremden aufs Bild zu kommen ...

*


PAROS

Da steht Minou in der Nähe der berühmten Windmühle. Minou ist dünn. Schleppt eine riesige Reisetasche aus braunem, bretthartem Leder mit sich herum. Die enthält all ihre Habe. Minou hat den Kopf zurückgeworfen. Lacht. Auf Fotos lacht sie immer. So, als knipse man in ihrem Gesicht das Licht an, sobald irgend jemand auf den Auslöser einer Kamera drückt.

Ungeschützt blicken ihre Augen geradewegs in die Sonne. Blinzeln schmal ... man sieht nur Spalte. Ihre Zähne wirken weißer, als sie wirklich sind, weil ihre Haut so dunkel ist. Das Haar ist kinnlang, lockig, blond. Nicht von jenem schrillen Wunderblond, das Stars wie Anita Ekberg oder Marilyn Monroe so schön macht und das südliche Männer fast in den Wahnsinn treibt. Gewöhnliche Frauen stellen es damals noch mit aggressivem Wasserstoffsuperoxyd her.
Minous Haar ist auch blond, aber unspektakulär. Braunblond. Mit hell schimmernden Strähnen, die die Sonne hineingebleicht hat. Ihre Züge sind weich. Kindlich. Minou ist zwanzig, wie wir bereits wissen. Und sie trägt keinen B.H. Ihre gar nicht so kleinen und sehr festen Brüste sind das einzig Runde an ihrer mageren Gestalt. Wie Himbeeren zeichnen sich die Nippel ab unter dem Stoff der dünnen Bluse.

An die Kleider, die sie damals trug, erinnert Minou sich auf einmal wieder, als sie jetzt in ihrem nordischen Schlafzimmer die Fotos betrachtet. Sie sieht auf einmal genau die Farben vor sich, das Material. Spürt, wie jedes einzelne Stück sich auf der Haut angefühlt hat. Ob seidenglatt oder fest, mollig-weich, wärmend oder leinenkühl.

Wie bequem ist zum Beispiel ihre kuschelige, superlange Strickjacke gewesen. Aus Mohair und Kaschmir, weit, geräumig, blütenweiß, mit großem Kragen, den man hochstellen konnte gegen die kühlen Winde, die abends vom Meer kamen. Ernando, ihr sizilianischer Liebhaber ( oder wie sollte man ihn nennen? ) hatte ihr die Jacke gekauft. In Taormina. Damit sie in den schon beginnenden Herbstnächten nicht frösteln sollte, wenn sie beim Abendessen auf Terrassen am Meer saßen. Denn man blieb bis weit in die Nacht hinein. Ernando wählte die besten und angesagtesten Lokale, die mit der schönsten Aussicht auf Ozean und Sternenhimmel. Meistens waren sie nicht allein. Er umgab sich gern mit Freunden. Er wollte, dass Minou elegant war. Hatte ihr Kleider gekauft und eine Stola aus weißem Nerz. Doch die Kaschmirjacke war etwas Besonderes. Wie sie nie wieder eine gefunden hat. In Griechenland konnte sie sie knüllen und in den Rucksack stecken. Sie war federleicht.

Die langärmelige, seidene Hemdbluse, die man auf den meisten Fotos sieht, liebt Minou zu jener Zeit aber am meisten. Abends bei Kunstlicht ist sie BLAU. Wenn die Sonne scheint, schimmert sie in sattem Türkis und wechselt zu allen Schattierungen des Meeres.

Die Bluse stammt auch von Ernando. Auch aus Taormina. Er hat den Stoff angefasst und schön gefunden. Wenn Minou später mit ihren Händen in die weichen Ärmel hineinschlüpft, ist es, als spüre sie noch einmal die Berührung des Geliebten auf ihrer Haut. Und an schlechten Tagen fängt sie zu schluchzen an, dort in der griechischen Verbannung.

Das strahlende Weiß ihrer Leinensachen, der Schuhe und Taschen aus kostbarem Leder, die Ernando für sie ausgesucht hat, das Rot der Korallenketten, die Minou damals ständig um Hals und Handgelenke baumeln, das sind für sie von da an und für immer die Farben dieser Sommer geblieben. Ihrer Sommer.

Sie hat auch ein besonderes Parfüm in jenen Jahren. Aus Chypre, der Substanz von Zitrusfrüchten, den Blüten subtropischer Pflanzen wurde es in einer Boutique in Siracusa ganz allein für sie gemixt. Jede Kundin konnte sich da unter hundert Ingredienzien die für sie passenden aussuchen und den Anteil der einzelnen Inhaltsstoffe in ‚ihrem‘ Parfum bestimmen. So war jeder Duft einzigartig. Nur für die EINE Trägerin komponiert.

"Minou - keine andere Frau riecht so gut wie du", hatte Ernando ihr schnüffelnd und lachend gesagt. Aber dann in Griechenland hatte sie bald nur noch einen Rest im Fläschchen. Der würde bald zu Ende sein, so sparsam sie auch damit umging. Keine Möglichkeit mehr, es nachzukaufen.

Nein, sie hat nichts vergessen. Die Gerüche, die Farben von damals verschmelzen in ihrer Erinnerung miteinander, blenden ihre kleine Person für immer ein in das gleißende Licht, in das Lebensaroma des Südens, Siziliens, des 'Mezzogiorno'. Holen ihre Gedanken zurück in jene Sommer, von denen sie gemeint hat, dass sie niemals enden würden.

Jahrzehnte später noch wird sie den Geruch wahrnehmen. Plötzlich für Sekunden. So, als hänge ein winziger Hauch davon in einem Taschentuch, einem Brieffetzen. Dieser Duft in ihrer Erinnerung wird ihr für einen vergänglichen Augenblick wieder das Mittelmeer ins Gedächtnis zurückrufen wie es damals war, die zerklüfteten Felsenküsten und Lavastrände zu Füßen des Ätna, die kühlen, klaren Fluten vor Taormina. Und IHN...

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Dann in Griechenland geht Minou der Schmuck verloren und ein großer Teil der Kleider, die sie an Ernando erinnert hatten, als ihr zwischen Athen und Peloppones auf einer Busfahrt ihr großer Koffer gestohlen wird.
Es ist ohnehin unsinnig gewesen, immer mit einem so sperrigen Ding herumzufahren, wenn man wie ein Nomade unterwegs war. Danach reist sie mit leichtem Gepäck... nur noch mit der großen Tasche. Doch die ozeanfarbene Bluse ist ihr geblieben. Die trägt sie auf den ägäischen Inseln fast jeden Tag. Dennoch muss sie bald mit ansehen, wie die mattglänzende Seide ständig blasser wird, bis hin zu einer verwaschenen, fast farblosen Helligkeit, die sie aber als ‚auch interessant‘ akzeptiert. Sie hütet die Bluse wie einen Augapfel, flickt und repariert sie immer wieder. Doch eines Tages ist ihr kostbarstes Stück, das sie eigentlich für immer hatte behalten wollen, endgültig zerschlissen wie irgend ein x-beliebiger Fetzen.

Diese Bluse ist das einzige Kleidungsstück in ihrem Leben, das Minou bis zu seiner Auflösung trägt. Bis zu dem Tag, wo es ihr trotz noch so großer Schonung buchstäblich vom Leib fällt...

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HYDRA NOCH EINMAL

Früher ist die Insel mächtig gewesen. Die alten Herrschaftsvillen sind noch da. Die zeugen von ihrer einstigen Größe. Von ihrer Flotte, die die weite Ägäis beherrschte. Und von den reichen Herrn Kapitänen.

Hoch oben an den Hängen der Hügel leuchten zwischen Pflanzengrün und Felsen schneeweiß die kubusförmigen Häuser. Die sind fest an die Steilwand gebaut. Gassen führen hinauf und krumm getretene, uralte Treppen. Grobporig ist das Mauergestein der Wälle und Wände, der Stufen und bröckelnden Simse, die man wieder und wieder wie seit Menschengedenken mit einer Schicht kreidigen Kalkes makellos weiß übertüncht. Es tut weh in den Augen.

Die Luft ist wie Glas an jenem längst vergangenen Tag. Und Minou erinnert sich wieder an das dünne Gebimmel des Klosterglöckchens vom Turm her. Als sei es gestern gewesen. An den Hahnenschrei aus der Ferne. Den störrischen Brunftlaut eines Mulos am Mittag. U n d an die Stille.
Die Mauern sind weiß. Wenn man sich anlehnt, glüht das heiße Gestein, als habe es Feuer gehortet. Dann spürt man den tiefen Sommer.
Das Meer ist türkisblau und träge. Nur einmal am Tag ertönt der Nebelhornton der unten im Hafen einlaufenden Fähre.


Oben, auf den bröckelnden Stufen am Hang sitzen ein paar Menschlein. Eng zusammengerückt. Die sind so winzig, dass man ihre Gesichter sogar mit der Lupe nicht erkennen kann. ‚Das waren wir‘, denkt Minou, ‚von tief unten, vom Strand her fotografiert. Und dort, auf dem Gipfel des Hügels ist das Haus, in dem wir wohnten.‘

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ÄGINA

Auf einem schaukelnden Segelboot stehen Elena, eine Griechin und die zwei Männer aus Alexandria, Tom und Jerry. Auch Minou. Jeder hat ein Waffelhütchen Eiscreme in der Hand, und es sieht komisch aus, wie sie alle vier synchron an ihrem Eis schlecken und in die Kamera grinsen. Minou hat zwei Portionen. Sie hält auch die von Jorgos, dem Besitzer des Bootes, der das Foto knipst. Die Eiscreme zerfließt schneller in der Sonne, als man sie ablutschen kann.

Eben haben sie noch in einer Fischerkneipe zu Mittag gegessen, Rotwein getrunken. Jetzt werden sie ein wenig in den blauen Buchten herum schippern. Gut gelaunt, kichern sie über Kleinigkeiten – die Griechin und die Deutsche eingerahmt von den beiden Männern – Elena mit ihrem schönen Lächeln und sie, mit dem Minou-Lachen, das immer kindisch ist und irgendwie auch ... albern.
Elena ist klein, Minou dagegen ziemlich groß für ein Mädchen, aber der Zwei-Meter-Typ Jerry beugt seinen Kopf tief zu ihr hinunter, sieht sie von der Seite her an und zeigt dabei das perfekte Profil eines sehr gut aussehenden Mannes. Blickt ihr tief und lächelnd in die Augen. Alles ist Spiel, Spaß. Als Erinnerung ist das Foto gedacht an eine übermütige Zeit.

Auch auf diesem Bild hat Minou die seidene Bluse an, die ihr bis knapp zu den Schenkeln reicht. Darunter trägt sie nur das Bikini-Höschen. Ihre Beine sind nackt. Lang. Braungebrannt. Sie ist barfuß.

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ELENA

Elena im weißen, einteiligen Badeanzug, gehört eigentlich in die Mitte des Bildes. Denn sie ist das Herz der kleinen Gesellschaft: Elena aus Athen.
Dicht gekräuselt reicht ihr die schwarze Haarpracht bis über den Rücken. Den Kopf hoch erhoben, so steht sie da. Stolz und süß wie Circe, die Zauberin, die einst - so schreibt Homer - Seefahrer in Schweine verwandelte. Die ‚schöngelockte Göttin‘ aus der Odyssee.
‚Schöngelockt‘ und rätselhaft ist auch Elena und mit ihrem beunruhigenden Lächeln bestimmt imstande, wie Circe, die Triebe der Männer zu schüren. Sie wird es immer wieder beweisen. Ihr Lächeln ist listig. Ihr Lächeln ist ziemlich einladend. Aber wenn einmal keine interessanten Typen in der Nähe sind oder sie vom Flirten müde ist, dann sieht sie plötzlich so ernst aus und keusch wie die Kyriatiden - die züchtigen Jungfrauen aus Stein, die an der Akropolis stehen.

Elenas Nase ist gerade. Und lang. Nicht niedlich wie die von Gina Lollobrigida oder Brigitte Bardot, den bekannten Schönheiten jener Jahre. Es fehlt Elenas Stirn auch die Einbuchtung oben bei der Nasenwurzel. Das gibt ihrem Profil das Klassische, Hellenische.
Ihre Züge sind wie die einer antiken Marmorgöttin: Aphrodite ... archaisch. Und vertraut. Minou hat in der Schule im Geschichtsbuch solche Abbildungen gesehen.
Es ist, als habe sie Elenas Antlitz schon immer gekannt. Es stammt aus ... uralten Zeiten.

Aber trotz ihres strengen, klassischen Profils sprühen die Züge der Athenerin vor Leben und Bewegung. Wo doch sonst Edles, Klassisches oft langweilig wirkt, wenn es in Museen in Reih und Glied aufgestellt ist.

Der Eindruck der gar nicht sanften, sondern kraftvoll sich bemerkbar machenden, lautstarken Persönlichkeit der Griechin steht im Gegensatz zu der kühlen, reinen Hoheit ihrer antik gemeißelten Züge. Sie spricht gern Fremde an, ihre Augen lachen Kerlen zu, Keinen Augenblick steht Elena still und strömt doch Ruhe aus. Paradox. Wie auch immer ... ihr Gesicht ist schön. Und es ist BESONDERS. Vorübergehende drehen sich um. Männer vor allem. Aber auch Touristinnen starren ihr nach.

Elena hat die schwärzesten, längsten Wimpern der Welt. Bei jedem Lidschlag werfen sie zitternde Schattenlinien bis tief über die Wangen.
Ihre golden gebräunte Haut glänzt wie Seide neben dem Schneeweiß des Badeanzugs. Elena, Kind des Sommers. Sie räkelt sich gern in der Sonne. Dabei ist ihr Teint samtweich und ohne eine einzige Falte geblieben. Den Kopf hält sie stets mit einem knappen, weißen Leinenhütchen bedeckt.
Wollte man ein Attribut finden für ihr Gesicht, so wäre das: lieblich. Trotz der ausgeprägten, klassischen Nase. Lieblich deswegen, weil auf ihren Mundwinkeln immer ein Lächeln hin- und her springt. Ebenso in den Augen.

Ganz jung ist die Athenerin nicht mehr. Dreißig? Zweiunddreißig? Da ist eine rührende Naivität in ihrer Person, denkt Minou. Aber auch Weiberschläue. Mit leichter Hand holt sie sich aus dem Leben heraus, was sie haben will. Etwas, das IHR SELBST viel schwerer gelingt

Um diese Griechin liegt eine Aura, die Minou sich nicht erklären kann. Eine große Energie scheint sie zu durchfluten und aus einer Lebensschicht herzurühren, die viel tiefer und älter ist, als ihre hübsche Person. Ein Kraftfeld muss in ihr sein, das vielleicht über Generationen hinweg aus uralten Wurzeln ans Licht drängt. Aus den hellen Zeiten des alten Griechenlands scheint Elena entsprungen, den Kindheitstagen der Menschheit. Das heile Lächeln Pans, des irdischsten aller Götter, bricht manchmal komisch und lustig aus ihrem Gesicht hervor, denkt Minou.

Sie gefällt allen. Ist dabei äußerlich überhaupt nicht perfekt, stellt die Deutsche staunend fest. Elena entspricht nicht dem, was die Leute, die SIE bisher kennengelernt hat, als weibliches Idealbild empfinden würden. Die Athenerin hat, im Gegensatz zu all ihren sonstigen Schönheiten, einen leicht vorgewölbten, runden Bauch. Ihre Hüften sind nicht wirklich schmal. Und ihr Hinterteil ist eher ... ausladend. Auch sind die Beine ziemlich kurz. Um es nicht falsch zu verstehen: Elena ist keine schwerfällige oder gar dicke Frau. Sie ist aber auch nicht gertenschlank.

Minou findet, dass sie selbst eine bessere Figur hat. Klar. Was aber die Gesichtszüge betrifft, da ist ihr Elena haushoch überlegen.

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TOM und JERRY

Die beiden Männer aus Alexandria sind einander an Attraktivität ebenbürtig. Sehr positiv auffallende Exemplare ihrer Gattung. Sie unternehmen alles gemeinsam. Reißen gemeinsam Frauen auf. Trennen sich auch in weiblicher Gesellschaft kaum mehr als einige Stunden voneinander. Jeder von ihnen scheint in sich all das zu vereinen, was einen Mann ausmacht. Keiner von beiden steht dem anderen auf irgend eine Weise nach.

Jerry, stark von der Sonne gebräunt, könnte ein Araber sein, denkt Minou. Nomade. Vielleicht Sohn eines ... Scheichs – haha. Seine Augen, dunkel wie die Nacht, sprechen von kaum verborgenem Feuer. Wenn er lächelt, gefährlich lächelt, kreisen um seine Pupillen winzige, topasgelbe Punkte.
Wie im Auge des Tigers, denkt Minou erschauernd, und dass er ein Beduinenantlitz hat, denkt sie, ein Gesicht wie aus einem Guss. Mager. Makellos geschnitten seine Wangenknochen und der wuchtige Mund mit den harten, herben Konturen! Alles Überflüssige, Weichliche ist wie durch Wind und Wüstensand von seinen Zügen heruntergeschliffen. Der Mann hat wuchtige Schultern, schmale Hüften. Sein Haar, afrikanisch gekräuselt, zentimeterkurz geschoren, von schwärzestem Schwarz, liegt eng wie ein Vließ um seinen schmalen Kopf, lässt seinen robusten Nacken sehen, die starken Sehnen des Halses. Er wirkt schlank, elegant, trotz seiner Muskeln und seiner Größe. Alles an ihm ist Harmonie. Ein Vielgeliebter, Vielbegehrter, der um die eigene Wirkung vielleicht nicht einmal weiß. Sich jedenfalls nichts darauf einzubilden scheint.
Minou meint, sie habe nie im Leben in unergründlichere Augen gesehen - die ‚ihres‘ Ernando natürlich ausgenommen !
Die dunkle Stimme, die Sicherheit, die Jerry ausströmt, sind so, dass es bestimmt keine Frau gibt, die sich nicht seinem Schutz anvertrauen, seiner Stärke hingeben möchte.

Der andere, Tomas, hat wie sein Freund breite Schultern und einen perfekten Körper. Er ist ebenso hoch gewachsen wie Jerry, sein Gesicht aber, unter mäßiger Bräune, wirkt manchmal bleich, als habe er die Farbe daraus zurück gezogen. Doch es ist keine kranke Blässe. Eher eine gelangweilte. Auf seinen Zügen liegt ein überlegener, oft abwesender Ausdruck. Minou hat schon bald bemerkt: der Snobismus, den er zur Schau trägt, ist ein Schutzschild, hält Zufallsbekannte in respektvollem Abstand und verweist Plaudersüchtige in ihre Grenzen. Um Toms dünne Lippen deutet sich manchmal ein Lächeln an, aber die grauen Augen lächeln nie ...
Seine Nase ist wuchtig. Lang. Kühn geschwungen. Wie die der Herrscher in den Schluchten des Balkan oder im wilden Kurdistan, denkt Minou.
Ach, ja, solche Beschreibungen kennt sie aus Karl-May-Büchern. Aber wirklich: Toms Züge sind düster.
Von einer schicksalhaften Düsternis, sagt sie sich sogleich pathetisch, und denkt dabei an die undurchschaubaren Helden aus Felix Dahns Roman: ‚Ein Kampf um Rom‘. Das sind die Männer, von denen Minou in ihrer Kindheit geträumt hat.
Eines ist sicher: solche Attribute wahrer, furchtbarer, unerklärbarer Männlichkeit treffen auf keinen anderen so zu, wie auf diesen schweigsamen Fremden aus Alexandria.
Sein hellbraunes Haar ist, im Gegensatz zu dem knappgeschorenen Jerrys, üppig und recht lang. Perfekt gestylt, umgibt es in natürlichen Locken sein Gesicht. Er hat kultivierte Manieren, geht höflich mit seiner Umgebung um. Doch wirkt er niemals glatt oder gefällig. Nicht einmal freundlich.
Von Anfang an ist er herablassend zu Minou. Er beobachtet sie mit aufmerksamen – ( missbilligenden ? ) - Blicken. Das verunsichert das Mädchen und sie müht sich um so mehr, von ihm beachtet zu werden.

Mit Jerry, dem für sie leichter Erreichbaren, verbinden sie lockere Gespräche und gegenseitiges Wohlwollen, denkt sie.
Komisch ... wie aus dem Cartoon-Heft klingen die Namen der beiden: Tom und Jerry! Die passen überhaupt nicht zu Männern wie ihnen. In Wahrheit müssten sie ganz anders heißen, meint Minou, Rahil etwa. Andor. Harun ...

Sie reden englisch mit ihr, griechisch mit Elena und den Einheimischen. Manchmal brechen sie in eine harsche, schnelle, fast gehetzt klingende Sprache aus, wenn sie allein sind miteinander.
"Ich weiß nicht ...", sagt Elena, "ihr Englisch ist mit sonderbarem Akzent, ihr Griechisch definitiv fehlerhaft ... dabei sagten sie doch, sie seien Griechen aus Alexandria ... Also, ich zweifle ...
Einmal bemerkt Minou, als Tomas neben ihr beim Zahlen in einem Restaurant seine Brieftasche öffnet: er hat darin einen 'Passport of the United States of America.'

Hünenhafte Gestalten sind sie beide. Wo immer sie auch herkommen, hier auf den Inseln ist niemand so attraktiv wie Tom oder Jerry. Sie überragen selbst die hochgewachsenen Touristen aus Europas Norden noch um eine halbe Kopflänge.
Um beide schwebt ein Ruch von wilder, ungezügelter Männlichkeit. Kraft.
'Und eine Gefahr', denkt Minou erschauernd.
Tomas und Jerry, die einzigen auf ihrer jetzt schon sechs Monate dauernden Gammlerreise, die sich mit ‚ihrem‘ Ernando, dem Conte, messen können.
Sie sind gute zehn Jahre jünger als er, denkt Minou, doch von seinem Schlag. Von ebenso selbstverständlicher Überlegenheit. Im Umgang mit Menschen ebenso geschickt und souverän. Ebenso ... schön. Schönheit ist damals für Minou die wichtigste Sache der Welt.

Wie Ernando, der Sizilianer, so sind auch die beiden aus dem Stoff gemacht, aus dem dieses Mädchens Träume schon immer waren.

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05
WOHER DER NAME KOMMT

"Wissen sie, Herr Dr. Goldberg, ich heiße nicht wirklich Minou, den Namen hat der kleine Maxl erfunden."
"Aha!"
"Ich hab Ihnen ja schon erzählt: meine Mutter starb bei der Geburt von Werner, meinem Bruder, als ich ein Jahr alt war. Mit viereinhalb kam ich dann nach Marienstock zu unserer neuen Mutter, der Lisa, denn Papa hatte inzwischen wieder geheiratet. Ja und da hab ich dann im Krieg noch einmal ein Brüderchen bekommen. Ein Stiefbrüderchen.
"Den Maxi", sagt der Doktor.
"Ja, und er hat bei seinen allerersten, komischen Redeversuchen meinen wirklichen, meinen SCHEUßLICHEN Namen nicht aussprechen können und statt dessen etwas ganz Neues aufgebracht.

Rückblende.
Kichernd, mit strahlendem Gesichtchen, hopste er im Laufstall auf und nieder, patschte die winzigen Händchen zusammen und krähte ihr eines Tages lautstark seine Wortschöpfung entgegen: "Eminu- minu- minu." Und danach jedesmal wieder, immer wenn sie von der Schule heimkam und in der Wohnküche ihre Aktentasche in die Ecke feuerte: "Minu - minu - minu."
Das, was der Babybruder da so quirlig herausjuchzte, hörte sich hundertmal besser an, als der ekelhafte Name, den sie ihr in der Taufe gegeben hatten.
Die Nachbarmädchen hießen verführerisch Linda, Verena, Rosemarie. Und die Cousine hieß Else. Was auch interessant klang und BESONDERS. Nur IHR Name war grauenvoll. Sie schämte sich jedesmal, wenn sie ihn hörte. Ihre ‚wirkliche‘ Mutter habe ihn ausgesucht, hatte man ihr erklärt. Deshalb wollte sie ihn ja gern ‚gut‘ finden. Aber sie konnte nicht. Auch konnte sie nie herausbekommen, warum ihre Mutter, ihr einen so blöden Namen gegeben hatte ... und ... er wurde ihr immer widerlicher mit jedem Jahr.
So heißt höchstens ein Bauerntrampel, aber doch kein Kind, das man lieb hat, dachte sie und hätte doch gern auch einen Namen voller Zauber, Anmut und Geheimnis gehabt. Sie hatte schon im Bett geheult, deswegen.

Es war furchtbar: Denn HERMINE hieß sie. Hermiiiine. Und besonders übel tönte es, wenn manche Leute ein 'lein' hinten anhängten. Oder ein 'chen'. Weil sie ihn mit Niedlichkeit verbinden wollten, damals, als sie klein war. Oder doch eher mit Erbärmlichkeit. Denn sie war ein mickriges Kind!
"Minchen" riefen sie dann, oder "Hermchen". Hermchen, das war die Härte. Das sagten sie, wenn sie NETT sein wollten!

Als Hermine also so zirka neun Jahre alt ist und der Babybruder ihr jeden Mittag, wenn sie von der Schule heimkommt, mit wachsender Begeisterung sein "Minu - minu - minu" durch die Wohnküche entgegenkräht, gefällt ihr das sehr ... da macht sie die anderen immer mal wieder darauf aufmerksam, leise, eher so wie nebenbei. "Klingt das nicht total ulkig", fragt sie: "MINU" ??

Erst ignorieren die, was der kleine Wicht, hochhopsend, die Ärmchen nach ihr ausbreitend, so süß und beharrlich Tag für Tag ... Irgendwann beginnt aber auch Werner – Hermines ‚echter‘ Bruder - sie so zu nennen. Und die Cousine Else. Und Tante Zilli, Elses Mutter.

Das ist Hermine gerade recht. Der soviel interessanter klingende Name passt anscheinend zu ihr. Nach einem Jahr nennen alle sie so, die Nachbarkinder, die Schulkameradinnen: MINU

Der neue Name gefällt ihr gut. Hört sich chic an. Ein bisschen rätselhaft ... und ‚frivol‘, so wie sie gern einmal werden möchte. Und damit es besser aussieht, wenn er geschrieben steht, fügt sie ihm noch ein ‚o‘ hinzu, denn inzwischen lernen sie Französisch in der Schule und ‚Minou‘ das ist doch etwas!

"Hermchen", "Minchen", auch "Her-miiii-ne-lein" - so hatte die Tante Anna sie gerufen - sind für immer im Land der Kindheit untergegangen, Gott sei Dank!

"Sie haben vielleicht bewusst darauf hingearbeitet, Sich einen neuen Namen zuzulegen", meint Dr. Goldberg schlau.
"Nein, überhaupt nicht."
"Aha!"

"Aber Papa rief mich weder bei meinem alten, noch bei meinem neuen Vornamen. Er nannte mich, wenn wir allein waren, gar nicht, sondern sagte einfach "du" und das war ja auch in Ordnung. Vor anderen titulierte er mich - oft vorwurfsvoll - mit: "Das da". Nur später, in seltenen Momenten, in denen er ab und zu mit mir zufrieden war, da tönte er dann stolz: "Meine Tochter."
Und Lisa, die zweite Mutter, rief mich weiterhin so wie vorher: Hermiiine!
"Das andere, das ist überhaupt kein Name", meinte sie, "sondern der ‚Gipfel der Albernheit‘. Deine Verrücktheiten werde ICH nicht noch unterstützen. Aber gesponnen hast du ja schon immer."

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06
TANTE ANNA

Bis fast zu ihrem fünften Jahr lebt Minou – damals noch Hermine – bei Tante Anna in Unterstetten.

"Miiinelein", ruft die Tante Anna, wenn das Kind draußen im Garten spielt: "Miiinelein, komm 'rein." Sie trällert die Silben hell, glockenklar durch die rußige Luft, dass man es weithin schallen hört. In Unterstetten stehen die Häuser eng beisammen.

Die Stimme der Tante hat einen Sing- Sang, der bohrt sich seltsam durch die Ohrgänge. Dann unterbrechen die Nachbarinnen in ihren Gärten das Unkrautjäten oder Gemüse-Gießen, wenden die Köpfe in Richtung des Lieblang‘schen Küchenfensters, wo Annas rotglänzendes, freundliches Gesicht, von dunkelbraunen Dauerwellenlöckchen umrahmt, gutgelaunt herausschaut.
"Hermiiiii-ne-lein komm 'rein, Hermiiiii-ne-lein komm 'rein", singt die Tante. Aber Hermiiiinelein lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Sitzt in der Mauerecke und spielt mit irgendwelchen Steinen oder Hölzchen.
"Miiinelein, komm essen."

Die Frauen blicken auf das Kind. Dann zur Tante hin. Grinsen. Wenn gerade zwei beisammen stehen, flüstern sie miteinander. Aber natürlich grüßen sie auch fröhlich und freundlich: "Guten Tag, Fräulein Anna, schönes Wetter heute!"
"Das kann man wohl sagen", antwortet die Anna darauf ... oder auch: "Na ja, es geht!"

Eines Tages hört Hermine aus dem Getuschel der Nachbarinnen, dass die Tante ein 'buckliger Krüppel' wäre.
"Einen Mann wird die nie abbekommen. Dabei ist ihr Gesicht gar nicht so übel!"
"Was ist ein buckliger Krüppel?", wird das Kind später Lisa, die Stiefmutter, fragen, als es dann oben bei ihr in Marienstock wohnt.
"Das ist ... na ja, wenn jemand so ein Ding auf dem Rücken hat ... einen Höcker nennt man das ... du weißt schon ... das ist eine schwere Bürde."
"Tut es weh?", fragt Hermine.
"Nein, weh tut das nicht. Ich hab auch keine richtige Ahnung", sagt Lisa.

Das mit dem Buckel der Tante fällt dem kleinen Mädchen lange Zeit nicht auf. Oder es schaut nie richtig hin. Und Tante Annas Gesicht ist immer nur ein kleines Stück über dem seinen, als Minchen dann vier Jahre alt ist und sie Hand in Hand durchs Dorf gehen. Während die Gesichter der anderen Erwachsenen immer turmhoch entfernt scheinen. Die Tante schaukelt ein wenig, so von einer Seite auf die andere, beim Laufen. Weil ihre Beine kurz und krumm sind. Aber das merkt das Kind auch erst viel später. Und irgendwann erfährt es aus den Gesprächen der Nachbarinnen: "Die Anna ist ein Zwerg."

"Was glauben Sie denn ... meine Tochter ist nicht von Geburt an so", hatte die Unterstettener Oma einem Arzt an den Kopf geworfen, als der bei einer Untersuchung so sonderbar gefragt hatte, ob es noch mehr ‚solche Fälle‘ in der Familie gäbe. Der Doktor hatte auch verlangt, dass sie irgendwelche Bögen ausfülle, die Oma. Da war sie dann aber fuchsteufelswild geworden, so erzählten die Tanten später. Sie seien erbgesunde Leute, hätte sie stolz gesagt, ihr Gatte seit fünfunddreißig Jahren Bergmann unter Tag und in der ganzen Zeit nur einmal für eine Woche krank geschrieben. Dazu zwei baumstarke Söhne an der Front!

"Nein, nein, meine Anna war ein ganz normaler Säugling", habe sich die Unterstettener Oma verteidigt. "Einmal aber lief mir die Suppe über ... ich rannte zum Herd, da ist mir die Anna vom Wickeltisch gefallen. Geschrien hat sie, doch gleich wieder gelacht. Alles schien in Ordnung. Ich erzählte es nicht einmal weiter, weil‘s mir gar nicht so wichtig vorgekommen ist. Die Kleine war nämlich danach so munter wie immer. Erst später, da wollte und wollte sie nicht richtig wachsen. So ist das gewesen!"

Eines Tages wurde die einundzwanzigjährige Anna zum Gesundheitsamt vorgeladen und untersucht. Aber man konnte trotz des körperlichen Gebrechens weder geistige Abnormitäten, noch gravierende Organschäden bei dem Mädchen feststellen.

"Sie haben eine intelligente Tochter, die sich durchaus im Leben behaupten und ein nützliches Mitglied der völkischen Gemeinschaft sein wird", wurde der Oma am Schluss mit auf den Weg gegeben.
"Und was ihre äußerlichen Missbildungen betrifft, liebes Fräulein", sagte der Arzt in Annas freundliches Gesicht hinein, "da haben sie einen berühmten Leidensgefährten in unserem hochverehrten Herrn Dr. Goebbels. Er ist auch ein Körperbehinderter und doch ist ganz Deutschland stolz auf ihn ..."

"Dein Vater hätte dich besser woanders unterbringen sollen", werden die Marienstocker Verwandten aber Jahre später zu Hermine sagen. "Die Anna war nicht die Richtige für dich. Die hatte von Kinderaufzucht keinen blauen Schimmer. Die hat dich verkommen lassen. Du sahst so elend aus, als der arme Oskar dich einmal in seinem Urlaub zu uns heraufgebracht hat ... wir sind alle zu Tode erschrocken."

"Wie das Leiden Christi", wirft Tante Friedchen ein, "rappeldürr und nicht blass, nein ... grün bist du gewesen! Grün im Gesicht. Da sagten wir, er solle dich um Gottes Willen nicht mehr da hinunterschicken, zu DENEN."

"Du warst dreckig. Und gestunken hast du ... bestialisch. Der Durchfall ist dir aus der Hose herausgequollen", sagt Onkel Fritz, "und kaum warst du hier bei uns im Wohnzimmer, da hast du dich schwupp-die-wupp unter den Tisch verkrochen. Drei Jahre alt bist du damals gewesen. Der arme Oss hat uns allen leid getan! Er hat geheult wie ein Schlosshund. Und er konnte doch nichts machen, er musste ja wieder an die Front!"

Dann wollte sich unsere Mutter um dich kümmern und wir haben für dich ein Bettchen hier in Marienstock in die Küche gestellt.
"Anna gehen, Anna gehen, Anna gehen", hast du aber geschrien. Tag und Nacht. Wie eine kaputte Schallplatte. So hast du an deiner buckligen Tante gehangen. Es hat uns wahnsinnig gemacht, dieses "Annagehen, Annagehen. Immer dieselbe Leier, stundenlang. Bis du vor Ermüdung eingeschlafen bist. Kaum aber machtest du die Guckaugen auf, da fing‘s wieder an: "Anna-gehen."

"Könnt ihr nicht mal den kleinen Brüllaffen abschalten", haben die Nachbarn herübergebrüllt.

"Ich war damals Lehrling und musste jeden Morgen um sieben mit dem Zug nach Brückenstadt fahren", erzählt Onkel Willi. "Ich schlief im Zimmer nebenan. Nach drei Nächten war ich fix und fertig mit den Nerven. Es hätte nicht mehr viel gefehlt, ich hätte dich genommen und an die Wand geklatscht ... Natürlich ... das meint man nicht im Ernst. Ich will damit nur sagen, dass wir alle auf dem Zahnfleisch gingen. So wie du dich aufgeführt hast! Du warst ja nicht zu bremsen. Sowas ist nicht normal. Geschrien hast du und getobt und an den Stäben deines Bettchens gerüttelt, dass der Fußboden wackelte ... Morgens hast du uns den Brei in die Gesichter gespuckt. Da mussten wir dir die Nase zuhalten, damit du überhaupt etwas geschluckt hast. Du wärst uns glatt verhungert. Nach vier Tagen waren wir alle so mit den Nerven fertig, dass die Oma mich bat, dich um Gottes Willen doch lieber wieder runterzubringen nach Unterstetten ... Wir haben ja froh sein können, dass die Anna dich nochmal übernahm.

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EIN GEBURTSTAG

Unterstetten, Frühjahr 1943. Hermine ist vier Jahre alt und schläft immer bei der Tante Anna im Bett. Aber die steht schon früh auf, weil sie ja arbeiten gehen muss. Einmal kommt der Großvater in die Kammer, nimmt das Kind und setzt es auf die Fensterbank. So wie es ist, im Unterhöschen. Nur seine Füße reichen durchs geöffnete Fenster nach draußen.
Der hölzerne Rollladen ist halb hochgezogen und die Sonnenstrahlen malen Streifen auf Herminchens dünne, nackte Beine.
Das Haus der Lieblangs steht hoch oben an der höchsten Stelle der Steinbergstraße. Mit weitem Ausblick bis nach Appach hinüber.

"Guck mal", sagt der Großvater und weist mit der Hand nach draußen.
In den Gärten ist alles schon grasgrün. Blumen blühen. Gelb die Osterglocken, violett der Flieder. Ein süßer Duft weht bis herauf zu ihnen in den zweiten Stock.

Aber an diesem Morgen ist nichts wie sonst. Sondern ... alles ist rot. Unten im Tal. Rot. Wo das Kind auch hinschaut, wehen Bahnen aus rotem Stoff. Tücher so lang wie die Häuser hoch sind. Rot ... Rot. Soviel, dass die Häuser von Appach darunter verschwinden. Auch weiter weg nach Ruhwies zu wehen und wirbeln die Tücher im Wind. Alles ist rot. Das kleine Mädchen vergisst sogar, dass es friert.

"Was ist das? Warum haben die das gemacht, Opa?"
"Heute ist Führers Geburtstag", sagt der Großvater. "Das sind FAHNEN."

Als das Kind den Kopf dreht, nach Unterstetten zu, sind auch dort lauter rote Fahnen.
Später wird das kleine Mädchen einen Rock aus solchem Stoff bekommen. Weil es nach dem Krieg massenhaft davon gibt und sonst nichts, woraus man etwas zum Anziehen nähen könnte.

Männer und Kinder laufen an diesem Morgen unten durch die Steinbergstraße. Alle in eine Richtung. Die Kinder haben auch rote Fahnen. Kleine.
Wenn Leute am Fenster vorbeikommen und hochblicken, rufen sie: "Heil Hitler, Herr Lieblang!" Der Opa grüßt dann jedesmal feierlich zurück: "Heil Hitler." Der Opa ist ein ernster Mann.

Das Kind weiß ... die Unterstettener Oma weint immer in der Küche, weil der Onkel Alex, der selbst noch ein Kind war – hat die Nachbarin, Frau Meinert, gesagt - der ist schon im Krieg gefallen. An der Ostfront. Der andere Onkel, der Arnold, ist ‚vermisst‘ und das Beten hilft auch nicht mehr, sagt der Opa. Aber die Tante Anna betet jeden Tag für ihn.

Oben vom Marktplatz her knattert und kracht es furchtbar durch die Luft bis zu Herminchen hin. Das tut in den Ohren weh. Gestückelte Wörter und Sätze, die man nicht versteht und so Auseinandergerissenes. Und Knacken. Und lauter Lärm. Dazwischen Krächz-Musik.

"Was ist das, Opa?"
"Das ist ein Lautsprecher. Die probieren ihn jetzt aus. Da wird nachher jemand eine Ansprache halten ..."
"Was??"
"Zu den Unterstettener Leuten wird einer reden, weißt du ..."
"Wer?"

"Guck, im Hof hängt die Frau Meinert Wäsche auf, wink ihr mal", lenkt der Großvater das Kind ab.
Minchen winkt.

Jetzt redet jemand ganz laut oben auf dem Marktplatz. Aber Minchen versteht vor lauter Krachen und Knattern auch jetzt nix.
"Opa, was sagt er dann, der Mann an dem Lautsprecher, verzähl mir's doch!"
"Quark redet der ... ach ... komm weg da ... es ist noch zu kalt draußen!", murmelt der Großvater und hebt die Kleine wieder vom Fensterbrett herunter.

*




DAS BRAVE KIND

"Du bist ja immer so brav gewesen", sagt die Tante Anna viele Jahre später mit Tränen in den Augen, als Minou einmal in Unterstetten zu Besuch ist.
"Eine so liebe Kleine warst du! Als dein Onkel Willi dich damals zurückgebracht hat aus Marienstock, da bist du auf Fußspitzen durch die Küche getanzt ... wie eine Ballerina. Und hast vor Freude gesungen. Gesungen! So froh bist du gewesen, wieder daheim zu sein. Und so brav warst du immer. Tagelang hat man dich überhaupt nicht gehört. Gespielt hast du allein für dich in irgend einer Ecke. Halbe Tage lang. Mit einem Bällchen oder irgendwas ... Hast sonst nichts gebraucht. Vor Leuten bist du davongelaufen. So ein schüchternes kleines Ding warst du! Und so brav!"

"Das mit dem Brav-Sein, ist ja wohl ein Witz", ruft Tante Ida, Annas jüngere Schwester.

"Jetzt kann ich es dir ja ruhig erzählen, Hermine ... also ... einmal habe ich dir an Weihnachten eine nagelneue Puppe geschenkt. So eine mit Porzellankopf und Schlafaugen. Ein schönes Stück. Wo es doch damals mitten im Krieg so gut wie nichts mehr zu kaufen gab. Da warst du drei Jahre alt oder vier. Andere Kinder wären vor Freude an die Decke gesprungen ... Aber du? Der herrlichen Puppe hast du schon nach fünf Minuten mit deinen kleinen Fingern die Augäpfel ausgestochen. Das selbe hast du auch gleich beim Kläuschen versucht. ( Klaus ist Tante Idas damals noch in den Windeln liegender Sprössling aus der Ehe mit einem Soldaten, der in Norwegen für Großdeutschlands Ehre fiel und sie zur Kriegerwitwe machte. ) Tante Ida wohnte damals in Norddeutschland und war mit dem Baby nur daheim in Unterstetten auf Besuch gewesen.

"Die Oma hat dich im letzten Moment von dem Kläuschen weggerissen", sagt Tante Ida. "Wäre sie ein paar Sekunden später gekommen, dann wäre mein armer Bub heute blind! Also direkt blind ist er ja nicht geworden, aber farbenblind schon. Du musst ihn nämlich doch irgendwie erwischt haben. Als er mit achtzehn Grafiker hat werden wollen, bei den Eignungstests, da hat man es festgestellt. Deshalb hat er den Beruf nicht lernen dürfen. Wegen der Farbenblindheit. Obwohl das doch immer sein Traum gewesen ist, Grafiker ... Du hast keine Ahnung, wie ihn das fertiggemacht hat."

"Höchstwahrscheinlich hängt sein Sehfehler genau mit der Sache damals zusammen", sagt auch Tante Anna zu der Nichte: "Ja, ich weiß, du hast dem Klaus nicht absichtlich die Augen eindrücken wollen. Du warst halt noch so klein ... und überhaupt."

"Ach Anna, du hättest auch besser aufpassen müssen," rügt Tante Ida, "das war ja nicht die einzige Dummheit, na ja ... ich sag lieber nichts ... "

"Du weißt genau, dass ich kaum Zeit hatte für ein Kind, ich hab ja schließlich auch noch in der Kleiderfabrik gearbeitet. Ganztags", sagt Anna.

"Dein Vater", fährt Tante Ida fort, "der ja immerhin als Hauptmann in der Armee nicht schlecht verdiente, hat sich permanent vor dem Kostgeldzahlen gedrückt. Drei Jahre lang hat er nicht einen einzigen Pfennig für deinen Unterhalt herausgerückt, der Oss. Sodass die arme Anna sich den Babybrei und die Milch für dich buchstäblich vom Mund hat absparen müssen. Das stimmt doch Anna, du hast dir doch alles vom Mund abgespart! Oder?"

Die Tante Anna weint lautlos.

"Ja, das hat die Anna dir nie gesagt, aber ich sag es dir jetzt, Hermine ... unter SEHR großen Opfern hat sie dich aufgezogen. Und unsere Mutter, deine Oma, war ja auch schon keine Hilfe mehr, nachdem der Alex dann gefallen und der Arnold in Russland vermisst war. Der Oma war alles egal."

"Ach, wenn du wüsstest, wieviel Vitamintabletten ich dir immer gegeben habe, damit Du groß und stark werden solltest", sagt Tante Anna unter Tränen, "ich hab doch alles für dich getan. Und jetzt lässt du dich hier fast nie blicken ..."

Sie hat recht: Der Kontakt zu Unterstetten ist seit vielen Jahren abgerissen. Und noch etwas ist merkwürdig. Das Mädchen empfindet, im Gegensatz zu allem, was man in der Familie über ihre wilde, kindliche Anhänglichkeit an die Tante erzählt, fast NICHTS. Schlimmer noch ... sie kann sich nicht einmal mehr an gute Gefühle ERINNERN.

Und als sie die winzige Tante beim Abschied umarmt, sich zu ihr hinunterbeugt und sie auf die Wangen küsst, spürt sie nur eine sonderbare Traurigkeit.


*



Was bisher geschah:

1943. Hermine ist 4 Jahre alt. Im Alter von zirka einem Jahr hat sie ihre Mutter verloren, die bei der Geburt des Bruders Werner starb. Vater ist Soldat im Krieg. Das Kind kennt ihn kaum. Hermine wächst zuerst mit 'Haushälterinnen', dann bei Tante Anna auf. Bis sich ihr Leben verändert.

*



07
EINE NAGELNEUE MUTTER

1943 heiratet Oskar Kern zum zweiten Mal. Im Alter von viereinhalb Jahren nimmt man Hermine von der Tante Anna fort und bringt sie nach Marienstock in das Haus, wo Papa schon mit der ‚ersten Mutter‘ gewohnt hat und wo jetzt seine neue Frau Lisa schaltet und waltet. Er selbst muss wieder an die Front. Gleich nach der Hochzeit schon.

Minchen staunt. Hier ist alles so kompliziert, mit so vielen Treppen und Geländern. Man muss erst um das Haus herumlaufen, über Stufen hinaufsteigen, um überhaupt an die Eingangstür zu kommen, die nach hinten, zum Hof hin, liegt. Vorne, von der Straße aus, geht es nur in die Druckerei.

Bei der neuen Mutter im zweiten Stock, sieht alles hell und neu aus. Hermine weiß nicht, ob es ihr gefällt, weil es hier ganz anders ist, als in Unterstetten. Wo es im Tante-Anna-Oma-Haus doch immer dunkel war, auch die Farben: der Tisch, das Sofa, sogar die Vorhänge. Das Buffet und ein riesiges Vertiko waren pechschwarz. Die Möbel hatten hundert Schublädchen, Säulen, Türmchen ... alles glänzte wie gelackt. Hoch oben auf dem schwarzen Vertiko stand eine weiße Prinzessin, die tanzte mit ausgebreiteten Armen auf den Fußspitzen. Eine andere tollte mit zwei Hunden herum, die ‚Windspiele‘ hießen. Da war auch ein Mädchen, das ein wunderbares Pferd streichelte. Diese blütenweißen Figürchen sahen schön aus, waren ein bisschen glitzerig, als ob sie aus Salz wären. Oder Schnee? Sie leuchteten auf dem Schwarz der Möbel.

Hermine lief manchmal mitten am Tag hin und guckte nach den Figuren. Wie fühlten sie sich wohl an? Bestimmt glatt und kühl wie Marmorstein. Sie hätte so gern eine davon in die Hand genommen, aber es war verboten. Sie standen auch so hoch oben, da kam sie sowieso nicht ran. Einmal hat sie sich auf einen Stuhl gestellt. Der ist umgekippt und sie krachte auf den Boden. Die Tante Anna hatte einen Schrei ausgestoßen, weil sie bestimmt daran hat denken müssen, wie SIE damals vom Wickeltisch gestürzt ist. Wovon sie ja ihren Buckel gekriegt hat.

Im Haus der Tante waren die hölzernen Jalousien immer zu Dreiviertel heruntergelassen. Es war so finster, als wenn den ganzen Tag Abend wäre.
Bei der fremden Mutter in Marienstock ist alles anders.

Jetzt wird Herminchen die Unterstettener Tante Anna so bald nicht wiedersehen, hat ihr die neue Mutter gesagt. Und ob es hier nicht auch schöner wäre!
Marienstock ist der Sonne viel näher. Die Leute sagen: "Man geht AUF den Marienstock." Der Ort liegt höher als die anderen in der Umgebung.
Mit Unterstetten ist es umgekehrt. Man geht nach Unterstetten HINUNTER. Unterstetten liegt im Tal des Schönbachs. Doch der Schönbach ist schon lang nicht mehr schön. Er stinkt ganz sonderbar und sein Wasser ist schwarz und schlammig.
"Unterstetten ist ein Rußloch", sagen die Leute.

Zwischen den Häusern speit die Koksanlage eine Flamme turmhoch in den Himmel, eine wabernde Feuersäule. Karminrot- orange – gelb, an den Rändern giftgrün. Aus kilometerweiter Entfernung kann man die Flamme lodern sehen, Tag und Nacht. Die ganze Gegend riecht nach Verbranntem. Wo das Funkensprühen aufhört, ein gutes Stück von der Anlage entfernt, fliegen dann immer noch die Asche-Flocken. Sie fallen auf Dächer, Fahrräder, Gärten. Schwarz setzen sie sich in den Kleidern fest, in den Haaren. Bei hellen Blusen oder den Sonntagshemden der Männer haben die Kragen nach einer Viertelstunde schon schmierige Ränder, dort, wo sie an der Haut entlang scheuern. Und die Hälse der Kinder sind immer schwarz.

Ja, Unterstetten ist ein Drecknest. Eigentlich wohnt da niemand gern. Aber die Leute sind arm. Sie haben ihre kleinen Häuser, die Männer ihre Arbeit in den Gruben. Wo sollen sie sonst hin? Und ... sie kennen auch nichts anderes.

Jedoch oben auf dem Marienstock bei Papas neuer Frau in der schönen, neuen Küche, wird dem Minchen auf einmal schlecht. So von innen. Die Tränen stürzen ihm aus den Augen. Es möchte zurück zur Tante Anna ins Rußloch. Aber es sagt das nicht. Weil es ja weiß, dass es von der der Tante Anna wegbleiben muss. Eigentlich weiß es auch nicht, ob es überhaupt bei der fremden Frau sein will. Es hat sie erst EIN MAL gesehen, als Papa mit ihr in Unterstetten auf Besuch war.

Der Papa hatte ebenfalls ganz fremd ausgesehen und sehr schön in seiner Offiziersuniform.
Hermine versteckte sich hinter der Tante Anna.
Papa lachte, als er die neue Frau den Tanten vorstellte:
"Das ist mein liebes Lieserl aus Bayern!" Dann küsste er das ‚Lieserl‘ lang auf den Mund.
"Wir werden bald heiraten, mein Schatz und ich", sagte Papa.
Da murmelte die Tante Anna "Entschuldigung" und lief aus der Stube.
"Einen Moment, bin gleich zurück ..."
Sie hätte es auf einmal ans Herz bekommen und die Tabletten wären im Schlafzimmer gewesen, hat sie Hermine später erzählt.

*

"Ich bin deine neue Mutter", sagt die Frau, die Lisa heißt, als Minchen nun oben in Marienstock bei ihr in der Küche steht, "sag ‚Mama‘ zu mir." Oder "Wenn du willst, kannst du mich Mama nenn... !" Oder so etwas ähnliches.

Hermine kriegt aber den Mund nicht auf. Die Frau hat blondes, aufgestecktes Haar. Mit ihrer hohen Hochfrisur, den schönen Kämmen darin, dem engen, weißen Kleid, das bis zu den Schuhen reicht, sieht so hell und sauber aus wie ihre Möbel. Wenn sie spricht, versteht das Kind wenig. Denn es selbst kann nur so reden wie die Leute in Unterstetten. Das ist Dialekt.

Später, am Mittag schiebt Hermine den Teller mit Kartoffeln, Spinat und Rührei ein Stückchen von sich weg. Und heult. Lisa stellt ihm ein Schüsselchen mit kirschrosa Pudding hin, weil es das andere Zeug nicht essen will.
"O ja, Wackelpudding mag ich", murmelt Hermine.
"Das heißt aber ROTE GRÜTZE", sagt die weiße Dame, "weißt du, Wackelpudding sagen nur Menschen, die es nicht besser wissen."
Da traut sich Minchen schon fast gar nicht mehr, den Mund aufzumachen.

Die Frau gießt dann aus einer Flasche kostbaren Himbeersaft über die Speise, damit alles noch feiner wird. Da isst das Kind dann doch. Hauptsächlich aber, um am Schluss die schönen Rosen auf dem Tellerboden zu sehen, die die neue Mutter ihm versprochen hat. Die ganze Zeit ist es traurig. Und es wird ihm schlecht. Seine Hand zittert so, dass ihm ein Schwall rotes Grützegeschwabbel vom Löffel herunterplumpst. Himbeersaft splattert über die weiße Tischdecke.
"Pfui, du musst besser aufpassen", sagt Lisa, "das kannst du doch, du bist ja schon groß." Oder so etwas ähnliches sagt sie.

Dabei ist Hermine klein und sie kann rein gar NICHTS, nicht einmal den Löffel ruhig halten und richtig zum Mund bekommen. Deswegen heult sie noch mehr.

Bald wird Lisa wissen, warum sich das verschüchterte Ding an diesem ersten Tag so sonderbar anstellt:
"Die Tante Anna hat es nämlich nur mit Milch und dünnem Haferschleim gefüttert", erzählen die Marienstocker Verwandten. "Wie sollte es so das Kauen lernen? Lediglich nuckeln kann es. An der Babyflasche. Und das mit fast fünf Jahren!"

Lisa merkt es sofort: Tassen, Löffel ... so etwas hat das Kind anscheinend noch nie in der Hand gehabt.
"Es hat nichts Festes zwischen die Zähne bekommen, solang es dort unten bei denen war", werden die Marienstocker Verwandten später sagen, "da hat man jetzt das Ergebnis."

Hermine sieht bei der neuen Mutter am Abend auch ihren kleinen Bruder, den Werner. Den kennt sie ja überhaupt nicht! Er kneift die Augen zusammen, grinst das Schwesterchen an, rennt weg, fegt wie der Blitz durch die Räume. Flitzt mal hierhin, mal dahin. Man hört überall sein quirliges Gekicher. Die neue Mutter rennt lachend hinterher: "Ich krieg dich schon!"

Werner hat Grübchen in den roten Wangen, im Arm einen Teddybären mit nur einem Arm und einem Bein, den lässt er nicht aus den Händen.
"Der Bub ist ja ein richtiger Wildfang", sagt die neue Mutter zu der fremden Frau, die das Brüderchen hergebracht hat.

Dann reden die zwei vom Papa, von Russland und so ... Wenn sie vom Papa reden, will Hermine ihn sich vorstellen, kann es aber nicht. Sie hat ihn erst zwei- oder fünfmal gesehen, seit sie denken kann.
Der Bruder sieht lieb aus. So süß! Er ist noch GANZ klein. Erst dreieinhalb. "Du kannst dich bestimmt an dein Brüderchen erinnern", sagt die neue Mutter. Hermine kann sich nicht erinnern.

Nachher schlafen die beiden Kinder im gleichen Zimmer in zwei riesengroßen, weiß bezogenen Betten, von denen jedes an einer anderen Wandseite steht.

*





08
ANGST. ALLEIN IM HAUS

Hermine ist viereinhalb Jahre alt. Lisa, die fremde Frau, zu der sie jetzt "Mama" sagen soll, ist groß und vornehm.. Sie trägt lange, goldene Ohranhänger mit grünen Edelsteinen. Die Steine hopsen auf und nieder, baumeln wie winzige Christbaumkugeln und funkeln jedesmal, wenn sie den Kopf bewegt.
"Wo ist denn der Papa?" quängelt Hermine.
Nicht, dass sie ihn furchtbar vermisst. Sie kennt ihn ja kaum. Trotzdem ... gedacht hat sie schon oft an ihn. Wenn er da wäre, wär es bestimmt lustiger!
"Ich will aber, dass der Papa kommt!"
"Ach, halt deinen kleinen Schnabel", sagt die neue Mutter, "dein Papa ist doch im Krieg!"


Die neue Mutter redet wenig. Sie hat ein weißes Kleid an mit kleinen, bunten Blumen drauf und Schuhe aus Leinen mit Keilabsätzen. Die Schuhe putzt sie jeden Abend mit einem Schwamm und dicker, weißer Brühe aus einem Fläschchen. Sie saugen sich dann voll. Über Nacht trocknen sie und sind am Morgen wie neu. Auch auf die Sandalen der Kinder - die sind ebenfalls aus Stoff – reibt sie das Zeug. Damit die am nächsten Tag wieder blütenweiß aussehen.
"Sowas hat die Tante Anna nie gemacht", sagt Hermine.
"Dazu war die viel zu bequem. Sie hat dich verkommen lassen, deine Tante."

*

Hermine fährt im Bett aus dem Schlaf hoch. Sie hat geträumt, kann sich aber an nichts mehr erinnern. Nur, dass sie Angst gehabt hat. Angst hat sie immer noch. Als sie die Augen aufmacht, weiß sie nicht, wo sie ist. Sie weiß überhaupt nichts. Sie guckt im Zimmer herum. Alles ist fremd. Fremd.

Der Raum riecht nach gar nichts und hat auch keine Farben. In einem weißen Bett wacht sie auf unter weißen Plumeaus und es fällt ihr nicht ein, was sie hier zu suchen hat. Sie fürchtet sich noch mehr. Alles geht durcheinander in ihrem Kopf. Dumpf und wirr.
In diesem Zimmer ist es hell. Aber anders hell als sonst am Morgen, wenn man aufwacht. Nein, es kann nicht Morgen sein, das spürt Hermine. Der ganze Raum hat sich in ein so seltsames, verzaubertes Licht getaucht, dass sie nicht weiß, ob es Abend ist oder Mittag. Was ist überhaupt los??

Da erinnert sie sich:
"Jetzt wird geschlafen", hatte die neue Mutter gesagt. Und Hermine hatte geschlafen. Vielleicht hat die sonderbare Helligkeit sie jetzt geweckt? Weich wie Milch kommt Licht durch die Fenster herein, fließt ins Zimmer. Ganz anders als am Tag. Irgendwie aber auch ... zum Fürchten. Und es ist heiß.

Hermine wird ganz merkwürdig zumute. Innen. Warum ist sie überhaupt hier in dem fremden Haus?
"Anna", schreit sie ... aber weiß im gleichen Moment, dass die Tante ja nicht da ist ... Sie ruft nach der neuen Mutter: "Mama, Mama", obwohl sie gar nicht nach der rufen will. Es hört sich viel zu laut an. Und niemand gibt Antwort. Nochmal zu rufen, traut sie sich nicht. Wozu auch. Eigentlich will sie ja überhaupt nicht, dass die fremde Frau kommt. Jetzt weiß Hermine überhaupt nichts mehr ...
Warum ist denn hier keiner? Nur der Bruder, der Werner, schläft im Bett nebenan. Doch der ist so klein, mit dem kann man ja nicht reden.

Hermine hopst im Unterhöschen aus dem Bett. Sie will nur schnell raus hier. Raus.
Der Werner ist jetzt auch wach, steht auf einmal vor dem Schwesterchen und guckt, als hätte er es nie vorher gesehen. Dann fängt er an, zu heulen. Da packt Hermine ihn am Arm, zieht ihn mit auf den Gang.
"Hallo", ruft sie durchs stille Haus.
Es meldet sich kein Mensch. Auch unten im Erdgeschoss nicht, wo fremde Leute wohnen, die Onkel Peter, Tante Zilli und Else heißen.
"Hallo, hallo." Aber niemand gibt Antwort.

Jetzt kriegt das Kind noch mehr Angst. Und es weiß nicht, warum es eigentlich rausläuft, weiß nicht, wo es hin will. Und überhaupt! Etwas stimmt hier nicht. Etwas stimmt hier nicht ...

Das Brüderchen brüllt wie am Spieß. Hermine klettert, stolpert mit ihm die vielen, engen Treppen hinunter. Nachher zieht sie den splitternackten, kleinen Kerl an der Hand weiter. Sie laufen quer über den Hof, auf die Straße. Es ist immer noch so seltsam halb-hell, obwohl doch gar keine Sonne scheint.

Hermine weiß nicht, wonach sie sucht ... aber das weiße Zimmer und das leere Haus ... sie fürchtet sich davor.
Nur weg.
Da rennt sie einfach weiter, zieht das schreiende Brüderchen hinter sich her.

Die neue Mutter, sitzt auf der Gartenmauer oben an der Straßenecke mit anderen Frauen zusammen. Sie erzählen sich was. Reden durcheinander. Ihre Stimmen kann man weithin schallen hören. Jetzt kreischen sie vor Lachen. Zu denen will Hermine aber überhaupt nicht hin ...

Lisa fällt aus allen Wolken, denn plötzlich hört sie Werners lautes Gebrüll und sieht die Kinder unten durch die Gasse irren. Die zwei laufen in die entgegengesetzte Richtung, geradewegs von ihr weg und sind augenblicklich um die nächste Kurve verschwunden.
Lisa rennt ihnen nach und holt sie.
"Meine Güte, es ist 22 Uhr. Die haben vorhin fest geschlafen. Wenn Kinder schlafen, schlafen sie doch, sollte man meinen", stammelt sie entgeistert," ich hätte nicht weggehen dürfen!"
"Das kann ja nicht falsch sein, wenn eine Hausfrau abends mal zwei Stunden hier draußen sitzt und ein bisschen frische Luft schnappt", sagt eine Nachbarin.
"Vielleicht hab ich sie zu früh ins Bett gebracht, es bleibt so lang hell an diesen Julitagen ..."
Es ist peinlich ... die Vierjährige im Unterhöschen und der brüllende, splitternackte, kleine Kerl. Man versucht, die Kinder halbwegs zu beruhigen.
"Du bist doch ein großes Mädel", hört Hermine eine Stimme an ihrem Ohr. Eine dicke Oma drückt sie und schüttelt sie: "Ein großes Mädel wie du ... und dann halb nackig durch die Gegend flitzen ... was sind denn das für Sachen ..."

Als der Werner die fremden Gesichter sieht, die ihn freundlich anschauen, lacht er schon wieder.
"Ach, der ist niedlich", meint eine junge Frau und tätschelt ihm die tränennasse Wange.

Lisa bringt die beiden rasch wieder heim und ins Bett.
"Gell ... das darfst mir aber nicht noch einmal machen", sagt sie.
"Nein", das Minchen schüttelt heftig den Kopf. Es ist froh, dass die neue Mutter ihm nicht wirklich bös ist.

*


Eines Tages zeigt Lisa dem Kind ein Briefchen, das ist mit der Feldpost gekommen und ganz für es allein bestimmt.

- Kleiner Schatz - hat Papa geschrieben, - deine Mutter soll dir meine Grüße vorlesen. Leider kann ich dir zum fünften Geburtstag nichts schicken, denn wir sitzen hier in einem kaputten Haus, da gibt es nichts, was ein kleines Mädchen gebrauchen könnte. Dafür habe ich dir aber etwas gemalt."

Es war ein lustig grinsender Hund, den er auf ein Stück Karton gezeichnet hatte und vor seinem Mund hatte das Tier eine große Sprechblase.
"Huh, was hat der Papa denn bei dem Hund hingeschrieben?"
Lisa sagt: "Da steht: Ich bin ein Pferd ... aber ein russisches ... die deutschen Pferde sind viel schöner!" Lisa lacht, Herminchen lacht auch und wundert sich, dass die russisches Pferde aussehen wie Dackel.

Dann liegt noch ein Briefchen an die Stiefmutter in dem Umschlag. Lisa wird beim Lesen blass.
"Was schreibt denn der Papa noch?", fragt das Kind.
"Er schreibt, dass er ein Loch im Bauch hat."
Da fällt Hermine vor Schreck fast in Ohnmacht.
"Nein, nein", sagt Lisa, "kein richtiges Loch, aber er hat die Ruhr und ist so dünn geworden, dass es AUSSIEHT, als ob dort, wo früher sein Bauch war, jetzt ein Loch ist.
"Ach so", meint der Werner und atmet tief auf. Was schreibt er denn noch?"
Euer Vater schreibt, dass ihr beide immer schön artig sein und eurer neuen Mama ( sie grinst! ) viel Freude bereiten sollt.

*



09
DAS KIND IST NICHT NORMAL

Kaum hat man Hermine im Alter von viereinhalb Jahren nach Marienstock zu Lisa gebracht, wird es für die ‚zweite Mutter‘ klar, was sie schon damals beim Besuch in Unterstetten geahnt hat, nämlich: dieses Kind ist nicht normal!

"Etwas stimmt mit dem nicht", sagt Lisa zu Zilli.
Ja, es gibt Tage, da weint das Minchen stundenlang grundlos vor sich hin. Oft muss die Stiefmutter es mit Gewalt aus dem Bett ziehen. Auf dem Essen kaut es herum wie auf Nägeln. Während der Werner mit den Nachbarkindern draußen spielt, sitzt es mit eingezogenen Schultern herum und starrt Löcher in die Wände. Vor die Tür muss sie es geradezu SCHMEIßEN, dass es an die frische Luft geht. Aber dafür kennt es anscheinend die zerfledderten Bilderbücher Satz für Satz auswendig, die es wie einen Schatz von Unterstetten mit heraufgebracht hat.

"Ich glaube", meint Lisa zu Zilli, "die dort unten haben es gezwungen, den ganzen Wust auswendig zu lernen.
Es sagt tatsächlich eine Seite nach der anderen auf, obwohl es keinen einzigen Buchstaben kennt."
"So etwas macht ein Kind nicht freiwillig, die haben es dressiert, verstehst du ... und überhaupt... das benimmt sich so komisch. Es ist nicht leicht, mit einem so narrischen Ding."

Hermine hat tatsächlich viele Mucken. So fällt es ihr zum Beispiel schwer, mit anderen zusammen zu sein. Auf einem Kindergeburtstag bei den Beckers nebenan, als sie alle beim Kuchenessen sitzen, fühlt sie sich ganz schlecht. Hermines Hals ist wie zugeschnürt. Sie zittert so, dass ihr ein Stück Kirschtorte auf die Tischdecke plumpst. Dann rutscht ihr auch der Kaffeelöffel aus der Hand und klirrt scheppernd auf den Boden. Als die Kinder sie anstarren und die Frau Becker ganz lieb lächelt und meint: "Aber das macht doch überhaupt nichts", fängt Hermine an, zu weinen.

"Ich habe ja gleich gemerkt, dass mit DEM DA etwas nicht stimmt, schon damals, als ich es mit Oskar zum ersten Mal bei ihrer Tante zu einem Spaziergang abgeholt habe, ist es mir aufgefallen", erzählt Lisa der Zilli.
"Im Café Vaterland, wo wir mit diesem Kind einkehrten, haben wir uns fast tot geschämt ... Ich wäre am liebsten in den Boden versunken vor all den Gästen, so hat das ausgeschaut!! Es war am Pfingstsonntag, wir waren beide gut angezogen - der Oskar in seiner Offiziersuniform - und stell dir vor, dazu e s mit fleckiger SCHÜRZE, den Kopf voller Grind, und alle haben natürlich gemeint, ICH wäre die Mutter und ... dann hat es sich auch noch unter den Tisch verkrochen, hat das ganze Lokal zusammengeschrien, hat sich aufgeführt wie eine Blöde ... und das mit viereinhalb Jahren! Ich war soo fertig ... ich hätte heulen können, ach... es ist gar nicht zum Sagen!"

Hermine merkt natürlich selbst, dass etwas mit ihr 'anders‘ ist. Oft ist sie unsicher auf den Beinen, fühlt sich schwach und krank. Und ihr ist fast immer schlecht. Sie spürt: irgend etwas ist nicht in Ordnung. Und sie fühlt sich ... traurig.

- Ich weiß nicht, was die dort unten mit Deiner Tochter angestellt haben - schreibt Lisa ihrem Mann an die Front - so benimmt sich kein Kind, das schon bald in die Schule kommt! Es tut rein gar nichts, nicht einmal zum Spielen hat es Lust! Da ist der Werner genau das Gegenteil, so ein niedlicher kleiner Kerl, ein Hans-Dampf in allen Gassen. Der gibt kaum einen Augenblick Ruhe. Aber das ist auch ganz schön anstrengend. -

- Du schaffst es bestimmt. Die beiden brauchen nur ihr Geregeltes nach all dem Durcheinander. Sie müssen sich erst an Dich gewöhnen - hatte Oss Kern ihr mit Feldpost zurückgeschrieben, - es wird von Tag zu Tag besser werden, Du wirst sehen, Schatz. Wart mal, wenn ich erst wieder bei Euch bin! Zusammen werden wir das schon hinkriegen. -

Aber so rasch kommt Papa nicht heim. Irgendwie wird es auch nicht gut. Vor allem nicht mit Hermine. Die bleibt kränklich. Ist dürr und fahl wie ein kleines Gespenst. Fällt um. Einfach so. Wo sie geht und steht. Von einer Sekunde zur anderen ... plopp ... kippt sie um. Aus heiterem Himmel. Die Augäpfel verdreht sie, dass man nur noch das Weiße sieht und plumps ... liegt sie schon am Boden.

Was vor ein paar Tagen passiert ist, schreibt Lisa ihrem Mann lieber nicht. Der Arme hat neuerdings selbst mehr als genug Probleme ... und so wie er die gesamte deutsche Wehrmacht!
Also, Hermine war vor einer Woche mit Werner und der Cousine Else unten im Garten beim Johannisbeerpflücken gewesen. Lisa hatte lange gebraucht, sie dazu zu bringen, endlich einmal vor die Tür zu gehen. Durchs Küchenfenster beobachtete sie dann, wie die Kleine gewissenhaft Rispe für Rispe abzwickte und vorsichtig in ein Henkelkesselchen legte, das sie am Arm trug. In den Mund stopfte sie sich nicht eine einzige Beere. Ganz im Gegensatz zu Werner und Else.

"Sie mag Obst nicht", dachte Lisa und während sie wieder am Herd stand, hörte sie das Kind plötzlich mit schnellen, leisen Tritten die Holztreppe herauf hasten. Es kam gerade noch bis in die Küche gelaufen, schrie einmal halblaut und mit weißem, kleinem Gesicht "Mama", dann lag es schon bewusstlos vor ihren Füßen.

*

Zweimal fährt Lisa mit Hermine zu Ärzten. Man muss klären, was los ist. Der erste Doktor weiß nicht so recht: Es sei halt schwächlich, das Kind. Auch scheine es übernervös. Vielleicht geistig überfordert? Oder zurückgeblieben? Blutarm auf jeden Fall. Lebertran wäre gut, doch der sei ja jetzt schwer zu bekommen so mitten im Krieg. Wenn man nicht gerade einen Apotheker an der Hand hätte.
Nein, Lisa hat keinen Apotheker an der Hand.
"Also ... dieser Doktor ... Fehlanzeige", sagt sie zu Zilli.

*



DER HEILIGE ARZT

An den Besuch bei dem zweiten Arzt erinnert Hermine sich genau. Er ist ein berühmter Hö-mö-o-path. In der ganzen Gegend spricht man von ihm: dass er die reinsten Wunder wirke. "Eine Ka-pa-zi-tät", sagt die Nachbarin. Der Herr Professor BISCHOFF. Was ein Bischof ist, weiß Hermine. Das weiß jedes katholische Kind.
Schon der Name allein muss im Hirn der Kleinen Gedanken an Himmlisches ausgelöst haben.

Von Anfang an hat sie gewusst: einer, der so heißt, der kann nur der beste Freund vom lieben Gott sein, vielleicht sogar fast so mächtig wie Gott selbst. Der heilige BISCHOF.

Das Kind erstarrt bereits im Vorhinein in Ehrfurcht.

Auf geht es also zum Herrn Professor. Dem Bischof.
Lisa und Hermine fahren mit dem Zug.
In Brückenstadt steigen sie aus.

Manche Straßen, durch die die beiden dann zügig marschieren, sind, wie normale Straßen eben sind. Und dann auf einmal ist alles anders.
Um metertiefe Krater auf den Bürgersteigen müssen sie herum klettern. Angebrannte Balken, aufgeplatzte, rußige Polstersachen, Lumpenzeug, das einmal Kleider, Federbetten, teure Teppiche waren, türmen sich zu riesigen, sperrigen Halden.

Schöne, hohe Häuser reihen sich noch die Straße entlang, aber die Fenster sind dunkle Löcher ohne Scheiben. Als Hermine hinläuft, auf einen Haufen Schutt und Steine klettert und in eins der Häuser hinein schaut, sieht sie: drinnen ist alles kaputt und schwarz.

Die Gebäude auf der anderen Seite haben zur Straße hin überhaupt keine Wände mehr. Es ist wie bei Elses Puppenhaus. Man kann von außen in alle Stockwerke hineinsehen. Anders als bei dem Spielzeughaus sind aber auf manchen Etagen die Zimmer ganz weg, weil der Fußboden mit all den zerfetzten Dielen hinuntergestürzt ist. Auf anderen steht noch etwas. Eine weiße Badewanne aus Email mit vier schönen, verzierten Löwenfüßen und eine weiße Kloschüssel. Da ist sogar die Kette mit dem Knauf aus Porzellan zum Wasserziehen. Daneben ein tiefes Loch.

Türen hängen kreuz und quer, so krumm, dass einem schon vom Hinsehen schwindlig wird. An den Wänden, die noch stehen, sieht man Bilder schief an ihren Haken. Die Möbel sind verkohlt und überall liegt Gerümpel und schwarzes Durcheinander. So hässlich! Wo das Treppenhaus war, ist jetzt ein tiefer Schacht vom Dach bis zum Boden. Fetzen von Tapeten und Teppichen baumeln zwischen den Stockwerken. Manchmal ist noch ein Stück Geländer da, oder ein paar Stiegen führen nirgendwo hin.
Wie ... eklig. Hermine stellt sich die Leute vor, denen die Wohnungen gehört haben. Die schämen sich bestimmt furchtbar. Weil jeder hier hineinsehen kann und sich gruseln muss.

"Was machen die Menschen denn jetzt, Mama?"
"Vielleicht wohnen sie bei Freunden. Vielleicht sind sie auch auf der Arbeit!"
"Und die Kinder?"
"Ich weiß nicht!"

An anderen Häusern sind die Fensterlöcher im Erdgeschoss mit Brettern vernagelt. Das ist erst recht zum Fürchten. Und hinter den Brettern...?
"Vielleicht liegt da ja noch jemand drin?", flüstert Herminchen.
"Ich weiß es doch auch nicht", sagt Lisa

Nach langem Herumlaufen, Suchen, Fragen, kommen sie an ein schwarz verrußtes Haus, dessen Fenster im Erdgeschoss auch zugenagelt sind. Innen ist aber Leben und Betrieb. Sie steigen Treppen hoch bis zu einem Zimmer, in dem viele Leute sitzen. Daneben ist ein anderes Zimmer, aus dem riecht es sonderbar. Als eine Frau im weißen Kittel wieder einmal die Tür aufmacht und es wieder so riecht, wird es Hermine schlecht, schwarz vor Augen, im Bauch übel und vom Bauch drückt es hoch und nimmt ihr die Luft.

Sie kennt das Gefühl, die schreckliche Angst, die Hermine immer hat, wenn sie ‚es' kommen spürt. Wie sie sich auch wehrt, sich gegen die Ohnmacht stemmt, sie kann sie nicht aufhalten, sackt in das schwarze Loch aus ‚Nichts‘. Es wird dunkel und dann ist alles weg ... Aus. Aus.
Da schaffen sie den kleinen Körper natürlich sofort zum Doktor hinein.

Lisa ist froh, dass es jetzt passiert ist. Sagt: "So kriegt der Herr Professor gleich ein Bild und sieht, was ich meine."

Im Sprechzimmer kommt das Kind wieder zu sich.
Ein ernster, alter Mann steht über es gebeugt. Er ist so groß, wie Minchen nie einen Menschen gesehen hat und er hat einen langen, weißen Bart.

Da weiß es gleich: das ist der Bischof, der besondere Doktor, der Freund Gottes. Klug, mächtig sieht er aus. Der heilige Arzt. Herminchen heult ein bisschen, weil es so viel Angst gekriegt hat vorhin, als es merkte, dass es ‚umfiel‘, weil da immer das schlimme schwarze Loch ist und es nie weiß, ob es nachher wieder zu sich kommt ...

Aber jetzt wird ihm schon besser.

Lisa erzählt von den Anfällen ihrer Tochter, auch den ständigen fiebrigen Erkältungen und überhaupt ..."Sie sehen ja, in welchem Zustand ..."
Der Bischof leuchtet Hermine mit einer Lampe in den Mund. Sie muss "A" sagen und "B" oder sowas. Dann lauscht er mit einem Rohr lange an ihrem Herzen.
Gerade da, als das Kind im Unterhöschen vor ihm steht und er an seinem Herzen herumhorcht, heulen die Sirenen. Voralarm. Überall im Haus fängt ein großes Füßegetrampel an.
Menschen hasten die Stockwerke hinunter, dass das ganze Treppenhaus wackelt.
Der Bischof gibt Lisa schnell noch eine Flasche mit kostbarem Lebertran und eine kleinere mit Tropfen. Dazu ein paar Röhrchen Vitamintabletten.

Lisa streift Hermine mit bebenden Händen das Kleidchen über.
"Die Leute laufen alle schon, komm, wir müssen in den Keller!" Das Kind sperrt sich aber gewaltig.
"Nein!", schreit es, "ich bleibe hier..."

Hermine denkt: 'Weil der Bischof ja zum lieben Gott gehört und wenn wir im Zimmer beim Bischof bleiben, dann kann uns überhaupt nichts passieren.'
"Los, los, los, lass mich dir das Kleid zumachen!" drängt Lisa

"Also, am Herzen kann ich nichts Krankhaftes finden", sagt der Professor noch schnell, während die Sirenen wie verrückt heulen, "viel Ruhe braucht ihr Töchterchen ... Ruhe. Es hat eine nervöse Veranlagung, ist übererregbar. Und unterernährt natürlich."
"Und die Anfälle?"
Er zuckt die Schultern. "Die Ohnmachtsanfälle scheinen Wachstumsstörungen zu sein, die irgendwann aufhören werden, so Gott will."

Herminchen weiß nur eins: sie muss bei dem Bischof bleiben. Lisa ist aber dumm, zieht und zerrt an ihr, will sie mit in irgendeinen Keller reißen, versteht nicht, was doch sonnenklar ist ... dass einem, wenn der heilige Mann dabei ist, auch Bomben nix tun können. Klar, der Bischof würde sie alle beschützen!
Hermine klammert sich an der weißen Jacke des Doktors fest, aber ganz gewaltig. Die Stiefmutter wird knallrot vor Scham.
"Lass den Herrn Professor sofort los, du narrische Urschel", schreit Lisa. "Entschuldigen Sie ... Sie sehen ja ... das überspannte Kind ... Es ist nicht mein eigenes", fügt sie luftholend hinzu, "ich habe es schon in diesem Zustand übernommen. Für seine Krankheiten kann ich doch nichts, oder? Mein Mann ist in Russland. Ich weiß seit Wochen nicht einmal, ob er noch lebt! Habe überhaupt keine Nachricht! Und das da klappt mir dauernd zusammen." Lisa fängt plötzlich zu weinen an.

"Gute Frau", sagt Professor Bischoff, "beruhigen Sie sich. Wir leben in schlimmen Zeiten. Jetzt heißt es tapfer sein!! Gott wird helfen!
Du läufst jetzt ganz schnell mit deiner Mutter in den Keller!", befiehlt er Hermine streng.

*




BOMBEN ÜBER BRÜCKENSTADT

Die Sirenen dröhnen böse über der ganzen Stadt. Aus 'Voralarm' ist inzwischen 'Hauptalarm' geworden.
"Du kommst jetzt mit", schreit Lisa. Hermine schluchzt. Da reißt Lisa sie mit Gewalt von dem Mann weg.
"Weißt du was", sagt der Bischof, "ich muss hier noch etwas aufschreiben. Geh' du schon mal mit der Mama in den Bunker, ich komme dann gleich nach!"

So landen Lisa und Hermine in einem Luftschutzraum unter der Erde. Auf Holzbänken, alten Sofas und Klappstühlen sitzen die Leute. Auf Koffern und Kisten. Es riecht wie daheim in den Stollen am Hahnenkopf, so nach feuchtem Sand, nach Fels. So unterirdisch. Es ist dämmrig im Keller, nur an der Decke aus roten Backsteinen funzelt in einem Drahtkörbchen eine elektrische Birne vor sich hin. Die Leute reden leise, dass von überall nur Gemurmel zu dem Kind kommt, aber keine Worte, die es verstehen kann. Und draußen in der Luft ist ein dunkles, böses Brummen.

Irgendwann tut es einen gewaltigen Schlag. Stärker als beim stärksten Gewitter.
Die Menschen schreien.
"Keine Panik, es ist alles in Ordnung!" ruft eine Stimme.
Immer sind wieder neu auftönende Donnerschläge in der Luft, jetzt jedoch weiter weg. Nur jedesmal, wenn es rummst, wackeln die Wände.
"Sprengbomben ... Wenn man‘s krachen hört und man lebt noch, ist das Schlimmste vorbei", sagt ein Mann mit einer Armbinde.
Plötzlich rummst es schon wieder. Diesmal so schlimm, dass es von der Decke massenhaft roten Sand herunter schüttet. Das Licht geht aus.
"O Gott, wir sind getroffen!"

Frauen kreischen. Leute beten:
"Vater unser der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name.. Dein Wille geschehe, wie im Himmel..."
Immer wenn es wieder kracht, schreien die Menschen noch lauter:
"Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel ... Jesus, Maria, wir sind verschüttet, Hilfe ... denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit ..."
Jemand knipst eine Taschenlampe an. Der breite, gelbe Strahl trifft verzerrte Gesichter, trifft nackte, rote Backsteinwände. Trifft auf Menschen, die sich aneinander klammern.

Hermine hat keine Angst ... sie ist nur fuchsteufelswild auf Lisa, weil die sie von dem heiligen Mann weggezogen hat:
"Er hätte uns beschützt. Er hätte uns beschützt!" Lisa ist schuld, denn sie hat nichts kapiert ...
"Siehst du, was du gemacht hast, du ... Blöde!" winselt das Kind.
"Halt endlich deinen Schnabel!" zischt Lisa...

Später ... Minuten? Stunden? später - Hermine ist wieder ohnmächtig geworden - als sie dann hinaus können, brennen draußen die Häuser. Wo es nicht brennt, glimmt es rotschwarz aus dem Schutt oder Flämmchen fressen sich unter der Asche entlang. Überall riecht es nach Rauch. Überall IST Rauch. Er vernebelt die Luft. Es sind auch Stimmen zu hören auf der Straße, die keine mehr ist. Überall stapfen Männer mit Wasserschläuchen herum, oder es stehen Männer und Frauen in langen Reihen mit Eimern zwischen den glimmenden Trümmern.

Der Rauch tut Hermine weh in der Nase und im Hals. Dass sie schon wieder keine Luft kriegt. Ihr Herz klopft so wild und tut so weh, als müsse ihr gleich die Brust zerplatzen. Lisa läuft auch viel zu schnell. Hermine japst hinter ihr her wie ein Hündchen und kommt kaum nach ... aber nur jetzt nicht umkippen ... die allerletzte Kraft reißt das Kind zusammen ... kurz vor dem Ohnmächtigwerden ... daran wird es sich später immer erinnern.
"Weiter, weiter!", schreit Lisa.

Sie rennen über heiße Trümmerfelder, sie weichen dampfenden Halden von Schutt aus, wo die Häuser gestürzt sind. Die Straße, über die sie eigentlich laufen müssten, gibt es nicht mehr.

Aber es gibt noch Eisenbahnzüge am weit entfernt scheinenden Bahnhof, der auch von Bomben getroffen ist. Es gibt Lokführer, es gibt Schaffner in Uniformen. Es gibt Ordnungsfrauen vom roten Kreuz, die ihnen Tee, Margarine-Brote und warme Decken für die Nacht bringen, bis man dann endlich am nächsten Abend die Strecke repariert hat und total überfüllte Züge wieder verkehren können.
"All diese Menschen hier tun tapfer ihre Pflicht", sagt Lisa feierlich, "deswegen müssen auch wir uns eisern zusammenreißen!"
Wie und wann genau sie mit der Stiefmutter zurückgekommen ist nach Marienstock, hat Hermine vergessen...

*



10
DAS BILD DER ERSTEN MUTTER

Hermine kauft für Lisa in Marienstock im überfüllten Lebensmittelladen ein und steht seit zwanzig Minuten in der Schlange.
"Bist du nicht dem Emma sein Kleines?", kreischt plötzlich eine Frau. Ein paar Leute drehen sich neugierig um.
"Du siehst ja aus wie der Tod auf Urlaub, Kind", sagt jemand.
"Tatsächlich, das ist weiß wie die Wand, das arme Ding!"
"Ja, was ist denn mit DIR los, Mädchen?"

"Gell, du hast jetzt eine neue Mutter?", fragt die Frau und erklärt gleich den anderen: "Der Oskar Kern hat doch wieder geheiratet, diese ... Lehrerin aus Bayern."
"Ich kenn sie flüchtig ... die kriegt man ja kaum zu sehen und wenn, dann redet sie nicht mit unsereinem."
"Ist auch verdammt schwer für sie ... allein mit zwei so kleinen Kindern."
"Der Oss ist an der Ostfront, hab ich gehört."
"O Scheiße ... sieht schlecht aus für unsere Soldaten dort..."

"Eckmüllers Marie steht kurz vor dem Selbstmord", sagt eine Frau düster, " der Wolfgang, ihr Jüngster, ist in Russland vermisst. Wenn der nicht mehr heimkommt, hängt sie sich auf, hat sie mir gesagt ... und ich glaub es ... wo der andere, der Fred, erst voriges Jahr gefallen ist! Sie hat doch nur die zwei Buben."

"Dein Papa ist auch vermisst, oder...?"
"Nein ... weiß ich nicht", stottert Hermine.
"An deine richtige Mutter kannst du dich wohl gar nicht erinnern! Ach, ist das schad ... wenn du nur wüsstest, was die für eine liebe, schöne Frau war!"
Jetzt stürzen sich alle Blicke auf das dürre, kleine Ding.
Schlimm, wenn die Leute so gucken.

"Ja, bildhübsch war das Emma!" ruft eine andere Kundin.
"Und solch eine Nette ..."
"O, die konnte ... lachen!"

Hermine hört das öfter. Dass alle ihre tote Mutter loben. Besonders als sie größer wird, kommt es ihr immer wie ein Vorwurf vor ... als ob die Leute damit meinen: "Warum bist du nicht auch so?"

"Du hast wirklich eine fleißige, liebe Mutter gehabt! Da kannst du dir ein Beispiel nehmen!"
"Wie der Wirbelwind kam sie immer hier herein gefegt", sagt Frau Thiel, die Ladenbesitzerin, "das Lachen auf ihrem Gesicht seh ich noch heut vor mir. Und dann diese Tragödie! Ist jetzt vier Jahre her."
"Was für eine Tragödie?" fragt jemand.
"Hast du Gedächtnisschwund? Du MUSST dich doch erinnern ... das Emma Lieblang aus Unterstetten, dem Oskar Kern seine erste Frau."
"Hach ja, das war die mit dem Kaiserschnitt! Schlimm. Schlimm!"
"Kaiserschnitt? ZERSCHNIPPELT haben sie sie. Im Spital!"
"Der Chirurg war ein Anfänger und der Herr Professor hat sich nicht blicken lassen, hieß es ..."
"Wie auch, er war doch in Urlaub."
"Ach ja..."
"Das Emma hat einen Buben hinterlassen und das Kleine da. Wie heißt du denn, Kind?"
"Hermine."
"Wie?"
"Hermiiine!"
"Ach, wie wärst du so stolz auf deine Mutter!"
"Das kann man wohl sagen", bekräftigt Frau Thiel.
"Das verdient keiner, so früh aus der Welt zu gehen ... und jetzt habt ihr eine neue Mama, gell, du und dein Brüderchen? ... Gell, die ist nicht gut zu euch??" Erwartungsvoll richten sich alle Augen auf Hermine.
Der kommen schon die Tränen. So eine Heulsuse ist sie.
"Du hast deine tote Mutter sicher sehr gern?", fragt jemand, als Herminchen schweigt.
Woher soll sie das WISSEN? Wo sie sie doch gar nicht kennt.
Ihr wird schlecht, als jetzt die Leute so an sie hinreden. Sie würde am liebsten wegrennen. Aber sie bleibt schön in der Schlange stehen. Heute gibt es eine Gurke, zwei Kilo Rotrüben und vier Eier pro Familie OHNE Lebensmittelkarten ... so lange der Vorrat reicht.
Wenn Lisa das Essen nicht so dringend brauchte, dann wäre Hermine schon längst aus dem Laden raus.
Lass dich bloß nicht von den Erwachsenen auf die Seite schieben!", hatte sie dem Kind eingeschärft, "wir sind auf die Sachen angewiesen!"

*

Überall wo die Kleine hinkommt wird ihre erste Mutter gelobt. Lisa sieht das anscheinend anders. "Glaub bloß nicht alles, was die Marienstocker Leute von sich geben", sagt sie, "die reden viel, wenn der Tag lang ist. Also, dass deine Mutter sooo tüchtig war, möchte ich bezweifeln. Flicken konnte die zum Beispiel NICHT. Ich selbst habe noch Kleidungsstücke vom Papa in den Schränken gefunden. Wenn sie zum Beispiel etwas repariert hat, dann griff sie zu einem x-beliebigsten Garn, das ihr gerade zwischen die Finger kam. Löcher in schwarzen Socken hat sie mit grüner Wolle zugestopft ... den Riss in einer beigen Hose vom Papa nur ein bisschen zusammengezogen und zwar mit orangerotem Faden. Ganz ohne Sinn und Verstand. Ich hab's selbst gesehen. Sie war eine liederliche Hausfrau."

*


In der Verwandtschaft schimpft man mit Hermine, weil sie ungern an Emmas Grab geht.
"Das da müsste man jedesmal zum Kirchhof prügeln...!", wird Oskar Kern später wütend rufen, als er wieder zurück ist aus Krieg und Gefangenschaft. So martialisch er aber auch herumschreit, er wird niemals die Hand gegen eines seiner Kinder erheben.

Also, einmal im Jahr, an Allerheiligen, muss Hermine wirklich mit. Da marschieren sie los. Zum Waldfriedhof. Jede Familie hat dort ihre Toten liegen. Beim Eingang versammelt man sich mit Onkeln und Tanten zu einer feierlichen Prozession. Gemeinsam zieht man über die roten, geharkten Sandwege zwischen den mit Blumen geschmückten Gräberreihen dahin. Tausend kleine, rote Lichtchen leuchten, wenn früh die Abenddämmerung kommt.

Auf dem Friedhof begegnen sich, schwarz gekleidet, leise grüßend, flüsternd, die Familien aus dem Ort. Die Kernschen Urgroßeltern- und Verwandtengräber sind über das von mächtigen Baumriesen beschattete Gelände verstreut. All diese Gräber müssen besucht werden.

Hermine ist fünf Jahre alt, hat keinen gekannt, der dort drin liegt und tappt mit. Sie fühlt sich nicht gut dabei. Fremd kommt sie sich vor, als gehöre sie hier zu niemand.
Auch das Grab ihrer Mutter ist ihrem Herzen seltsam fern.

Emmas Grab ist eines der schmalsten überhaupt. Fast wie für ein Kind gemacht. Der graue, matte Grabstein ist niedrig und klein. Die meisten Familien liegen zusammen in breiten Familienbegräbnissen mit großen, glänzend polierten Steinen, auf denen in goldener Inschrift all die Totennamen neben- und untereinander geschrieben stehen. Emma aber liegt einsam in einem Einzelgrab. Am Ende des Friedhofs. Wo der dunkle Fichtenwald beginnt. Dort gehen sie zuletzt hin. Die arme Mutter versinkt jedes Jahr mehr unter Efeu. Auf ihrem Grab liegt an diesem Allerheiligen nur ein kleines Bukett aus Astern, das Lisa besorgt hat, und es glimmt ein einsames rotes Licht.

Sie verweilen dann schweigsam vor dem Grab mit dem simpel eingemeißelten Kreuz. ‚Emma Kern, geborene Lieblang 1920 – 1940‘, steht da. Und darunter: ‚Die Liebe höret nimmer auf.‘

Hermines Kehle fängt zu brennen an, als wollten die Tränen kommen. Weil die Mutter so allein und verlassen liegt und so wenig Blumen hat.

Alle stehen wie starre Soldaten vor Emmas Grab. Keiner sagt ein Wort. Dann ordnet Tante Rita langsam, mit sanfter Hand, die müde hängenden Asternblüten im Bukett und rückt es mehr in die Mitte des Grabes.

"Hermine meint, dass sie etwas von ihr erwarten, die anderen, die Verwandten. Liebe und TRAUER. Doch in Hermine ist es innen leer. Sie steht stumm, bewegt nur die Lippen ein bisschen, dass die Onkel und Tanten es sehen sollen und plappert im Geist das 'Vaterunser.' Spürt dabei ... nichts. Aber sie möchte doch gern etwas spüren, Es ist ihr ja ernst, sie will ja für die Mutter beten ... nur ...
Sie ist froh, als man sich in der Dunkelheit endlich auf den Heimweg macht.

Die Tante Anna erzählt ihr später, als Hermine größer ist, von Emma:
"Ihre Gesundheit ist untergraben gewesen", sagt sie, "als d u nämlich kaum einige Monate alt gewesen bist, war sie bereits wieder schwanger mit dem Werner. Da hat sie dich aber weiter gestillt, obwohl der Bub schon in ihrem Bauch gewachsen ist. Und so etwas ist ... tödlich."
"Das hat ihre Kräfte aufgezehrt," sagt auch Tante Ida, "wo sie doch solch ein kleines, zerbrechliches Persönchen war. Wenn dein Vater nur rücksichtvoller gewesen wäre! Sie hätte nicht so schnell wieder schwanger werden dürfen, dann wäre sie heute noch am Leben ..."


Dass ihre Mutter besonders schön gewesen sein soll, wie die Leute behaupten, kann Hermine auch nicht finden. Auf dem Hochzeitsfoto macht sie einen eher hässlichen Eindruck. Sie hat ein weit geschnittenes, komisches Brautkleid an, das wie ein Sack an ihr herunterhängt. Und dazu einen Schleier, der zwar zum Boden hin herrlich fällt, aber am Kopf von einem zerzaust aussehenden Kranz aus weißen Blumen gehalten wird, der um ihr kurzes, glattes, an den Schläfen angeklatschtes Haar und ihre mageren Wangen herum sonderbar aussieht. So steht sie irgendwie steif neben Papa, todernst und mit elendigem Gesichtchen und schwarzen Ringen unter den Augen. Von Statur ist sie winzig, zwei Köpfe kleiner als der Papa, der zwar recht stattlich, aber auch kein Riese ist.

Auf den drei oder vier Schnappschüssen, die es sonst von ihr gibt, hat sie eine nur ohrlange, spärliche Kurzhaarfrisur. Die steht ihr überhaupt nicht.
"Das war, nachdem sie ihre wunderschönen, kastanienbraunen Flechten abgeschnitten und sich einen Bubikopf hat machen lassen, denn sowas war damals modern ... LEIDER", sagt Tante Rita. Tante Rita ist Papas Schwester.

Doch EIN gutes Bild von Emma gibt es. Eines in Postkartengröße. Das ist bestimmt vom Fotografen gemacht. Da ist sie wirklich schön. Mit Augen ruhig, riesengroß, dunkel wie die Nacht. Weit geschwungen und voll sind ihre Lippen. Einen Schwanenhals hat sie, weiß und lang, wie ihn sonst nur berühmte Filmstars aufweisen. Sie trägt ein enganliegendes, weißes Kostüm, das zeigt, wie schön schlank sie ist. Dazu unerwartet ... einen frechen, schicken Hut, eine Kappe eher, auf ihrem Köpfchen. So ganz hell und modern. Das Bild sieht wirklich toll aus. Aber auch hier blicken ihre Augen ernst, nein traurig.

Emma war Mitglied im ‚Rosenkranz-Verein‘ und bei den ‚Töchtern Mariens‘. Das muss ein Zeichen großer, weiblicher Vollkommenheit gewesen sein. Etwas Besonderes. Warum sonst würden die Lieblang-Tanten aus Unterstetten es immer und immer wieder aufs Tapet bringen. Ja, Hermines Mutter war fromm.
"Sie ging jeden Morgen um sieben in die Frühmesse", erzählen die Nachbarinnen.

*




11
DER LIEBE GOTT UND DER KRIEG


- Guten Abend, gut Nacht, mit Rosen bedacht, mit Näglein besteckt, schlupf unter die Deck. Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt- hatte Tante Anna Hermine abends manchmal vorgesungen. Denn sie schliefen im gleichen Bett. Hermine mochte das Lied überhaupt nicht.

"Was, wenn Gott nicht will... und ich nicht wieder geweckt werde? Wenn er mich einfach vergisst?" ...

Da kroch so eine schwarze Angst in Hermine hoch. Nicht dass sie furchtbar oft an so böse Sachen dachte, aber diese Gedanken kamen ab und zu.
Das war kein schönes Lied, auch wenn es der Tante Anna besonders gut gefiel, nein, dabei konnte man nicht ruhig und fröhlich einschlafen.

Die Tante Anna hatte das Kind auch beten gelehrt:
"Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus, heilige Maria Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes, Amen..." oder
"Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit, Amen."

Hermine hatte die Worte bald auswendig gelernt, aber gedacht hatte sie sich lange nichts dabei. Und verstanden viele Jahre auch nichts. Nur das mit den Sündern, das schon.

Die Tante betete oft zu Gott und den Heiligen, genau so wie die ‚Gläubigen‘ in der Kirche und der Herr Pastor.

*


"Und wenn der liebe Gott uns nicht hört?" fragt Hermine die Stiefmutter.
Das ist dann etwas später, so mitten im Krieg.
"Das kannst nur DU sagen, weil du keine ANDACHT hast!", rügt Lisa.

Und nicht nur, dass Hermine keine Andacht hat, sie hat auch Angst, dass etwas nicht stimmt zwischen dem lieben Gott und den Menschen.
"Was, wenn er sich vielleicht gar nicht um uns kümmert? Er ist oben in seinem herrlichen Himmelreich und tut nichts, wenn die Flugzeuge kommen und Bomben werfen. Dabei braucht er doch nur seine Hand ausstrecken und sie sich eins nach dem anderen aus der Luft greifen und sie ... zack ... in die Hölle schmeißen.

"Gottes Wege sind un-er-forsch-lich", sagt der Herr Pastor in der Predigt am Sonntag Morgen. "Wir können sie erst dann verstehen, wenn wir dereinst in seinem Lichte wandeln."
Das ist am Tag, nachdem sie beim Bombenangriff auf Brückenstadt Phosphor vom Himmel geworfen haben. Brückenstadt liegt nur fünfundzwanzig Kilometer von Marienstock entfernt.

" Da war so ein Feuersturm, es ist sogar der Straßenteer geschmolzen und Flammen sind aus der Erde gekommen wie Gas ... blauweiß. Aber am Schlimmsten war der Phosphor. Die armen Menschen haben gebrannt, sind verrückt geworden vor Schmerzen und zuletzt in die Rar gesprungen, auch wenn sie gar nicht schwimmen konnten. Hunderte. Aber das Wasser hat den Phosphor nicht gelöscht und sie haben weiter gebrannt, innen. Viele hat man stundenlang schreien hören. Niemand konnte ihnen helfen. Das erzählen sich die Kinder beim Spielen und Werner erzählt es abends Hermine.

"Ist das wirklich wahr?" fragt Hermine.
"Ja, so ungefähr!", sagt die Stiefmutter, aber der liebe Gott hat die Seelen der gestorbenen Menschen auf
DIREKTEM WEG in den Himmel geholt."

*





Was bisher geschah:

Hermine ( Minou ) ist 1939 geboren. 1940 stirbt ihre Mutter bei der Geburt des Bruders Werner. Vater ist Soldat im Krieg. Nach mehreren Versuchen mit ‚Haushälterinnen‘ wird das Kind zu Anna, einer Tante gebracht. Dann heiratet Papa wieder. Lisa, die neue Mutter, nimmt die jetzt viereinhalbjährige Hermine und den jüngeren Bruder Werner zu sich. Papa - ständig an der Front - ist für die Kleine ein Fremder, den sie nur vom Hörensagen kennt, an den sie sich kaum erinnert.





12
EVAKUIERUNG I


EINE BRÜCKE, EIN BUNKER

1944 fährt Lisa mit Hermine und Werner in die ´Evakuierung´. Evakuiert werden Frauen, Kinder und Alte aus bombengefährdeten Städten oder Gegenden nahe der Frontlinie. Evakuierung ist ein staatlicher Befehl.

In Lisas Fall befiehlt niemand. Die Stiefmutter wird ebenso wenig wie die anderen Menschen im Ort, zum Wegfahren gezwungen denn Marienstock liegt in keiner kritischen Zone.
Man weiß, dass die Amerikaner mit ihren Bomben keine Dörfer platt machen, während das nur fünfundzwanzig Kilometer entfernte Brückenstadt immer wieder getroffen wird.

Also, die Einwohner verlassen Marienstock nicht. Nur Lisa geht ... mit den beiden Kindern.
Die Männer der Kerns im wehrfähigen Alter sind ohnehin alle im Krieg. ‚Eingezogen': Oskar ( Hermines Vater) auch Onkel Fritz, Papas einundzwanzigjähriger Bruder und Onkel Willi, der gerade einmal achtzehn geworden ist.

Zwei genauso junge Onkel aus Unterstetten, Alex und Arnold, Brüder von Hermines ‚erster‘ Mutter, sind ebenfalls an der Front. Das heißt ... nein... Alex ist zu der Zeit schon gefallen.

"Ein Prosit auf Großdeutschland und den Endsieg", ruft Onkel Peter, der als einziger von den Männern der Kerns zu Hause bleiben muss – oder darf! Er hat Gelenkrheuma. Ein kaum dreißigjähriger, gesund aussehender Mann, der nicht eingezogen wird ... so einer ist suspekt in jener Zeit. Drückeberger.
" Wenigstens werde ICH nicht für den Gröfaz ( Größter Feldherr aller Zeiten ) ins Gras beißen", lallt Peter schon einmal trotzig, wenn der Alkohol ihn beflügelt.
"Halt den Mund, du bringst uns alle in Teufels Küche", so darauf Zilli, sein Eheweib.

*

Lisa verlässt also die Restfamilie und geht mit Werner und Hermine in die Evakuierung. Na ja, sie nennt es so ...

Sie fahren mit dem Zug. Ihr Ziel ist Bayern. Oberbayern. Dort ist Lisas Stiefvater, ein studierter Agronom, Verwalter auf einem Gut namens Morgenau. Und dort soll noch immer Milch und Honig fließen. In Marienstock ist es nämlich inzwischen schwer, an die täglichen Nahrungsmittel zu kommen.

Während der Fahrt bleibt der Zug - kurz hinter Ludwigshafen - plötzlich auf den Geleisen stehen. Uniformierte springen in die Waggons, suchen in Ecken und unter Bänken nach irgend etwas, nehmen Gepäckstücke aus dem Netz und auseinander...
"Alle Fenster schließen", tönen die Befehle.

"Mama, warum fahren wir nicht?" quängelt Werner. Er ist dreieinhalb.
"Wir fahren gleich", sagt Lisa.
Aber... es geht und geht nicht vorwärts. Eine Viertelstunde ist vorbei, eine halbe Stunde. Vierzig Minuten. Lisa und die Kinder essen Butterbrote. Trinken aus der Thermoskanne Tee. Der Zug steht.

"Es ist wegen der Eisenbahnbrücke da vor uns", meint eine Frau.
"Die haben Angst, dass einer ´ne Bombe aus dem Fenster wirft, wenn wir da oben sind."
"Sa-bo-tage ... es gibt Unmengen von Sa-bo-teu-ren hier", hört Minchen jemanden im überfüllten Abteil sagen.

Und so klein das Kind ist, weiß es schon: die Leute sprechen vom bösen Feind.

"Ich hab Bauchweh", jammert Werner.

Als sie nach einer dreiviertel Stunde endlich losfahren, geht es nur ein paar hundert Meter weiter. Da bleibt der Zug, der ohnehin nur im Schneckentempo vorwärts kommt, schon wieder stehen, diesmal mitten über dem Fluss. Quietschend kommt er zum Halt ... auf einem fast frei in der Luft schwebenden Schienenstrang.
"O du meine Güte", kreischt Lisa und schlägt die Hände vor die Augen.

Hermine sieht aus dem Fenster tief unten ein unsagbar breites, schwarzes Gewässer.
"Das ist der Rhein."
"Wann fahren wir denn weiter?", greint Werner aus seiner Coupé-Ecke.

Auf dem wackeligen Schienenstrang hoch über dem dunklen Strom hängen die Waggons fest. Rühren sich nicht zwischen Himmel und Erde. An der Seite nur dieses ziemlich lädierte, streichholzschwache Geländer. Aus Holz? Unten der Fluss. Der ganze Zug vibriert, weil die lockeren, metallenen Geleise schwanken. Dabei halten sich die Menschen auf ihren Sitzen ganz ruhig, wagen kaum zu atmen. Hermine staunt.

"Wirft jetzt einer die Bombe?", will Werner wissen.

Irgendwann fahren sie aber doch. Meter für Meter schafft sich der Zug vorsichtig über die Eisenbahnbrücke, die keine mehr ist, sondern nur ein Notbehelf. Dann sind sie wieder auf festem Boden. Die Menschen saugen aufatmend die Luft ein. Erleichterung.

Aber kurz vor Mannheim müssen sie alle schlagartig aus den Waggons. Auf offener Strecke, wo es nur Landschaft gibt, Büsche, Gras.

Flieger!

Die Amis ( Engländer ?) greifen täglich Züge an.
"Es heißt, sie schonen die Zivilisten, aber wer weiß das schon?"
"Lauft Leute unten an die Böschungen, legt euch flach hin ... Hauptsache, so weit wie möglich weg vom Zug! Denn auf den sind sie aus!"

Aus der Ferne hört man Sirenen.

Sie liegen starr auf der Erde, die Alten, Frauen, Kinder. Angstvoll.

Nach Minuten verschwindet das Flugzeuggeschwader, das über sie hinzog, wie ein brummender Spuk in den Wolken.

"Los schnell zurück in den Zug", wir müssen es bis Mannheim schaffen", sagt jemand. Ein Schaffner? "In Mannheim ist ein Bunker!"

Während sie in die zerstörte Stadt hinein rollen, heulen in der Luft schon wieder die Sirenen.

Der Zug hält. Schnell raus aus den Abteilen ... laufen ... laufen. Lisa trägt die Reisetasche und zerrt an der anderen Hand Werner hinterher. Hermine ist es schlecht und es fällt ihr schwer, nah bei Lisa und Werner zu bleiben, mitten unter den vielen Leuten, die alle rennen. Zum Bunker ist es, Gott sei Dank, nicht weit.

"Beeilung. Vorwärts!", rufen Uniformierte.
Natürlich ist das Gepäck im Zug geblieben.

Der Bunker liegt nicht unter, sondern über der Erde. Ein mächtiger Klotz aus Beton. Riesig. Ein mehrstöckiger Quader. Ohne Fenster. Innen Säle. Überfüllt mit Schutzsuchenden. Lisa und die Kinder werden über Treppen hochgetrieben.

Auch durchs zweite Stockwerk schiebt sie die nachdrängende Menge. Ein Chaos. Kinder schreien, Mütter zerren sie weiter.
"Hermine, bleib du neben mir, halt den Werner an der Hand fest und lass nicht los, verstehst du, sonst gehst du verloren", ruft Lisa in dem ganzen Wirrwarr.

Da sind Krankenschwestern mit rotem Kreuz auf den Armbinden. Soldaten ( oder Polizisten?) schieben die Leute vorwärts ... dorthin, wo viele andere schon auf Pritschen und ausgebreiteten Decken auf dem Boden liegen.

Eine Stimme kommt laut aus der Decke - oder aus der Wand (?)
O Gott, wie komisch!
Von 'feindlichen Ge-schwa-dern' redet die knatternde Frauenstimme, "Bomber-ge-schwa-der dringen in unseren Luft-raum", sagt sie, "Alli-ierte Ver-bän-de"... im An-flug, so ähnlich klingt es in Hermines Ohren und sie versteht mit ihren kaum fünf Jahren schon, um was es geht: Flugzeuge sind über ihnen ...

Man kann jetzt die 'feindlichen Verbände' in der Luft brummen hören. Die 'Geschwader'. Nach kurzer Zeit rummst es an allen Ecken und Enden. Dumpfe oder hell scheppernde Donnerschläge! Die Wände wackeln und der ganze Bau bebt. Man spürt, wie da draußen immer wieder etwas aufschlägt.

"Hier sind wir sicher", sagt jemand, "die Wände sind hart wie Kruppstahl."

Wenn das Rummsen zwischendurch einmal aufhört, reden die Leute merkwürdig ruhig miteinander.
"Wir sind ausgebombt", sagt eine Frau, "und jetzt auf dem Weg zu Freunden in Würzburg."

Viele Leute sagen, dass sie alles verloren haben. Sie fahren, wie Lisa, zu Verwandten aufs Land oder in ganz fremde Gegenden, wo sie vielleicht eine Bleibe finden werden.

"Mannheim ... man traut seinen Augen nicht ... Trümmerfelder überall ... Ludwigshafen ebenso", sagt jemand, "die machen jetzt alles dem Erdboden gleich!"

Oben prasseln die Bomben weiter.

Frauen in Uniform zwängen sich durch die Menschenmenge, verteilen Becher mit Kaffee und Tee. Dazu Margarinebrote.
Werner hat Bauchweh. Er heult, quängelt, muss aufs Klo, muss brechen.

Lisa ist plötzlich mit ihm verschwunden.

Da ist Herminchen allein unter lauter fremden Leuten, mitten im Geschnatter, Kleider- und Menschengestank. Es kann sich nicht rühren, ist eingeklemmt zwischen all den Erwachsenen. Da wird ihm schlecht, es kann nicht mehr auf den Beinen stehen.
Es wird ihm so eklig im Magen ...
im Kopf so schwindelig.
Gleich wird es umfallen.
Es spürt es kommen:
"Mama, Mama!"
O lieber Gott, alles geht von ihm weg,
es kriegt keine Luft mehr,
die Menschen, die Stimmen,
sie schwimmen davon in einem Nebel aus Grau.
Hermine hat schreckliche Angst.
Vor den Bomben überhaupt nicht.
Aber vor dem ´Umkippen.´
Da wird schon alles schwarz.
Da plumpst sie auf den Boden.
Fällt in das schwarze Loch.
Dann weiß sie nichts mehr...
Später ist Lisa über das Kind gebeugt und fremde Leute.

"Es ist wieder ohnmächtig geworden", sagt Lisa, "so etwas bekommt das da oft.
Hermine ist jetzt auf einer Pritsche unter einer Decke. Vorhin war ihr ganz kalt. Jetzt wird ihr heiß, viel zu heiß. Lisa sagt: "Bleib du ganz ruhig liegen, am besten du rührst dich nicht!"

Aber die Hitze ist furchtbar, denn Hermine ist mit dem Gesicht nur ein paar Handbreit von einem sogenannten Bullerofen entfernt, einem alten, tonnenförmigen Metallding, das, mit Holz und Kohlen gefüttert, mächtig heizt. Kein Wunder, es muss den ganzen Saal warm halten.
Hermine ... Kopf, Hals und Brust glühen furchtbar. Aber...
"Man kann die Pritsche nicht wegrücken, keinen Zentimeter", sagt Lisa, "denn wohin damit? Der Raum ist zugestopft mit Matratzen und Menschen. Außerdem ist es jetzt tiefe Nacht und nur eine Notbeleuchtung flackert. Die Leute sind alle müde und schlafen. Also verhalte dich ruhig. Wir sind nicht allein hier", flüstert Lisa.

Und die blöde Felddecke darf Hermine auch nicht herunterstrampeln, sonst würden sie und der Werner sich erkälten, meint Lisa.
Werner liegt auf derselben Pritsche, er aber mit den FÜßEN in Richtung zum Ofen. Also mit seinen kleinen Schuhen fast in Hermines Gesicht. Dem Werner ist kalt. Er zittert wie Espenlaub. Und Hermine kommt fast um vor Hitze. Die Bomben draußen haben längst aufgehört, zu fallen, aber die Nacht geht nie vorbei.

Hermine hält es auf der Pritsche nicht länger aus, will aufstehen. Aber Lisa sagt:
"Stell´ dich bitte nicht an. Wir müssen dankbar sein, dass ihr zwei hier liegen könnt - diese nette Dame - sie deutet zu einer Frau hin, die neben ihr, Kopf im Schoß, auf dem Boden sitzt -, hat den Platz für euch freigemacht."

Hermine geht es schlecht. Stunden um Stunden ist ihr so übel, dass sie es kaum aushält. Ewig dauert die Nacht. Und immer wieder schaufeln sie eimerweise Kohlen in den rot glühenden Ofen hinein.
Hermine möchte nur noch da weg, aber sie ist jetzt zu müd, zu matt, und außerdem passt Lisa auf, dass sie schön liegen bleibt. Geht die furchtbare Nacht denn nie zu Ende? Der Ofen bollert und glüht wie wahnsinnig.

Lisa trägt Werner ein paarmal aufs Klo, weil er brechen muss.
Und Hermine hat der Stiefmutter versprochen, lieb zu sein und brav liegenzubleiben, wenn die beiden fort sind. Ihr war noch nie im Leben so heiß und übel. Das wird sie nie mehr vergessen.

Am anderen Morgen ist ihr Zug HEIL. Obwohl andere Züge in der Nähe bombardiert wurden. Sie können sogar ein paar Stunden später schon weiterfahren.

Aber Lisas vier (!) Koffer sind weg. Die der anderen Leute auch. Gestohlen! Die Koffer standen nicht im Abteil, sondern auf offenen Plattformen zwischen den Waggons, hoch aufgetürmt, von Planen bedeckt, fest verzurrt, ein jeder mit Nummer und einem Zettel, auf dem der Name des Besitzers stand. Alles größere Gepäck hatte dort draußen bleiben müssen, damit es in den übervollen Abteilen den Reisenden nicht den Platz wegnahm. Und jetzt ist alles futsch.

"Solche Schweine! So ein diebisches Drecksgesindel ... unser Führer lässt sowas hinrichten, dieses Pack", schreit eine Frau, "jetzt hab ich meine letzte Habe verloren."
Lisa ist nicht so schlimm dran. Denn ihre meisten Sachen sind ja noch in Marienstock.
"In den Koffern waren mein hellgrauer Persianermantel, meine neuen Stiefel, eure ganzen KLEIDER, die Sommer- UND die Wintersachen, eure Bilderbücher, deine Puppe, Hermine, aber auch all die Spielzeuge, die das Christkind mir schon im Voraus für euch gegeben hat ."
Und dann zählt Lisa auf, was das Christkind ihnen an Weihnachten fast gebracht hätte und nun nie mehr ... Da waren ein Stempelkasten, ein Mal- und sogar ein Zauberkasten, Zeichenhefte, Farbstifte, bunte Perlen, um selber Ketten daraus zu basteln, eine Krippe mit Engeln, mit dem Jesulein und mindestens zwanzig Figürchen und ein Ka-lei-dos-kop in dem man immer neue herrlich bunte Bilder und Farben sehen kann", verrät Lisa. Sie bereut aber im gleichen Augenblick, dass sie das gesagt hat.

Denn Hermine kann sich überhaupt nicht mehr beruhigen, denkt an all die Seligkeiten, die sie fast bekommen hätten und nun nie mehr kriegen werden. Die Enttäuschung treibt ihr heiße Tränen in die Augen und Gedanken an die verlorenen Sachen werden ihr noch lang schmerzvoll im Kopf herum kreisen.

Als die drei in München ankommen, herrscht dort tiefster Winter. Es ist viel kälter als in Marienstock und es liegt hoher Schnee. Vom Hauptbahnhof bis nach dem über hundert Kilometer entfernten Morgenau findet Lisa für sich und die Kinder in der frühen Nachmittagsdämmerung eine Mitfahrgelegenheit oben auf einem mit Planen bedeckten Lastauto. Da klettern sie jetzt hinauf. Der Wind bläst gewaltig durch die aufgerissenen Stoffbahnen, die aneinander schlagen.
Werner geht es schlecht. Sein kleiner Körper glüht vor Fieber. Kaum in Morgenau angekommen, wird er schon ins Krankenhaus nach Hohenkirchen weitergeschafft. Es stellt sich heraus: der Blinddarm ist durchgebrochen. Er wird noch in der Nacht operiert.

*



GUT MORGENAU

Es leben zu der Zeit, als Lisa mit den Kindern ankommt, außer den Mägden und den deutschen Knechten, noch französische und russische Kriegsgefangene auf Morgenau, dazu zwölf ukrainische und zirka zwanzig polnische Fremdarbeiter, männliche und weibliche. Alle diese ausländischen Menschen schlafen, nach Nationalitäten und Geschlechtern getrennt, in rasch erbauten Baracken, die sich um die älteren Gebäude reihen.
Das Hauptgebäude liegt auf einem kleinen Hügel. Sie nennen es das ‚Herrenhaus‘.

Dort leben Lisas Stiefvater, also der Herr Verwalter, ihre Mutter Katharina und Lisas zwei jüngere Halbschwestern. Im großen Wirtschaftsgebäude nebenan wohnen einheimische Mägde, die quasi mit zur Familie gehören, sowie ein paar besonders zuverlässige ‚Ostarbeiterinnen‘. Sie teilen sich zu zweit, zu dritt ihre Kammern, Deutsche für sich, Ausländerinnen für sich.

Lisa und Hermine ziehen gleich ins Herrenhaus ein. Und der Werner natürlich auch, den man nach zwei Wochen aus dem Hospital zurückholt. Er ist wieder gesund. So munter wie eh und je.

Und Hermine?

Erst einmal muss sie jeden Morgen einen Riesenbecher warme, frisch gemolkene Kuhmilch trinken. Da wird total aufgepasst, dass sie die auch ratzeputz austrinkt. Wo sie doch eigentlich überhaupt nichts frühstücken will. Und obwohl es ihr am Anfang von der Milch immer kotzübel wird. Aber da kommt sie nicht drum herum.
"Meine Mutter hat das angeordnet. Die weiß, was für Kinder gut ist!", sagt Lisa.

Der Werner bekommt Malzkaffee und eine Semmel mit ganz dick Butter. Wenn Hermine die eitergelbe Fettigkeit sieht, die Resi, die Küchenfrau, ihm so dick aufs Brötchen streicht - und das am frühen Morgen - dann wird ihr davon auch schlecht. Aber die Milch ist ein größeres Übel. Als sie im Stall zum ersten Mal die überprallen Kuh-Euter vor sich hat, aus denen die Schweizer - so nennt man die Melker dort - mit ihren Fingern dieses Sämige, Weiße herausquetschen, das mit Gezisch in die Eimer spritzt und in derselben Zeit aus den Hintern der Tiere braune Platscher auf die Erde klatschen, da denkt Hermine, dass sie von dieser weißen Ekelbrühe nie mehr im Leben etwas wissen will ... und jetzt ...o je ... die Erwachsenen haben das Milchtrinken für sie beschlossen, weil sie so ‚elendig‘ ist, weil sie so oft ‚umfällt‘. Dadurch käme sie vielleicht wieder auf die Beine, hatte Lisas Mutter gemeint.

Natürlich geht es Hermine nicht jeden Tag schlecht. Langsam sogar ziemlich gut. Und sie kommt aus dem Staunen nicht heraus. So groß, so gewaltig ist hier alles. Selbst der Himmel ... höher, weiter und blauer als in Marienstock. Nur ... die vielen Leute auf Schritt und Tritt! Da wäre sie manchmal gern für sich allein. Aber überall hier begegnet man Menschen.

Der Verwalter des Gutshofes, Herr Vogt, ist Lisas Stiefvater. Lisas Mutter hat ihn in zweiter Ehe geheiratet. Da war Lisa noch ein Baby. Ihr richtiger Vater ist im ersten Weltkrieg, 1919, gefallen.

Herr Vogt hält sich tagsüber mit den Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen draußen im Wald oder auf den Feldern auf oder ist mit der Pferdekutsche, dem Landauer, unterwegs. Er leitet den Betrieb. Redet wenig. Ein großer, Ehrfurcht einflößender Mensch, sechzig Jahre alt, voller Falten im mageren Gesicht. Klein, kühl, hell sind die blauen Augen. Er arbeitet so hart wie die anderen, packt überall mit an.

Nur wenn ‚hohe Tiere‘ von der Partei vorbeikommen, kehrt er den Verwalter heraus, strafft sich militärisch, ist schroffer zu den Untergebenen, Respekt heischender als sonst. Auch lässt er die Gäste mit allem bewirten, was Küche und Keller hergeben. Und das ist eine Menge. Später schreitet er feierlich mit den Herren in seine Kanzlei nebenan, wo Abrechnungen nachgeprüft, landwirtschaftliche Probleme besprochen werden.
Graf Wiegald, dem der Hof und andere Güter in der Umgebung gehören, lässt sich hier nie sehen.
"Morgenau ist erst so wichtig geworden, seit Krieg ist", hat Katharina einmal gesagt.


Im Küchentrakt arbeiten Halena und Raissa, zwei Ukrainerinnen, auch Sonja, Dunja und noch drei Frauen aus Polen. Dazu die Deutschen: Marie, Resi, Klara.

Auf Gut Morgenau wird viel angebaut, hier werden Tiere gezüchtet, hier wird wichtige Nahrung produziert.
Zum Heumachen und in der Erntezeit, an Einmach- oder Wursttagen kommen hin und wieder auch Bäuerinnen, Tagelöhnerinnen, aus der Umgebung.

Die Verwaltersgattin auf Morgenau, Katharina Vogt also - sie wird von allen Leuten nur die ‚Frau‘ genannt - ist groß, mager und sehnig wie ihr Mann, mit glatt zurückgestecktem, schwarzem, von grauen Strähnen durchzogenem Haar, einem oft müden, manchmal mürrischen Gesicht. Sie ist achtundvierzig Jahre und eigentlich alt. Immer ist sie ernst ... so, als wären ihr das Lachen und das Lächeln längst vergangen.

Sie beaufsichtigt das Hauspersonal, bekocht und verköstigt zusammen mit den Mägden auch die vielen Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen, mit denen das Hofgut zunehmend überschwemmt wird.

Katharina kommt selten zur Ruhe. Die ‚Frau‘ macht beim Hühnerschlachten mit, päppelt die jungen Enten mit Brennesselbrei auf. In der Waschküche, an den riesigen Waschkesseln, in denen täglich Weißwäsche gekocht wird, steht sie neben den Fremdarbeiterinnen, hilft mit, wenn man das Leinen auf dem Rasen zum Bleichen ausbreitet, bestimmt die tagtäglichen Mahlzeiten für alle, schält selbst Kartoffeln, legt Hand an bei dem, was in Töpfen und Pfannen gebrutzelt wird ... und sie verarztet die Leute bei kleineren Krankheiten und Gebrechen.

"Diese Franzosen ... manchmal glaub ich, sie verstümmeln sich absichtlich", murmelt Marie, die Küchenhilfe, denn:
"Merde alors", hört man Eugene gerade rufen: "meine Kumpel at sich schwer verletzt, Frau."
Schon ist Katharina in der Baracke bei dem Stöhnenden. Lässt sich vom Unfall berichten. Redet dem Mann gut zu. Ja, sein Bein ist gebrochen. Sie gibt ihm ein Gläschen Schnaps zur Beruhigung.
"Der Kutscher wird dich sofort ins Krankenhaus fahren, Jean Pierre", ordnet sie an. "Und du begleitest ihn, Eugene."

"Frau ... Frau". Die ‚Frau‘ befiehlt. Die ‚Frau‘ schuftet. Sie ist beim Brotbacken dabei, beim Wurstmachen, Marmelade-Einkochen, Pilze-Trocknen, bei hundert anderen Verrichtungen. Die ‚Frau‘ arbeitet sieben Tage die Woche von fünf Uhr in der Früh bis zehn auf d‘ Nacht.

Und Lisas zwei Halbschwestern, die auch da wohnen? Die "gnädigen Fräuleins", werden sie von den Leuten auf Morgenau betitelt. Die jüngere, die Monika, ist SCHÖN mit allen dazugehörigen Attributen: schulterlang ihr weizenblondes Haar und leuchtend wie Mondschein. Monika mit ihrer hohen, schlanken Gestalt, dazu dem herben Gesicht eines eigenwilligen, robusten Geschöpfes. Die Augen klar, blau, voller Willenskraft. Wenn die Dienstmägde über sie reden, dann mit Bewunderung. Oder Neid: "die Prinzessin."
"Letztes Weihnachten hat sie in der Christmette in Hohenkirchen die Muttergottes gespielt", erzählt jemand.
"Da haben die Leute aber gestarrt. So eine schöne Maria haben die noch nie gesehen!"
"Na ja, hübsch IST sie ja!" sagt Resi.

Monika ist auch schweigsam. Mit den Mägden spricht sie kaum. Auch an Werner und Hermine hat sie bis jetzt nur wenige Worte verschwendet.

"Der Bub, der den Josef spielte, war mächtig in das gnädige Fräulein verschossen", sagt Resi, "aber ein Bauernbursch ist er halt, wo doch sie in München studiert und nur mit feinen Söhnen verkehrt."
"Herumgeschmust hat sie aber SCHON mit ihm, draußen im Gang. Ich hab es gesehen", meint Klara. "Er hat sie auch ein paarmal hier besucht ... Nachher wollt sie nix mehr von ihm wissen."
"Der arme Kerl lief dann und meldete sich zur Wehrmacht. Mit gerade erst achtzehn."
"Wegen dem gnädigen Fräulein hat der das nicht getan. Glaub ich nicht!"
"Sondern?"
Für‘s VATERLAND! Freiwillig hat der sich gemeldet ... und gleich ging‘s ab mit ihm an die Ostfront!"
"Hah ... wird er dort sterben", sagt Halena, die Ukrainerin.

Das zweite "Fräulein" heißt Agnes. "Obwohl ... ein Fräulein is die net, eher ein bleiches, heimtückisches Biest, eine, die niemand durchschauen kann ... die is schon eine rechte Hexen", meint Marie grinsend, "ganz eine Böse..."
"Ach was", ruft Resi, "ein armes Hascherl ist‘s ..."

Die Agnes duckt sich immer, wenn man sie ansieht, als hätte sie etwas Schlimmes ausgefressen. Und schön ist die nicht: große, gelbe Zähne, lange Nase im dürren Gesicht ... dunkel brennende Augen. Ein brauner, dünner Haarknoten hinten am Kopf und dazu fettige Strähnen, die sich immer aus dem Dutt lösen und ihr stracks vor dem Gesicht hängen.

Die Agnes kann nicht gehen. Eine Fortbewegung schafft sie aber halbwegs, wenn sie ein wuchtiges Gestell aus Metall mit vier Rädern vor sich herschiebt, sich mit den Armen darauf stützt und die Beine irgendwie nachzieht. Das kann sie jedoch nur draußen, im Freien, machen.

"Als Kind haben sie sie oft operiert", erzählt Lisa einmal der Resi. Hermine hört es zufällig.
"Eigentlich sollten die ihr im Hospital nur die Hüfte richten - die war von Geburt an schief - , aber sie haben ihre ganze Person ruiniert, auch, weil die Arme fast drei Jahre in einem Gipsbett hat liegen müssen."

"In einem Gipsbett!", echot Herminchen.

"Ja, die Haare hat sie sich büschelweise ausgerauft vor Pein", sagt Lisa, "und jetzt ist sie UNNORMAL, wird halt manchmal ein bisserl boshaft und schreit die Leute zusammen!"

Die Agnes schafft es sogar, aus eigener Kraft ein paar Meter weit zu kommen, aber nur, wenn da Möbelstücke sind, an denen sie sich festhalten und vorwärts ziehen kann. Deshalb taucht sie plötzlich irgendwo auf, wo niemand sie vermutet. Da erschrickt man schon, wenn sie plötzlich lautlos wie ein Schatten vor einem steht. Dass sie sich nachts heimlich an den Wänden von Korridor zu Korridor schiebe, ja sogar an den Geländern entlang durchs Treppenhaus hangele, tuscheln die Mägde.

*

Zirka vier Wochen nach der Ankunft auf Gut Morgenau geht Lisa ins Krankenhaus nach Hohenkirchen und bringt dort ihr erstes Kind auf die Welt, den Maxl. Seinen Namen bekommt er von Maximilian ... so hieß Lisas Vater, der im Grab bei Verdun in Frankreich liegt.

Der Neugeborene ist natürlich der schönste Säugling, der je auf Morgenau gesichtet wurde. Da sind sich alle einig. Lediglich der Herr Verwalter hält sich aus der allgemeinen Euphorie etwas heraus.

Es kommt der Frühling. Das Maxl-Baby liegt jeden Tag gut eingekuschelt, mit Mützchen und Steppdecke geschützt, in seinem spitzenrüschenbesetzten Stubenwagen im Garten unter einem weißen Fliederbaum. Lisa sitzt meistens dabei, häkelt oder liest ein Buch. Die deutschen und ausländischen Mägde kommen oft her und: "Dududududu ...dididididi ... du-bist-aber-süß ... dududududu ... du-schöner-Bub-du ..." plappern und gestikulieren sie ... Was soll man auch sonst zu einem so winzigen Kerlchen sagen? Dudududududu ...Der Kleine streckt allen die Ärmchen entgegen, quiekt stolz und lacht jedem freundlich in die Augen.

Lisa wird übrigens von den Leuten hier "gnädige Frau" genannt, während ihre Mutter, Katharina, die eigentlich eine viel größere Rolle spielt, nur ‚DIE FRAU‘ ist.

Eines Tages passiert etwas Merkwürdiges. Die Marie hört den Maxl schreien. Anders schreit er als sonst.
"So, als ging‘s ihm ans Leder", wird sie später sagen. Marie stürzt also ins Zimmer, reißt die Agnes weg, die mit der großen, spitzen Schere vor seinem Kinderbettchen herumfuchtelt.
Die hatte so ein Glitzern in den Augen. "Ich bring ihn um", habe sie gefaucht, die Verrückte, erzählt Marie.
"Aber warum?"
"Sie ist halt eifersüchtig auf die gnä - Frau, weil die einen so gesunden Buben hat und einen Offizier als Mann, und sie hat halt gar nix", mutmaßt die Resi.

*



IN MORGENAU TÖTEN SIE TIERE

Die deutschen Arbeiterinnen, die Polinnen und Ukrainerinnen essen in der Küche des Wirtschaftsgebäudes, die Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen gleich nebenan in der sogenannten Knechtekammer, einem winzigen, schlauchförmigen Kabäuschen, das früher für ein halbes Dutzend Leute gedacht war. Da müssen aber nun über vierzig Mann verköstigt werden. Das geht nur in getrennten Gruppen vor sich.

Als erste sind die deutschen Knechte dran. Sie kommen morgens um fünf, mittags um halb zwölf und abends um sechs und haben genau 25 Minuten Zeit, um jeweils die Mahlzeit einzunehmen, dann rumpelt die nächste Gruppe herein: die Polen. Später in Reih und Glied mit ihrem Bewacher der Trupp der russischen Kriegsgefangenen. Danach die ukrainischen Fremdarbeiter. Dann die gefangenen Franzosen.

Hermine beobachtet aus gebührender Entfernung die Männer und ihren lärmenden, holprigen Auftritt. Sie mag die tiefen, dunklen Stimmen, die Sprachen, die sie nicht versteht. Mag das Aroma ihrer Tabake.
Nie entgeht dem Kind das Rumoren, Schieben, Stiefelgetrampel ...

Die Männer wuchten sich also zu beiden Seiten des einzigen Tisches auf zwei lange Holzbänke. So eingepfercht, passen bis zu acht Leute auf je eine Bank. Hat jemand erst einmal Platz genommen, kann er nur dann wieder den Raum verlassen, wenn alle anderen, die näher an der Tür sitzen, aufstehen und ebenfalls hinausgehen. So eng ist es.

In Morgenau wird zwar hart gearbeitet, aber niemand muss hungern. Sagt der Herr Verwalter auch immer. Zum Frühstück gibt es eine Semmel mit Butter, ein Stück Streichwurst, Speck, heiße Suppe. Körbchen mit frischem Brot stehen immer auf dem Tisch und werden nachgefüllt, wenn sie leer sind. Ebenso wie die Blechkannen mit dampfendem Malzkaffee. Auch Rübenzucker und Milch ist genug da.
Mittags ist das Essen noch besser. Fleisch oder Wurst gibt es jeden Tag, Kartoffeln und Soße auch.

Eine Magd stellt von der Küche her die gefüllten Teller in eine kleine Durchreiche und so werden sie dann der Reihe nach in der Knechtekammer über den Tisch geschoben und verteilt.
Früher, als die Leute sich ihre Portionen selbst bei den Köchinnen abholten, haben die Frauen ihren jeweiligen Schätzchen immer die größten Portionen zugeschustert. Das gab böses Blut. Bis der Herr Verwalter anordnete, eine Öffnung in die Wand zwischen Küche und Essraum zu brechen. So entstand die Durchreiche.
Seither bleibt den Männern die Zugangstür zu Fleischtöpfen und Weiberleuten verschlossen. Schade. Kein Plausch und Techtel-Mechtel mehr am Kochherd.
Dafür geht es jetzt gerechter zu. Keiner kann sich eine größere Portion Fleisch ergaunern, weil er sich besonders gut mit dem Betören weiblicher Herzen auskennt. Nein, jetzt wird für niemanden mehr eine Extrawurst gebraten.


So gegen drei Uhr nachmittags, wenn die Fütterung sämtlicher Raubtiere - laut Resi - vorbei ist, wenn Klara in der Knechtekammer das letzte Geschirr abgeräumt, die herabgefallenen Essensreste weggekehrt, die Dielen geschrubbt, dann auf Knien über die Bänke rutschend, mit Wurzelbürste und Schmierseife auch noch den Tisch blank gescheuert hat, wenn der Raum endlich sauber und verlassen daliegt, schleichen Hermine und Werner hinein.

Es ist soo gemütlich in der engen Koje mit Wänden und Decke aus braunem Holz. Und da ist der GERUCH. Die Mägde können noch soviel putzen, lüften, es riecht immer nach Männern, Schweiß, feuchten Kleidern, nach Pfeifentabak und ...
"Russenfürzen", sagt Werner und kichert.

Bei schlechtem Wetter hält sich Hermine am allerliebsten in dieser Knechtekammer auf. Sie mag gern, wie es hier riecht.
Während das Herrenhaus ein Stück entfernt auf einer Anhöhe steht, liegt dieser kleine Raum im Erdgeschoss eines der Wirtschaftsgebäude, sodass man vom Fenster aus das Treiben draußen im Hof gut überblicken kann.
Die Kinder müssen nur mucksmäuschenstill sein, damit niemand merkt, dass sie da drin sind. Sonst würden sie nämlich am Schlawittchen gepackt und schnell hinausgeworfen.


Vor dem Haus werden die Tiere - hauptsächlich Stiere und Rinder - auf die Waage getrieben. So eine komische Waage ... eine in die Erde eingelassene, große Eisenplatte. Wie funktioniert sowas nur? Ein Geheimnis, das weder die Stiefmutter, noch die Mägde Hermine erklären können.

Weiter hinten, gegen die Felder zu, sind der Kuh- und Pferdestall, dann die Schweinekoben, die Hühner- Enten- Gänsegehege.

Wenn es geregnet hat, wenn das Fenster der Knechtekammer weit offen steht, kommt der Geruch von aufgepflügter Erde, von nassem Laub und frisch gemähtem Gras herein. Es ist alles wie verzaubert nach dem Sommerregen. Hermine saugt die Lungen voll mit reiner Luft. Und immer hört man das Muhen der Kühe aus der Entfernung. Dazu das helle Pferdewiehern. Alles passt hier gut zusammen. Alles hat so eine ... Ordnung. Hier fühlt man sich geborgen.


Auf Gut Morgenau stehen hundertachtzig Rindviecher im Stall.

O je, so viele ... so weit kann Hermine ja nicht einmal zählen!

Am interessantesten sind die vier Stiere. Riesige Ungetüme. Bäumen sich in ihren Verschlägen. Wollen sich ständig losreißen. Stoßen wild mit den Köpfen um sich. Blicken mit rot unterlaufenen, kleinen Augen. Wüten, zerren, reißen an ihren Ketten. Das Klirren und Rasseln und ihr dunkles Gebrüll dröhnt über den Hof.

Es liegt ein riesiger Misthaufen zwischen den Gebäuden. Auf dem laufen viele schmale Holzplanken wie sich kreuzende Straßen. Über diese wackeligen Planken schaffen die Knechte jeden Tag mit ihren Schubkarren den Mist aus den Ställen. Nicht einfach i r g e n d w o, nein, an ganz bestimmten Punkten wird er ausgekippt. Es gibt da anscheinend Gesetze. So dirigieren die Knechte ihre hoch getürmten Karren geübt in komplizierten Schleifen über die schwankenden Holzplanken, bis sie den richtigen Platz zum Ausleeren der stinkigen Last gefunden haben.
Gespannt beobachten die Kinder das Treiben der Männer. Irgendwann muss einer doch mit so einer Karre, die nur e i n Rad hat, ausrutschen und in den dampfenden, braun-gelben, strohpieksigen Brei fallen ... Darauf lauern Werner und Hermine. Aber so etwas passiert den Männern nie! Den Kindern am Anfang auch nicht. Öfter spielen sie mit ein paar Tagelöhnerjungen auf den Planken des Misthaufens Nachlaufen und Fangen. Das macht Spaß. Man muss nur höllisch aufpassen, dass man nicht ausglitscht ... Aber das ist nur eine Frage von wenigen Tagen. Irgendwann landen die zwei Geschwister kreischend in dem jauchigen Scheißdreck. Da werden sie dann abgeschrubbt und ganz schnell für immer von diesem interessanten Spielplatz verbannt.

*
Eines Tages hört Hermine ein lautes, erbärmliches Quieken ... sieht dann gerade noch durchs Fenster der Knechtekammer, wie Männer ein rosa Schweinchen übers Pflaster zerren. Einer hält es beim Schwanz, während ein anderer mit einem Messer ...

Dann plötzliche Stille. Eben noch das schreckliche Gequieke ... nun schlagartig vorbei! Es hilft Minchen nix, dass es sich vom Fenster wegdreht, die Augen zupresst ... denn draußen beginnen schon wieder diese toderschreckten Töne und immer wieder dazu Männerlachen. Hermine ahnt Fürchterliches, ... will das nicht hören. Flüchtet ins Kellergeschoss, in die Waschküche. Stumm sitzt sie dann zwischen Kochkesseln und Zubern. Ihr ist schlecht, schlecht. Ach ... und dann ist da noch die graue, aus Stein gemauerte Wanne, in der matt ein paar fette Karpfen herumschwimmen. Sie weiß inzwischen, die sind ein paar Tage hier im klaren Wasser, bis sie ihren Modergeruch vom Teich verlieren, dann werden auch sie geschlachtet!

Nach einer halben Stunde schleicht Hermine auf den Hof hinaus, weil man den ja überqueren muss, wenn man zurück ins Herrenhaus will. Und sie meint, alles wäre vorüber. Oder vielleicht auch überhaupt nicht wahr gewesen ... nur ein böser Traum. Aber da sind Männer mit Wasserschlauch und Besen gerade dabei, blutige Pfützen und Därme vom Pflaster wegzuspritzen, wegzukehren. Und sie zeigen den Kindern komische, runde Dinger ... wie aus Pergament sind die und von lauter roten, noch blutigen Äderchen durchzogen. Sie stinken ekelhaft süß. Nach Pisse. Dann pustet jemand Luft in so einen schlaffen Beutel, er wird dick wie ein Ballon. Eine Schweinsblase.

"Willst du so eine haben?", fragt ein Knecht grinsend, "so zum Spielen!".

Da wird Hermine schlecht. Fast fällt sie schon wieder einmal um.

Werner und die Tagelöhnerbuben aber greifen sich die Dinger und rennen unter Triumphgeheul davon.


*

Monate später, als Hermine mit ihrer Schiefertafel in der Esskammer sitzt und Buchstaben malt, wie Marie es ihr beigebracht hat, da schaut sie aus Gewohnheit zufällig durchs geschlossene Fenster und sieht ein paar Männer, die gerade eine Kuh über den Hof zerren. Sie muht leise, dunkel, wie Kühe immer muhen. Sie hat einen Strick um den Hals.
"Also geht‘s auf die Waage", denkt Hermine. In eben der gleichen Sekunde haut aber ein Knecht der Kuh mit einem dicken Hammer, ( oder ist es ein umgedrehtes Beil? ) über die Stirn. Das Kind hat keine Zeit mehr, wegzugucken. Die Augen des Tieres blicken voller ERSTAUNEN genau in die seinen.
Der mächtige Körper bricht zuerst auf den Vorderbeinen zusammen. Noch muht die Kuh. Da haut ihr der Knecht wieder mit diesem Ding über die Stirn. Die Kuh stürzt vollends hin. Ist auf einmal nur ein großer Haufen Fleisch, ein Brocken Fleisch und Fell da auf dem Pflaster. Hermine hat alles gesehen. Sie presst ihren Kopf auf die Tischplatte. Ihr wird schwindelig. Schwarz vor Augen.

Hermine hat den Moment gesehen, in dem ein Wesen starb. Den Moment zwischen Leben und Tod. Sah die Augen des Tieres ‚brechen‘. wie die Erwachsenen das nennen. Und sie hat es voll begriffen.

Am nächsten Morgen nach dem Aufstehen, beim Zähneputzen, kippt die Kleine wieder einmal um.
"Dieses Kind ist einfach nicht gesund", sagt Katharina, "wenn man nur herausbekäme, was ihm fehlt."

"Das war nicht so schlimm ... das Tier hat nicht groß gelitten. Schlachten ist etwas Natürliches", sagt Klara später zu Hermine.

Etwas Natürliches? Aber der Tod? Der Tod?

*



EINE SCHÖN GEORDNETE WELT

Werner und Hermine dürfen mit den Verwaltersleuten am großen Tisch im Herrenhaus zu Mittag essen. Das hört sich selbstverständlich an, ist es aber nicht. Da gab es lange Diskussionen vorher und zuerst haben die Kinder im Wirtschaftsgebäude in der Küche mit Resi und den Mägden ihre Mahlzeiten bekommen. Denn der Herr Verwalter wollte sie nicht mit bei der Familie haben.
"Das kannst du doch nicht machen", hatte Katharina gesagt, "die zwei gehören nun einmal zu Lisa ... und damit zu uns, da beißt die Maus keinen Faden ab."
Endlich hatte die Frau sich durchgesetzt.

Ihr Mann redet aber kaum ein Wort mit den Kindern, die ihm jetzt täglich gegenüber sitzen. Er weiß es ja selbst ... mit so kleinen Wesen kann er nicht umgehen, und mit diesen beiden schon gleich gar nicht. Er hat Lisas Heirat von Anfang an missbilligt.

"Warum um alles in der Welt musstest du, Mädel, dich ausgerechnet mit einem PREUßEN einlassen?", hatte er an dem eiskalten Winterabend gemurmelt, als sie und die beiden Kinder, mehr tot als lebendig, zur Tür herein getaumelt waren. Lisa hatte den wuchtigen, schwangeren Bauch vor sich her geschoben. Hermine, dieses hauchdürre, kleine Ding, war ein paar Minuten später schon beim Auslöffeln einer Nudelsuppe ‚umgekippt‘. Das Wernerchen hatte vor Fieber geglüht und das waren ja dann bei ihm auch die Vorboten des Blinddarmdurchbruchs gewesen.

"Du und Dein Saupreiß, dein grauslicher", hatte der Verwalter am Anfang gerufen und er hatte getan, als meine er es im Scherz, doch im Inneren war er traurig und verletzt. Na ja, vorgeschobene Bayern-Preußen-Animositäten sorgten damals für Witzstoff, man amüsierte sich damit, doch ER war nicht zum Scherzen aufgelegt. Er musste einfach ein Ventil für seinen Ärger finden, für seine Wut auf Lisas unbekannten Ehemann, diesen Witwer, der sich ihm nie vorgestellt, sie prompt geschwängert und ihr noch seine zwei hilflosen Waisen aufgehalst hatte, bevor er an die Ostfront verschwand und nicht mehr gesehen ward.
"Der soll mir nur NIEMALS über den Weg laufen, der Hallodri, der preißische ..."

‚Eifersüchtig ist er, der alte Tropf‘, denkt Katharina. Diese seine verworrene Liebe zu ihrer Lisa - seiner Ziehtochter - hatte sie von Anfang an gespürt. Eine nie eingestandene, nie gelebte Liebe.
"Wer blickt schon ins Herz dieses Kauzes."

Der Verwalter hat also beschlossen, den ungebetenen Schwiegersohn, sollte er denn einmal auftauchen, einfach zu ignorieren. Die zwei ihm hier untergeschobenen Quasi-Enkel ignoriert er schon jetzt gründlich.

*

Das einzige, unwandelbare, unumstößliche Ereignis auf Morgenau ist das tägliche Mittagessen. Die anderen Mahlzeiten zählen nicht, man lässt sich irgend etwas bringen, da, wo man sich gerade aufhält. Die Kinder frühstücken morgens bei den Mägden in der Küche und bekommen abends dort auch ihren Brei.

Das Mittagsmahl aber wird im ‚schwarzen Salon‘, dem Speisezimmer im ersten Stock des Herrenhauses geradezu zelebriert. Es beginnt pünktlich um halb eins. Ein Gong ertönt und wehe, man kommt zu spät!

Augenweide ist ein mächtiger, ovaler Tisch und seine Platte aus Ebenholz so glatt und glänzend, dass man sich wie in einem Spiegel darin sehen kann. Die Stühle, mit schwarzem Leder gepolstert, haben hohe Lehnen, die sogar ein Stück über die Köpfe der Erwachsenen hinausragen. Die Kinder passen da nicht so richtig hin, weil alles riesenhaft und wuchtig ist in dem Raum. So sitzen die zwei dann dort ... sehr klein ... und mucksmäuschenstill. Die Anderen am Tisch sind: Lisa, der Herr Verwalter, Katharina , die beiden gnädigen Fräuleins Monika und Agnes.
Oft sind Gäste da, der Mon-sig-nore vom Pfarrhaus nebenan kommt fast täglich. - Gut Morgenau hat eine eigene Kapelle und einen eigenen Priester. Die Frau Äbtissin der Blindenschule aus Hohenkirchen macht auch manchmal ausgerechnet zur Mittagszeit ihren Besuch, Schwester Pia heißt sie und bringt noch eine oder zwei Klosterfrauen mit. Auch Freunde der Familie kommen häufig bis von Ingolstadt herüber und schlemmen sich satt. In den Läden gibt es ja kaum mehr etwas Essbares zu kaufen.

Hermine staunt, wie vornehm hier alles zugeht: Das Besteck ist aus Silber, das Geschirr aus weißem Porzellan mit silbernen Rändern. Und jeder hat in einem schönen Ring seine eigene weiße Tuchserviette neben dem Teller liegen. Täglich ist da eine frische.
Die Holzdielen riechen ganz sauber und frisch nach Bohnerwachs. Und bei fast jedem Wetter stehen die riesigen, hohen Fenster weit offen, dass die Luft aus Wiesen und Wäldern hereinweht.


Es schmeckt hier immer wunderbar. Es gibt zartes, feines Kalbfleisch. Oder auch Gulasch, Hühnchenschenkel. Dazu Salzkartoffeln und Spätzle. Lauter gute Sachen. Oder in Butter gebratene Pfifferlinge. Und dann erst die weichen DAMPFNUDELN mit süßer, gebräunter Vanille-Soße darüber - hmm... daran könnte Hermine sich totessen - Und ROHRNUDELN hmm, die ebenso wie die Dampfnudeln gar keine Nudeln sind, sondern ein viereckiges, knuspriges Hefebackwerk, das in der Küche auf riesigen Blechen massenhaft aus dem Ofen kommt.

Ja, das Essen in Morgenau ist gut. Es gibt auch immer Nachspeise: Himbeer- oder Erdbeerpudding, Mirabellen-, Kirschen-, Birnenkompott. Hefekranz mit Rosinen. Und Zwetschgenkuchen ... o jammi... Manchmal ein Stück süße Torte. Hmm, hmm.

Die Speisen werden von Marie serviert, die dann ein weißes Spitzenschürzchen umgebunden hat und ein kleines, niedliches Häubchen auf dem Kopf trägt und richtig schön in die ganze Vornehmheit hineinpasst.

Die Kinder müssen mit Messer und Gabel essen lernen. "Ein Herumgeschlabbere und Gesudel am Tisch gibt es hier nicht", sagt Lisa und der Herr Verwalter schaut streng und düster und passt ständig auf.

Der Raum hat auf einer Seite ein Podest, darauf steht ein pechschwarzer Flü-gel, auf dem spielt Monika manchmal den Gästen etwas vor. Aber nur Sachen, die Hermine und Werner noch nie gehört haben. Von Schoping und Rach-mi-na-koff. Das sind keine schönen, bekannten Lieder. Keine zum Mitsingen. Es ist langweilig.
Aber Rauslaufen geht nicht.

"Hiergeblieben, ihr zwei!"
Ja, Kinder dürfen erst aufstehen, wenn die Erwachsenen das Zimmer verlassen haben.
*

Bei all dem guten Essen ... ein Wermutstropfen bleibt für Hermine. Denn manchmal gibt es HIRN. Dem Kind dreht sich der Magen um bei dieser ‚Spezialität‘. Einmal hat es nämlich gesehen, wie Resi in der Küche das grauweiße, waberige, gekröselte Zeug aus einem aufgeschlagenen Kalbskopf herausgeholt hat. Wie es dann grauslich in einer Schüssel geschwommen ist. Hermine krümmte sich vor Ekel ... Es wird ihr so elend dann beim Anblick des Hirns auf ihrem Teller, dass sie gleich brechen laufen muss und fast wieder ohnmächtig geworden wäre.
Aber:
"Was auf den Tisch kommt, wird gegessen, vor allem in diesen schlimmen Zeiten, wo so viele Menschen hungern!", sagt Katharina.

Hermine macht die Augen zu, stellt sich vor, das Gehirn wäre Rührei, obwohl das kaum was hilft, weil es ja nicht stimmt. Gehirn zu essen ist das Schlimmste, was einem Kind passieren kann. Es bricht in Schweiß aus und in Tränen, der Magen rebelliert furchtbar, die Augen treten ihm aus dem Kopf.
"Also ... so ein Theater gibt es hier nicht", sagt Lisa.
Ja, das Zeug MUSS hinuntergewürgt werden.

Aber alle andere Nahrung in Morgenau - außer der Kuhmilch - schmeckt Hermine gut. Vor allem der knusprige Gänsebraten. Hmm ... hmm ... fein.

Beim Geflügelschlachten ist sie zum Glück noch nicht dabei gewesen!

*



JETZT ERSCHEINT AUCH NOCH DIE MUTTER GOTTES

Eines Tages bekommt Hermine einen Mai-Altar. Die Frau holt aus einer Holzschatulle all die schönen, kostbaren Sachen heraus, die man dafür braucht und zeigt ihr, wie man ihn herrichtet. Im Zimmer, wo die beiden Kinder schlafen, ist auf der Kommode ein guter Platz dafür.

Hermine ist eine Weile wie entrückt. Ihr gefällt die kleine weiße Muttergottesstatue aus Porzellan mit der Blütenkrone ... die Maienkönigin. Diese steht jetzt in der Mitte des Möbelstücks auf einem Spitzendeckchen. Und um sie herum die vielen silbern gerahmten Heiligenbildchen, nicht viel größer als eine Briefmarke und die winzigen Engelfiguren mit den lieblichen Gesichtern ... die sind ja sooo süß.
In ein Dutzend Blumenväschen, nicht größer als Eierbecher oder Fingerhüte, stellt Hermine jetzt jeden Tag neue Anemonen, Schlüsselblumen, Veilchen. Dann verharrt sie lange atemlos vor dem Maialtar und betrachtet ihr Werk.

Die strohhalmdünnen, weißen Kerzen brennen in niedlichen, verschnörkelten Kerzenständern aus Kristall. Das Ganze gefällt Hermine über alle Maßen. So gut, dass sie meistens gar nicht abwarten kann, bis der Abend kommt, sondern öfter am Tag hinrennt und die lindgrünen, winzigen Kerzen in ihren schillernden Leuchtern anzündet. Die Blumen, Engel, Bildchen ordnet sie ständig neu um und richtet alles immer wieder noch schöner her.

Die Frau und Lisa lächeln sich gegenseitig zu, als sie sehen, wie gern sich das kleine Mädchen mit dem Mai-Altar beschäftigt.
"Hätte ich ihm nicht zugetraut", sagt die Stiefmutter.

Aber irgendwann wird dem Minchen die Sache langweilig. Es ist sogar ein bisschen erleichtert, als die heiligen Dinge am Ende des Monats Mai wieder in der Schachtel verschwinden und weggeräumt werden.

Wirkliche Nähe zu Maria spürt Lisas Töchterchen nämlich nicht. Es merkt - so jung es ist - dass ihm da irgendwie etwas fehlt. Seine neue Mama und die Katharina erwarten von ihm, was es nicht hat: Frömmigkeit, richtige Liebe zur heiligen Mutter Gottes. Nein, die spürt es nicht ...

Aber ein paar Tage später am helllichten Morgen, als sie im Erkerzimmer gerade einmal so aus dem Fenster schaut, erblickt Hermine auf einmal ... Maria. Mit dem Jesuskind auf dem Arm schwebt sie am Himmel, hoch über den Äckern von Morgenau. Das Herrenhaus steht nämlich auf einem Hügel und man kann weit über das Land sehen.

Die Muttergottes ist in einen wunderbaren, blauen Mantel gehüllt, der reicht bis zur Erde. Sie lächelt rosig und so schön wie ein gedrucktes Heiligenbildchen aus dem Gebetbuch. Ihr blauer Mantel deckt den ganzen Himmel zu. Das Kind starrt verwundert hin ... da ist sie schon wieder verschwunden.

Hermine rennt ganz schnell zu Lisa, denn sie kann es gar nicht für sich behalten. Sie stottert aber, weil es doch seltsam ist und kaum zu glauben, dass gerade sie so etwas gesehen hat. Und gesehen hat sie Maria. Daran gibt es nichts zu zweifeln. Obwohl sie doch kein braves Kind ist und die heilige Jungfrau sonst nur den wirklich Guten erscheint, wie damals in Fatima oder Lourdes.

Aber ... Hermine glaubt der Stiefmutter nicht, als die sagt, sie hätte das einfach nur geträumt... Wo sie doch am Fenster GESTANDEN ist und nicht geschlafen hat! Und Träume sind sowieso ANDERS. Sie weiß, dass Träume anders sind. Sie hat schon oft geträumt. Aber diesmal ... Alles ist so wahr gewesen, so wirklich, das Gesicht der Muttergottes so ... lebendig.

Und dass sie ihr jetzt erschienen ist, daran glaubt Hermine fest. Und dass sie wunderschön und ganz freundlich ist, hat sie ja gesehen. Deswegen fühlt sie sich aber nicht froher oder frömmer als vorher. Innen drin hat sie Maria jetzt auch kein bisschen lieber. Das ist alles ... ziemlich komisch !


*


was bisher geschah:

Hermine wird 1939 geboren. Als sie ungefähr 1 Jahr alt ist, bei der Geburt des Bruders Werner, stirbt ihre Mutter. Die Kleine wächst mit Haushälterinnen, später bei einer Tante auf. Der Vater ist ständig im Krieg. Nachdem er 1943 während eines Urlaubs wieder geheiratet hat, kommt Hermine nach Marienstock zu Lisa, der ‚zweiten Mutter‘. Dort trifft sie auch mit dem ihr bis dahin unbekannten Bruder, Werner, zusammen. Papa ist noch immer an der Front.
1944 fährt Lisa mit den beiden Stiefkindern in die ‚Evakuierung‘ nach Bayern. Lisas Mutter ist dort verheiratet mit dem Verwalter des Gutshofes Morgenau. Nach der Zugfahrt durchs zerstörte Deutschland kommen sie auf dem Hof an. Dort wohnen noch Lisas zwei Halbschwestern Agnes und Monika, auch Mägde, männliche und weibliche ‚Fremdarbeiter‘, russische und französische Kriegsgefangene.



12
EVAKUIERUNG 2

EINE INSEL IM TEICH

Ostersonntag. An diesem Morgen geht die Familie zur Messe. Die Frau trägt heute ihre knöchellange Dirndl-Festtagstracht aus schwarz-grün-dunkelrot gemustertem Seidenbrokat mit einer ebenfalls langen, schwarzen Seidenschürze.
Dann kommt Monika, hoch, blond, im engen, weißen Leinenkostüm.
Dahinter Lisa mit den Kindern Werner und Hermine. Auch sie aufgeschönt in lauter frisch-Gewaschenem und -Gebügeltem.
Die Agnes, schief, mit verwachsenen Hüften und ihrem knochigen Hexengesicht muss ihr metallenes Gehgestell oben an der Straße stehen lassen, denn es gibt irgendwann keinen Fußweg mehr. Klara und Resi hängen sie rechts und links in den Arm ein. Sie ziehen, schleifen sie durch die Wiesen mit. Agnes hat mit dieser Art Fortbewegung Probleme und stößt wieder einmal ihre drastischen Flüche aus. Lisas Vater, der Herr Verwalter, ist zu Hause geblieben.
"Er glaubt nicht an Gott", sagt Resi, als Hermine nach ihm fragt.

Sie stapfen nun querfeldein durch knöchelhohes, feuchtes Gras, dann auf einem schmalen, schwankenden Holzsteg hinüber auf die Insel im kleinen See, der das Gut Morgenau an drei Seiten einfasst. Und das Inselchen - nur wenige Meter vom Land entfernt, kaum größer als ein Küchengarten - ist heute ein einziger grüner Teppich, übersät mit dicken Polstern von gelben Schlüsselblumen und weißen Anemonen und in der Mitte die jahrhundertealte Kapelle. Tief sinken die Füße in die Blütenpolster ein. Die Natur strömt ihren reinen Duft aus ... erste Morgenfrühe.

Sie betreten die kleine Kirche mit dem Zwiebelturm.
Katharina und ein paar Polinnen haben das Innere am Abend vorher geschmückt. Haben Arme voller Osterglocken, Anemonen und Primeln hineingetragen und in großen Vasen um den Altar gestellt. Ein Blütenmeer.
Jetzt knien schon viele Menschen in den Bänken. Nur das besonders schön geschnitzte, etwas erhöhte, separate Betgestühl ist noch leer. Es war eigentlich ursprünglich für die gräflichen Besitzer von Gut Morgenau gedacht. Nun nehmen Katharina, Monika, Agnes, Lisa und auch die Kinder darin Platz. Das Betgestühl - die Rücken- und Seitenwände sind voller geschnitzter Blütenmotive, Heiligen- und Engelsköpfe - besteht aus separaten, durch eine Zwischenwand getrennten Bänke, in die jeweils nur zwei Leute hineinpassen und jede Abteilung kann man vorne durch ein ebenfalls schön ziseliertes Türchen verschließen, das allerdings nur bis zur Hüfte eines Erwachsenen reicht. Werner und Hermine sitzen zusammen in einem Betstuhl.
Jahrhundertelange Benutzung hat die Bänke und die Verzierungen glatt und glänzend gewetzt. Das Türchen vor ihnen kann man mit einem eisernen Riegel von innen absperren. Als Werner sich neugierig daran macht, den verrosteten Riegel vorzuschieben, hört man ein lautes Knarren und Knarzen. Da will Hermine das Ding schnell wieder zurück drücken, aber jetzt knarzt es noch viel mehr und hallt durch die ganze Kirche.
Die Leute drehen sich um und grinsen.
"PST, pst", macht die Frau.


Die deutschen Mägde sind da, die polnischen Fremdarbeiter, Russen, Ukrainerinnen, die gesamte Gruppe der französischen Kriegsgefangenen, die einheimischen Tagelöhnerinnen mit ihren Kindern.

Außer dem alten Monsignore aus Morgenau ist auch Pater Bernhard vom Klosterberg in Hohenkirchen gekommen. Drei Messdiener hat er mitgebracht, die schwenken jetzt auf den Stufen vor dem Altar ihre duftschweren Weihrauchkessel. Die ganze Luft ist durchströmt von diesem Aroma.

Heiligenfiguren stehen mit segnenden Händen auf Wandkonsolen neben vergoldeten Säulen. Dazu Kerzen ... Kerzen überall. In einer Hängelampe unter der Kuppel glüht dunkelrot das ‘ewige Licht’. Schaukelt im aufsteigenden Hauch des Weihrauchs.
Hermine wird ganz HEILIG zumute.

Monika sitzt oben auf der ‘Empore’ an der Orgel und spielt. Gewaltig tönt die Musik.

Am Schluss der Messe singen alle:

"Großer Gott, wir loben dich,
Herr wir preisen Deine Stärke,
vor dir beugt die Erde sich
und bewundert deine Werke.
Wie du warst vor aller Zeit,
so bleibst du in Ewigkeit".

Brausend klingt das Orgelspiel, holprig, aber herzhaft der Gesang der Leute, von denen einige in ihrer fremden Sprache mithalten, hell dazu das Gebimmel der Glöckchen, die die Messdiener unablässig schwingen.
Vom Turm dröhnt die schwere, eiserne Glocke, dass es weithin übers Land schallt.
‘Christ ist erstanden von der Marter allen’, singen in der kleinen Kirche die frommen Leute. Viele glauben daran in dieser Stunde.

Nach der Messe, draußen auf der Inselwiese, umfängt einen erst recht die Schönheit des Ostermorgens.
Betäubend ist der Duft der Blüten im Frühtau. Man spürt mit jeder Pore, wie die Natur atmet.
Vorsichtig schreiten sogar die Männer über den dichten Teppich aus Schlüsselblumen und Anemonen. Hermine setzt langsam Fuß vor Fuß, macht sich so leicht wie möglich. Trotzdem knickt auch sie viele Blütenköpfchen ein. Das darf man doch eigentlich nicht machen!
"Die erholen sich bald wieder", sagt Resi..

*


DER TONI IST EIN DEPP

Das geschieht auch im Sommer 1944. Schnell verschwinden jetzt die letzten deutschen Knechte aus Morgenau. Sie werden eingezogen. Dafür bringen Lastautos immer mehr Kriegsgefangene auf den Hof.
Die Leute im Herrschaftshaus machen sich Sorgen. Herr Vogt geht düster und gedrückt umher, redet noch weniger als sonst.

In der Küche sagt Klara:
"Ist doch komisch ... außer dem Herrn Verwalter gibt es hier nur einen, der eine Waffe hat ... und das ist ... ? "
"Der Toooooni", schreien die Frauen im Chor.
Hermine weiß: der Toni muss alle diese Menschen bewachen, die jetzt auf dem Hof arbeiten, die nicht freiwillig, vielleicht nicht einmal gern nach Deutschland gekommen sind.
"Da haben sie aber den rechten gfunden", murmelt Marie, "Geh, der ist doch ein Depp!"

Der Toni ist so mager und klein, dass er Hermine wie ein verhutzeltes Nussknacker-Männchen vorkommt. Er ist uralt. Mit seiner Flinte hat er sich, scheint es, noch nicht recht angefreundet. Sie ist sehr lang, ihm vielleicht auch zu schwer. Er schleift sie immer mit dem einen Ende am Boden nach.

Die Polinnen im Feld hören schlagartig mit der Arbeit auf, wenn sich ihr Wächter nähert.
"Toni, Toni komm du her, du Schliiimmer", rufen sie neckisch. Die eine oder andere spitzt dann den Mund wie zum Kuss. Malenka lüpft gar den Rock bis zu den strammen Schenkeln und tanzt lachend vor ihm herum.
Dem alten Mann scheint es mulmig zu werden bei soviel ungezügelter Weiblichkeit und die fremden Sprachen irritieren ihn erst recht, die man hinter seinem Rücken flüstert. Wenn ihn kräftige, ausländische Männer dann noch frech von oben herunter angrinsen, erwacht aber sein Germanenstolz.
"Hände hoch oder ich schieße!", soll er schon ein paarmal geschrieen haben. Alle hätten dann die Arme in die Höhe gerissen und stramm gestanden, heißt es.

"Und wenn der wirklich schießt?", fragt Werner.
"Ach, da brauchst dich nicht fürchten, Bub", sagt Resi, "der Toni hat mehr Angst vor seiner Knarre als vor den Gefangenen. Das Ding könnte ja nach hinten losgehen."

Was die Mägde und die Polinnen nicht wissen und was Minchen beim Mittagessen aus der Unterhaltung der Erwachsenen erlauscht: der Toni ist im ersten Weltkrieg Ober-feld-we-bel gewesen, hat sogar Or-den bekommen.

*

Minchen ist eigentlich recht gebeutelt. Langsam hat es sich endlich an die stallwarme Milch gewöhnt, von der es jeden Morgen einen Halbliter-Humpen austrinken muss.

"Wie dürr das Kind ist ... und es sieht so SCHLECHT aus." Manchmal sagen sie es leise hinter Hermines Rücken, manchmal nehmen sie kein Blatt vor den Mund, auch wenn es dabei steht.

"Dieses Kind ist irgendwie ZURÜCKGEBLIEBEN, hinkt Gleichaltrigen in der Entwicklung um Jahre nach", hört Hermine die ‚Frau‘ eines Tages zu Lisa sagen.
"Ja, ja, normal ist die nicht ...", antwortet Lisa.

Hermine begreift nur halb, was die zwei Frauen meinen: aber dass sie nicht so gut ist wie andere Kinder, das hat sie verstanden. Die Worte tun weh, als ob sie jemand ins Gesicht geschlagen hätte. Ja, sie gefällt der Stiefmutter nicht, das spürt sie. Und jetzt hat sie nicht nur vor dem Herrn Verwalter Angst, jetzt geht sie auch noch der ‘Frau’ aus dem Weg. Sie fürchtet sich vor ihren strengen Blicken. Und Lisa ist ohnehin so weit weg und kümmert sich wenig. Das macht Hermine nichts aus ... dass Lisa eigentlich die ‘Mutter’ ist, hat die Kleine schon vergessen. Sie sehen sich meistens nur beim Mittagessen im schwarzen Salon.

Aber da sind so viele Menschen auf dem Hof, so viele Tiere ... jeden Tag gibt es Neues anzustaunen. Und die Mägde, auch die meisten Kriegsgefangenen, sind freundlich zu ihr und dem Werner. Der Eugen, ein junger Franzose, schnitzt ihnen sogar Flöten, auf denen man richtig spielen kann. Nein, traurig ist Hermine eigentlich nur manchmal.


Die Kleine hört immer gespannt zu, wenn die Großen sich beim Essen unterhalten. Sie versteht das meiste nur halb, vieles gar nicht. Man merkt, dass die Erwachsenen Kummer haben. Der Herr Verwalter ist ernst und traurig. Und was die reden!

Was ist der ‚Kessel von Sta-lin-grad’? Der ‘Welt-bol-sche-wis-mus’?, Die ‘a-lli-ir-te Offen-sie-fe in der Nor-man-di’. Sie fragt später Resi oder Klara später danach. Aber von denen hört sie auch nur rätselhafte Worte. Nur eines weiß Hermine: dass alles mit dem Krieg zusammenhängt ...

*



HALENAS SCHÄTZE

Halena, die Ukrainerin, ist eine Hoheitsvolle. Und sehr schön. Sie geht wie eine Königin. Sie ist stark. Stolz und aufrecht. Auch im Winter hat sie keine Strümpfe an und nur Holzschuhe an den Füßen. Manchmal läuft Halena barfuß. Einmal sogar im Schnee.
Hermine denkt oft über Halena nach. Vielleicht war sie eine Prinzessin zu Hause in ihrem Land.

Halena hat auch ein Kind gekriegt. Nur drei Wochen nachdem Lisa den Maxl bekam. Den ganzen Tag trägt sie es in einem Tuch an sich gebunden mit sich herum. Halenas Mann ist der Iwan. Einer der russischen Kriegsgefangenen. Vielleicht nennen ihn die Deutschen nur Iwan und er heißt in Wirklichkeit ganz anders. Weil die Deutschen hier zu allen Russen ‘Iwan’ sagen.

Halena hat ihr Baby auch im Krankenhaus in Hohenkirchen bekommen, genau wie Lisa.
"Sie ist im gleichen Einzelzimmer gelegen und hat die gleiche Pflege gehabt wie meine eigene Tochter", sagt Katharina beim Essen zu den Gästen.
"Das ist doch normal", wehrt sie ab, als jemand sie loben will.

Halena nimmt Hermine eines Tages mit in ihre Kammer in einer der Baracken. Sie hat einen Raum nur für sich und das Baby. Aber Halenas Kammer ist voller SCHÄTZE. Da sind nämlich viele HUNDERT Postkarten, die sie mit Reißzwecken an die Wände geheftet hat. Es sind darauf keine Landschaften, keine Feriengrüße, wie Leute sie sich sonst schicken ... nein, wunderschöne Damen sind da zu sehen mit fantastischen Kleidern und breiten Hüten mit Federn darauf. Oder Kinder. Oder Liebespärchen, die sich küssen. Alle Karten sind bunt. Leuchten, glühen vor lauter schönen Farben ... Mädchengesichter mit goldenen und silbernen Herzen um sie herum. Kinder mit Veilchen- und Rosensträußen, mit so süßen Hunden, Katzen, weißen Tauben und blauen Vergiss-mein-nicht. Eine Karte immer herrlicher als die andere. So, dass Hermine jede davon eine halbe Stunde lang anschauen könnte. Etwas schöneres hat sie ja noch nie im Leben gesehen. Sie sind wunderbar. Und dann gleich so unzählig viele davon! Und jede anders!

Halena erlaubt ihr, sich auf den Stuhl zu stellen, - den einzigen im Raum - damit sie auch die höher hängenden Postkarten betrachten kann.
"Gefallen dir wirklich ... diese?", fragt die Ukrainerin und lächelt zufrieden.
Am Schluss nimmt sie Hermine noch auf den Arm, damit sie die Karten ganz oben auch in Ruhe angucken kann. Zum ersten Mal im Leben beneidet Hermine einen Menschen um etwas.

‘O, wenn die mir gehören würden ...’, denkt sie und ihr wird ganz heiß. Überhaupt nicht auszumalen ...

"Darf ich sie nochmal sehen?", bettelt sie am nächsten Tag.
"Wenn du willst."

"Du sollst nicht ständig mit der Ukrainerin herumlaufen", sagt Lisa beim Mittagessen, "du hältst sie von der Arbeit ab ..."

*



DER WILDE STIER

Die Stiere werden von Zeit zu Zeit auf die Waage geführt. Was mit viel Männergeschrei und Remmidemmi geschieht und an sich schon ein riesiges Spektakel ist. Eines Tages aber reißt sich eines dieser Ungetüme plötzlich los.

Da schnaubt das tonnenschwere Vieh mit blutunterlaufenen Augen über den Hof. Schleift seine Eisenketten nach, dass sie wie wild übers Pflaster rasseln. Das Tier biegt um die Ecke, stiebt wie der Teufel davon. Und die verwirrten Verfolger immer hinter ihm her. Sie brüllen sich in ihren fremden Sprachen zu. Wer sich im Freien aufhält, flüchtet in die Gebäude, auch Werner, Hermine und die Tagelöhnerkinder.

Dann läuft Hermine schnell zum Gangfenster, will sehen, wie das weiter geht.

Was für ein gutes Gefühl: man selbst ist hier drinnen so sicher ...
und draußen prescht das Ungetüm in einer Staubwolke durch den Hof, bleibt manchmal stehen, reibt sich schnaubend an einer Mauer, scharrt mit den Hufen, rast dann wieder los.

Niemand hat aber bemerkt, dass die schneckenlangsame Agnes mit ihrem Gehgestell unterwegs ist. Jetzt, als Hermine durchs Gangfenster guckt, da ist die Agnes genau auf der Strecke zwischen Pferdestall und Herrenhaus. Und der Stier stürmt ihr entgegen, Kopf bis fast zum Boden gesenkt, die Augen klein und boshaft. Die Agnes schreit erbärmlich.

‘Geschieht dir recht!’, denkt Hermine. Ob das riesige Vieh jetzt die Tante totstampfen wird? Sie hat es nicht anders verdient. Fressen Stiere Menschen?
Sie ist so eine alte, boshafte Schachtel, das hat sogar Lisa gesagt ... so eine, die den Maxl fast erstochen hätte ...
‘Jetzt geht es ihr an den Kragen. Die Strafe Gottes folgt auf dem Fuß!’, denkt Hermine.

Die arme Krüppelin draußen, als sie das Ungeheuer heranbrausen sieht, fällt vor Schreck mit ihrem Metallgestell um. Liegt mitten im Weg. Hermine wird es auf einmal schlecht. Jetzt hat sie Angst um die böse, blöde Tante. "Hilfe", schreit Hermine.

Der Stier kommt geradewegs auf die Agnes zu. Rast dann aber nah an ihr vorbei, biegt nach rechts. Schnaubend, brüllend stiebt er in Richtung der Felder davon, gejagt jetzt von fünf Polen.

Schnell kommen Jacques, ein Franzose, und Halena gerannt, heben die Agnes auf und tragen sie in die Küche. Gott sei Dank hat sie sich nichts gebrochen. Halena wischt mit einem Tuch den Dreck und die Tränen aus dem Gesicht der armen Tante.

Auf der Gänse- und Hühnerwiese hat sich das Untier unterdessen gemütlich ans Grasen gemacht, nachdem es das Vogelvieh in einer rasenden Wutattacke in alle Richtungen zerstäubt hat, dass die Federn nur so flogen. Nun locken die Polen mit Befehlen und Schmeichelworten das Monstrum. Aber das hustet ihnen was. Jedoch ... die polnischen Männer sind mutig. Gemeinsam stürzen sie sich dem wilden Stier entgegen. Endlich bekommt ein Verfolger namens Ivo ihn mit einer Eisenstange bei dem stählernen Nasenring zu fassen. Wundersamerweise wird das rasende Biest sanft wie ein Lamm und lässt sich ohne Mucken in den Stall zurückführen.

Die Kinder sind nachher ganz aus dem Häuschen. So etwas haben sie ja noch nie erlebt!

*



MONIKA und GERD

Die schöne Monika geht bleich und wortlos umher. Seit kurzem ist Gerd, ihr Freund, in Russland. Sie hatte in München mit ihm zusammengelebt wie Frau und Mann. Deshalb hatte sie ihn den Eltern als Verlobten vorgestellt – obwohl - in Wahrheit war von zukünftiger Ehe nie die Rede gewesen.

Das war ungewöhnlich, denn Paare heirateten in diesen Zeiten rasch. Viele junge Männer, bevor sie in den Krieg gingen, machten noch schnell reinen Tisch, bekannten sich zu ihren Mädchen, setzten die Liebe, die Hoffnung, die Gründung einer Familie sozusagen dem Tod entgegen. Es war gut, eine Frau zu Hause zu wissen, und noch besser, wenn sie vielleicht sogar schon ein gemeinsames Kind unter dem Herzen trug... Pfand für ein romantisches, häusliches Glück ... für die Zukunft ... wenn das Leben wieder NORMAL sein würde. Die Hoffnung auf das Schöne, das bei der Heimkehr wartete, half ein wenig über die Sinnlosigkeit all dieses Mordens hinweg. So war man weniger verloren, weniger ins Nichts geworfen, wenn einem an der Front der Tod auf Schritt und Tritt entgegen kam.

Monika und Gerd hatten aber NICHT geheiratet. Beide waren nicht mutig genug, auch unsicher, ob es nun die wirkliche, einzige Liebe ...
und dann eskalierten die Ereignisse. Gerd, Student der Medizin, hatte plötzlich seine Einberufung an die Front bekommen und war zwei Tage nach seinem dreiundzwanzigsten Geburtstag mit einem Truppentransport abgefahren.

Monika hatte weiter in der gemeinsamen Wohnung in München gelebt, Vorlesungen besucht. Philosophie. Biologie. Man musste die äußere Ordnung wahren. Sie vermisste Gerd immer mehr. Jetzt merkte sie erst, dass sie ihn mit jeder Faser liebte. Nun schrieben sie sich lange Feldpostbriefe voller beiderseitiger leidenschaftlicher Worte und einem Zusammengehörigkeitsgefühl, das sie sich vorher nie einzugestehen gewagt hatten. Mit jedem Schreiben wurde Monikas Sehnsucht nach einer dauerhaften Beziehung stärker.

*




VERSUCH EINES WIDERSTANDS: DIE WEIßE ROSE

Aus dem Tagebuch der Monika Vogt:
Am 22. Februar 1943 wurden hier in München drei Kommilitonen, die mit mir an der Universität studierten, hingerichtet: Hans und Sophie Scholl und Christoph Probst, den wir Christl nannten.

Parolen gegen Reich und Führer hatten die drei nachts in riesigen Lettern an Hauswände geschrieben:
FREIHEIT. NIEDER - MIT - HITLER.

Und Flugblätter der WEIßEN ROSE waren aufgetaucht, darin war zur offenen Konfrontation gegen das Regime aufgefordert worden. So stand wörtlich in diesen Flugblättern:

Wie kann man gegen den gegenwärtigen (Staat) am wirksamsten ankämpfen,
wie ihm die empfindlichsten Schläge beibringen?
Sabotage ... ist die Antwort.

Sabotage in den Rüstungs- und kriegswichtigen Betrieben.

Sabotage in allen Versammlungen, Kundgebungen, Festlichkeiten, Organisationen,
die durch die nationalsozialistische Partei ins Leben gerufen werden.

Sabotage auf allen wissenschaftlichen und geistigen Gebieten,
die für eine Fortführung des gegenwärtigen Krieges tätig sind -
seien es Universitäten, Hochschulen, Laboratorien,
Forschungsanstalten, technische Büros.

Sabotage in allen Veranstaltungen kultureller Art,
die das Ansehen der Faschisten im Volke heben könnten.

Sabotage in allen Zweigen der bildenden Künste,
die nur im geringsten im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus stehen
und ihm dienen.

Sabotage in allem Schrifttum, allen Zeitungen, die im Solde der Regierung stehen,
die für ihre Ideen, für die Verbreitung der braunen Lüge kämpfen.

Opfert nicht einen Pfennig bei Straßensammlungen (auch wenn sie unter dem Deckmantel wohltätiger Zwecke durchgeführt werden). Denn dies ist nur eine Tarnung. In Wirklichkeit kommt das Ergebnis weder dem Roten Kreuz noch den Notleidenden zugute. Die Regierung braucht das Geld nicht, ist auf diese Sammlungen nicht angewiesen - die Druckmaschinen laufen ja ununterbrochen und stellen jede beliebige Menge Papiergeld her. Das Volk muß aber dauernd in Spannung gehalten werden, nie darf der Druck der Kandare nachlassen! Gebt nichts für die Metall-, Spinnstoff- und andere Sammlungen.

Ende von Monikas Aufzeichnung.


Flugblätter, auf denen das stand, hatten die Geschwister Scholl vervielfältigt, in Hausbriefkästen geworfen und mit einigen Gleichgesinnten heimlich an verschiedenen Universitäten in ganz Deutschland verbreitet. Aber dann auch wieder NICHT heimlich genug. Überzeugt von der Gerechtigkeit ihrer Sache hatten sie gehofft, wie eben nur junge Menschen hoffen können, dass ein studentischer Aufstand gegen die Nationalsozialisten sich rasch wie ein Lauffeuer ausbreiten, dass der Funke dann von den Universitäten auf die Bevölkerung überspringen würde. Aber das war nicht geschehen. Beim Auslegen der fünften oder sechsten Flugblatt-Serie hatte man die drei Hauptakteure überrascht und verhaftet.

Sie standen einsam, auf sich gestellt, als man ihnen einen sprichwörtlich kurzen Prozess machte. Von vielen bedauert, von vielen bewundert, waren sie tapfer und stark geblieben, als die Staatsmacht sie mit stählerner Strenge abgeurteilt hatte. Weniger als Verbrecher, denn als gefährliche, krankhafte Abgeirrte wurden sie behandelt. Als Träger eines zerstörerischen Virus, der WIDERSTAND hieß. Als solche mussten sie vernichtet werden .... Krebsgeschwüre am gesunden Volkskörper, hieß es, eine Geschwulst, die es an der Wurzel, die es in ihren Anfängen schon auszumerzen galt, noch bevor sie sich ausbreitete. Das war die Einstellung der Ideologen jener Zeit.

Tod durch Enthauptung lautete der schnelle Urteilsspruch, damals nannte man das ‘Köpfen’, und das Urteil wurde noch am gleichen Tag vollzogen. Der ‘Prozess’ hatte 3 Stunden gedauert.

Monika war mit Sophie Scholl bekannt. Auf Vorlesungen der biologischen Fakultät waren sie sich manchmal im Hörsaal über den Weg gelaufen. Von Sophies Gesinnung hatte Monika gewusst ... halbwegs ... aber sie hatte diese Gesinnung nicht geteilt ... Und auch das Handeln der Kommilitonin konnte sie nicht gutheißen. Zu sehr war sie selbst mit dem Nationalsozialismus aufgewachsen. Adolf Hitler ... stand noch immer für Ordnung, Kraft. Zukunft. Stand für alles, was Monikas emotionale Heimat seit ihrer BdM-Zeit war.( Bund deutscher Mädchen ) Die Ideologie des Nationalsozialismus hatten ihr die Lehrer, später die Professoren eingepflanzt. Dieses Gedankengut, das von der Kraft der Rasse sprach, von der Unterordnung aller unter das große Ganze, von der zukünftigen Macht und Herrlichkeit eines ‘anständigen’ Volkes, mit diesen Parolen war Monika Vogt aufgewachsen. Sie gehörten so selbstverständlich zu ihrem Leben wie die geliebte Stadt München, wie die Universität, wie die Eltern, wie Morgenau im schönen bayrischen Land. Auch wenn Morgenau nicht Familienbesitz war, so liebte sie diesen Gutshof doch sehr. Auf unklare, verworrene Weise liebte sie auch alle Menschen, die dort lebten und arbeiteten. Selbst die Fremden, die man aus anderen Ländern hergebracht hatte. Dies war Deutschland. IHR Deutschland. Und die Ordnung, wie der Führer sie schuf, das war IHRE Ordnung. Etwas anderes kannte sie nicht. Nie und nimmer würde sie das Land und seine Menschen und den Führer verraten. So sehr jetzt auch alles um sie herum zusammenbrach, es waren die Feinde von außen, die Deutschland das antaten. S i e, Monika Vogt, würde sich NICHT auf die Seite der Feinde schlagen ...Wie viele Gleichaltrige hing sie noch immer dem neuen Glauben an, dem Traum von Deutschlands Größe, so verworren ihr das jetzt in letzter Zeit auch vorkommen mochte.

Monika hatte in München noch mehr Flugblätter gesehen, die Sophie Scholl und ihre Helfer heimlich auf dem Unigelände ausgelegt hatten:

FREIHEIT und EHRE! Zehn lange Jahre haben Hitler und seine Genossen die beiden herrlichen deutschen Worte bis zum Ekel ausgequetscht, abgedroschen, verdreht, wie es nur Dilettanten vermögen, die die höchsten Werte einer Nation vor die Säue werfen. Was ihnen Freiheit und Ehre gilt, das haben sie in zehn Jahren der Zerstörung aller materiellen und geistigen Freiheit, aller sittlichen Substanz im deutschen Volk genügsam gezeigt ... Studentinnen! Studenten! Auf uns sieht das deutsche Volk! Von uns erwartet es, wie 1813 die Brechung des Napoleonischen, so 1943 die Brechung des nationalsozialistischen Terrors aus der Macht des Geistes."

Auf einem anderen stand zu lesen:

Jedes Wort, das aus Hitlers Mund kommt, ist Lüge. Wenn er Frieden sagt, meint er den Krieg, und wenn er in frevelhafter Weise den Namen des Allmächtigen nennt, meint er die Macht des Bösen, den gefallenen Engel, den Satan. ( ...) Wohl muß man mit rationalen Mitteln den Kampf wider den nationalsozialistischen Terrorstaat führen; wer aber heute noch an der realen Existenz der dämonischen Mächte zweifelt, hat den metaphysischen Hintergrund dieses Krieges bei weitem nicht begriffen. ( ...) Gibt es Dich, der Du ein Christ bist, gibt es in diesem Ringen um die Erhaltung Deiner höchsten Güter ein Zögern, ein Spiel mit Intrigen, ein Hinausschieben der Entscheidung in der Hoffnung, daß ein anderer die Waffe erhebt, um Dich zu verteidigen? Hat Dir nicht Gott selbst die Kraft und den Mut gegeben zu kämpfen. Wir müssen das Böse dort angreifen, wo es am mächtigsten ist, und es ist am mächtigsten in der Macht Hitlers.

Nein, das waren keine Gedanken, die eine Monika Vogt zum Umdenken bewegen konnten. Aber Monika las, wie so viele andere Studenten, die Flugblätter, von denen am Anfang niemand wusste, woher sie kamen, sehr aufmerksam und nachdenklich. Hätte sie gewusst, dass Sophie Scholl es war, die sie in Umlauf brachte, so hätte sie die Kommilitonin trotzdem niemals verraten. Denn auch ihre, Monikas Seele, war aufs höchste verwirrt, hilflos und unglücklich.


Ebenso wenig hätte sie sich aber den Forderungen der ‘weißen Rose’ angeschlossen. Nein, ‘ehrlos’ wäre es, das zusammenbrechende heimatliche System von innen heraus durch Angriff und Sabotage noch mehr zu schwächen ... Von einer solchen Bewegung, wie sie die Geschwister Scholl im Sinn hatten, davon würde SIE nie ein Teil sein. Dennoch konnte sie Sophies Gedankengängen folgen. Monika selbst war von Adolf Hitler bitter enttäuscht, von SEINER mangelnden Kompetenz in fast allen Fragen, die die Menschen jetzt stellten ... Wie kläglich er versagte! Er versteckte sich ja nur noch hinter dem Apparat, den er aufgebaut und jetzt nicht mehr im Griff hatte. Dennoch ... sie würde ihn und damit Deutschland nicht verraten, dieses gebeutelte Deutschland in DIESER Zeit, ihr Deutschland, das einzig und allein ihre INNERE Heimat war, ( gewesen war ... denn tief in der Seele wurde sie von Tag zu Tag unschlüssiger, ihr Glaube bekam immer größere Risse ) und dennoch: sie würde nie feige einem System in den Rücken fallen, das ihr imponiert hatte, solang es stark und mächtig gewesen war. Auf das sie in ihrem Herzen alle Zukunftshoffnungen gehäuft hatte. Sie würde es nicht verleugnen, jetzt, wo es schutzlos dem Schicksal und der Willkür fremder Mächte ausgeliefert war. Eine düstere Treue war ihr geblieben.

‘Götterdämmerung ... Der Nibelungen Not ... der Nibelungen Tod - eine wehmütige Schönheit schien in all dem auch noch zu liegen!
"Nein, Monika, so nicht", hatte sie sich selbst wütend angeschrieen, - langsam verlor sie die Nerven, wenn sie allein war - "nein, versuch du es nicht auf die theatralische Tour. Entscheide dich klar und ehrlich!"
Aber sie konnte sich nicht entscheiden. Denn ... innen spürte sie: sie war noch immer im Bann dieser Gedanken, träumte den Traum von Größe, eherner Moral, Auserlesenheit, der den Deutschen zum Verhängnis werden sollte. Das allerschlimmste geschah dann auch noch: es kamen auf einmal keine Briefe mehr von Gerd.
Es konnte nur eine vorübergehende Verzögerung sein! Monika durfte sich nicht hängen lassen. Sie musste nur warten und Geduld haben. Es schien ganz einfach nur die Kommunikation zwischen der Front und der Heimat vorübergehend abgebrochen zu sein. Viele Angehörige der Soldaten klagten darüber.


Ende 1943 waren Monika und ihre Mitstudentin Gabriele Bauer, mit der sie zuletzt das kleine Apartment in der Nähe des Königsplatzes, also im Zentrum Münchens, geteilt hatte, zum zweitenmal Opfer allierter Bombenangriffe geworden. War das Haus nach dem ersten Mal nur stark lädiert, aber noch bewohnbar, so war es am Ende einer langen Schreckensnacht, die sie im Luftschutzbunker zugebracht hatten, am Morgen so durch Sprengbomben zerstört, dass von ihm und der gesamten umgebenden Straßenzeile kaum ein Stein auf dem anderen geblieben war. Da hatten die beiden jungen Mädchen das Studium endgültig fahren lassen und waren heim aufs Land zu ihren Eltern geflüchtet. Seither wohnt Monika wieder in Morgenau.


Aus dem Tagebuch der Monika Vogt:
‚Deutschlands Untergang ist nicht mehr aufzuhalten. Ich werde nie mehr im Leben studieren und habe mich an der Universität abgemeldet. Es ist wie ein böser Traum, als ob es einfach nicht wahr sein könnte, aber plötzlich habe ich von Gerds Eltern die Nachricht erhalten, dass man ihnen vor einigen Tagen offiziell mitgeteilt hat, Gerd sei ‘vermisst’. Himmel, erbarme dich meiner ... denn das ist ja noch keine Todesmeldung. Auch, einer, der in Russland vermisst ist, vielleicht kommt er ja wieder! Wenn ich nur zu Gott beten könnte. Aber ich habe keine Beziehung zu Gott.‘
Manchmal meine ich, dass ich langsam dabei bin, den Verstand zu verlieren.'

Monika, die jede Nacht unbemerkt in ihrem Bett weint, schreibt weiter:

'Wir müssen wir mit ansehen, wie unsere jungen Männer an den Fronten zugrunde gehen. Hunderttausend unschuldige Frauen und Kinder sind schon im Bombenhagel der Städte verbrannt, verglüht.
Ich stricke mit den Mägden für die Soldaten in Russland Handschuhe und Strümpfe. Vor Kälte sterben ihnen die Gliedmaßen bei lebendigem Leib ab, heißt es. Aber es heißt auch hinter vorgehaltener Hand, die Mühe sei sinnlos und die Hilfsgüter kämen auch nicht mehr durch.
Wir beginnen hier in Morgenau jetzt lieber Socken für unsere Fremdarbeiter zu stricken. Die besitzen keine mehr und schaben sich in den schlechten, holzharten Stiefeln die Füße blutig.

Kaum auszuhalten ist das Leben. Sogar am Tag sehen wir die Vorboten von Deutschlands nahendem Ende. Feindliche Flugzeugverbände überziehen den Himmel mit grauen, dröhnenden Wogen aus Stahl. Man darf sich nicht vorstellen, wie viel hunderttausend Tonnen Bomben sie jedes Mal bei sich tragen und über unseren Städten abladen. Wir hoffen, dass sie bei uns hier auf dem Land keinen Schaden anrichten. Aber was hilft das schon? In München habe ich erlebt, wie diese herrliche, alte Stadt ständig aufs Neue angegriffen, am Ende sozusagen ins Nichts zurückgesunken ist.

Auch über Morgenau war eines Tages ein seltsamer, bedrohlicher Laut in der Luft. Ein immer näher kommendes, anhaltendes, monotones Dröhnen. Dann sahen wir sie: den Gutshof überflogen sie in einer zugvogelartigen Formation von mehreren hundert Flugzeugen. Es war am helllichten Tag, an einem Vormittag gegen zehn Uhr. Einen solchen Laut hatte hier noch niemand vernommen. Als es anfing, rannten die Mägde, die Fremdarbeiter und Gefangenen aus den einzelnen Gebäuden heraus. Alle blickten gebannt zum Himmel. Da zog also ein endloser Schwarm dickbauchiger Maschinen, nicht einmal sehr hoch, auch nicht schnell, aber unerbittlich und mit diesem tödlichen, bösartigen Brummen über den Dächern unserer Gebäude dahin. Dunkle, metallene Ungetüme. In ihren Innereien tragen sie den tausendfachen Tod in unser Land. Und wir stehen da und müssen zusehen. Die Kriegsgefangenen haben genauso schweigend nach oben gestarrt wie wir Deutschen.

Soweit das, was Monika niedergeschrieben hat.

*



SPEKTAKEL AM HIMMEL

An dem Tag, an dem Minchen zum erstenmal die Flugzeuge sieht, bleibt ihm vor Staunen der Mund offen stehen. Wie fette, schwarze, riesige Hornissen brummen sie durch das Blau. Einen andauernden, gleichmäßigen, dunklen Ton machen sie, breiten diesen Ton wie einen Teppich über ganz Morgenau, so schwer, dass die Luft davon zittert und der Erdboden bebt.
Das KANN kaum die Wirklichkeit sein. Wie halten sie sich nur da oben ? Warum plumpsen sie nicht herunter, diese Maschinen, dick, fett und bleischwer wie sie doch sind?
Natürlich hat das Kind keine Angst. Im Gegenteil – das Ganze ist hochinteressant. Wie Vögel, wenn sie nach Süden ziehen, wie ein großer Buchstabe V sieht es aus. For-ma-tion. Erst vorne eine Maschine als Spitze, dann in der nächsten Reihe drei, in der nächsten fünf, dann sieben und danach immer sieben. Hintereinander halten sie sich, keines kommt dem anderen zu nah, keines schert zur Seite aus. Viele sind es und es werden immer mehr, dass Hermine sie nicht zählen kann. Eigentlich sind sie grau. Aber hin und wieder trifft ein Sonnenstrahl eine Seite von so einem Ungetüm, dann funkelt es hell wie Silber.

Der Herr Verwalter ist aus seiner Kanzlei gekommen, steht jetzt mit Hermine auf der Treppe.
"Es geht zu Ende", sagt er leise zu Hermine. Er hatte bisher niemals ein Wort mit ihr gesprochen, so als ob sie gar nicht da wäre.
"Das sind fliegende Festungen", murmelt er und sie erschrickt, weil er ihr plötzlich die Hand auf den Kopf legt. Die Hand ist schwer.
"Fliegende Festungen sind das. Da ist nichts mehr zu machen!"

"Es geht zu Ende ...", sagt der alte Mann wieder. Solche geheimnisvollen Worte für Hermine! ‚Fliegende Festungen‘... ‚es geht zu Ende.‘

Monika, die die ganze Zeit drinnen in der Kanzlei am Funkgerät saß, kommt jetzt heraus gerannt:
"München brennt ... Das ist doch nicht möglich, dass die EINEN München bombardieren, während die ANDEREN noch über unsere Köpfe ziehen. Aber sie melden es: Das gesamte Stadtzentrum ist ein einziges Flammenmeer!" sagt Monika.

*


DER EISKELLER

Doch so schnell kommt das Ende nicht.
Sommer 1944.
Eines Nachts fährt Hermine aus tiefem Schlaf hoch, weil es draußen kracht.

Es kracht viel schlimmer als beim stärksten Gewitter, so, dass sie nur noch denken kann, das Haus breche zusammen. Ein solcher Knall ist das. Ex-plo-sion?? Da steht sie senkrecht im Bett. Lisa ist nicht da, sie schläft mit Maxl in einem anderen Zimmer. Der Werner hat anscheinend nichts mitbekommen, schaut zu ihr her, ist noch gar nicht richtig wach.

Durch das Fenster sieht Hermine: unten im Hof laufen die Leute schon zusammen. Blutrot ist der Himmel ... eine Feuersbrunst weiter weg ... aber wo? Es rummst und bummst und scheppert noch immer laut. Hermine rennt in Nachthemd und Mäntelchen mit dem kleinen Bruder an der Hand Richtung ‘Eiskeller.’

Die alliierten Bomber verschonen für gewöhnlich einzelne Gehöfte auf dem Land, aber jetzt geht schon alles drunter und drüber. Die Verwaltersfrau versteht die Angst ihrer Leute, begreift, dass niemand mehr im Bett bleiben will, wenn mitten in der Nacht nicht nur feindliche Bomberverbände über die Dächer ziehen, sondern es auch ständig in nächster Nähe - was ja eigentlich nur in den Äckern und Wäldern um Morgenau sein kann - diese furchtbaren, ohrenbetäubenden Detonationen gibt.

Für Werner und Hermine ist das Ganze ein verworrenes, aber auch spannendes Abenteuer.

Jetzt geht alles schnell. Man hat in letzter Zeit schon einige Male Zuflucht in diesem Keller gesucht. Lisa rennt mit Maxl auf dem Arm über den Hof, hinterher japsen Klara und Marie. Die beiden Mägde schleppen Brotlaibe, einen Tiegel Buttermilch ... Verpflegung halt.

Monika und Katharina haben Agnes untergefasst, die sich wieder einmal vehement wehrt und wild vor sich hin brüllt. Doch man zerrt sie vorwärts. Die restlichen deutschen Frauen, die Tagelöhnerinnen samt deren Kindern, die Ostarbeiterinnen, darunter Halena mit ihrem Säugling ... aus allen Richtungen kommen sie gerannt ... alle hasten zum Eiskeller.
Er ist durch eine massive Stahltür geschützt. Ein Gang führt metertief unter die Erde. Dort ein gemauertes Gewölbe voller Eisblöcke, die im Winter am Rand des Teiches geschlagen, dann zerteilt werden und in diesen unterirdischen Räumen zwischen Sägespänen ein ganzes Jahr lang in gefrorenem Zustand bleiben. In dem so gefrosteten Keller hängen massenhaft Rinder-, Schweinehälften, Speckseiten. In entfernteren, weniger kalten Kammern lagern Kartoffeln, Zwiebeln, Gelbrüben. In einem anderen Stollen baumeln Schinken und Dauerwürste von der Decke. Überall da, wo es am wenigsten kalt ist, machen es sich die Frauen und Kinder auf Pritschen, auf Stühlen halbwegs bequem. Man hängt den Kleinen Decken und Felle über. Aber sie frieren natürlich trotzdem.

Für wenige Männer wäre schon auch noch Platz hier unter der Erde. Doch weil sie nicht alle in diesen Keller passen, darf KEINER hinein. Die einfachste, gerechteste Lösung. So hat es der Herr Verwalter bestimmt. Er selbst hält sich ebenfalls an die Regel ...

*




SOMMERGLÜCK, HERBSTSPAß, WINTERZAUBER

Aber auch das gibt es noch: Juli 1944. Es ist brütend heiß. Im Teich, der Morgenau von drei Seiten her umgibt, fluten ein paar rindenlose Baumstämme herum. An denen klammern sich die Kinder fest und dann heissa ... ab geht die Post. Obwohl Werner, Hermine und die meisten Tagelöhnerbuben nicht schwimmen können, überqueren sie so, an den Baumstämmen hängend, den ganzen Weiher, der an manchen Stellen seicht, an anderen richtig tief ist. Die Kinder paddeln mit den Füßen, kommen so mit ihren Flößen vom Fleck, während ganze Fischschwärme rundum verwirrt Reißaus nehmen.
Größere Jungen, die an manchen Stellen noch auf dem Grund stehen können, drücken und schieben manchmal ein bisschen. Es gibt auch eine kleine Strömung, die von dem Bach herrührt, der den Teich speist. Langsam gelangen die Kinder so über den Weiher bis zum Garten des Herrn Pfarrer und bis auf ein paar Meter vor sein Haus, das man sonst nie sehen kann, weil der Zutritt verboten ist und es sich hinter hohen Bäumen und Hecken verbirgt.


Herbst. Die Scheunen sind bis unters Dach vollgestopft mit stäubendem, duftendem Heu. So eine Scheune hat mehrere hölzerne Zwischenböden. Die Kinder klettern dort über Leitern von einem ‘Stockwerk’ zum anderen, denn auf drei Ebenen ist das trockene Gras gelagert. Tief unten stehen dicht an dicht die hoch bepackten Heuwagen. Die Kinder holen tief Luft und springen von der obersten, der dritten Etage in die weichen, federnden Nester hinunter.

Für Hermine ist das Spiel dann doch nicht so leicht und locker, wie es für die Buben zu sein scheint. Vor jedem Absprung wird ihr schwindlig vor Angst, wenn sie da hinunter guckt. Dann macht sie die Augen zu ... springt. Und ist glücklich, dass sie sich zusammengerissen hat. Denn es ist SOO schön, wenn man tief unten im Weichen landet. Dann lässt man sich zwischen zwei der hohen, mit Heu aufgeplusterten Wagen hindurch wie zwischen Polstern sanft zur Erde gleiten. Anschließend klettert man wieder hoch bis unters Dach der Scheune und tut den nächsten Sprung.
"Da könnt ihr euch ja den Hals brechen", ruft Resi entsetzt, als die Kinder ihr von dem Abenteuer erzählen. Und doch wird es ihnen nicht verboten.


Im Winter von 1944 auf 45 herrscht in Bayern klirrende Kälte. Über dem Eis des Teiches liegt eine meterhohe, festgefrorene Schneeschicht. Die Kinder haben Holzschlitten, und da das Land um Morgenau flach ist wie ein Brett und es keine Rodelbahnen gibt, können sie mit den Schlitten nicht wahnsinnig viel tun: so ziehen die Großen die Kleinen über den zugefrorenen, verschneiten See, dann über die Wiesen bis nach Hohenkirchen hinüber. Viele, viele Kilometer weit. Was für eine wunderbare Winterwelt! Bis zum Horizont nichts zu sehen als eine glatte, weiße Fläche. Man stiefelt immer weiter über die schimmernde Ebene oder lässt sich auf dem Schlitten von anderen mitziehen. Niemand kann erkennen, wo der kleine See aufhört und die Auen beginnen, weil die ganze Gegend gleich aussieht unter der unendlichen Decke aus Schnee.
Weiß ist auch der Himmel. Es ist eine so trockene Kälte, dass man nicht einmal nasse Füße bekommt. Die Luft ist frisch, dringt tief in die Lungen. Hermine fühlt sich überhaupt nicht müde, als sie an diesem späten Nachmittag nach all dem Toben und einer riesigen Schneeballschlacht dann in der Küche beim Abendbrot sitzt. Ihr ist herrlich warm, ihr Gesicht glüht. Tausend Sachen fallen ihr ein und sie hört nicht mehr auf, zu erzählen und zu plappern. "Das Kind ist aufgedreht wie ein Uhrwerk", sagt Resi. Und dazu ist Hermine auch noch hungrig wie ein Wolf.

*



EINE ZUFLUCHT

Aber dies geschieht auch im Winter 1944/45: Als das Reich, das tausend Jahre hatte dauern sollen, in Chaos und Trümmern untergeht, quillt das einsam gelegene Gut Morgenau, ebenso wie die Orte und Gehöfte der Umgebung, über von armseligen, verlumpten Gestalten. Ganze Trecks ausgehungerter Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten, von der nachdrückenden russischen Armee vor sich hergetrieben, haben es gerade noch bis nach Bayern geschafft. Aus allen Himmelsrichtungen retten sich nun gebeutelte, entkräftete Menschlein, teils in größeren Gruppen, teils zu zweit oder zu dritt, durch die Wälder hierher. Es ist, als ob die alten Mauern von Morgenau aus den Fugen brechen.

Jedes winzige Zimmer ist bald vollgestopft mit Vertriebenen. In Ställen und Scheuern schlafen zwischen Vieh und Heu Kinder, Mütter, Greise. Jeder Pferch, jede Abstellkammer beherbergt Flüchtlinge. Das ohnehin schon durch die Zahl der Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen aus den Nähten platzende Morgenau ist jetzt gnadenlos übervölkert. Sogar in der Kapelle auf der kleinen Insel lagern die Menschen auf Matratzen und Notbetten. Natürlich gibt es an den meisten Plätzen weder Toilette noch Waschgelegenheiten. Im Herrenhaus hat die Verwaltersfamilie nur noch zwei Räume zum Schlafen. Zwei Zimmer für fünf Erwachsene und zwei Kinder. Monika, Lisa, Hermine und Werner liegen nun nachts auf Matratzen am Boden. Jedes andere Zimmer ist zur Unterkunft für die Flüchtlinge geworden.

In den Kellern lungern siebzehn-, achtzehnjährige deutsche Soldaten. Das letzte Aufgebot des Führers hatten sie sein sollen. Verängstigte Deserteure, denen noch jetzt durch fanatisch den Endsieg beschwörende Kommando-Offiziere der Tod droht. Tatsächlich ... wenn ein solcher Junge ergriffen wird, kann es geschehen, dass man ihn aufhängt oder erschießt.
Kindersoldaten ...Wenn sie Hunger haben, halten sie sich an Resi, die rothaarige Magd, oder an Halena, die Ukrainerin. Beide sind wie Inseln der Ruhe in all der Hektik. Jedem Bedürftigen lassen sie zumindest eine warme Suppe zukommen. Und Brot für die hungrigen Menschen wird massenhaft gebacken, täglich drei mal so viel wie früher. "Bis der letzte Speicher leer und das letzte Getreidekorn verbraucht ist", sagt Resi.
Aber Halena! An ihren Rockschößen möchte Hermine sich am liebsten festklammern, wenn sie ihr im allgemeinen Chaos ab und zu über den Weg läuft. Die Kleine ist ganz aus dem Häuschen. Irrt fremd und doch fasziniert zwischen all diesem Geschehen hin- und her. Morgenau ist überfüllt mit merkwürdigen Leuten. In zerrissenen Kleidern, krank, mit wenigen Sachen sind sie gekommen, mit Leiterwägelchen, manche sogar auf Fuhrwerken, Kinder sind da, mit denen man stundenlang aufgeregt in dem ganzen Trubel herumrennt, aber irgendwie doch nicht richtig sprechen und spielen kann.

Nicht als ob das Leben immer NUR schlimm wäre in diesen Tagen. Oft ist das Ganze ja auch spannend für Werner und Hermine. Und die Flüchtlinge sind auch geduldig und dankbar und freuen sich, wenn um sie herum doch manchmal noch etwas halbwegs Lustiges passiert.

Die Angekommenen aus dem Osten werden nach zirka zwei Wochen mit Lastautos abgeholt und in rasch errichtete Notquartiere in die Nähe von Städten gebracht, wo die Kranken ärztliche Betreuung haben, wo alle besser untergebracht und verpflegt werden können. So versucht das zusammenbrechende Regime - oder eher seine kleinen, korrekten Beamten und Hilfskräfte - noch immer eine Art Ordnung aufrecht zu erhalten und die Menschen vor dem größten Elend zu bewahren.

Die jungen Soldaten bleiben natürlich bis auf weiteres im Keller versteckt.
In Morgenau kehrt wieder eine Spur von Alltag ein.

*


* Zur Beachtung: Die grau hinterlegten, kleingedruckten Abschnitte sind Originalauszüge aus den Flugblättern der 'weißen Rose'.

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Was bisher geschah:

Hermine wird 1939 geboren. Als sie ungefähr 1 Jahr alt ist, bei der Geburt des Bruders Werner, stirbt ihre Mutter. Die Kleine wächst mit Haushälterinnen, später bei einer Tante auf. Der Vater ist im Krieg. Als er 1943 wieder heiratet, kommt Hermine nach Marienstock zu Lisa, der ‚zweiten Mutter‘. Dort trifft sie auch mit dem ihr unbekannten, jüngeren Bruder, Werner, zusammen. Papa ist noch immer an der Front.
1944 fährt Lisa mit den beiden Stiefkindern in die ‚Evakuierung‘ nach Bayern. Lisas Mutter ist dort die Ehefrau des Verwalters des Gutshofes Morgenau. Nach mühsamer Zugfahrt durchs zerstörte Deutschland kommen sie an. Auf Gut Morgenau wohnen noch Lisas zwei Halbschwestern Agnes und Monika, auch Mägde, sowie männliche und weibliche ‚Fremdarbeiter‘, dazu russische und französische Kriegsgefangene. Es kommt die Zeit der feindlichen Luftangriffe. Über Morgenau ziehen allierte Bombergeschwader hinweg.
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EVAKUIERUNG 3

DER KONVOI

Monika Vogt schreibt in ihr Notizbuch:

Auf der Straße zwischen den Kartoffeläckern, zirka dreihundert Meter vom Herrenhaus entfernt, ragen heute morgen die teils verkohlten, teils noch glimmenden Ruinen zweier Jeeps auf. Und da sind noch zwei ausgebrannte, größere Kastenfahrzeuge, auf deren Dachresten man undeutlich die Zeichen des Roten Kreuzes erkennt. Es ist ein Konvoi gewesen, mit dem sich offensichtlich eine Gruppe deutscher Offiziere und Ordensträger vor den näher rückenden Feinden hat retten wollen - so sagt zumindest mein Vater. Obwohl ... am besten redet man nicht davon. Tatsache ist - und das hat man nachträglich recherchiert - in diesen Rote-Kreuz-Autos befanden sich vor dem Angriff KEINE Verletzten. Das Emblem sollte wohl eher zur Tarnung dienen. Da es internationales Gesetz ist, dass Krankenfahrzeuge des Roten Kreuzes niemals angegriffen werden dürfen, so hatte man wohl gehofft, auf diese Art von den Tieffliegern verschont zu bleiben. Aber die Amis mussten von dem Betrug gewusst haben, oder vielleicht war ihnen das Rot-Kreuz-Zeichen einfach nichts wert. Auf alle Fälle haben sie im frühen Morgengrauen aus ihren Jagdbombern die Fahrzeuge in Brand gesetzt, wahrscheinlich sogar Bomben geworfen.

Wir wissen nicht genau, wie viel Leute umgekommen sind, noch bevor sie sich haben zu uns ins Haus oder in die Wälder retten können. Vier Männer und eine Frau haben wir tot geborgen. Ihre Leichen(teile) lagen auf dem Feld. Vater hat sie vorläufig in den Eiskeller tragen lassen, denn sie müssen ja untersucht und identifiziert werden. Die Schwerverletzten haben wir ins Krankenhaus gebracht, andere, die leichter davon gekommen sind, möchten eine Weile hier bei uns bleiben. Es sind höchste Offiziere – mit ihren Liebchen - so heißt es hier. Sie haben Getränke und Mahlzeiten gefordert und uns Geld dafür angeboten. Mutter ist ratlos, Vater wütend. Er verabscheut, wie er sagt, solche verantwortungslosen, feigen Kreaturen, die an dem ganzen Elend mitgestrickt haben und nun mit allen Mitteln versuchen, ihre eigene Haut zu retten. Denen ist es doch gleichgültig, dass sie alle Menschen hier durch ihre bloße Anwesenheit in größte Gefahr bringen.

*

Auch Hermine sieht die verkohlten Autowracks auf der Straße zwischen den Äckern, als sie am Morgen aus dem Fenster schaut.
"Gestern waren die nicht da!"
"Komm weg hier!", sagt Resi.
Sie und Werner dürfen heute nicht einmal hinüber ins Wirtschaftsgebäude zum Frühstück. Sie bekommen es auf ihrem Zimmer.

Hermine weiß genau: In der Frühe ist hier etwas passiert. Da war ein Rummsen, da waren schreckliche Explosionen draußen. Etwas später Rufen und Fußgetrappel im Haus. Dann war Monika gekommen und hatte den beiden Kindern befohlen, schön im Bett zu bleiben. Hermine hatte keine Angst gehabt, sie war nur aufgeregt. Es war klar: etwas stimmte nicht.

Irgendwann hatte sie aber aufs Klo gemusst. Auf dem Weg dahin hat sie dann im schwarzen Salon eine todmüde, blasse Frau liegen sehen in einem grauen Kostüm, ohne Schuhe, ihr Gesicht, ihr Haar, die Seidenstrumpf-Beine ganz blutig. Ein paar Männer mit zerrissenen Uniformen lagen auch blutig da.

"Ach, du hast das geträumt!", sagt Resi.
"Nein, nein!"
Hermine hatte es nur ganz kurz gesehen, weil Halena herbei gerannt war und sie gleich von der Tür weggezogen hatte...
Jetzt sind alle so komisch und wollen den Kindern weismachen, alles wäre in Ordnung ...

"Und die Menschen in den Autos?" jammert die Kleine.
"Die sind in den Wald gelaufen. Es ist ihnen nichts passiert", sagt Resi.
"Nein, es ist niemand gestorben", beteuert sie, weil sie ahnt, um was die Gedanken Hermines kreisen.
"Glaub ich nicht, glaub ich nicht !"
"Die Leute sind alle am Leben", sagt jetzt auch Marie.
"Ich will aber wissen, was los ist!"
"Es ist nichts, komm, trink die Milch!"
"Ihr lügt, ihr lügt", schreit Hermine.

Nachher dann werden die beiden Kinder von Marie in die Baracke am Waldrand und dort in die Kammer der Franzosen gebracht. Damit sie die Vorgänge im Haus nicht mitkriegen sollen. Pierre und sein Freund tun ganz ahnungslos. Als Werner vor die Tür will, hält ihn Pierre aber fest.
"Ihr müsst eine Zeitlang hier drin bleiben, eure Grandpère hat es befohlen."

*





DIE AMERIKANISCHEN PILOTEN

Eines Tages werden neue Kriegsgefangene nach Morgenau gebracht. Amerikaner diesmal. Zirka fünfzehn.
Männer in Uniformen, turmhohe Gestalten, so marschieren sie lässig und mit recht vergnügten Gesichtern über den Hof.

Hermine starrt ehrfurchtsvoll. Allein schon, weil sie A-me-ri-ka-ner sind, sind sie besonders. In letzter Zeit drehten sich die Gespräche der Erwachsenen beim Mittagessen meistens um Amerika und dass nur Amerika Schuld ist, wenn Deutschland jetzt den Krieg verliert. Mit Furcht, aber auch mit versteckter Bewunderung spricht man von diesem Land und seinen Menschen, denen vor allem Lisa, die Stiefmutter, trotz der Luftangriffe noch immer Anstand, Fairness und Edelmut zutraut. Ja, auf die Amerikaner bauen manche Menschen hier in einer vagen, merkwürdigen Hoffnung.

Es herrscht große Aufregung auch unter den Mägden und Ostarbeiterinnen, als man die ersten Vertreter dieses sagenhaften Volkes auf Morgenau erblickt. Es seien abgeschossene Flugzeugpiloten, die sich mit ihren Fallschirmen über der Normandie hätten retten können, so geht bald das Gerücht um ... Wie hochinteressant.

"Ei ei, da sind ja ein paar schöne Kerle drunter", meint Klara in der Küche. Auch ein Schwarzer gehört zu den Gefangenen und das setzt ihrer aller Neugier die Krone auf. Einen ‘Neger’ hat bisher niemand von ihnen je zu Gesicht bekommen.

"Heil Hitler"–grüßend fahren die SS-Leute auf dem LKW, der die Amerikaner gebracht hat, bald wieder davon.
- Einer oder zwei dieser Uniformierten müssen doch wohl zur Bewachung der Gefangenen auf dem Gut geblieben sein, würde einem der gesunde Menschenverstand sagen. Hermine hat in späteren Jahren lang überlegt. Aber tatsächlich war ihr außer dem schon früher erwähnten, alten Toni, nie ein Gefangenenbewacher in Morgenau aufgefallen. Und sie glaubt noch heute, dass tatsächlich sonst keiner da war. -

‚Wenn Amerika so mächtig ist, warum sind dann seine Soldaten als Gefangene nach Morgenau gekommen? Und warum wehren sie sich nicht? Wo doch hier niemand auch nur halb so stark ist wie sie?‘, zerbricht sich Minchen den Kopf.

Die ‘Kanzlei’, der letzte, noch zu entbehrende Raum im Herrenhaus, wird ausgeräumt und für die Männer hergerichtet. Man zimmert rasch für die langen Kerle Holzbetten. Aus Platzmangel jeweils drei übereinander.

"Geht mit diesen Gefangenen gefälligst höflich um!", schärft der Herr Verwalter den Mägden ein. Das hätten die ohnehin getan. Wo das doch so hübsche, lachende Burschen sind.
Staunend stehen Werner und Hermine an der Tür und spitzen mit erregten Gesichtern in die Kanzlei hinein, in der jetzt die fremden Gefangenen sind. Einer von ihnen ruft den Kindern ein paar Worte zu und lacht. Herminchen flüchtet schnell ein paar Schritte zurück, kommt dann wieder langsam herbei geschlichen und schwupp-di-wupp, da hat der Mann es schon auf den Arm genommen und fragt nach seinem Namen. Sie schenken den Kindern auch in silbriges Papier eingewickelt, dünne, feste, rosa Streifen ... Schuing Gam ist das. Es schmeckt pfefferminzig. Man darf es nicht essen, nur lutschen und kauen, bis alles Aroma langsam raus ist.
"Dann klebt man es unter den Tisch", erklären die Männer und machen es gleich vor...
"No, no, verboten ... itse Tschook". Sie lachen.

Die Amerikaner freuen sich, wenn die Kinder kommen. Brian malt ihnen Bambis und bunte Mäuse, als sie Papier und Farbstifte mitbringen. Sie lernen ein bisschen Englisch und die Amerikaner von ihnen ein paar Brocken Deutsch.
Die Männer halten sich immer in diesem engen Zimmer auf, rauchen und spielen Karten. Sie haben keine Arbeit wie die anderen Gefangenen. Es gibt in Morgenau einfach nichts zu tun für amerikanische Piloten.
Manchmal singen sie zusammen Lieder.
Jeden Tag gehen die Kinder ihre Freunde besuchen. ‚Fränds‘.

Aber nach einer Weile hört man die Männer nicht mehr so viel lachen. Und es riecht schlecht in ihrem Zimmer, obwohl die zwei Fenster weit offen stehen. Fast wie auf einem Klo. Matt liegen die meisten Amerikaner auch am Tag in den Bettkojen. Sie spielen nicht mehr mit den Kindern und Zigaretten haben sie auch keine mehr. Wo doch vorher immer der heimelig würzige Geruch des Tabaks im warmen Zimmer schwebte. Alles hat sich verändert. Herminchen sieht nur noch in traurige Gesichter und müde Augen.

Später lässt man die Kinder nicht mehr zu ihnen hinein, denn die Amerikaner sind krank geworden. Sie haben fast alle furchtbare Durchfälle bekommen von dem guten, deutschen Essen und sind dünn. Das sieht nicht schön aus, weil sie ja so große Männer sind und jetzt fast wie Knochengestelle.


Herr Vogt, der Gutsverwalter, sitzt am Fernsprecher und versucht, eine halbwegs kompetente Amtsperson in die Leitung zu bekommen. Wird von Pontius zu Pilatus weiter verbunden.
"Unsere amerikanischen Kriegsgefangenen brauchen ärztliche Hilfe", behauptet er, "sie scheinen sich einen Virus eingefangen zu haben und gehören dringend in ein Lazarett..."
Es geht nicht", wird er gleich abgeschmettert. "Wie stellen Sie Sich das vor.
"Kultivierte Leute sind das, die kann man nicht krepieren lassen wie Vieh."
"Ja und ... Deutsche sterben auch. Diese Amis interessieren mich einen feuchten Kehricht!", sagt der nationalsozialistische Funktionär am anderen Ende der Strippe.
"Diese Männer sind nicht irgendwer... HOCHRANGIGE Offiziere sind das ... also, wenn die noch länger auf Morgenau bleiben, kann ich für nichts garantieren!"
"Mir sind die Hände gebunden!"
"Wenn auch nur einer von ihnen wegstirbt, werden wir eines Tages ein großes Problem haben ... Sie wissen, was ich meine? Sollten wir die Sache nicht lieber mit Klugheit ..."
"Mmmmmh"
"Wenn diesen Leuten etwas passiert, ist dies gewiss NICHT im Sinne des Führers!", fügt der Verwalter noch hinzu, obwohl inzwischen jeder Trottel weiß, dass längst nichts mehr im Sinn des Führers ist.
"Ein zweites, zögerndes ‘hmmmmh’ kommt durch die Leitung.

Herrn Vogts Hilferuf zeigt aber doch Wirkung. Die Piloten werden am nächsten Tag mit einem LKW in Begleitung zweier deutscher Krankenschwestern abgeholt.

*



Hinter dem Wirtschaftsgebäude wird von den französischen Kriegsgefangenen ein mannstiefer Graben ausgehoben. Nur mit Muskelkraft und Spaten. Auch Herr Vogt, der Verwalter, legt kräftig mit Hand an.

Hermine geht täglich nachschauen. Jedes Mal ist der Graben ein ganzes Stück tiefer und länger geworden. Das Kind steht staunend, guckt zu, wie die Männer sich abmühen. Am Schluss, nach zirka einer Woche, zieht sich der Graben fast fünfzig Meter weit und ist so tief, dass die Köpfe der Arbeiter nicht mehr herausschauen, wenn sie drin stehen. Sie hätten immer weitermachen können damit, aber anscheinend hat auf einmal niemand mehr Lust. Vielleicht auch deswegen, weil eines Morgens kniehoch Wasser darin steht. Grundwasser.
"Wozu macht ihr das Ding?", hatte sie gleich am Anfang gefragt. Aber die Gefangenen hatten nur mit den Schultern gezuckt und gegrinst ...
"Ist Versteck, aus dem man Feind ganz schnell totschießen kann", hatte Jean Pierre lachend gesagt.

Natürlich redet auch die Familie beim Mittagessen über das wundersame Projekt.
"Da stehen die Amis in Thüringen und die Russen vor Berlin und du Schlauberger hebst hier Panzergräben aus. Bist du noch zu retten?" sagt die Frau.
"Ist ein Befehl von oben", antwortet ihr Mann müde.

*




EINE VISION VON MACHT UND GLORIE

Gegen zehn Uhr morgens an einem sonnendurchfluteten Maitag des Jahres 1945 sitzt Hermine an ihrem Lieblingsfenster im Erker im zweiten Stock des Haupt- oder Herrenhauses. Resi kämmt ihr mit dem Staubkamm weiße Nissen vom Kopf, was nur halbwegs funktioniert, denn die Dinger kleben an jedem einzelnen Haar fest..

Fast alle Kinder sind von Läusen befallen. Die Frau Verwalterin hatte im Ernst gemeint, das einzig vernünftige wäre, Hermines ganze Schnittlauchlockenpracht abzuschneiden, am besten noch den Rest ratzeputz wegzurasieren.
"NEIN, nein!", hatte Hermine geschrieen und gleich losgeflennt.
"Muss ja nicht sein", hatte es dann geheißen.

Seither nimmt sich Resi der langen Haare des Mädchens an. Wenn man auch die Nissen nicht so gut herausbekommt, die Läuse kriegt man schon weg mit dem engzahnigen Kamm. - Und wenn die Scheusale fort sind, können sie auch keine Eier mehr legen und sterben so auf einem Kinderkopf langsam aus - So weit Resis Theorie.

Auch an diesem Morgen suchen ein paar flinke Läuslein, von den Zähnen des Kammes beschleunigt, fluchtartig das Weite. Eigentlich knackt man sie zwischen den Fingernägeln, aber Herminchen bringt das nicht fertig: "Die armen, armen Läuse!" Resi lässt deshalb die armen Läuse am Leben. Weil es der Kleinen sonst womöglich wieder schlecht wird.. Zwei, drei blutgenährte Parasiten laufen also hastig übers Fensterbrett davon...

Als Hermine ihnen nachschaut und dann zufällig durch die Scheibe nach draußen sieht - das Haus steht auf einer Anhöhe -, da stößt sie einen Schrei aus, zeigt mit der Hand nach vorne, wird starr, kriegt vor Staunen den Mund nicht mehr zu..

Panzer rollen am Horizont entlang. Unzählige. Hermine hat schon in der Zeitung Bilder davon gesehen. Jetzt sind die Echten da. Hunderte. Hunderte. Einer dicht hinter dem anderen. Ein unendliches Band von Panzern zieht sich über die Serpentinen der Landstraße, die sich zirka einen Kilometer hinter Morgenau zwischen Wiesen und Äckern dahin schlängelt. Auch Lastautos sind in der riesigen Kolonne. Fahrzeug auf Fahrzeug, wie eine mächtige Raupe, gleiten sie ruhig in endlos langer Prozession über die Straße, Panzer und grün-braun gefleckte offene LKWs. Aber eines ist dabei seltsam ... Hermine hört keinen Ton.
So unendlich viele Fahrzeuge am Horizont und dazu die Stille ... Jetzt denkt Hermine, dass sie wirklich träumt.
Inzwischen sind alle Hausbewohner an die Fenster gelaufen.
Und die Kolonne rollt und rollt. Immer neue Panzer sieht man weit hinten auf der Straße vorbeiziehen, LAUTLOS, während die Umrisse der anderen sich schon verschwommen in der blauen Ferne verlieren. Oben auf den Lastautos stehen im Licht der Morgensonne die fremden Soldaten. Die erkennt man aber nur mit einem Fernrohr, das Monika herumreicht. Auch aus den Panzerluken hängen sie wie Trauben heraus mit ihren gefleckten Uniformen. Blätter und Büsche ragen auf ihren Stahlhelmen.



Aus dem Notizbuch der Monika Vogt:

Die U.S. Army unter General Patton, die anscheinend seit Tagen Deutschland überrollt, hat jetzt auch Morgenau erreicht. Wir sind inzwischen von jeder Radio-Kommunikation abgeschnitten. Sogar das Stromnetz ist zusammengebrochen. Wir konnten hier nur ahnen, wie nah das Ende war.

Es ist ein unglaublicher Anblick. Seit Stunden wälzt sich die größte Kriegsmaschinerie der Welt wenige Kilometer von unserem Haus entfernt, über die Landstraße. Unaufhörlich. Es muss am Fön liegen, denn das Geschehen scheint viel näher, als es wirklich ist. Es ist tatsächlich so weit entfernt, dass zwar die Bilder sichtbar sind, aber kein Laut zu uns dringt.

Was für eine geballte Militärmacht!
"Eine Vision von Macht und Glorie", nennt es meine Mutter. Macht und Glorie! Ja, wird wohl so sein. WIR sind am Ende. Aber die Alliierten hätten nie den Krieg gewonnen, hätten sie nicht zuvor mit ihrer Luftwaffe so viele Menschen getötet und unsere Städte in Schutt und Asche gelegt.
So schreibt Monika.



Auf der nahen Landstraße rollen also die amerikanischen Panzer mit den Siegern langsam in endloser Flut vorüber, um Deutschland zu ‚besetzen.‘
Die Frau Verwalterin schickt schnell ein paar Leute zur Kapelle auf der Insel im Teich. Oben vom Turm flattert bald ein weißes Betttuch im Frühlingswind. Auch aus den Fenstern des Herrenhauses und der anderen Gebäude quellen die schneeigen Zeichen der Unterwerfung. Katharina hat jetzt das Kommando übernommen. Ihr Mann liegt mit einem Schwäche- oder gar Herzanfall - im Bett.

Mägde mühen sich, die Hitlerbilder und diversen hakenkreuzgeschmückten Urkunden wegzuschaffen, die schon vor Wochen von den Wänden abgenommen worden waren.
Die Bilder sind groß und die Rahmen sperrig, wollen nicht brennen. In der Aufregung findet man kein Benzin, um sie zu übergießen. Und unter den Tagelöhnerinnen geht hartnäckig das Gerücht, alle, bei denen die Amerikaner verbotene Bilder oder Nazisachen fänden, würden auf der Stelle erschossen. Da schmeißt man dann in Todesangst den ganzen Klimbim mitsamt den vergoldeten oder eichenhölzernen Rahmen in den frisch ausgehobenen Schützengraben und schüttet Erde darauf.

*




‘O WHEN THE SAINTS COME MARCHING IN’

Am Morgen, an dem General Pattons siegreiche Armee über die Landstraße rollt, herrscht auf Morgenau, wie überall im ländlichen Bayern, erst einmal ein irres Durcheinander. An diesem ebenso sonnenheiteren wie geschichtsträchtigen Frühlingstag befiehlt die Verwalterin den deutschen Mägden, sich hässlich zu machen und in Scheunen und auf Dachböden im Heu zu verstecken. Denn man hat aus Thüringen schreckliche Nachrichten gehört: Dass die Feinde wie Tiere über das Land hereinbrächen. Nach ‘deutschen Fräuleins’ gierten sie, vor allem die schwarzen Soldaten. Jedes halbwegs passable weibliche Wesen, das ihnen in die Hände falle, würde vergewaltigt, heißt es. Einige Unglückliche seien sogar schon umgebracht worden.

Inzwischen sind ein paar amerikanische LKWs aus der Schlange ausgeschert und im Innenhof von Morgenau angekommen. Baumlange, athletisch gebaute Soldaten, die Waffe im Anschlag, beginnen ihren Erkundungsgang.

Lisa ist die einzige junge, deutsche Frau, die man nicht versteckt hat. Denn sie spricht Englisch. Monika spricht auch Englisch, aber sie ist wohl zu schön, als dass man sie der soldatesken Wollust hätte aussetzen dürfen. Höchstwahrscheinlich hat Lisa sich freiwillig geopfert, um für Morgenau die Situation so gut wie möglich zu entschärfen.

Denn Lisa ist ja Mutter mit einem Winzling von Söhnchen. Und wenn man den Amis eine Familienidylle vor die Augen setzt, stimmt sie das vielleicht mild. Irgendwie weiß man, dass sie Kinder besonders mögen ... Vielleicht ist die Idee also gar nicht so verkehrt. Man platziert Lisa also in der Eingangshalle des Herrenhauses, denn dort kommen die Amerikaner auf alle Fälle durch, wenn sie zum Plündern weiter vordringen wollen. Die Frau Verwalterin bleibt ebenfalls da und tut, als ob sie an einem Strumpf stricke.
Hermine und Werner sind schnell schön angezogen worden, müssen nun brav dabei sitzen. Daneben, in seinem hellblau mit Spitzen verzierten Stubenwagen liegt der Maxl in seiner besten Garnitur. Ein blonder Wonneproppen. Man hat außerdem Halenas Baby mitsamt seinem Bettchen herein geschoben. Auch Halena selbst ist anwesend und hält ihre kostbaren russischen? ukrainischen? Ausweispapiere bereit. Zwar spricht sie kein Englisch, aber sie könnte sehr wertvoll sein als Vermittlerin zwischen den Deutschen hier und den Siegern, zu denen ihr Heimatland ja nun ebenfalls gehört. So hofft man nun, alles Menschenmögliche getan zu haben, um ein schlimmes Schicksal von Morgenau abzuwenden.

Dann kommen die fremden Soldaten. Nicht viele, wenn man bedenkt, was für eine riesige Kriegsmacht da draußen vorbeirollt. Höchstens dreißig kommen im Lauf des ganzen Tages ins Haus, meistens in Dreier- oder Vierergruppen.

Sie nehmen die Radios, Armband- und Wanduhren, die Photoapparate, sogar Monikas wertvolles Fernrohr. Und alles, was ein bisschen schön und kostbar aussieht. Sie bekommen das auf lässige Weise, indem sie Katharina mit der Pistole an der Schläfe durch die einzelnen Zimmer schieben, wo sie Schranktüren und Schubladen öffnen muss. Da kennen die Amis kein Pardon.

Ein anderer Pulk von Soldaten sieht sich in den Wirtschaftsgebäuden um. Man nimmt die riesigen Aluminiumkannen voll Milch und den Käse aus der Küchenkammer. Den Eiskeller haben die Amerikaner noch nicht entdeckt. Da hätten sie erst recht lukullische Beute gemacht.

Dann hält einer Halena - ausgerechnet Halena! - die Pistole an den Kopf und verlangt ihren einzigen Ring. Den scheuen Einwand, dass sie ‘Friend’ sei, versteht er nicht. Oder will er nicht verstehen. Aber dann schon, als Lisa es ihm auf englisch erklärt und man ihm Halenas Ausweis zeigt. Das ist natürlich etwas anderes. Da lacht er übers ganze Gesicht und gibt Halena feierlich die Hand.

Ob sie Nazis im Haus hätten, guns, gold, jewelry?, fragen die nächsten, bald darauf eintreffenden Amis. Natürlich wieder mit drohender Pistole. Lisa sagt beherzt "no". Sowas habe man nicht im Haus.
Es könnte höchstens sein, dass ein paar kranke, achtzehnjährige deutsche Soldaten noch immer in verborgenen Kellerlöchern herumlungern! Aber das brauchen die Amis wirklich nicht wissen.

Nein, die Sieger dringen in keine unterirdischen Kammern ein, nehmen nur das, was sie sehen und sich leicht im Vorbeigehen unter den Nagel reißen können, interessieren sich einen Dreck für eventuell noch vorhandene Feinde oder zu vergewaltigende deutsche Fräuleins. Und nachdem alle Wertsachen weg sind, zeigen sie ihre Vorliebe für Radis,(Rettich) Dampfnudels, Eggs und frisch gebackenes Brot. Danach fragen sie immer wieder.

Als nachher auch die plünderbaren Lebensmittel zu Ende sind und Lisa ihnen das in gepflegtem Englisch plausibel macht, da sind die Besucher nicht böse. Es scheint sich unter ihnen schon herumgesprochen zu haben, auf welchen Höfen noch etwas zu holen ist und wo nicht.
Die jetzt trotzdem kommen, scheinen tatsächlich nett zu sein und vor allem locker, fangen sogar an, mit den zwei Frauen zu plaudern.
Sie zeigen auch, dass sie Kinder gern haben.

Zärtlich streichen raue Männerhände über Werners und Hermines Kopf.
Sie seien ‘beautiful ladies’, sagt ein Soldat zu Lisa und Halena ... und ihre Kleinen ‘really cute’... Doch sein Kamerad spuckt auf den Boden:
"You‘re crazy... those sweet kids... are nothing but little nazi-rats."
Die süßen Kinder - inclusive Halenas kleinem Russen! - also nichts als böse Nazi-Ratten!

Lisa wird das später immer und immer wieder grinsend erzählen.

Jetzt gibt ein freundlicher, schwarzer Soldat den Kindern Kaugummi. In weiches Silberpapier eingewickeltes, herrliches Kaugummi. Und jedem eine große Tafel Schokolade dazu. Werner ist ganz aus dem Häuschen. Lisa blickt kokett zu dem schwarzen Mann auf.
"Nun bedank dich schön bei dem lieben Onkel", drängt sie den Vierjährigen, "sag: I thank you!"
Aber Werner hat doch schon ein paar viel bessere Worte gelernt. Von den Piloten:
"Juu madderfacking san of e bitch", ruft der kleine Kerl, "juu ahr kreysi." Das haben die gefangenen Amerikaner schließlich auch zueinander gesagt und sich darüber immer sehr gefreut.

Der schwarze Soldat starrt den Werner ein paar Sekunden entgeistert an und packt ihn dann, - vielleicht, um ihm den Hals umzudrehen - dann lacht er schallend los, klatscht sich auf die Schenkel. Auch seine Begleiter finden den Ausspruch des Knirpses auf einmal superlustig und kriegen sich nicht mehr ein vor Lachen. "Say it again, boy", ruft einer. Wernerchen strahlt übers ganze Gesicht.

Lisa erzählt das später als tolle Anekdote überall herum. Wie der Bub - und vielleicht sie alle - hart am Rand einer Katastrophe vorbeigeschrammt seien und nur der Humor der schwarzen Soldaten die Situation gerettet habe...

Das ist aber dann eine ganze Weile später. Da ist die Furcht vor den Siegern schon abgeebbt. Die Leute können bereits wieder über einen Zwischenfall wie diesen schmunzeln.

*

Hermine aber muss, als der Krieg vorbei ist, immer an 'ihre' Amerikaner denken. An Bob, Jim, Carl, die so lustig waren, an Brian, der sie auf seinen Schoß gesetzt hatte, wenn er mit ihr Mickymäuse zeichnete. An Dave, mit dem sie Bilderbücher anschaute und der ihr englische Worte beibrachte. Und Lieder: ‘Rolling home...’ , ‘Lilli Marleen...’
Auch die Stilleren hatten ihr zugelächelt, ihr manchmal sogar übers Haar gestreichelt.
Brian, den hatte sie am allerliebsten gehabt.
Wo die jetzt wohl alle sind?

Sie gibt keine Ruhe und löchert die Leute auf Morgenau mit Fragen. Doch niemand weiß, wie es mit den amerikanischen Gefangenen weitergegangen ist.

"Ich hab genug eigenes Elend, da interessieren mich die Scheiß-Amis nicht", sagt Klara. Sie hat kürzlich die Nachricht bekommen, dass ihr einziger Bruder an der Westfront ( Normandie ) gefallen ist.

Hermine aber gehen die Amerikaner nicht aus dem Sinn.
"Gell Mama, sie sind wieder alle gesund geworden?"
"Natürlich!"
"Schwör es hoch und heilig!"
"Ja doch", sagt Lisa entnervt.

Da fragt das kleine Ding sie ständig nach den amerikanischen Soldaten, während sein Vater irgendwo in den Weiten Russlands in Gefangenschaft geraten oder vielleicht schon tot ist.
"Die Amerikaner ... ist es auch wirklich wahr, dass sie alle leben? Schwör es", sagt Hermine eine Stunde später schon wieder.


"Ja, ja... und jetzt halt endlich deinen Schnabel."

*




EINE FLUCHT

Die russischen Kriegsgefangenen und die polnischen Zwangsarbeiter seien im Siegestaumel ihrer Nationen außer Rand und Band geraten, heißt es. Sie hätten sich Gewehre beschafft und lauerten jetzt ihren ehemaligen Sklaventreibern auf, um sich zu rächen.

"Auf Gut Altmeislingen haben sie den Verwalter mit einem Lastwagen gejagt und durch eine Sackgasse getrieben, sind dann auf ihn losgefahren. An der Mauer haben sie ihn zerquetscht, dass ihm die Därme aus dem Leib hingen. Ich weiß es von meiner Cousine, die arbeitet dort", sagt Resi.

"Aber dann war er ja tot!" Hermine wird weiß wie die Wand.
"Nein, nein, er war nicht tot ... sie haben ihn im Krankenhaus wieder zusammengeflickt".


Herr Vogt und Katharina wagen sich nicht mehr vor die Tür. Im Herrenhaus bleiben in diesen Tagen die Fensterläden geschlossen, denn man hat über Fernsprecher erfahren, dass die befreiten Zwangsarbeiter auf abgelegenen Gutshöfen schon mehrere Verwalter durch die Scheiben erschossen hätten. Nicht, dass es konkrete Beweise für die bösen Absichten der Leute hier in Morgenau gäbe ... obwohl: Tatsache ist, dass der eine oder andere der bisherigen Gefangenen nun offen mit einem Gewehr herumläuft. Unruhe und Verwirrung lähmt nicht nur die Verwaltersfamilie, sondern auch die deutschen Mägde, die ja immer eng mit den Fremdarbeiterinnen Hand in Hand gearbeitet haben. Die einstmals freundschaftliche Kommunikation zwischen den bayrischen Landmädchen und den vom Hitlerregime aus dem Osten heran geschleppten Helfern ist jetzt auch zusammengebrochen.

Dann geht plötzlich das Gerede um, auch für Morgenau hätten die früheren Zwangsarbeiter einen ‘Tag der Vergeltung’ geplant. Von größter Angst getrieben, entschließen sich Lisa und Monika zur Flucht.

‘Wir bleiben hier. W i r haben nichts mehr zu verlieren...", insistieren der Verwalter und Katharina. "Die Agnes bleibt auch da. Was sollte sie allein machen, wenn uns etwas zustößt!"
Nein, die beiden Alten lassen sich nicht umstimmen. Und Agnes? Sie flucht wieder einmal nur hilflos vor sich hin und schlägt auf Monika ein, als die ihre Hand nehmen will.

Lisa zieht sich selbst und den Kindern ein dutzend Wäschestücke und Kleider übereinander, dass sie am Ende alle wie dicke, steife Stoffbündel da stehen. Den Maxl legt sie, umwickelt von Extrawindeln, in einen Tragekorb. Dann schleichen sie in der Dunkelheit aus dem Haus: Lisa und Monika mit dem Baby, Resi, Klara, Hilde und Waltraud, zwei weitere deutsche Mägde, sowie Hermine und Werner. Sie laufen durch die Nacht querfeldein über Wiesen und Äcker. Große Angst haben alle, nur die Kinder nicht, für sie ist die ganze Sache ein neues, geheimnisvolles Abenteuer.
Vielleicht werden sie ja schon verfolgt.

Die größte Furcht flößen ihnen jene angeblich lauernden, bewaffneten Unbekannten ein, die sich, wie es heißt, hordenweise zusammengerottet in der Gegend herumtrieben, die raubten, plünderten, mordeten. Fremdarbeiter aus Industriebetrieben und Überlebende aus den Lagern der Nazis! Endlich durch die Amerikaner befreit, überfielen sie jetzt einsame Gehöfte, ließen ihrem Hass, ihrer Wut auf die Deutschen freien Lauf, so ging die Kunde um.

An all diese Schrecknisse denken sie, während sie vom Einödhof Morgenau in Richtung des ihnen sicherer erscheinenden Ortes Hohenkirchen flüchten.

Die kleine Gruppe eilt also durch die von dünner Mondsichel nur schwach erleuchtete Nacht. Knackende Äste am Wegrand, dräuende Schatten hinter Gebüschen, aus der Ferne der sporadische Knall peitschender Schüsse ... die Kinder sind vor Spannung übererregt, die Erwachsenen halbtot vor Furcht. Endlich erreichen sie zitternd und ausgelaugt den Klosterberg in Hohenkirchen, wo sie bei den katholischen Nonnen Zuflucht finden.
*
In Morgenau haben die befreiten Gefangenen und Zwangsarbeiter es sich inzwischen in ihren Baracken gemütlich gemacht. Sie singen und feiern. Alkohol ist im Spiel.. Und irgendwann dringt man dann johlend ins Herrenhaus ein.

Eine Gruppe Russen zerrt den Verwalter aus seiner Kanzlei. Man packt ihn, traktiert ihn mit Worten, spuckt ihm ins Gesicht. Ein paar gehen mit Fäusten auf ihn los. Es kommt zu einem wilden Handgemenge, weil andere Gefangene sich schützend vor Herrn Vogt stellen und ihren Landsleuten die Gewalt wieder ausreden wollen. Auch hinzugekommene Franzosen schlagen sich auf die Seite ihres früheren Beaufsichtigers. Diese unerwartete Loyalität macht den alten Mann im Nachhinein glücklich. Als später einmal im Familienkreis von dem bewussten Tag die Rede ist, lächelt er unter Tränen.

Es ist aber wohl auch so, dass die provisorische Militärverwaltung - oder was immer das damals für eine Regierung ist - von Anfang an öffentlich Recht und Ordnung befiehlt und grobe Übergriffe auf Deutsche bei Androhung von Strafe verhindert. Wie sich alles genau verhält, erfährt Hermine nie. Aber Lisa, Monika, die vier anderen Frauen, Werner und sie selbst können schon nach drei Tagen zum Gutshof zurückkehren.

"Und DAS ist mir von dieser verflixten Flucht am besten in Erinnerung geblieben", wird Lisa, die Stiefmutter, Jahre später zu Hermine sagen, "nämlich ... als ich dir all deine Unterhöschen, Strumpfhosen, Latzhosen, Pullis übereinander und zuoberst noch dein Mäntelchen angezogen hatte und wir endlich losmarschieren wollten, da musstest du ganz furchtbar dringend aufs Klo ... da habe ich dich wieder ausgewickelt. Vor der ganzen Anzieherei hatte ich dich mehrmals gefragt, da KONNTEST du ums Verrecken NICHT ! Na ja ... das war wieder einmal typisch."

*



UNHEILVOLLER FUND

Das geschieht zirka eine Woche vor dem Einmarsch der Amerikaner:
Sophie, eine Tagelöhnerin, mit deren drei Buben Werner und Hermine manchmal spielen, findet auf dem Kartoffelacker einen Gegenstand, den sie für eine Schnapsflasche, vielleicht einen Flachmann aus Metall, hält. Die naive Frau hebt das Ding auf.
"Da hab ich was, das schenk ich meinem Kurt, wenn er aus Gefangenschaft zurück kommt!", ruft sie noch ihrer Schwester zu, die auf dem gleichen Feld arbeitet. Zumindest erzählt es diese später so ...

Es ist aber eine gefährliche Substanz in dem sonderbaren Behältnis. Sie ergießt sich anscheinend über Gesicht, Brust und Arme von Sophie. Was nun wirklich genau auf dem Feld geschieht, ob das Gefäß in ihren Händen explodiert, darüber mutmaßen die Leute in Morgenau bis zuletzt. Ob es eine Untersuchung gibt? Hermine erfährt das nicht. Der Unfallhergang bleibt sogar den Erwachsenen in jener Zeit verschlossen.

Zuerst ahnen auch die Ärzte im Hohenkirchener Krankenhaus kaum, wie schlimm Sophies Verletzungen sind. Sophie ist bei Bewusstsein und steht unter Schock. Zuerst denkt man nicht an Lebensgefahr, obwohl es der Armen schlecht geht. Sie ist sehr verletzt und hat bald große Schmerzen. Aber es sind ja keine inneren Organe betroffen und sie ist eine gesunde, zweiunddreißigjährige Frau mit schnell wieder stabilisiertem Kreislauf und kräftigem Körper. Bald heißt es, sie habe das Schlimmste überstanden. Bei der guten Nachricht der Ärzte atmet ganz Morgenau und Hohenkirchen auf. Bald aber scheint die Unglückliche wieder in eine kritische Phase zu geraten. Von Tag zu Tag wechselt ihr Zustand. Sie sei mit Phosphor verbrannt, heißt es dann auf einmal. Sophie kämpfe mit mächtigem Lebenswillen, sagen die Ärzte. Dennoch verschlimmert sich ihr Zustand immer mehr.

Sophies Schicksal erschüttert von Anfang an die Menschen.

Als die Amerikaner einmarschieren, hofft man auf Hilfe. Man hält den obskuren Behälter ohnehin für amerikanischer Herkunft, von einem U.S. Flugzeug abgeworfen. Jetzt werden die Amis bestimmt alles wieder gut machen. Man weiß, sie besitzen die modernsten Heilmethoden, die besten Ärzte der Welt. Da muss ja mit Sophie alles wieder in Ordnung kommen. Leider stellt sich heraus, dass selbst die Wundernation nicht helfen kann.. Es verbreitet sich dann das Gerücht, man werde die Patientin in eine Spezialklinik in die USA fliegen. Das geschieht allerdings nicht. Sie bleibt im Krankenhaus von Hohenkirchen.

Sie VERFAULE bei lebendigem Leib und bei vollem Bewusstsein, heißt es ein paar Tage später. Wohin man auch kommt, in der ganzen Gegend ... niemand spricht von etwas anderem. Wenn auch manche diesen rüden Ausdruck für Sophies körperliche Auflösung gebrauchen, die Wahrheit ist: täglich wächst das Mitgefühl mit der armen Frau. Die Leute sind selbst bis ins Innerste getroffen.

Ständig stünden Menschengruppen unter ihrem offenen Fenster im ersten Stock des Hospitals. Man rufe ihr aufmunternde Worte zu, der Gesangverein sänge sogar schöne Lieder für sie, um ihr etwas Gutes zu tun. Alle wollten ihr zeigen: "Du bist nicht allein!" Besuchen dürfe sie ja niemand mehr, erzählt Marie.

Hermine, die sich aus irgend einem – vergessenen - Grund mit Resi eines Tages in Hohenkirchen aufhält, nimmt einen süßlichen, Ekel erregenden, nie gekannten Gestank wahr, der dort aus dem Krankenhaus bis auf die Straße quillt.
"Resi ... was ist das?"
"So riecht es hier doch immer", sagt Resi, "das ist Lysol, ein Desinfektionsmittel, man benutzt es in allen Hospitälern der Welt, glaub mir!"
Aber Hermine glaubt ihr nicht. Sie riecht und spürt, es ist der Todesgeruch: Sophie verfault bei lebendigem Leib.

In Hohenkirchen erzählt man sich später, man habe ihr zuletzt noch die abgestorbenen Unterarme amputiert, in der Hoffnung, ihr Erleichterung zu verschaffen. Die verzweifelten Schreie der Armen seien viele Tage und Nächte lang aus dem Fenster ihres Krankenzimmers gedrungen, bis Gott sie endlich von ihren Qualen erlöst habe.
Hermine kann diese Geschichte mit der Frau lange, lange nicht vergessen.

*




DAS ENDE EINER WIRREN ZEIT


Dann kommt der Tag, an dem die Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen aus dem Osten abgeholt werden. Die Franzosen haben den Gutshof schon eine Weile vorher in Richtung Heimat verlassen.

Die Russen, Polen, Ukrainer mit ihren armseligen Bündeln, sind auf dem Innenhof von Morgenau versammelt, um in ihre Länder zurückgebracht zu werden. Ein paar deutsche Mägde, ein paar Tagelöhnerinnen stehen bei ihnen. Lastwagen fahren vor. Durch rüde Zurufe in rauer Sprache werden die Menschen auf verschiedene offene LKWs dirigiert, auf denen bereits ihre Landsleute aus anderen landwirtschaftlichen Betrieben der Umgebung sitzen..

Lisa, Monika und die Frau Verwalterin sind nicht hinunter gegangen. Auch Werner und Hermine nicht. Den Kindern hat man es verboten. Alle fünf stehen nun hinter den Vorhängen am Fenster des ‚schwarzen Salons.‘ Den Blicken der Leute im Hof verborgen, beobachten sie das Geschehen. Niemand von ihnen sagt ein Wort.

Iwan und Halena mit ihrem Baby sind gerade auf einen Lastwagen geklettert. Halena winkt heftig, die deutschen Mägde winken zurück.

Fast dreißig Menschen sind es, die Morgenau an diesem Tag verlassen. All die vom Krieg Herangespülten. Jetzt gehen sie wieder davon. Morgenau wird danach nie mehr so sein wie vorher. Ist schon jetzt ein Geisterhaus.

Da fahren sie dahin, gestikulierend, rufend, hektisch erregt, die sonst so ruhigen Ukrainer. Die rauen, polternden Russen, die immer freundlich zu den Kindern waren. All die Männer und Frauen. Sergei, der dem Werner ein Pferdchen geschnitzt hat. Janosch, der für alle Leute auf dem Hof die Schuhe flickte. Die Gruppe der stolzen Polinnen, unter ihnen Sonja und Dunja, die Schönen. Mit ihrem herben Charme, ihrem Humor, ihrer Lebenslust hatten die zwei selbst dem freudlosen, alten Toni manchmal ein wieherndes Gelächter entlockt.

Auf dem letzten, überfüllten LKW sitzt Ivo, der Bezwinger des wilden Stieres. Lässig lässt er die Füße von der Laderampe baumeln. Mit einer Hand hält er sich an der Seitenplanke des gerade anfahrenden Autos, die Finger seiner anderen halten die von Marie, der Küchenhilfe, fest umklammert. Marie rennt ein Stück mit dem Vehikel mit, rennt und keucht, bis der LKW schneller wird und sie außer Atem gerät. Am Ende lassen die beiden Menschen den Halt ihrer Hände los.

Marie bleibt wie eine Schlafwandlerin auf der Straße stehen. Starr. Den rechten Arm noch immer ausgestreckt. Dann gibt sie sich einen Ruck, knüpft ihr Kopftuch fester, wendet sich um, geht langsam zurück.

Die Lastwagenkolonne lässt jetzt die Pappelallee hinter sich, biegt auf die leere, sonnendurchglühte Landstraße ein. Hermine kann sie noch eine ganze Weile über die Serpentinen zwischen den Feldern dahinfahren sehen. Kleiner werden die Fahrzeuge, zuletzt kaum größer als Punkte, bis sie sich im flimmernden Blau der Ferne verlieren.

*


Bald darauf kehrt Lisa mit Werner, Hermine und Maxl nach Marienstock zurück.


*




Was bisher geschah:

Hermine ( Minou ) ist 1939 geboren. 1940 stirbt ihre Mutter. Vater ist Soldat im Krieg. Nach mehreren Betreuungsversuchen durch ‚Haushälterinnen‘ wird das Kind zu Anna, einer Tante, gebracht. Als Hermine viereinhalb Jahre alt ist, heiratet Papa wieder. Lisa, die neue Mutter, holt sie und den jüngeren Bruder Werner zu sich. Papa - ständig an der Front - ist für die Kleinen ein Fremder, an den sie sich kaum erinnern. Einen Teil des Krieges haben die Kinder und Lisa in Evakuierung auf einem Gutshof in Bayern verbracht. Dort wurde auch ein neues (Stief) Brüderchen geboren, der Maxl. 1946. Nun ist die kleine Familie - ohne den Vater - wieder nach Marienstock zurückgekehrt.


*


13.
WIE MAN DEM WERNER DAS BETTNÄSSEN AUSTREIBT

1946. Der Krieg ist zu Ende, der Papa, Oskar Kern, in russischer Gefangenschaft.
Lisas Leben ist kompliziert hier in Marienstock. Jetzt fehlen ihr die gewohnten Helferinnen und ihre Fürsorge. Sie ist nicht mehr die bevorzugte Tochter des Hauses, der man viele Mühen abnahm ... hier muss sie wieder alle Arbeit selbst machen und Maxi allein aufziehen und das unter den missbilligenden Blicken von Margarete, der ungnädigen Schwiegermutter, die nur drei Häuser entfernt wohnt und oft unangemeldet 'vorbeischaut'.

Und Lisa kommt mit den Stiefkindern schlecht zurecht. Die beiden, inzwischen sieben- und sechsjährigen Problemgeschöpfe aus der ersten Ehe ihres Mannes scheinen den Tod der Mutter und die frühen Lebensjahre nicht so ganz heil überstanden zu haben.

Auch Werner hat Macken. Er beginnt wieder, sich nachts nass zu pinkeln. In Morgenau hatte das bei ihm ganz aufgehört. Die arme Lisa hat keine Ahnung, wie man einer so widerlichen Angewohnheit beikommt. Da ist sie für den Rat erfahrener Frauen dankbar. Mit Tante Friedchens handfester Unterstützung versucht sie, dem Übel der 'Bettseucherei' zu Leibe zu rücken, indem man den kleinen Kerl immer 'am Morgen danach' über die Badewanne hält und eiskalt abbraust. Eiskalt und gnadenlos. Strafe muss sein. Er brüllt wie am Spieß.

Nachher am Tag ist er der alte Frechdachs. Beim Essen attackiert er Hermine wie eh und je:
"Heh, heute bist du wieder gelb wie der Neid ... du gelber Neidsack du", ruft er. Er hat nämlich aufgeschnappt, dass irgendwelche Verwandte sich immer mal wieder über Hermines 'sonderbare' Hautfarbe wundern. Munter schlägt er in diese vorgezeichnete Bresche.
"Neidhammel, Neidhammel, du bist gelb wie der Neid!" Es macht dem hübschen, rundbackigen Kerlchen Spaß, das Herminchen zu quälen, das ohnehin schon nah am Wasser gebaut hat.

Wie ein unwirsches Teufelchen versetzt er der Schwester mit seiner imaginären kleine Höllengabel immer wieder gemeine Stiche. Dort wo es am meisten wehtut. Wo er sie am besten packen kann. Bei ihrem Äußeren. Denn: KRANK und BÖSE will sie nicht aussehen, nein! Gerade der Spruch vom gelben Neid trifft Hermine schwer. Weil sie nie gedacht hat, dass sie neidisch ist. Sie hat auch nicht gewusst, dass sie soo gelb aussieht, und nicht, dass andere sie für soo gelb und soo neidisch halten. Auch wenn es im Augenblick nur der kleine Bruder ist ...

"Ich muss kotzen, wenn ich dich sehe, guck dich nur an, Gerippe!" ruft das niedliche 'Wernerchen', schüttelt sich und verzieht das Gesicht in tiefem Abscheu. Solche 'kleinen' Hiebe versetzen Hermine jedesmal einen Stich am Herzen.

*

"Du sitzt ja schon wieder herum und starrst Löcher in die Wand", sagt Lisa. Und wirft sie hinaus. Damit sie endlich an die frische Luft geht.

Dann steht die Siebenjährige vor dem Haus an der Ecke und weiß nicht, was sie mit sich anfangen soll. Allein spazierengehen ... nein ... will sie nicht.
Mit anderen Kindern in der Straße spielen ... kann sie nicht. Sie fühlt sich so ... sie weiß nicht, wie.

"Du bist ein seelischer Krüppel", sagt die Stiefmutter ab und zu und das ist ganz etwas Schlimmes, das kann Hermine spüren, obwohl sie da noch nicht weiß, was es bedeutet.

"Dieses Kind hinkt anderen seines Alters in der Entwicklung um Jahre nach", erzählt Lisa jedem, der es hören oder nicht hören will. "Meine Mutter in Bayern hat das auch gleich gesagt, als sie es zum erstenmal sah", führt Lisa zum Beweis an...
"Zurückgeblieben ist das!"

Ach ja, Hermine fühlt selbst, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Sie kann sich über gar nichts freuen. Den Nachbarkindern kommt sie im Herzen nicht nah. Auch dem Bruder nicht. Und nicht der Cousine Else. Alle sind ... so fremd.

*



14
HEULSUSE

In der Volksschule lobt die Lehrerin Hermine über den grünen Klee und stellt sie den anderen Mädchen als Wunder an Fleiß und gutem Betragen dar.
Das ist furchtbar peinlich, denn es stimmt überhaupt nicht, weil sie nicht fleißig ist und zum Hausaufgabenmachen nur eine Viertelstunde braucht. Es ist ja auch so wenig und so leicht, was sie lernen, sie muss es nicht pauken. Was ihr gutes Betragen angeht, da hat die Lehrerin Recht, doch das kommt nur, weil sie sich meistens nicht stark genug fühlt, um aufzumucken, wenn ihr etwas nicht passt. Sie ist auch zu müde, um bei den Streichen der Klasse mit zu machen.

Wenn die Schulkinder in den Pausen kreischend durchs Gebäude toben, dass das hölzerne Treppenhaus wackelt und wenn sie dann unten im kleinen, von einer hohen Mauer umgebenen Hof wild durcheinander wimmeln, verzieht sich Hermine in die Ecke an der Mauer, wo als einziger Baum eine Linde steht mit ihrer breiten, schattigen Krone.

Hermine fühlt sich schlecht. Manchmal lehnt sie sich an den Stamm der Linde und es ist ihr zum Heulen. Lustlos wickelt sie ihr Pausenbrot aus. Die zwei aufeinander gelegten Scheiben mit hauchdünner Butter bestrichen, kommen ihr knochenhart vor. Die Tränen rollen ihr wieder einmal über die Wangen und sie knatscht mühsam auf dem trockenen Brot herum. Natürlich heult sie nicht wegen der Schnitten ...

Sie weiß ja selbst nicht, warum sie so flennt. Wenn aber die kleinen Mädchen aus ihrer Klasse herübersehen, wendet sie schnell den Kopf weg und tut, als ob sie in einem Schulbuch lese, das sie mitgenommen hat. Sie versteht dann gar nicht, was da steht, weil sie einfach nur traurig ist und immer heulen muss und immer versucht, nicht zu heulen. Sie ist froh, wenn der Unterricht wieder beginnt.

Die anderen finden sie bestimmt komisch. Trotzdem wollen sie sie sogar bei ihren Spielen haben und fragen, ob sie mitmachen möchte. Aber sie fühlt sich ja immer schlecht. Innen in ihr ist diese Übelkeit, dieses Zittern. Ein paar kleine Mädchen kommen auf sie zu und reden lieb mit ihr, doch davon wird es auch nicht besser. Sie ist immer so traurig. Wenn sie, was nur selten passiert, zu einem Kindergeburtstag eingeladen wird, gebraucht sie Ausreden, um weg zu bleiben. So eine ist Hermine.

Manchmal findet sie ein Bonbon oder ein Stück eingewickelte Schokolade in ihrer Schulbank. Und ein erwartungsvolles, knallrotes Gesichtchen blickt dann gespannt zu ihr herüber. Doch auch da scheint sie verängstigt, murmelt leise "Danke" und sonst kein nettes Wort.

Als ihr einmal ein Heft von der Bank herunterfällt, springen gleich zwei Mädchen auf und bücken sich gleichzeitig danach. Daran müsste Hermine eigentlich sehen, dass man sie mag. Aber sie merkt es nicht. Sie bleibt fremd. Außerdem fehlt sie die halbe Zeit in der Schule, weil sie zwischendurch immer wieder krank ist.

*



EIN GESCHENK AUS AMERIKA

Im Winter steht auf einmal in der großen Pause auf dem Schulhof ein funkelnd neuer, mächtiger Kessel aus Aluminium. Darin dampft die 'Quäkerspeise'. Schon komisch, ein solcher Riesenpott! Der weiß-gelbe, sämige Brei wird mit einer Kelle in kleine Blechgeschirre geschöpft, die man an die Kinder verteilt hat und die sie von da an jeden Morgen frisch gespült von zuhause mitbringen müssen. Einen frischen Behälter mit Brei karrt ein Lastauto jeden Tag heran. Dann wird er mühsam über die Straße und durch das enge Tor auf den verschneiten Schulhof gewuchtet.
Die Kinder staunen, als sie erfahren, dass die Menschen im fernen Amerika sich so um sie kümmern.
"Sie kochen sogar für uns und schicken es übers Meer", denkt Hermine.

"Die hätten sich aber etwas Feineres einfallen lassen können, als dieses labberige Zeug", murmelt Helga Schwarzmühl, die auch in der Schlange steht: "Frikadellen mit Kartoffelsalat ... oder Gulasch und Nudeln ... hmm, yammi ... das wäre was gewesen!"

Sie meckern also über den Brei. Dabei müssten sie eigentlich dankbar sein - ihre Eltern sind es ja auch - weil sie wissen, dass es ein sehr gesunder, gehaltvoller Brei ist, den ihre Sprösslinge da zu löffeln kriegen.

Nicht alle Kinder geraten in den Genuss der Speisung! Ein Arzt hat die Schüler nämlich vorher untersucht. Die dürrsten, mickrigsten, kriegen den Brei täglich. Zu denen gehört auch Hermine. Andere, die weniger kränklich sind, bekommen ihn nur zweimal in der Woche. Die gesunden, robusten kriegen ihn überhaupt nicht. Zu diesen letzteren zählt die Cousine Else.
"Lass mich mal probieren", sagt sie und dann "uahhh", spuckt sie den ganzen Mundvoll auf den Hof: "Uh, wie eklig ..."

Die pappige Quäkerspeise schmeckt aber Hermine, nachdem sie sich erst einmal daran gewöhnt hat. Schmeckt ihr von Tag zu Tag besser. Der Brei ist nicht zu süß. Ein bisschen wie Gries. Nur sämiger. Und schön warm in ihrem Bauch. Hermine fühlt sich danach innen wohlig satt, auch ... kräftiger als vorher. Die Quäkerspeise scheint ihr auf magische Weise gut zu tun.

Ein Junge aus der siebten Klasse, der selbst nichts bekommt, ist ja soo gemein, er verdirbt allen kleinen Mädchen eines Tages gründlich die Lust an dem weißgelben Wunderbrei.
"Wisst ihr, was ihr da esst?" TOTENROTZ und EITERKLUMPEN." Er grinst bis über beide Ohren. Seine Kumpane grölen:
"Gequirlte Kotze!" Die Burschen schütteln sich: "Guckt mal all die grünen Bröckchen, die dort schwimmen... uaaah!"

Seit dieser Stunde würgt Hermine den Brei nur noch mit Ekel hinunter und ist froh, als die ganze Aktion schon bald wieder abgeblasen wird.

*



MARIENSTOCK ... SEHR KATHOLISCH

Hermine ist jetzt siebeneinhalb Jahre alt. Sie betet jeden Abend im Bett. Das gehört sich so. Sie denkt auch, sie müsste fromm sein, weil ihre ‚richtige‘ Mutter so fromm war.
"Das Emma ... um sechs Uhr früh, nach dem Aufstehen, ging es in die Messe und jedes Mal gleich zur Kommunion!", sagt Tante Zilli, "man muss sich das einmal vorstellen: wie andere Leute morgens eine Tasse Kaffee trinken oder sich die erste Zigarette anstecken, so wollte das den Leib Christi...! Komisch. Aber es hat daran geglaubt, na ja." Tante Zilli ist selbst nicht sehr fromm und geht nur sonntags in die Kirche, weil man das muss und zur Kommunion ... nie.

Doch Hermine läuft jetzt täglich in die Frühmesse. Um sieben. Am Altar steht ziemlich einsam der Herr Kaplan. Es sind während der Woche höchstens fünf, sechs ältere Frauen da, selten einmal ein Mann.

Bevor sie zur Schule geht, kniet Hermine also am Morgen hinten in der feierlich-dunklen Kirche. Am Altar flackern die Kerzen. Das ewige Licht glimmt rot und düster. Unter der hohen Kuppel riecht es nach Steinen und Kühle. Lisa hat der Stieftochter ein Missale geschenkt, das ist ein handliches, kleines Messbuch und das genaue Abbild des riesendicken Wälzers, der vorne auf dem Altar liegt und aus dem der Kaplan liest. In Hermines Missale stehen alle Kirchenverse - Episteln heißen sie – und auch sonst alles, was vorgelesen wird. Für jeden einzelnen der 365 Tage des Jahres! Genau wie in dem großen, heiligen Buch und zwar in zwei Sprachen. So weiß Hermine immer genau in Deutsch, was der Herr Kaplan in Lateinisch vorne am Altar murmelt. Sie kann jedes Wort mitlesen und weiß immer, was gleich kommen wird. Das macht ihr eine Weile himmlischen Spaß. Nach einem Monat aber hat sie schon genug und ist wieder zu faul, deswegen eine Stunde früher aus dem warmen Bett zu steigen. Sonntags jedoch freut sie sich immer noch, dass sie das Missale hat. So wird es nie ganz langweilig, auch wenn die Messe sich hinzieht und hinzieht ...

"Nach dem verlorenen Krieg und all dem Elend, schafft die Religion wieder eine feste Ordnung und Sicherheit für die Leut", sagt Tante Friedchen und: "Der Kirchgang am Sonntag ist edle Christenpflicht."
Sie sind zum allergrößten Teil katholisch in Marienstock.

An Sonn- und Feiertagen gibt es vier heilige Messen: die Frühmesse um halb sieben, dann den Kindergottesdienst um acht und das feierliche Hochamt um zehn. Seit kurzem ist jetzt sogar eine Messe um sieben Uhr dazu gekommen. Um sieben Uhr abends!!
Gut ... nächtliches Rosenkranzbeten, das gab es schon immer, aber eine MESSE ist doch etwas, womit man einen Feiertag gediegen und geheiligt BEGINNT.

"Dies ist nur für jene gedacht, die schwer arbeiten, für Bergleute zum Beispiel, denen Gott es gönnt, dass sie am Wochenende gründlich ausschlafen", hat der Herr Dechant von der Kanzel seinen Schäfchen verkündet. Darüber staunten die Leute und protestierten sogar in der Zeitung.
Die späte Messe hat sich aber durchgesetzt... trotzdem gilt sie in der Gemeinde als anrüchig. Etwas für die Lauen, die es mit ihrem Glauben ohnehin nicht ernst nehmen.
Genau solche schleichen dann auch hin, um sich doch noch Sonntags auf den letzten Drücker ein reines Gewissen zu verschaffen.
Dieser Gottesdienst - draußen ist es dann im Winter schon stockdunkel - geht ruck-zuck und kurz und schmerzlos über die Bühne. In weniger als einer halben Stunde ist alles erledigt.
Bei jeder der vier Messen ist die Kirche voll besetzt. Beim feierlichen Hochamt, das bis kurz vor Mittag dauert, quillt sie geradezu über. Die Gläubigen stehen dann bis auf die Straße hinaus.

Hermine kennt nur EINEN Menschen, der NICHT in die Messe geht: Onkel Peter. Das ist keinem in der Familie recht. Am wenigsten seiner Mutter, der Oma Margarete, denn: wo kein Gott, da kein Gebot! Sie hält ihren Sohn für einen räudigen Sünder und sagt das auch, obwohl das Daheimbleiben irgendwie mit seinem Rheuma zusammenhängt. Onkel Peter hört sich aber jeden Sonntagmorgen um zehn vom Bett aus die Messe im RADIO an. Da tönt feierlich, immer aus einem anderen deutschen Dom, der mächtige Klang der Orgeln. Männerchöre singen gregorianische Gesänge, wie sie die Mönche im Mittelalter zum Lob Gottes angestimmt haben. Eine herrliche Musik, die dann durch das ganze Kern-Haus tönt und eine erhabene Feierlichkeit verbreitet. Denn Onkel Peter dreht den Apparat auf höchste Lautstärke.

*

Woran Hermine nicht gern denkt, ist das 'Wunder der Eucharistie.' Das ist, wenn sich bei der heiligen Messe der Wein am Altar in Jesu Blut und die Hostie in seinen Leib verwandelt. Den Wein im Kelch bekommt der Herr Pastor. Aber nur einen Schluck davon. Doch die Hostie kann jeder katholische Mensch in der Kommunion zu sich nehmen. Nur nicht diejenigen, die eine Todsünde begangen und noch nicht durch die Beichte die Verzeihung Gottes erlangt haben. Das hat man den Kindern im Religionsunterricht beigebracht.
Nur eines ist wichtig: man muss vor der Kommunion nüchtern bleiben. Nicht einmal ein Schluck Milch oder Kaffee ist erlaubt. Es ist wie beim Arzt, bevor einem Blut abgezapft wird.

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ERSTKOMMUNION

Am Weißen Sonntag 1947 geht Hermine zur Ersten Heiligen Kommunion. Sie ist jetzt achteinhalb. Ihr ist vor Feierlichkeit ganz übel. Mit schlotternden Knien wankt sie mit den anderen Kindern ihres Jahrgangs vor der versammelten Gemeinde zum Altar, wo sie jeweils in einer Reihe zu fünft niederknien, während der Herr Dechant langsam von einem zum anderen schreitet und Hostien aus dem goldenen Kelch nimmt. Sie haben vorher schon wochenlang geübt ... die reibungslose Prozession zum Altar - die Mädchen zuerst, dann die Buben - das gleichzeitige gemeinsame Niederknien ... alles sollte schön aussehen und ohne Zwischenfall ablaufen. Natürlich hat man ohne die heiligen Hostien geübt.
Jetzt ist der große Augenblick gekommen: der Herr Dechant legt auch Hermine die kleine, runde Scheibe auf die herausgestreckte Zunge.
Sie schmeckt nicht gut, schmeckt nicht schlecht, schmeckt nach nichts und ist der Leib Jesu ... Es fällt schwer, den Leib Jesu hinunterzubekommen. Sonderbar. Hermine muss zwei-, dreimal mit Schlucken ansetzen, ohne dass es gelingt, aber beim vierten Versuch geht es am Ende doch. Und nach kurzem Staunen spürt sie ... etwas wie Enttäuschung. Es strömen nicht die hehren, überirdischen Gefühle in ihre Seele ein, wie sie es sich eigentlich vorgestellt hatte.

Als dann all die Feierlichkeit in der Kirche zu Ende ist, wird Hermine irgendwie traurig. Sie spürt es überdeutlich: Sie ist keine Auserwählte, keine kleine Blume Christi, die man eigentlich an diesem Tag hätte geworden sein sollen. Sie ist haargenau die gleiche wie vorher. Mit ihr, so scheint es, hat Gott nicht viel im Sinn.

Nach einigen Wochen hat Herminchen sich an das 'Kommunizieren' gewöhnt. Der Leib Christi rutscht ihr hinunter wie geölt. Natürlich schluckt man ihn im Ganzen, ohne ihn mit den Zähnen zu berühren, denn man darf ihn um Himmels Willen nicht verletzen, obwohl ... Helga Schwarzmühl, erzählt in der ganzen Straße herum, dass SIE die Hostie jedesmal absichtlich in kleine Stücke zerbeißt. Und wenn sie vom Kommuniongang zurück kommt, quetscht sie in ihrer Kirchenbank das Taschentuch an den Mund und spuckt alles heimlich dort hinein, sagt sie.

Hermine hört mit Grausen, was Helga ihnen da lockerleicht erzählt. Aber mal ehrlich ... glaubt sie selbst etwa ganz fest an Jesus in der Hostie?? Nein. Und wenn auch nicht ... allein die VORSTELLUNG, seinen Leib zu zerbeißen ...
"Mach das bloß nie mehr!", murmelt sie entsetzt.
"Warum? Ist Gottesmord, oder?", grinst die andere.
"Das tust du doch nicht wirklich, Helga, sag die Wahrheit ...!"
"Wetten, dass ...?"

'Vielleicht kommt man deswegen in die Hölle', denkt Hermine. Sie würde nie die Hostie verletzen, denn sich mit Jesus oder Gott Vater anzulegen, nein, dazu hätte SIE nicht den Mut.
Denn, ob die vielleicht Humor haben und sich so wie Helgas Brüder über die Sache halb kaputt lachen können, das weiß ja keiner ...

Lisa sagt, Jesus tilge bei der Heiligen Kommunion alle Sünden, die man in seinem ganzen Leben begangen habe. Aber wie ist es nun mit jemand, der seinen Leib zerbeißt und auch noch ausspuckt?? Das muss bestimmt gefährlich sein.
Zum Glück straft der liebe Gott Helga aber nicht.

*



JOSI, EIN BLOND GELOCKTES MÄDCHEN, KOMMT ZU BESUCH

Immer noch ist der Papa in Gefangenschaft. Da bekommt die Stiefmutter eines Tages Besuch von einer Frau Müller, der Irene, mit der sie im Internat gewesen ist. Irene Müller hat ihre Tochter Josi mitgebracht, die genauso alt ist wie Hermine. Fast neun Jahre. Die beiden werden über Nacht bleiben. Hermine fühlt sich gleich zu Josi hingezogen. Sie ist so ganz anders als sie selbst ... fröhlich und schön, prinzessinnenblond mit blauen Augen. Und witzig. Sie bringt einen ständig zum Lachen. . Hermine kann mit ihr, wenn nicht über alles, so doch über vieles reden, was sie zum Beispiel mit der Cousine Else nie kann. Frau Müller wird neben Lisa im Doppelbett übernachten, Josi auf der Couch im Wohnraum.

Weil die zwei Mädchen aber sehr betteln, darf dann Hermine statt in ihrem Zimmer, das sie mit Werner teilt, ausnahmsweise auf einem Matratzenlager neben Josis Couch schlafen.
Als das Licht gelöscht worden ist und die Kinder schon beide in ihre weißen Nachthemden und unter die Decken geschlüpft sind, da steht Josi wieder auf, kniet sich nieder und betet. Wispert vor Hermines verwunderten Ohren drauflos. Ihre blonden Haare, die am Tag Zöpfe sind, hat Josi für die Nacht ausgekämmt. Sie reichen ihr in Locken bis zur Hüfte und funkeln silbrig im blauen Licht des Vollmonds, der durch die dünnen Gardinen hereinscheint. Josi betet, als sei das die selbstverständliche Sache von der Welt. Da bekommt Hermine auf einmal auch große Lust und kniet sich ebenfalls auf den Boden.

Die beiden Mädchen murmeln gemeinsam heilige Wort:.

"Vater unser der du bist im Himmel - geheiligt werde dein Name - dein Reich komme - dein Wille geschehe - wie im Himmel also auch auf Erden - unser tägliches Brot gib uns heute - und vergib uns unsere Schuld - wie auch wir vergeben unseren Schuldigern - und führe uns nicht in Versuchung - sondern erlöse uns von dem Übel - denn dein ist das Reich und die Macht und die Herrlichkeit in Ewigkeit ..."

"Der Schluss ist falsch ... den letzten Satz, den mit der Herrlichkeit, den beten WIR doch gar nicht, das machen doch nur die EVANGELEN ", sagt Josi.
"Er klingt aber am allerbesten", verteidigt sich Hermine.
"Eigentlich ja!"

"Das Reich und die Macht und die Herrlichkeit in Ewigkeit ... schön...!"

Mit wachsender Begeisterung werden die Kinderstimmen immer lauter und sicherer. Hermine, froh, eine so süße Freundin gefunden zu haben, und obwohl sie sonst nicht mehr viel mit Beten am Hut hat, will zeigen, wie gut auch sie die frommen Verse kennt.
"Gegrüßet seist Du Maria - voll der Gnade - der Herr ist mit dir - du bist gebenedeit unter den Weibern - und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus - heilige Maria Mutter Gottes - bitte für uns Sünder - jetzt und in der Stunde unseres Todes – Amen.

"Ich kann‘s auch auf Lateinisch", sagt Josi.
"Nein!!".
"Doch!!

Awe Maria - grazia plena - dominus tekum - benedikta tu in mulieribus - et benediktus frustus ventris tui Jesus - Sankta Maria mater Dei - ora pro nobis peckatoribus ..."

"Hört sich toll an".
"Ja so feierlich."

Die Worte sind tatsächlich erhaben. Und Hermine gerät prompt in eine erhabene Stimmung. Es gefällt ihr sehr, mit Josi und für Josi die Gebete aufzusagen. Vielleicht sind aber die Gebete nicht das Wichtige ... es ist einfach gut, einen Menschen an der Seite zu haben, mit dem man sich wohl fühlt und all diese klingenden Sätze vor sich hin sagen kann. Plötzlich fühlt Hermine eine seltsame, wunderbare Lebendigkeit innen ... als würde sie nie mehr müde werden und nie mehr schlafen müssen. Was heißt: schlafen MÜSSEN ... sie KANN jetzt gar nicht schlafen, ist ganz wach und munter und sieht das Engelgesicht der neuen Freundin neben sich. Hätte immer weiter mit Josi auf der Matratze knien und beten mögen. Sie spürt auf einmal in dieser Stunde mit dem Mondlicht im Zimmer und der Magie der heiligen Verse, wie sie innen glücklich ist und glüht. So gut und lebendig hat sie sich ja noch nie gefühlt ..."Kannst du auch die zehn Gebote?"
"Klar", sagt Hermine.

"Ich bin der Herr dein Gott - du sollst keine fremden Götter neben mir haben - gedenke dass du den Sabbat heiligest - du sollst Vater und Mutter ehren auf dass es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden - du sollst nicht töten - du sollst nicht Unkeuschheit treiben -"

"Hihi" kichert Josi.

"Du sollst nicht stehlen - du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten - du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib - du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut."

Dann sagen sie noch das Glaubensbekenntnis auf. Beide zusammen. Das hört sich alles so besonders an, wenn man es laut spricht:

"Ich glaube an Gott den allmächtigen Vater - Schöpfer des Himmels und der Erde - und an Jesus Christus seinen eingeborenen Sohn unseren Herrn - der empfangen ist vom heiligen Geist - geboren aus Maria der Jungfrau - gelitten unter Pontius Pilatus - gekreuzigt gestorben und begraben - abgestiegen zu der Hölle - am dritten Tag wieder auferstanden von den Toten - sitzet zur Rechten des Vaters - von dannen er kommen wird zu richten - die Lebendigen und die Toten - ich glaube an den heiligen Geist - die heilige katho ..."

Plötzlich flammt die Deckenlampe auf. Lisa ...

"DAS da ist doch eine Heuchlerin wie sie im Buch steht", ruft Lisa und meint natürlich die Stieftochter.
"Ein scheinheiliges Trumm ist DAS", sagt sie zu Josi, "und sein ganzes Getue ist nur Theater. Denn, wenn es allein ist, dann betet es NIE!!"
Josi blickt erstaunt von Lisa zu Hermine.

Hermine sinkt vor Scham fast in den Boden. Getroffen. Scheinheilig war das ja wirklich von ihr mit der Beterei. Auf einen Schlag wird ihr jetzt klar, die ganze Sache hat sie nur mitgemacht, um Josi zu gefallen. Oder?

Die Wahrheit ist aber auch, dass sie bei den frommen Worten in eine hohe, herrliche Stimmung geraten war und gemeint hatte, es sei der Glaube und die Liebe zu Gott gewesen, die sie so schön spürte. Aber Lisa weiß es besser und sie hat ja recht: Hermine hat schon lang nicht mehr richtig gebetet. Warum also jetzt?

Mit einem Schlag stürzt also Minchen tief ab. Die wunderbare Stimmung hat Lisa ganz plötzlich erstickt, in der Wurzel ausgemerzt. Auch die Freude am Zusammensein mit Josi, der sie eben noch nah gewesen war und die sie gern zur Freundin gehabt hätte, ist schlagartig ... weg. Weil Josi bestimmt jetzt auch glaubt, dass sie eine Heuchlerin ist? Der feierliche Zustand ist wie eine Seifenblase geplatzt.
Die beiden Kinder flüstern noch über dies und das, nachdem Lisa mit: "Gute Nacht, jetzt wird aber geschlafen!", das Licht gelöscht und aus dem Zimmer gegangen ist. Sie plaudern ... doch der Zauber ist vorbei. Bald werden die Redepausen immer länger, bis die Mädchenstimmen verstummen.

Josi und ihre Mutter waren ohnehin nur auf der Durchreise und fahren am nächsten Nachmittag weiter.
‚Es wäre wahrscheinlich auch ohne Lisas Dazwischengehen nie zu einer Freundschaft gekommen‘, wird Hermine später denken.
Sie hat Josi nicht wiedergesehen.

*




DER HERR DECHANT

Hermine lernt jetzt den Katechismus auswendig. Sie lernt ihn deshalb, weil sie dem Herrn Dechanten damit im Religionsunterricht imponieren will. Sie kann bald all die Glaubenssachen wie im Schlaf ... Na ja, sie hat schon etwas, aber nicht wirklich viel für die Religionsregeln übrig und sie sagt sie trotzig vor der Klasse auf, wenn sie drankommt. Sie stoppt überhaupt nicht mehr und macht kein einziges Wort falsch.

Da staunt der Herr Dechant. Ob er weiß, dass sie es nur für ihn tut?

Sie hat ihn so gern. Er ist so klug, so mächtig, wenn er von der Kanzel mit seiner dunklen Stimme predigt und seine kostbaren Gewänder trägt. Aber auch im schwarzen Alltagsanzug ist er viel schöner als die anderen Männer im Ort. Er hat braune Augen und dunkle Locken, seine Stimme ist wunderbar. Nein, er passt überhaupt nicht zu den Marienstocker Leuten.

Er ist immer allein in dem großen Pfarrhaus, nur mit seiner Haushälterin, die nebenan eine kleine Wohnung hat.

‚Er schaut einsam aus', denkt Hermine. Und er sieht sie manchmal nachdenklich und ... traurig an ... meint sie.
Sie darf für ihn Sachen an die Tafel schreiben, muss sogar auf die Mitschülerinnen aufpassen und für Ordnung sorgen, wenn er manchmal aus dem Religionsunterricht herausgerufen wird ... das ist doch ein Zeichen, dass er sie gern hat! Oder?

An den größten Festen des Jahres, an Ostern, Pfingsten, Weihnachten entfaltet dieser Pastor all den Prunk einer dörflichen, katholischen Kirchengemeinde. Seinen Schäfchen gefällt das. Er bietet so ungefähr jede Zutat auf, die die hehre Feierlichkeit dieser Tage noch erhöht. Um den Altar knien und schreiten ein halbes Dutzend Gast-Kapläne und Priesterkollegen, alle im feierlichen Prachtornat, umgeben von einer großen Anzahl Messdiener – mindestens zwanzig - in ihren Roben. Ein Chor, den der Herr Dechant aus Schulkindern zusammengestellt hat, singt auf der unter Blumen oder Tannengrün fast verschwindenden Empore lang einstudierte ‚Kantaten‘. In der Christmette sind diese Jungen und Mädchen sogar als Engel in weiße Gewänder gehüllt und haben Flügel aus echten Federn umgeschnallt.
Ganz gleich, welches Fest in der Kirche gefeiert wird, weihrauchdurchtränkt ist stets die Luft, dazu das Flackern unzähliger Kerzen, der mächtige Orgelklang, der schmetternde Gesang der Gemeinde, das weit über den Ort tönende, eherne Geläut der Turmglocken.

Aber wie kommt der Herr Dechant darauf, auch Herminchen als schmückendes Beiwerk mit einzubinden? Es darf - nein muss! vorne in der Kirche, direkt beim Altar stehen. Im Kommunionkleid, mit den weißen, baumwollenen Strümpfen, die an seinen Storchenbeinen grässliche Falten schlagen. Wie auf dem Präsentierteller sozusagen. Mit dem Gesicht zu den Gläubigen. Also im weißen Seidenkleid seiner Erstkommunion, das jetzt nach einem Jahr schon viel zu kurz ist, steht es da, die Zöpfe penibel zu 'Affenschaukeln' gebunden und durch überdimensionale weiße Schleifen geziert... steht da zusammen mit Edeltraud Bommer, einer Klassenkameradin. Gemeinsam halten die beiden Mädchen in ihren weiß behandschuhten Händen eine dicke, mit Kunstlilien umrankte, brennende Kerze. Die ist hoch, ragt weit über ihre Köpfe hinaus.
Dass der Herr Dechant, der ja immer etwas dahermachen will, wie es heißt, unter all den Dorfmädchen die hübsche, rotwangige Edeltraut ausgesucht hat, kann man begreifen ... aber warum das mickrige Kern-Minchen?

Während der fast zweistündigen Festmesse müssen die beiden Kinder vor den in den Bänken manchmal knieenden, manchmal sitzenden, ständig herumzappelnden Gläubigen ruhig stehen und gemeinsam die Kerze halten, die allerdings mit dem unteren Ende den Boden berührt, aber dennoch leicht umfallen könnte. Das Ganze ist anstrengend, zumindest wenn man einen so matten Kreislauf hat wie Hermine. Und der wird es immer mal wieder ganz ‚rauhelig‘ und sie kriegt große Angst, dass nicht die Kerze, sondern sie gleich umkippen wird.

Eigentlich ist es ja eine Ehre. Für Hermine aber eine Qual. Doch sie macht es dem Herrn Dechanten zuliebe, obwohl sie doch so leicht ohnmächtig wird und weil sie sich ja nie richtig wohl fühlt. Sie versteht auch nicht, warum er gerade sie gewählt ... nein gezwungen hat. Anscheinend mag der Herr Dechant sie so wie sie ist, denn er würde ja keine dorthin stellen, die in seinen Augen ein schlechtes Beispiel abgibt ... oder?

An Fronleichnam gibt es in Marienstock eine Prozession, die sich sehen lassen kann. Der ganze Ort macht da mit. Durch die Straßen zieht man von einem herrlich geschmückten, blütenbesäten Altar im Freien zum anderen. Überall hält man eine ziemliche Weile inne und betet. Auch die Fenster und Treppen der Wohnhäuser, an denen man vorbeikommt, sind mit Blumengebinden und frommen Statuen geziert. Aber nicht nur durch den Ort zieht die Prozession, auch Felder und Äcker werden umrundet und gesegnet.
Edeltraud und Hermine in ihren Kommunionkleidern, diesmal mit umgeschnallten Flügeln und kleineren Kerzen in den Händen – müssen engelgleich ganz vorne in der Prozession mittrippeln, direkt hinter den Priestern und dem Allerheiligsten, sogar noch vor den weihräuchernden, Glöckchen schwingenden Messdienern. Tausend Gläubige, die sich nachher weiter hinten alle in die Schlange einreihen werden, stehen schon an den Straßenrändern und starren nur auf sie, so kommt es Hermine vor, und denken bestimmt, wie furchtbar sie heute wieder aussieht, so dürr und käsweiß. Also ... die Bürgersteige sind schwarz von Menschen, der ganze Ort ist auf den Beinen.

Es ist Hermine da zwar auch ziemlich übel wie immer in diesen Jahren, aber dann später, wenn sie draußen vor dem Dorf über die Feldwege ziehen, bei all der frischen Luft, wird ihr besser, ja fast gut, und sie schmettert mit all den anderen Leuten so herrliche Lieder wie:
"Großer Gott wir loben dich, Herr wir preisen Deine Stärke",
voller Begeisterung durch die Fluren.



Hermine geht sonntags viel lieber in die Messe, seit sie das neue Missale bekommen hat und alles mitlesen kann, was am Altar geschieht. Und doch spürt sie schon vage, dass Begriffe wie die 'Dreifaltigkeit' und die 'Dreieinigkeit Gottes, des Vaters, des Sohnes, des heiligen Geistes‘, die 'Unbefleckte Empfängnis', dass diese und viele Geheimnisse der Kirche ihr für immer verborgen bleiben werden. Die anderen Katholiken können das begreifen, sie nicht. Obwohl die ganze große Religion auf diesen Lehren aufgebaut ist. Millionen Menschen in aller Welt glauben daran. Da muss es ja richtig sein.

Dass all diese heiligen Begriffe, all diese edlen, hohen Dinge mit denen sie jeden Tag in Berührung kommt, in ihrer Seele keine leuchtende Spur hinterlassen, zeigt Hermine nur zum xten Mal wieder, unter die Auserwählten zählt SIE nicht. Lisa sagt es ihr ohnehin ständig: "Dir fehlt halt die Gnade!"

*



15
DER HEIMKEHRER

An einem Sonntagmorgen quält sich ein Mann die Straße herauf, die vom Bahnhof Wilhelmstal nach Marienstock führt. Ein Landstreicher. Einer ... abgemagert, mit tief in die Höhlen gesunkenen Augen, spitzem, gelblichem Gesicht, zotteligem Bart. Dünn klebt ihm das Haar am Schädel. Lumpen sind mit Lederbändern um seine Füße gebunden, um damit die zerfledderten Stiefel zusammenzuhalten. Über der Schulter hängt ein ebenso lumpiger Sack, sein Bündel.

Kinder auf Fahrrädern, die vorbeikommen, steigen ab, fragen: "Wer bist denn du?"
"Ich komm aus der Gefangenschaft", sagt er, "ich wohne dort oben in der Grubenstraße..."
Er zeigt mit der Hand in Richtung Marienstock. Da erkennt ihn einer der Jungen. Die Kinder sausen auf ihren Rädern davon.

Am Eingang des Ortes kommt der Mann jetzt an den hohen Hecken mit wilden Rosen vorbei, die wie jeden Sommer auch diesmal dunkelrot und üppig blühen. Der Mann reißt sich zusammen, scheint noch einmal alle Kräfte zu bündeln. Er beschleunigt seine Schritte.

Frau Mertens, die im Vorgarten ihres Hauses Blumen gießt, blickt auf:
"Ich kenn dich doch", schreit sie, "du bist doch der ... Oss ... oh Gott ... du lebst? Schon ist sie bei ihm: "Komm rein, ich hab gerade frischen Kaffee...!"
"Ein anderes Mal, Kathrin, ich muss heim", ruft er und marschiert angestrengt weiter.

Die Kinder auf Rädern verkünden die Nachricht oben in Marienstock. Es ist der Herr Kern, der Oskar Kern, den sie gesichtet haben. Ein Kriegsheimkehrer. Ein Spätheimkehrer.

Im Haus, an der Ecke Grubenstraße, im zweiten Stock, in der zum Stall umfunktionierten Abstellkammer ist Margarete, die Oma, gerade dabei, die Geiß zu melken.
"Fall jetzt nicht um, aber der Oskar kommt", ruft eine Nachbarin von unten durchs Treppenhaus.
Margaret glaubt einen Augenblick, ihr Herz müsse stehenbleiben. Ein Ruck geht durch ihren Körper. Dann strafft sie sich, rennt in die Küche, ordnet fieberhaft vor dem kleinen Spiegel am Spülstein das hochgesteckte Haar, wirft mit einem Ruck die Gummischürze ab, wäscht ihre Hände mit duftender Seife, läuft hinaus. Ein paar Minuten später biegt ihr ältester Sohn schon oben bei Ritas Laden um die Ecke.
"O mein Lieber, Guter!"

Aber ... was ist denn in ihn gefahren? Hält keine Sekunde an, läuft, winkend zwar, auf der dem Haus gegenüber liegenden Straßenseite, an ihr VORBEI. Als ob sie Luft wäre. Lässt sie links liegen, sie, seine eigene MUTTER, obwohl sie aufgelöst und mit weit geöffneten Armen auf der Schwelle wartet, um ihn ans Herz zu ziehen!

Unten, drei Häuser weiter, stürzt er Lisa entgegen, die gerade aus der Tür herausstürmt. Sie umarmen sich, lassen sich lange nicht los, haben alles um sich vergessen.

Vor ihrem Haus steht Margaret, zur Salzsäule erstarrt. So erzählt es nachher Tante Zilli. Natürlich drückt Oss wenig später auch seine Mutter schluchzend an sich. Aber ... sie sei in der Seele verletzt gewesen und habe der Schwiegertochter diesen Tag des 'Triumphs' nie verziehen, meint Zilli.

*


Viel weiß Hermine nicht über Papas Soldatenzeit. Er schweigt darüber.
Sie weiß: er war an der Ostfront. Weiß: Moskauer Winter. Sie weiß nichts Genaues. Papa macht kein Aufhebens davon. Er schweigt, als sei das nie gewesen.

Papa ist dann am Schluss in russische Kriegsgefangenschaft geraten und später als die meisten deutschen Soldaten zurück gekommen. Aber doch früher als die von Adenauer heimgeholten Leute aus Stalingrad.

Bei seiner Ankunft sieht er oben in der altvertrauten Wohnung zum erstenmal seinen jüngsten Sohn, den Maxl. Der Bub ist tatsächlich so fröhlich, so gesund, gut geraten und viel süßer noch, als er ihn sich an der Front tausendmal vorgestellt hat. Da kommen ihm die Freudentränen.

Auch der Werner ist kräftig und hübsch und hat mit seinen siebeneinhalb Jahren etwas Spitzbübisches, Niedliches, das dem Vater sehr imponiert.

Das Minchen hingegen ... ist dieses rappeldürre Ding mit dem spitzen Gesicht und den alten Augen sein Töchterchen? Freudlos schleicht es herum, klein, geduckt ...

Und eines merkt Oskar sofort: es herrscht eine gespannte Atmosphäre im Haus. Etwas stimmt nicht. Lisa und die beiden Kinder aus seiner ersten Ehe scheinen nicht wirklich zueinander gefunden zu haben.

"Es wird schon gut gehen, wenn sie erst eine Weile beisammen wohnen." Diese warme Hoffnung, dieser Gedanke an seine heile, junge Familie hatte ihn an der Front und in Gefangenschaft aufrecht erhalten. Oskar hatte sich mit allen Sinnen an seinen Lieben festgeklammert, an Lisa, an Maxl seinem neuen Sohn, den er nur von Säuglingsfotos her kannte und an den beiden Waisen der armen, verstorbenen Emma. Die Wärme, die er ihnen allen gegenüber fühlte, hatte ihm vielleicht sogar das Leben gerettet.

Was Lisa betrifft: so schwer hatte sie sich das Mutter-Sein bei diesen beiden Kindern nicht vorgestellt. Es war alles noch komplizierter geworden, als dann ihr eigener Sohn, der Maxl, auf der Welt war. Ja ... sie schenkte ihm größere Aufmerksamkeit als den anderen. War das denn nicht normal? Wirklich, mit der Liebe zu den Stiefkindern war es weniger weit her, als sie es sich am Anfang schöngeredet hatte. Während Oskars Abwesenheit war es ihr immer schwerer gefallen, für die zwei Kleinen die Zuneigung und Geduld, aufzubringen, die eine kritisch beobachtende Nachbar- und Verwandtschaft so selbstverständlich von ihr erwartete.

Und Werner? Und Hermine? Haben d i e beiden sich wenigstens eng aneinander gelehnt? Zu Schutz und Trutz sozusagen, wie Hänsel und Gretel oder Brüderchen und Schwesterchen im Märchen? ‚Das Gegenteil ist der Fall‘, stellt der Vater bestürzt fest.
Es ist wahr: Die beiden ziehen nicht an einem Strang. Sind wie Hund und Katze. Zanken in einem fort. Prügeln sich bis aufs Blut. Wobei Hermine immer den Kürzeren zieht. Am Schluss, vor Wut, aber auch vor Schwäche halb ohnmächtig, liegt sie dann schluchzend und nach Luft japsend am Boden.

Lisa hält sich schon lange aus den Reibereien der Geschwister heraus.
"Zum Streiten gehören immer zwei", sagt sie, "wegen mir könnt ihr euch die Köpfe einschlagen, mich soll‘s nicht stören!"

Nach der Zeit in Morgenau, die den beiden schwierigen Geschöpfen offensichtlich gut getan hat, sind die alten Probleme wieder da. In Marienstock kommt die junge Familie gar nicht zurecht. Sie wohnen auf engem Raum beisammen, aber jedes von den Dreien steht einsam ... für sich allein auf verlorenem Posten. Gut, Lisa hat jetzt Maxl, der ihr Herz wärmt. Aber Werner und Hermine?
Keine gute Situation, in der Oskar Kern seine Familie vorfindet, als er aus Gefangenschaft zurückkehrt.
"Das wird schon in Ordnung kommen", denkt er mit dem ihm eigenen Optimismus, "es wird sich alles bald wunderbar einrenken!"



16
DIE 'XANUTTA'

Oskar Kern verbringt wenig Zeit zu Hause. Er muss Geld herbeischaffen, dass sie etwas zu essen haben. Jetzt hat sein Dasein zwei feste Mittelpunkte: Die Familie und das Geschäft, das er rasch aufgezogen hat.

Er stellt nämlich Bohnerwachs her. Das brauchen die Leute ja so DRINGEND. Sie veredeln damit die hölzernen Dielenfußböden, die in fast allen Häusern der Gegend eine große Rolle spielen, denn Linoleum ist rar, Teppiche sind es erst recht. Und die Fußböden sollen etwas ‚dahermachen‘. Mit Lappen oder Bürsten schmiert man immer von Neuem eine Schicht Bohnerwachs über die alte, poliert dann das Holz mit Hilfe eines bleischweren, rechteckigen Klotzes am Stiel, dem sogenannten 'Blocker', der unermüdlich hin- und hergeschoben wird. Das Parkett muss wie ein Spiegel glänzen.

Tante Zilli unten in ihrer Wohnung erlaubt Werner und Minchen, sich abwechselnd auf den Blocker zu setzen, während sie bohnert. Mit dem zusätzlichen Kindergewicht blinkt der Boden noch besser, strahlt in Hochglanz. Und die Prozedur macht den Dreien Spaß.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht in Lisas und Zillis Haushalt auf Teufel komm heraus gewichst und gebohnert wird. Bei den übrigen Marienstockerinnen ist es wahrscheinlich genauso.
Nach zwei bis drei Wochen aber hat sich auf den Dielen das Wachs mit Staub und Dreck zu einer hässlichen, dunklen Schmiere verbunden, die sich nicht mehr polieren lässt. Da ist jede Mühe umsonst, jeder Glanz erloschen. Die Frauen rutschen dann auf Knien am Boden und spänen den festgesetzten Schmutz wieder ab. Mit topfkratzerartigen Metallbällchen wird ein Zimmer nach dem anderen durchgeschmirgelt und Zentimeter für Zentimeter von der hässlichen Kruste befreit. Dann geht die Einwachserei neuerlich los. Denn ein schönes, fleckenloses, hochglänzendes Parkett muss sein, wenn man als Hausfrau im Ort etwas gelten will. Auch das abgewetzte Linoleum in Lisas Küche wird von ihr besonders häufig eingerieben und gebohnert. So blank, dass einmal die Oma Margaret hinschlug und sich das Steißbein verstauchte. "Wie schön ... darauf hab ich schon lange gewartet", hatte Zilli damals grinsend zu Lisa gesagt.

*

Oskar Kern fabriziert außer Bohnerwachs noch gelbe und rote Holzbeize. Allzweckreiniger. Alleskleber. Scheuersand. Glanzpolitur für Möbel. Schuhwichse und ein Dutzend andere chemische Haushaltshelferchen und Tinkturen.

Er pendelt zweimal am Tag hin und her zwischen einem zerfallenden Fabrikgebäude, das er von der Grubenverwaltung Maiwald billig gepachtet hat und der viel zu engen Wohnung, wo auch nichts Gold ist und nichts glänzt, in letzter Zeit nicht einmal mehr der Fußboden. Denn Lisa wächst die Arbeit langsam über den Kopf.

Oskars Fabrik liegt abseits vom Ort, verborgen hinter wuchernden Brombeerhecken und Holunderdickicht. Fügt sich im Frühling, Sommer, Herbst, nahtlos und romantisch in die grüne Landschaft. Im Winter ist das alte Gemäuer unbeheizbar, kalt wie ein Eiskeller ... Luftig jedoch ist es in allen vier Jahreszeiten, weil der Wind durch viele Lücken und Brüche im Gemäuer pfeift. Aber Papa ist immerhin mitten in der Natur. Dieses wundersame Gebäude wird 'die Xanutta' genannt. Das Wort hat sich im Ort und der Umgebung eingebürgert. Denn Xanutta ist auch der Markenname des Bohnerwachses und der Schuhwichse, die Oskar Kern herstellt.

Der Bau muss einmal schön gewesen sein. Er trägt noch immer Spuren einstiger Ästhetik, was man an der eindrucksvollen Fassade sehen kann. Die Außenwände sind aus braunrotem Klinkerstein. Geometrische Ornamente zieren die hohen, oben halbkreisförmig gebogten Fensternischen und das schön geschwungene Portal. So hat man in den Kindheitstagen der Industrieanlagen gebaut. Wo selbst Produktionsstätten stilvoll sein mussten.

Das Bauwerk, vor neunzehnhundert errichtet, hat im Lauf von sechzig Jahren viele Besitzer gehabt. Es ist - das kann man nicht anders sagen – inzwischen ziemlich verrottet. Die übergroßen Fenster mit den schön geformten Bögen starren teils geisterhaft leer in die Gegend, teils stecken noch gezackte Glasreste in den Rahmen. Daneben auf der Erde, unter Kraut und Farn kaum verborgen, liegen die Splitter der Scheiben, die vor langer Zeit heraus gefallen sind. Bretter und dicke Stücke Karton hat Oss Kern selbst als provisorischen Schutz gegen Regen und Zugluft vor die Fenster im Erdgeschoss genagelt.

Und innen? Von den Wänden könnte man schwarze Schmiere zentimeterdick abkratzen. In den Ritzen des geborstenen Zementfußbodens wächst Moos und Gras.
Das sind die Räumlichkeiten, in denen sich Papas neues Leben als Geschäftsmann abspielt. Hier stehen - als Herz seines Betriebes - zwei überdimensionale, mit Kohle und Holz beheizbare Kupferkessel. Die lässt er nicht aus den Augen. Niemand sonst darf sich daran zu schaffen machen. Das ist seine ureigenste Wirkungsstätte. Seine Hexenküche. Hier entstehen die alchimistischen Wundermixturen, die er nach geheimnisvollen Rezepten und Ritualen aus einem zerfledderten Buch selbst mengt, braut, kocht, brutzelt. Auch ein Läusevertilgungsmittel ist ihm bereits gelungen, das er sogleich an den Köpfen seiner Sprösslinge und deren Cousine Else mit Erfolg ausprobiert hat und das auch im Dorf viel Anklang findet. Fast alle Kinder sind nämlich in den Jahren nach dem Krieg von Läusen befallen.
Wenn Oss Kern sein Bohnerwachs oder seine Wichse herstellt, gehen ihm drei, vier Leute zur Hand. Die wiegen die nötigen Zutaten ab. Karren sie sackweise aus einem Lagerstollen herbei, schütten sie hinein in den riesigen Kessel, wo der Fabrikherr sie dann mittels eines handlichen Holzrührers von der Größe eines Bootspaddels sorgsam mixt und mengt, während darunter ein kräftiges Feuerchen alles zum Kochen bringt. Am Schluss kommen geheimnisvolle Duftstoffe und Farben dazu. Dann wird am Kessel ein Hahn aufgedreht. Der Sud fließt so in bereitgestellte Eimer.

Im Nebenraum füllen dann Oskars gummibeschürzte Helfer die dünnflüssige, noch immer heiße Wichse aus den Eimern mit einer Schöpfkelle in schwarz verkrustete, eiserne Hand-Trichter. Unten aus ihnen fließt der Sud auf Daumendruck durch eine dünne Röhrenöffnung hinaus in Dosen und Tuben, wo er langsam zur Paste abkühlt. Die Behälter werden später mit Etiketten beklebt, die Onkel Peter in seiner Druckerei herstellt.

Onkel Peter schafft für Papas Erzeugnisse auch tolle Plakate. Durchaus künstlerische Angelegenheiten. So grinst denn von den Ladentüren heimischer Kolonialwaren- und Krämerläden als Reklame für Oskar Kerns Produkte, ein ebenholzschwarzes Pärchen. Männlein, Weiblein. Die sehen aus, wie man sich 'Mohren' in jener Zeit halt vorstellt: auf dem Kopf Kräuselhaar wie schwarzer Persianerpelz, Kulleraugen so groß wie Untertassen, dazu Creolen-Ringe durch Ohren und Nase gezogen. Mit tütenspitzen Brüsten, ‚oben ohne‘, und im gelben Baströckchen die Frau. Der Mann im Lendenschurz. Beide lachen mit ihren riesenhaften, schneeweißen Zähnen wie der Trompeter Louis Armstrong in seinen besten Jahren.

Unter diesem frühen Zeugnis erfolgreicher Werbekunst prangt der ebenso einprägsame wie originelle Spruch:

Schwarz ist der Neger,
schwarz seine Frau,
doch neben Xanutta
sind sie nur grau.

Also: Schwärzer als Papas Super-Schuhwichse gibt’s nix! Dabei stellt er doch auch weiße, rote und braune her.
Auf den Etiketten der Tuben und Dosen aber steht kurz und bündig:

Xanutta ist gut.

*

Oss Kern liefert seine Waren immer persönlich an die Kunden aus. Mit einem seiner Automobile. Es gibt Auto Nummer eins, Nummer zwei, Nummer drei. Die Brüder Kern besitzen tatsächlich drei Limousinen! Zwei DKW´s und einen Mercedes Benz. Die werden von den Leuten im Dorf mit Staunen und Ehrfurcht betrachtet. Jetzt nach dem Krieg haben die meisten nicht einmal ein Motorrad. Geschweige denn einen Wagen. Die Kerns haben gleich drei davon. Fahren kann allerdings nur Oskar. Er besitzt als einziger in der ganzen Firma einen Führerschein.

Es sind eigentümliche Vehikel. Sie müssen zu den ersten gehört haben, die je gebaut wurden. In allen dreien hängt innen dieser Duft nach Benzin, Terpentin und anderen, undefinierbaren chemischen Aromen. Ein bisschen rostig, ein bisschen löchrig sind die Karossen. Ein bisschen verbeult. Ein bisschen verwittert. Von schwer bestimmbaren, weil verblichenen Farben.
"Wo hast du die nur ausgegraben, Oskar?" wird häufig gefragt.
Ja, ja die Kern-Wagen zuckeln, tuckern wie störrische Esel dahin, geben manchmal vorübergehend den Geist auf.

"Nur für EINEN Zweck sind diese Karren noch gut", sagt Lisa mit ihrem bekannten, leisen Schuss Häme, "nämlich für die ... allerschleunigste Verschrottung."

Aber das stimmt nicht. In einem der drei technischen Wunderwerke rattert, knattert, rumpelt Oskar Kern, der Fabrikbesitzer, unermüdlich über Land. Wechselt sich ab in ihrer Benutzung. Wie jemand, der tief aus dem Vollen schöpft. Dabei sind meist zwei von den drei Wagen außer Gefecht gesetzt. Irgendwelcher Schäden wegen. Heute ist es die Kupplung. Morgen kann es der Motor sein. Übermorgen der Auspuff. Herr Wenz, ein befreundeter Mechaniker, tut sein Bestes. Repariert sie immer wieder. Am liebsten würde er natürlich Geld dafür nehmen. Doch weil Bares rar ist, bezahlt Oss den Mann auch mit Bohnerwachs, Fleckenwasser oder sonstigen Kern-Erzeugnissen, die dieser bestimmt gut brauchen kann. Na ja, Bargeld wird er ihm ab und zu auch mal geben.

Oft liest Papa unterwegs auf der Straße Leute auf. Alte, die nicht mehr flink auf den Beinen sind oder Frauen, wenn sie sich mit einer Last abschleppen. Papa kennt Gott und die Welt. Und die Leute kennen ihn. Scherzbolde lassen, wenn sie einsteigen, schon einmal jene alte Bauernweisheit los, die da lautet: "Besser schlecht gefahr, als gut gang... gelle mei Liewer?"
Dann lacht der Autobesitzer und ist nicht die Spur beleidigt.

Hat Herr Wenz die EINE Karre notdürftig geflickt, bricht die ANDERE zusammen. Jedoch eine von den dreien ist immer einsatzbereit. Oder FAST immer. Manchmal, wenn Papa gerade in das Vehikel gestiegen ist und auf den Anlasser drückt, fängt das blöde Gefährt zu wackeln und zu vibrieren an, macht ein Getöse wie eine Rakete, die mit Feuer unterm Hintern gleich mit Karacho ins Universum abzischen wird.
Aber nichts da ... das bescheuerte Ding stößt zwar hinten Schwälle von gelbbraunem Qualm aus, vernebelt die ganze Umgebung, doch es-rührt-sich-nicht-vom Fleck.

Weil diese Pannen meistens inmitten der Dörfer passieren und selten auf freiem Feld, springen stets willige Helfer herbei. Sie schieben Papa in seinem Auto mit vereinten Kräften zu einer abschüssigen Stelle, wo das Ding dann ins Rollen gerät, bis der Motor anspringt und Oss hinter dem Steuer den Leuten ein sieghaftes "Alles-in Ordnung" zuruft, während er wohlgemut inmitten einer Auspuffwolke davonrattert.

Es ist aber so sicher wie das Amen in der Kirche: es wird kaum mehr als eine Woche dauern, bis das vermaledeite Vehikel mit einer neuen, geheimnisvollen Panne auflauert, wo dann kein noch so gutwilliges Schieben mehr weiter hilft. Dann muss der arme Papa sehen, wie er heimkommt und wie er später sein liegen gebliebenes Auto und seine Ware unter Dach und Fach, das heißt, letztere rechtzeitig zu den Kunden schafft. Doch Oss Kern packt es immer. Irgendwie. Er, der König der Improvisateure.

"Der Wagen ist kaputt. Und die anderen zwei sind natürlich in der Werkstatt. Logo ... hängt euer Vater wieder einmal irgendwo fest. Er hat gerade unten in der Druckerei angerufen", sagt Lisa dann.
"Wann kommt er denn zurück?"
"Das weiß der Himmel..."

*



Mit der Volksschule macht Hermine keine schlechten Erfahrungen. Wenn es ihr elend geht, dann kommt das nicht durch die anderen Kinder und nicht durch die Lehrer. Es kommt von innen. Es kommt aus ihr selbst.

Nur einmal rempelt sie ein großer Junge an, vielleicht mit, vielleicht ohne Absicht, so im Vorbeilaufen, als er mit seinen Freunden über den Schulhof jagt. Er trifft sie mit dem spitzen Ellbogen in die Seite ... da wird ihr plötzlich hundsgemein übel und immer übler und schwupp, fällt sie wieder einmal ohnmächtig um, aber mit all den Ängsten und Schrecknissen, die immer vorhergehen, bevor sie dann in das schwarze Loch kippt. Als sie zu sich kommt, und Mitschüler sich über sie beugen, da ist ihr erstes Gefühl ... Scham ... riesengroße Scham.

Hermine bleibt nicht lange in der Volkschule in Marienstock. Als sie zehn Jahre alt ist, fährt sie dann täglich nach Brückenstadt auf die Mädchen-Mittelschule.



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Was bisher geschah:
Hermine ( Minou ) wird 1939 geboren. . Sie ist zirka ein Jahr alt, da stirbt ihre Mutter bei der Geburt des Bruders Werner. Vater ist Soldat im Krieg. Nach mehreren Versuchen mit ‚Haushälterinnen‘ wird das Kind zu Anna, einer Tante, gebracht. Dann heiratet Papa wieder. Lisa, die neue Mutter, holt die jetzt viereinhalbjährige Hermine und Werner zu sich. Papa, ständig an der Front, ist für die Kleinen ein Fremder, an den sie sich kaum erinnern. Einen Teil des Krieges verbringen die Kinder und Lisa in Evakuierung auf einem Gutshof in Bayern. Dort bringt Lisa auch ein neues (Stief) Brüderchen zur Welt, den Maxl. Nach Kriegsende kehrt die kleine Familie ohne den Vater wieder nach Marienstock zurück. Papa kommt eines Tages aus Kriegsgefangenschaft heim und baut sich eine Bohnerwachsfabrikation auf.

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17
DRUCKEREI UM 1950

In der ersten Etage im Haus Grubenstraße 10 leben Onkel Peter, Tante Zilli und die Cousine Else. Im zweiten Stockwerk Oskar Kern und seine Familie.
Im Erdgeschoss betreibt der Onkel seine Druckerei.
Die Druckerei hat zum Hinterhof ein einziges, großes Fenster, das ist aus vielen Scheiben zusammengesetzt und nimmt die ganze Breite der Hausseite ein. Peter Kern hat es erst vor kurzem erneuern und vergrößern lassen. Nah bei diesem Fenster arbeiten die Schriftsetzer. Sie brauchen gutes Tageslicht.

Das Drucken ist eine komplizierte Angelegenheit im Jahr 1947. In unzähligen Schubladen und Setzkästen lagern, alphabetisch geordnet, Zehntausende von bleiernen Buchstaben in allen Größen und Schrifttypen. Man greift sich Buchstabe für Buchstabe mit einer Pinzette und bringt sie nebeneinander auf eine Zurichteplatte. Jede einzelne, zu druckende Seite wird auf diese Art Zeile für Zeile, gesetzt. Ist der Text für eine Seite fertig, bindet man das blockartige Ganze mit einer Schnur zusammen, damit es beim Einsetzen in die Druckpresse nicht auseinander fällt. Dann wird ein Probedruck gemacht. Natürlich ist der noch unperfekt, deswegen wird die Platte zur Korrektur wieder aus der Maschine genommen. Nicht nur Rechtschreibfehler werden jetzt ausgemerzt, es ist auch wichtig, dass die spätere Seite ein schönes Schriftbild ergibt. Da muss eine Menge entfernt, verändert, ergänzt werden. Wenn endlich alles stimmt, spannt man die Platte wieder in die Presse ein. Dann geht es los. Der Druckvorgang verursacht höllisches Getöse, das vierstöckige Haus dröhnt und zittert in seinen Grundfesten. Es sind die uralten, tonnenschweren ‘Heidelberger Pressen’, die dieses kleine Erdbeben auslösen.
Zwischen unaufhörlichem Telefongeklingel hört man die gebrüllten Verständigungsversuche der Angestellten, die sich abmühen, den Lärm zu übertönen.

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DIE ‘MASCHIN’

Die Kerns besitzen neben der Xanutta ein zweites, hallenartiges Gebäude, das auch vor neunzehnhundert erbaut wurde. Es ist mit einem so imponierenden Portal versehen - ein beladener Heuwagen könnte dort einfahren. Im Inneren sind, rechts und links eines Korridors lauter kleinere Räume. Das Gebäude liegt ein Stück außerhalb des Dorfes. Es ist ein Ableger der Druckerei, im Sommer halb verborgen unter wuchernder Vegetation, im Winter einsam inmitten einer klirrenden Eis- und Schneelandschaft. Zwei oder drei Räume sind aber geheizt, anders als in Papas Xanutta. Es ist eine Wonne, einzutreten, wenn man aus der Kälte kommt. Den Geruch im Inneren mag Hermine gern, heimatlich riecht es nach Druckerschwärze, Staub, frischem Papier und alten Akten.
Das ist Peter Kerns Kartonagenfabrik, genannt ‘die Maschin.’

Arbeiter an wuchtigen ‘Schneidpressen’ zerteilen riesige Pappdeckelbögen. In diese werden dann mit einer anderen Maschine Rillen eingeprägt, dass sie nachher gefalzt und zusammengesteckt werden können zu Faltschachteln. Klammern oder Leim sind unnötig. Heute Selbstverständlichkeit, damals eine tolle Neuheit!
In der Maschin werden ebenfalls alle möglichen Sachen gedruckt. Mit zwei kleineren Druckpressen. Fünf bis sieben Leute sind meistens hier beschäftigt.
In unbenutzten Räumen lagert in ein bis vier Quadratmeter breiten, hohen Stapeln Papier und Karton. Blütenweiße Bögen, farbige Bögen. Die Stapel reichen vom Boden bis fast zur Decke.

Wie überall bei den Kerns herrscht auch hier in der ‚Maschin‘ eine geordnete Unordnung, in der nur Eingeweihte das finden, was sie suchen oder anders herum: man findet alles, wenn man sich erst einmal eingeprägt hat, wo es versteckt ist. Die Anordnung ist chaotisch und wenig durchdacht, könnte weitaus effizienter sein. Aber so ist es und es wird nichts verändert.

Auch in der Maschin ist es höllisch laut. Zum üblichen Lärm ist da noch der helle, kreischende, Gänsehaut erzeugende Ton der Schneidpressen, jedesmal, wenn ein Stapel Karton mit dem guillotineartigen Fallmesser durchtrennt wird und unten auf der Stahlplatte Metall hart auf Metall trifft.

Nebenan in einem winzigen Büro stehen ein gelber Schreibtisch aus Schleiflack und zwei komische, gelbe Drehstühle, auf die sich Werner und Else setzen. Dann drehen sie sich gegenseitig wild rundum. Hermine hat es auch einmal probiert, aber dann nie wieder. Vom Schwindel gepackt, war sie beim Heruntersteigen in weitem Bogen in die Ecke geflogen und dort wie von hundert Drehwürmern gebeutelt, eine Weile liegen geblieben, unfähig, aufzustehen.

Lieber springt sie die Holztreppe hinauf auf den Speicher. Dort, rechts und links der langen Gänge stehen Regale, darauf Leitz-Ordner penibel aufgereiht, mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Man sieht ... die sind vielleicht schon viele Jahre nicht mehr angefasst worden. Diese Ordner enthalten nur Bilder und Fotos ... aber ganz herrliche.
Jemand muss sie aus Zeitschriften ausgeschnitten haben. Jahreszahlen stehen auf den Schildchen der Aktendeckel, von 1920 angefangen bis 1935. Und was ist der Inhalt? ‘Meisterwerke der Malerei’, ‘ Wunder der Erde’, ‘die größten Kriminalfälle dieser Welt’ oder ‘Femme fatale’.
Femme Fatale ... das hört sich toll an, da muss Hermine gleich nachsehen. Und ... aufregend: innen sind Fotos von weltberühmten Frauen: La Jana, Lilian Harvey, Jean Harlow, Marlene Dietrich, Greta Garbo, Nofretete, Kleopatra, Mata Hari und hundert andere. Die leuchtend bunten Bilder sind groß wie Briefbögen. So etwas Schönes hat Hermine ja noch nie gesehen! Unglaublich. Dann ist da ein praller Ordner nur mit Mädchenfotos: ‘Inge’, ‘junge Aphroditen’, ‘Rosenknospe’, heißen sie oder ‘Unschuld‘ ‚erste Blüte‘ und und ... Die Mädchenbilder sind so süß, so lieblich, dass Hermine gern zumindest ein paar davon mitgenommen hätte. Niemand hätte es gemerkt. Aber sie schiebt den Gedanken schnell zur Seite. Stehlen ist Sünde!

Man kann auf dem riesigen Speicher mit all seinen Gängen und Kabäuschen prima Nachlaufen, auch Verstecken spielen. Nur ... bei jedem Schritt, jedem Hopser schwankt der Boden unter einem wie das Fünfmeterbrett am Schwimmbad. Die Lehrlinge der Firma, Buben von vierzehn Jahren, jagen oft johlend da oben herum. Oder sie sitzen heimlich zwischen den Regalreihen und rauchen. Bis einer der älteren Arbeiter sie zurückpfeift.
"Eines Tages steckt ihr noch die ganze Bude in Brand!"
"Ach was!"
Na ja, die Alten schimpfen eben ein bisschen, wie sich das ab und zu gehört. Aber bierernst nimmt das keiner. Drill und preußische Ordnung herrschen ohnehin nicht in den Betrieben der Gebrüder Kern.

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Als Papa endlich aus Gefangenschaft zurück ist und in der Xanutta sein Wirken beginnt, leiden Lisa und die Kinder dann keinen Hunger mehr. Hat er eine lukrative Bohnerwachs-Bestellung an Land gezogen, für eine Behörde etwa, - denn auch in öffentlichen Büros wird großer Wert auf hochglänzende Böden gelegt - oder sogar für eine Ladenkette wie den ASKO, steht er mit seinen klaglosen Helfern von morgens sieben bis in den späten Abend bei den Kesseln. Wenn die Leute gegangen sind, bleibt e r noch immer und hantiert oft bis nach Mitternacht mit seinen Wichsen und Wachsen herum. Und das einige Tage in Folge. Hermine stellt es sich überhaupt nicht schön vor, erst recht nicht, wenn es im Winter eiskalt ist. Danach fährt Papa schon wieder am frühen Morgen, nach drei, vier Stunden Schlaf über Land und liefert seine Waren selbst aus.

Am meisten ist der Tochter in Erinnerung geblieben, wie es ihn jedesmal beutelt, wenn er nächtelang über den Steuererklärungen brütet. Denn es ist wahr: er schiebt diese unangenehme Pflicht stets bis zum letzten Moment auf. Und Onkel Peter hat keine Ahnung von solchem Kram. So erledigt Papa das notwendige Übel auch noch für ihn und seine Betriebe mit.

Oft tröpfeln sowohl in der Bohnerwachsfabrik, als auch in der Druckerei die Aufträge nur spärlich herein und tagelang ist fast überhaupt nichts zu tun. Weil es nämlich nach Kriegsende rasch größere Firmen gibt, die viel professioneller, auch billiger, arbeiten. Jahre später fragt sich die Tochter nachdenklich, wie um alles in der Welt es der Vater und der Onkel geschafft haben, jeden Monat die Löhne für ihre Arbeiter zusammenzukratzen und dabei mit den eigenen Familien zu überleben. Denn wirklich gewinnbringend wird hier eigentlich kaum gearbeitet.
Die Angestellten der Kerns, Schriftsetzer ausgenommen, pendeln denn auch, je nach Notwendigkeit, zwischen den verschiedenen Betrieben hin und her, heften hier festliche Broschüren für irgend ein Dorffest zusammen, füllen dort mit Hilfe vergammelter Trichter Unmengen Schuhwichse in glänzende Dosen. Wie es gerade kommt.

Eigentlich sind die Chefs beide nicht gesund. Papas Herz ist seit dem Krieg nicht mehr in Ordnung und Onkel Peter leidet an Rheumatismus und anderen Gebrechen.

Doch nie in fünfundzwanzig Jahren ist es zum Konkurs gekommen. Immer haben die Angestellten ihren Lohn rechtzeitig erhalten. Trotzdem, das muss einmal klargestellt werden: es sind nicht gerade Musterbetriebe, in denen die Kerns herumwirtschaften.

Lisa zum Beispiel hält überhaupt nichts von den Unternehmungen ihres Mannes und ihres Schwagers.
"Ihr habt bis jetzt nicht EINE handfeste Sache auf die Beine gestellt. Was ist das hier denn? Doch nichts als Bruch und Dalles!"
Sie sagt es neckisch. Aber sie meint es ernst.

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ZILLI SIEHT AUS WIE MARLENE

Obwohl Tante Zilli das Druckerhandwerk nicht gelernt hat, beherrscht sie jede anfallende Arbeit perfekt. Außer der Schriftsetzerei. Davor schreckt sie zurück. Nicht als ob sie Probleme mit der Orthografie hätte. Sie ist imstande, schwierige Texte fehlerfrei zu korrigieren, linkisch klingende Absätze so im Stil zu verbessern, dass es eine Lust ist, sie zu lesen. Nur ... das ständige Herumfummeln mit winzigen Bleibuchstaben, nein, das ist nichts für sie.

Zilli, die Chefin! In ihrer besten Zeit, - das ist während des Krieges und in den ersten Jahren danach - sieht aus wie eine vom Film. Äußerlich gleicht sie Marlene Dietrich. Nicht dem ‘blauen Engel’. Der späteren, dünneren Marlene. Der Diva von Hollywood. Zilli ist ebenso ätherisch schlank, ebenso wasserstoffblond. Zugegeben, mit ihren Haaren stellt sie etwas an. Zilli hat ein verrucht-schönes Gesicht und einen koketten Augenaufschlag. Keine steht so verführerisch an den Druckpressen wie Onkel Peters Frau in ihren kurzen, süßen, dünnen Kleidchen! Schwül wie ein Sommerabend, immer leicht nach Parfüm duftend, bringt sie gar einen Hauch von Pariser Chic in den Marienstocker Alltag. Seidenstrümpfe trägt sie noch an den langen, wohlgeformten Beinen, als es im Krieg solchen Luxus längst nicht mehr zu kaufen gibt.
Sie ist es, die sowohl die Kundschaft, als auch die eigenen Angestellten bei der Stange hält. Für ihre Chefin würden die Lehrlinge sogar durchs Feuer gehen.

Aber nicht das Aussehen treibt die Menschen zu ihr hin. Ihre Zähigkeit ist es, ihre tiefinnere ... wahrscheinlich angeborene Lebensfreude. Sogar Hermine, mit ihren acht Jahren, spürt das vage. Wo immer dicke Luft ist, wo immer jemand traurig herumschleicht, sobald Zilli auftaucht und ein paar banale Allerweltsworte loslässt, jagt sie jede schlechte Stimmung in den Wind.

Zilli ist eine gute Seele. Ein wenig oberflächlich vielleicht, - so meint zumindest Tante Friedchen - Zilli denkt an ihre Fingernägel ... ob die frisch lackiert werden müssen, statt an die ernsten und letzten Rätsel des Daseins. Anstatt dem ‚geschwollenen Daherreden‘ schlauer Köpfe bei den Zusammenkünften der Männer in Onkel Peters Herrenzimmer zu lauschen, befasst sie sich lieber mit Kosmetik und Kleidern. Halb unbewusst ist sie wohl ständig am Flirten ... in Wahrheit aber eine treue Ehefrau. Auch wenn manche Herren der Schöpfung das ihres blonden Aussehens wegen vergessen und immer wieder neue Attacken starten ... vergebens.
Von Männerverführung oder Sich-verführen-lassen scheint Zilli gar nichts zu halten. Sie, die Vielbegehrte wird ihr ganzes Leben lang KEINE Affären haben. Und das bei einem Angetrauten, der es mit der Heiligkeit der Ehe ... na ja ... da könnte man stundenlang erzählen. Das ist eine andere Geschichte.
Also ... Zilli ist eine äußerst seriöse Person, doch denkt sich jeder (Mann) bei ihrem Anblick das genaue Gegenteil.
‚Genau so wie Zilli , so muss Lilli Marleen bei der Laterne stehen‘, denkt Hermine.

Zilli raucht.
"Wie ein Schlot", sagt Lisa.
Die schöne Tante und ihre Zigaretten! Mit nie verebbender Begeisterung wird sie die Glimmstängel bis ins hohe Alter in Massen in sich hineinziehen. Also, sie stellt sie damals im Krieg in Sekundenschnelle selbst her aus im Dachboden getrocknetem, einheimischem Tabakkraut. Mit Hilfe eines kompliziert aussehenden, silberfarbenen Mini-Maschinchens und einem Blättchen aus weißem Seidenpapier ... Sie stopft, leckt, kurbelt und ... voilà, kommt unten eine makellos geformte Selbstgedrehte zum Vorschein. Auf diese Art versorgt sie auch die Mitarbeiter und nervöse Kunden mit Rauchbarem.

Etwas findet Hermine an ihrer Tante urkomisch, aber auch sehr süß: Hinter jedes, von blonden Locken umrahmte Ohr hat sie nämlich ständig, wenn sie im Betrieb umherhastet, eine Zigarette geklemmt. Wie festgeklebt. Die fällt nie herunter. Witzig. Ist der Aufbewahrungsort hinter dem Ohr eine Mode-Marotte der 1940er-Jahre oder nur eine Möglichkeit für unverbesserliche Raucher, ihren Suchtstängel möglichst greifbar bei sich zu haben? Ist es Tante Zillis ureigene, verrückte Idee?

Zilli ist ein rätselhaftes Geschöpf: Eine Frau, die bis ins hohe Alter hell und leichtfüßig, auch leichten Kopfes, durch ihre bescheidene Welt schreitet, die mit ihrem Wohlbefinden, ihrer Harmonie stets andere erfreut. Zilli, die ihr ganzes Dasein in Marienstock verbringt, noch dazu mit einem Mann, der sich zwar dankbar an ihrer angenehmen Person wärmt, aber dennoch bei jeder Gelegenheit hinter allen möglichen Dienstmädchen, Barweibern oder Flittchen her ist.
Zilli wird auch wenig oder fast gar nicht reisen, wird nichts von den Wundern der Erde zu sehen bekommen ... dennoch scheint sie Zeit ihres Lebens ausgeglichen und fröhlich.

*


18
FAMILIENSPAZIERGANG

Papa arbeitet unermüdlich, um es den Seinen recht zu machen. Eigentlich kriegen sie immer alles, was sie brauchen. Etwas zum Anziehen. Und genug zu essen. Aber Hermine – inzwischen achteinhalb Jahre alt - ist nicht glücklich. Hat schon mehrmals im Krankenhaus gelegen. Zur Beobachtung, wie es dann immer heißt. Seltsame Gebrechen, deren Ursprung man auf den Grund gehen will, machen ihr junges Leben kompliziert. Ein paar leichte Operationen musste sie schon über sich ergehen lassen: Blinddarm, Mandeln, verschiedene Polypen wurden entfernt, viele Tests haben sie mit ihr gemacht - immer wieder - um den Grund für die ständigen Magen-Darm-Probleme, das Untergewicht, die häufigen Fieberattacken- und Ohnmachtsanfälle zu finden. Sehr viel weiter kommen die Ärzte nicht. Eine lebensbedrohliche Krankheit können sie trotz unzähliger Röntgenaufnahmen auch nicht feststellen.
Aber Hermine ist nicht gesund. Und nicht glücklich. Das sieht man.
"Wenn ich dich nur anschaue ... ständig läufst du mit einem soo unzufriedenen Gesicht herum!", sagt Lisa entnervt.
Es stimmt.

Ach ja, Hermine fühlt sich nicht wohl. Einmal, als der Vater sie nach einem monatelangen Aufenthalt in der Kinderklinik ( da hatte sie wohl doch eine Kleinigkeit an der Lunge ) nach Marienstock heimbringt, dauert es genau fünf Minuten und sie spürt noch im Stehen in der Küche die Ohnmacht wieder nahen, mächtig ... ihr alle Luft abschnürend. In einer Art verzweifelter Panik sucht sie sich zu wehren, innerlich zu wehren... aber da sackt sie schon wieder hilflos in das bodenlose, schwarze Loch und ... aus.

Sie kommt ja immer nach einer Weile wieder zu sich. Dann ist es, als kehre sie aus einem bösen Traum zurück, an den sie schon beim Aufwachen gar nicht mehr so recht glauben will. Und das Leben geht weiter. Am nächsten Tag schleppt sie sich wieder ängstlich zur Schule. Nein, es geht ihr nicht gut.

Lisa, die Stiefmutter, ist nicht freundlich zu ihr wie die Tante Anna war. Lisa nörgelt oft. Hat immer etwas auszusetzen. Hermine fühlt sich allein. Aber so schlimm ist es ja auch wieder nicht. Eigentlich hat sie keine Ahnung, was mit ihr los ist. Manchmal schafft sie es kaum, morgens aufzustehen. Sie weiß nicht, warum, merkt aber, dass etwas mit ihrem jungen Leben nicht stimmt. Was es ist, weiß sie nicht. Freuen kann sie sich irgendwie auf gar nichts. Im Bett weint sie oft. Schluchzt stundenlang, aber ganz leise unter der Decke, sonst könnten die anderen es ja hören und wären wieder sauer.

Hermine und der Bruder Werner schaffen es, einander fremd zu bleiben. Das heißt schon etwas, wo doch die Wohnung klein ist und sie sich ständig in den Füßen herumlaufen, Sie gehen nicht einmal gemeinsam zur Schule, obwohl sie den gleichen Weg haben. Den Morgen verbringen sie beide in verschiedenen Klassenzimmern, jedoch im gleichen Gebäude und laufen in den Pausen wortlos aneinander vorbei. Das ist schon komisch. Werner verschwindet auch nach der Schule mehr und mehr aus Hermines Leben, tobt draußen mit den Nachbarkindern, oder hält sich oben, drei Häuser weiter, bei Oma und Tante Rita auf. Dort macht er auch seine Schulaufgaben. Also, bald ist er nur noch zum Schlafen zuhause.

*

Oskar Kern sieht seine Kinder höchstens flüchtig am Abend, wenn sie gerade in ihre Betten verschwinden. Nur Sonntags ... da macht die ganze Familie den SPAZIERGANG. Alle zusammen. Darauf besteht der Papa. Gleich nach dem Mittagessen geht es los. Zur ‘Irgershöhe’, einem Ausflugslokal tief im Wald. Durch die lang gezogene Dorfstraße marschiert man, vorbei an den makellosen kleinen Einfamilienhäusern, den gepflegten Vorgärtchen, dann die Baumallee entlang, zum Ortsende, wo ohne Übergang der Forst beginnt.
In einem stetig fließenden Strom tauchen die Spaziergänger an schönen Tagen in den Wald hinein. Auf der anderen Straßenseite kommen Morgenausflügler schon wieder zurück. Eng hintereinander laufen sie. Wie in einer Prozession. Da ist echt Betrieb. Der ganze Ort ist auf den Beinen. Man kennt sich. Die Familienväter haben sich korrekt in Sonntagsanzug, Hut, Schlips geworfen und zeigen sich stolz mit den Ihren. Die jungen Frauen tragen Stöckelschuhe und die neuen, engen Schneider-Kostüme, die jetzt so modern sind. Es ist ein ständiges Beäugen und Beäugtwerden.

Lisa schiebt Maxl im Sportwagen vor sich her. Papa grüßt, den Hut lüftend, nach rechts, nach links und wird wieder gegrüßt. Die meisten Marienstocker bleiben bei den Kerns stehen, plaudern eine Weile. Dann geht die Familie weiter. Kaum kommen sie vorwärts, weil Papa so viele Leute kennt.

Hermine ist es einfach nur schlecht. Sie hätte sich gern vor den Spaziergängen gedrückt. Aber sie MUSS mit. Alle wissen, dass sie ‘Anfälle’ bekommt. Sie ist schon ein paarmal in der Kirche ‘zusammengeklappt’. Jeder, der das Kind sieht, erinnert sich sofort daran und kann nicht umhin, ihre Blamage zu erwähnen.

Bei solchen Sonntagnachmittags-Ausflügen klingen am laufenden Band aus den Mündern der Leute Lobpreisungen auf Maxls wunderbares Gedeihen. Auch flötet man dem stolzen Vater zu, wie gut das Wernerchen sich ebenfalls ‘herausgemacht’ habe, ... aber dann mit zaghaften Blicken zu Hermine hin, kommen die üblichen Sprüche wie: "Mit dem da habt ihr weniger Glück, es ist ja totenbleich. Und soo dürr!"
"Was hat denn DAS DA, Oskar? Dem muss doch etwas fehlen ... das hat ja gar kein Fleisch auf den Rippen, sieht aus, wie das Leiden Christi."
"Sag mal Kind, ist dir nicht gut??"

Nein, Hermine ist e s nicht gut! Es geht ihr schlecht! Und sie ist immer todmüde. Der Weg scheint ihr zu lang. Sie möchte nur noch heimgehen und sich ins Bett legen.
"Hast du es mal auf Schwindsucht untersuchen lassen, dein Töchterchen", fragt ein Schlaukopf.
"Ja ... ja", sagt Papa.
Lisa zuckt die Schultern:
"Am Essen liegt´s nicht", sagt sie.
Es liegt auch nicht am Essen. Denn Werner und Maxi sehen gesund aus. "Wie das blühende Leben", meinen die Leute. Streicheln mal dem einen, mal dem anderen liebevoll über die niedlich grinsenden Gesichtchen ...
"Das da wirst du nicht groß kriegen", jammert jetzt eine entfernte, alte Verwandte der Kerns, eine Cousine der Oma, die gerade an ihrem Stock, inmitten anderer alter Weiber herbeigewackelt kommt. Sie schüttelt bedenklich den Kopf.
"Es frisst ja nichts", rechtfertigt sich Oskar ratlos.


Im Waldcafé auf der ‘Irgershöhe’, das heißt, draußen im Biergarten, herrscht Ausflügler-Hochbetrieb. An Tischen und Bänken unter den Bäumen ... Menschengewimmel. Um den ganzen Platz hat man von Stamm zu Stamm eine Kette aus bunten Glühbirnen gespannt. Die werden am Abend leuchten, wenn eine Kapelle zum Maitanz aufspielen wird.

Auch hier sitzen Leute, die Papa kennen. Scherzende Worte fliegen hin und her, man fordert ihn und seine Familie zum Bleiben auf.

An diesem herrlichen Frühlingstag hat Oss Kern aber ein entfernteres Ziel ins Auge gefasst. So geht es weiter durch grünenden Buchenwald, schmale, rote Pfade entlang. Auch da treffen sie auf alles andere als Einsamkeit, auch da marschieren massenhaft und zielstrebig Leute. Maxl darf ein bisschen aus seinem Wägelchen heraus und laufen. So kommen sie ja gar nicht mehr vorwärts! Fast eine Stunde geht es durch den Forst bis zu ‘Köhlers Haus’, einem ebenfalls beliebten Ausflugslokal. Draußen im Biergarten trifft Papa wieder Bekannte, putzmuntere, fidele Leute, die zusammenrücken, ihnen Platz machen. Die Kerns setzen sich an einen der langen Tische aus roh behauenen halbrunden Holzstämmen. Papa, Lisa, Werner. Hermine. Daneben steht das Wägelchen mit dem juchzenden, die Ärmchen nach den Vorbeigehenden reckenden Maxl ... Der Knirps lacht jeden an, der stehen bleibt.

Jetzt dürfen Werner und Hermine perlende, knallgrüne und bonbonrosa Limonade bestellen. Zischende Limonade mit einem verheißungsvollen, neuen Geschmack. So etwas gibt es erst seit kurzem in Deutschland. Eine amerikanische Idee ist es.

Erinnerungen an die gefangenen Piloten werden jetzt wieder in Hermine wach. An die bunten Kaugummis, die Werner und sie von ihnen bekommen hatten, damals in Bayern auf dem Gut Morgenau, Da war es schön gewesen. Der Geschmack der Brause, die ihr jetzt aus ihrem Glas entgegensprudelt, ist wie das minzige Aroma von Kaugummi , ‘chewing gum’, so besonders, so prickelnd.
So wie ihre Limonaden, so wie ihre Kaugummis schmecken und aussehen, so muss das Land sein. Bunt. Bunt. Voller rosa und himmelblauer Farben. Voll mit lachenden, fröhlichen Menschen. Wie ein wunderbares, prickelndes Aroma, das ist Amerika ... wie Bonbons, chewing gum und Eiscrème zusammen. Ein Land mit einem immer blauen Himmel von dem eine viel hellere Sonne strahlt als hier, mit großen, ebenfalls lachenden Männern, schwarzen Soldaten auch und Fahnen. Wehenden Fahnen mit ganz vielen Sternen darauf. Dann wünscht Hermine sich, sie wäre dort.

Aber heute wünscht sie sich nichts. Heute ist ihr nur schlecht. Krank ist sie, von Kotz-Übelkeit gebeutelt.

Sie bekommt eine Limonade, die nach Pfefferminz und chewing gum schmeckt und ihr schön bis in die Nase hinauf prickelt. Aber nicht einmal das macht sie froh. Sie trinkt kaum einen Schluck.

Hermine kennt die Leute, die bei ihnen sitzen, nicht. Der Papa kennt sie alle. Er freut sich über die Gesellschaft, ist lustig, macht kräftig mit, bei all dem Gelächter. Lisa hält sich vornehm zurück und lächelt lieb in die Runde. Hermine zählt im Kopf die Rufe des Kuckucks mit, der irgendwo in den Waldestiefen schreit. Um etwas zu tun, zählt Hermine. Weil das, was die Erwachsenen am Tisch reden, sie überhaupt nicht interessiert. In der Seele nichts angeht.

‘Lieber Kuckuck sag mir doch, wieviel Jahre leb´ ich noch?’ Ein Spruch, den ihr, als sie ganz klein war, die Tante Anna in Unterstetten beigebracht hat! Eigentlich will sie gar nicht wissen, wieviel Jahre sie noch lebt. Der Kuckuck hört sich nicht wie ein Vogel an, sondern wie ein Mensch, der tut, als ob er ein Kuckuck wäre. Er hat bald schon mehr als hundertmal geschrien und ruft immer noch. Bei hundertfünfundsiebzig gibt Hermine die bekloppte Zählerei auf.

Auch wenn sie nicht daran denken will, kann sie doch nur an das eine denken: dass ihr schlecht ist, übel im Bauch, schwindlig im Kopf, zum Brechen elend. Sie hat Angst, gleich umkippen zu müssen. Tief in ihr drin ist dieses große Zittern. Gleichzeitig ist sie matt. Sie hat Angst, nachher den Heimweg nicht mehr zu packen. Oder jetzt gleich am Tisch zusammenzusacken.
Als Leute sie so komisch anschauen, sich zu ihr hinunterbeugen und dumme Worte sagen, die Hermine natürlich sehr ernst nimmt, da wird ihr noch schlechter. Jetzt kann sie jeden Moment ohnmächtig werden. O Hilfe ...und da befiehlt ihr Lisa noch, mit den anderen Kindern herumzutoben! Als ob sie das könnte! Es fällt ihr ja schon schwer, sich hier noch aufrecht auf der Bank zu halten und zu tun, als ob alles mit ihr in Ordnung wäre.

Weil es ihr eigentlich schon seit langer Zeit so oft schlecht wird, kann sie sich nur eines vorstellen: dass es den übrigen Kindern vielleicht auch nicht besser geht. Weil man immer von sich auf andere schließt. Und weil sie mit Lisa darüber gesprochen hat. Die hat gesagt, es wäre schon so, ALLEN Leuten ginge es SCHLECHT. Genau so schlecht wie ihr. Nur dächten die anderen nicht ständig daran und ließen sich nicht so hängen.

Hermine sieht aber Werner. Wie seine Augen glänzen, als er mit den übrigen Buben zwischen den Bäumen entlang jagt. Sie spielen Räuber und Gendarmen.
Und sie sieht Agnes und Elke, zwei vom Herumtoben ganz rotbackig gewordene Mädchen aus ihrer Volksschulklasse. Manchmal kommen sie an den Tisch gelaufen, lassen sich zärtlich von ihrer Mutter eine Haarschleife fester binden, oder das Sonntagskleid wieder in Form zupfen und rennen dann mit ihren Freundinnen von neuem los. Man hört ihr Lachen noch aus der Ferne
.
Hermine sitzt da. Schafft es einfach nicht, mit zu rennen. Kann nicht recht glauben, dass die anderen sich auch ... krank fühlen sollen. Aber am Ende weiß sie, – und Lisa hat es ja auch gesagt – ‚die sind einfach tapferer, können sich besser zusammennehmen. Die sind eben nicht so wehleidig wie ich!‘

Da kommt Monika zu ihrem Tisch, eine junge Schwarzhaarige, die im Krieg als Pflichtjahr-Mädel bei Lisa im Haushalt geholfen hat. Alle sagen von ihr, sie sehe aus wie Schneewittchen. Monis Schönheit wird auch jetzt, wo man sie nur noch selten in der Familie zu sehen kriegt, noch oft von der Stiefmutter in höchsten Tönen gerühmt.
Monika - vor ihrem forschen Wesen, den hart strahlenden Augen, der überlauten, blechernen Stimme hat Hermine Horror - geht der Frau immer aus dem Weg, wenn sie sie einmal beim Kaufmann trifft .... Aber jetzt kann sie nicht davonlaufen.
Schneewittchen-Monika stößt sie unsanft in die Rippen:
"Na, was ist los? Lach doch mal", ruft sie fröhlich, "was machst du wieder für ein Gesicht. Glaubst du, das gefällt deiner Mutter ... immer diese ... Leichenbittermiene. Heh, heh, wird jetzt bald mal gelacht!"

Da stürzen Hermine die Tränen aus den Augen. Damit man es nicht sehen soll, tut sie, als ob ihr Taschentuch auf den Boden gefallen wäre, bückt sich und verbirgt das Heulen unter dem Tisch. In solchen Augenblicken glaubt sie, dass sie das hier alles bald nicht mehr aushalten kann.

*



19
Ein bisschen Familiengeschichte

MICHAEL KERN und MARGARETE. OMA und OPA

Hermine ist jetzt neun Jahre alt. Ihr Opa, Papas Vater, ist Grubenelektriker. "Das ist ja keiner von den ganz harten Bergmannsberufen", hat Tante Friedchen mal gesagt, "obwohl auch er ‚unter Tag‘ in die Stollen hinein muss - aber nur, um elektrische Kabel zu verlegen." Seine Arbeit ist nicht ganz so schwer, wie die der Hauer, das sagt er selbst, weil die ja mit Spitzhacken die Kohle aus den Steinwänden herausschlagen. Dabei kriechen sie oft auf dem Bauch, denn manche Gänge sind sehr niedrig.

Dass der Opa jeden Tag in die Grube fährt - hunderte Meter unter die Erde - wo es immer dunkel ist und schwarz - ein schrecklicher Gedanke für Hermine.

Der Opa ist alt. Achtundfünfzig. Und kommt jetzt bald in Rente. Er ist ein dünner, recht kleiner Mann mit abgemagertem Gesicht und spitzer Nase. Aber seine dunklen Augen sind ganz groß, dunkel und schön. Hermine wüsste nicht, was sie mit ihm sprechen sollte. Er mag sie ohnehin nicht. Ein Opa, der bei Familienfeiern über sie hinweg leise Lisa oder Oss ärgerlich fragt, was denn ‘mit dem da’ los sei, ‘es’ sehe SCHLECHT aus. Naja ... das, was alle anderen eben auch sagen. Und jedesmal immer wieder tut es Hermine innen weh und es wird ihr ganz elend.

"Der Opa Michel ist ein lieber Mann", heißt es. Von der Oma Margaret behaupten alle das Gegenteil. "Sie ist eine böse Frau!" Lisa zum Beispiel mag die Oma gar nicht. Aber den Opa hat sie gern. Lisa, die sehr heikel ist, was ihre Zuneigungen betrifft. Ihn habe sie von Anfang an gemocht, sagt Lisa.
Die Sympathie ist beiderseitig. Diese Schwiegertochter ist für Michel Kern etwas Besonderes. Wie Oskar, sein Sohn, so verehrt auch er die Frau aus Bayern, die klug ist und es sogar bis zur Lehrerin gebracht hat.
"Die ist viel zu fein für Marienstock und hätte vielleicht etwas besseres verdient", sagt Opa ärgerlich, als seine Frau, die Margaret, immer öfter über die ‘unfähige’ Lisa und ‘die Zustände dort drüben’ herzieht.

Vom kleinen Maxl ist der Opa ganz begeistert.
Er und sein Enkelsohn sind nämlich unzertrennlich, seit der Kleine laufen kann.
Als der kranke, alte Mann nachher in Rente ist, nimmt er den dreieinhalbjährigen Maxl überall hin mit. Zum Spaziergang über den Hahnenkopf. Oder ins ‘Stück’ zu seiner Obstanlage, den Bienenstöcken, dem Salamanderteich. Im Herbst durchstreifen die beiden halbe Tage lang den Saufang und suchen zusammen Pilze. Und jeden Sonntagmorgen nach der Messe marschieren sie miteinander in die Märzbacher ‘Kaffeeküch’, wo Michel sich mit seinen alten Kumpeln aus der Grubenzeit zum Frühschoppen trifft.
"Ein solches Kind kann man lange suchen", sagen seine Freunde beim Bier, "so kräftig für sein Alter, gutmütig und doch ‘gewieft’. Ein schöner Bub!"
"Und er hat schon einen richtig prächtigen Bayernschädel!"
Auch sein Name ist in dieser Gegend Deutschlands ungewöhnlich: Maxl! ... Das gefällt den Männern.
Also, der Kleine ist Opas Schatten, sein Echo. Mehr noch ... er ist unmerklich zum Lebensinhalt des alten Mannes geworden.

Es ist wahr, Maxl ist ein perfekter Nachkomme. Sicher das erste Enkelkind, mit dem der Opa ganz und gar zufrieden sein kann.
Nicht, dass Hermine eifersüchtig wäre ... so lieb hat sie den Großvater nun auch wieder nicht. So lieb hat sie ihn nicht. Sie staunt aber, als sie Geschichten über ihn hört:
Früher muss er stark gewesen sein, der Kern Michel. Weil er zwei Doppelzentner Weizenmehl - oder war es doch nur einer? - von Brückenstadt über die Landstraße bis nach Marienstock geschleppt hat. Immerhin fast zwanzig Kilometer weit! Das erzählen sie bei Opas Leichenims, als er dann eines Tages tot umgefallen ist. Da erinnern sie sich an die alten Zeiten, die alten Freunde. Es ist kurz nach dem ersten Weltkrieg gewesen, wo es rein gar nichts zu essen gab... Da war ein Zentner Mehl Gold wert, sagt einer. Die Wette hatte so gelautet, dass er das Mehl behalten durfte, wenn er es aus eigener Kraft heim schaffen konnte. Er hatte die Last auf dem Rücken bis in die Grubenstraße geschleppt, es war Sommer gewesen und heiß ... zuletzt hatte er den Sack die Treppe hinauf gezerrt und stolz seiner Margaret in der Küche vor die Füße gewuchtet. Die hatte gestaunt. Dann gelacht und den Kopf geschüttelt: "Du Narr!"

"Margaret ist nun einmal eine, die für Lobhudelei Zeit ihres Lebens nichts übrig hatte. Und Zeit SEINES Lebens versuchte Michel, bei ihr Eindruck zu schinden", erzählt Tante Friedchen. Friedchen ist Margarets Schwester.
An Michels stürmische Liebe erinnert sich Friedchen noch. Und was er sich alles hat einfallen lassen, um endlich die Margaret zu bekommen. Obwohl der alte Lutz Künze, Margarets Vater, ihn als Schwiegersohn absolut nicht hatte haben wollen, ihn, einen hergelaufenen ... Grubenarbeiter.
Mit einer gemieteten Pferdekutsche entführte Michel die Margaret bis nach Trier und dort im Dom vor dem Altar und vor einem Benediktiner-Mönchlein - oder wer immer der Kuttenträger war, den er da aufgetrieben hatte - hat sie schwören müssen, seine Frau zu werden. Wonach die beiden tagelang nicht zurückgekommen seien, sagt Friedchen. Da hatte dann Lutz Künze doch lieber "ja" und "amen" gesagt zu seinem Möchtegern-Schwiegersohn, denn es war ihm ja klar, dass die zwei da in Trier in der Pension nicht nur Händchen gehalten hatten.

‚Der Spatz in der Hand ist besser als ...‘, hatte der an Kummer gewöhnte Vater wohl gedacht ... und es wurde ohnehin höchste Zeit, dass man das überzwerche Töchterchen unter die Haube brachte, zumal das wilde Ding nicht zum erstenmal über die Stränge geschlagen hatte und erst einige Monate vorher mit einem zwielichtigen Individuum, einem Jugoslawen, hatte durchbrennen wollen, der bei irgend einem vorbeiziehenden Zirkus auf dem Trapez herumturnte ... Na ja, den Koffer hatte sie schon gepackt gehabt.
Da hatte Lutz Künze die flennende, lauthals protestierende halbwüchsige Tochter einfach daheim eingesperrt, bis das fahrende ‚Gesindel‘ abgezogen war.
So war es wohl das Beste jetzt für die Siebzehnjährige, wenn sie schnell verheiratet wurde. Wer weiß, in was für windige Geschichten sich das Mädel sonst noch einlassen würde.
Michael Kern war überglücklich. Er hatte immer nur sie haben wollen.
Es ist dieselbe Margret, mit der sich fünfunddreißig Jahre später so auseinandergelebt hat, dass sie kaum mehr ein Wort wechseln. Nicht, dass er ihr gram wäre ... man hat sich nur nichts mehr zu sagen.

Bis zu seinem Tod ist der Opa Mitglied im Skat-, Gesangs-, Bienen- Hunde-, Brieftauben- und Kaninchenzüchterverein. Auf Bürgerversammlungen im Vereinshaus fehlt er auch nicht. Was er sagt, hat Hand und Fuß. Er redet kein Wort zuviel, raucht Pfeife, trinkt ein, allerhöchstens zwei Glas Bier. Früher hat er eine ganze Menge mehr vertragen.


"Der Opa war ein sehr guter Mensch", sagt Lisa später, und sie spricht lange Zeit fast jeden Tag von ihm, als er dann gestorben ist.
Bis der schreckliche Vorfall mit dem Maxl passiert.
"Der Kern-Michel hat das Kind nachgezogen", munkeln sie im Dorf. "Das ist ja zu erwarten gewesen. Der Bub war sein Augapfel. Jetzt hat er ihn zu sich geholt." Aber das ist eine andere Geschichte.
*

Michaels und Margaretes Kinder sind lebhafte, ziemlich ansehnliche Menschen. Es gibt außer Oskar und Peter noch zwei jüngere Söhne. Der eine, Fritz, kommt, nachdem er 1945 mit zwanzig Jahren aus französischer Kriegsgefangenschaft entlassen wird, bei der Bundespost in Brückenstadt unter. Erklimmt dort die Beamtenleiter Sprosse um Sprosse. Bis er im Rang eines Oberpostrates inmitten einer Schar wohlgeratener Nachkommen seine ruhige und erfolgreiche Beamtenkarriere dann beenden und seine Pension genießen wird.

Der jüngste, Wilfried, der Willi, ist zu Ende des zweiten Weltkrieges noch in den Krieg geschickt worden, hat einen -Gott sei Dank- ziemlich glimpflichen, aber blutigen Kopfschuss abbekommen, der ihn ein Stückchen Schädelknochen und das halbe rechte Ohr kostete, dem Achtzehnjährigen aber auch seine Entlassung in die Heimat einbrachte. Eine Verletzung, die ihn vor weiterem Militärdienst an der zusammenbrechenden Front bewahrte und vielleicht sein Leben rettete!
Er bekommt nach den Krieg eine Lehrstelle bei einem Zahntechniker. Dort wird er drei Jahre lang die Kunst des Gebisse-Machens lernen. Er wird im zweiten Bildungsweg das Abitur nachholen, studieren, Zahnarzt werden. Er wird Alina, seine Jugendliebe heiraten, sich im Lauf der Jahre immer schönere, immer kostbarere Häuser einrichten, Kinder bekommen und Enkel. Er wird reich werden und zumindest zufrieden, vielleicht sogar glücklich!

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RITA UND FERDINAND. DER DESSOUS-LADEN

Michael und Margarete haben also vier Söhne, aber auch eine Tochter: Rita. Eine Hübsche, die aber nichts vom Flirten hält. Rita schlank, solide, gediegen, stolz, ist eine Perle unter Marienstocks heiratsfähigen Mädchen. Südländisch dunkel sind die schönen, großen Augen, die sie vom Vater geerbt hat. Das üppige Haar ist lang, glatt, naturschwarz, eine Pracht, die sie aber Zeit ihres Lebens immer züchtig zum Knoten gesteckt und nie offen trägt. Rita ist in ihren jungen Jahren in der Mitte gertenschlank, aber prall an den richtigen Stellen. Ein 'schnuckeliges' Mädchen, sagen die Leute. Verführerisch wie Zilli ist sie nicht. Ihr fehlt irgendwie ... die gewisse ... Frivolität.

Kein Mann darf sich Rita leichtfertig und ungestraft nähern, dafür sorgen schon die Eltern, das ist klar. Und irgendwie hat auch keiner im Ort den Mut, ihr den Hof zu machen. Bis Ferdinand kommt. Es muss Liebe sein. Sie heiraten rasch. Er ist Musiker und spielt meisterhaft das Saxophon. Auch er wird natürlich eingezogen und in ein Musikkorps nach Ostpreußen! geschickt. Zuletzt aber muss auch er noch an die Front. Ins Bein geschossen, ergibt er sich den Amerikanern, die ihn auf einem zum Gefangenen-Transporter umfunktionierten Luxusliner über den großen Teich schicken, wo er mit Tausenden von deutschen Soldaten in einem riesigen Camp in Tennessee festgesetzt wird, bis der Krieg zu Ende ist und man sie alle übers Meer wieder nach Hause zurück speditiert.

Ferdinand ist ein ziemlich kurzgewachsener junger Mann, weder stark, noch schön, noch irgendwie gebildet. Sein größtes Talent ist, dass er nicht viel nachdenkt und in einer Art Urvertrauen in das Leben meistens instinktiv das Richtige tut.
Wird Rita ihn stets lieben? Sie wird ihm immer treu sein, während er hier und da auf fremden Wiesen nach neuem, grünem Gras Ausschau halten wird. Die beiden werden miteinander sehr alt werden.
Michel Kern hat für seine Tochter Rita im Erdgeschoss seines Hauses ein klitzekleines Lädchen eingerichtet. Das ist unmittelbar nach dem Krieg, als ihr Mann, Ferdinand, noch in Tennessee gefangen ist. Das Lädchen besteht aus nur einem Zimmer und liegt oben an der Hauptstraße, die über Wilhelmstal, Sulzhofen, Horbach nach Brückenstadt führt. Rita verkauft solide Wäsche für Männlein, Weiblein, Kind. Nachthemden, warme Unterhosen, Socken.

Wenn Kundschaft kommt, hört Rita das Glöckchen an ihrer Ladentür melodisch bimmeln. Dann unterbricht sie Kartoffelschälen oder Fensterputzen. Bindet sich ohne Hast die Schürze ab. Wäscht die Hände mit duftender Seife. Schreitet hinüber in ihr kleines Verkaufsreich. Von Kopf bis Fuß eine stolze Geschäftsfrau. Findet immer gleich den Artikel und die Größe, die die Kundin sucht. Sie zieht dann blitzschnell die richtige ihrer hundert Schublädchen auf, die alle vorne ein Sichtfenster aus durchsichtigem, rosa Bakelit haben. Stolz legt sie ihre Auswahl vor. Hört sich auch gern an, was ihr die Besucherinnen an Neuigkeiten und Dorfklatsch so alles zu bieten haben. Man kennt sich seit der Kindheit.

In den beiden kleinen Schaufenstern hat Rita an zwei Gipspuppen ihre handfesten Bellavita-Büstenhalter und Korsetts drapiert, letztere steife, robuste Apparaturen mit viel Gestäbchens zum Zusammenhalten der weiblichen Formen. In Hüfthöhe baumeln an breiten Gummibändern weiß emaillierte Metallklemmen, mit denen die Strümpfe festgemacht werden.
Auch solide Schlüpfer, Unterkleider, Nachthemden aus Charmeuse hält Rita bereit. Immer in den spektakulären Farben Mattrosé und ‘Bleu’, den beliebten Reizwäsche-Tönen jener Jahre.
Rita führt als erstes Geschäft in der ganzen Umgebung jene supertollen, gerade aufgekommenen Nylon- und Perlonstrümpfe. Das sind die mit der dunklen Naht, die sich nie auf der Mitte der Wade hält, wo sie hingehört, sondern ständig nach den Seiten wegrutscht. Was besonders Frauen mit dünnen und nicht ganz geraden Beinen sehr zu schaffen macht, weil diese eleganten Gebilde sie wegen der Unstetigkeit der Nähte zu ständigem Zurechtzurren und -zupfen zwingen. Das wirkt zumindest in der Öffentlichkeit ein wenig komisch

Auch als Ferdinand nachher wieder aus USA zurück ist, wohnen sie in den zwei winzigen, niedlichen Puppenstubenzimmern gleich hinter dem Laden. Ritas Natur entsprechend hält sie alles so sauber, dass man vom Boden essen könnte. Ferd, übrigens ein Marienstocker Bub, wird im zarten Alter von neunzehn nach ein paar grässlichen Wochen Kampfeinsatz in Omaha Beach in der Normandie und seinem unfreiwilligen Aufenthalt in Amerika ( der ein Highlight bleiben wird für den Rest seines Lebens ) nicht mehr viel in der Welt herumkommen. Als Erinnerung an aufregende Zeiten trägt er für immer eine Kugel im Knie, die ihn aber nur unwesentlich behindert. Nach seiner Heimkehr fährt er als Handelsvertreter für Bett-, Bad- und Tischwäsche über Land. Auf einem alten Motorrad mit Beiwagen knattert er durch die Gegend. Ritas leutseliger, immer gutgelaunter Mann entpuppt sich als geborenes Verkaufsgenie. Ist auf Kundenbesuch von früh morgens bis spät in die Nacht. Bald kann er sich einen nagelneuen, taubenblauen VW-Käfer leisten. Da haben er und Rita es auf dem Weg nach oben schon halbwegs geschafft.

Etwas später, als die Leute dann beginnen, Autos zu besitzen und die Straße nach Brückenstadt immer mehr frequentiert wird, halten auch Kunden von außerhalb des Ortes bei Rita an. Da werden ihre Dessous von Monat zu Monat pariserischer. Es liegt jetzt schon durchsichtiges Schwarzes oder blendend Weißes aus Perlon- und Nylonspitze in der Auslage. Auch hauchdünne, knallrote, freche Frivolitäten mit französischem Flair. Rita - die Kunst des Dekorierens traut sie sich nicht zu - lässt einen Fachmann kommen, der ihr die zwei Schaufenster jeden Monat einmal kunstvoll herrichtet. Und .... sie stellt ein Lehrmädchen ein.

*



HERMINES URGROßVATER LUDWIG KÜNZE und die URGROßMUTTER ELISE (die VERRÜCKTE)

In Marienstock gilt die ganze Sippe der Kerns als wohlhabend. Denn die meisten Leute hier besitzen kaum etwas, jetzt so kurz nach dem verlorenen Krieg. Und im Land der Blinden ... man weiß schon. Vor allem Oskar und Peter, müssen ja reich sein! Haben sie doch Firmen, Fabriken, Angestellte, Autos ... und Zilli sogar neuerdings ein
DIENSTMÄDCHEN. An Selbstbewusstsein mangelt es ohnehin keinem der Kern-Männer. Eine große Meinung von sich haben sie allemal. Und ihr Auftreten ist niemals bescheiden. Menschen zu überzeugen, sich gewogen zu machen, das ist eine besondere Gabe, die ihnen irgendwie zu eigen ist.

Hermines Urgroßvater, Oma Margaretes Vater, der Ludwig Künze, genannt Künze Lutz, im Familienkreis auch als der ‘ betuchte, alte Geizhals’ bekannt, hatte eine Sattlerei besessen und ist anscheinend wirklich ein wohlhabender Mann gewesen. Es hieß damals, der Lutz habe sich endgültig saniert, als er die reiche Bauerntochter Elise aus Alvansberg ehelichte. Elise hat ihm acht Kinder geboren, unter ihnen auch Margarete und das kluge Friedchen, die Tante, von der ja schon oft die Rede war.
Ludwig Künze hat gegen Ende seines Lebens eine Reihe von Häusern besessen und ein unendlich großes Stück Land. Obstbaum-, Wiesen-, Ackerland. Drei Teiche gehörten dazu, sowie die Quelle und ein Stück vom Oberlauf eines klaren, romantischen Bächleins. All das wird noch im Jahr 2000 im Besitz der Familie sein. Der Familie aber im weitesten Sinne! Denn nun wird das Land nicht mehr einem Individuum gehören, sondern wird in hunderte unsichtbare Parzellen aufgeteilt sein, von deren Besitzern - alles Nachkommen des Ludwig und der Elise - sich anscheinend keiner mehr so recht für die Idylle begeistern wird. Durch diese im Lauf der Zeit zum Biotop gewordene malerische Naturpracht und allerüppigste Vegetation wird man sich fast eine Stunde lang wohlig hindurchkämpfen müssen, - am besten mit einer Machete bewaffnet - bevor man von sich von dem einen Ende des ‘Besitzes’ zum anderen durchgearbeitet haben wird.

Als Lutz Künze - seine Frau, die Großbauerntochter Elise hat er um Jahrzehnte überlebt - dann doch in die Ewigkeit eingeht - das muss so um 1890 - gewesen sein, da wird sein Reichtum auseinander dividiert und unter seine acht Kinder aufgeteilt. Margarete, die Zweitjüngste, erhält also ein ganzes Achtel des Reichtums, immer noch ein schönes Erbteil, das durch ihre Heirat mit Opa Michael der Kern-Sippe zufällt. Doch wird dieser stattliche Landbesitz später, wenn auch Margarete dann tot sein wird, wiederum unter ihre fünf Kinder aufgeteilt werden. Oskar, Peter, Rita, Fritz und Willi werden je ein Fünftel von diesem Achtel erhalten. Oskars schon ziemlich kleines Fünftel wird dann bei seinem Tod 1966 zur Hälfte an Lisa und der Rest an seine vier überlebenden Kinder verteilt werden. Viel hat da keiner mehr zu erwarten und Hermine, die sich zu der Zeit längst Minou nennen wird, wird gerade einmal fünfundzwanzigtausend DM abbekommen, was nicht wenig, aber auch nicht wahnsinnig viel sein wird im Jahr 1970, und noch weniger, wenn man es für Möbel, Einrichtungssachen und ein paar Reisen ausgibt. Dazu wird sie allerdings noch eine malerische, sattgrüne Wiese erben mit mannshohem Gras-und Distelbestand und zirka 150 bonsaiartigen, darin versteckten Mirabellenbäumchen. Aber das wird erst die Zukunft bringen. Noch erfreut sich Oma Margarete ziemlicher Vitalität.

Wir sind im Jahr 1948.

"Erzähl mir von Elise!" sagt die neunjährige Hermine zu Tante Rita. Weil sie einmal so ein komisches Gerede gehört hat. Weil ihr das nicht mehr aus dem Kopf geht.
"Da war doch was mit ihr."
"Ich weiß nichts," sagt Rita barsch. Barschheit ist sonst keine ihrer herausragenden Eigenschaften.
"Das ist ja jetzt schon sechzig Jahre her", wimmelt sie ab, "da war sogar meine Mutter ( die Margarete ) noch ein Schulmädchen und ich nicht einmal auf der Welt ... Also, warum fragst du MICH ? Woher soll ICH etwas über deine Urgroßmutter wissen ...?"
"Aber du weißt was!"
"Na ja, die ist halt früh gestorben!", sagt Tante Rita.
"Gestorben!? Wie??"
"An ihren Nerven eben!"
"An ihren NERVEN?"
Das versteht Herminchen ja nun gar nicht. Wie kann man an ‘den Nerven’ sterben? Das ist doch keine Krankheit. Eine Krankheit ist eine handfeste Sache, worunter sich jedes Kind etwas vorstellen kann. Typhus, Lungenschwindsucht oder Silikose. Das sind ‘normale’ Gebrechen. Und die daran sterben, sterben ohne Makel. Aber dass man an den ‘Nerven’ stirbt??
Und da hat Hermine noch etwas ganz anderes gehört. Als nämlich Hiehles Martha, eine alte Nachbarin, sich einmal mit Lisa unterhielt, da hatte sie gesagt, dass die Elise sich in Wirklichkeit hätte umbringen wollen, sui-cid-gefährdet sei sie gewesen Zeit ihres Lebens und sie selbst, Martha, hätte mit eigenen Augen gesehen, wie sie um ein Haar vom Dach gesprungen wäre. Und unten hätten ihre Kinder gestanden und jämmerlich geschrien.

"Tante Rita, erzähl mir wie das war mit ... ihr", bohrt Hermine.

"Na ja, das ist passiert, nachdem sie ihr letztes Kind bekommen hat", sagt Rita. "Also die Elise, die war da noch schwach. Lag im Bett und konnte nicht mit zur Taufe gehen. Die Taufe und das Fest-Ims im Wirtshaus in Wilhelmstal dauerten aber bis in die späte Nacht. Viel länger als man vorher geplant hatte. Weil sich alle so wohl fühlten, verstehst du, da wollte keiner heimgehen. Und dann haben sie das Kind irgendwie bei Nachbarn vergessen. Erst am Morgen brachten sie es zu Elise zurück. Da war aber die Stillzeit längst übergangen. Der Elise war die Milch sauer geworden und in den Kopf gestiegen. Als man ihr das kleine Mädchen gab, kam kein Tropfen mehr aus ihrer Brust, denn die Muttermilch war ihr ja wie gesagt, in den Kopf geschossen! Und sie war plötzlich ganz neben der Spur. Da ist sie weggekommen. So war das ..."
"Weggekommen, wohin?"
"Was weiß denn ich. In ein Krankenhaus wahrscheinlich!"
"Dort ist sie dann gestorben?"
"Nein, nein, natürlich nicht ... gestorben ist sie Jahre später in Klingenmünster."
"An was?"
"An ihren Nerven halt ... Das hab ich dir doch schon gesagt, frag doch nicht immer so viel."


*


* Klingenmünster war zur damaligen Zeit Landes-Nervenheilanstalt.



*



Was bisher geschah:
Hermine ( Minou ) wird 1939 geboren. Sie ist zirka ein Jahr alt, da stirbt ihre Mutter bei der Geburt des Bruders Werner. Vater ist Soldat im Krieg. Nach mehreren Versuchen mit ‚Haushälterinnen‘ wird das Kind zu Anna, einer Tante, gebracht. Dann heiratet Papa wieder.

Lisa, die neue Mutter, holt die jetzt viereinhalbjährige Hermine und Werner zu sich. Papa - ständig an der Front - ist für die Kleinen ein Fremder, an den sie sich kaum erinnern. Einen Teil des Krieges verbringen die Kinder und Lisa in Evakuierung auf einem Gutshof in Bayern. Dort bringt Lisa auch ein neues (Stief)Brüderchen zur Welt, den Maxl. Nach Kriegsende kehrt die kleine Familie ohne den Vater ( er ist in Gefangenschaft ) wieder nach Marienstock zurück. Die Kinder sind problematisch: Werner nässt das Bett, Hermine ist immer traurig und wird oft ohnmächtig. Papa kommt eines Tages als Spätheimkehrer nach Hause und betreibt bald eine Bohnerwachsfabrik, die ‚Xanutta‘

*




20
WIE BEI HEMPELS UNTERM SOFA

Seit dem Tag ihrer Ankunft in Marienstock, als Hermine bei Lisa in der Küche rote Grütze isst, ändert sich dort nicht mehr viel. Nur scheint der Raum zu schrumpfen, wie die Jahre so vergehen. Es wird immer enger. Die Wohnung wird auch düsterer im Lauf der Zeit. Das kommt nicht nur von dem Kirschbaum, der vor den zwei Fenstern schnell hoch wächst und das Tageslicht nimmt.

Das Leben der Familie spielt sich fast immer in dieser Küche ab. Auf dem Linoleum-Boden krabbeln, brüllen, juchzen, krakeelen, je nach Minutenlaune, die kleinen Geschwister. Ab 1945 ist es Maxl, das Kriegskind. Dann 1951 Tanja. 1952 kommt noch Kläuschen in seinem Laufstall dazu. Da ist der Maxl aber schon nicht mehr unter ihnen.

Jedes Möbelstück, jedes Kochutensil ist uralt. Klar sind all die Sachen nützlich, ja lebensnotwendig, die hier herumliegen, herumstehen, an den Wänden hängen, aber schön sind sie nicht. Das, was man weniger häufig braucht, wird von einer Richtung in die andere gefeuert, oft einfach in Kisten oder Schachteln geräumt und vorläufig in die Ecken gestellt.
Wo klebrige, grabschige Babyhände ewig überall dazwischen fahren, kann Lisa auch nicht mehr so gut Ordnung halten wie früher.

In der Mitte der Küche steht der klobige, rechteckige Tisch aus vergilbtem Schleiflack, die quadrigen Beine von Trittspuren zerstoßen. Oben eine ziemlich lädierte, korkartige Platte: blau-beige gesprenkeltes Balatum oder wie das Zeug heißt. Darüber liegt schon lang kein persilweißes Tafellinnen mehr.

Irgendwann hat nämlich Lisa eine dieser abwaschbaren Decken aus Wachstuch gekauft. Wie hässlich die auch immer aussehen, praktisch sind sie. Von da an gibt es dann an jedem Ostermorgen so ein neues, ladenfrisches Teil. Im letzten Jahr leuchtete die Tischdecke in einem ebenso wilden wie grauseligen, rein geometrischen Wirrmuster und setzte der Küche ein neues, modernes Glanzlicht auf. Seit einer Weile ist jetzt wieder ein mehr konventionelles Design aus weiß-rot-grünen, ziemlich kaputt aussehenden Blümelein an der Reihe.

"Ja, das IST geschmacklos", hatte Lisa zu Monika gesagt, ihrer Schwester, die eines Tages aus München, aus ihrer viel edleren häuslichen Umgebung zu Besuch gekommen war. "Es existieren einfach keine ästhetischen Kunststoffdecken ... die lassen sich NICHTS einfallen, die Herren Hersteller. Das ist genau wie mit den Kittelschürzen. Manchmal glaub ich, die sind farbenblind, sonst würden sie solche dämlichen Muster gar nicht erst entwerfen."

Das aparte Wachstuch mit den zum Heulen schönen Blumen wird wieder zwölf Monate lang den Tisch zieren und dann so abgewetzt sein, dass die helle Rückenbeschichtung überall durchbricht. Doch keine Angst ... danach wird ein neues, ähnlich aufregendes Exemplar das alte ersetzen.

Den Küchentisch benutzt Stiefmütterchen zum Fleisch-durch-den-Wolf-Drehen, Bügeln, Kartoffelschnipseln, Kuchenteig-Rollen, Hühnchen- und Hering-Ausnehmen. Hermine, sowie Werner erledigen auf der Wachstuchdecke ihren Schulkram und der Papa seine Buchführung. Ja, dieser Tisch ist das Zentrum der familiären Aktivitäten. Zwar ist nachmittags die Hälfte der Fläche für die beiden Kinder zum Hausaufgabenmachen reserviert, aber es passiert schon einmal, dass das Schönschreibheft einen Schwall Leberknödelteig abbekommt. Oder das Erdkundebuch klebt plötzlich in der Margarine. Was soll's? ... Auch wird der Tisch nie ganz leer geräumt. Nicht einmal zum Essen. Irgendein Rest Krempel liegt immer herum, wird einfach an die Ränder geschoben. Hauptsache, die pflegeleichte Decke ist stets frisch abgewaschen.

In die Ecke zwischen Tür und Schleiflack-Buffet eingeklemmt, steht das geblümte Uralt-Sofa, die Chaiselongue, worauf der Papa jeden Mittag nach dem Essen eine halbe Stunde lang sein Nickerchen hält, bevor er, erfrischt und gutgelaunt, wieder in die Fabrik oder zu einem Kunden enteilt.

Bleibt für Lisa eine Küche voller Kinder, Geschrei, Kochkram. Zuviel Zeug, zu wenig Platz. Alles Kraut und Rüben durcheinander. Es riecht nach vollgemachten Windeln, Kohl, angebrannter Milch - Die Milch läuft jeden Tag über, das ist das reinste Ritual!
"O je schon wieder!", schreit Lisa dann hektisch, während sie zum Herd sprintet. Und immer zu spät!

Im großen, rechteckigen, weißen Spülstein aus abgestoßenem Porzellan stapelt sich oft das Geschirr einen halben Meter hoch. Wenn man Durst hat, muss man erst den Wasserhahn freilegen, so sehr türmen sich schon am Nachmittag Pötte, Tassen, Teller. Denn jeder nimmt sich ein frisches Teil aus dem Schrank und stellt es benutzt ins Becken.

Nach zehn Uhr abends ist die Küche wieder in tadellosem Zustand, denn die Stiefmutter geht nie schlafen, bevor sie nicht abgespült, alles Aufräumbare gut hinter Schranktüren verstaut, das dann noch Herumstehende ordentlich zusammengeschoben, die Möbel abgewaschen, den gelbgrün gesprenkelten Linoleumboden geschrubbt und blitzblank gebohnert hat.

Morgens um neun sieht es schon wieder aus, als habe die Frau nie einen Finger gerührt.
"Keiner von euch hat auch nur einen Jota Ordnungssinn", jammert Lisa. "Wie oft soll ich es denn noch sagen?" Diese Mahnung geht an die Adresse von Papa, wenn er denn einmal da ist, genau so wie an die der beiden größeren Kinder, die ebenfalls nie ihr Zeug aufräumen. Ja, Lisa ermahnt fortwährend mit verzweifelter Intensität. Sie beschwert sich Tag für Tag, stündlich eigentlich. Sie hört nimmer auf, über diese Familie zu stöhnen und zu wehklagen. Nur ... es ändert sich nichts.

Alle paar Jahre wieder, wenn die Decke der Küche vom Ofenruß schwarz ist, wird der Maler bestellt: Herr Schuchard. Er ist groß, hat das schönste, schwarzlockigste Haar, das man in Marienstock je gesehen hat und ein Gesicht wie Gregory Peck.
"Ein stattlicher Mensch, der bestimmt vielen Frauen gefallen könnte", sagt Tante Friedchen von ihrer hohen Warte aus. Und wenn sie es sagt ...
Auch hat es nie einen besseren Anstreicher gegeben. Da sind sich alle einig im Ort. Obwohl er ja eigentlich ein Versehrter ist, ein Behinderter. Er ist ... taubstumm.

Ihm fällt es aber nicht ein, seine Kunden mit dem wirren Finger- und Handgefuchtel der Gebärdensprache zu irritieren, die man ihm auf der Gehörlosenschule beigebracht hat. Mit so etwas würde er in Marienstock keinen Blumentopf gewinnen. Auch stößt er, um sich verständlich zu machen, nicht diese peinlichen Brabbellaute aus, mit denen Leute wie er sonst ihre Umwelt erschrecken.

"Der Mann ist klug und weiß, wie er sich verhalten muss", sagt Tante Friedchen, "es ist nämlich nicht die Behinderung an sich, die jemanden zum Außenseiter macht, sondern sein daraus resultierendes unnormales, auffälliges Benehmen. Davon ist bei ihm ja, gottlob, nichts zu spüren. Im Gegenteil, sein Schweigen macht ihn eher ... interessant."
"Man merkt ihm kaum etwas an!", sagt auch Tante Zilli.
Ja, der Herr Schuchard ist wirklich einer, den man 'gut haben' kann.
Tatsächlich liest der Mann den Leuten die Worte von den Lippen ab. Versteht sofort. Nickt oder schüttelt lächelnd den Kopf. Je nachdem. Er schreibt in Stichworten, aber sehr bestimmt und verständlich, auf einen Zettel, was es mit den Kunden klarzustellen gilt, bevor er seinen Auftrag ausführt.

Herr Schuchard ist erst kurz vor Kriegsende nach Marienstock zugezogen. Und er ist nicht allein. Seine Frau Martha näht in ihrer guten Stube schicke Sachen oder ändert für die Nachbarinnen Kleider um. Martha duftet nach Tosca. Zirka dreißig ist sie, zierlich, schlank, mit feinem, dauerwellgekräuseltem, aschblondem Haar.
"Eher hübsch als hässlich", sagen sie im Ort. Man weiß, das Paar hat sich auf der Gehörlosenschule kennengelernt. Denn die Frau ist ebenfalls taubstumm.
"Auch sind die beiden im Krieg sterilisiert worden, habe ich gehört", sagte einmal jemand, "denn ... Kinder sollten solche Leute doch besser nicht bekommen, oder ... ?"

Martha passiert es leider häufig, wenn sie bei Kundinnen Maß nimmt oder ihnen Nähmodelle im Burda-Heft vorlegt, dass ihr seltsame Laute aus der Kehle fahren. Weil sie den Kopf voller guter Gedanken und Mode-Ideen hat, die sie gern den Frauen vermitteln möchte. Ach, die Arme ... natürlich versteht man sie nicht! Zu allem Elend hat sie auch keine Ahnung, wie misstönend ihr Gebrabbel in den Ohren von Leuten klingt, für die es ungewohnt ist. Fast wie Tierlaute ... Da bekommt manche Marienstockerin zuerst einmal einen Schrecken, spürt dann sogar Widerwillen.
Also, die junge Frau Schuchard kann sich noch so nett und adrett herrichten, kann noch so schöne Kleider zur vollen Zufriedenheit der Kundinnen nähen, sie bleibt im Ort eine Fremde. Das muss sie bemerkt haben. Selten geht sie aus dem Haus. Einkäufe macht immer ihr Mann.

Und außerdem soll der sie ja betrügen ... seit langem schon. Er halte sich eine blutjunge Geliebte in Sulzhofen, so geht das Gerücht. Auch dieses Mädchen eine Taubstumme! Von ihr soll er sogar ein Kind haben.

Herr Schuchard kommt also zu Lisa, um die Küche zu TÜNCHEN. Und die Schlafzimmer gleich mit. Tünchen ist billiger, als Tapeten kaufen.
Lisa hat sich schon herausgesucht, wie sie es haben will.
Herr Schuchard macht erst einmal eine Probe. Er trägt mit dem Farbroller weißen Binder auf eine Stelle der Wand. Danach nimmt er seine Rollen aus hartem Gummi ( oder ist es Holz? ) hervor, in die rundum Muster eingekerbt sind. Er hat zirka fünf, sechs solche Rollen mitgebracht, jede mit einem anderen niedlichen Motiv, als da sind Pünktchen, Kreis-chen, Quadrätchen, Blättchen, Puschenblümchen ... alle Müsterchen klein, klein. Fein und SEHR dezent.
Lisa wählt als Farbe, die vom weißen Binder abstechen soll, ein Grün und als Motiv verstreute, winzige Spiralen, die aussehen wie Stäbchen-Bakterien im Biologiebuch. Mit anderen Worten: das wird bestimmt eine hochinteressante Wandbeschmückung.

Das dünne, grüne Müsterchen, das sich dann in der Probe auf dem weißen Untergrund zeigt, ist einfach ... fad. Sagt Hermine.
"Blöd", sagt sie und verzieht das Gesicht wie bei Zahnweh.
"Wieso?", fragt Lisa genervt.
"Och, das sieht doch total bescheuert aus!"

Der Herr Schuchard lächelt Lisa an.
"Und, wie wollen sie es nun haben?", drängen seine Augen, ohne, dass er einen Ton zu sagen braucht.

"Mama, lass es uns machen wie bei der Tante Zilli!"
Bei der Tante Zilli im ersten Stock hat Herr Schuchard nämlich jede Wandseite in einem anderen Ton gestrichen, alles in leuchtenden, kräftigen Farben, und er hat überhaupt kein 'Müsterchen' darübergetüncht.
"O, Mama ... hast du das schon gesehen? Das ist TOLL."
"Toll??? Merkst du denn nicht, dass es einfach nur ‚billig‘ wirkt. Vier Farben in einem Zimmer!! Sowas ist vielleicht für zwei, drei Tage ganz lustig, aber auf Dauer ... ? Da wird man ja verrückt. So kann halt keiner wohnen! Hirnverbrannt ist das! Man muss auf dem Teppich bleiben."
"Och, bitte, bitte!" bettelt Hermine.
"Nein", ruft Lisa, "so wie ich es dem Herrn Schuchard angeschafft habe, so wird es gemacht. Und basta!!"
Damit ist die Sache erledigt.

*



21
REDEN VERLETZEN

"Wie DAS wieder auf seinem Essen herum kaut. Als hätte es Nägel zwischen den Zähnen."
Oskar Kern beobachtet traurig seine Tochter. Für den Vater scheint die pure Existenz des kümmerlichen Wesens ein ständiger Vorwurf zu sein. Hat er denn versagt und alles falsch gemacht? Er fühlt sich hilflos und ist sich doch keiner Schuld bewusst.
"Was ist eigentlich mit DEM los ?" Er blickt hilfeheischend zu seiner Frau.

"Guckt euch 'das da' an", ruft er am nächsten Tag bedrückt: "Grasgrün ist es im Gesicht ... das hat bestimmt die Schwindsucht im höchsten Grad. Früher oder später landet es sowieso auf dem Tannenberg. (Der Tannenberg ist ein Lungensanatorium bei Brückenstadt).
"Gestern war es grün, heut ist es gelb wie eine Quitte", stellt er am nächsten Tag erstaunt fest. "Warum kann das nicht gesund aussehen wie andere Kinder auch! Man muss sich nur einmal die Else daneben stellen! Ein Unterschied wie Tag und Nacht! Verdammt nochmal!!"
Das kleine Chamäleon, anscheinend locker imstande, ständig seine kränklichen Farben zu wechseln, krümmt sich indes vor Übelkeit und Minderwertigkeitsgefühlen.

Am nächsten Tag dann setzt der Papa wieder eins drauf, schaut tief geknickt von seiner Zeitung hoch und auf das Minchen, meint resigniert, heute sei es ja noch 'elendiger' als sonst und dass er da eine Tochter habe, eine neunjährige, die doppelt so alt aussähe, wie seine Mutter. Mit 'seine Mutter' meint er natürlich Lisa, die inzwischen immerhin zweiunddreißig Jahre auf dem kräftigen Buckel hat und nun auch nicht mehr ganz wie der junge Frühling wirkt.
Der kindlichen Jammergestalt quellen aber bei diesem Vergleich heiße Tränen aus den Augen.

"Deine Mutter steht neben dir wie das blühende Leben", sagt Papa und du ... siehst aus wie der Tod auf Urlaub!" Diese und noch mehr ermunternde Worte hebt er sich meistens für den Morgen auf, wenn Hermine frisch und fröhlich zur Schule stiefeln soll.
Die fühlt sich genau so, wie sie aussieht, nämlich ... krank. Sie wäre am liebsten im Bett geblieben. Aber kneifen ist nicht erlaubt.

Es geschieht ihr immer wieder, dass sie schon beim Anziehen im Badezimmer ohnmächtig 'zusammenklappt'. Auch in der Kirche vor versammelter Gemeinde, wo man sie dann durch die gaffende Menge hinausträgt. Aber da kann sie nichts machen, nur nachher so tun, als ob es nie gewesen wäre.

Als sie den Vater einmal heulend anfleht, ihr wenigstens den Gang zur Messe zu ersparen, weil es ihr ja dort in letzter Zeit immer schlecht ... DA schlägt der mit der Faust auf den Tisch, dass das Kaffeegeschirr hochspringt. Dunkelrot wird er im Gesicht:
"Das wäre ja noch schöner, eine aus unserer Familie und am heiligen Sonntag die Messe schwänzen ... das ist ja noch nie da gewesen - nie - das wird es auch in Zukunft nicht geben, nicht mit MIR , nicht so lange ICH lebe, nicht so lange du deine Füße unter MEINEN Tisch streckst, denn wo kein Gott, da kein Gebot und wehe, wenn es dir je einfallen sollte, dich heimlich vor deiner Christenpflicht zu drücken, dann kannst du dich aber auf etwas gefasst machen, lass dir das gesagt sein!" und so weiter ...

Da wird dem Minchen noch übler, als ihm ohnehin schon ist.

*

Werner wird es nie übel. Aber in letzter Zeit nimmt er anderen Kindern unbeobachtet Sachen weg. Wenn sie es merken, weigert er sich, das Zeug zurückzugeben. Bis sie ihn verprügeln.
Zum Beispiel schnappt er sich einfach ein Fahrrad. Fährt damit los. Ohne den Besitzer vorher zu fragen.
In den Sommerferien geschieht es zum ersten Mal, dass er beim Kartenspielen im Garten die Pfennige im Jackpott blitzschnell an sich rafft und mit ihnen fortrennt. Natürlich kommt er nicht weit. Wird von den anderen Buben gejagt, gepackt und vertrimmt. Trotzdem ... er behauptet sich. Ist von morgens bis abends draußen. Immer mit Nachbarkindern unterwegs. Er unternimmt interessante Sachen. Hermine nicht.

*

Als der Opa Michel gestorben ist, holt die Margarete den Werner - er ist jetzt acht Jahre alt - wieder zu sich. Ein Glück, weil ja in der Wohnung der Kerns in der Grubenstraße von Anfang an zu wenig Platz für die Kinder gewesen ist. Und weil das Wernerchen als Baby schon bei der Oma Margarete gewohnt hat und sie schwer an ihm hängt. Jetzt wo auch Willi, ihr jüngster Sohn, verheiratet und ausgezogen und sie auf der Etage allein ist, steht ein helles, großes Zimmer bei ihr leer. Im Haus gibt es schon Dampfheizung. Es ist immer schön mollig dort, gerade so durchtemperiert und gleichmäßig warm in allen Räumen ... so zum Wohlfühlen. Das ist ein Riesenluxus, den erst wenige Familien in Marienstock genießen. Bei Lisa zum Beispiel kann man im Winter von angenehmer Wärme nur träumen.
Der kleine Bruder zieht denn auch mit Freuden dort aus. Aufgedreht, pfeifend, trägt er seine Habseligkeiten hoch zur Oma.

*




JETZT HAT ES AUCH NOCH DIE KINDERLÄHMUNG

Hermine schläft oben in der Dachkammer im ausgebauten Speicher. In ihrem und Werners früherem Schlafzimmer hat man jetzt den Maxl untergebracht.
Das ist die Zeit, wo Hermine besonders oft krank ist. Am Schlimmsten wird es in den Sommerferien. Oben in dem Zimmer mit den schrägen Wänden liegt sie also im Bett, liest Bücher, weint, liest, weint, starrt zwischendurch stundenlang vor sich hin oder döst, hat manchmal Hunger, dann nichts Richtiges zum Essen, meistens aber gar keinen Hunger.

Auch Schmerzen hat sie. Der ganze Körper tut weh, sämtliche Knochen ... etwas, was sie bisher nicht gekannt hat. Die Mandeln haben sie ihr bei einem Aufenthalt im Krankenhaus herausgeschnitten, ebenso irgendwelche Nasenpolypen und den Blinddarm. Auch war sie dort schon mehrmals 'zur Beobachtung.' Außer Kleinigkeiten wie Blutarmut und einem schwachen Herzen haben sie nichts gefunden. Jetzt hat sie ständig Bauchkrämpfe, Durchfälle und immer wieder Halsschmerzen. Am schlimmsten aber sind die Ohnmachtsanfälle. Sie weiß nie, wann sie kommen, obwohl sie sich meistens so übel fühlt, als ob es jeden Moment wieder losgehen könnte. Deswegen steht sie manchmal gar nicht gern aus dem Bett auf. Die Ohnmachtsanfälle werden Hermine viele Jahre lang quälen.

In jenem Hochsommer bricht im Land eine Kinderlähmungs-Epidemie aus. Mit immerhin einigen Todesfällen in Marienstock. Schwimmbäder, Kinos und alle öffentlichen Lokalitäten bleiben wochenlang geschlossen. In genau dieser Zeit hat Hermine schreckliche Schmerzen in den Gliedern und immer wieder Fieber. Wenn sie aufstehen will, kann sie kaum das Gleichgewicht halten und die zittrigen Beine gehorchen ihr nicht.
'Bald werde ich mich gar nicht mehr rühren können.' Panische Angst fährt in ihr kleines Hirn. Der Virus hat sie bestimmt schon befallen. Und tatsächlich ... am nächsten Tag als sie aufstehen will, o Entsetzen ... da geht es nicht mehr! Klar, jetzt hat es sie erwischt.

Werner läuft in der Nachbarschaft herum, grinst über beide Ohren: Meine komische Schwester hat jetzt auch noch die KINDERLÄHMUNG", verbreitet er wichtig.
Aber davon kann nicht die Rede sein. Das stellt Doktor Marks bei seinem Besuch in der Dachkammer eindeutig fest. Nein Polio hat das Mädchen nicht. Dennoch glaubt er ihr die Schmerzen. Rheuma vielleicht? Tatsächlich ... es geht dem jungen Wesen schlecht, es bietet ein Bild des Jammers. Doktor Marks ist ziemlich ratlos. Eine gravierende Krankheit kann er nicht feststellen. Eine Sommergrippe eher. Er verschreibt fiebersenkende Mittel, Vitamine ...

"Was das da schon wieder alles hat", ruft Lisa dem Papa zu, kaum dass er abends zur Tür hereinkommt, "jeden Tag bildet sich das eine neue Krankheit ein!"
Hermine hört die Stimme der Stiefmutter bis hinauf in ihre Kammer. Überlaut. O Gott, jetzt geht das Gezeter schon wieder los!
"Ich denke ja nicht daran, dem seine Faulheit auch noch zu unterstützen", hört sie die Stiefmutter losschrillen. "Wegen mir kann das im Bett bleiben, bis es schwarz wird."

*



WIE EIN DIEB IN DER NACHT

Auch wenn der Poliovirus im Sommer Herminchen noch einmal verschont hat, im Herbst und dann im Winter liegt es schon wieder krank auf der Nase. Das Fieber ist nicht wahnsinnig hoch. 38,4. Manchmal auch nur 37,8.
"Nicht der Rede wert", sagt Lisa, da kannst du gut und gern zum Essen aufstehen!" Aber das kann die Patientin nicht. Sie fühlt sich viel zu krank. Sie steigt gar nicht mehr herunter, um sich mit den anderen in der Küche an den Tisch zu setzen, wenn gegessen wird. Das Schlimmste ist das dauernde Schwindligsein und dass ihr dabei immer schlecht ist. So zum Brechen. So liegt sie viele Tage, manchmal zwei Wochen lang in ihrer Kammer herum.
Lisa schimpft ständig und Oskar sagt nichts. Sonst kümmert sich auch niemand.

Manchmal macht sich ein Gefühl in Hermines Magen bemerkbar, das sie zwingt, auf die Suche nach etwas Ess- und Trinkbarem zu gehen. Immer gegen Mitternacht, wenn im Haus die Geräusche des Tages aufgehört haben und sie sicher ist, dass alle schlafen, schafft sie sich die Treppen hinunter.

In Lisas penibel aufgeräumter Wohnküche hängt der süße Geruch von Bohnerwachs. Ein Hauch von Ofenwärme auch, oder eher die milde Erinnerung an Wärme, die am Tag dort war.
Im Schrank findet die Kleine Brot, Marmelade, Margarine, in Schüsseln noch einige kalte, gequellte Kartoffeln, sowie Salatblätter, die verwelkt in einer wässrigen Brühe schwimmen. Das vom Mittagessen Übriggebliebene. Lisa hat noch keinen Kühlschrank.

Der Karokaffee, der sonst in einer Kanne steht, ist nachts meistens alle. Da hängt sich das Kind im Bad mit dem Mund an die Wasserleitung. Es hat den ganzen Tag nichts getrunken. Das Bad grenzt nicht direkt ans Elternschlafzimmer, deshalb denkt Hermine, Lisa würde dieses Wasserrauschen nicht so leicht hören, als wenn sie in der Küche den Hahn aufgedreht hätte. Am liebsten würde sie sich Tee kochen, aber das geht nicht zu solch später Stunde. Wenn Lisa das Wassersieden, das Geschirrklappern hören würde, würde sie unweigerlich kommen und sie aus der Küche hinauswerfen, womöglich die Tür von da an jede Nacht zusperren. Denn die Stiefmutter hat ihr drastisch klargemacht:
"Nur der kriegt hier etwas zu essen, der sich ordentlich angezogen mit uns an den Tisch setzt. So wie es sich für einen normalen Menschen gehört!"

Hermine wickelt ein Stück Brot und vier gequellte Kartoffeln in einen mitgebrachten Schal, nimmt sich ein halbvolles Glas Mirabellenmarmelade, denn Gläser mit Marmelade hat Lisa ziemlich viele herumstehen. Sie hofft, dass sie das eine nicht gleich vermisst. Dann sucht sie nach dem Kranzkuchen. Heiß wird ihr vor schriller Angst, dass sie vielleicht keinen finden könnte. Denn nach Kranzkuchen lechzt sie geradezu, lechzt sie schon den ganzen Tag über. Und wirklich: da steht ein halber, säuberlich mit einem weißen Tuch zugedeckt im Backofen, also nicht dort, wo Lisa die anderen Lebensmittel aufbewahrt. Stiefmütterchen hat ihn nach hinten geschoben und einen leeren Tiegel davor gestellt, so denkt sie, kann man ihn nicht sehen. Hermine schneidet sich zwei dicke Schnitten ab, nicht mehr, damit die Stiefmutter später nicht merken soll, dass sie ihn entdeckt hat. Wie hat sie sich nach der wolkenweichen, weißen Süße dieses mit glänzendem Zuckerguss glasierten, außen auch noch mit Mandelsplittern gespickten Hefekranzes gesehnt, von dem Lisa am Wochenende immer reichlich einkauft. Gott sei Dank, der Kuchen ist da. Lisa hätte ihn ja mit in ihr Schlafzimmer nehmen oder im Wohnzimmer einsperren können über Nacht. Sie hat es nicht getan. Den Kuchen wird Hermine gleich, mit köstlicher Mirabellenmarmelade bestrichen, im Bett aufessen, den Rest der Sachen für den nächsten Tag horten. Im Bad gießt sie noch Wasser in einen mitgebrachten Krug, schleppt dann die Sachen auf Zehenspitzen nach oben.
So besorgt sich Hermine heimlich ihre Nahrungsmittel.

Als es ihr besser geht, spürt sie, dass sie nun reichhaltigere Nahrung haben müsste. Sie sehnt sich rasend nach ... goldgelben Dottern. Ja mit Wonne würde sie jetzt sechs würzige, kraftspendende Eier direkt aus der Schale in sich hinein schlürfen, aufsaugen, wenn welche da wären. Aber es ist kaum je etwas 'Herzhaftes' in der Küche, wenn Hermine sich spät in der Nacht hinunter schleicht, kein Braten, keine Wurst, kein Käse, keine Milch, nicht einmal ein Stück Obst.

Noch schlimmer als das Problem mit dem Essen, ist das mit dem Nachttopf - Ausleeren. Dieses Email-Ding unter Hermines Bett fasst zwar ziemlich viel, ist aber irgendwann randvoll. Denn die Kerns haben zwar ein Badezimmer, doch im ganzen Haus gibt es kein Klo. Es befindet sich drei Stockwerke tiefer, zur Haustür hinaus und über den Hinterhof.

So macht Hermine sich auf den Weg. Im Nachthemd. Mit dem Mäntelchen darüber. Rappeldürr, käsweiß, schwindlig und mit zittrigen Beinen, sich ihres eigenen fürchterlichen Anblicks jede Sekunde bewusst, muss sie höllisch aufpassen, von niemandem im Treppenhaus gesehen zu werden. Denn im Erdgeschoss ist Onkel Peters Herrenzimmer als Büro eingerichtet. Dorthin kommt die Drucksachen-Kundschaft. Bis in die Abendstunden hinein ist immer Betrieb im Hausflur. Hermine schleicht deshalb erst spät hinunter, wenn sie ziemlich sicher sein kann, dass sich nirgends eine Tür öffnen, sie nicht plötzlich einem total schockierten Menschen vor die Füße laufen wird.

Das ist ihr einmal passiert. Im Sommer. Der junge Mann, kam gerade aus Onkel Peters Büro ... einer, dem wahrscheinlich ein lieber Angehöriger gestorben war, für den er jetzt Totenbildchen geordert hatte. Er stieß einen Schrei aus "iiii", als ihn das huschende kleine Gespenst mit diesem stinkenden, überquellenden Nachttopf in der Hand plötzlich von der Seite rammte. Der Mund blieb dem Armen vor Schreck offen stehen und seine Augen stierten entgeistert auf Hermine, die auch "iiii" schrie ... noch lauter als der Mann. So etwas möchte sie nicht noch einmal erleben. Ihr ist schlecht geworden vor Scham.

Also spät, wenn niemand mehr im Haus herumläuft, schleppt sie sich in Nachthemd und Mäntelchen, dazu mit ihrem Pott voller 'Dünnschiss' (so nennt das der Papa) durchs Treppenhaus hinunter zum Hof. Auch hierbei muss sie sich zusammenreißen, weil sie zittrig und schwindelig ist. Fast packt sie den Weg nicht.
Von der Hintertür aus hat man noch zirka dreißig Meter - im Winter eisglattes Kopfsteinpflaster - zu überwinden, bis man hinten im Hof zum Plumpsklo kommt, um das Ding auszuleeren. Da gibt’s aber kein Wasser zum Auswaschen. Deshalb muss Hermine mit dem geleerten Pott um das halbe Haus herum laufen bis zum einzigen Außen-Wasserhahn unter dem großen Fenster vor der Druckerei. Dann lässt Hermine den Strahl in den Topf, wirbelt die Flüssigkeit ein paar Mal darin herum, läuft zum Klo zurück, um die gelbe Brühe loszuwerden. So gehört sich das. Und diese Prozedur muss sie auch, wenn sie gesund ist, jeden Morgen durchstehen, bevor sie zur Schule geht. Die peinlichste Sache der Welt ist das, weil hinter dem Druckerei-Fenster die kleine Schar der Schriftsetzer steht und alle dann wie wild an die Scheiben klopfen. Später, als aus dem Kind ein junges Mädchen geworden ist, setzen sie noch eins drauf und beginnen immer, hinter ihrer Scheibe laut zu johlen oder zu klatschen. Aber auch Tante Zilli und Lisa müssen die Familienpötte – nein sie haben es mit Nachteimern zu tun – täglich auf die gleiche Weise ausleeren. Nur ... darüber macht Hermine sich nie Gedanken.

*



WAS ES MIT DEM SCHÖNEN, WARMEN KAMIN AUF SICH HAT

Im Winter ist es Hermine schnatter- und zähneklapper-kalt, wenn sie in Nachthemd und Mäntelchen, mit dem ausgeleerten Nachttopf die Treppen der drei Etagen wieder hochjapst zu ihrem Schlafzimmer. Die Koje ist ungeheizt. Am Morgen steht eine Eisschicht auf dem Wasser im Krug. Aber Lisa hat damals im Herbst, als die Hälfte des Speichers zu zwei Schlafkammern ausgebaut worden ist, gesagt, dort oben würde es immer schön warm sein. Da brauche kein Ofen hin, da laufe sowieso der Kamin durch die Wand. Da werde es dann richtig mollig .
Aber im Winter ist es nie warm in dem winzigen Zimmer. An keinem Tag. Immer wieder hält Hermine ihre Hände an die Stelle der Wand, wo innen der Kamin durchgehen soll. Immer wieder fühlt sie hoffnungsvoll nach, muss immer wieder ungläubig feststellen, dass nicht einmal eine klitzekleine Spur von Wärme da ist, nur eisige, klamme Kälte.

Weil Hermine also letztendlich merkt, dass es noch immer hundekalt ist, redet sie sich ein, es würde sicher bald wärmer werden, nämlich dann, wenn später im Winter die Hitze vom Küchenherd erst einmal richtig in die Wand eingedrungen sein, sie praktisch durchflutet haben würde, vielleicht in ein paar Wochen. Es dauert lang, bis sie endlich kapiert: da wird sich nichts ändern und die Sache mit dem Kamin kann unmöglich so stimmen, wie Lisa gesagt hat.
Warm ist es aber unter den Federdecken im Bett.
Die Cousine Else, für die eigentlich die andere Kammer bestimmt ist, schläft dort aber im Winter nicht. Die bleibt gleich unten im Elternschlafzimmer, wo sie es, eingekuschelt im breiten Bett zwischen Vater und Mutter schön mollig hat.

Hermine erwartet schon lang nicht mehr, dass man ihr Essen heraufbringt, wenn sie krank ist.
Liebevoll war Lisa, als sie und Werner klein waren. Damals schliefen sie und das Brüderchen noch zusammen im Zimmer unten, wo jetzt der Maxl liegt.
Papa war im Krieg. Hermine hatte Masern, Mumps, Keuchhusten. Solche Sachen. Und Werner auch.
"So geht alles in einem Rutsch hin", hatte Lisa gesagt und sich gut um die zwei gekümmert. Lisa war lieb. Auch Tante Zilli kam herauf mit Plätzchen oder Tee. Es war schön warm im Krankenzimmer. Denn da wurde der Ofen geheizt. Lisa brachte ihnen feinen, süßen Griesbrei. Himbeersaft. Rote Grütze.
Seit Werner bei der Oma wohnt und Hermine oben auf dem Speicher ihre Kammer hat, ist alles anders. Jetzt ist sie nicht mehr WIRKLICH krank, nur faul.
"Dir fehlt doch kein Jota!" sagt die Stiefmutter. Tatsache ist ... sie ist eben zu oft krank. Jetzt will Lisa nichts mehr damit zu tun haben.

Werner kommt alle paar Tage von der Oma herüber und steigt die Treppen hoch in das Dachzimmer. Wahrscheinlich nur, um sich eines der Karl-May-Bücher unter den Nagel zu reißen, die Hermine auf dem Boden neben dem Bett griffbereit liegen hat und obendrein, um der komischen Schwester zusätzlich noch ein paar aufbauende Worte für den Tag dazulassen:
"Guckst du dich nie im Spiegel an?", fragt er, "Du siehst vielleicht aus!! Die reinste Katastrophe!!"

Die anderen kommen kein einziges Mal. Auch nicht der Vater, den Hermine eigentlich tief im Inneren traurig herbeisehnt. Aber sie hat geahnt, dass er nicht kommen wird.
Der Babybruder, der unten am Fuß der Treppe herumkrabbelt und "Minu, Minu, Minu" brüllt, darf nicht herauf. Er könnte sich vielleicht anstecken, hat Lisa gemeint. Lisa schnappt ihn sich. "Geh weg da, Maxl", sagt sie.
Hermine ist ganz froh, dass er nicht heraufkommt. Sie hätte nicht gewusst, was sie mit ihm anfangen sollte. Sie fühlt sich zu müde und krank.

Lisa ist am Abend wieder einmal aufgebracht und lamentiert in der Küche laut genug, dass die Kränkliche es oben im Bett hört. Anscheinend jammert die Stiefmutter Papa vor, der aber kein Wort sagt, oder nur unhörbar seinen Kommentar abgibt.
"In dem seinen Saustall setze ich keinen Fuß, als ob ich nicht schon genug am Hals hätte ... ich bin auch nur ein Mensch", hört Hermine Lisa schreien.

*



22
EINE ROSIGE ZUKUNFT

Manchmal ist ein Großhändler, einer der guten Kunden von Papa, dem er regelmäßig Bohnerwachs und andere seiner Produkte liefert, gerade wieder einmal in finanziellen Schwierigkeiten. Hat vorübergehend kein Bargeld zur Hand. So nimmt Papa als Bezahlung eben Ware statt Geld. Dann kann es passieren, dass er für Lisa fünfzig Dosen Schwarzwurzeln anschleppt, einen Doppelzentner Rote Rüben oder drei Säcke Maismehl als herrlichen Tausch für seine chemischen Erzeugnisse. Ach, wie die sich darüber freut!

Ihre Fußbekleidung bekommt die Familie jahrelang ebenfalls auf Tauschhandels-Basis. Auf geht‘s zu Frau Bach in ihr Lederwarenlädchen im benachbarten Wilhelmstal. Sie nimmt Papa ja schließlich auch regelmäßig seine Produkte ab. Weil die meisten Kunden ja zu den neuen Schuhen gleich eine Pflegecreme in der passenden Farbe haben wollen. Und Frau Bach bringt ihnen schon bei, dass es eben 'Xanutta' sein muss, weil sie Oskar Kern so hoch schätzt. Zur Lederpflege braucht man eben die wunderbaren Kern-Produkte ... Erdal hin, Erdal her, nichts ist doch so gut wie Xanutta!

Oskar treibt also die Seinen in den klapprigen DKW und auf geht es nach Wílhelmsthal zu dem Geschäft der alten Dame. Wo sich jeder von ihnen unter dem nicht gerade üppigen Warenangebot ein paar grundsolide Schuhe aussuchen darf. Lisa außerdem eine Handtasche aus braunem Boxcalfleder.

In Warkens Schreibwarengeschäft oben in Marienstock, gleich gegenüber von Tante Ritas Wäschelädchen, kann Hermine sogar einen Malkasten, sowie einige Pinsel bargeldlos mitnehmen. Herr Warken und Oskar Kern treiben nämlich ebenfalls freundschaftliche Geschäfte miteinander. Im Tausch für Papas selbstfabrizierten Alleskleber und Tinte bekommen seine Sprösslinge Schulbedarf, die 'Kinderzeitung', Mickymaushefte.

Einmal verkauft Papa zwanzig Eimer Bodenreinigungsmittel ( - oder war es Schmierseife? ) - an einen Geschäftsfreund, der mit so ziemlich allem handelt, was er billig bekommt. Der wird Papas Produkt später umfüllen und in handlicheren Portionen gewinnbringend weiterverhökern. Der Mann hat aber gerade kein Bargeld, weil er am Tag vorher einen Posten von irgend etwas Supergünstigem angekauft hat, wobei er sich finanziell verausgabte. So rät er Oss, sich doch einmal in seinem Warenlager umzusehen und im Tausch gegen das Bohnerwachs sich etwas Schönes auszusuchen.

An jenem Abend hört Hermine wie Papas Auto laut hupend und mit quietschenden Bremsen vor dem Haus stoppt. Sie und Lisa laufen zur Tür. Mit stolzgeschwellter Brust, wie ein indianischer Jäger, der reiche Beute heim ins Wigwam schleppt, springt Oss Kern ins Freie, zeigt mit schwungvoller Geste auf sein Vehikel. Es ist bis unters Dach vollgestopft mit STEPPDECKEN.
"Schaut mal her ... reine Seide", ruft Papa.
Die Steppdecken sind nicht nur bunt, es sind auch überdimensionale, breit grinsende Fußballspieler und Bälle aufgedruckt, alles in den allerwildesten Tönen, die eine Farbskala nur hergeben kann, mit viel Rot, Gelb, Lila ...
Lisa schlägt bei diesem Anblick die Hände vors Gesicht und beginnt, laut zu schreien. Die Dinger scheinen ihr nicht zu gefallen. Dabei hat sie sich schon lange verzweifelt neue Zudecken gewünscht. Denn die Plumeaus, die sie jetzt auf den Betten liegen haben, sind bereits Oskars Erstfrau, Emma, ein Dorn im Auge gewesen. Sie stammten aus dem Haushalt der Oma Margarete. Papa hatte schon seine Kinderbeine unter sie gestreckt.
Es waren unbeschreibliche Teile, in denen sich innen im Lauf der Jahrzehnte Daunen, Staub und Menschenschweiß zu einer bleischweren, dicken, gestockten Masse verklebt hatte, unter deren Gewicht man Alpträume bekam, während aus dem zerschlissenen, immer wieder geflickten Inlett die Federn wild herausquollen. Damit würde jetzt, Gott sei Dank, Schluss sein. Zu Freudenjuchzern müsste Lisa sich eigentlich hinreißen lassen ... aber im Gegenteil!
Papa ist ein bisschen verwundert ... nun hat die Frau endlich die herrlichsten Steppdecken und das ist ihr jetzt auch nicht Recht.

Später sagt Lisa aber dann: "Ich bin jetzt doch über die Dinger froh. Egal wie sie aussehen. Und dass sie dünner sind, als die alten Federdecken, das macht nichts. Man kann ja auf jedes Bett zwei legen. Im Winter vielleicht drei und vier!"

*

Oben in der Wohnung, wo Lisa regiert, ist es eintönig. Außer Oskar und den Kindern kommen wenige Leute hinauf. Eine Etage tiefer bei Tante Zilli und Onkel Peter herrscht immer Jubel, Trubel, Heiterkeit. Hauptsächlich abends. Geschäftsfreunde und Bekannte sitzen häufig unten im Herrenzimmer. Auch Papa ist oft dort. Die meisten Leute bleiben stundenlang. Eine laute, vergnügte Gesellschaft, die da locker beisammen hockt. Es wird diskutiert und es werden Pläne geschmiedet. Jetzt hat Deutschland seinen Punkt ‚Null‘ überwunden. Nie waren die Zeiten so verheißungsvoll. Aufwärts geht es in eine rosige Zukunft. Jetzt muss man die Gelegenheiten beim Schopf packen.
Oss hat die allerbesten Ideen. Um richtig Geld zu verdienen, gibt es praktisch nichts, was nicht machbar wäre. Er könnte zum Beispiel groß ins Christbaumkugelgeschäft einsteigen? Man hat ihm da vor kurzem ein interessantes Angebot unterbreitet: den Alleinvertrieb für Weihnachtsschmuck aus dem Erzgebirge!
"Moment, ich hol euch mal die Muster her!" Seine Stimme zittert vor Erregung, als er dann einen großen Koffer öffnet.
Phantastisch zarte Gebilde in schimmernden, pastelligen Farben, Tannenzapfen, Kugeln, Spitzen erwecken in allen Anwesenden ein Gemurmel der Begeisterung. Aus hauchdünnem, mundgeblasenem Glas sind die Kostbarkeiten. Viele mit eingearbeiteten Motiven: Engeln, Christkindern, Elfen, Sternenfeen. Herrlich schillernde Wunderwerke der Glasbläserkunst. Irgendwie kann Oskar sich gut vorstellen, neben seinen chemischen Mitteln und Tinkturen so etwas Zerbrechliches, wenig Handfestes wie Christbaumschmuck zu verkaufen.

Auch an diesem Abend hört Hermine die vergnügte Gesellschaft wieder unten in Zillis Wohnung lachen und palavern. Ab und zu brechen die Stimmen in solche Lautstärke aus, dass es durchs ganze Haus schallt.

"Wenn dein Vater losprustet, hört es sich an, als ob ein Pferd wiehert", hat Lisa einmal gesagt. Ja, er ist von allen der Fröhlichste. Hermine hört seine Stimme immer unter den anderen heraus. Sein sorgloses, ansteckendes Gewieher. Sie würde auch gern unten sitzen und wissen, was dort los ist und warum die sich alle so freuen.
Doch sie fühlt, Papa wäre es nicht Recht, wenn sie plötzlich bei ihnen auftauchen würde. Weil er nicht stolz auf sie sein kann. Weil die Erwachsenen wieder komisch glotzen und bestimmt einer von ihnen sagen würde:.
"Die Kleine ist ja das reinste Klappergestell! Sieht arg mitgenommen aus, dein Töchterchen. Was ist denn mit DEM los?" So etwas ähnliches sagen sie ja immer!

"Oss, du solltest eine neumodische Bohnerwachsfabrik auf die Beine stellen", hört man jetzt jemand laut rufen. "Eine, in der alles automatisch läuft und die Arbeiter nur noch zugucken!"
"Das kommt noch. Genau ... das werd ich machen!", ruft Papa. Lachend.

"Ich glaub, ich verleg mich auf den Druck von Romanen", strahlt Onkel Peter. "Alle paar Monate könnte ich einem jungen Schriftsteller die Chance geben, sein Werk als Buch zu veröffentlichen!"
"Wie ... in DER Druckerei willst du BÜCHER drucken?", grinst Onkel Willi breit, "da hast du doch gar nicht die Kapazität dazu."
"Kapazität? Ich brauche nur ein paar neue Maschinen ... ist alles eine Frage der Organisation und des guten Gespürs für den literarischen Zeitgeist", sagt Peter Kern vergnügt.

Aha ... Verleger willst er werden ... warum eigentlich nicht! Niemand findet das so abwegig. Ja, ja, die Kerns und ihre Freunde!
Es ist ein lebhaftes, wortreiches Drauflosreden. Jeder hat so seine Vorschläge. Zusammen sorgen sie für einen erquicklichen Abend. Alle fühlen sich glücklich und frei, damals, im nagelneuen Nachkriegsdeutschland der rosaroten Hoffnungen.


Die Stiefmutter ist nie dabei, wenn Zilli unten im Herrenzimmer belegte Brote, Bier und Kaffee serviert, wenn disputiert und geträumt wird und man eine großartige Zukunft herbeiplant, an die sie, Lisa, aber nicht recht glaubt.
Denn weder ihres Schwagers Druckereibetrieb, noch ihres Mannes Bohnerwachs- und Wichs-Fabrikation können sie zu Begeisterungsstürmen hinreißen..
"Langsam sollte es doch finanziell aufwärts gehen", mault sie manchmal abends, wenn sie neben Oskar im Bett liegt, "merkst du denn nicht, dass ich jeden Pfennig dreimal umdrehen muss? Tatsache ist: wir sind wirklich a r m . Dabei wäre es dir leicht möglich, in eine Staatsstellung hinein zu kommen. Bei deiner Intelligenz. Deinen Beziehungen! Du mit Abitur und kaufmännischer Ausbildung! Noch keine vierzig Jahre alt bist du. Überall im Land werden jetzt gute Leute gesucht. Du könntest auf einer Behörde Karriere ... "

Doch Oss sieht das anders. Wie oft hat er dieser Frau schon gesagt, dass er sein eigener Herr bleiben will. Nein, er hat keine Lust, sich auf einem Bürostuhl die Hosen durchzuwetzen.
"Lieber bist du zwanzig Stunden am Stück bei deinen Wichskesseln!", stehst dir die Beine in den Bauch und stinkst ständig nach Chemie", redet sie ihm ins Gewissen.
Wie gesagt, Oskar ist unverbesserlich und Lisa nie da, wenn es unten bei Zilli hoch hergeht. Denn sie hat im Stockwerk darüber genug mit dem kleinen Maxl zu tun, gar nicht zu reden von den beiden Stress verursachenden, nervigen Stiefkindern. Und dem Haushalt. Nein, sie ist keine unglückliche Ehefrau ... sie hat Oskar ja gern ... nur wie er herumläuft ... immer mit den terpentindurchsogenen, alten Klamotten am Leib! Dabei ist er ein echt hübscher Mann, das kann SIE immerhin beurteilen. Nur tagsüber gelingt es ihm, das geschickt zu verbergen.

"Du mit deiner Wichse ... egal, was ihr Kerns macht, nix kriegt ihr richtig hin!", sagt sie und bezieht Onkel Peters diverse Betriebe gleich in ihre negative Kritik mit ein. Die werfen ja auch keinen wirklichen Profit ab!

Wahrscheinlich hat sie sogar Recht. Denn statt atemberaubender Neuerungen wird Peter am Ende bei seiner altväterlichen Druckerei und Oss bei der mühsamen Herstellung von Bohnerwachs, sowie undefinierbaren, aber wirksamen Tinkturen in kleinen Mengen, bleiben.
Statt richtig groß anzufangen und zu investieren, kommt es am Ende doch nur zu minderen Reparaturen an veralteten Maschinen, zu geld- und zeitaufwändigen Verkleisterungen der Mängel. Von den schönen neuen Coups, die man landen wollte, bleiben am Ende nur Schäume.

Irgendwie hat Hermine immer gedacht, dass sie reich wären. Weil die Kinder in der Volksschule und die Leute im Dorf ziemlich ehrfürchtig von den Kerns, der 'Xanutta', der Druckerei und so weiter reden. Aber Lisa beweist jeden Tag wortreich das Gegenteil. Denn sie muss jeden Pfennig DREIMAL umdrehen. Das können ruhig alle hören.

Als Hermine mit zehn Jahren für die Anmeldung zur Mittelschule oben in der Küche Formulare ausfüllt, stellt sich auch die Frage nach dem Beruf des Vaters.
Oss grinst übers ganze Gesicht:
"Fabrikant," sagt er schmunzelnd, augenzwinkernd. Denn gerade haben er und Lisa wieder um seinen Broterwerb wilde Diskussionen geführt.

"Warum schreibst du nicht gleich UNTERNEHMER oder GROßINDUSTRIELLER", kontert Lisa, während sie auf dem Küppersbusch - Kohleherd Klöße und Lungenragout vom Vortag in einer verbeulten Pfanne zusammenköchelt.

"Aber, was soll ich denn nun hinschreiben ... jetzt einmal im Ernst", drängelt Hermine.
"Schreib einfach: Wichskocher", sagt Lisa.

Das Töchterchen gibt am Ende 'Kaufmann' an. Darauf einigt es sich mit dem Papa. Obwohl der lachend und selbstironisch erklärt, 'Fabrikbesitzer' sei und bleibe doch die einzig richtige Bezeichnung für einen wie ihn.


*



Was bisher geschah:

Hermine ( Minou ) wird 1939 geboren. Sie ist zirka ein Jahr alt, da stirbt ihre Mutter bei der Geburt des Bruders Werner. Vater ist Soldat im Krieg. Nach mehreren Versuchen mit ‚Haushälterinnen‘ wird das Kind zu Anna, einer Tante, gebracht. Dann heiratet Papa wieder. Lisa, die neue Mutter, holt die jetzt viereinhalbjährige Hermine und Werner zu sich. Papa - ständig an der Front - ist für die Kleinen ein Fremder, an den sie sich kaum erinnern. Einen Teil des Krieges verbringen die Kinder und Lisa in Evakuierung auf einem Gutshof in Bayern. Dort bringt Lisa auch ein neues (Stief) Brüderchen zur Welt, den Maxl. Nach Kriegsende kehrt die kleine Familie ohne den Vater - er ist in Gefangenschaft - wieder nach Marienstock zurück. Die Kinder sind problematisch: Werner nässt das Bett, Hermine ist immer traurig und wird oft ohnmächtig. Papa kommt eines Tages als Spätheimkehrer nach Hause und betreibt bald eine Bohnerwachsfabrik, "die Xanutta‘.

*




23
DER WUNDERSAME MARMELADEN-EINKOCHTOPF

Die Kerns haben eine Obstanlage unten im Tal, nahe beim Marienstocker Bahnhof.
Die Kinder Werner, Else und Hermine gehen natürlich mit in die Ernte. Da wachsen ihnen dann die Mirabellen, Reineclauden, Zwetschgen, Äpfel und Birnen direkt in den Mund. Ein paar Wochen lang schlagen sie sich die Mägen damit voll. Manchmal krümmt sich Hermine vor Bauchweh.

Aber niemand in der Familie kann all das essen, was an den Bäumen hängt. Deswegen verkaufen Lisa und Zilli den Überfluss an Leute aus dem Dorf. Der Rest wird zu einer Brennerei gefahren, kehrt in vielen dünnen Dreiviertelliter-Flaschen als Schnaps zurück. Der wird ebenfalls verkauft. Einen Teil behalten die Kerns aber selbst für trübe Tage.

Lisa findet es schade, dass soviel von dem duftenden Obst Jahr für Jahr als ekliges, ungesundes, Speiseröhren verätzendes Gesöff endet. Sie beschließt, die Sache vernünftiger anzupacken und die so notwendigen Vitamin-C-Träger für die Familie zu retten und haltbar zu machen. Sie besorgt sich Einweckgläser, die Tante Rita noch im Keller herumstehen hat. Andere bringt Papa mit. Massen davon. Sicher wieder einmal im Tausch gegen Bohnerwachs. Dann geht es los.

"Wenn man so etwas schon anfängt, muss man es in großem Stil tun", sagt Tante Zilli.
Oss hat auch einen metallenen Behälter angeschleppt. Das Wunderding, ein Riesengefäß von über einem Meter Höhe und zirka 75 cm Durchmesser, hat eine Menge Gummischläuche, Knöpfe zum Drücken, Kabel, Schalter ... gar nicht zu reden von all den Zu- und Einsätzen. Wie ein überdimensionaler Schnellkochtopf sieht es aus. Ist nur viel komplizierter zu handhaben. Der elektrische EINMACH-APPARAT. Mit dem wird Lisa jetzt Minifrüchte wie Mirabellen und Zwetschen unzerkleinert in langlebige Konserven verwandeln, Äpfel, Birnen hingegen zu Kompott. Aus Himbeeren, Johannisbeeren, Brombeeren wird sie herrliche Säfte kochen. Bald türmen sich auf den Küchenmöbeln und Stellagen Flaschen mit herrlichstem, vitaminreichem Obstsaft. Köstlich leuchtet die Marmelade in den Gläsern. Die ganze Sache funktioniert wunderbar und scheint sehr zukunftsträchtig zu sein.

Aber am Morgen des dritten Einwecktags muss Lisa etwas falsch gemacht haben. Oder das mysteriöse Gerät versagt ganz einfach auf tückische Weise.

Der Deckel des Superapparates fliegt also weg, wie ein Vulkankegel, der dem Druck aus der Tiefe nicht mehr standhält und in einem wahnsinnigen Ausbruch schleudert das teuflische Ding einen viertel Zentner siedendes Mus durch die Küche, das sofort an Wänden, Decke, Möbeln kleben bleibt. Leider aber auch an Lisa. Sie bekommt den Großteil der Ladung auf Gesicht und Hals, an Kopf, Beine, Arme. Überall dahin, wo die knappe Kittelschürze ihren Körper unbedeckt ließ. Aber was das gemeinste ist, die glutheiße Paste verklebt sich augenblicklich mit dem dünnen Baumwollstoff des Kittels und dieser mit Lisas Haut. Bei der Verbrühung brechen in Sekundenschnelle dunkelrote Blasen aus dem Fleisch. Verwirrt starrt Lisa aber nur auf ihre Hände und Arme, sieht, wie die Haut sich plötzlich hochwölbt, als gehöre sie nicht mehr zu ihr und wolle sich davonmachen. Noch bleibt Lisa ruhig ... aber sie rennt ... rennt ... komischerweise hinunter auf die Straße. Vom lauten Explosionsknall und ihrem furchtbaren Anblick aufgeschreckt, laufen Nachbarinnen schreiend zusammen. Lisa sagt kein Wort, aber sieht aus, als habe ihre letzte Stunde geschlagen.
"Ich dachte nur noch: das überlebt sie nicht!", erzählt Zilli später.

Als Hermine von der Schule heimkommt, liegt Lisa auf dem Bett wie ein leibhaftiges Gespenst. Zum Todfürchten. Hermine wäre am liebsten weggeflüchtet. Arme, Beine, Hände, sogar der Kopf der Stiefmutter sind mit Binden umwickelt wie bei der Mumie, die sie einmal im Kino gesehen hat. Nur die Augen schauen seltsam schwarz und brauenlos heraus, und da ist ein Ritz für die Nasenlöcher und ein komischer Schlitz unten, wo der Mund hingehört. Man sieht die Lippen nicht, die kleinen gelblichen Zähne aber um so mehr und sonst gar nichts. Das sieht seltsam aus im kalkweiß zugewickelten Gesicht.
Hermine ist starr, wagt nicht, näher zu kommen. Die arme, arme Stiefmutter. Das hat sie nicht verdient.
"Hast du Schmerzen?"
"Weh tut‘s eigentlich nur, wenn ich lache", sagt fröhlich die reglose Mumie.
Aha, da kann man jetzt wenigstens sicher sein, dass es noch immer Lisa ist, die in all dem Mull verborgen liegt.

Verbrennungen dritten Grades hatte Doktor Marks festgestellt. Er hatte der Patientin am ganzen Körper Salbe aufgetragen und eine Kreislaufspritze gegeben. Mehr könne er nicht tun, hatte er gemeint. Denn ins Krankenhaus wollte sie nicht, wollte sie nicht!
Zuerst kommt Doktor Marks jeden Tag, dann an jedem dritten zum Binden-Wechseln und Abziehen der Hautfetzen. Lisa muss zwei Monate fest im Bett liegen bleiben. Sie wird morgens und abends von einer Gemeindeschwester gepflegt. Oss und die Kinder essen unten bei Tante Zilli.

Irgendwann wächst Lisa wieder neue Haut unter den Mumienbinden, schöne rosa Haut, obwohl sie schrecklich gefürchtet hatte, dass sie nun für immer hässlich bleiben würde.

"Ein Wunder ist diese Heilung", sagt Dr. Marks. "So etwas habe ich noch nie erlebt!" Wirklich: Nach zwei Jahren sieht man gar nichts mehr, nur im Sommer, wenn sie ein ausgeschnittenes Kleid an hat, sind da über der Brust und am Hals noch ein paar dunkelrote Flecken. Aber die werden auch nur knallig und wirklich schlimm, wenn Lisa sich aufregt.


*




24
VON TOTENBILDCHEN UND EINER BEGEGNUNG MIT DER GESTAPO

Onkel Peter stellt in seiner Druckerei Reklame- und Sonderangebotsblättchen für Geschäfte her. Auch Veranstaltungsplakate aller möglichen Vereine. Sogar offizielle Fahrpläne für die Bundesbahn. Und sonst noch so allerlei, was Geschäfts- und Privatleute in der näheren Umgebung ordern.

Was ihm aber am vorzüglichsten gelingt, das sind die schwarz-weißen, auf Glanzpapier gedruckten 'Totenbildchen', die bei Begräbnisgottesdiensten in der Kirche ausliegen. Ganze Ladungen davon muss Onkel Peter im Lauf der Jahre hergestellt haben. Denn er versorgt damit Marienstock und die umliegenden Gemeinden.

Die Totenbildchen - immer schwarz-weiß - sind in der Mitte einmal gefalzt, haben vier Seiten, sind so klein, dass sie ins Gebetbuch passen. Auf der Vorderseite steht ein Bibelvers und darüber prangt meistens ein Bildchen der Schmerzensmutter Maria oder von Jesus am Kreuz.
Wenn man es aufschlägt, ist rechts ein Portrait des Verstorbenen, ebenfalls umgeben von christlichen Versen. Die linke Seite sagt in wenigen Worten etwas über ihn und sein Leben aus. Etwa:

Viel zu früh verschied am 26. Mai 1946
nach kurzem, schwerem,
mit großer Geduld ertragenem Leiden,
wohlversehen mit den Sterbesakramenten
der heiligen katholischen Kirche,
unsere innigstgeliebte, herzensgute Mutter,
Ehefrau, Tante und Schwester
Frau Maria Kleinbauer
im blühenden Alter von nur 36 Jahren.

Arbeit und Fleiß war ihr Leben.
Die Liebe höret nimmer auf.



oder:

Plötzlich und unerwartet
berief Gott der Herr
meinen treusorgenden Ehemann,
unseren geliebten Vater, Bruder, Onkel
unser aller unvergessenen Kameraden,
Herrn Michael Schneebiegel
zu sich in die Ewigkeit.

Hauermeister war er auf den Gruben Renitz und Mühren,
Träger des eisernen Kreuzes,
Mitglied des Ortsknappenchores,
Gründer und langjähriger Vorsitzender des
Schäferhundezucht-Vereins Bello in Wilhelmstal.

In tiefer Trauer
Familie Alfred Theiß, Wilhelmstal
Familie Martin Sommer, Brückenstadt
Familie L. Munch, Rio de Janeiro
sowie alle Angehörigen und Freunde

Fürchtet euch nicht.
Jesus sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Siehe, ich habe die Pforten der Hölle überwunden.



Solche tröstlichen Worte in hundertfacher, immer individueller Ausführung bringen Peter Kerns Druckmaschinen aufs Papier.

*

Bei der Totenmesse, wo der Verstorbene in seiner jeweiligen Dorfkirche aufgebahrt liegt, sind die speziell für ihn gedruckten Bildchen auf der steinernen Konsole beim Portal ausgelegt. Jeder, der dem Trauergottesdienst beiwohnt, nimmt sich nachher eines zum Andenken mit, bevor er dem schön geschmückten, von zwei Pferden gezogenen Leichenwagen mit dem Sarg auf seinem letzten Weg durch die Straßen des Ortes zum Friedhof folgt.
Für beliebte und angesehene Verblichene bedarf es eines hohen Stapels dieser Totenbildchen, weil viele Leute ihm das letzte Geleit geben. Für solche, die bei ihrer Beerdigung nur wenige Freunde hinterlassen, reicht ein kleinerer. Es gibt auch Verstorbene, für die es niemand der Mühe wert findet, überhaupt Totenbildchen drucken zu lassen.

Aus der Anzahl der bei Kerns georderten Exemplare kann man ersehen, ob einem Menschen sein Leben geglückt ist, ob er fruchtbar war und viele Nachkommen hat, ob Freunde nah und fern um ihn trauern, eben ... in wie großem Maß er sich Liebe und Achtung der Welt verdiente, oder ob er einsam am Rand blieb und nicht viel zählte.

*

Wie gesagt, Onkel Peter ist ein Meister im Drucken von Totenbildchen. Einmal aber wäre das grafische Geschick, das er sich selbst und anscheinend auch die Umwelt ihm zutraut, fast zu seinem Verhängnis geworden.

Es ist im Kriegswinter 1944. Mit Deutschlands Siegesglück geht es schon sehr bergab. Da führt der Onkel abends in einer Bar in Sulzhofen, ( o ja, in solchen Etablissements verkehrt er ! ) wieder einmal eine schwungvolle Rede. Es dreht sich, wie meistens, um seine Druckkünste, auf die er so stolz ist. Die Außergewöhnlichkeit seines Talentes muss an dem Abend eine der Animierfrauen wohl bezweifelt haben.

"Ich kann alles drucken, was du willst", sagt Peter Kern.
"ALLES???". Sie grinst.
"Alles!"
"Auch Lebensmittelkarten ??" fragt die Frau scherzhaft. Oder gar hinterhältig?( Lebensmittelkarten sind der kostbarste Besitz damals. Wertvoller als Bargeld! )
"Auch Lebensmittelkarten!" strahlt der Druckereibesitzer mit vom Alkohol leicht lallender Stimme.
Ha, ha ... Ob er WIRKLICH Lebensmittelkarten drucken könne?
Jetzt mischen sich schon andere Gäste ein.
"Ja klar ... ist für mich ein Kinderspiel!"
"Heh, das möchten wir aber sehen!"
"Ei, kommt nur vorbei, dann schenk ich euch soviel ihr haben wollt", frotzelt der Onkel.

Ein paar Tage später, morgens um sechs, werden er und Zilli von ein paar höflichen Herren geweckt. Sie holen Peter aus den Federn:
"Ziehen sie sich an, Herr Kern."
Mit "Heil Hitler" wird er abgeführt.

Sie durchkämmen die Wohnung. Finden in der hinteren Ecke einer Kommode zunächst einmal ‚Frivoles‘. Hinter Höschen und Strapsen verborgen: Packungen mit PARISERN. Auch eine Sammlung von Lippenstiften kommt zum Vorschein. Dazu Coldcremes. Drei edle Dosen mit schimmerndem Puder. Parfümzerstäuberflakons aus farbigem Glas. Ein paar Fläschchen "Shalimar" und "Chanel Nummer 5". Das meiste neu, unbenutzt ... Zweifelhafte Luxusartikel. Zillis heimlich gehortete Schätze. Die hat ein entfernter Cousin, Soldat im besiegten Frankreich, für sie besorgt.

"Frau Kern, sie sind nicht eben ein leuchtendes Beispiel für die deutsche Frau", sagt der Leitende dieser Herren unsicher mit einem bedauernden Blick auf die vom Morgenmantel verhüllte, verschlafene Blondine. Aber Zilli darf ihre Kosmetika behalten.

Die Männer finden natürlich keine Lebensmittelkarten. Auch kein Falschgeld, das Onkel Peter angeblich ebenfalls hergestellt haben soll. Sie wühlen sich durch alle Schränke. Heben Teppiche hoch, schauen in den Polsterungen der Sessel nach. Stellen die Wohnung auf den Kopf.
Dann durchsuchen sie die Druckerei. Auch da Fehlanzeige. Keine Anzeichen für sabotagemäßige, Staats schädigende, geheime Kartenfälschungen. Drei Tage danach schon lassen sie Peter Kern laufen.

Später, als das dritte Reich längst vorbei ist, kommt man in Marienstock immer mal wieder auf diesen denkwürdigen Tag der Hausdurchsuchung zu sprechen.

"Glück haben wir gehabt", sagt Zilli, "angenommen, sie hätten die dreißigtausend Reichsmark ( echtes Schwarz-Geld!) gefunden, die Peter zwischen meinen frisch gewaschenen Damen-Binden versteckt hatte."

Jetzt können sie gut schmunzeln beim Gedanken an das gerettete Geld, für das es aber leider nichts mehr zu kaufen gab und das sich bei der Währungsreform 1948 ohnehin in Luft auflöste.

"Ja, ja, fast hätte dein Großmaul und dein Suff dich nach Bergen-Belsen gebracht!" So etwas muss Peter Kern sich nachher immer wieder von besorgten Freunden anhören. "Na ja ... Ende gut, alles gut."

*



25
DIE WAHREN VERLIERER UND EIN VERWIRRTES KIND

Der Krieg ist vorbei und hat die Familie Kern verschont. Peter hat die Verhaftung durch die Gestapo glimpflich überstanden. Oskar und seine zwei jüngeren Brüder sind mehr oder weniger heil von der Front zurück gekommen.
Jetzt sieht man der Zukunft ziemlich optimistisch entgegen. Opa Michel und Oma Margarete können dem Schicksal dankbar sein.

Schlimm aber hat es die Großeltern in Unterstetten getroffen, die Eltern von Hermines toter Mutter. Sie haben den Untergang des ‚tausendjährigen Reiches‘ nicht wirklich überlebt. Denn ihre beiden Söhne Arnold und Alex sind in Russland ‚geblieben‘.

Da hat sich Heinrich Lieblang Jahr für Jahr in der Grube abgearbeitet, damit die zwei Jungen aufs Gymnasium gehen konnten. Sie sollten einmal ein Leben haben, das reich sein würde an Freuden für sie selbst und Nutzen für die Mitmenschen. So hatte er es sich vorgestellt. Ein Leben in Fülle. Mit Möglichkeiten, die er selbst nie bekommen hatte! Ihre zukünftigen Berufe hatten die beiden schon gewählt. Alex hatte kurz vor dem Lehrerexamen gestanden, Arnold hatte das Abitur in der Tasche und wollte nach dem Krieg Medizin ...

Zuerst war Alex umgekommen ...
Onkel Peter hat die schwarzweißen Totenbildchen für ihn gedruckt:

Auf der Vorderseite ist Christus zu sehen, der einen tödlich verwundeten Soldaten im Arm hält. Darunter der Vers:

Laßt uns männlich sterben für unsere Brüder und keinen Flecken an unserer Ehre dulden! 1 Makk. 9,10

Auf der ersten inneren Seite ist oben ein schwarzes eisernes Kreuz, darin ein Hakenkreuz mit der Jahreszahl 1939.

Dann steht da noch:

Tieferschüttert erhielten wir die unfassbare Nachricht, daß
im Osten
unser innigstgeliebter, h o f f n u n g s v o l l e r Sohn
mein geliebter Bräutigam,
unser unvergessener Bruder, Schwager, Onkel, Neffe, Freund
Alex Lieblang
Offz. bei einem Inf. Rgt. u. Inhaber des E.K.ll.
im blühenden Alter von 24 Jahren
für Führer, V o l k und Va t e r l a n d
am 10. Oktober 1941
gefallen ist.

Auf der zweiten Innenseite ist ein Schwarzweiß- Foto von Alex. Man sieht das sehr schmale, sensible Gesicht eines nachdenklichen Jungen, umgeben von üppigem, aber gebändigtem Lockenhaar. Seine Augen blicken ein bisschen starr. Darunter der Vers:

Nur wenig Glück war mir beschieden,
war es auch kurz, ich war zufrieden.

Auf der rückwärtigen und vierten Seite ist neben dem Bild von Jesus am Kreuz ein längeres Gebet abgedruckt mit einer Art Gebrauchsanweisung, wenn man so sagen kann. Diese erläutert:

Vollkommener Ablaß, dem Verstorbenen zuwendbar, für alle, welche nach würdiger Beicht und Kommunion obiges Gebet vor einem Bild des Gekreuzigten verrichten und noch fünf Vaterunser und Ave Maria nach Meinung des Heiligen Vaters beten.
Pius IX ( Dekret vom 31. Juni 1858)

Zwei Worte im Text des Totenbildchens sind kräftig hervorgehoben: VOLK und VATERLAND, 'Führer' aber erstaunlicherweise nicht. Ob das Onkel Peter absichtlich immer so handhabte?

Eine Beerdigung ist auf dem Totenbildchen nicht erwähnt, nur von einem Gedenkgottesdienst in der Pfarrkirche zu Unterstetten ist die Rede. Alex Leichnam ist anscheinend im Osten geblieben.

Hermines jüngerer Onkel, Arnold, darf noch zwei Jahre länger leben als sein Bruder. Dann verschwindet auch er aus der Welt. Für ihn gibt es keine gedruckten Totenbildchen mehr. Und keinen Gedenkgottesdienst. Er ist einer der vor Stalingrad Vermissten. Die Lieblangs in Unterstetten harren noch lang nach dem Krieg, dass das Wunder geschehe und Arnold eines Tages munter zur Tür hereinkomme. Aber er kommt nicht. Immer sitzt die Oma, still wie eine Holzpuppe, da unten in ihrem dunklen Haus mit den heruntergelassenen Jalousien. Sie hat zu gar nichts Lust. Die isst kaum, hat niemandem mehr etwas zu sagen. Ihr hilft der liebe Gott nicht.

Und die vier Töchter, die sie ja auch noch hat? Eva, die Älteste, ist Nonne in einem Kloster in Luxemburg geworden. Nennt sich seither ‚Soeur Oranna‘. Doch sie ist für ihre Eltern verloren. Hat die Gelübde abgelegt und darf ( oder will? ) nicht einmal zu Heimatbesuchen das Kloster verlassen. Sie arbeitet als Krankenschwester in einem von ihrem Orden geleiteten Hospital. Und Emma ist tot. Bleiben nur noch die zwergwüchsige Anna und Ida.

Ida ist mit dreiundzwanzig Jahren Kriegerswitwe geworden, denn ihr Mann, der eigentlich nur ein guter Bäcker und nie Soldat sein wollte, ist in Norwegen gefallen. Ida wird später als Sekretärin einer großen Firma in Süddeutschland arbeiten, weit weg von Unterstetten, und sie - eine durchaus hübsche Frau - wird nie mehr heiraten, was seltsam ist, ebenso seltsam, wie die Tatsache, dass ihr einziger Sohn seine Kindheit und Jugend, die meiste Zeit von ihr getrennt, in Internaten verbringen wird.

Dann stirbt 1948 auch noch der Unterstettener Opa. Hermines Großmutter ist nun mit Anna allein in dem düsteren Haus und trauert um ihre Lieben für den Rest ihres Lebens.


Hermine ist verwirrt, wenn sie hört, was der Pastor in der Kirche predigt, denn er, der Herr Dechant, macht ein riesengroßes Theater um die ‚arme Gottesmutter Maria‘, weil man ja ihren Sohn getötet hat. Doch von der Oma in Unterstetten und ihren Söhnen redet kein Mensch. Das ist nicht fair.
Sicher, die heilige Maria hat Jesus auf schreckliche Weise verloren. Aber der Oma sind ihre beiden Kinder auf genau so gemeine Art genommen worden und die sind nicht einmal - wie Jesus - für die Rettung der Menschen gestorben, sondern für ... nichts! Schlimmer als die Unterstetter Oma kann auch Maria nicht getroffen worden sein!

Außerdem hat Jesus vorher schon verkündet, dass er nur kurz tot sein, aber auferstehen würde am dritten Tag. Und das kam ja dann auch so, sagt die Bibel. Und Marias Kind ist immerhin Gottes Sohn. Was kann ihm und ihr da noch passieren?? Mit Gott als Vater?

Warum also machen sie jetzt ein so großes Trauertheater? Das ist schon verwirrend, wenn der Herr Dechant in der Karwoche vor Ostern die ‚furchtbaren Leiden‘ der Gottesmutter beim ‚Tod‘ ihres Sohnes immer wieder von der Kanzel herunter bejammert. Was für ein Riesengeschrei um das Schicksal der armen Maria. Sie beten ständig in Litaneien, "du Schmerzensreiche", wo sie doch längst, ebenso wie Jesus, glücklich in den Himmel aufgefahren ist.
Was ist der Grund, für all das Gestöhne und Mitleid mit der armen Muttergottes?" Es ist doch übertrieben.
"Findest du das richtig, Tante Zilli?"
"Och, ich weiß nicht." Zilli zuckt die Schultern und zieht konzentriert an ihrer frischgedrehten Zigarette.

Auch von Lisa kommt keine Hilfe.
"Warum spricht der Herr Dechant nicht von der Oma, der die Kinder im Krieg gefallen sind, Mama, statt immer über die heilige Maria und Jesus zu erzählen. Der war ja gar nicht ganz tot und schon schnell wieder auferstan ... "
"Ja um alles in der Welt! Willst du die Gottesmutter mit gewöhnlichen Frauen in einen Topf werfen und mit unseren irdischen Maßstäben messen? Hör auf, so ein erbärmliches Zeug zu reden", schüttelt die Stiefmutter Hermine ab.
"Es ist aber ungerecht!" murmelt diese.
"Du bist traurig dran", sagt Lisa, "SEHR traurig bist du dran, dir fehlt der GLAUBE."

*



SOEUR ORANNA

Der Papa redet oft über die ‚Klostertante‘, Soeur Oranna. Sie ist die älteste der vier Lieblang-Töchter aus Unterstetten, die Schwester von Hermines toter Mutter Emma. Vor dem Krieg noch, beschloss sie, wie es oben schon einmal gesagt wurde, ihr Leben gleichzeitig als Nonne Gott und als Krankenschwester den Menschen zu widmen.

"Jetzt rettet sie die Seelen ihrer bis dahin ungläubigen Schwerkranken, indem sie ihnen von Jesus erzählt. Viele Sterbende hat sie auf diese Weise in letzter Sekunde noch bekehrt und vor der Hölle bewahrt, weil sie dafür sorgte, dass sie mit der heiligen Ölung versorgt und glücklich gestorben sind", sagt der Vater zu Hermine, "das hat sie mir einmal geschrieben."

O je ... glücklich gestorben ... wie soll denn sowas gehen?

"Sie ist eine heiligmäßige Frau", sagt der Papa.

Warum nur spürt das Töchterchen weder besonderen Respekt, noch Liebe für diese Nonne, die sie noch nie gesehen hat. Hermine fühlt nur Fremdheit. Sie würde am liebsten nichts mit ihr zu tun haben.

Aber der Papa möchte, dass Hermine mit der Tante einen Briefwechsel anfängt. Oss Kern in seiner ständigen Sehnsucht und Bewunderung für das ‚Höhere‘, hat die Schwägerin längst zu einer über den irdischen Niederungen stehenden, hehren Gestalt aufgebaut. Ja, Soeur Oranna ist ein leuchtendes Beispiel an Reinheit und Himmelsnähe! Es ist leicht, die Verehrung aufrecht zu erhalten, da die wunderbare Klosterfrau, obwohl noch sehr lebendig, ja nicht mehr unter ihnen weilt, weil niemand sie mehr zu Gesicht bekommt.

Papa redet also mit höchster Bewunderung von ihr.
"Sie macht sich viele Gedanken um dich", sagt er.

Bald trudelt dann auch ein Brief von ihr bei Hermine ein. Ihn zu lesen, hat sie erst einmal keinen Mut. Aber sie guckt sich die Andachtsbildchen in dem Couvert an. Darauf sind schöne, gedruckte Madonnen in herrlich verzierten Gewändern und mit Heiligenscheinen aus Gold und Silber. Oder selige Jungfrauen mit weißen Lilien in ihren ebenso weißen Händen, aber auch mit ‚Marterwerkzeugen‘: Zangen, Nägeln, Hämmern ... Das sind die Märtyrerinnen, die an der Folter gestorben sind. Und da sind Bildchen von Jesus und der sieht Hermine sanft an, während er am ausgestreckten Arm sein blutendes, von Pfeilen durchbohrtes Herz einem lächelnden Englein entgegenreckt. Die Bildchen haben besonders breite, wunderbar durchbrochene Ränder, als ob sie aus feinster Spitze gehäkelt wären.

"Was schreibt denn deine Tante?", will Else, die Cousine, wissen.

"Hüte dich vor schlechten Menschen", liest Hermine, "sie wollen dich nur zu Sünde und Unglauben verführen und in den Sumpf der Hölle ziehen. Und bete stets zu unserem Herrn Jesus, dann werden sich deine Gebete mit denen deiner lieben" ... hier fängt Hermine an, zu stolpern, zu stottern und sich unwohl zu fühlen ... "verstorbenen Mutter vereinen und im Himmel gehört werden."

Dass sie auch immer für sie beten werde, damit sie rein und fromm bleibe, hatte die Klostertante noch hinzugefügt, aber das will Else nicht mehr wirklich hören. Sie ist schon an der Tür.

Irgendwie mag Hermine die Briefe der heiligen Nonne nicht so richtig, so fromm sie auch sind. Sie freut sich nicht beim Lesen und weiß nie, was sie zurück schreiben soll, obwohl der Vater darauf drängt, dass sie jetzt endlich einmal antworte. Die farbigen Heiligenbildchen, jene zumindest, die nicht gerade Blut und Marterwerkzeuge zeigen, legt Hermine aber zwischen die Seiten ihres Gebetbuchs. Sie gefallen ihr und erinnern sie an die schönen, natürlich viel größeren Postkarten, die sich die Ukrainerin Halena an die Wand ihrer Kammer geheftet hatte damals in Bayern, in Morgenau.

*

Nie hat es in Marienstock soviel fromme Leute gegeben, wie nach dem Krieg. Nie wieder werden sich an den Sonn- und Feiertagen so viele katholische Leute in die Marienstocker Kirche drängeln wie in jener Zeit ... und es gibt auch noch die ‚Evangelischen‘. Die haben ihr Gotteshaus unten in Wilhelmstal.

Kurz nach der Kapitulation, als es noch kaum etwas zu essen gibt, geht es einmal wie ein Lauffeuer um: am Sonntag wird vor der protestantischen Kirche jeder Familienvorstand ein Päckchen bekommen - eine Spende von Glaubensbrüdern aus der Schweiz - darin sollen die reinsten Schätze sein: ein halber Kranzkuchen, Kekse, ein Kilo Zucker, Emmentaler Käse, Dosenwurst, ein Pfund Butter, ein paar Büchsen Kondensmilch, sowie 250 Gramm echter BOHNENKAFFEE. Die Sachen sind natürlich nur für die Evangelischen. So wollen es die Glaubensbrüder in der Schweiz. Nur eine Bedingung ist an den Empfang der Köstlichkeiten geknüpft ... die Leute müssen vorher in der Kirche dem Gottesdienst beiwohnen.

Da pilgern viele Marienstocker, auch unfromme, an diesem Morgen nach Wilhelmstal hinunter und harren geduldig während der langen Andacht kniend auf den harten Bänken aus. Die Verlockung der zu erwartenden guten Sachen ist groß. Katholiken sollen an diesem Morgen ebenfalls haufenweise in der evangelischen Kirche gesichtet worden sein ...

Für Lisa sind die Protestanten zwar verirrte Seelen, aber doch als Einzelne respektabel. "Ihr Glaube ist der falsche, aber sie sind ja ebenfalls Christen, haben zwar nicht die Sicherheit, in den Himmel zu kommen, aber wenn es gute Menschen sind, wird der Herrgott sich ihrer bestimmt fast ebenso annehmen wie der Katholiken", sagt sie zu Hermine.

Dass es außer dem Christentum noch andere Religionen gibt, wird Hermine erst viel später lernen. Würde ihr das jetzt jemand in ihre enge Welt hinein sagen, dann würde sie das wahrscheinlich für einen Witz halten.

*



DAS LAMM GOTTES

Jesus ist das ‚Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt‘, so steht es im Messbuch. Und dazu passen auch die Bildchen des blutüberströmten Erlösers, der gegeißelt oder gekreuzigt, dennoch immer mild, fast heiter, blickt.
Hermine hätte Gott lieber mächtig, siegreich gesehen, den Gott der Gewitter und Stürme, den gewaltigen ‚Beherrscher des Himmels und der Erde‘. Aber doch nicht als Lamm Gottes, als Opferschäfchen auf der Schlachtbank, wie in den Bildern im Gebetbuch. Auf manchen Bildern hält er sogar sein furchtbar blutendes Herz in den Händen und reckt es lächelnd in die Höhe. Ein so blutender Gott mit Dornenkrone, kann in ihr keine Liebe erwecken, auch wenn er, wie der Herr Dechant sagt, das alles ja für die Rettung der Seelen auf sich genommen hat. Verstehen kann Hermine nicht, dass jemand durch sein Sterben die Welt erlöst.

*



26
SONNTAGS IM HOCHAMT

An Sonn- und Feiertagen strömen die Katholiken zu Hunderten ins Hochamt. In seinem wadenlangen Mantel aus dunkelrotem Samt, auf dem Kopf den mit bunten Federn besetzten Helm, wie ein Wächter aus dem Mittelalter, so schreitet der Kirchenschweizer, Herr Bündner, leise, doch majestätisch durch die Gänge des Gotteshauses. Sich auf den gebogten Stab des guten Hirten stützend, marschiert er vor den ankommenden Leuten her, weist ihnen ihre Plätze in den Bänken an. Nachdrücklich macht er den störrisch im Hintergrund sich stauenden Schäfchen klar, dass sie nach vorn zu gehen haben, weil sie sonst am Eingang den Strom der Hereindrängenden behindern.

Aber ein trotziges Fähnlein Uneinsichtiger bleibt immer in einer Menschentraube zusammengeknäuelt innen nah beim Portal stehen. Das sind die Halbentschiedenen, die das Tun der Priester am Altar lieber aus sicherer Entfernung betrachten. Meistens sind es Männer, die keine große Lust auf Messe haben, es jedoch vor Bekannten und dem eigenen Gewissen nicht verantworten können, der heiligen Handlung ganz fern zu bleiben. Solang sie hinten stehen, können sie jederzeit unbemerkt zum Portal hinausschlüpfen, wenn das ständige Glöckchengebimmel, Gebetemurmeln, Weihräuchern oder eine langatmige Predigt ihnen zusetzt. Dann stecken sie sich draußen schnell eine Zigarette an, vertreten sich ein wenig die Füße, reden ein bisschen mit den anderen, denen es genauso geht und schleichen nach einer Zeit der Entspannung wieder lautlos herein.

Zwischen: ‚Jungfrau, wir dich grüßen‘, ‚Großer Gott, wir loben dich‘ und dem Dröhnen der Orgel, wird viel auf Lateinisch gebetet. Dazu wallt der Weihrauch in süßen Schwaden zur Kuppel. Würdevoll machen sich in ihren silber- und perlenbestickten Prunkroben der Herr Dechant und der Herr Kaplan am Hochaltar zu schaffen. Um sie das Heer der Messdiener. Der Altar ist reich mit kostbarem, mystischem Gerät beladen. Da werden herrlich ziselierte goldene Räuchergefäße geschwenkt, werden Schreine und Tabernakel geöffnet, geschlossen, geöffnet, geschlossen, Weinkelche, Hostienbehälter hin- und hergerückt. Die beiden Priester knien nieder, stehen auf, heben, senken die Häupter. Die Messdiener ebenfalls. Die beiden Priester schreiten mit gemessenen Schritten hin- und her, von einer bestimmten Altarstelle zur anderen. Hier verbeugen sie ihren Rücken, dort fallen sie ehrfurchtsvoll auf die Knie nieder in einem anscheinend genau vorgezeichneten Ritual. Wieder und wieder gehen sie mit exakt berechneten Bewegungen bald nach rechts, bald nach links herum, beten, singen die lateinischen Texte, die jeder Gläubige längst auswendig kennt, aber kaum einer versteht. Sie segnen Hostien, segnen Wein. Segnen, zum Kirchenschiff gewandt, die Menge. So wie es Brauch ist.

Nicht nur die frommen, auch die weltlich eingestellten Menschen kommen auf ihre Kosten. In einer Zeit, wo es Fernreisen und Fernsehen nicht gibt, holt man sich hier Eindrücke und Gesprächsstoff für die ganze Woche.
In ihrem Sonntagsstaat glänzen die Mädchen und jungen Frauen, denn im langsam beginnenden Wirtschaftswunder fängt man gerade an, sich modisch zu kleiden. Schick sind damals die taillenschmalen, auf Figur gearbeiteten Kostümchen mit dem bleistiftengen Rock bis zur Wade. Toll sind Stöckelschuhe mit pfennigdünnen Absätzen. Und natürlich die hauchzarten, gerade erfundenen Perlonstrümpfe.

Wenn man nach vorn, zum Altar geht, um die Kommunion zu empfangen, wird man natürlich von der ganzen Gemeinde gesehen und begutachtet. Auf hochhackigen Pumps, in ihren eleganten Kostümen stöckeln die schlanken und weniger schlanken Mädchen nach vorn, auch biedere Matronen, gestandene Mannsbilder und zittrige Alte. Alle unter den Augen der unbestechlichen Zuschauer. Erst muss man den langen Gang zwischen den Bankreihen souverän hinter sich bringen. Da geht es nur im Schneckentempo vorwärts, weil der Herr Pastor sich am Altar mit dem Austeilen des heiligen Sakramentes behäbig viel Zeit lässt. Endlich kniet man vorne an der Kommunionbank, wo man sich mit gesenkten Lidern und weit aufgesperrtem Mund den Leib Christi in Form der runden, weißen Hostie auf die Zunge legen lässt. Danach kehrt man mit gesammelten, verklärten, vom übersinnlichen Erlebnis durchleuchteten Zügen wieder zurück zum Platz in der Bank, wo man sich sofort niederkniet, den Kopf senkt, das Gesicht tief in die Handflächen vergräbt. So gehört es sich. Auf diese Art gibt man sich eine Weile bewegungslos der inneren Einkehr hin.

Für Beobachter, die selbst nicht zur Kommunion gehen, ist es eine schöne Abwechslung, die lange Prozession der nach vorn strömenden, der durch die Gänge zurückkehrenden Gläubigen - jeder kennt ja jeden! - zu beobachten. Die jungen Frauen interessieren immer am meisten. Man registriert genau, wie die eine oder andere heute aussieht, ob schlecht oder blühend, modisch übertrieben oder schön solide.
"Dem Klaus Böhning seine Frau - wie heißt sie denn gleich? - ist wieder schwanger, als ob die nicht schon genug Bälger hätten ... und hast du Beckers Helga gesehen? ... Die ist aber plötzlich alt geworden!"
Über solche und ähnliche weltbewegende Themen wird man nachher draußen ausgiebig tuscheln.

In der Marienstocker Kirche scheint das Hochamt nie zu enden. Immer wieder ein Gebet, eine Litanei, eine Predigt, eine Lesung, ein gemeinsam gesungener, orgeldurchtoster Choral.
Wenn endlich nach fast neunzig Minuten am Altar hell und dünn das kleine, vom Messdiener geschwungene Glöckchen bimmelt, der Herr Dechant noch feierlicher am Altar mit Hostie und Kelch hantiert, weiß jeder: jetzt hat die Wandlung begonnen. Jetzt werden Brot und Wein zu Christi Fleisch und Blut. Da ist es so still, man hätte eine Nadel fallen hören. Niemand hätte jetzt gewagt, zu hüsteln.
Anschließend kommt die schon geschilderte Massen-Kommunion. Danach neigt sich das Hochamt seinem Ende zu. Gleich ist es für diese Woche wieder einmal überstanden.

*



HERMINE 'KIPPT UM'

Hermine, inzwischen zehneinhalb Jahre alt, hat in letzter Zeit einen Horror vor dem Kirchgang. Denn sie 'kippt um'. Wenn sie sich wenigstens hinten ans Portal stellen dürfte, dann könnte sie mit ein paar Schritten an die Luft rennen, wenn sie die Ohnmacht sich aufbauen spürt. Kein Mensch würde etwas mitbekommen. Aber der Vater besteht darauf, dass sie nach vorn geht. Denn alles muss seine Richtigkeit haben und vorne knieen nun einmal die Schülerinnen, schön nach Altersstufen geordnet, die Jüngsten am nächsten zum Altar. Hermine muss sich zu den Mädchen aus ihrer früheren Volksschulklasse gesellen, obwohl sie seit einem halben Jahr nach Brückenstadt zur Mittelschule fährt.

Hinter den Reihen der Schülerinnen beginnen die Reihen der Frauen. Und auf der anderen Seite vom Gang sitzen die Männer: vorne die Knaben, anschließend die Erwachsenen. Männer und Frauen sind streng getrennt. So ist es immer gewesen, so gehört es sich.

Hermine versucht, ihren Platz wenigstens am äußeren Ende einer Bank zu erwischen. Aber auch von da kann sie, wenn sie die Ohnmacht kommen spürt, nicht schnell genug aus der Kirche hinausrennen.
Manchmal gelingt es ihr noch, den Gang zu erreichen. Sie, schlägt dann mit einem Plumps auf dem steinernen Boden auf. Ehe sie zusammenbricht, gibt sie immer einen kleinen Schrei von sich, was Ohnmachtskandidaten - so sagen die Leute - normalerweise nicht tun. Alle starren natürlich hin, wenn man das kleine Knochenbündel wieder einmal mit nach innen verdrehten, weißen Augäpfeln zur Kirche hinaus schafft.

Man wundert sich über die häufigen Ohnmachten des Kern-Mädchens. Die etwas von der Sache zu verstehen glauben, sind schon lange heftig besorgt. Dieses Kind habe epileptische Anfälle, heißt es. Garantiert. Was sonst soll es sein? Das Gerede macht aber Margarete, die Oma, fuchsteufelswild. Deswegen legt sie sich mit der ganzen Nachbarschaft und allen möglichen Leuten an:

"Epileptiker haben Schaum vor dem Mund. Und wo hat sie den ... heh? Seht ihr Schaum? Seht ihr Krämpfe? Nein! Das ist ja die Höhe, uns eine Epilepsie zu unterstellen", schreit die Oma, "eine Epilepsie gibt es in unserer Familie nicht, hat es nie gegeben, wird es auch nie ... nein, ich weiß was mit dem Mädchen los ist ... total überfordert ist es ... die HOCHSCHULE ist schuld. Dort muss es ja unbedingt hin. Die lange Eisenbahnfahrerei, die anstrengenden Wege, das ist es, was das Kind fertig macht und all das unnütze Zeug, das es lernen muss. Ich bin ja von Anfang an gegen die STUDIEREREI gewesen. Jetzt kann das bayrische Luder - sie meint natürlich Lisa - sehen, was sie damit ange ... "

"Du hast vergessen, dass die Hermine schon umgekippt ist, als an Schule noch nicht zu denken war", sagt Zilli wütend.

"Aha, aha!", schreit die Oma, "jetzt fällst du mir auch noch in den Rücken ... ich hab ja schon längst in dieser Familie nichts mehr zu melden, mein eigener Sohn hat mir den Mund verboten. Seit DIE DA (das ist schon wieder an Lisa adressiert) im Haus ist, geht dort sowieso alles drunter und drüber ...
"Und DAS DA, (damit meint sie Hermine) bekommt wahrscheinlich nicht einmal genug zu essen. Das ist ja so elendig, guck‘s nur an! Jeder Windhauch bläst es um!"





*

Was bisher geschah:

Hermine ( Minou ) wird 1939 geboren. Sie ist zirka ein Jahr alt, da stirbt ihre Mutter bei der Geburt des Bruders Werner. Vater ist Soldat im Krieg. Nach mehreren Versuchen mit ‚Haushälterinnen‘ wird das Kind zu Anna, einer Tante, gebracht. Dann heiratet Papa wieder. Lisa, die neue Mutter, holt die jetzt viereinhalbjährige Hermine und Werner zu sich. Papa - ständig an der Front - ist für die Kleinen ein Fremder, an den sie sich kaum erinnern. Einen Teil des Krieges verbringen die Kinder und Lisa in Evakuierung auf einem Gutshof in Bayern. Dort bringt Lisa auch ein neues (Stief) Brüderchen zur Welt, den Maxl. Nach Kriegsende kehrt die kleine Familie ohne den Vater wieder nach Marienstock zurück. Die Kinder sind problematisch: Werner nässt das Bett, Hermine ist immer traurig und wird oft ohnmächtig. Papa kommt eines Tages als Spätheimkehrer nach Hause und betreibt bald eine Bohnerwachsfabrik, 'die Xanutta‘ 1949 als Minou zehn Jahre alt ist, fährt sie täglich nach Brückenstadt zur ‚Mädchenmittelschule.‘

*




27
DANN DER ONKEL HANS

Hermine ist zehn Jahre alt und geht in die Sexta der Mittelschule. Jeden Morgen fährt sie die fünfunddreißig Kilometer mit dem Zug von Marienstock nach Brückenstadt. Und am frühen Nachmittag wieder zurück.

Was den Kindern als erstes ins Auge fällt, wenn sie am Bahnhof aussteigen, um durch die Trümmerlandschaft zu ihrer Schule zu marschieren, sind die vielen Stände rechts und links der noch längst nicht wieder hergestellten Hauptstraße. Die Häuser dort - früher bekannte Geschäfte – liegen zwar nicht mehr ganz in Schutt und Asche, aber sie sind jetzt chaotische Baustellen.

Vor ihren einstigen Läden verkaufen Metzger an Büdchen Bratwürste und Wurstwecken und alteingesessene Obsthändler bieten auf Markttischen im Freien jetzt ihre Früchte an. Sie alle verdienen gutes Geld, denn am Morgen, wenn die Züge aus dem Umland ankommen, ergießt sich eine riesige Menge von Pendlern - Arbeitern und Angestellten - zu den wieder erblühenden Firmen in der Stadt. Da herrscht bereits in der Frühe hektisches Treiben. Lebendige, hoffnungsvolle Tage sind angebrochen!
Herrlich ist es für Minou und ihre Kameradinnen, wenn sie sich – leider selten - eine dieser Rostwürste mit Senf leisten können, deren Duft die ganze Gegend erfüllt. Die Rostwurststände sind in jener Zeit der große Renner. An einem Dutzend davon kommen die Kinder auf ihrem Weg zur Schule vorbei. Überall hängt das würzige Grill- und Brutzelaroma in der Luft.

*



Christel Dornbüsch, Hermines Klassenkameradin, die neben ihr in der Bank sitzt, erzählt ihr, dass sie oft bis zum Abend bei den Müllers bleibt. Die Müllers wohnen nicht weit von der Schule entfernt. Einmal gelingt es der Freundin, Hermine dorthin mitzulotsen:
"Du wirst sehen, bei denen ist es schön!"
"Schön" ist gar kein Ausdruck. Sie haben eine herrliche Wohnung in einem Neubau. Vornehm. Hermine ist beeindruckt.

Die Müllers, das sind Hans Müller, den Christel ‘Onkel Hans’ nennt und seine Frau, die Waltraud.
Die Waltraud ist immer am Kochen, am Putzen. Wenn die Kinder da sind und alles in der Wohnung blinkt und strahlt, nimmt sie ihre Handarbeit vor. Dann strickt sie. Oder sie stickt. Aber sie hört auch gern Musik. Sieht hübsch aus. Redet wenig.

Onkel Hans ist laut. Kaum kommt er zur Tür herein, ist es, als ob die Wohnung plötzlich auf einen Schlag voller Menschen wäre, soviel Stimmung bringt er mit. Weil er auch immer lustig ist und seine Sprache verstellen kann, sich dann anhört wie der Heinz Erhard. Er ist groß, ein bisschen dick, blond, zirka vierzig Jahre alt. Und wenn er Witze erzählt, lachen die Kinder sich schief, ob sie wollen oder nicht ...

Onkel Hans hat es schon zu etwas gebracht. Das ist nur wenigen gelungen, so kurz nach dem Krieg. Er ist nämlich Handelsreisender. Vertreter für Radios, Musiktruhen, elektrische Haushaltsgeräte. Das ist eine gute Existenz, sagt Christel, hätte ihre Mutter gesagt. Weil, in Deutschland müssen die Leute sich nach dem Krieg ja alles frisch anschaffen.
Die Müllers haben bei ihrer Eigentumswohnung sogar eine große Sonnenterrasse nach Süden. Hans Müller ist stolz auf sich, auf die Wohnung und sein frisch gekauftes, vornehmes Auto, den silbernen Mercedes. Und auf die Waltraud.
"Sie ist Hausfrau mit Leib und Seele", sagt er, "so muss es sein in einer guten Ehe. Dass Mann und Weib an einem Strang ziehen."
Waltraud lädt häufig Leute in ihr schickes Heim ein. Sie mag auch Kinder gern, hat aber selbst keine. Deswegen ist sie ganz froh, meint sie, wenn Christel und Hermine sie möglichst oft besuchen.
"Ihr könnt jederzeit herkommen und bei uns eure Hausaufgaben machen. Hier habt ihr Platz und Ruhe."

Bei den Müllers in der Küche steht ein riesiger Kühlschrank. Der ist etwas Neues, nie Dagewesenes, denn er hat ein eingebautes Gefrierteil ... supermodern. Dass es EISFÄCHER gibt, wo Lebensmittel monatelang eingefroren bleiben, davon haben die meisten Leute noch nie gehört. Erst wenige besitzen einen simplen Kühlschrank. Bei Hermine daheim gibt es nicht einmal so einen.

Waltraud serviert den Kindern nachmittags Erdbeertorte mit Schlagsahne. Und später - o blaues Wunder - eine große Portion Eiscreme. Herrlich türmt sich das köstliche Kunstwerk in Riesenschalen vor den Mädchen auf. Eiscreme aus rot-grün-orange-rosa übereinandergelagerten Schichten. Eigenartig fruchtig. Hm ... das schmeckt! Banane, Pfirsich, Zitrone, Waldmeister ... Und dazu Vanille. Oben ist das Ganze noch mit Schokoladetrüffeln und Kirschen verziert.

"Was hab ich dir versprochen? Ist das nicht toll?" Christel grinst.
"Ja, der Wahnsinn!" Hermine kann es kaum fassen.

Eiscreme bekommt sie daheim nie, denn: "So große Sprünge können wir nicht machen", sagt Lisa. "Ich muss jeden Pfennig dreimal umdrehen. Weil der Papa, seit er aus Gefangenschaft zurück ist, nur immer experimentiert und mit seinem blöden Bohnerwachs herumfuhrwerkt ... statt sich eine gute Lebensstellung beim Staat zu sichern, wo er doch Abitur hat und Offizier war und so viele Deutsche im Krieg gefallen sind und andere Nazis waren und deshalb nicht genommen werden dürfen. Man weiß, dass sie jetzt jeden übrig gebliebenen ANSTÄNDIGEN, intelligenten Mann im Land brauchen. Ja , sie haben ihm eine Beamtenlaufbahn auf dem Einwohnermeldeamt angeboten, aber dein Vater steht ja lieber in einem kalten Kellerloch und kocht Schuhwichse, das ist doch nicht mehr normal", jammert Lisa.

Da kommt Christel schon aus einer besser gestellten Familie. Ihr Vater ist nämlich Polizeioberwachtmeister.
Sie wohnt am Stadtrand. In einem großen Haus, das wie fast alle anderen in dem Viertel von Brandbomben zerstört war. "Wenigstens sind die Außenwände stehen geblieben", sagt sie. Noch immer wird gebaut und renoviert. Aber die Zimmer im Erdgeschoss haben ihre Eltern schon wieder schön hergerichtet.

Die Müllers jedoch scheinen REICH zu sein. Der Onkel Hans und die Waltraud haben immer schicke Kleider an und in der Küche die modernsten Geräte. Im Wohnzimmer steht eine nagelneue Musiktruhe aus warm-gelbem, poliertem Schleiflack mit aufklappbaren Türen. Mit Radio und Plattenspieler. Beinahe dreißig Schallplatten sind in einem Halter auf dem nierenförmigen Beistelltisch aufgereiht. Die beiden Schülerinnen dürfen da Musik hören, solang sie wollen.
"Heimweh nach dir, old Virginia" ,
"Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt",
"Heimat, deine Sterne" oder
Zarah Leander: "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn und dann werden tausend Märchen wahr..." so etwas eben ...

Wenn der Onkel da ist, singt er auch laut und tanzt ausgelassen mit den kleinen Mädchen im Zimmer herum. Dann ist richtig was los.
Eigentlich sind die Kinder mit den Müllers nicht verwandt. Aber Christel hat gesagt, ihre Eltern kennen die beiden schon seit Jahren.
Eines Tages gehen Christel und Hermine wieder einmal nach der Schule zur Waltraud. An dem Tag gibt es Sauerbraten mit Kartoffelklößen und Kopfsalat. Danach natürlich eine Riesenportion Eis. Anschließend machen die beiden Mädchen ihre Schulaufgaben auf der sonnigen Terrasse. Die Waltraud legt sich ein bisschen hin, weil sie heute abend mit einer Freundin ins Skala gehen will. In die Nachtvorstellung: einen Arzt-Liebesfilm mit Dieter Borsche und Maria Schell.

Hermine und Christel haben es sich richtig gemütlich gemacht. Holen sich Cola aus dem Kühlschrank. Waltraud hat ihnen auch erlaubt, Schallplatten zu hören, während sie Vokabeln pauken. Das ist normal, denn andere Schüler lassen neuerdings im Hintergrund beim Hausaufgabenmachen ständig das Radio dudeln.

"Das ist verruckt ... wie soll eine Mensch das im Gehirn aushalten?" hat Mademoiselle Beaulieu, die Französischlehrerin, warnend gerufen und sich an die schwarzumlockte Stirn getippt, als sie davon hörte. Diejenigen, die es anging, haben nur gegrinst.

Onkel Hans kommt früh von seiner Vertreter-Tour zurück. Weil Christel und Hermine mit den Hausaufgaben fertig sind, meint er, er könne sie doch beide heimfahren. Mit dem Wagen. Die Kinder finden das eine supergute Idee. Von Tante Waltraud verabschieden sie sich diesmal nicht. Die hält noch ihren Schönheitsschlaf.

Der Beifahrersitz des Mercedes ist so breit, dass beide Mädchen darauf passen.
Zuerst setzt Onkel Hans Christel vor ihrer Tür ab, denn sie wohnt ja nur ein paar Straßen weiter.
Danach geht es in Richtung Marienstock.

Was für eine herrliche Fahrt. Mine hat noch nie im Leben in einem so tollen Auto gesessen. Wie auf Wolken gleiten sie dahin, schnell und weich. Das neue Auto riecht innen ganz frisch nach Leder und sogar ein bisschen nach Parfüm und ist tausendmal bequemer als Papas alte Klapperkisten.
"Das gefällt dir, nicht wahr? Es gefällt dir immer bei uns, oder? "
"O ja."
"Weißt du, wir haben dich sehr gern. Besonders ich. Ich hab dich viel lieber als die Christel", fährt er fort und wird rot wie ein Krebs. "Für dich würd ich die Christel glatt stehen lassen!"
"Das ist unfair. Du kennst sie doch schon viel länger als mich", sagt Hermine verwirrt.
"Du bist aber ... netter."

Ein bisschen freut sich Hermine SCHON, dass er sie gern hat. Auch wenn sie ihn gar nicht so besonders mag. Er ist ziemlich dick und meistens zu laut. Nein, besonders gern hat sie ihn nicht ... sie kann ihn gut leiden, so wie sie viele Leute gut leiden kann. Oft bringt er sie ja auch zum Lachen ...

Auf einmal legt er seinen Arm um ihre Schulter.
Das gefällt ihr überhaupt nicht.
"Du hast so schöne Zöpfe, du bist ein so nettes Mädel", sagt er. "Ich hab dich lieb!"
Das ist Hermine furchtbar peinlich. Weil ihr das nie passiert ist, dass jemand so den Arm um sie gelegt hat. Und nie hat ihr jemand gesagt, dass er sie lieb hat. Der Papa nicht und die Lisa schon gar nicht. Auch die Zöpfe hat bis jetzt noch niemand gelobt ... sie waren einfach da. Basta. Rattenschwänze.

Kurz vor Marienstock hält der Onkel Hans am Ackerrand den Wagen an.
"Warum", fragt Hermine, was ist los?"
"Komm wir ruhen uns ein bisschen in dem schönen Auto aus. Wir haben es doch nicht eilig ... oder?"
"Nein ..."

Er sitzt so komisch da, ist rot im Gesicht und mit seiner Hand ist er dort unten an seinem Hosenlatz, wo jedes Kind weiß, dass es sich nicht gehört, wenn einer sich da anfasst und dran herumfummelt ...
Hermine passt das gar nicht. Es ist einfach eklig.

"Guck mal", sagt er, "was ich da Schönes habe!"
Das Schöne ist ein schlaffes Ding, das auf einmal klein vor seinem Bauch hängt wie eine rohe Bratwurst, nur mickriger. Eher wie eine fette, fahle Schnecke. Baumelt weiß zwischen Onkel Hans mächtigen Hosenschenkeln. Hermine hat keine Ahnung, was er da ... ach, sie kann gar nicht mehr hingucken, es ist ...

Ein rosa Hemd und einen vornehmen, taubenblauen Anzug hat der Onkel Hans an. Der bleiche, madige Fleischwurm, der da so komisch lungert, passt überhaupt nicht dazu. Würde nirgendwo hinpassen ... Etwas Abscheulicheres hat Hermine ja noch nie gesehen!
Es muss bestimmt der Blinddarm sein ... Appendix, Wurmfortsatz. Das haben sie doch neulich in Bio durchgenommen ... Genau der muss es sein: ein aus dem Bauch herausgequollener ‘Wurmfortsatz.’
Wirklich ... was so schwabbelweiß und krank aussieht, kann nur etwas total Unnormales ...

Der Onkel Hans macht an dem Ding herum.
"Schau mal, schau mal", flüstert er und rückt näher.
„Guck mal ... es wächst!“
Hermine bleibt vor Schreck der Mund offen stehen.
„Fass es doch mal an!“
„Nimm‘s weg!", schreit sie.
„Ach komm“, sagt er und versucht, ihre Hand zu greifen.
"Machs weg!" Hermines Stimme überschlägt sich. Der Mann sieht nicht, dass das Kind im Gesicht grün ist.
"Komm", sagt der Onkel Hans, "fass ihn an, meinen kleinen Freund. Er mag das. Fass ihn an! Probier das doch mal ... Schau, er ist schon viel größer geworden!"

Da wird ihr schlecht.

Onkel Hans packt Minchens Hand. Das Kind reißt sie ihm schnell fort. Es verhakt die Finger seiner Hände ineinander. Weiß treten die Knöchel hervor. Es verhakt beide Hände so fest, dass er sich keine davon greifen kann.
"Sei doch lieb ... Fass ihn an ..."
"Nein", schrillt Hermine.
Aber er fummelt weiter an dem Ding herum, dass der ganze Vordersitz wackelt. Da macht das bleiche, hässliche Objekt plötzlich ein paar komische Hopser und oben kommt etwas Weißes raus, wie dicke Milch, so sämig weiß.
Hermine muss gleich brechen.

Am Ende putzt der Onkel Hans das Ding mit dem weißen Taschentuch ab und stopft es zurück in die Hose. Wahrscheinlich auch, weil Hermine wie am Spieß schreit.
"Tu das weg“, hat sie schon die ganze Zeit gebrüllt, „tu das sofort weg!“

Schnell fährt der Mann sie nach Hause.
Als er das Auto anhält, zieht er sie plötzlich zu sich hin ... streichelt sie ... ihre Wange, ihr Haar:
„Gell, anfassen darf ich dich aber ... ich mag dich doch so gern!“
"Lass mich! Ich muss heim!"
"Du bist doch ein verständiges Mädel. Versprich mir, dass du es niemand erzählst, dass ich dich so lieb habe. Wir haben jetzt ein großes Geheimnis, oder?" Er lächelt komisch.
Dann lässt er sie aussteigen. Beim Wegfahren winkt er aus dem Fenster - ganz freundlich - und wirft ihr einen Kuss zu - Er hat nur jemand aus einem Film nachgemacht und das war richtig blöd und passt gar nicht zu ihm, denkt Hermine später im Bett.
Und dort denkt sie noch lang an alles und sie ist verwirrt und es war so hässlich und sie ist sehr traurig. Und nach Parfüm roch er auch. Wie sonderbar!

Zur Waltraud geht sie noch einmal. Zwei Wochen später. Weil Christel unbedingt hin will.
Natürlich erzählt Hermine der Freundin NICHTS von der Sache im Auto. Denn die würde vielleicht meinen, sie wär selber schuld.

Vielleicht ist es auch normal, DAS mit dem Onkel Hans, was weiß ich?, fährt es Hermine durch den Kopf. Womöglich machen alle erwachsenen Männer so etwas, wenn sie ein Mädchen lieb haben?? Warum sollte sie deswegen nicht mehr zur Waltraud gehen? Die kann ja nichts dafür.
Aber eigentlich ist es die Lust aufs Musikhören und auf Eiscreme, die Hermine wieder zu den Müllers treibt.

Eis essen sie an dem Tag eine ganze Menge und auch Schallplatten hören sie wie immer. "La mer, qu‘on voit danser le long des golfes clairs ..." singt Louis Trenet.
SCHÖN.

Da kommt der Onkel Hans ins Wohnzimmer. Er sieht Hermine, grinst, legt den Zeigefinger an seine Lippen, wie, um ihr oder sich den Mund zu verbieten, und das schaut dumm aus und so etwas macht ein richtiger Mann doch nicht, wenn er ein Mädchen lieb hat, muss Hermine denken. Er zwinkert ihr zu. Das mag sie schon gar nicht.
"Ich kann euch doch nachher heimfahren, euch zwei Hübsche?", fragt er. Christel nickt.
"Mich aber nicht", sagt Hermine.
„Warum nicht? Es ist doch schön in meinem Auto!“
„Ich will nicht“, sagt Hermine.
„Dann fahr‘ ich auch nicht mit“, murmelt Christel.
Der Onkel Hans legt eine neue Platte auf: ‚Über den Wellen.‘ Er weiß, dass den Mädchen die Melodie gefällt.
„Pass auf, ich zeig dir, wie man Walzer tanzt!“ Der Mann will Hermine am Arm vom Stuhl hochziehen.
„Nein!“, schreit sie.
In dem Moment kommt die Waltraud herein.

"Ach, da ist ja mein lieber Schatz", ruft der Onkel Hans, nimmt die Waltraud fest in die Arme, zerrt sie mit Tanzschritten durchs Zimmer. Und sie quiekt wie ein Schweinchen, weil er sie ganz wild drückt.
"Ich walze mit dir in den Himmel... ", schmettert Onkel Hans. Und schielt dabei am Kopf seiner Frau vorbei zu den beiden Kindern hin. Zwinkert ihnen abwechselnd zu.
Hermine wird übel. Jetzt muss sie brechen. Rennt aufs Klo. Warum hat sie auch so viel Eis gegessen?

*


"Ich komm noch ein Stück mit dir, Christel", murmelt sie, als die beiden Freundinnen später unten auf der Straße stehen.
"Weißt du ... der Onkel Hans ...", fängt Hermine auf dem Weg zaghaft an und stockt.
"Was ist mit ihm? Du kannst ihn nicht leiden, stimmts? Das hab ich schon lang gemerkt!"
"Aber ..."
"Was ist denn?"
"Ach ... nichts."

Dann marschiert Hermine zum Bahnhof und nimmt den Zug nach Marienstock.

Von da an hält sie sich vom Haus der Müllers fern. Sie will auch nicht mehr an das Ding erinnert werden, von dem sie schon eine Minute später gewusst hatte, dass es kein Blinddarm und kein ‘Wurmfortsatz’ war. Das hatte sie sich nur vorgemacht.

*

Ein halbes Jahr später denkt Hermine nicht mehr oft an die Sache.

Bis eines Morgens. Da kommt Christel aufgeregt in die Schule gerannt.
" Stell dir vor... sie haben den Onkel Hans verhaftet, UNSEREN On... wenn du wüsstest, was bei mir daheim los ist und wie mein Vater herumbrüllt. Er und seine Kollegen haben ihn gestern festnehmen müssen. Der Onkel Hans ist ein Sitt-lich-keits-ver-bre-cher", stammelt sie. "Und die Waltraud ist ein böses Luder, die hätte von seiner Ab-artigkeit gewusst", sagt mein Vater. Aber ich kann es nicht glauben."
Christel schluchzt gottserbärmlich.

Doch es ist wahr. Der Onkel ist ein SITTENSTROLCH. Es steht auch in der Zeitung, die Christel für Hermine zum Beweis mitgebracht hat:
Hans M. ein Wiederholungstäter. Besucher hatten ihn seit Tagen beobachtet, wie er im Freibad Kinder ansprach, ihnen am Kiosk Süßigkeiten kaufte, sie sogar anfasste. Er wurde in flagranti mit einer Neunjährigen ertappt. Hans M. soll sich noch über Grobheiten der Polizei beschwert haben, als die Obrigkeit ihn dingfest machte ...
"Es ist nämlich so gewesen, hat mein Vater gesagt", erzählt Christel, "der Bademeister hat ihm eine Falle gestellt. Ein schlaues, kleines Mädchen hat dabei geholfen und ist mit dem Onkel Hans in die Kabine gegangen. Dort hat man ihn dann gepackt, wie er mit herunter gezogener Hose ..."

Nach seiner Verhaftung wird es klar: Er hat zuvor schon einmal in einer anderen Stadt sein Unwesen getrieben. Da ist er noch davongekommen. Jetzt nicht mehr.

Christel lässt sich weinend in die Schulbank fallen.
"Meine Mutter schreit daheim herum wie eine Furie. Meine Mutter!! Gestern hat sie mich immer wieder gepackt und geschüttelt und wissen wollen, was der Onkel Hans mit mir gemacht hat und so ... Und mein Vater ist auf dem Revier total ausgeflippt. Mama sagt, er wäre gerade noch von seinen Polizistenkollegen zurückgerissen worden ... weil er dem Onkel Hans gleich an die Gurgel gesprungen ist. Meine Mutter sagt, das Gesetz sagt: "Niemand darf so einem Schweine-kerl ein Haar krümmen bis zur Gerichtsverhandlung, daran muss die Obrigkeit sich halten."
Die Freundin hört gar nicht mehr auf, zu schluchzen.

Hermine weiß aber: Christels Eltern hatten von den Besuchen ihrer Tochter bei den Müllers gewusst und nur Wunderbares über das Ehepaar gesagt.
Und nun lassen sie auch kein gutes Haar mehr an der armen Waltraud. Als ob sie ebenfalls eine Verbrecherin wäre.

Trotzdem ... Hermine wundert sich, warum Christel die Sache so furchtbar tragisch nimmt und WOCHENLANG in den Schulpausen immer wieder davon anfängt und sogar aus heiterem Himmel losheult. Es ist der Freundin ja nichts passiert - ihr selbst eigentlich auch nicht ... da braucht man doch kein SOLCHES Theater zu machen.

Über etwas ist Hermine aber besonders traurig: es wird ihr jetzt klar, dass der Onkel Hans sie belog und nicht einmal gern hatte. Er hat das, was er im Auto versuchte, mit anderen Mädchen genau so gemacht. Auch denen hat er bestimmt gesagt, er hätte sie lieb.

Ein paarmal ist sie nah daran, die ganze Sache der Stiefmutter zu erzählen, aber dann lässt sie es doch lieber sein.

*




28
EIN GEWISSER TAG IM JUNI

Eines Nachmittags ist der viereinhalbjährige Maxl verschwunden. Seit Opa tot ist, sind der Bub und Ruth, die schwarze Schäferhündin der Kerns, unzertrennlich geworden. Ruth begleitet ihn immer, wenn er schon am Morgen ein paar Straßen weiter zu Tante Friedchen geht. Diese gibt ihm dann zum Frühstück frisch gebackenes Brot mit Geißenbutter und ein Glas Milch. Dann spielt Maxl zusammen mit ihren Enkeln, die ungefähr in seinem Alter sind.

Auch an diesem Morgen hatte er sich mit Ruth zu Tante Friedchen aufgemacht.
Lisa ist noch nicht sehr besorgt, als er zum Mittagessen nicht heimkommt. Er bleibt manchmal bei Verwandten, isst dort mit ...

Um zwei ist er immer noch nicht da. Als Lisa dann bei Friedchen vorbeischaut, erfährt sie, dass der Bub an diesem Tag gar nicht dort war. Da ist ihr sekundenlang, als greife eine eiskalte Hand nach ihrem Herzen ... Vorahnung von etwas Entsetzlichem? Aber nein ... sie schüttelt die Angst ab ... es gibt viele Leute in Marienstock, wo er sich aufhalten könnte. Er ist von klein an, weil er ja immer mit Opa Michel unterwegs war, im Dorf gut bekannt. Auch hat der Maxl keine Probleme, auf Menschen zuzugehen. Vielleicht ist er spontan bei irgend jemandem hängen geblieben?
Lisa klappert nun alle Bekannten ab, um ihn zu finden. Nein, sie kann nicht einfach herumtelefonieren, weil in Marienstock außer der eigenen Familie – wegen der Druckerei – fast niemand einen Fernsprechanschluss hat.

Aber nicht nur macht sie ihren kleinen Sohn nirgends ausfindig, es hat ihn an diesem Morgen auch niemand gesehen. Mit dem Gefühl, dass etwas sehr Fremdes, Schreckliches in ihr Leben eingebrochen ist, schleppt sie sich nach Hause.

Inzwischen ist Papa heimgekommen. Auch Else, Werner und Hermine sind aus der Schule da. Immer mehr Leute versammeln sich in der Grubenstraße. Das unbegreifliche Verschwinden des Kindes hat sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Sofort beginnt die Suche. Polizei ist schnell vor Ort.
"Keine Panik, keine Panik", beruhigen einige, "er ist ja ein so kräftiger, vernünftiger Junge und der Schäferhund ist auch bei ihm."

Im Dorf ist er nicht. Man sucht ihn in den Wäldern. "Maxl, Maxl!", schreien sie. Brüllen sie. Man sucht ihn bis tief in die heiße, mondhelle Julinacht hinein. Eine Polizeistaffel ist mit Spürhunden dabei. Man hält den Hunden ungewaschene Unterhöschen des Kindes vor die Nasen, damit sie leichter seine Fährte aufnehmen können. Man sucht bis zum Morgengrauen in umliegenden Feldern, Wiesen, Wäldern. Er muss ja irgendwo sein – Gesetz der Logik! Tausendmal ruft man seinen Namen.
Keine Antwort. Am hellichten Tag geht die hektische Betriebsamkeit weiter. Schon in der Nacht hatten sich Marienstocker Bürger zu Gruppen zusammengetan und systematisch die Gegend durchkämmt. Inzwischen schließen sich auch Schulklassen der Suche an. Ein Grauen erfasst alle, als man am Mittag die junge Hündin mit eingezogenem Schwanz und jaulend vor ihrem Zwinger im Hinterhof des Kernschen Hauses stehen sieht.

Schon wird Maxls Verschwinden auch am Radio bekanntgegeben. Das Telefon der Kerns steht nicht still.

Oskar und die Onkel, die Nachbarn, sind immer wieder unterwegs, um Leute zu befragen, die erklärt haben, dass ihnen der Maxl da oder dort aufgefallen sei, allein oder in Begleitung mehr oder weniger verdächtiger Individuen. Man spürt einem Zirkus nach, der bis gestern in Wilhelmstal gastiert hat und schon weitergezogen ist. Und bei den Zigeunern, die in der Nähe ihr Wohnwagencamp haben, machen die Polizisten mehrmals Razzien. Nicht ein einziger Hinweis bringt Licht ins Dunkel.
Zuletzt fängt man nun auch an, die umliegenden Tümpel zu durchsuchen. Nichts.

Margaret, die Oma, sieht aber in der dritten Nacht im Traum das Enkelkind unten im sogenannten ‘Bassing’ liegen.
"Ganz im schwarzen Schlamm vergraben sehe ich ihn", sagt sie am Morgen und ordnet sofort an, das Wasser auszupumpen. Bei diesem ‚Bassing‘ handelt es sich um ein Löschwasser-Reservoir aus Beton– Überbleibsel des vergangenen Krieges - das durch eine fast drei Meter hohe, glatt aufragende Mauer rundum geschützt ist. Es liegt direkt neben dem etwas abseits vom Dorf und zu Peter Kerns Druckerei gehörenden Gebäude, das im Volksmund ‘die Maschin’ heißt. Jeder kann von den vorhanglosen Fenstern der Maschin auf das seit Jahren mit Regenwasser gefüllte Bassin blicken. Am Besten aber vom Fenster eines winzigen Raumes aus, in dem Oskar Kern sich gelegentlich aufhält, um seine Buchführung zu machen. Weder er noch irgend ein Angestellter haben gesehen, dass der kleine Maxl am Tag seines Verschwindens dem Wasserbecken auch nur nahegekommen wäre.

Aber Margarete bleibt starr bei ihrem angeblichen Wissen.
"Träume sind ein Fingerzeig des Himmels", sagt sie dunkel und besteht darauf, den Bassing zu durchsuchen. Um des lieben Friedens willen erfüllt man der alten Frau ihren makabren Wunsch. Obwohl mehrere Polizisten schon zwei Tage vorher mit Mühe auf die Mauer hinaufgeklettert waren und hinunter auf das schwarze Wasser gestarrt hatten, war es niemandem in den Sinn gekommen, unter der Oberfläche wirklich nachzuschauen. Hirnverbrannt wäre das gewesen! Unmöglich für einen Vierjährigen, die so hohe, glatte Steinmauer zu erklimmen, die den Löschwasserbehälter vor Unbefugten schützte. Und warum sollte der Maxl da hinauf wollen, wo nie jemand hinging?

Aber die allgemeine Ratlosigkeit ist jetzt schon so groß, da tut es auch nichts mehr zur Sache, dass mit viel Trara die Feuerwehr anrückt und mit ihrer komplizierten Gerätschaft das gemauerte, recht breite und lange, etwas mehr als mannstief mit Wasser gefüllte Bassin auspumpt.

Was keiner erwartet hat ... tief unten am schlammigen Grund, in einer der vier Ecken findet man ... den Buben. Er hockt in seltsam sitzender Stellung wie an die Wand gelehnt. Die beiden Ärmchen reckt er, in den Ellenbogen angewinkelt, nach oben. So beschreiben es später die Feuerwehrleute. Dass es einfach unrealistisch ist, denken die Umstehenden, unfassbar, einfach irreal.

Zum Glück sind Lisa und Oskar, die Eltern nicht dabei, als man das Bassin auspumpt und den Buben findet. Vielleicht hat die Polizei die beiden über ihre Absicht im Dunkeln gelassen, um ihnen den größten Schmerz zu ersparen, wahrscheinlicher aber ist, dass man diese Aktion nur so nebenbei betrieb, weil hier niemand ernsthaft daran glaubte, der Junge könne zu dem durch die hohe Mauer geschützten, noch dazu mit Stacheldraht verrammelten Becken gelangt sein. Bei näherer Untersuchung durch einen Spezialisten, erweist sich die fast horizontal aufragende Wand jedoch als recht bröckelig, an verborgeneren Stellen sogar stufig, sodass es im Nachhinein betrachtet, auch für ein Kind nicht unmöglich scheint, da hinaufzukommen, wenn es das mit aller Kraft will. Aber wozu sollte Maxl das gewollt haben?

Oskar und Lisa sind zu dieser Zeit wieder, getrennt voneinander, bei der Verfolgung von eventuellen Spuren unterwegs. Oskar ist mit Onkel Willi und einem Freund im Auto noch einmal zu diesem obskuren Wanderzirkus gefahren. Und Lisa?

Eben hat eine Frau aus Alvansberg am Telefon atemlos berichtet, dass man das beschriebene Kind ganz sicher vor wenigen Minuten mit einem in der Gegend ziemlich bekannten, herumziehenden Scherenschleifer zusammen gesehen habe. Sie habe genaue Beschreibungen und Beweise ... wisse auch, wo der Mann sich im Augenblick aufhalte. Von der Arbeit der Polizei enttäuscht, läuft Lisa, in Begleitung von Zilli und Hermine, voller neuer Hoffnung los und sie sind schon auf halbem Weg zu dieser Zeugin.
.
Da kommen plötzlich Leute gerannt. Von weitem rufen sie den Frauen zu, sie brauchten nicht mehr weitergehen, man habe den Maxl gefunden. Lisa lacht und wirft die Arme in die Höhe in einem langen, befreiten Aufschrei:
"O lieber Gott, danke!"
Da schüttelt aber ein Mann, der sie inzwischen erreicht hat, hilflos den Kopf. "Er lebt nicht mehr. Sie haben ihn in die Maschin gelegt ..."
"Nein", sagt Lisa, "nein, nein, nein!" Sie schreit ohne Worte wie ein Tier weiter,hört nicht auf und rast durchs Dorf in Richtung des alten Gebäudes. Zilli und Hermine immer hinterher.

Da liegt der Maxl auf weißem Karton. Sie haben ihn ausgezogen. Nackt. Bis aufs Unterhöschen. Weil seine ohnehin dünne Sommerkleidung voller Schlamm gewesen ist, heißt es später. Sie hätten seine Glieder gerade biegen müssen, heißt es, damit sie ihn hinlegen konnten. Denn er war in hockender Stellung gefunden worden. Er liegt also beim Eingang der Maschin auf einem Stapel Karton. Erst einmal. Bis der Arzt dagewesen sein wird, wegen der Untersuchung ...
‚DER ist nicht tot...‘, das weiß Hermine augenblicklich mit Sicherheit. Sind die alle noch zu retten, die Blöden? Er ist so wunderschön, zwar weiß, aber kräftig. So sieht doch bestimmt kein Toter aus. Nein, nein, er lebt ... Warum tun die nichts ... Wie hübsch sein rundes Kindergesicht. So friedlich. So schlafend. Keine Puppe ist so süß... er wird gleich aufwachen ... vielleicht muss man ihn nur schütteln oder streicheln?
Viele Menschen stehen schweigend im Kreis, als Lisa herantaumelt und sich über ihn wirft. Da eilt auch schon Doktor Marks mit seiner Arzttasche herbei.
"Er hat nicht gelitten, kein Todeskampf hat stattgefunden", sagt der Doktor. "Er ist nicht ertrunken. Einen Herzschlag hat er bekommen, als er ins eiskalte Wasser stürzte!"

Jetzt erst trifft Papa ein. Er weint lautlos. Die Tränen laufen ihm wie dicke Perlen die Wangen herunter. Papa, den Hermine noch nie hat weinen sehen.

Papa harrt später unaufhörlich vor dem offenen Sarg aus, daheim, im Haus, Grubenstraße 10. Denn man hat den Maxl in Onkel Peters ausgeräumtem Herrenzimmer aufgebahrt. In einem Meer von weißen Lilien und Margeriten. Angetan mit einem über und über mit Spitzen besetzten Nachthemdchen, umstellt von brennenden Kerzen, ruht der kleine Körper. Stunden um Stunden wacht Papa da. Die ganze Nacht lang. Am nächsten Morgen immer noch. Ständig kommen Leute, bringen Blumen, beten. Irgendwann drängt man Oss hinüber in Zillis Küche. Jemand hat belegte Brote hergerichtet. Er hat seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen. Aber er isst auch jetzt nichts. Dort auf der Eckbank zieht Oss auf einmal Hermine, seine Tochter, auf seinen Schoß. Was er noch niemals zuvor getan hat. Oder wenn, dann in so frühen Jahren, dass sie sich nicht erinnert.
"Das ist ein schwerer Schlag", schluchzt er an Minchens Gesicht, "das ist ein schwerer Schlag, ach ach ..." Tränen laufen über seine eingefallenen Wangen.
Hermine spürt auf einmal: der Vater sehnt sich nach Wärme, nach lieben Worten. Aber, sie ist darin nicht geübt. Sie weiß nicht, was sie sagen soll. Sie hat nichts zu sagen. Sie fühlt sich leer. Kalt. Als gehöre sie nicht wirklich dazu. Als wäre überhaupt nichts wirklich. Als wäre alles nur ein sehr ferner, ein sehr dunkler, wirrer Traum, von dem man gleich aufwachen müsse ... AUFWACHEN!

Schon am Tag zuvor beim Anblick des kleinen Körpers, von dem sie einfach behaupteten, dass er tot wäre, hat Hermine gemerkt, dass da etwas nicht stimmte. Nicht stimmen konnte. Und als dann auch noch der Dr. Marks sagte, er wäre gestorben, da wusste sie: das war nicht wirklich der kleine Bruder, der da lag. Sie haben ihn ausgetauscht! Gegen eine Puppe aus weißem Wachs oder so. Die ist ihm hundertprozentig ähnlich. Dann auch wieder gar nicht ähnlich.
"Jemand macht allen Leuten etwas vor", denkt Hermine, "so gleichmäßig, so starr kann niemals Maxl sein. Viel zu glatt, viel zu weiß. Nein, nein, das sieht doch ein jeder, dass das nicht Maxl ist!"
Hermine behält dieses Wissen für sich. Aber in ihr ist ein riesengroßes Staunen. Sie haben da eine Puppe hingelegt. Aber warum?

Jetzt, auf Papas Schoß, ist Hermine ganz ruhig. Steif. Hat nur den Wunsch, schnell wieder herunterzukommen. Endlich lässt der Vater sie los.

Lisa, die Stiefmutter redet mit niemandem mehr. Geht einfach nur so herum. Weint überhaupt nur noch. Von morgens bis abends. Zu ihr schickt der Herr Pastor eine Schwester. Eine katholische Ordensfrau. Die kümmert sich tagelang um Lisa. Kocht. Hilft im Haus. Betet mit der Familie. Sagt Lisa, sie müsse jetzt stark sein. Und dass der Herr ihr bestimmt neue Kinder schicken werde.

Während des Tages mit all den Besuchern, all der Trauer, ist Hermine viel weniger traurig als die anderen. Sie denkt jetzt, dass der wunderschöne Bub im Sarg vielleicht doch Maxl sein kann, obwohl sie es tief innen immer noch nicht wirklich glaubt.

Gern gehabt hat Hermine den kleinen Kerl bestimmt. Doch hatte sie sich nie darüber Gedanken gemacht. Als er noch ein Baby war und im Laufställchen in der Küche stand, hat er ihr immer seine Ärmchen entgegengestreckt, wenn sie hereinkam. Hat ihr so süß sein ‘Minu, Minu, Minu’ entgegengekräht.
Sie hat ihn aber, als er größer geworden war und laufen konnte, nicht mehr wirklich wahrgenommen. Mit ihm gespielt hat sie schon gar nicht. Und nicht ein EINZIGES Mal ist sie mit ihm spazierengegangen. Obwohl Lisa das gern gehabt hätte. Zwei- oder dreimal hat sie ihn Sonntags morgens zu sich ins Bett geholt, weil er zu ihr gekrabbelt war. Hatte dann mehr schlecht als recht versucht, ihm eine Geschichte zu erzählen. Aber ihn doch zum Lachen gebracht. Denn er lachte leicht. Er hatte Grübchen in den Wangen, wenn er lachte. Aber die ganze Sache hatte sie schnell gelangweilt. Sie hatte lieber Reißaus genommen, wenn der Kleine auch nur von fern anrückte ...

Tatsache ist, dass nicht einmal sein Tod Hermine jetzt besonders aufwühlt. So kalt ist sie. Im Herzen spürt sie eher Taubheit als Schmerz. Sie ist sich ihrer Kälte sehr wohl bewusst. Fühlt, dass das nicht normal ist. Weiß jetzt: Lisa hat Recht gehabt! Die hat ihr schon immer gesagt, dass sie durch und durch ‘verbogen’ ist. Ein seelischer Krüppel ...
Neben Hermine steht die Cousine Else am Sarg, schluchzt herzzerreißend. Alle weinen. Nur SIE weint nicht ...

Am vielleicht zweiten oder dritten Tag der Aufbahrung, - genau weiß Minou das heute nicht mehr - läuft sie ganz früh zum Herrenzimmer und öffnet die Tür. Sie muss sich vergewissern, ob das Unfassbare tatsächlich geschehen ist, oder ob es doch, was ihr viel wahrscheinlicher vorkommt, nur ein bleischwerer nächtlicher Albtraum war, der sich im Licht dieses neuen, sonnigen Morgens endlich, endlich in Nichts auflöst. Aber da liegt er ja ... wie gestern, es ist kein Alptraum, es ist WAHR. Alles ist Wirklichkeit.
Schon packt eine Frau sie bei den Schultern, drückt sie wieder auf den Flur hinaus. Aber sie hat es schon gesehen: Maxls gestern noch wunderschönes, weißes Puppengesicht inmitten all der Blumen ist auf einmal nicht mehr klein, sondern dick, wie gedunsen ... er ist es nicht mehr, nun ist er es schon gar nicht mehr ... dieses fremde Gesicht hat auf Stirn und Wangen rote Risse. Aus denen sickert eine Art rosa Wasser. Auch ist der Myrrhegeruch im Zimmer stärker geworden über Nacht.
Da herrscht ein eiliges Gelaufe, Geflüstere, ein Getrappel von Füßen im Haus. Dann bringen sie einen Deckel. Machen den Sarg zu. Am nächsten Tag ist die Beerdigung.


*
Lisa erholt sich äußerlich ziemlich rasch von Maxls Tod. Sie hat keine Zeit zur Trauer. Muss kochen, waschen, weitermachen wie bisher. Es ist, als ob nach einigen Wochen außer Oskar, ihrem Mann, kaum einer noch viel an den Maxl dächte. Aber auch Oss ist nicht ganz für Lisa da. Er kommt spät abends heim wie immer. Dann spricht er vom Geschäft. Oder er sitzt wieder wie früher bei Peter, Zilli und den anderen unten im Herrenzimmer. Dort wo Maxl aufgebahrt gewesen ist. Da geht es bald wieder munter zu wie eh und je ... Lisa ist auch jetzt nie dabei.

Bald gibt es Leute im Dorf, die verbreiten blödes Gerede und sagen, was mit dem Buben passiert sei, wäre die Strafe des Himmels. Weil die Frau die zwei Stiefkinder so lieblos behandelt habe. Lieblos.
"Gemeine Menschen!", sagt Zilli, "hat es immer schon gegeben."


"Dass ein Kind beim Tod seines Geschwisterchens so ‘unverfroren’ sein kann!" sagt Lisa später zu Frau Schmitt, einer Nachbarin und Klatschtante. Lisa meint damit Hermine. Denn es war folgendes geschehen. Lisa erzählt:
"In der Nacht, bevor wir den Maxl fanden, als wir alle gegen drei Uhr morgens vom Suchen in den Wäldern heimkamen und halbtot in die Betten fielen, da hat ‘das da’ in seinem Zimmer angefangen zu SINGEN. Erst dachte ich, mein Zustand hätte mich schon zum Halluzinieren gebracht. Aber nein! Oss hat es auch gehört. ‘Das da’ hat gesungen. Stell dir vor, der Maxl war verschwunden und in Wirklichkeit schon tot, nur wir wussten es noch nicht ... und es sang. Vor Schadenfreude wahrscheinlich... Dass das Mädel nicht ganz normal ist, weiß ich ja schon lang ... aber sowas!" Lisa sagt das absichtlich so laut zu Frau Schmitt, dass Hermine es hören muss.

Hermine schämt sich furchtbar ... aber es ist leider wahr. In dieser Nacht, in der sie vergeblich nach Maxl gesucht hatten und alle verzweifelt heimgekehrt waren, verzweifelt bis auf Hermine, da hatte sie nachher allein in ihrem Dachzimmer zu singen angefangen ... sie hatte sich nichts Böses dabei gedacht. Eine selbstgemachte, dunkle, feierliche, wortlose Weise ist wie ein mächtiges Orgelbrausen aus ihr herausgeströmt, eigentlich ohne ihr Wollen.
Hatte das Singen überhaupt etwas mit Maxls Verschwinden zu tun? Tatsächlich hat sie dabei noch an nichts Schlimmes gedacht, nichts Tödliches, das ihm hätte zugestoßen sein können. Sie war sicher, dass er lebte. Man hatte ihn noch nicht in dieser Nacht gefunden, man würde ihn eben morgen finden!

Warum aber musste sie überhaupt singen? Dieses Aufgewühltsein war schuld daran. Heimgekehrt vom stundenlangen Lauf durch die Wälder und Wiesen, war sie innen so erregt, als ob sie nie im Leben mehr würde schlafen können. Die Hochsommerhitze in der Nacht, suchende Polizeitrupps und all die Taschenlampen in der Dunkelheit, die Nähe so vieler hektischer Menschen, der erdige Geruch aus den Tiefen der Wälder, die sie durchstreiften, das Hin- und Her von menschlichen Stimmen gemischt mit den Schreien der Nachtvögel, Geflimmer von Millionen Glühwürmchen in den Büschen. Und am Himmel die Sterne! Die Hitze der Julinacht! Hermine war wie außer sich. In einer rätselhaften, doch hoch erhabenen Stimmung. All das entlädt sich, explodiert in ihrem feierlichen Gesang. Oder ist da noch etwas anderes? Sie fühlt sich sogar erleichtert, als sie singt. An Maxl, dessen Verschwinden der Grund für das ganze nächtlichen Erlebnis ist, denkt sie dabei nur verworren.

Sie spürt schon ein paar Tage später allzu gut, dass da etwas mit ihr nicht gestimmt hat in dieser Nacht. Wird sich der verrückten Singerei - die ihr doch erst so notwendig und edel vorgekommen war - sehr schämen. Aber es war keine Bosheit. Nein wirklich nicht! Obwohl Lisa das meint und es jedem erzählt und der Papa es vielleicht auch glaubt! Nein, sie hat nicht aus Schadenfreude gesungen, da ist sie sicher ... oder? O Gott! sie fühlt sich plötzlich als ganz schlechter Mensch. Erbärmlich. Und hilflos. Angenommen, Lisa hat Recht?

Das Familienleben geht weiter. Lisa bringt im nächsten Jahr Tanja zur Welt, ein Jahr darauf Klaus.

*



29
WINNETOUS TOD

Sommerferien. Tagelang liegt Hermine ungewaschen und ungekämmt oben in ihrer Dachkammer. Sie hat wenig Kraft, etwas zu tun ... dämmert und duselt vor sich hin, denkt dumpf, dass es den anderen Kindern da draußen jetzt gut geht. Sie hört den Hall ihrer Stimmen drüben vom nahen Waldrand, wo sie ihre lärmenden Spiele spielen und spürt, dass sie da nicht mitmachen kann. Irgendwie nicht KANN. Furchtbar matt ist sie und innen tief traurig! Und so jung sie ist... fühlt sie mit verwirrtem Staunen, dass sie einfach nicht aus ihrer Haut heraus kommt. So oft sie es auch versucht. Nein, sie hat zu gar nichts Lust. Kraft aber auch nicht.
"Du bist stinkfaul", sagt Lisa.

Wenn es ihr ein wenig besser geht, dann liest Hermine.

Winnetou, der Häuptling der Apatschen ist ihr Erwählter. Er reitet auf seinem pfeilschnellen Pferd Iltschi direkt in die Träume der Elfjährigen hinein. Stolz, hoch und hell folgt er Hermine durch Wälder und Prairien. In Indianerwelten erlebt sie Geschichten, wo ER, der herrliche Held, in sie verliebt ist.
Er ist der schönste und klügste MANN. Der edelste auch. Und sie selbst natürlich ebenfalls wunderschön und süß und nicht die Jammergestalt, als die sie ihrer Familie erscheint.
Der Häuptling liebt und verfolgt sie, er BEGEHRT sie sehr, obwohl sie ihm ja nicht das Wasser reichen kann.
Was immer diese seine Liebe zu ihr auch Geheimnisvolles bedeuten mag, Hermine weiß zu wenig über die Dinge zwischen Mann und Frau, als dass sie ‚es‘ sich auch nur irgendwie vorstellen könnte. Aber es muss das aller-aller-größte Glück auf Erden sein, wenn ein Mädchen von einem so herrlichen Mann begehrt wird. Sie sehnt sich sehr danach.
Doch nicht einmal zum Kuss kommt es, als der wunderbare Traumheld sie dann nach wilden Verfolgungsjagden endlich einholt, in seine Arme reißt und auf sein weißes Pferd hinüberzieht.
Nein, einen Kuss und die Wonnen, die er unzweifelhaft auslöst, kann Hermine sich nicht so richtig vorstellen, aber auch ans Küssen denkt sie mit großem Erschauern.

Als Winnetou im dritten Band stirbt, da ist sie dem Dichter, Karl May, böse, dass er ihn so schnell aus der Welt genommen hat.

Der herrlichste aller Indianerhäuptlinge wird im Kampf von einer feindlichen Kugel mitten in die Lunge - nicht ins Herz - getroffen. Als er spürt, dass sein Ende naht, wünscht er sich nur noch EINES: sein Bruder Scharlih und seine Gefährten sollen ihm das Lied von der ‚Himmelskönigin‘ singen. Und das tun sie dann auch. So erklingt über die dunkle Prärie ein feierlicher Gesang:

Es will das Licht des Tages scheiden;
nun bricht die stille Nacht herein.
Ach könnte doch des Herzens Leiden
so wie der Tag vergangen sein!
Ich leg' mein Flehen dir zu Füßen;
oh, trag's empor zu Gottes Thron
und laß, Madonna, laß dich grüßen
mit des Gebetes frommem Ton:
Ave Maria!

Dieses Lied gefällt dem sterbenden Winnetou sehr, schreibt Karl May. Mit mildem, lächelndem Ausdruck erhebt der todwunde Apatschenprinz seinen Blick zu den Sternen und lauscht der schönen zweiten Strophe:

Es will das Licht des Lebens scheiden,
nun bricht des Todes Nacht herein.
Die Seele will die Schwingen breiten;
es muß, es muß gestorben sein!
Madonna, ach in deine Hände
leg ich mein letztes, heißes Flehn:
Erbitte mir ein gläubig Ende
Und dann ein selig Auferstehn!
Ave Maria!

"Ich glaube an den Heiland", flüstert der Häuptling, "Winnetou ist ein Christ!" Dann lehnt er sein Haupt zurück und stirbt.

Damit ist ja Hermine nun gar nicht einverstanden: dass er, der stolzeste Indianer der Welt den uralten Glauben seiner Völker über Bord wirft und sich in den letzten Sekunden seines Lebens zum Christentum bekehrt, für das er nie etwas übrig gehabt hat! Das findet sie ... nicht gut. Es passt irgendwie nicht. Irgendwie verrät er damit sich selbst und es zerbricht ein Stück vom großen Zauber, den er auf ihre junge Seele ausübte.
‚Es wäre doch viel romantischer gewesen, wenn er in die vom Sturm umtosten, die weiten, ewigen Jagdgründe seiner Väter und seines Volkes eingegangen wäre, zu seinem Gott, dem großen Manitou ... dort, wo er eigentlich hingehört‘, denkt Hermine mit heißem Herzen.

Dass in der Vorstellung sogar eines indianischen Kriegers eine liebevolle Himmelskönigin, die da oben auf die Gestorbenen wartet, dem Tod etwas von seinem Schrecken nehmen kann, das wird Hermine Jahre später schon einleuchten.
Aber dass WINNETOU den althergebrachten Glauben an die Wahrheiten seines Stammes in allerletzter Sekunde einfach vergisst und kleinlaut "ich bin ein Christ", murmelt, so etwas ist für ihre romantische Seele zuviel.

Karl May hat die Geschichte jedoch nicht anders schreiben dürfen, auch das wird dem Mädchen Jahre später klar. Er lebt in einer Zeit, wo die Religion von den meisten Menschen bitter ernst genommen wird. Und die Kirche lehrt, dass nur diejenigen im Jenseits weiterleben werden, die an Jesus, den Erlöser glauben. Nur wer als Christ stirbt, kann dereinst auferstehen.

Und der edle Häuptling der Indianer muss ja für den Himmel gerettet werden, denn er ist zu Karl Mays Lebenszeit schon bekannt und geliebt ... so, als wäre er ein lebendiger Mensch. Kultfigur wird man später zu so jemandem sagen. Karl May darf einen so GUTEN und von Millionen Leuten bewunderten Helden unmöglich als Heiden sterben und damit in die ewige Verdammnis fallen lassen. Nein, Winnetou muss schnell noch Christ werden, bevor er stirbt. Hätten die frommen Leser sonst nicht wild aufgeschrien vor Empörung? Das wusste der Schriftsteller damals sicher und hielt sich daran.

Lisa, die Stiefmutter, ist keineswegs begeistert von Karl May.
"Er ist ein lausiger Schreiber", hat sie einmal gesagt, "und ein KRIMINELLER, der sogar im Gefängnis saß."
Dass der Erfinder und Freund des herrlichen Winnetou und anderer guter und edler Lichtgestalten ein Krimineller sein soll, kann Hermine mit ihren elf Jahren nicht glauben. Obwohl ... bei so etwas lügt Lisa ja nicht, das weiß sie. Ein Krimineller zu sein, das bedeutet nach den Marienstocker Moralregeln einen niemals wiedergutzumachenden, schrecklichen Makel. Egal, was der Delinquent auch angestellt hat, schon die Tatsache, dass er im Gefängnis sitzt, macht ihn zum Wertlosen, der die Verachtung aller rechtschaffenen Menschen der Welt verdient. Das ist Hermine klar. Wie kommt es aber ... Karl May wird trotzdem von Hunderttausenden bewundert und seine Bücher sind die am meisten gelesenen in Deutschland ? Das Kind weiß die Antwort nicht.

Winnetou wird also am Ende seiner Tage ein Christ. Doch er ist nicht der einzige ‚Wilde‘, der ‚sich bekehrt‘. Der Herr Dechant sagt im Religionsunterricht, dass die Heidenvölker überall auf der Erde nichts sehnlicher wünschen, als endlich die Botschaft von Jesus und dem Himmelreich zu hören, von der Vergebung der Sünden, der Auferstehung des Fleisches und dem ewigen Leben ... also, mit anderen Worten: sie sehnen sich danach, möglichst schnell KATHOLISCH zu werden.
"Wir müssen deshalb noch mehr Priester haben, die in die Welt ziehen und diese Menschen bekehren", sagt der Herr Dechant. "Es wäre auch gut, wenn unsere Gemeinde früher oder später endlich einmal einen Nachwuchs-Missionar hervorbrächte", predigt er manchmal träumerisch und auffordernd zugleich von der Kanzel.

Hermine ist ein oder zwei Jahre vorher noch sehr froh gewesen, als Lisa ihr erzählte, durch die Spenden der Gläubigen würden unzählige Seelen der Verdammnis entrissen und zum wahren Glauben gebracht.
Wenn sie damals ein paar Pfennige hatte, lief sie, statt sich Bonbons zu kaufen, hin, tat sie in das nickende Negerlein aus Porzellan, das schwarz und bunt bemalt auch jetzt noch in der Kirche in einer Nische neben dem Altar steht und jedesmal die runden, weißen Augäpfel rollt und mit dem Kopf wackelt, wenn man eine Münze in seinen Nussknackermund wirft.

Hermines Münzen gingen damals direkt nach Afrika und halfen, noch mehr Seelen zu retten.


*




Was bisher geschah:

Hermine ( Minou ) wird 1939 geboren. Sie ist zirka ein Jahr alt, da stirbt ihre Mutter bei der Geburt des Bruders Werner. Vater ist Soldat im Krieg. Nach mehreren Versuchen mit ‚Haushälterinnen‘ wird das Kind zu Anna, einer Tante, gebracht. Dann heiratet Papa wieder. Lisa, die neue Mutter, holt die jetzt viereinhalbjährige Hermine und Werner zu sich. Papa - ständig an der Front - ist für die Kleinen ein Fremder, an den sie sich kaum erinnern. Einen Teil des Krieges verbringen die Kinder und Lisa in Evakuierung auf einem Gutshof in Bayern. Dort bringt Lisa auch ein neues (Stief) Brüderchen zur Welt, den Maxl. Nach Kriegsende kehrt die kleine Familie ohne den Vater wieder nach Marienstock zurück. Die Kinder sind problematisch: Werner nässt das Bett, Hermine ist immer traurig und wird oft ohnmächtig. Papa kommt eines Tages als Spätheimkehrer nach Hause und betreibt bald eine Bohnerwachsfabrik, die ‚Xanutta‘. 1949 als Minou zehn Jahre alt ist, fährt sie täglich nach Brückenstadt zur Mädchenmittelschule.

*



30
MÄRTYRERINNEN

Das ist die Zeit, in der Hermine ihren ungeliebten Namen ihren Träumen opfert und sich in Minou umtauft.

Es ist auch die Zeit, bevor die Handwerker kommen, um den Speicher auszubauen. Da schafft Lisa vorher alles Gerümpel weg, das dort oben herumliegt.
Minou findet auf dem Dachboden einen Stapel von - wie Lisa sagt - ‘spinnerten’ Schriften, die der Stiefmutter schon lang ein Dorn im Auge sind. Eine ganze Hinterlassenschaft ... viele mit penibler Handschrift gefüllte Hefte, aber auch Bücher und lose, bedruckte Blätter.

"Verwandte von deiner Mutter haben das Zeug noch zu Emmas Lebzeiten hier deponiert, bevor sie 1939 kurz vor Ausbruch des Krieges Deutschland fluchtartig verließen und sich nach Amerika einschifften."
Lisa trägt das papierene Vermächtnis auf den Armen hinunter in den Hof, zündet ein Feuerchen an und wirft alles nach und nach hinein. Minou staunt.
"Warum heben wir es nicht auf?"
"Ich will das Teufelszeug nicht länger im Haus haben, es hat hier viel zu lange gelagert", sagt Lisa, "die zwei Verwandten gehörten zu einer Sekte!"
"Meinst du die Zeugen Jehovas?", fragt Minou. Das Wort hat sie schon einmal gehört.
"Nein ... Bibelforscher waren sie ... das ist schlimmer."
"Warum Mama?"
"Sie glauben nicht, was wir glauben ... also ich habe die Leute nie kennengelernt. Und ich will ihre Traktätchen nicht länger in meinem Haus haben!"
"Traktätchen?"
"So nennt man unnützes Geschreibsel."

"Zeig mal ... was hast du denn da für ein Buch in deine Schürzentasche gesteckt?", fragt die Stiefmutter mit Argusaugen.
"Och, das hat mit den Sachen hier nichts zu tun." Minou hält es ihr hin. Darf ich‘s behalten?"
"Meinetwegen", sagt Lisa, nachdem sie einen kurzen Blick darauf geworfen hat.

Der Fund scheint tatsächlich nicht aus der Hinterlassenschaft der Bibelforscher zu stammen. Die Verse sind von deutschen Dichtern und das Bändchen gehört eigentlich Papa. Denn in schöner Handschrift steht vorne auf der ersten Seite: Oskar Kern.
Dass er es mit dem Namen signiert hat, scheint deshalb merkwürdig, weil man ihn noch nie ein Buch hat lesen sehen.
Er vermisst es nicht, denkt Minou, sonst wäre es ja nicht auf dem Speicher gelandet.
Die zwei, drei Verse, die sie schnell überfliegt, klingen 'besonders' und wunderschön. Das Bändchen wird sie aufheben.

*
Bei Verwandten und Nachbarn sieht man nie Bücher. Wenn es sie gibt, dann sind sie gut weggeschlossen. Nur Onkel Peter hat eins auf dem Schreibtisch liegen:
‘Amerika, du hast es besser’, heißt es. Da schlägt Minous Herz gleich schneller, da flammen Bilder in ihr auf ... bunte. Da denkt sie an ‚ihre‘ Piloten, die jetzt schon wieder in USA daheim sind. In der NEUEN WELT. Ach, sie hätte zu gern gewusst, was über Amerika in dem Buch steht.
"Wart, bis du trocken hinter den Ohren bist, dann leih ich es dir", neckt der Onkel.

Bei Oma Margarete gibt es aber ein mindestens ebenso interessantes literarisches Werk. Ein in schwarzes Leder gebundenes, außen mit gold-gestanzten Blüten und Ranken verziertes, kostbares Exemplar. Doppelt so lang, breit und dick wie ein normales Buch. Der Wälzer wiegt so viel, dass Minou Mühe hat, ihn überhaupt hochzuheben.
Er heißt: ‚Das Leben der Heiligen‘, hat über tausend Seiten und viele leuchtend bunte, mit Silber und Gold herrlich verzierte Bilder.

Immer wenn Minou hinauf zur Oma kommt und die gerade nicht da ist, greift sie sich das Buch, das jahrein, jahraus an der gleichen Stelle auf dem Büffet liegt. Sie schleppt es mit schlechtem Gewissen in das penibel aufgeräumte Schlafzimmer der Großeltern.
Dort schlägt ihr erst einmal DAS diesem bestimmten Raum eigene Aroma entgegen, ein Gemisch aus dem Duft der Äpfel, die rot vom Kleiderschrank herunterlachen und von Apfelschnitzen - die Margaret auf hölzernen Dörr-Stellagen oben auf den Heizkörpern zum Trocknen ausgelegt hat. Aber da ist auch immer der süßliche Hauch von ... Pisse. Denn hinter den Klappen der beiden Bettkästchen stehen die Nachtpötte, die trotz allmorgendlichem Ausleeren und Spülen ihren Geruch nie ganz loswerden. Minou stört er nicht. Er ist ohnehin nur schwach, wenn er, verbunden mit dem viel stärkeren Apfelaroma, im Raum schwebt. Das Zimmer ist im Sommer kühl, im Winter angenehm durchwärmt. Ein guter Ort, sich zu verstecken. Denn das Buch ist soo kostbar, dass man dem Kind verboten hat, es anzufassen. Weil die Kammer nur nachts zum Schlafen benutzt wird, vermutet die Oma dort am hellichten Tag keinen Eindringling und kommt nie auf die Idee, nachzusehen.

Minou liegt also auf dem altmodischen Doppelbett - die wuchtigen, penibel in der Mitte gegrätschten Federdecken der Großeltern hat sie zur Seite gedrückt - und liest mit brennender Neugier, was sie nicht lesen dürfte: von heiligen Jungfrauen, die grausam hingemordet, von Märtyrern, die um Jesu Willen mit Pfählen durchbohrt, gevierteilt, verbrannt oder ertränkt wurden, wobei sie vorher noch viele andere, schreckliche Folterungen erdulden mussten! Von einem christlichen Knaben erzählt das fromme Buch, von Simon, einem zweijährigen!! Kind aus dem auch ein Heiliger der katholischen Kirche wurde, weil er von Juden geraubt, geschlachtet und in einer teuflischen Messe ihrem blutrünstigen Gott Jahwe geopfert wurde.

Aber die Grausamkeit der Juden wird tausendmal übertroffen von der der Kaiser im alten Rom. Solchen wie Nero und Caligula. Diese Bestien in Menschengestalt haben offensichtlich Tausende von unschuldigen Christen unter Qualen zum Tod befördert. In Pech getaucht, wurden sie als brennende Fackeln in den Höfen ihrer Paläste aufgehängt, damit es die Gäste beim Nachtmahl schön hell und festlich hatten ... all das erzählt das Buch. Minou verschlägt es den Atem.

Natürlich sind nicht alle Heiligen Märtyrer. Es gibt auch solche mit einem weniger spektakulären Tod: die heiligen Kaiser, Bischöfe, Jungfrauen und die geheimnisvollen ‘Säulensteher’. Für jeden der 365 Tage im Jahr besitzt die katholische Kirche einen oder mehrere Heilige. Ihr Lebenslauf wird ausführlich in dem dicken, schwarzen Buch erzählt. An die Beschreibung ihres 'Erdenwandels' schließt sich jeweils ein – langer - Aufsatz über die besonderen Tugenden jedes einzelnen dieser gottgefälligen Menschen mit einer Anleitung zur Nachahmung sozusagen für den christlichen Hausgebrauch und zur Erbauung nach dem Motto: ‘Was sollen wir daraus lernen?’
Nur - eine Hermine gibt es in dem Buch nicht. ‚Klar ... keine Heilige hieß so bescheuert‘, fährt es Minou durch den Kopf und sie muss grinsen.

Zuerst glaubt Minou noch fest an die gelesenen Texte und macht sich traurige Gedanken über diese guten Menschen, denen ein so unsägliches Schicksal widerfahren ist. Ihre furchtbaren Folterungen und Todesqualen ... Es ist nur gerecht, dass sie nach all den Leiden jetzt für immer in den Himmel gekommen und berühmt geworden sind.

Die Geschichten der heiligen Jungfrauen, die von verliebten Männern rasend begehrt, dennoch ‚keusch‘ und standhaft blieben und sich lieber töten ließen, als die ‘Sünde’ zu begehen, bewegen Minou aber am allermeisten. Dort auf Margarets Bett gibt sie sich tiefen Schauern hin.
Merkwürdig: so eine Jungfrau wurde manchmal zur Märtyrerin, weil sie einen ‘Heiden’, der sie wirklich gern mochte, nur deswegen nicht heiratete, weil er nicht den gleichen Gott hatte wie sie. War dieser Mann dazu ein stolzer, mächtiger Herrscher, missfiel es ihm natürlich, dass sie ihn ‚verschmähte‘ und das nicht etwa seines bösartigen Charakters- oder äußerer Schönheitsmängel wegen, sondern nur, weil er kein Christ war. Wenn sie ihm dann noch Höllenqualen ausmalte, ihn ständig mahnte, ohne fromme Umkehr zu Jesus sei er für ewig verloren, und ihm das immer und immer wieder wie eine Litanei wiederholte, war er irgendwann wahrscheinlich die Sache leid.
Vielleicht warnte sie ihn einmal zu oft vor der ewigen Verdammnis, dass er es nicht mehr aushielt und sie den wilden Tieren zum Fraß vorwerfen ließ, nur, um endlich seine Ruhe zu haben.
Na ja, damit war auch einer solchen Jungfrau geholfen, stellt Minou bald fest. Endlich hatte sie es dann schließlich fertig gebracht, eine Märtyrerin zu werden. Auf ihr ‘glorreiches’ Ende scheinen diese frommen Geschöpfe von Anfang an unermüdlich hingearbeitet zu haben. Und sie erreichen es ja auch. Auf den bunten Bildern in dem Buch schwebt über ihren Häuptern denn am Schluss der Lorbeer- oder Lilienkranz als Dank des Himmels.

Minou ist nach einer Zeit der riesengroßen Bewunderung irgendwann nicht mehr wirklich einverstanden mit diesen ‘Lieblingen Gottes’. Einigen ‘Dulderinnen’ versagt sie sogar ihre Sympathie völlig. Scheinen die doch nicht ganz unschuldig an ihrem frühen Tod. Sie haben ihn ja gewollt, sorgten durch eisernes Fasten dafür, dass sie immer schwächer wurden, denn sie mussten das Leben so schnell wie möglich hinter sich bringen, um, wie der wundersame Wälzer berichtet, endlich verzückt in die Arme Jesu zu eilen.

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DIE HEILIGE MARIA GORETTI

Minou blickt im Lauf der nächsten Monate nicht mehr voller Begeisterung auf diese ‘gebenedeiten’ Geschöpfe. Früh schon kommt ihr der ketzerische Gedanke, dass ein so entbehrungsreiches Leben, ein so qualvoller Tod nicht ganz das Richtige für einen jungen Menschen sein können, wenn der Schreiber des Buches die auserwählten Heiligen auch noch so sehr in Glanz und Glorie taucht.
Und Minou merkt: sie selbst wird nie imstande sein, Gott zu lieben wie diese es tun. ‚Vielleicht kann ich ihn überhaupt nicht WIRKLICH lieben‘, fürchtet sie.

*


Fräulein Berger, die Volksschullehrerin in Marienstock, leiht Minou einige ihrer eigenen Bücher.
Eines dieser Werke erzählt das Leben der heiligen Maria Goretti. Sie war ein italienisches Bauernmädchen, deren Familie im tiefen südlichen Zipfel Italiens lebte, wo die Leute bettelarm sind. NUR ARM, einzig und allein ARM ... schreibt das Buch.

Maria Goretti war im Jahr 1902 Opfer eines Lustmordes geworden. Das von Kindheit an fromme und ‚gottgefällige‘ Mädchen hatte sich gegen die Gewalt eines Nachbarsohns, der sie schon lange begehrte - und übrigens ein Vertrauter der Familie war - zur Wehr gesetzt und seine Unschuld so heftig verteidigt, bis er sie in rotem Zorn mit vielen Messerstichen tötete. Da war Maria Goretti erst elf Jahre alt ... genau so alt, wie Minou jetzt ist. Maria Goretti wurde für ihr Martyrium 1950 von Papst Pius XII. heilig gesprochen und damit zur jüngsten Heiligen der katholischen Kirche ernannt.

Zum erstenmal in der Geschichte der Heiligsprechungen war die Feier, an der mehr als eine halbe Million Menschen teilnahmen, ins Freie auf den Petersplatz verlegt worden. Zum erstenmal konnte auch die Mutter einer Heiligen an einer so wunderbaren Zeremonie teilnehmen, schreibt der Autor.

Alle sind wir zur Tugend berufen,
hat Papst Pius Xll in seiner berühmten Ansprache gesagt, so berichtet das Dokument weiter:
Lernen möge endlich die verweichlichte Welt, die allzu oft zum Bösen neigt, die unbesiegte Kraft dieses jungfräulichen Mädchens zu verehren und nachzuahmen! Mögen alle sie sehen, diese Lilie des Feldes, die so herrlichen Wohlduft verbreitet! Mögen alle sie sehen, diese leuchtende Siegespalme des Martyriums, und daran erkennen, was christliche Moral in der Führung und Formung des Menschen vermag! Erkennen, wie sehr die edlen Freuden, gewonnen aus unversehrt bewahrter Unschuld des Lebens und zäh erworbener Tugend, die eitlen Freuden dieser Welt und ihre niederen Genüsse überragen und überstrahlen! Kann doch nur GOTT allein die Seelen der Sterblichen befrieden und beruhigen und ihr unendliches Sehnen erfüllen.

Soviel zur Ansprache des Papstes.

Man kann sich denken, wie Minou von dieser Lektüre berührt wird, sie, die NICHT gottgefällig und fromm, aber, was das Verständnis von Sexualität betrifft, ebenso unschuldig und keusch ist, wie das Bauernmädchen aus dem tiefen Süden Italiens ... Das komische Erlebnis mit Onkel Hans zählt in diesem Zusammenhang nicht - das ist ja etwas anderes gewesen - so empfindet es zumindest Minou.

"Es ist richtig" sagt sie sich, "dass Maria Goretti für ihren Tod und ihre Qualen vom lieben Gott und vom Papst besonders belohnt wird. Aber ist sie deswegen schon heilig?

Doch ... das Wie und Warum des Sterbens sei allein ausschlaggebend und Maria sei in der Verteidigung ihrer REINHEIT gestorben, deswegen habe man sie zur Ehre der Altäre erhoben,
so steht es in einem Heftchen, das die katholische Kirche zum Anlass der Heiligsprechung herausgegeben hat.

Minou macht sich in der folgenden Zeit viele Gedanken darüber, was dieser zügellose, grausame Mann, der Mörder, der übrigens selbst noch sehr jung war - wohl mit Maria Goretti getan haben würde, wenn sie sich nicht gewehrt hätte und dann auch nicht gestorben wäre. Sie empfindet beim Darüber-Nachdenken eine große Neugier, eine sonderbare, fast wohlige Erregung.

*




DER HEILIGE PFARRER VON ARS


Ein anderes Buch - auch das stammt von Fräulein Berger - erzählt die Geschichte von Jean Marie Vianney, dem Pfarrers von Ars und dessen unsagbaren Peinigungen. Der von einer geheimnisvollen, bösen Macht, die er ‘Grappin’ nennt, gebeutelte, kreuzbrave Pastor jener kleinen Gemeinde in Frankreich hat also ständig mit den gemeinsten Heimsuchungen durch die Geister der Hölle zu kämpfen. Kaum legt sich der fromme Mann schlafen, so beginnt sogleich dasTeufelswerk.

Es hämmert wie rasend gegen die Tür, aber es ist niemand da. Stühle und Schränke bewegen sich, das ganze Haus bebt. Fledermäuse fliegen um des Priesters Haupt. Eine eiskalte Knochenhand fährt ihm über das Gesicht. Bienen summen, Schafe blöken, Hunde winseln, Bären brummen, Schweine grunzen, während gellende Menschenschreie dazu angetan sind, jedem das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Dann vernimmt der Arme eine entsetzliche Stimme:
"Vianney! Vianney, du Kartoffelfresser! Ah, du bist noch nicht tot! ... Ich werde dich schon noch kriegen!"
Der Pfarrer bleibt aber tapfer, schlägt das Kreuzzeichen und sagt nur: "Dummer, alter Satan."

Nacht für Nacht fährt der Teufel fort, Vianney zu verhöhnen und zu malträtieren.
Und immer wieder dieser Lärm, als ob das ganze satanische Universum losgelassen wäre. Manchmal nimmt der Fürst der Finsternis das Bett mit dem armen Priester, zerrt es durch den Raum, während das Haus in seinen Grundfesten schwankt wie bei einem Erdbeben. Auf diesen Irrfahrten kreuzt der Unglückliche mitsamt seinem Schlaflager durch sämtliche Zimmer der Wohnung, während Alltagsgegenstände nur so von Decken, Regalen und Wänden herunterprasseln. All das kann auch seine Haushälterin bezeugen! Dazu kommen noch viele andere seltsame Unpässlichkeiten und Spukerscheinungen, mit denen der Gebeutelte sich täglich herumschlagen muss. Aber sein Gottvertrauen kann ihm selbst der Teufel nicht rauben. Zuletzt - nach unzähligen Heimsuchungen, denen er dreimal vergeblich durch Flucht in ein Kloster zu entkommen sucht, geht der Pfarrer von Ars siegreich aus allen Martern hervor und wird ebenfalls zu einem großen Heiligen der katholischen Kirche.

Natürlich ist der Pfarrer von Ars ein herausragender Christ seiner Zeit gewesen. Die Nachstellungen des Satans waren nur ein Teil seines Lebens. Tag für Tag saß der Priester bis zur Erschöpfung im Beichtstuhl, leistete unzähligen, aus allen Gegenden Frankreichs herbeigeströmten Menschen, die ihn schon zu Lebzeiten wie einen Heiligen verehrten, Trost und Hilfe. Und es scheint eine Kraft um ihn gewesen zu sein, die verzagte Seelen heilen konnte. Seine Berühmtheit hat viel für die moralische Erneuerung, für das Wiedererwachen der Frömmigkeit in den Herzen seiner etwas verrohten Gemeindeschäfchen getan, aber auch darüber hinaus dem - im ganzen Land zu der Zeit darnieder liegenden - katholischen Glauben wieder Auftrieb verschafft ... So steht es im Vorwort des Büchleins.

Aber das sind für Minou allzu komplizierte Sachen. Was sie an der Geschichte fasziniert, ist - leider - einzig und allein der wilde, irre Satanskram, der nachts den armen Pfarrer beutelt ... Schade, dass es nicht noch mehr davon gibt in dem Buch, Minou ist verrückt nach ... Grusel.

*



31
PAPA UND DIE LYRIK

Einmal Sonntags morgens, als die Kinder gerade aus der Kirche heimgekommen sind, baut sich der Vater in der Küche auf und fängt an, Verse zu deklamieren. Minou hat nämlich ein Buch hervorgekramt und soll daraus den ‘Taucher’ von Friedrich Schiller für die Schule auswendig lernen.

"Schiller ... ah, ja", sagt Papa, "den kenn ich", und gleich legt er los:

Zu Dionys, dem Tyrannen schlich
Damon, den Dolch im Gewande.
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
"Was wolltest du mit dem Dolche sprich",
entgegnet ihm finster der Wüterich.
"Die Stadt vom Tyrannen befreien !!!"
"Das sollst du am Kreuze bereuen."

Papa ruft die Worte mit gewaltiger Stimme, nein ... er führt sie vor. Springt dabei zwischen Sofa, Küppersbusch-Herd und dem mit der Puschenblümchendecke aus Wachstuch verschönten Tisch hin und her, deklamiert die Verse, dass einem vor Lachen der Kopf abfällt. Besonders bildhafte Ausdrücke unterstreicht er mit Verrenkungen, fuchtelt wild mit den Händen, reißt den Kopf hin und her:

"Ich bin", spricht jener, "zu sterben bereit
und bitte nicht um mein Leben,
doch willst du Gnade mir geben,
ich flehe dich um drei Tage Zeit,
bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
Ich lasse den Freund dir als Bürgen.
Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen."

Der großzügige König schenkt daraufhin seinem Beinahe- Mörder tatsächlich drei Tage Zeit, damit er heim reisen und sein offensichtlich ziemlich dusseliges Schwesterchen endlich mit ihrem Liebsten verheiraten kann, was sie und der junge Mann anscheinend nicht ohne brüderlichen Schub zustande bringen. Den treuen Freund des Beurlaubten behält sich der Herrscher aber als Geisel:

"Doch wisse, wenn sie verstrichen die Frist,
eh du zurück mir gegeben bist,
so muß er statt deiner erblassen,
doch dir ist die Strafe erlassen."

Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
und liefert sich aus dem Tyrannen.
Der andere ziehet von dannen ...

Auf dem Rückweg von der Hochzeitsfeier wird der arme Kerl aber immer wieder durch ein gemeines, quertreiberisches Schicksal aufgehalten. Naturkatastrophen grässlichster Art, über die Ufer getretene Ströme, prasselnde Unwetter, abgerissene Brücken, dazu die Angriffe von räuberischem Mörderpack machen ihm das Vorwärtskommen quasi unmöglich. Die Verantwortung für den vom Tod bedrohten Freund und Bürgen jedoch verleiht ihm geradezu magische Kräfte. So auch im Umgang mit Wegelagerern:

Dem nächsten entreißt er die Keule gleich:
"Um des Freundes Willen erbarmet euch!"
und DREI mit gewaltigen Streuchen
erlegt er, die andern entfleuchen ...

Als er endlich die Zinnen von Syracus erblickt - Schillers Dramen spielen bevorzugt in antiken Landschaften - da kommt ihm schon ein Mensch entgegen gerannt.
"Mach dich um Gottes Willen schleunigst vom Acker", ruft dieser und das pure Grauen steht ihm ins Gesicht geschrieben:

"Zurück, du rettest den Freund nicht mehr,
so rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet er
mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den mutigen Glauben
der Hohn des Tyrannen nicht rauben".

Aber der Mann gibt nicht auf und sprintet weiter. Es ist das Ende des dritten Tages und über den Zinnen der Stadt geht gerade blutrot die Sonne unter. Da rast er heran:

Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
das die Menge gaffend umstehet.
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
"Mich, Henker", ruft er,"erwürget!
Da bin ich, für den e r gebürget!"

Jetzt jubelt das Volk und es bleibt kein Auge trocken. Sogar der Tyrann fühlt ein menschliches Rühren. Lässt die beiden vor seinen Thron bringen:

Und blicket sie lange verwundert an.
Drauf spricht er:" Es ist euch gelungen,
ihr habt das Herz mir bezwungen;
und die Treue sie ist doch kein leerer Wahn,
so nehmet auch mich zum Genossen an:
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
in eurem Bunde der dritte ... "

Werner, das Brüderchen, rennt die ganze Zeit wie ein Kasper hinter Papa her, fuchtelt ebenso wild mit den Armen wie dieser, wiederholt jeden Satz, schreit aus vollen Lungen mit ...

Als die Treue drankommt, die doch kein leerer Wahn ist, da legt Oss Kern mächtig los. Mit einem Pathos, dass die Töpfe scheppern.
Lisa steht am Ofen und lässt gerade Leberknödel in heiße Brühe purzeln.

"Dein Gebrüll hört man bis nach Wilhelmstal hinunter." Sie hält sich mit beiden Händen die Ohren zu: "Was soll das, du alter Esel."
Sie grinst und hat das gewisse, abgehobene Etwas in der Stimme, das Maß an Ironie, das Oss so sehr an ihr schätzt.

"Da werden Weiber zu Hyänen",
ruft er und zieht sie lachend an sich:

"Da werden Weiber zu Hyänen
und treiben mit Entsetzen Scherz
Noch zuckend mit des Panthers Zähnen
zerrrreißßßßen sie des Feindes Herz ... "

"Nein, nein, nicht die Glocke auch noch", ruft Stiefmütterchen schrill und steckt sich beide Zeigefinger in die Gehörgänge.
"Doch, doch, Papa, bitte ... ", schreien Werner und Minou diesmal in schöner Eintracht.
Und dann kriegen sie auch noch diese Schillersche Meisterballade zu hören.

*




LISA UND DIE HÖHEREN WERTE

Ex-Minchen ist jetzt ungefähr zwölf Jahre alt und wird von allen, außer von der Stiefmutter, inzwischen mit dem 'frivolen' Namen Minou gerufen. Die Umgebung hat sich daran gewöhnt. Im Herzen ist die Kleine aber vielleicht doch Hermine, Lisas gelehrige Tochter geblieben und hat schon viel von deren Binsenweisheit übernommen.

Lisa hegt große Abneigung gegen alles ‘Oberflächliche’. Und es ist ihr gelungen, auch dem Kind beizubringen, was im Leben wertvoll und was unwichtig ist. Sie hat es schon früh erklärt:
"Alles Materielle ist wertlos."

Natürlich sagt sie es nicht so, nicht mit diesen Worten, aber sie lässt keinen Zweifel: sie meint es ernst. Und es geht auch Minou irgendwann in Fleisch und Blut über, dass irdische Güter überhaupt nicht zählen. Nicht vor Gott und nicht vor jenen Menschen, deren Gedanken sich längst, wie die der Stiefmutter, über die Nichtigkeiten des Daseins erhoben haben.

Lisa weiß: Leute, die Gütern und Geld nachjagen und sie unglücklicherweise auch noch erlangen, sind ja in Wirklichkeit soo arm. Ihnen fehlen die einzig wichtigen, die INNEREN Reichtümer. Menschen, die es auf Äußerlichkeiten, auf verschwenderischen Lebenswandel und Wohlbefinden abgesehen haben, MÜSSEN ja oberflächliche Kreaturen sein, die in der Welt der wirklich ‘Wertvollen’ als zu leicht befunden verachtet werden. Andere Dinge im Leben sind viel wichtiger als Wohlhabenheit oder schnöder Daseinsgenuss: nämlich Ernst, Disziplin und das Erstreben des ‚Höheren‘! Das ist es doch, was den Menschen ausmacht!

Minou ist genau Lisas Meinung. Es ist vollkommen klar, dass jene Geschöpfe verworfen und vor Gott unnütz sind, die nach Besitz und einem angenehmen Dasein trachten. Das Streben nach den ‘wahren Werten’ ist doch das einzig Wichtige im Leben. Nur ... was für Werte sind das? Lisas Werte natürlich ...
Die Stiefmutter hat einen großen Widerwillen gegen alle Süchte und Exzesse. Deshalb schaut sie auch mit Verachtung auf Onkel Peter herab:
"Er ist ein Quartalsäufer."
Tatsächlich ... Onkel Peter schlägt zwei- oder dreimal im Jahr über die Stränge. Dann trinkt er zuviel. Kommt nachts nicht heim. In dem Sündenpfuhl, den man heute das ‘Rotlichtmilieu’ von Brückenstadt nennen würde, scheint er sich gut auszukennen. Und wohl zu fühlen. Aber das ist ein Gerücht. Vielleicht sitzt er meistens nur mit seinen Kumpanen in ganz normalen Kneipen und trinkt einen über den Durst! Wer weiß? Wenn ihn Freunde bei Dunkelheit von einer solchen - mehrtägigen? - Eskapade zurückbringen, hört man sein lautes, lallendes Schimpfen unten in der Wohnung und die leiseren Versuche Zillis, ihn zu besänftigen.

Und es kommt auch vor, dass die Oma Margarete schon früh am folgenden Morgen, bebend vor gerechtem Zorn, beim Haus unter Peters und Zillis Schlafzimmerfenster steht und der Nachbarschaft einen hochinteressanten Auftritt liefert:

"Du Schandfleck der Familie, Hurenbock, verkommenes Subjekt!", brüllt sie zum Fenster hinauf und wird immer aufgebrachter, weil Zilli sie partout nicht zur Tür herein lassen will und ihr ein höhnisches:
"Halt du dich da raus, alte Furie!", zuzischt.

"Was, du verbietest mir das Haus meines eigenen Sohnes?", schreit die Oma: "Du ... KOMPLIZIN ... blöde Gans!" Margarets Empörung ist heilig.
"Ihr Gesindel! Missratenes, gottloses Pack! Womit hab ich das verdient!
Ich werde euch alle ENTERBEN ", gibt Margaret zum Schluss noch mit der Selbstverständlichkeit einer steinreichen Matrone lauthals unten auf dem Trottoir bekannt und reckt ihre geballten Fäuste anklagend gen Himmel. Zur größten Gaudi der an ihren offenen Fenstern lauschenden Nachbarn.

*

Was Lisa betrifft, so blickt sie nicht nur voller Widerwillen auf Onkel Peter, sondern auch missbilligend auf Tante Zilli herab. Es ist keine Frage, Zilli ist eine hart arbeitende Frau, die ihrem Problem-Ehemann sogar treu geblieben ist. Aber sie weist einen riesengroßen Makel auf: Sie ist OBERFLÄCHLICH. Raucht Zigaretten. Schminkt sich. Bleicht ihr Haar mit Wasserstoffsuperoxyd.

Und was Minous wilde Cousine Else betrifft, die befindet sich ja, laut Lisa, auf dem stracksten Weg zur ewigen Verdammnis. Lädt sie doch BUBEN nach Hause ein!!
"Denn Zilli", sagt die Stiefmutter, "die hat natürlich von Töchtererziehung keinen blauen Schimmer! Die serviert Tee und belegte Brote, wenn ihr Früchtchen im Wohnzimmer mit Halbstarken zusammen sitzt und angeblich Schulaufgaben macht. In Wirklichkeit hören sie Jazzmusik und wer weiß, was da sonst noch so alles getrieben wird!
Mit einem Buben müsstest DU einmal heimkommen", droht Lisa, "achtkantig würde der zur Tür hinaus fliegen. Und du gleich hinterher!"
Aber da besteht nicht die geringste Gefahr, weil es ja in Minous Leben keine ‘Buben’ gibt.

Else, obwohl nur ein halbes Jahr älter, darf mit jungen, männlichen Wesen durch den Ort ziehen. Ja, sie hat schon GEKÜSST!, behauptet sie. Aber das ist wahrscheinlich pure Angeberei. Doch dass sie sich Dauerwellen machen ließ, hat ihre liederliche Mutter erlaubt! Das ist eine Tatsache. Da bleibt einem die Luft weg! Bei soviel Verderbtheit!!
"So etwas führt direkt in die Gosse!", sagt Lisa.

Minou ist alles streng verboten, was Else so selbstverständlich tun darf. Dennoch beneidet sie Else nicht. Denn sie und ihre Familie leben ja in einem Sündensumpf. Und sind vor Gott nichts wert. Aber das scheint ihnen wenig auszumachen. Unten, eine Etage tiefer, geht es die meiste Zeit lustiger zu als oben bei Lisa.

"Über solche Leute verliere ich schon lang kein Wort mehr", sagt die Stiefmutter düster, "da ist ohnehin Hopfen und Malz verloren."
Minou ist zufrieden, dass sie selbst vor Lisas Augen rein und pur dasteht und nicht so verdorben ist wie die Cousine.

Der ‘Lebenswandel’ der zwölfjährigen Else hält die Stiefmutter aber nicht davon ab, der, ach so Verfemten, immer die schöneren Sachen zukommen zu lassen. An Geburtstagen und zu Weihnachten zum Beispiel, wo meistens etwas zum Anziehen geschenkt wird. Die brave Maus, die Stieftochter, also Minou, bekommt das fahle, nichts sagende Zeug, Else die ‘knalligeren’ Stücke.
Einmal gibt es für jedes Mädchen eine Handtasche, die Oskar Kern in Wilhelmstal in Frau Buschs Laden - gegen Xanutta-Schuhcreme natürlich - eingetauscht hat. Elses Tasche ist totchic aus leuchtend rotem Lackleder, während Minou voller herber Enttäuschung eine kackbraune, altmodische Omatasche auspackt und am Liebsten in die Ecke feuern möchte. Ihr rinnen vor Schmerz und Wut die Tränen herab. Aber ... Lisa zuckt nur die Achseln: "Was willst du? Deine ist vornehmer und gediegener!"

Auch muss Minou immer wieder mit ansehen, dass ihre ‚zweite Mutter‘ die von ihr als so ‘verdorben’ verschriene Else freundlich umschmeichelt. Während sie selbst nie ein liebevolles Wort zu hören bekommt!
‚Lisa kann ja nichts dafür‘, versucht Minou sich einzureden, SIE hat mich ja nicht zu ihrem Kind gewählt, ich bin nun einmal NICHT die Tochter, die sie sich freiwillig ausgesucht hätte.'

Es ist wahr: Else ist viel netter. Sonniger. Es tut Minou weh, wenn Lisa die Cousine im Beisein von Dritten immer wieder ihr vorzieht.
‚Das kann sie doch nicht tun, schließlich ist sie ja MEINE Mama und nicht die von Else. Elsa hat schon eine liebende Mutter: Zilli, die ohnehin alles für sie tut. Jetzt wird sie auch noch von Lisa hofiert.‘

Daheim in der Wohnung aber, wenn nur Papa und die Kinder dabei sind, verurteilt die Stiefmutter Elses Benehmen und ihre unmögliche Erziehung aufs Höchste. Dass sie kaum je Hausaufgaben mache, klagt sie an ... und sogar die Schule schwänze sie. Manchmal sogar mit Zillis Wissen. Ihr Vater, der Peter verherrliche sie ohnehin ohne Ende und lasse ihr alles durchgehen. Nylonstrümpfe trage sie und tanze Boogie-Woogie. Mit dreizehn! Und jetzt habe sie sich noch einen kurzen Mecki-Haarschnitt machen lassen.

"Else darf alles und ich darf nichts", schluchzt Minou bei Papa.
"Deshalb hast du auch einen guten Ruf und sie hat einen schlechten. Die Leute reden ... nein, so wie deine Cousine darf ein Mädchen sich nicht aufführen", sagt Lisa.

Nur ... kaum ist Else in der Nähe, ist die Stiefmutter scheiß-nett zu ihr.
‘Else wird von allen Menschen geliebt’, denkt Minou, ‘warum sollte Lisa sie nicht auch gern haben?’
Schafft Else mit Mühe eine Drei im Diktat, so wird sie über den grünen Klee gelobt und kriegt sogar von ihrem Vater Geld zur Belohnung. Bringt Minou eine Eins heim, verlieren weder die Stiefmutter noch der Papa ein Wort darüber. Nein, das ist nicht fair. Minou denkt oft bitter darüber nach, was denn an ihr so schlimm ist, warum ihr so viel Ungerechtigkeit widerfährt.



*
Lisa weiß auch genau, wie die Stieftochter WIRKLICH beschaffen ist.

"Du bist nicht besser als das Irmchen", sagt sie.
Das bedeutet: sie unterstellt der zwölfjährigen Minou Mannstollheit ...
"Du würdest ja am liebsten jetzt schon hinrennen, wenn oben an der Ecke einer pfeift", sagt Lisa. Der Ausspruch bekommt eine hämische Bedeutung, wenn man die Zusammenhänge kennt:

Im Betrieb von Onkel Peter ist nämlich gegen Kriegsende eine etwa vierzigjährige Frau als Aushilfe angestellt. Die Arme ist nicht recht bei Trost. Das wissen alle. Manchmal hebt sie den Rock hoch und zeigt den Männern ihre verborgenen Reize. Man macht sich ab und zu einen Jux mit ihr.
Einer der Lehrlinge versteckt sich dann hinter dem alten Fabrikgebäude, ein anderer hinter dem Schuppen, der dritte hinter ein paar Büschen draußen im Gelände. Alle so im Abstand von vierzig, fünfzig Metern. Der letztere beginnt, auf den Fingern zu pfeifen.

"Irmchen, Irmchen, dort hinten an der Ecke steht ein Soldat", kreischen die Frauen, "ein Soldat, der ist scharf auf dich, Irmchen. Er pfeift nach dir ... hörst du‘s!"

Die arme Genasführte fährt wie elektrisiert hoch, feuert den Karton, an dem sie gerade falzt, auf den Boden und mit: "Wo iss er dann, wo iss er dann" prescht sie schnaubend zur Tür hinaus und durchs Gebüsch ihrem vermeintlichen Verehrer auf allerschnellstem Weg entgegen. Doch sie findet ihn nicht. Da flitzt sie, irritiert durch die Trillerlaute, die plötzlich aus entgegengesetzten Richtungen tönen, mal hierhin, mal dorthin.

"Wo steckt er dann?" ruft sie, "wo steckt er dann?" "Do hinne iss er", gröhlt man aus den offenen Fenstern, zeigt mit den Händen vage irgendwo ins Weite ...

Irmchen düst dankbar und ungebrochen durch die Gegend. Immer auf der Suche nach ihrem Krieger. Bleibt hin und wieder stehen. Holt sich Richtungsinformation bei den hilfsbereiten Frauen.
Als am Ende die Pfiffe aufhören, läuft sie noch verduzt herum, bleibt dann langsam stehen und man spürt geradezu, wie sie nach allen Seiten wittert, wie sie die Ohren spitzt ... vergebens: "Jetz iss er weg", ruft sie, "wie schad..." Macht sich kleinlaut wieder an die Arbeit....


Noch Jahre später amüsiert man sich im Haus und in der Nachbarschaft über das bekloppte Irmchen und bringt mit wieherndem Gelächter ab und zu wieder einmal die "Männerdorischkeit" der armen Frau aufs Tapet.

"So wird das da auch", sagt Lisa mit Blick auf die zwölfjährige Tochter: "so wird das auch! Keinen Deut besser. Ich hab's ja schon gesagt, das wird als erstes hinrennen, wenn an der Ecke oben einer pfeift."

Dieser nette Scherz bringt Stiefmütterchen immer ein paar fröhliche Lacher der Nachbarinnen ein. Und Minou schleicht sich davon, weil ihr schon wieder die Tränen kommen.


*




EIN MÄDCHEN KÜSST DAS BILD JESU


Als Minou älter wird, spürt sie gar keine Frömmigkeit mehr und Jesus bedeutet ihr immer weniger. Anders empfindet die vierzehnjährige Silwi, die Estländerin. Minou lernt sie eines Tages in der ‘Xanutta’ kennen, wo Silwis Mutter und Tante Schuhwichse in Dosen abfüllen und Papa auch sonst in der Fabrik helfend zur Hand gehen. Die beiden Frauen sind um die Fünfzig, wunderlich elegante, ausgefallene Erscheinungen, die sich stets poesievoll und auf gehobene Weise - aber doch mit ausländischem Akzent - in Deutsch ausdrücken ... Damen mit mehlhellen, stark gepuderten Gesichtern und korrekt frisiertem Haar, das so glatt und ordentlich liegt, als kämen sie immer frisch vom Friseur und die stets einen Duft nach Sauberkeit und unaufdringlichem Parfüm um sich verbreiten. Niemand passt so wenig in Papas marode Fabrik wie diese beiden feinen, gebildeten Estländerinnen. Aber bei Kerns auszuhelfen ist wohl im ganzen Umfeld der einzige Job, der für die scheuen, zurückhaltenden Frauen erreichbar scheint.

Silwi, ihre Mutter, Tante und der Großvater – alle wohl deutschstämmig - wurden gegen Ende des Krieges ‘heim ins Reich’ geholt und sind irgendwie in Marienstock hängen geblieben. Die Gemeinde hat die Familie damals in einem unbenutzten, früheren SA-Gebäude untergebracht. Da werden sie nun für viele, viele Jahre wohnen. Selbst ihre Möbel haben die Übersiedler - oder waren sie Flüchtlinge? - nach Deutschland mitbringen können. Vom Finnischen Meerbusen kam der Hausrat mit Schiff, Zug und Lastwagen. Sogar ein Klavier und eine gesamte Bibliothek landeten unbeschadet in Marienstock. Nichts ging verloren ... trotz der Bombenangriffe, trotz des Krieges, der an allen Fronten tobte. Das hat Silwi Minou erzählt.

Das estnische Mädchen ist auffallen groß, braunhaarig, schlank, kräftig. Fast so, wie man sich eine wahre Nordländerin zu der Zeit vorstellt. Sie spricht mehrere Sprachen, darunter auch perfekt Deutsch. Und sie spielt Klavier. Ernste, gehobene Musik. Klassik. Dass es so eine Musik gibt, hat Minou nicht einmal gewusst und sie versteht auch nichts davon. Aber, um Silwi nicht zu enttäuschen, hört sie ihr zu. Silwis Musik fängt an, ihr mehr und mehr zu gefallen.
Silwi geht seit ihrer Ankunft in Deutschland auf eine ‘richtige’ höhere Schule und zwar nach Fünfkirchen ins Gymnasium, um später das Abitur zu machen. Und ... sie liebt JESUS. Mit Aquarellfarbe auf weißen Karton hat sie sich Bilder von ihm gemalt, die hängen in ihrer Schlafstube und sind nicht viel anders als die im Gebetbuch ... nur größer und ‘nicht so kitschig bunt’, würde Lisa sagen. Sie sind von gedämpfterem Farbton, denn Silwi hat Geschmack. Jesus von Nazareth mit langen, schwarzen Locken, blassem Gesicht, mildem Blick und der Dornenkrone auf dem Haupt ist Silwis großer Seelenschwarm, was Minou in äußerste Verwunderung versetzt! Silwi nimmt eines seiner Bilder von der Wand.

"Er ist mir das Liebste auf Erden", sagt sie pathetisch, "für ihn lebe und sterbe ich und ich werde jeden Mann an seinem Bild messen!"
Minou bleibt ( symbolisch) der Mund offenstehen.
Silwi sagt diese Worte aber mit heiligem Ernst. Minou starrt ungläubig und sprachlos in das verzückte Gesicht ihrer jungen Bekannten. Nun küsst Silwi mit heißer Inbrunst Jesu Antlitz - das sie sich ja selbst gemalt hat. Minou kommt aus dem Staunen nicht heraus. Silwi weint. Seltsam der Anblick des aufgelösten Mädchens mit seinen Lippen auf dem Aquarellbild von Jesus.

Da weiß Minou wieder einmal, was ihr alles mangelt. Von welch niedriger Gesinnung sie selbst ist. Sie spürt, wie auserwählt, wie feinfühlig die Estin sein muss und wie minderwertig dagegen doch sie, die, obwohl noch so jung, schon so oberflächlich und ohne Gottesliebe herumläuft und von ganz anderen Männern träumt.

Silwi wird später ihr Abitur als Beste von vier Parallelklassen ihres Jahrgangs bestehen. Bei der Abschlussfeier der Schule wird sie mit einem Solo-Klaviervortrag mächtigen Applaus - auch seriöser Kritiker - ernten und in der Fünfkirchener Zeitung auf einer gesamten Seite als junges Nachwuchs-Talent gefeiert werden. Doch wird sie nach dem Abitur - wie Minou übrigens nach der Mittleren Reife - auf dem Fernsprechamt in Brückenstadt landen. Wahrscheinlich braucht die Familie auch das von ihr verdiente Geld zum Überleben. Der kranke Großvater muss ja auch ernährt werden.

Die talentierte junge Pianistin wird als ‚Fräulein vom Amt‘ einen Job ausüben, der kaum Anforderungen an Verstand und Kreativität stellt. Schade eigentlich. Doch Silwi wird das mit Gelassenheit hinnehmen und nie ihre gute Laune verlieren. Sie wird stets ruhig und ausgeglichen sein, eines der beliebtesten Mädchen dort ... ohne negative Gedanken, immer mit Rat und Tat zur Hand bei den Problemen der Kolleginnen. Immer eine Ansprechpartnerin, nie belehrend ... aber fast demütig.
‚Demut - weiß der Teufel - Demut, die hat sie doch überhaupt nicht nötig!‘, denkt Minou als sie beide dann im gleichen Raum arbeiten. Komisch, Silwis Wesen hat etwas Unterwürfiges.

Wiederum viele Jahre später wird Minou bei einem Treffen feststellen, dass die Estin einen Mann geheiratet hat, der zwar auch mit schwarzen Schmachtlocken gesegnet ist, aber anscheinend keine Spur vom sanftmütigen, durchgeistigten Jesus in seinem Charakter aufweist. Dieser Mann entwickelt sich mehr und mehr zu einem gefürchteten, auch wohlsituierten Rechtsanwalt und Silwi, seine (Haus) Frau, zum - zufriedenen? - Heimchen am Herd und zur Mutter von fünf Kindern.

Was aus ihrer Mädchenliebe zu Jesus geworden ist, wird Minou nie erfahren.

*


Anmerkung: Die in kleine Schrift gesetzten und grau unterlegten Abschnitte sind Verse von Schiller, bzw. Original-Auszüge aus literarischen Werken oder Reden von – berühmten - Leuten.

*




Was bisher geschah:

Hermine ( Minou ) wird 1939 geboren. Sie ist zirka ein Jahr alt, als ihre Mutter bei der Geburt des Bruders Werner stirbt. Vater ist Soldat im Krieg. Nach mehreren Versuchen mit ‚Haushälterinnen‘ wird das Kind zu Anna, einer Tante, gebracht. Dann heiratet Papa wieder. Lisa, die neue Mutter, holt die jetzt viereinhalbjährige Hermine und Werner zu sich. Papa - ständig an der Front - ist für die Kleinen ein Fremder, an den sie sich kaum erinnern. Einen Teil des Krieges verbringen die Kinder und Lisa in Evakuierung auf einem Gutshof in Bayern. Dort bringt Lisa auch ein neues (Stief)Brüderchen zur Welt, den Maxl. Nach Kriegsende kehrt die kleine Familie ohne den Vater - er ist in Gefangenschaft - wieder nach Marienstock zurück. Die Kinder sind problematisch: Werner nässt das Bett, Hermine ist immer traurig und wird oft ohnmächtig. Papa kommt eines Tages als Spätheimkehrer nach Hause und betreibt bald eine Bohnerwachsfabrik, die ‚Xanutta‘.
Zirka 1950. Hermine wächst bei Papa, der Stiefmutter Lisa, dem Bruder Werner und den kleineren Halbgeschwistern in Marienstock auf. Ab 1949 besucht Minou die Mädchenmittelschule in Brückenstadt.




32
SCHULFREUNDINNEN

Seit zwei Jahren fährt Minou mit dem Zug ins fünfunddreißig Kilometer entfernte Brückenstadt zur Schule. Vier Mädchen aus ihrer Klasse steigen später auf der Strecke zu: in Sulzhofen Berti und Sigrid, in Horbach dann die Zwillinge, Anni, Hilde. Kameradinnen. Oder sind sie Zweckgemeinschaft. Sechs Tage die Woche. Die Unzertrennlichen. Sie leiden – häufig - und freuen sich – seltener - am Schulunterricht. Sie regen sich gemeinsam auf über die unmöglichen Lehrer, fragen sich frühmorgens im Gang des überfüllten Zuges hektisch französische oder englische Vokabeln ab. Sie beben schon auf der Fahrt, wenn eine Mathe-Arbeit bevorsteht und versuchen, sich gegenseitig durch lockeres Gerede Mut zu machen.

Vom Hauptbahnhof ist es ein ziemlicher Fußmarsch zur Schule, die in einem zerstörten, äußeren Stadtteil liegt. Die Kinder marschieren noch immer über Ruinenfelder, wo – so heißt es - früher Wohnstraßen waren mit schönen Häusern. Über Berge aus Schutt, die jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit von abertausend Menschen überstiegen werden müssen, haben die unzähligen Füße in wenigen Jahren bequeme Trampelpfade geschaffen.

Wenn gegen ein Uhr mittags der Unterricht zu Ende ist, können die auswärtigen Mädchen noch lang nicht nach Hause fahren. Denn die Fahrpläne der Eisenbahn sind auf die Schichtzeiten von Bergleuten und Fabrikarbeitern abgestimmt, nicht auf die Bedürfnisse pendelnder Schüler. So lungern die Kinder in der Stadt herum.

Um bei der Wahrheit zu bleiben ... manchmal verpassen sie absichtlich einen Zug oder auch zwei. Wirr, verwahrlost und brodelnd, noch vom Krieg gezeichnet ist Brückenstadt. Man kann herrlich in Ruinenhäusern und halb verschütteten Kellern spielen oder am Fluss, im wild wuchernden Ufergebüsch versteckt, auf Schwarzhändler und andere düstere Gestalten lauern, die sich hier zu zwielichtigem Treiben treffen. Düstere Bilder an späten Winternachmittagen, wenn Dämmerung die Stadt einzuhüllen beginnt.

Kommt Minou dann nach der Fahrt in stets gnadenlos überfüllten Zugabteilen endlich daheim in Marienstock an und reißt sie die Tür zur Wohnküche auf, da prasseln ihr gleich Lisas spitze Vorwürfe um die Ohren.
"Ah, da bist du ja SCHON!!"
Und dann jammert Stiefmütterchen, dass sich die Missratene wieder einmal geschickt vor allem gedrückt habe, was andere Töchter doch mit so großer Freude und Hingabe tun, als da sind: Geschirr spülen, die Wäsche in den Hof tragen und aufhängen oder mal das Treppenhaus putzen.
"Von dir kann man so etwas ja nicht erwarten!"

Ach ... Minou tut tatsächlich so gut wie nichts - außer dem täglichen Milchholen, das sie ja noch vor sich hat, denn Milch ist für das kleine Schwesterchen Tanja lebensnotwendig.
"Du vertrödelst nur deine Zeit, statt mir ein bisschen unter die Arme zu greifen ... Wann hast du eigentlich zum letzten Mal hier auch nur EINEN Finger gerührt? Die personifizierte Faulheit bist du! Wie lange soll ich mir das noch gefallen lassen!?", so Lisa.

Minou ist kein Vorbild an Fleiß. Sie gibt es zu. Ihr Zimmer - da fängt es schon an - räumt sie kaum je auf. Sie fühlt sich dort sowieso nicht wohl. Es ist klein wie eine Besenkammer. Ein fünfundsiebzig cm schmaler Schrank fasst all ihre Habe, Kleider und Schulsachen. Er ist beim Ausbau des Speichers von einem Schreiner in die Wand eingearbeitet worden.
"Alles ist so mickrig und eng!" hatte Minou gemault.
"Mehr Platz ist halt nicht", war Lisas Antwort gewesen, "wenn es möglich wäre, hätten wir es anders gemacht."

Minou putzt zirka alle drei Monate einmal ihren Boden, wischt ebenso häufig Staub und macht das Bett nur dann, wenn sie ab und zu von Lisa frische Bettwäsche bekommt. Plötzlich graust ihr dann vor soviel Dreck und ruck, zuck schrubbt und wienert sie wie verrückt. Dabei ist das Zimmer auch in gereinigtem Zustand und mit einem frischen Blumenstrauß auf dem Fensterbrett nicht viel mehr als ein düsteres Loch, in das auch im Hochsommer kein Lichtstrahl dringt. So eine Bleibe kann des Kindes Wünsche nach Schönheit und hehrer Ästhetik nicht stillen. Minou wird sich nie darin zuhause fühlen ... nein! Sie betritt die Kammer nur zum Schlafen oder liegt dort, wenn sie krank ist.

Dem Zimmer fehlt, wie gesagt, Tageslicht. Eine 25-Watt-Glühbirne flackert an der Decke auf, wenn man draußen im Flur den Schalter dreht. Die verbreitet dann Trübsinn pur. Im Winter ist es sehr kalt, im Sommer heiß wie im Brutofen da unter dem Dach.
So schmal ist die Kammer ... zwei Kinder gleichzeitig würden sich da schon gegenseitig über die Füße stolpern. Lisa hat ohnehin verboten, dass sie sich eine Freundin einlädt:
"Du hast genug mit dir selbst zu tun."

Man kann in dem Räumchen auch keine Schulaufgaben machen. Es fehlt der Tisch. Es fehlt auch der Platz für einen Tisch. Kaum passt das schmale Bett da hinein. Minou hätte sich zu Tode geschämt, wenn je eine Mitschülerin hier heraufgekommen wäre.

Das Bett macht sie deshalb so selten, weil das wuchtige Holzgestell mit seiner langen Seite eng unter die Dachschräge gepresst ist und sie da nur mit schwersten Verrenkungen und Kopfanstoßen hinreichen kann, um z.B. das Laken zu wechseln.

Abends, wenn sie sich niederlegt, denkt sie daran, dass ihr Zimmer dreckig und das Bett ungemacht ist. Das lässt sie überhaupt nicht kalt, obwohl sie auf Lisas Vorwürfe immer sagt, das mache ihr alles gar nichts aus. Hin und wieder nimmt sich vor: ‚Jetzt wird‘s anders ... von morgen an wird regelmäßig geputzt.‘
Dann legt sie so richtig los. Und hält die mühsame Ordnung auch drei Tage durch, oder vier.

Lisa jammert derweil permanent, weil die Stieftochter ihr nicht im Haushalt hilft. Sie hat nun Tanja, das Baby, das die ganze Zeit Arbeit macht. Auch wird sie in einigen Wochen noch ein Kind bekommen. Es vergeht kein Tag, an dem die Hochschwangere nicht vor Papa, Tante Zilli oder irgendeiner Nachbarin die ‚himmelschreiende Faulheit‘ von ‚dem da‘ anprangert. Minou muss sich innerlich eingestehen, dass Lisa mit ihren Vorwürfen Recht hat. Trotzdem ... mit Widerworten wehrt sie sich, sie lässt sich doch von ‚dieser Frau‘ zu keiner Arbeit zwingen! Gut ... Milch holen geht sie ja. Aber sonst tut sie nichts! Es ist wahr, sie IST faul. Und immer auch müde.

Wenn sie um vier oder fünf Uhr nachmittags heimgekommen, sich Bratkartoffeln und verbrutzelten Leberkäs aufgewärmt und die in der Soße ertrunkenen, welken Salatblätter - alles Überbleibsel vom köstlichen Familienmittagsmahl - in sich hineingestopft hat, möchte Minou sich nur noch hinlegen. Aber dann sind die Hausaufgaben zu machen. Und während sie ihr Schulzeug auf dem Küchentisch ausbreitet, lässt Lisa wieder ihr Gezeter los und klatscht der Stieftochter deren totale Nutzlosigkeit mit anklagenden Worten um die Ohren.

In späteren Jahren wird Lisa nicht mehr so aufgebracht sein, sondern eher spöttisch vor der Verwandtschaft erwähnen, dass ‚es‘ sich noch immer nicht gebessert hat, im Gegenteil, ‚das da‘ rührt nach wie vor keinen Finger, da kann ich mich halb tot schuften, das schert sich nicht im Geringsten darum ... "

Ja, ja, auch jetzt schon wird Minou von allen Seiten ausgeschimpft. "Wie ... DU willst einmal einen Mann finden?! Bei DIESER Einstellung!?" , sagt Tante Rita. "Eine, die im Haushalt nichts taugt, kann sich gleich begraben lassen! Zu mir müsstest du kommen. Von mir könntest du lernen!"

In der Woche vor Weihnachten herrscht bei Rita im Laden immer großer Andrang. Da darf – oder soll – die zwölfjährige Minou der Tante - natürlich gegen großzügige Bezahlung - zum ersten Mal helfen. Rita stellt sie denn auch den Kundinnen als richtige kleine Perle vor.

"Meine Nichte!" sagt sie mit optimistischer Miene und strahlendem Lächeln, "kann sie das nicht prima? Ist sie nicht fürs Geschäft wie geschaffen?" Was gut gemeint ist, aber in Wirklichkeit natürlich nicht stimmt. Denn die auf einmal so hoch gelobte Nichte ist alles andere als ein Verkaufsgenie.

Und sie könnte sich auch Aufregenderes vorstellen, als den Marienstocker Hausfrauen Bellavita-Hüfthalter und Büstenheber in die Anprobekabine zu reichen und am Schluss schöne Päckchen zu schnüren und freundlich zu grinsen. Das Getue, das auf einmal um ihre kleine Person gemacht wird, belästigt das empfindliche Ding fast ebenso wie Lisas ewiges Genörgel.

*



EINE BÜCHERJAGD

Minou hat die Beschreibungen christlicher Märtyrer, ihre durch Folterungen und Qualen geheiligten Lebensläufe in Oma Margaretes Wälzer ‚Das Leben der Heiligen‘, andächtig verschlungen und dazu zirka zwölf Karl-May-Bände, in denen es bedeutend gerechter, auch unblutiger zugeht als in den katholischen Überlieferungen. Nur etwas ganz Bestimmtes vermisst die Heranwachsende in diesen Büchern. Etwas, worauf sie furchtbar neugierig ist. Man kann es sich ja denken: ihre Mädchengedanken schweifen nur um eins, um die Frage aller Fragen.

Stiefmütterchen ist - außer Onkel Peter, der ja das berühmte Werk über Amerika seit einem Jahr immer in Reichweite liegen hat - die einzige in Minous Umgebung, die eine erwähnenswerte Anzahl von bedeutenden literarischen Werken ihr Eigen nennt. Diese, - es sind SECHZEHN an der Zahl, stehen auf dem Büffet im Wohnzimmer zwischen zwei porzellanenen Buchstützen der Marke Hummel, einem wahren Kunstwerk, das Lisa allerdings nur mit spitzen Fingern, geradezu verachtend anfasst, wenn sie es abstaubt. Die eine Figur stellt Hänschen-klein dar, ein Bürschlein mit runden, roten Wangen, einem zerlumpten Bündelchen, das der niedliche Kerl an den Wanderstab gehängt, huckepack über der Schulter trägt, wobei seine in löchrigen Stiefeln steckenden Füße energisch ausschreiten ... Hänschen klein, ging allein in die weite Welt ... Mit gespitztem Mündchen pfeift er sich eine Melodie, während sich auf seinem zerbeulten Hut mit weit geöffnetem Schnabel eine Meise tummelt, die offensichtlich auch ein Liedlein trällert...
Eine Nonne hat die schöne Kinderfigur entworfen ... weiß Minou inzwischen.

Die zweite Buchstützenskulptur – die für die rechte Seite - ist ein liebliches Mädelchen. Auch es in einem Stadium malerischer Verwahrlosung. Die Kniestrümpfe sind ihm in Wülsten auf die Schuhe gerutscht und die Kleider ein bisschen zerzaust. Das ist natürlich das Gretelchen. Es lächelt lieb von einer Mauerbank herunter und spielt Ziehharmonika. Eine weiße Taube ist auf seine Schulter geflattert. Ein Körbchen mit Ranunkeln baumelt ihm am Arm. Und alles ist so bunt.
Jeder, der die Buchstützen sieht, bricht in Entzückensschreie aus. "Wie süß!" Nur Lisa nicht. Sie seien Kitsch, sagt sie - Kitsch as Kitsch can ...


Die Bücher, die von diesen neckischen Figürchen aufrecht gehalten, auf dem gelben Buffet stehen, hat die Stiefmutter in die Ehe eingebracht. Nicht so die Stützen selbst, das zauberhafte Hänschen und Gretelein. Die stammen von Emma, Minous ‚erster Mutter‘. Also, Lisa findet das Pärchen ... geschmacklos. Behält die Dinger aber doch. Neue Buchstützen sind schwer zu kriegen. Und dann noch echt von Hummel ... na ja, zum Wegwerfen zu schade. Lisa behält auch im Wohnzimmer das scheußliche Büffet, den Tisch, die sechs Stühle, alles das aus gelbem!! Schleiflack und ebenfalls Überbleibsel aus Emmas Zeiten.
"Grauenvoll" soll sie zu Zilli gesagt haben, als sie das Zeug zum erstenmal sah.


Eines Tages schließt Lisa ihre sechzehn Leseschätze weg. Ins unterste Fach des gelben Büffets. Weil sie den begehrlichen Blick der zwölfjährigen Minou immer öfter darauf gerichtet sieht. Und weil diese die Bände schon ein paarmal gierig befingert und Seiten aufgeschlagen hat. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: die Stiefmutter fürchtet nicht um die Unversehrtheit ihrer geliebten Bücher, sie fürchtet um die Reinheit der jungen Mädchenseele.
"Die sind nichts für dich!", sagt Lisa, "ich will nicht, dass du darin herum schmökerst!"
"Och, bitte!!"

Die Stiefmutter sperrt die Bücher ein. Den Büffetschlüssel dreht sie um und nimmt ihn mit.
Eines Nachts, als alle schlafen, schleicht sich die lesewütige Tochter mit einer Taschenlampe zu dem Möbelstück. Oben ist eine breite Schublade, die nicht abgesperrt ist, weil sie kein Schloss mehr hat. Diese Schublade voller Krimskrams wuchtet Minou mit Mühe heraus. Nun hat sie oben eine Öffnung ins Innere des Möbels. Dann arbeitet sie sich langsam und zielbewusst zu den Büchern durch. Und zwar durch Lüpfen der eingelegten Zwischenbretter. Was nicht einfach ist. Dazu muss sie erst Lisas ‚gutes‘ Porzellan aus dem Weg räumen. Von diesem ersten Brett trägt sie also einen Stapel Rosenthal-Geschirr ab, stellt die Teile vorsichtig auf den Teppich, um sie später wieder genauso einzuordnen, wie sie vorher gestanden haben. Sie zerbricht nichts. So kann sie am Schluss das Brett herausnehmen und auf die gleiche Weise das zweite. Ganz unten sind die Bücher.
Zuerst trifft sie auf ‚Kristin Lavranstochter‘ von Sigrid Undset.
Doch ist sie nicht sicher, ob man dort die ‚verbotenen Stellen‘ findet, nach denen sie so sehr lechzt. Dann ist da ein Band mit dem sonderbaren Titel: ‚Die Heilige und ihr Narr.‘ Heilige kennt Minou inzwischen zur Genüge. Nein Danke. Von Narren will sie auch nichts wissen, sondern von wirklichen, herrlich-schönen, kühnen, atemberaubenden Heldengestalten. Auch richtige Bösewichter wären ihr willkommen!

Endlich kann sie sich wie eine Diebin in der Nacht das Exemplar herauslangen, das sie schon lang im Auge hat. Das ihr den größten Lesegenuss verheißt und ihr sicher etwas über das kundtun wird, was sie einzig und allein interessiert.
Es ist: ‚Ein Kampf um Rom‘ von Felix Dahn und verspricht, über all das zu berichten, was sie schon lang wissen will: Über die Liebe der Kaiser und Könige, verruchte Frauen, Glanz und Elend, Schicksal, Hochmut, das LASTER. Von Liebe will sie lesen und wilder, ungezügelter LEIDENSCHAFT. Das ist es, was ihr junges Herz begehrt.

‚Ein Kampf um Rom‘ hat aber drei Bände. Aber nur Band Nummer eins greift sich Minou – ein bisschen blöd ist sie schon. Wenn schon, warum nimmt sie dann nicht gleich alle? Aber nein, sie ist ja bescheiden. Greift sich also nur Band Nummer 1. Legt, bevor sie das Wohnzimmer verlässt, nacheinander die zwei Bretter wieder ins abgeschlossene Büffet ein ... auf jedes muss sie das Porzellan so zurückstellen, wie es vorher angeordnet war. Zuletzt hebt sie noch die wuchtige Schublade in die Aussparung hinein, dass Lisa nur ja nichts merken soll und zieht beglückt ab.
Nach vierzehn Tagen, als sie den ersten Band zu Ende gelesen hat, manövriert sie ihn im Schutz der Nacht wieder dorthin, wohin er gehört. Nimmt sich den nächsten heraus. Auf die gleiche, komplizierte Art. Minou ist ganz vorsichtig mit dem Geschirr. Zerbricht noch immer nichts. Macht kaum Geräusche. Tilgt mit Sorgfalt sogar ihre irgendwie fettigen Fingerspuren am Lack der Schublade, was nicht leicht ist bei Taschenlampenbeleuchtung.

Den dritten Band zu lesen schafft sie leider nicht mehr. Denn die Stiefmutter hat inzwischen Wind bekommen und festgestellt, dass da in ihrem Büffet eine unerklärliche Verschiebung der seit einem halben Jahr nicht mehr benutzten Schüsseln und Suppenterrinen vor sich gegangen zu sein scheint. Dass frevelnde Hände aber bis zu den Büchern tief unten vorgestoßen sein könnten, daran denkt sie noch nicht.

Zu später Mitternacht wird Minou dann jedoch von Lisa ertappt, als sie gerade mit ihrer Beute die Speichertreppe hinauf schleichen will. Die Übeltat kommt ans Licht. Sie muss Band 3 sofort herausrücken, trotz heißer Bitten:
"O lass ihn mir... nur für ein paar Tage... jetzt wo ich ihn sowieso schon habe..!"

"Nichts da", schreit Lisa. Ein solches Ansinnen sei ja wohl der Gipfel der Unverfrorenheit, meint sie.

"Diese Tat deiner Tochter schlägt nun endgültig dem Fass den Boden aus, tu duuu mal was!", sagt sie in der Nacht zu Papa.
Aber der nimmt das schlimme Verbrechen der Halbwüchsigen auffallend gelassen hin.

Lisa zieht die Konsequenzen. Von da an ist sogar die Wohnzimmertür hermetisch abgesperrt. Der Raum hat auch vorher, obwohl unverschlossen, kaum je benutzt werden dürfen. Nur am heiligen Abend zur Bescherung. Und bei Werners und Minous Erstkommunion. Sonst nur noch ein, zweimal im Jahr, wenn nämlich Lisas Mutter und die Tante Monika aus Bayern zu Besuch kamen. Ansonsten spielt sich das Leben der Familie, inclusive Nachbar- und Freundesbesuchen und allen Tätigkeiten - Schlafen ausgenommen - einzig und allein in der Küche ab.

Lisa muss immer wieder kleine Schliche anwenden - wie diese Ausklammerung der guten Stube aus dem Alltagsleben - um die Hausarbeit überhaupt zu bewältigen.
"Wenn ihr auch noch das Wohnzimmer zu einer Räuberhöhle macht, dann werfe ich endgültig die Flinte ins Korn", stellt sie klar.
Seit sie verheiratet ist, schlägt ihr die Arbeit einfach über dem Kopf zusammen. Da hat sie keine freie Minute mehr. Auch nicht zum Lesen. Deswegen kauft sie keine neuen Bücher dazu.

Auch Papa hat andere Dinge zu tun, als sich groß mit schöngeistiger Literatur zu beschäftigen. Aber drei Zeitungen hat er abonniert: den "Brückenstadter Boten", das "Handelsblatt" und die "Neue Zeit". Mit denen hält er seine Bildung auf dem aktuellsten Stand. Alle dienen nach dem Lesen noch einem zweiten, fast ebenso wichtigen Zweck. Zilli zerschneidet sie nämlich regelmäßig in handliche kleine Quadrate und heftet diese an einen Wandnagel im Plumpsklo unten im Hof. Das wasserlose Klosett in einem winzigen, zerfallenden Häuschen, besteht aus einer Art hölzerner Bank mit einem ausgesägten, runden Loch in der Mitte und einem darauf passenden Deckel mit metallenem Griff. Mit diesem Deckel muss nach jeder Sitzung die Öffnung wieder zugedeckt werden, um den Jaucheduft möglichst in der Tiefe der Grube zu halten. Es ist übrigens das einzige Klosett, das die Kerns haben und nicht nur für die Mitglieder der beiden Familien da, sondern wird auch von den Angestellten der Druckerei reichlich frequentiert.

*



33
HERZ – SCHMERZ - DIE SCHLAGER

Marienstock um 1951. Hermine ist zwölf Jahre alt und nennt sich inzwischen ‘Minou.’

Nun kommen die Jahre der Schlager. Musik perlt aus Türen und Fenstern in Stadt und Land. Leichte Melodien füllen die Luft. Wohin man geht und steht, überall dröhnen sie von morgens bis abends aus den Radios. Das ist neu. Mit den Comedian Harmonists vor dem Krieg hatte es angefangen. Ihre verrückt-spritzigen Ohrwürmer kannte jeder: ‘der kleine grüne Kaktus’, ‘Veronika, der Lenz ist da’. Und jetzt erklingt, Dank der neuesten Technik, Unterhaltungsmusik rund um die Uhr.

Immerhin ist Minous Generation die erste, die sich Tag und Nacht an Klängen erfreuen kann. Auf simplen Knopfdruck holt man die Melodien zu sich. Schlager-Hits in Jugendzimmern. In Büros. In Werkstätten.

"Deine Cousine Else ... hör dir an, was die da unten in der Wohnung veranstaltet ... von mittags bis in die Nacht läuft das RADIO. Kaum kommt sie aus der Schule, schwupp, schwappt schon der Lärm durchs ganze Haus", sagt Lisa, "das Mädel muss ja blöd werden ... sogar ihre Schulaufgaben macht sie nur noch unter Dauerberieselung. Sowas ist doch nicht normal! Na ja, wenn ihre Mutter ihr ja auch alles durchgehen lässt! Sie und Peter sind tagsüber in der Druckerei und müssen sich das nicht anhören. Aber ICH muss ! Mir reicht's. Mir REICHT'S.
"Else, stell das Gedudel ab! Bist du noch zu retten", brüllt Lisa die Treppe hinunter.

Minou findet es ebenfalls nicht ganz vernünftig, was Else da macht.

Oben in Lisas Wohnung, darf man das Radio nur zu ‘wertvollen’ Sendungen einschalten. Das ärgert Minou schon, denn auch sie ist verrückt nach Schlagern. Aber sie hört sie ja ständig bei Else. O, all diese Sehnsucht! Da spürt man mit Schaudern, wie es ist

- wenn abends die Heide träumt -
denn:
- dann fasst mich ein Sehnen
und ich denk unter Tränen
an verlorenes Glück. -

Auf der Spur sind die Sängerstars dem Geheimnis

der ‚südlichen Nächte unter südlichen Sternen‘. Singen von roten Rosen, roten Lippen, rotem Wein und Italiens blauem Meer im Sonnenschein.

Auch aus Frankreich kommen wundersame Klänge: in ‘Les trois cloches’, jubiliert Edith Piaf. - Une cloche sonne sonne - . Feierlich wie eine Kirchenhymne.

- Une cloche sonne sonne
Sa voix d'echos en echos
Dit au monde qui s'etonne
C'est pour Jean-Francois Nicot
C'est pour accueillir une a m e
Une fleur qui s'ouvre au jour
A peine, a peine une FLAMME ...
Encore faible qui reclame
Protection, TENDRESSE, AMOUR ... -

oder:

- Quand il me prend dans ces bras,
il me parle tout bas,
je vois la vie en rose -

und Charles Trenet:

- La mer, qu'on voit danser le long des golfes clairs
a des reflets d'argent, la mer -

Frankreichs hocherotische Ausstrahlung auf deutsche Gemüter lässt auch die teutonischen Schlagermacher nicht untätig bleiben:

- Erst kommt ein 'Nein', dann ein ‘Vielleicht’ und dann ein ‘Ja’,
das ist der Zauber von Paris,
irgendwo am Montmartre geht dann ein Licht um Mitternacht aus
und die Nacht von Paris
schickt tausend verliebte Paare nach Haus – ( oder so ähnlich )

sehr berühmt:

- Ganz Paris träumt von der Liebe,
denn dort ist sie ja zuhaus.
Ganz Paris träumt dieses Märchen,
wenn es wahr wird,
ganz Paris grüßt dann das Pärchen,
das ein Paar wird.
Ganz Paris träumt immer wieder,
immer wieder nur vom Glück..
Wer verliebt ist, wer verliebt ist in die Liebe,
kommt nach Paris zurück. -

O wäre man doch weit weg. Dort, wo das Leben pulsiert!!
Ursula Münch und Senta Ott, zwei vierzehnjährige Freundinnen aus Wilhelmstal, soliden, bodenständigen Bergmannsfamilien entstammend, machen sich irgendwann davon. Bei Nacht und Nebel. Mit zwielichtigen Fremdlingen, die schon ein Auto besitzen. Wohin? In die LICHTERSTADT an der Seine natürlich. Sie werden eine Woche später am Place Pigalle aufgegriffen. Und zwar VERKOMMEN! Dann von der französischen Polizei zurück speditiert. Schande über Eltern und Familien! Was sie so erlebt haben, hätten die daheim gebliebenen Mädchen, nicht zuletzt Minou, furchtbar gern gewusst. Die Ausreißerinnen erzählen aber nichts.

Auch die Südsee rückt immer näher an die Marienstocker Welt heran! In einem Schlagerhit jener Jahre schmilzt des Sängers Stimme wie Ananas-Eis in der Sonne:

- Lebe wohl du schwarze Rose,
schwarze Rose von Hawaii,
wenn ich ANDRE Mädchen kose,
denk' ich nur an dich dabei!
Jedes Märchen geht einmal zu Ende
daran bricht unser Herz nicht entzwei,
lebe wohl du... – ( und so weiter ).

Da kriegt Minou jedesmal eine Gänsehaut. Und eine leise Ahnung von der Unberechenbarkeit und dem Wankelmut männlicher Liebesgefühle - Wenn ich andre Mädchen kose, denk ich nur an dich - Haha!!

Aus Amerika kommt: - Carry me back to old Virginia‘ -
Daraus haben die Deutschen Herzzerreißendes gemacht:

- Schwer war die Arbeit und schwerer die Ketten,
Jahre um Jahr' in der Sonne heißem Brand,
nichts auf der Welt lieb ich mehr als Virginia,
wo ich als Sklave meine neue Heimat fand!! -
Zum Heulen schön!

Minou weiß nicht, ob sie die Schlager liebt ... sie kennt damals nichts anderes. Um ehrlich zu sein ... sie betören ihr Herz, wenn sie nur pathetisch genug von blauer Nacht, von Meer, Herz, Schmerz und Sternen singen. Von dem schönen, fremden Mann. Von der Liebe natürlich, der Liebe ... die ewig währt ... oder ... viel zu schnell vergeht.

Man fühlt mit dir, du arme - Cindy o Cindy, dein Herz muss traurig sein- denn:

- Er kam als du erst siebzehn warst
von großer Fahrt zurück.
Er küsste dich so scheu und zart
und sprach vom großen Glück .
Am Kai da riefen die Möven,
als er dich wieder verließ.

Cindy, oh Cindy,
dein Herz muss traurig sein.
Der Mann den du geliebt,
ließ dich allein.

Am Kai da riefen die Möwen
aus all den Träumen dich wach...

Wenn nachts ein Schiff die Anker wirft,
dann stehst du wartend da.
Doch keiner, der dich scherzend ruft,
kommt deinem Herzen nah.
Am Kai da rufen die Möven,
sie rufen alle dir zu:
Cindy , oh Cindy
dein Herz ... -

Von Italien träumt jeder richtige Deutsche:

- Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt
und am Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt,
zieh'n die Fischer mit ihren Booten aufs Meer hinaus
und sie werfen im weiten Bogen die Netze aus.
Nur die Sterne sie zeigen ihnen am Firmament
ihren Weg mit den Zeichen die jeder Fischer kennt.
Wenn von Boot zu Boot das alte Lied erklingt...
Hör von fern, wie man singt:
Bella, bella, bella Marie,
bleib mir treu ich komm zurück morgen früh,
bella, bella, bella Marie,
vergiss mich nie! -

Ja, die Schlagertexte drücken so recht das Verlangen nach Erhabenem aus. Nach Schönheit und der Fülle des Lebens. Mit ihren mageren WORTEN treffen sie aber die Erwartungen der jungen Menschen nicht so ganz. Statt dessen spiegeln die MELODIEN ihre Sehnsüchte und Gefühle viel besser wider. Nur ... Minous Sehnsucht - wohl auch die von Else und tausend anderen Mädchen ihrer Generation – ist in Wirklichkeit viel stärker, als selbst die schönsten Schlagerweisen es sagen könnten.

- Ich seh im Traum dein nachtschwarzes Haar
und deiner Augen trauriges Paar,
und deinen Mund wie schweren, roten Wein -

Weit noch ist man entfernt von der Zeit, wo man sich dann über so viel Schwulst lustig machen wird. Noch überlässt man sich ganz den traurig-schönen Weisen. Ein bisschen komisch fühlt man sich schon dabei ... wie ertappt. Aber es tut auch gut, wenn einen die Wehmut überrollt wie eine hoch schwappende, süße Woge. Einfach herzerweichend ist es, wie Lale Anderson mit ihrer dunklen, warmen Stimme singt:

- Blaue Nacht, o blaue Nacht am Hafen,
in der Ferne rauschen Meer und Wind
und die Schiffe liegen still und schlafen,
die von weit, weit her gekommen sind !

Und im Schatten einer Bootslaterne
stehen zwei und finden nicht nach Haus.
Und sie flüstert: "Liebster ach wie gerne,
führ' ich morgen mit aufs Meer hinaus!"

Aber alles, was er mit an Bord nahm,
war die Hoffnung auf ein Wiedersehn
und als er nach einem Jahr zurückkam,
sah er weinend sie am Hafen stehn...

Und er nahm sie zärtlich in die Arme
und sie sah'n einander fragend an,
denn sie wussten, Herzen, die sich lieben,
trennen Grenzen nicht und Ozean...
Denn sie wussten, Herzen, die sich lieben,
trennen Grenzen nicht und Ozean -

Die Schlager der Fünfziger Jahre - so wird später jemand sagen - zeigen die geistige Schlichtheit und kindliche Naivität derer, die sie geschrieben haben, derer, die sie ihren Zuhörern mit großem Ernst und Pathos vortragen, auch der Millionen, die ihnen verzückt lauschen, denen sich diese Lieder als geliebte Ohrwürmer für Jahre in die Gehörgänge einbohren werden.

*



AM SCHWIMMBAD

Die wenigen Jungen, die Minou kennt, hält sie für schale, langweilige Geschöpfe. Die sind ihren Träumen nicht gewachsen. Wer könnte schon bei der Berührung solch durchschnittlicher Typen bis ins tiefste Mark erschauern! Sie braucht es nicht einmal auszuprobieren: da ist keiner unter ihnen, der imstande wäre, in ihr das Feuer der Leidenschaft zu entzünden! Von denen wird sie sich nicht küssen und begrapschen lassen!

Es besteht auch kaum Gefahr, denn sie ist nicht hübsch. Kein männliches Wesen folgt verzückt ihren Spuren. Doch, obwohl weit und breit kein Verführer in Sicht ist, erlauben Papa und Lisa nicht einmal, dass Minou mit Jungen auch nur beisammen steht und REDET. Sogar die Oma, wenn ihr die Enkelin zufällig draußen irgendwo über den Weg läuft, lauert argwöhnisch und mit Argusaugen, ob da nicht vielleicht doch ein ‘Kerl’ in der Nähe ...

Wie viele Halbwüchsige der umliegenden Dörfer verbringt Minou beinahe jeden Tag der Sommerferien im Wilhelmstaler Freibad.
Sie schämt sich ihres Aussehens so fürchterlich, dass sie sich entfernt von den anderen im Dickicht versteckt. Weil sie nämlich RAPPELDÜRR ist.
Hinten, wo die Liegewiese endet, breitet sie ihre Wolldecke aus. Dicht am hohen, grobmaschigen Drahtzaun, der das Terrain des Schwimmbads drastisch vom angrenzenden Wald trennt. Auf diesem letzten Streifen Liegewiese, wohin sich nicht einmal schmusende Pärchen verirren, wird das Gras nicht mehr gemäht. Dort stehen nur verwilderte Hecken. Niemandsland. Das ist Minous Refugium. Sie hat sich einen kleinen Pfad durch das Gestrüpp gebahnt. Hinter Brombeerranken macht sie es sich bequem. Da ist Schatten und kühlere Waldluft und vor allem ist sie nicht dem Gegaffe und den Bemerkungen der Kinder und Erwachsenen ausgesetzt.

Ihr gefällt der ständige, gleich bleibende Geräuschepegel, der über dem Schwimmbad hängt, der Mischmasch aus Juchzern, Gekreisch und Gequieke, die sommerliche Tonkulisse, in der jeder einzelne Laut aufgeht, aber keiner sich ganz verliert. Ein Klangteppich, der von dem Stimmengewirr unzähliger Kinder herrührt, die lärmend über die Wiese jagen, oder wilde Schreie ausstoßend, mit einem lauten ‚Platsch‘ vom Rand ins überfüllte Schwimmbecken hechten...

Wenn Minou sich die Ohren zuhält, danach die Hände schnell wieder wegnimmt und das mehrmals hintereinander, dann kann sie ein hell tosendes, an- und abschwellendes Sirren hören ... aus den Menschenstimmen wird ein schriller Insektenlaut wie von tausend Grillen.

Also ... eine dornige Rosenhecke schützt das dürre Ding in seinem Versteck zusätzlich vor Blicken. Nein, niemand kommt bis hierher. Von ihrer Wolldecke aus kann sie durch den Drahtzaun direkt in den Wald sehen, wo auf tannennadelbesätem Boden vom großen Ameisenhaufen aus die schnellen Kerbtiere in einer Prozession bis vor ihre Füße wuseln, wenn Minou einen Krümel Käse hinlegt. Auch Faltern im Gaukelflug schaut sie gern zu. Manchmal auch ‚ihrem‘ Füchslein, das sich mit lächelndem Gesicht bei seinem Höhleneingang sonnt.

Was auf der nahen Liegewiese passiert, entgeht Minou ebenfalls nicht, denn durchs Gebüsch hat sie sich ein Guckloch geschaffen.
Es ist manchmal merkwürdig, was die Pärchen so treiben, wenn sie denken, dass niemand ihnen zusieht. Interessant.

Der Lärm verteilt sich tagsüber gleichmäßig. In den späten Nachmittagsstunden wird er schwellender. Dann kommen die berufstätigen Leute hinzu. Auch Familienväter, die ihre Kinder abholen und sich selbst noch ein paar Schwimmrunden gönnen. Abends pünktlich um acht wird die Anlage geschlossen. Als eine der letzten verlässt Minou die Wiese. Immer vorsichtig, damit niemand sie sieht.

Am nächsten Tag macht sie wieder den Weg zum Freibad. Wenn man Marienstock hinter sich gelassen hat, muss man eine Viertelstunde über sandiges Brachland marschieren. Dort ist die Erde rot. Nur wenig Gras wächst da und viel gelber Ginster. Die Gegend scheint wie im Dornröschenschlaf ... Einsamkeit! Sonnenglut. Brütende Stille.

Doch ab einem bestimmten Punkt des Weges, kann Minou plötzlich jenen insektenartigen Ton wahrnehmen. Er schwingt über der Landschaft. Hell. Dann wird das Sirren stärker, je mehr man sich dem Freibad nähert, das tief hinter Bäumen versteckt, noch unsichtbar liegt. Das ist der Ton juchzender Kinder. Der Ton schwillt an. Bis er zuletzt laut ins Trommelfell schrillt.

Noch die letzte Krümmung des roten Feldweges, dann riecht man einen lieblichen, süßen Duft und bald sieht man auch, woher er kommt ... von tausend wilden Rosen, die sich als hohe Hecke um den Eingang zum Schwimmbad ranken. Und würziger Harzgeruch strömt von der rechts davon gelegenen Imbissterrasse herüber. Die ist eine Art Aussichtsplattform, von wo man bei Torte oder einem Glas Limonade das gesamte Freibad überblicken kann. Die Terrasse ist ganz Natur, ist aus quer halbierten, groben Baumstämmen gebaut, aus denen die Sonne jetzt den tiefen, herben Holzduft herauslockt.

Nun geht Minou durch eine hüfthohe, eiserne Drehtür hinein ins Freibad. Dann ein scharfer Chlorgeruch, vermischt wieder mit dem Duft von Harz und Holz, ähnlich dem auf der Terrasse. Das kommt davon, dass das von der Sonne aufgeheizte Wasser im Schwimmbassin ständig überschwappt. Die eichenen Laufplanken der Beckenumrandung durchtränkt es. Bringt diese herbe, chlorige Würze hervor, die sonderbar stark riecht. So nach Hochsommer!

Später, wenn sie gegen Mittag am Rand der Liegewiese entlang zu ihrem Versteck schleicht, ist in Minous Nase der Heugeruch des strohgelb-verbrannten Rasens und das nussige Aroma von sonnenöldurchtränkter menschlicher Haut. Die Leute liegen auf ihren ausgebreiteten Decken eng nebeneinander, fast wie Sardinen in der Büchse. Es ist sehr heiß. Schatten gibt es kaum.

Minou lässt die mit mehr oder weniger braunen Körpern bedeckte Wiese links liegen und geht unauffällig innen am Zaun entlang bis zu ihrem Refugium hinter Brombeerbüschen und Rosenhecken. Dort lässt sie sich wie befreit auf ihrer Wolldecke nieder, kramt im Schatten ihren ‘Karl May’ hervor und ist schnell in einer anderen Welt. Irgendwann rutscht ihr das Buch aus der Hand. Im Halbschlaf träumt sie von weiten Prairien und von Winnetou, dem herrlichen Häuptling der Apatschen, der – natürlich in wilder Liebe zu ihr entflammt! - auf seinem edlen Pferd hinter ihr, der kleinen Indianerprinzessin, herstürmt. Doch sie wendet sich blitzschnell zur Flucht, denn auch sie ist eine gute Reiterin auf blütenweißem Schimmel. Aber der Häuptling der Apatschen, von Leidenschaft ergriffen, reißt sie, noch im Reiten, herüber auf sein Pferd und in seine Arme und nimmt sie mit sich fort. Oft schläft sie unter diesen Träumereien ein. Denn müd ist sie immer.

Es sind die heißesten Hundstage seit Jahren. Von Zeit zu Zeit muss sie auch einmal ins Wasser gehen. Deswegen kommt man ja schließlich her. gereinigten
Irgendwann steht auch Minou vor dem beige gekachelten Becken, dort wo es von Halbwüchsigen nur so wimmelt und ihr ist furchtbar ÜBEL. Es ist, als ob alle sie mit tausend Augen anstarrten. Sie schämt sich, ihre ständig fröstelnde, gelblich-fahle Gänsehaut hier spazieren zu führen. Und ihre Klapperdürrheit.
Die Buben schütteln sich:
"Huh, schaut mal, das Gerippe!"
Erwachsene machen besorgte Mienen beim Anblick der Jammergestalt.
Schlecht wie sie aussieht, so fühlt Minou sich auch. Wenigstens die meiste Zeit über. Sie spürt selbst diese Saft- und Kraftlosigkeit ... "Ich kann ja kaum mehr krabbeln", denkt sie manchmal erstaunt.

Die gleichaltrigen Mädchen - alle noch von Krieg und Nahrungsmangel her rank und schlank - aber im Vergleich mit ihr wie blühende Pummelchen, können sich gar nicht oft genug über Minou lustig machen:
"An deinen Knochenspitzen würde sich ein Mann ja blutig stechen..." So etwas oder Ähnliches muss sie oft anhören. Und gewöhnt sich doch nicht daran.

Das Schlimmste von allem ... auch ihr Gesicht ist dürr und elend und deswegen so hässlich. Dabei möchte sie nur normal hübsch aussehen und nicht auffallen.

"Das da kann die Geiß zwischen den Hörnern küssen", lacht ihr Lieblingsonkel Willi einmal, als er inmitten seiner Kumpel im Schwimmbad auf Minou trifft. Er hat ja recht, sie sieht es selbst jeden Tag im Spiegel ... ihr Gesicht IST dürr, die Wangen SIND eingefallen. Es stimmt. Und unter den Augen hat sie dunkle Ringe!

"Uuuuh, da iss es wieder, das Gespenst", ruft am Beckenrand ein Junge seinen Freunden zu - gerade er, den sie heimlich immer so nett gefunden hat –

Es sind meistens keine Fremden, die da im Freibad neugierig auf sie starren und miteinander tuscheln. Wenn es Fremde wären, würde es ihr - vielleicht? - nicht so viel ausmachen. Es sind aber Leute aus Marienstock. Bekannte der Kerns. Sie werden später wieder zu Papa oder Oma rennen und sich aufregen und sagen, so etwas sei nicht normal und mit Schafsgesichtern werden sie fragen, ob das Kind nicht vielleicht doch die Schwindsucht ... und ob man es nicht mal untersuchen...?
"Frau X ( oder Tante Y ) haben sich wieder über dich aufgeregt, sie meinen du würdest es nicht mehr lange machen, so wie du aussiehst!", sagt Papa dann sonntags beim Abendessen, Ratlosigkeit in der Stimme.

Minou weint im Bett heiße Tränen. Das Gerede könnte sie leichter ertragen, wenn sie sich die meiste Zeit über nicht auch noch so krank FÜHLEN würde. Manchmal hat sie zu rein gar nichts Kraft. Dann ist sie wirklich faul, da hat Lisa Recht. Und schlecht ist ihr. Zum Umfallen elend. UMFALLEN ... das Schreckenswort ihrer ganzen Kindheit!

Papa wird manchmal aus Wut fuchsteufelswild. Wenn ihn wieder tagsüber jemand auf das Mädchen angesprochen hat. Der Zustand seiner Tochter beunruhigt ihn ohnehin ständig. Dabei ist man mit ‘dem da’ beim Doktor gewesen. Im Krankenhaus hat sie auch schon drei – viermal gelegen. Zur ‚Beobachtung‘. Nichts haben sie gefunden.
NICHTS. Nur, dass es halt eine ‚schwache Konstitution‘ habe und ‘unterernährt’ sei. Aber daran ist es natürlich selbst schuld.
"Es frisst ja kaum", sagt Oskar Kern zum x-ten Mal zu seiner Mutter, der Oma Margarete, die sich wohl am allermeisten über die Dürrheit der Enkelin aufregt und dafür immer Lisa die Schuld zuschieben will.


*



Was bisher geschah:

Hermine ( Minou ) wird 1939 geboren. Sie ist zirka ein Jahr alt, da stirbt ihre Mutter bei der Geburt des Bruders Werner. Vater ist Soldat im Krieg. Nach mehreren Versuchen mit ‚Haushälterinnen‘ wird das Kind zu Anna, einer Tante, gebracht. Dann heiratet Papa wieder. Lisa, die neue Mutter, holt die jetzt viereinhalbjährige Hermine und Werner zu sich. Papa - ständig an der Front - ist für die Kleinen ein Fremder, an den sie sich kaum erinnern. Einen Teil des Krieges verbringen die Kinder und Lisa in Evakuierung auf einem Gutshof in Bayern. Dort bringt Lisa auch ein neues (Stief) Brüderchen zur Welt, den Maxl. Nach Kriegsende kehrt die kleine Familie ohne den Vater - er ist in Gefangenschaft - wieder nach Marienstock zurück. Die Kinder sind problematisch: Werner nässt das Bett, Hermine ist immer traurig und wird oft ohnmächtig. Papa kommt eines Tages als Spätheimkehrer nach Hause und betreibt bald eine Bohnerwachsfabrik, die ‚Xanutta‘. 1951. Hermine, die sich inzwischen 'Minou' nennt, fährt jetzt seit zwei Jahren zur Mädchen-Mittelschule nach Brückenstadt.

*



34
DER NEUE DEUTSCHLEHRER

Es kommt der Tag, an dem der neue Deutschlehrer, Herr Junghut, mit der Klasse Goethes GÖTZ VON BERLICHINGEN durchnimmt.
Die Mädchen fühlen sich nicht wahnsinnig berührt von diesem Werk. Probleme, die ein Rittertyp vor hunderten von Jahren gehabt hat, sind ihnen ziemlich egal. Die Klein-Fehden und Scharmützel um eine Burg namens Jaxthausen scheinen kaum eines Gähnens wert, verglichen mit dem, was sie gerade überlebt haben, nämlich den größten Krieg aller Zeiten. Jeden Tag marschieren sie durch eine Stadt, die noch immer in Schutt und Asche liegt.

Nein, Götz von Berlichingen bleibt auch Minous Herzen fremd. Und wenn sie Literatur beeindruckt, dann sind es die Winnetou-Bücher von Karl May oder Hochdramatisches aus klassischer Zeit wie ‘ein Kampf um Rom’ von Felix Dahn, wo von romantischen Helden berichtet wird, von Ehre, Blut, Germanentreue bis in den Tod, aber auch von Liebe, stolzen, düsteren Königinnen und der Gier der bösen, aber hochinteressanten römischen Herrscher.
Außerdem verschlang Minou bis vor einer Weile noch die geheimnisvollen ‘Spur-Bücher’. Von entführten Prinzen erfuhr man dort, königlichen Nachkommen, die, von erbschleicherischen Verwandten in grausigen, unterirdischen Burgverliesen für immer lebendig begraben, aus der Welt verschwanden ... Das war sooo spannend.

Der Deutschlehrer, Herr Junghut, ist nicht irgend so einer, sondern groß, überlegen und schwarzhaarig. Ein ‘toller’ Mann, findet die ganze Klasse. Leider ist er alt ( vierzig ), aber er hat die Schülerinnenherzen längst für sich eingenommen. Auf Schritt und Tritt wird er von kichernden Teenagergrazien angehimmelt. Da nutzt es ihm auch wenig, dass er sich irgendwann einmal besonders klug dünkt und seine Frau, sowie die elfjährige Tochter zu einer Klassenwanderung mitbringt. Was er den Mädchen damit zu verstehen geben will, kommt nur halbwegs an. Im Geheimen schwärmen einige der Heranwachsenden jetzt erst recht von ihm ... herzklopfend und errötend.

Bei Herrn Junghut lesen sie also das Schauspiel vom Ritter mit der eisernen Hand. Laut. Mit verteilten Rollen. Sie werden es später vielleicht sogar aufführen! O je!
Jedes Mädchen hat vor sich auf dem Pult ein Exemplar von Goethes Dramen liegen, in das frühere Schülergenerationen Bedeutsames hineingekritzelt haben und das nach Moder riecht, weil es im Krieg mit anderen Lehrmitteln zusammen in einem feuchten Bunker gelagert war - der Bomben wegen.

Götz von Berlichingen. Einmal kommt der Tag der Tage, der große Augenblick, wo sie zu DER Stelle gelangen werden, dem wüstesten Zitat aller Zeiten. Und etwas Unflätigeres als dieses scheint es auf der ganzen Welt nicht zu geben!
Da arbeiten sich die Mädchenstimmen immer näher an jenen sagenhaften Satz heran. Aufklingendes Lachen wird schamrot unterdrückt. Was sind sie doch für sittsame kleine Wesen!

Natürlich haben viele schon am Jahresanfang, als die Bücher verteilt wurden, gleich nachgeschlagen und enttäuscht feststellen müssen, dass die letzten drei Worte des Zitats, des unsäglichen, in ihrer Ausgabe überhaupt nicht drin standen. Statt dessen waren in der Zeile, wo sie hingehörten, nur drei lange Bindestriche. Strich, Strich, Strich - - -

Aber - die Schülerinnen können es kaum glauben - es soll hier und da versteckte Goetheausgaben geben, worin dieser alleranstößigste Satz des Universums tatsächlich in vollem, fäkalischem Wortlaut geschrieben steht! Muss ja wohl. Woher würde die Menschheit ihn sonst kennen? Andererseits kann das doch nicht wahr sein! So etwas überaus Unanständiges, Hochunflätiges kann man doch nicht einfach in ein Buch hineindrucken? Zu Goethes Zeit anscheinend schon. Aber heute – 1952 - niemals!

Sie alle wissen ... was nicht dasteht, kann nicht vorgelesen werden. Wie schade! Wo sie doch seit Tagen auf diesen berüchtigten Satz lauern. Vielleicht aber könnte man ihn trotzdem aufs Tapet bringen? Ihn Herrn Junghut entlocken? Könnte nicht jemand sich dumm stellen? Anni Nolde vielleicht? Die würde das hinkriegen. Die soll Junghütchen einfach fragen, wie dieses berühmte Zitat denn nun eigentlich in Wirklichkeit ... und was daran so verboten und fürchterlich?
" Herr Studienrat, ach bitte, wir sind alle soo neugierig ... wie geht der Satz denn weiter?", würde sie mit unschuldigem Augenaufschlag hauchen.

Junghütchen würde bestimmt rot werden und endlich, endlich einmal seine hochmütige Ruhe und Überlegenheit verlieren. Interessant, was er machen / sagen würde, um sich aus der Affäre zu ziehen!

Glucksend, kichernd, lauert jetzt die ganze Mädchenmeute auf jedes Wort, als Hilde Münch - die heute die Rolle des Götz innehat - mit vollem Einsatz ihrer Vorlesekunst auf die bewusste Textstelle lossteuert, ihr sozusagen mit der Stimme entgegenhechtet. Nun ist Hilde nur noch Silbenlängen vom Unaussprechlichen entfernt, das, wenn es schon nicht vollständig im Buch steht, so doch fühlbar durch die Luft des Klassenzimmers geistert.
Hilde schmettert mit tiefdunkler, auf männlich getrimmter Stimme:

"Mit wem redet ihr!
Bin ich ein Räuber!
Sag deinem Hauptmann ...
vor Ihro kaiserliche Majestät hab ich wie immer schuldigen Respekt.
Er aber, sags ihm,
er k ... k ... k ... "

Etwas lähmt ihr die Zunge.
"Ich kann nicht, ich kann nicht!" Sie glüht knallig wie eine reife Tomate. Gickelt, krümmt sich, schafft kein vernünftiges Wort mehr, bis sie, vom Lachkrampf gefällt, japsend über ihrem Pult hängt.
"Ihr sollt doch nur das Dastehende ablesen", meint Herr Junghut langmütig, "ist das so schwierig?

Ute muss es jetzt versuchen. Ute Klein, der allseits anerkannte Klassenwinnetou.
"Sag deinem Hauptmann,
vor Ihro kaiserliche Majestät hab ich wie immer schuldigen Respekt ...
Er aber, sags ihm,
er k a n n mich ..."

"mal morgen früh", rutscht ihr noch heraus. Jetzt flippen sie alle aus. Ute hat improvisiert. Aus Übermut ... oder ist es notwendige Ergänzung, damit der Satz rund wird und nicht so dürftig allein steht! Weil Ute instinktiv spürt, dass da noch was - hin muss? Und zwar augenblicklich.
"Er kann mich mal morgen früh", schmettert sie trotzig.

Die Mädchen kreischen, trampeln, dass der Boden wackelt. Sie lachen sich halb kaputt wie die Kindsköpfe, die sie nun einmal sind ... Kicher! Kringel! Schrei ...
"Meine Damen", Junghut hüstelt leise.
Die Klasse tobt.
Der Lehrer klatscht dreimal laut in die Hände: "Ruuuuuuhe!" befiehlt er ... und:
"Weiter im Text. Nächstes Kapitel. Wer will lesen?"
So ein Spielverderber!
Da sind sie doch irgendwie schrecklich enttäuscht, dass der Spaß schon aufhört, bevor er richtig begonnen hat.

*



UND WEITER GOETHE

In der folgenden Zeit lernen sie andere Werke von ihm kennen. Sein Epos HERMANN UND DOROTHEA und das Drama EGMONT. Sie arbeiten sich im Deutschunterricht da hindurch. Aber mühsam. Interessanter ist FAUST, DER TRAGÖDIE ERSTER TEIL. Weil Gretchen ein Kind bekommt, von allen ausgestoßen wird und am Schluss noch mordet und all so was ...

Es gibt noch einen zweiten Teil des Faust. Der wird von Herrn Junghut ignoriert. Auf diesbezügliche Fragen der Klasse geht er überhaupt nicht ein.
Den zu lesen sei streng verboten, wispern die Kinder, da komme ‘Unsittliches’ drin vor, lauter Schweinereien.

Aber die Gretchengeschichte ... ach, wie es wirklich, WIRKLICH war zwischen Faust und ihr, davon steht nicht viel in der Tragödie. Minou hätte gern alle Einzelheiten gewusst.

Also ... für Johann Wolfgangs große Werke wie ‘Hermann und Dorothea’ oder ‘Reineke Fuchs’ ( auch die nehmen sie mit Junghut durch ) ist Minou anscheinend damals nicht reif genug. Doch seine POESIE , die gefällt ihr über alle Maßen. Denn es wohnen zwei Seelen, ach, in ihrer jungen Brust. Eine höchst banal- und gewöhnlich veranlagte, die bald nur noch an Kleider, Männer und jenes Unsagbare denkt, das man Liebe ( und Sex ) nennt und von dem in der Schule nie wirklich etwas gelehrt wird. Ihre zweite Seelenhälfte ist die luftige, ätherische, doch ernste, die nach dem ‘Höheren’ strebt und zum Himmel stürmen möchte. ZEITWEISE! Aber dann mit Goethes Gedichten auf den Lippen:

Die Sonne tönt nach alter Weise
in Brudersphären Wettgesang
und ihre vorgeschriebene Reise
vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke,
wenn keiner sie ergründen mag,
die unbegreiflich hohen Werke
sind herrlich wie am ersten Tag.

Auch das Lied an den Mond scheint der Poetenfürst nur für Minou geschrieben zu haben. Für das Mädchen, das sie in jenen Jahren ist. Es beschreibt all die Sehnsucht und Traurigkeit ihres jungen Herzens:

Füllest wieder Busch und Tal
still mit Nebelglanz,
lösest endlich auch einmal
meine Seele ganz;
...
Fließe, fließe lieber Fluss,
nimmer werd ich froh;
So verrauschte Scherz und Kuss
und die Treue so ...

- Noch ist Minou ja so etwas nicht geschehen, noch ist kein Kuss und keine Treue für sie verrauscht, aber sie kann solches trotzdem lebhaft mitfühlen –

Selig, wer sich vor der Welt
ohne Hass verschließt,
einen Freund am Busen hält
und mit dem genießt,
was von Menschen nicht gewusst,
oder nicht bedacht,
durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht ...

Oder dieses Gedicht! Beim lauten Lesen fängt sie an, vor lauter Ergriffenheit zu beben, so sehr berühren sie die Worte:

Es fürchte die Götter
das Menschengeschlecht!
Sie halten die Herrschaft
in ewigen Händen
und können sie brauchen,
wie's ihnen gefällt.
Der fürchte sie doppelt,
den je sie erheben!
auf Klippen und Wolken
sind Stühle bereitet
um goldene Tische.
Erhebet ein Zwist sich,
so stürzen die Gäste,
geschmäht und geschändet
in nächtliche Tiefen
und harren vergebens,
im Finstern gebunden
gerechten Gerichtes.

Minou ist VERRÜCKT nach Pathos. Es ist ihr vertraut. Allein für sich, draußen in den Wiesen schmettert sie das Lied der Parsen mit aufgewühltem Herzen und hoch erhobener Stimme durch den Abend.

Wenn der uralte heilige Vater
mit gelassener Hand
aus rollenden Wolken
sengende Blitze über die Erde sät,
küss ich den letzten Saum seines Kleides,
kindliche Schauer treu in der Brust ...
Denn mit Göttern
soll sich nicht messen
irgendein Mensch.
Hebt er sich aufwärts
und berührt mit dem Scheitel die Sterne,
nirgends haften dann die unsichern Sohlen
und mit ihm spielen
Wolken und Winde ...
Steht er mit festen,
markigen Knochen
auf der wohlgegründeten, dauernden Erde,
reicht er nicht auf,
nur mit der Eiche
oder der Rebe
sich zu vergleichen.
Was unterscheidet Götter von Menschen?
Dass viele Wellen vor jenen wandeln,
ein ewiger Strom:
Uns hebt die Welle,
verschlingt die Welle,
und wir versinken.
Ein kleiner Ring
begrenzt unser Leben,
und viele Geschlechter
reihen sich dauernd
an ihres Daseins
unendliche Kette.

Diese Poeme berühren Minou unsagbar. ‘Sie sind bestimmt das Herrlichste, das je gedichtet wurde’, denkt sie. Sie liebt die Klangfülle. Sie betet die Zeilen geradezu vor sich hin. Und sie versteht sie sogar.

*



DIE SCHWARZE GALEERE

In der Schule gibt es ein Lese-Pensum, das durchgenommen werden muss.
Dazu gehören auch die JUDENBUCHE von Anette Droste Hülshoff . Sowie Lessings NATHAN DER WEISE und MINNA VON BARNHELM. Letzteres Werk auch genannt ‘das Soldatenglück’, ist für Minou besonders gähnlangweilig. Weil da ja in Sachen ‚leidenschaftlicher‘ Liebe zwischen der klugen Minna und ihrem hölzernen Major von Tellheim nach ihrer Meinung kaum etwas passiert. Also, die meisten Dramen und Erzählungen gefallen vielen Schülerinnen nicht richtig. Was man aber um Gottes Willen niemals sagen würde. Höchstens unter ganz, ganz engen Freundinnen.
Es sind dies heilige Texte, an denen man nicht deuteln und keine negative Kritik üben darf.
"Das Beste, was Deutschlands Literaturfürsten hervorgebracht haben", sagt Herr Junghut feierlich. "Dies ist unser kulturelles Erbe!"

Trotzdem ... Minou fiebert den Deutschstunden entgegen. Vor allem freut sie sich, wenn sie vorlesen darf. Was sie aber mehr als alles an diesen Werken interessiert, sind die - meistens leider nur angedeuteten – LIEBESSTELLEN .

In der Erzählung DIE SCHWARZE GALEERE von Wilhelm Raabe - die sie übers Wochenende zuhause lesen müssen - findet Minou dann tatsächlich Abschnitte, die ihren Vorstellungen von jenen geheimnisvollen, verbotenen Dingen zwischen Mann und Frau näher kommen ... Sätze, die sie um den Nachtschlaf bringen:
Die – etwas verworrene - Geschichte spielt um das Jahr 1600. Es ist die Zeit der Seegefechte zwischen Spanien und den Niederlanden. Die Guten jagen die Bösen mit ihren diversen Kriegsschiffen vor Hollands Küste. Warum ... das versteht Minou nicht und ist ihr auch egal. Wobei man ja nie genau weiß, wer gerade am Siegen ist, die Guten oder die Bösen. Und wer überhaupt die Guten sind und wer die Bösen? Das haben sie in Geschichte noch nicht durchgenommen.

Also, da taucht eines Tages vor Amsterdams Küste eine schwarze Galeere auf, ein von niederländischen Patrioten gesteuertes, altes Piratenschiff. Das fügt der mächtigen spanischen Armada immer wieder sonderbare Verluste zu.

Eines interessiert Minou an der Geschichte brennend, das ist die Hauptfigur, das schöne Waisenmädchen Myga van Bergen, das wiederum vom niederländischen Helden Jan Norris geliebt wird, der wahrscheinlich auch etwas mit dem geheimnisvollen Patriotenschiff zu tun hat.

Ja, Myga van Bergen ist für Minou interessant, oder eher reizen sie all die Kalamitäten, die diesem armen, unschuldigen, engelgleichen Geschöpf immer wieder zustoßen.

Also, der Rebell und Seeheld Jan Norris taucht von Zeit zu Zeit in Mygas einsamer, eiskalter, winterlicher Kammer auf wie ein Geist. Dabei ist er sehr lebendig und versichert dem Mädchen stets feierlich seine Liebe. Wobei er aber nie über wortreiche Beteuerungen hinaus kommt, denn im Moment der allerersten Küsse muss er bereits wieder flüchten ... seine Verfolger sind ihm stets auf den Fersen und überrumpeln ihn beinahe und immer dann, wenn es gerade endlich spannend geworden ist und Myga in seinen Armen dahinzuschmelzen beginnt.

Aber die Amsterdamer Waise wird nicht nur vom edlen Jan Norris begehrt, sondern auch vom grausamen Kapitän einer spanischen Schaluppe ... und folgerichtig von letzterem gekidnappt und auf sein Schiff verschleppt. Dieser Kapitän - glücklicherweise im Kampf verletzt - erliegt bald seinen tödlichen Wunden, ohne dass er der schönen Entführten seine Leidenschaft auf irgend eine andere Art, als in glutvollen Worten, hätte kundtun können. Myga ist gerettet. Was für die Amsterdamer Waise gut, für Minou jedoch sehr unbefriedigend ist.

Aber jetzt kommt es erst recht knüppeldick für die arme Myga. Sie wird nämlich von dem Nachfolger des Kapitäns, einem diabolischen Italiener namens Leone ( Löwe!), weiterhin in der Kajüte gefangen gehalten und noch wilder begehrt.
Bei soviel männlicher Gier weiß die kleine Unschuld - denn das ist Myga trotz aller Nachstellungen bis jetzt geblieben – gar nicht mehr, wie sie sich retten soll. Und ihr Liebster ... so fern! Sie schluchzt herzzerreißend, ringt verzweifelt die Hände, eingeschlossen da in ihrer Gefangenenkoje. Wird sie der drohenden Schmach entrinnen?

Und jetzt wörtlich weiter im berühmten Raabe-Text:

Der Lieutenant trat zu der knienden Jungfrau:
"Was ängstet ihr euch, Signorina? Richtet euch doch auf; was windet ihr euch am Boden? Süßes Täubchen, härme dich nicht ... Ich liebe dich, ich liebe dich, Stern von Flandern, weiße Rose von Amsterdam, ich liebe dich und halte dich - lass das Sträuben- blicke nicht so wild - MEIN bist du und niemand wird dich mir entreißen!"

"Barmherzigkeit, Barmherzigkeit!" stöhnte das Mädchen, aber der Lieutenant LACHTE ...

Zu Minous Bedauern kommt die so leidenschaftlich Begehrte zwar halb ohnmächtig, jedoch wieder einmal ungeschoren davon.

Er schritt auf und ab in der engen Kajüte; mehr als einmal streifte er die unglückliche Myga, und jedesmal zuckte die Arme zusammen und drückte sich dichter an die Wand.
"Sterben, sterben, flüsterte Myga van Bergen, "o käme doch der Tod, mich zu retten ..."

Aber der Tod tut ihr diesen Gefallen nicht. Sondern Leone, der Bösewicht, konfrontiert sie schon wieder mit seiner unsäglichen Gier:

"Was wendest du dich ab und schauderst, schöne Myga?"
Er hob den Becher und trank ihn aus.

"Erbarmen, heiliger Gott, sende den Tod, rette mich, rette mich!", wimmerte das verzweifelnde Mädchen; aber der trunkene Leone LACHTE laut und gellend.
"So komm in meine Arme du wilde Geusin, so komm und sei mein, holde Ketzerin."

Mit einem gellenden Schrei klammerte sich Myga van Bergen an den Pfosten des Lagers. Aber mit WILDEM LACHEN riss Leone della Rota die Unglückliche empor und in seine Arme. Mit glühenden Küssen bedeckte er ihren Mund und ihre NACKTEN Schultern.

Minou versetzt sich wonneschaudernd in die Lage der, ach, so heißbegehrten und ebenso standhaften Waise, hat sie doch noch nie einen ‚drastischen‘ Text wie diesen gelesen und hätte gern mehr.
Aber ... schon ist die Verheißung zu Ende, denn:

plötzlich klang ein dumpfer Fall über Leones Haupte, dass die Lampe an der Decke davon erzitterte. Ein Schrei ...

Mit anderen Worten - irgend eine blöde Kriegshandlung nimmt den in heißer Lust Entbrannten jetzt in Anspruch und verhindert wieder einmal Mygas Genommen-Werden, auf das Minou so ungeduldig gelauert hat. Nichts zu machen. Wieder einmal eine Enttäuschung.

Was nützt es, wenn die gebeutelte Amsterdamer Schöne zu guter Letzt ihren edlen Jan Norris doch noch bekommt. Denn da schweigt sich der Dichter auch wieder über alle interessanten Einzelheiten aus. Wie üblich.
So geht es immer. Nie berichtet eine Geschichte wirklich über das, was Minou gern gehört hätte!
Sie schämt sich heimlich, aber es ist wahr – sie liest Bücher zuletzt fast nur noch, um darin die ‘Stellen’ aufzuspüren.

Minou muss permanent an die Liebe denken. Mit dreizehn weiß sie fast nichts darüber. Und hätte doch so gern gewusst, was den Frauen nun wirklich Unsagbares, Geheimnisvolles durch die Leidenschaft der Männer widerfährt.
Von wilden Gefühlen würde sie gern mehr lesen. Von der Faszination weiblichen Unterliegens, der Unerbittlichkeit der Verführer.

‘Es muss schrecklich aufwühlend sein, so begehrt zu werden’, sagt sie sich, angesichts des Schicksals der schönen Myga und fiebert ihrer eigenen Zukunft als dereinstigem Objekt glühender Männerbegierden mit großer Erwartung entgegen.

*




35
SÜD – SEHNSUCHT

Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh’n,
Im dunklen Laub die Goldorangen glüh’n,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrthe still und hoch der Lorbeer steht? -
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter ziehn!

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg,
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut,
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut -
Kennst du ihn wohl?
Dahin! Dahin
Geht unser Weg, o Vater, laß uns ziehn!

Johann Wolfgang von Goethe
*

Was ist mit den Menschen der 1950er Jahre:
In Deutschland fangen sie an, mit Vertrauen in die Zukunft zu blicken. Diese strahlt von Tag zu Tag in rosigerem Licht. Auch beginnt man jetzt, sich das Leben etwas schöner zu machen. Man hat genug Entbehrungen erlitten und seit Jahren nur in der Arbeit sein Heil gefunden, im Wiederherstellen wichtiger Infra-Strukturen, im Aus-dem-Weg-Räumen kollektiver Kriegsspuren. Über die durchlittenen Kriegsjahre nachzudenken, dazu hat man kaum Zeit gehabt, oder sich keine Zeit gelassen vor lauter Planen und Aufbauen. Vergangenheit erlebt man wie durch Nebel. Die geschlagenen Wunden sind noch dumpf irgendwo innen in Herzen und Köpfen. Erst einmal verborgen!

Später wird das Verdrängte, werden tausend Fragen wie die Köpfe der Hydra aus allen Schlupflöchern der eigenen und weltweiten Erinnerung hervorbrechen. Oder gewaltsam durch Bücher und Filme wieder ans Licht gerissen werden. Tausend Gräuel. DIE GEWISSE ZEIT wird einen nicht wirklich loslassen. Für ein Jahrzehnt ... aber erst einmal schon.

Es geht aufwärts. Solange man etwas schafft und sich auf eine blühende, immer reicher werdende Wirtschaft verlassen kann. Denn dies hier ist ja erst der Anfang vom Wohlstand! Nur im Essen und Trinken hat man schon den Höhepunkt erreicht. Ist längst an all die früher versagten Köstlichkeiten gewöhnt, nach denen man so viele Jahre lang mit wässerndem Mund gegiert hat. Das herrliche In-sich-Hineinstopfen reichhaltiger Speisen - als ‚Fresswelle‘ wird es in die deutsche Nachkriegsgeschichte eingehen - ist nicht mehr erstrebenswert. Nun sucht man die geistigen Freuden. Statt des Nahrungsschlemmens das wirkliche Erleben! Kultur. Die ganze Fülle des Daseins. Vor allem möchte man fremde Länder sehen und Menschen, Städte, Meere hautnah spüren.

Auch die Kinder, die nichts als den Krieg kennen, fangen an, ihre Fühler auszustrecken, sich in die Welt zu wagen, Neues zu suchen mit Augen, Ohren, Herzen.
In diese Jahre fällt der Beginn der großen Tourismus-Ära. Eine erste ‘Reisewelle’ schwappt über Deutschlands Grenzen. Die kommende Zeit wird die Menschen aus ihrer Enge hinausschwemmen ... zuerst einmal nur bis in Europas SÜDEN.

Italien ist das nächstliegende ‘ferne’ Land und das am meisten ersehnte.
Herrliches Italien. Schönes Kitschpostkartenland, geträumtes ...
Minou ist hingerissen.

O, mia bella Napoli,
du Stadt am blauen Meer,
O, mia bella Napoli,
mein Herz ist sehnsuchtsschwer

und

Hell glänzt der Mondenschein
am Himmelsbogen
Sanft wehn die Lüfte hier
Still sind die Wogen
mein Nachen harret dein
o komm und steig doch ein,
Santa Lucia
Santa Lucia!

Nicht nur den Schlagern entnimmt Minou das Wissen über ihr heimliches Traumziel. Auch in Gedichten findet sie all die Romantik, die ihr Herz verlangt:

Sie sangen von Marmorbildern,
von Gärten, die überm Gestein
in dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
wo die Mädchen am Fenster lauschen
wann der Lauten Klang erwacht
und die Brunnen verschlafen rauschen
in der prächtigen Sommernacht !

*

Minou hat selbst ein ‚Werk‘ über ‚ihr‘ Italien gedichtet und findet es Jahrzehnte später auf einem Stück zerknittertem Papier unter Schriftkram und Gerümpel im Keller des alten Hauses.

‘Campagna Romana’
steht auf dem Blatt
und darunter stolz:
- gedichtet von Hermine Kern -


Sonnenschein,
der fällt durch Pinienkronen,
Sprengel aus Licht, die übers spröde Erdreich tanzen,
Zikadenlaut am Nachmittag,
die alte Römerstraße,
ihre Steine, grasüberwuchert, sieht man heute noch.

Sie ist es, über die Cäsars Legionen
ausschwärmten, das Imperium zu bauen,
und stoben sie mit Troß und Wagen darüber hin.
Laut hört man noch den Hufschlag ihrer Pferde,
das Räderrasseln durch die Zeiten,
wenn man nur lang die Augen schließt.

Appia Antica, deine Glorie ...
und Meeresrauschen dort am Strand von Ostia,
um Klosterkirchen dunkle Gärten.

Campagna Romana
und die Nacht
der blauen Schatten,
wenn auf den Hügeln
Zypressen hoch,
am Himmel hell die Sterne steh'n.

Und immer wartet dort auf mich der Mann,
der klüger ist als alle,
groß und mächtig

Das ‘klüger’ hatte sie durchgestrichen und ein ‘stärker’ daraus gemacht. Auch die letzte Zeile hatte sie ein wenig verbessert. Von ‘groß und mächtig’ hatte sie das ‘groß und’ ungültig gemacht, sodass nur ‘mächtig’ blieb. Auf den letzten Satz war sie damals am stolzesten gewesen, er war sozusagen der krönende Abschluss ihres Ergusses. Ja, diese Zeile schien ihr besonders gut gelungen:

... nie zu ergründen wie der Gott
Jupiter ...
( klang das nicht hochpoetisch?)

"Heh, heh!", ruft Werner durch den Raum, "meine komische Schwester ist jetzt auch noch unter die Dichter gegangen!"
Minou hatte bestimmt etwas zu geheimniskrämerisch an den Zeilen herumgewerkelt, dort in der Wohnküche. Da ist er aufmerksam geworden und hat über ihre Schulter geschielt. Er reißt Minou das Geschreibsel aus der Hand. Springt auf einen Stuhl.
"Appia antica, deine Gloooorie ...", deklamiert er laut. Fuchtelt wild mit dem Bogen Papier in der Luft herum.

"Gibs her!" Minou macht einen Satz in die Höhe wie ein Hündchen, das nach dem Knochen springt. Kriegt das Blatt beinahe zu fassen. Werner zieht es weg und schwenkt es feixend vor ihrer Nase herum.

"Und die Nacht der blauen Schatten ... hihi", johlt er, "die Nacht ‚der langen Messer‘ würde sich doch viel toller anhören.

Sie hechtet wieder nach dem Papier. Er zieht es ihr von Neuem weg: "Immer wartet dort auf mich der Mann, der stärker ist als alle, groß und mächtig ...", gröhlt er. Wiehert vor Heiterkeit.
Und Minou? "Hör auf!", schreit sie, rot vor Scham.
Er springt mit ihrem Schmachtfetzen durch die Küche, liest dröhnend weiter:
"Groß und mächtig ... Nie zu ergründen wie der Gott Juuuuupiter."
Es fehlt nicht viel, er hätte sich vor Lachen auf dem Boden gekugelt: "Meine Schwester, die Poetin ... "

"Für allen Blödsinn hat ‚das da‘ Zeit", sagt Lisa, "nur nicht für etwas Gescheites."

*



36
TEJA DER GOTENFÜRST

Das helle, das lichtdurchflutete Italien ist also zu der Zeit für Minou der Inbegriff aller Romantik der Erde. Das Reich von Sonnenglast und farbensprühendem Licht. Dort wartet Ekstase. Land verschlungener Gärten, mondbeschienener Balkone unter Sternen, Heimat der vor Leidenschaft glühenden, sagenumwitterten Männer. Das weiß Minou aus dem Roman ‘Ein Kampf um Rom’, der einen bleibenden Eindruck auf sie gemacht hat. Eine fantasievolle Geschichtsbeschreibung aus der Zeit, als die Germanenstämme auf ihrem Zug nach Süden das untergehende römische Reich arg in Bedrängnis brachten. Dieses Buch erzählt von alten Heidentempeln, mächtigen Trutzburgen, die sich auf Felsenklippen über dem nächtlichen Meer erheben und von starken Helden ohne Furcht und Tadel. Es mischen aber auch andere Individuen mit in dem Spiel, schillernde Charaktere voller Intrigen, List und Niedertracht.
Nicht schwer zu erraten, wer die Guten sind! Und einer der Besten ist Teja, jener schweigsame, göttergleiche, schwarze Graf und Ostgotenkönig, den Minou sich inzwischen zum Traumidol auserkoren hat. Alles, was das Mädchen sich von der Liebe erhofft, hängt von nun an mit dem Land Italien zusammen und mit ihm, Teja - oder einem Mann, der ihm ähnlich sein wird. Nach Italien fließt all ihre große, verworrene Sehnsucht.


Minou ist jetzt dreizehn Jahre alt und liest ganze Nächte lang. Etwas Gutes hat ihre oben im Speicher liegende Kammer und die Tatsache, dass Lisa sich um ihr Treiben nicht schert. Minou taucht nächtens im Bett in eine wildromantische Sturmlandschaft. Hört die Meeresbrandung der Adria. Man schreibt das Jahr 526 nach Christus. Dort begegnen sich vier Männer am nächtlichen Strand. Es sind gothische ‚Heldenkrieger‘, die sich heimlich treffen. Ihre Übernahme des zerbröckelnden, römischen Weltreichs scheinen sie hier vorzubereiten, Verschwörung oder was auch immer ... Doch fehlt noch ein Mann. Wo bleibt der fünfte? Der fünfte ist nämlich ein besonderer ...
Und so fährt der Dichter wörtlich fort:

"Dort kommt er", rief der schöne Jüngling ( der Rufer ist Totila, der blonde Königssohn ) nach einer anderen Seite des Hügels deutend.
Wirklich nahte dort ein Mann von höchst eigenartiger Erscheinung.
Das volle Licht der Fackel beleuchtete ein geisterhaft bleiches Antlitz, das fast blutleer schien; lange, glänzend schwarze Locken hingen von dem unbedeckten Haupt wie dunkle Schlangen wirr bis auf die Schultern. Hochgeschweifte schwarze Brauen und lange Wimpern beschatteten die großen, melancholisch dunklen Augen voll VERHALTENER GLUT.

Ein Mann ganz nach Minous Herzen!

Eine Adlernase senkte sich sehr SCHARFGESCHNITTEN gegen den feinen, glattgeschorenen Mund, den EIN ZUG RESIGNIERTEN GRAMES umfurchte.

Für Minou gibt es ohnehin nichts Liebenswerteres, als ein gramzerfurchtes, EDLES Heldenantlitz!

Gestalt und Haltung waren so jugendlich: aber die Seele schien vor der Zeit vom Schmerz gereift.
Er trug Ringpanzer und Beinschienen von schwarzem Erz und an seiner Rechten blitzte ein Schlachtbeil an langem, lanzengleichem Schaft ...

Das kann natürlich nur Teja sein, der Hehre! Der Auftritt dieses schwarzen, dramatischen Helden entzückt Minous Mädchenherz aufs Höchste. Nur dass er ein Schlachtbeil mit sich herumschleppt, das gefällt ihr nun gar nicht, das hätte er besser irgendwo in die Ecke geworfen ... Nein ... die leidige Sache mit dem Schlachtbeil - da könnte ja Blut dran sein - die verdrängt sie lieber ganz schnell!

NUR mit dem Haupte nickend begrüßte er die anderen.

Wie schön ... Teja, der große Schweiger!

Nun weiter im Text, wir sind jetzt schon auf Seite 100 des Buches:

"Wohlan Präfekt", sagt irgendeiner, "Graf Teja ist ein freier, unbescholtener, eidwürdiger Mann. Kannst du das leugnen??"
"Ich leugne das", trumpft der Präfekt auf , "er ist nicht unbescholten: seine Eltern lebten in nichtiger, BLUTSCHÄNDERISCHER Ehe: sie waren Geschwisterkinder, die Kirche hat ihr Zusammensein verflucht und seine Frucht: er ist ein Bastard ...

Abgründe tun sich, wie man sieht, auf, doch diese können Minous Träumereien vom herrlichen Gotenhelden in nichts erschüttern ... im Gegenteil, sie lassen ihn noch geheimnisvoller erscheinen.
Was für eine entsetzliche Familiengeschichte der Unglückselige zu verkraften hat! Denn:

Eine letzte Frist war den Ungehorsamen ( Tejas Eltern ) gesteckt, hätten sie sich bis dahin nicht getrennt, so sollten sie dem Bann verfallen und ihr Hab und Gut der Kirche gehören.
"Entsetzt eilte jetzt mein Vater", berichtet Teja, "an den Hof des Königs ( Theoderich ), um Aufhebung des grausamem Spruches zu erflehen, ... aber Theoderich konnte es nicht wagen, das Recht der katholischen Kirche zu kränken. Als mein Vater zurückkehrte von Ravenna, um mit Gisa ( seiner geliebten Frau ) zu flüchten, starrte er entsetzt auf die Stätte, wo sein Haus gestanden ... der Termin war abgelaufen, sein Haus zerstört, sein Weib, sein Kind verschwunden. Rasend stürmte er durch ganz Italien, uns zu suchen. Endlich entdeckte er ... seine Gisa in einem Kloster zu Ticium: ihren Knaben ( mich, Teja ) hatte man ihr entrissen und nach Rom geschleppt. Mein Vater bereitet mit ihr alles zur Flucht: sie entkommen um Mitternacht über die Mauern ... Aber am Morgen fehlt die Büßerin ... ihre Zelle ist leer ... die Klosterknechte folgen den Spuren des Rosses – sie werden eingeholt, grimmig fechtend fällt mein Vater: meine Mutter wird in ihre Zelle zurückgebracht. Und so furchtbar drücken die Macht des Schmerzes und die Zucht des Klosters auf die zermürbte Seele, daß sie in Wahnsinn fällt und stirbt. Das sind meine Eltern!" sagt Teja von Trauer gebeugt.

"Und dein Gut, dein Erbe", fragt einer.
"Verfiel der Kirche, die es halb geschenkt, an Theodahad überließ: er war meines Vaters Nachbar, er ist jetzt mein König!"
"Mein armer Freund ..."

Oder wie ist es mit DIESEM großartigen Auftritt des herrlichen Teja?

Man hörte ... den raschen Hufschlag nahender Pferde und das Klirren von Waffen, alsbald bog eine kleine Schar von Reitern aus dem Wald, aber weit ihnen allen voraus jagte ein Mann auf kohlschwarzem Roß, der wie mit dem Sturmwind um die Wette ritt.
Weit im Winde flatterte seine Helmzier: ein mächtiger, schwarzer Roßschweif, und seine eignen, langen, schwarzen Locken ...

Minou hält den Atem an. SOO muss der Mann sein, den sie ersehnt! Von melancholischer Düsternis, dennoch voller Leben und Kraft ... und mit langen, schwarzen Locken!

Alle wichen links und rechts zurück, die der grimme, tödlichen Haß sprühende Blick seines Auges aus dem leichenblassen, schönen Antlitz traf.

Teja bringt nämlich eine Nachricht mit, denn ... Intrige, Intrige ... ein hinterhältiger König hat die Goten verraten. Deshalb des Reiters heiliger Zorn!

Minou ist fasziniert! So gut und nützlich Teja im Kampf für sein Volk aber ist, so bescheiden ist er auch:

Er nahm keinen Dank. Wie eine Kränkung hatte er es abgewiesen, als ihm ... Witiches die Herzogwürde, Gold und Land bot. Einsam, schweigend schritt er schwermütig durch die Straßen Roms ... Die SCHWARZEN Augen tief gesenkt stand er zunächst des Königs Thron. Wortlos stahl er sich von des Königs Festen. Nie kamen Rüstung und Waffen von seinem Leibe. Nur im Kampfe LACHTE er manchmal, wenn er mit dem Tod verachtender oder den Tod suchender Kühnheit in die Speere der Byzantiner sprang ... Dann war alles an ihm LEBEN, RASCHHEIT, FEUER ...

Auch diese seine todesverachtende Tapferkeit gefiel Minou über alle Maßen, doch kleidete sie ihn aus seiner schwarzen metallenen Rüstung lieber um in etwas Bequemeres. Wenn sie von ihm träumte, dann trug er einen kostbar geschmückten, mit Edelsteinen bestickten Königsmantel um die herrlichen Glieder. Das entsprach ihrem Sinn für Romantik weit mehr!

Im Inneren huldigt der edle Teja natürlich einer düsteren Philosophie:

"Gibt’s keine Freude in der Welt?" fragte ihn einer.

"O ja! Aber sie währt nicht lang. Der Ausgang ist immer – Untergang."
"Nun, aber doch erst recht spät. Und was zwischen Aufgang und Untergang liegt – hat das keinen Wert? Ist’s nicht AUCH ein Gang?"
"Ja, es soll sein: HELDENGANG", antwortet Teja.

Soweit Minous unglücklicher Traummann. Mit seinen vom Horror des Lebens getrübten Gedanken! Teja, der Edle, so vielfach Gebeutelte, der wilde Krieger, ist jedoch auch ein schöngeistiger Mensch. Meisterhaft spielt er die kleine, dreieckige, gotische Harfe ... man weiß:

daß die Gabe des Gesanges in Lied und Wort dem trauervollen Helden eigen war.

Totila sieht ihn so:

"Sprich du doch auch, Teja, du finstrer Gast. Was ist dein Gedanke bei diesen unsern Leiden? Nie fehlt uns dein Schwert: was versagst du dein Wort? Was schweigt dein tröstender Harfenschlag, du liederkundiger Sänger ...

Aber er schweigt ja nicht immer. Manchmal sitzt Teja nachts am Meer, spielt auf seiner Harfe und summt dazu düstere Weisen. Stoisch und einsam trägt er seinen Schmerz. Ja, dieser Mann hat wirklich alles, was Minous Mädchenherz begeistert !

Und Teja wurde dann wahrhaft zum höchsten Helden. Geschichtlich ... nicht nur in dem Buch. Wenn die Überlieferung stimmt! Kurz vor dem Untergang nämlich noch zum König der Goten gewählt, kämpfte er an der Spitze seiner Mannen an den Hängen des feuerspeienden Berges VESUV gegen die geballte römische Übermacht, die sie eingezingelt hatte. Speere werfend, mit der furchtbaren Streitaxt hundert Feindesköpfe spaltend, stellte sich König Teja vor die Seinen, während die Unwehrhaften, die Frauen und Kinder in den Lavahöhlen versteckt wurden.

Die Gotenkrieger hielten Stunden um Stunden aus, Teja tötete Unmengen von Römern ... er, der herrlichste der Krieger, hielt die Feindeshorten hin. So fielen die Kämpfer nicht alle, das edle Germanenvolk musste auch nicht durch kollektiven Selbstmord im Feuerkrater des Vesuv enden, was schon als letzter Ausweg geplant war.
Zu all dem kam es nicht und das war TEJA zu verdanken, der in dieser Zeit über sich hinauswuchs, sich selbst und seine Kämpfer immer wieder zum äußersten Widerstand antrieb, bis wie durch ein Wunder plötzlich unten in der Bucht von Neapel die mächtige Flotte Haralds, des Wikingers, und seiner Nordmänner auftauchte, um die Überlebenden des Brudervolkes der Umzingelung ihrer erstaunten Belagerer zu entreißen ... oder so ähnlich.

Teja erlebt die Rettung seiner Goten noch im letzten Augenblick, bereits tödlich verletzt, stirbt er jedoch gleich darauf beim Krater des Vulkans.

Und wahrlich, ein wunderbares, ein erschütternd großartiges Schauspiel war es: die letzten Goten, die dem Vesuv und Italien den Rücken wandten und die geschnäbelten Schiffe bestiegen, die sie nach dem sicheren Norden bergend davontrugen.
Feierlich und ernst schollen die Rufe der gotischen Heerhörner aus der unbezwungenen, vom Feind nicht betretenen Teja- Schlucht ... Dazwischen erklang eintönig, ernst ergreifend ... der Gesang der Männer, Frauen und Kinder: die alten Totenlieder des Gotenvolkes ...

Dann setzt sich der Zug der in letzter Sekunde Befreiten in Bewegung, der Frauen, Kinder. Zuerst aber die Soldaten:

Voran schritt in vollen Waffen aufrecht, in trotzig ernster Haltung eine halbe Tausendschaft, geführt von Wisand, dem Bandalarius, der trotz seiner Wunde kräftig aufgerichtet, auf den Speer gestützt, den Zug eröffnete.
Darauf folgte, auf seinem letzten Schilde hingestreckt, den Speer des Cethegus in der Brust, ohne Helm, von den langen, schwarzen Locken das edle, bleiche Angesicht umrahmt, König Teja, bedeckt mit rotem Purpurmantel, von Kriegern getragen:

‘Gebt Raum, ihr Völker, unserm Schritt:
Wir sind die letzten Gothen!
Wir tragen keine Krone mit –
Wir tragen einen Toten.
Mit Schild an Schild und Speer an Speer
Wir ziehn nach Nordlands Winden,
Bis wir im fernsten, grauen Meer
Die Insel Thule finden.

Das soll der Treue Insel sein,
Dort gilt noch Eid und Ehre.
Dort senken wir den König ein
Im Sarg der Eichenspeere.
Wir kommen her – gebt Raum dem Schritt –
Aus Romas falschen Toren:
Wir tragen nur den König mit –
Die Krone ging verloren.’

So wurde gesungen. Zum Weinen schön.
Diese heroische, schicksalsträchtige Story mit all ihren leidenschaftlichen und leidenden Menschen, die alle in so hehre Wirrnisse verstrickt sind, berührt Minou über alle Maßen, als sie dreizehn ist.

Ja in diesem Umfeld lebt und leidet Teja, ihr neuer Traumliebhaber: Teja, der schwarze Graf aus einer fernen, düsteren Zeit. Er, der König ihrer Mädchenseele. Man sieht, nun ist Minou Winnetous Einfluss schon entwachsen. Neben Teja, dem Ringenden, der an der Welt leidet, aber nicht zerbricht, der mit eiserner Härte und Disziplin gegen all den Aufruhr und die Trauer in seinem Herzen doch eisern seine Pflicht tut und dabei so schön und unglücklich ist, erscheint Minou der Häuptling der Apatschen allzu einfach gestrickt, fast kindlich und simpel.
Er aber, der Ostgote, der düstere, vom Schicksal gezeichnete Held ... er ist es, den ihre Seele jetzt sucht, er, der Starke, Ernste, Geheimnisumwitterte.

In ihren Träumen ist Teja oft bei ihr. Er, der dunkelste aller Männer hält sie in seinen Armen. Sie erbebt vor seiner Schönheit und Macht. Düster und leidenschaftlich drückt er sie an sich. Er hält sie eng an seinen starken Körper gepresst, schlägt den purpurroten Mantel um sie, den Königsmantel. So stürzt er sich mit ihr, seiner kleinen Geliebten, in den Feuerkrater des Vulkans. Sie fallen, fallen und kommen nie unten an. Und es wird Minou kein Haar gekrümmt. ER hält sie fest. Fest an seinen Körper gepresst, eng und voller Leidenschaft.

Minou träumt oft von Teja. Und spürt ein Begehren, das ihr neu ist und das sich nie erfüllt. Im Traum spürt sie die Nähe des Mannes, so verwirrend, so furchtbar. Dann erwacht sie. Der Traum hört immer da auf, wo etwas hätte beginnen können.
Sie vermag sich auch im Wachen ‘das andere’, das sie so ersehnt, nicht vorzustellen. Die Liebe, die Lust! Aber dass es ein Gefühl sein wird, stärker und süßer als alles auf der Welt, das weiß sie natürlich!
All die Wünsche ihrer Nächte, die Träume von Liebe und Ekstase, die sie verworren träumt, die erfüllt ihr aber auch Teja nicht. Wie sollte er? Hat sie doch keine Erlebnisse, die ihre Träume befruchten könnten. Weder reale, noch angelesene. Und so spuken diese Dinge, die in Wirklichkeit zwischen Mann und Frau geschehen, nur wirr und vage durch ihren kleinen Kopf und desto mehr fiebert sie der Liebe entgegen, je weniger Konkretes sie davon weiß. So taucht sie ein in die düstere Welt der germanischen Heroen, der römischen Feldherren und Lebemänner.
Teja, der undurchschaubarste, der tragischste dieser an makabrer Schwärze kaum zu überbietenden Heldenkönige teilt für eine gewaltige Zeitspanne - das heißt, fast zwei Jahre lang! - ihre Jungmädchennächte. Sehnsucht hält sie gepackt, Sehnsucht nach einer Leidenschaft, die eines Tages ( das ahnt sie vage ) über sie hereinbrechen und alles, alles verschlingen wird.

Winnetou ist vergessen. Der schöne, schwarze König Teja, mit den unerbittlichen und ach, so traurigen Augen, ist jetzt der Mann, an dem sich Minous Träume festklammern.

*

Sie kann nur müde lächeln, wenn Schulkameradinnen sich in ‘tolle’ Jungen verlieben, die sich dann als schlacksige, picklige Bürschlein oder weichliche Kindsköpfe entpuppen. Nein, von solchen Geschöpfen würde sie sich nie lieben lassen. So will sie die Liebe nicht, so alltäglich und durchschnittlich will sie die Liebe nicht. Für sie würde es Zauber sein müssen ... Magie pur! Für sie würde es ein Mann wie Teja sein müssen ... und eine Leidenschaft, die alles andere auf der Welt auslöscht.

*



Anmerkung: Alle in kleine Schrift gesetzten und grau unterlegten Textstellen und Gedichte in diesen Kapiteln, stammen von oben benannten Schriftstellern, nicht von der Autorin.



*


Was bisher geschah:

Hermine ( Minou ) wird 1939 geboren. Sie ist zirka ein Jahr alt, da stirbt ihre Mutter bei der Geburt des Bruders Werner. Vater ist Soldat im Krieg. Nach mehreren Versuchen mit ‚Haushälterinnen‘ wird das Kind zu Anna, einer Tante, gebracht. Dann heiratet Papa wieder. Lisa, die neue Mutter, holt die jetzt viereinhalbjährige Hermine und Werner zu sich. Papa - ständig an der Front - ist für die Kleinen ein Fremder, an den sie sich kaum erinnern. Einen Teil des Krieges verbringen die Kinder und Lisa in Evakuierung auf einem Gutshof in Bayern. Dort bringt Lisa auch ein neues (Stief) Brüderchen zur Welt, den Maxl. Nach Kriegsende kehrt die kleine Familie ohne den Vater ( er ist in Gefangenschaft ) wieder nach Marienstock zurück. Die Kinder sind problematisch: Werner nässt das Bett, Hermine ist immer traurig und wird oft ohnmächtig. Papa kommt eines Tages als Spätheimkehrer nach Hause und betreibt bald eine Bohnerwachsfabrik, die ‚Xanutta.‘
Hermine wächst jetzt bei Papa, der Stiefmutter Lisa, dem Werner und kleineren Halbgeschwistern in Marienstock auf. 1952. Sie nennt sich inzwischen 'Minou' und besucht seit drei Jahren die Mädchenmittelschule in Brückenstadt.

*



37
DER MUSIKLEHRER

Seit Minou nach Brückenstadt auf die HOCHSCHULE geht - so nennen sie nun einmal die Marienstocker Leute ehrfurchtsvoll - seither lernt sie natürlich nicht nur hohe, ernste Literatur kennen, sondern auch die erhabene Musik. Die wertvolle.
Der Musiklehrer, Herr Hupert gibt niemals auf in seinem Bemühen, die Ohren der Heranwachsenden für höhere Klanggenüsse zu schärfen. Er ist ein sanfter Mensch. Und er ist schwach. Weich. Die Kinder spüren das. Mit einer Sicherheitsnadel heftet ihm Marliese Müller einmal ein weißes, zerknautschtes Taschentuch auf den Rücken seiner Jacke, als er am Klavier sitzt. So geschmückt läuft er dann stundenlang herum, ahnt nichts, lächelt linkisch, aber erfreut, als immer mehr Schülerinnen ihn fröhlich angrinsen und ihm ihre Aufmerksamkeit schenken.

Einmal schmieren sie ihm Klebstoff auf den Stuhl. Was nicht lustig ist, denn Herr Hupert klebt nicht wirklich fest, sondern ruiniert sich nur die Hose. Er zürnt jedoch niemandem und macht keine Anstalten, herauszufinden, wer der Übeltäter war. Das gefällt den Kindern auch wieder nicht. Vielleicht wollten sie einfach nur sehen, dass Herr Hupert wie ein gewöhnlicher Pauker ausflippen und endlich einmal wütend werden würde, wie sich das gehört. Sie hätten den ‚Täter‘ eh nicht verraten, sondern eine verhängte Strafe gemeinsam auf sich genommen. Aber nein ... wortlos vergibt der Lehrer auch diese kleine Gemeinheit.

Herr Hupert ist ungefähr fünfundvierzig Jahre alt und vom Schicksal gebeutelt wie Hiob. Wie jener sich an seinem Gott festhielt, so klammert Herr Hupert sich an die Musik. Sie ist sein einzig übrig gebliebener Lebenssinn.

Die Schülerinnen wissen das nicht, werden es erst später erfahren. Die Frau des Lehrers und seine beiden Kinder sind nämlich in Hamburgs schrecklichster Bombennacht verbrannt. Seine Mutter war schon ein paar Tage zuvor bei einem milderen Angriff auf die Stadt ums Leben gekommen, während ihm, dem Soldaten an der Front, sonderbarerweise kein Haar gekrümmt wurde. Der Krieg ist inzwischen seit fünf Jahren zu Ende.

Herr Hupert fängt oft zu schluchzen an, ganz plötzlich und ohne Grund, wenn er den Schülerinnen auf dem Klavier vorspielt oder mit ihnen schöne Lieder einübt.
"Sein Nervenkostüm ist zerrüttet ... Er hat sein Schicksal noch nicht vollständig gemeistert", sagt die Frau Direktorin schließlich bei einem Elternabend, "da müsste die Klasse eigentlich Rücksicht nehmen."

Von diesem Tag an nehmen die Kinder Rücksicht. Spielen dem Musiklehrer keinen Streich mehr.

Herr Hupert versucht also, den jungen Seelen Kostbares nahe zu bringen. Die herrlich vertonten Gedichte Eichendorffs. Die Forelle von Franz Schubert. Mozarts kleine Nachtmusik. Den Canon: ‘Sah ein Knab ein Röslein stehn.’ Und die Kindertotenlieder von Friedrich Rückert mit der Musik von Gustav Mahler.

Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen!
Bald werden sie wieder nach Hause gelangen.
Der Tag ist schön! O sei nicht bang!
Sie machen nur einen weiten Gang!
Jawohl, sie sind nur ausgegangen
und werden jetzt nach Hause gelangen.
O, sei nicht bang, der Tag is schön!
Sie machen nur den Gang zu jenen Höh‘n!
Sie sind uns nur vorausgegangen
und werden nicht wieder nach Hause gelangen!
Wir holen sie ein auf jenen Höh‘n
im Sonnenschein! Der Tag is schön
auf jenen Höh‘n!

Soviel Traurigkeit verstehen die jungen Mädchen noch nicht so ganz.

Da begeistert sie die Ode an die Freude schon viel mehr:

Freude schöner Götterfunke,
Tochter aus Elysium,
wir betreten feuertrunken,
Himmlische dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder,
was die Mode streng geteilt.
Alle Menschen werden Brüder,
wo dein sanfter Flügel weilt.

Bei Herrn Huperts Vorgängerin, Fräulein Ritter, hatten sie noch komische Canons einüben müssen, die Minou ziemlich öd fand. Zum Beispiel:

Ce- a- eff- eff- ee- ee.
Trink nicht soviel Kaffee.
Nicht für Kinder ist der Türkentrank,
schwächt die Nerven, macht dich blass und krank.
Sei doch kein Muselmann, der das nicht lassen kann.

*



BEGEGNUNG MIT BEETHOVEN

Mit Herrn Hupert besucht die Klasse die Oper in Brückenstadt. Mehrmals. Beim ersten Mal geben sie den ‚Fidelio‘ von Beethoven. Da sind die Mädchen dann schon so zwölf, dreizehn Jahre alt. Der Musiklehrer hat Freikarten für seine Schülerinnen ergattert.

Minou vergisst diesen Besuch nie, den dicken, hellgrauen Teppichboden in der Eingangshalle des Theaters, in den man einsinkt, auf dem man nicht GEHT, sondern losgelöst wie auf Wolken dahin schwebt. Die Wände der hohen Räume sind mit silbern schimmerndem Samt bespannt. In diesen herrlichen Hallen fühlt Minou sich unbedeutend und gleichzeitig als erwählte Teilnehmerin eines erhabenen Geschehens.

An der hohen Kuppeldecke prangen Göttinnengesichter, Blütengirlanden, Puttenköpfchen.. Steinerne Pflanzenornamente schmücken die runden Marmorsäulen. Und dann die Treppenaufgänge mit tiefem, dunkelrotem Teppichflor belegt! Da schreiten sie die Stufen hinauf. Wie Damen. Wie in einem Hollywood-Film. Obwohl ... in Hollywood-Filmen kommen die Stars in ihren Abendroben immer nur heruntergestiegen. Wie sie hinaufgehen, zeigt man nie!

Und überall die deckenhohen, barocken, goldgerahmten Spiegel!

Der Blick in einen davon ... da ist es aber mit Minous Hochstimmung blitzartig vorbei. Denn es schwankt ihr inmitten der Klassenkameradinnen ihr miserables Abbild entgegen. Grauenvoll. Sie erschrickt. Was für eine böse Überraschung! Sie wirkt ja noch mickriger, als sie es vom Badezimmerspiegel zuhause gewohnt ist. Dort sieht sie wenigstens nur ihr Gesicht. Hier ... alles!
Wo sie doch gern so wunderbare, leidenschaftliche Augen gehabt hätte und so schön gewesen wäre wie Silvana Mangano in dem Film: ‘Bitterer Reis’ oder wie Michèle Morgan in ‘Es werde Licht.’ Tief klaffen wieder einmal Minous Wirklichkeit und ihreTräume auseinander ...
O Gott! Ihr eigener Anblick wirft sie fast um. Das eingefallene, käsweiße Gesicht. Die Rattenschwänze von Zöpfen. Mit Haarnadeln sind sie dicht um ihren Kopf zu einer sogenannten ‘Gretchenfrisur’ festgezurrt. Wo die meisten Mädchen jetzt schon wie selbstverständlich ihre dauerwell-gelockten, lieblichen Mähnen schütteln! Nur sie nicht. Aber Lisa will es so. Ein paar kurze, glatte Zottelsträhnen haben sich wieder einmal gelöst. Immer sucht Minou sie mit ‚Klämmerchen‘ am Hinterkopf festzustecken, doch das klappt nie. Dünn wie ein Ziegenbart hängen sie rechts und links des mageren Halses auf ihren Kragen herunter.
‘Ich sehe aus wie die Tante Agnes’, denkt sie plötzlich ... und es ist, als würde eine kalte, knochige Hand ihr über den Rücken fahren.

Dabei trägt sie an diesem Abend ihre ersten Nylonstrümpfe! Und das dunkelblaue Moireetaftkleid mit dem weißen Kragen - von Frau Schuchard genäht - ist nicht einmal schlecht, nur bereits ein bisschen zu kurz. Schlimm sehen aber dazu die rotbraunen, abgetragenen Sportlatschen aus. Schuhe mit dicken Kreppsohlen, die ihr wie Klumpen an den dürren Beinen hängen. Da nützt es auch nichts, dass sie das Leder sorgfältig mit ‘Xanutta’ eingerieben und auf Hochglanz poliert hat. Sie besitzt nur dieses eine feste Paar Schuhe. Und noch ein paar flache, weiße Sommersandalen. Die hätte sie lieber angezogen. Aber das ging ja schon gar nicht. Es ist Winter. Draußen liegt knöchelhoch der Schnee.

Natürlich kommt Minous stillose Mickrigkeit in diesen prunkvollen, strahlend beleuchteten Hallen und bei all den Spiegelwänden noch furchtbarer zur Geltung.
Aber hier drinnen ist es so schön, die Atmosphäre erhaben. Vornehm und elegant gekleidet sind die ihr entgegenkommenden Opernbesucherinnen, dass Minou das herzzerreißende Erschrecken über den eigenen grauenvollen Anblick doch irgendwann vergisst.
Herr Hupert hat sich stark für seine Schülerinnen eingesetzt und ihnen Karten in der ersten Reihe auf dem Balkon besorgt.

Doch dort oben sind schon wieder Spiegelwände. Diesmal kriegt Minou sich von jeder Seite zu sehen. Schauderhaft! ... Ganz irritiert, fängt sie zu stolpern an. Aber man kann ja nicht einfach wegrennen!

Die Schülerinnen nehmen ihre weinroten, samtenen Sitze auf dem Balkon ein. In der alles überblickenden Weite. Der große Theatersaal liegt tief unter ihnen. Frei ist der Blick auf die Bühne. Stimmengewirr brandet herauf.
Das Publikum hat sich inzwischen unten in enge Sesselreihen gepfercht und kommt nicht so recht zur Ruhe ... Ein ewiges Hin- und Hergewoge. Zappelig recken sich Hinterköpfe, bewegen sich Rücken auf und nieder. Im Parkett sind die teuersten Plätze, da sitzen die wahrhaft eleganten Leute. Doch die Mädchen fühlen sich wie kleine Königinnen, hoch oben hinter der Balkonbrüstung.

Auf einmal dimmt sich die Helligkeit des riesigen Kronleuchters. Grad für Grad. Langsam. Bis der Raum in magischem Dämmerdunkel liegt. Und es hebt sich der wundervoll geraffte, silbergrau schillernde Samtvorhang, Hebt sich magisch, lautlos ... verschwindet Meter für Meter in der Decke, gibt das Bühnenbild frei, während aus der Vertiefung, in der die Musiker sitzen – man nennt das Orchestergraben, sagt Herr Hupert - Beethovens herrliche Musik immer mächtiger dröhnt.

Man sieht auf der Bühne in einen düsteren Raum hinein, in die Wohnstube des Gefängniswärters inmitten einer Kerkeranlage. Ein paar Leute stehen herum und singen in einer Art Dialog. Sehr kunstvoll.

Ein Jüngling kommt dazu: Fidelio. Der ist aber in Wirklichkeit eine Frau, die eigentlich Leonore heißt und herbei geeilt ist, um ihren unschuldig in ebendiesem Kerker schmachtenden Gatten zu befreien. Mit der Handlung des Stückes haben die Schülerinnen sich schon im Vorhinein durch einen von Herrn Hupert mitgebrachten Opernführer vertraut machen können.

Weil Leonore aber in ihrer Fidelio-Verkleidung einen so schönen Mann abgibt, hat sich des Gefängniswärters Töchterlein prompt in ihn ( sie ) verliebt. Mit Hochzeitsabsichten sogar. Und der Vater Kerkermeister ist auch sehr angetan von dieser Idee.

O, all die Irrungen, Wirrungen ... Natürlich muss Leonore das Verwechslungsspiel mitspielen und weiter einen Jüngling mimen. Darf sich nicht als schwaches Weib zu erkennen geben. Denn wie könnte sie sonst ihren armen Gatten befreien!

Herr Hupert hat mehrere Operngläser besorgt. Um die reißen sich die Schülerinnen. Mit denen können sie die grell geschminkten Gesichter der Sänger und Sängerinnen zu sich heranholen. Hautnah. Sie hätten es besser nicht getan. Man erkennt jede Falte, jede Pore. Aus der Ferne sehen die Künstler romantischer aus. Auch die jetzt gar nicht mehr so schöne Leonore, sprich Fidelio. Aus der Ferne ist unendlich viel mehr Grund zum Träumen..

Auf der Bühne kann man nun im nächsten Akt ein Kerkerloch sehen. Darin kauert der elendige, schon halbtote Gefangene, Leonores Gatte, der, wenn er nicht gerade ohnmächtig wird, sich immer wieder matt aufrichtet und singt, singt.

Aber Minou versteht leider nicht, was so jammernd aus ihm hervordringt. Seltsam, bis jetzt hat sie von den gesungenen Worten auf der Bühne noch kein einziges verstanden!
Der arme, edle Gefangene ringt sich die Seele aus dem Leib. Auch Fidelio-Leonore, die treue Ehehälfte, schmettert Arien.
Am Ende wird alles gut. Der schuftige Gouverneur, der den ganzen Schlamassel zu verantworten und all die unschuldigen Gefangenen fast in den Tod getrieben hätte, wird klangvoll verhaftet. Alle Eingekerkerten kommen frei. Und das ist irgendwie das Verdienst Fidelios, sprich Leonores.

Noch immer versteht Minou kaum ein Wort vom Gesang. Aber am Ende rinnen auch ihr feierliche Schauer über den Rücken. Da, als alle Darsteller sich nämlich auf taghell angestrahlter Bühne versammeln und gemeinsam ein gewaltiges Lied schmettern. Das Orchester braust und jubiliert. Auch Minou fühlt nun, wie sie von der erhabenen Stimmung ergriffen wird.

Es ist jedoch vom ersten Augenblick an, als habe sich mit dem Vorhang in der Oper gleichzeitig einer in ihrem kleinen Hirn gehoben. Da wird sie auf einmal über ihre Alltagswelt himmelhoch hinausgetragen.. Ziemlich merkwürdig ist das schon, dass die armen Elendsgestalten oder die als Mann verkleidete Leonora dort ständig SINGEN, das muss sie ja zugeben ... ABER der Klang des gewaltigen Orchesters ... ABER die Musik macht, dass ihr ein Schauder nach dem anderen über den Rücken rieselt. Ekstase! Minou ist verzückt. Spätestens beim grandiosen Finale.

Doch zuletzt ist es dann nicht nur der Klanggenuss ... es sind zum großen Teil auch die Äußerlichkeiten an diesem Abend, die ihre erhabene Stimmung hervorrufen. Die Weite, der Luxus, die Atmosphäre des riesigen Theaters. Die mächtigen Treppenaufgänge und Wandelhallen. Die HARMONIE. Die warm temperierte Luft. Der leichte, süßliche Geruch nach Staub und Parfüm, der aus den samtenen Sitzen ihrer Balkonlogen dringt.

Und in der Pause der Duft aus dem Haar frisch im Salon frisierter Damen. Ihre festlichen Abendroben. Die vornehm gedämpften Stimmen der eleganten Opernliebhaber, die in der Pause in Gruppen durchs Foyer schlendern oder an kleinen Glastischen stehend, lächelnd, verhalten plaudernd, Champagner aus steilen, hochstieligen Kelchen sippen. Die Männer tragen schwarze Fräcke. Die Damen haben Pelzstolen lässig umgeschlungen. Nicht, um sich zu wärmen ... nur, damit die nackten Schultern mit Kostbarem bedeckt sind. Als ein paar Schülerinnen neugierig vorbeistreifen, nicken ihnen die Herrschaften huldvoll zu ...

‚Bei diesen Leuten stimmt einfach alles‘, wundert sich Minou. ‚Sie sehen strahlend aus, auch wenn sie nicht jung und nicht besonders schön sind. Die andere Art Schönheit haben sie ... einen Glanz, der aus Zufriedenheit mit sich selbst, einem Sich-gut-Fühlen und ... Wohlhabenheit entsteht.’

*



38
MINOUS LIEBESTRAUM

Minou ist dreizehn Jahre alt. Immer öfter in den Nächten liegt sie daheim in ihrem Bett wach. In der Dachkammer. Im Haus nahe den Eisenbahngeleisen.
Sie lauscht dann dem Räderstampfen der Schnellzüge, die unten am Bahnsteig vorbeitosen und nicht halten. Sie spürt, wie von der Erschütterung der Boden bebt.

Sie hört die kurzen, grellen Pfiffe der Lokomotiven, wenn sie in den Marienstock-Tunnel hineinstoßen. In diesen lauen Frühlingsnächten fasst sie eine rätselhafte Sehnsucht. Sie erschauert bis ins Innerste. Dann denkt sie an die Dinge der Ferne, an unbekannte Länder, fremde Menschen, an das übersprudelnde Leben in den großen Metropolen. Es muss etwas Atemberaubendes sein, das dort draußen gleißend, gefährlich, verführerisch wartet. Da, wo die Züge hinfahren ...

Das Pfeifen der Lokomotiven verfolgt Minou bis in ihre Träume hinein und sie fühlt den Drang, dazuzugehören zu dieser wilden, aufwühlenden Welt ... Sie spürt ein Ziehen direkt am Herzen oder auch ein rätselhaftes Zerren tief unten in ihrem Bauch, ein beunruhigendes, aber schönes Gefühl.
Minou sehnt sich dorthin, wo die Zugstrecken enden. An Meeresstrände. Oder in die großen Städte, in denen man sich im Strom von Millionen Menschen verliert. Und irgendwo warten unter all dem Unbekannten, E R und seine Liebe ... Das Aufwühlendste von allem wird das sein ... unter den Geheimnissen das größte ... die Liebe! Die Liebe wird alles verändern. Sie wird ihr Leben in eine neue, herrliche Bahn werfen.

An ihren Traummann denkt Minou und holt ihn abends in ihrer Fantasie zu sich, wenn sie sich schlaflos unter der Federdecke hin und her wirft. Nicht ‚Freund‘, ‚Verehrer‘, ‚Verlobter‘ nennt sie ihn bei sich, wie die anderen Mädchen sagen, wenn sie von ihrem Zukünftigen reden, nein, ‚Geliebter‘ denkt sie – und vor sich selbst abends heimlich im Bett flüstert sie: ‚mein HERR.‘
Das klingt sündig, unterwürfig und doch so sehr nach Geborgenheit. Dabei fühlt man sich hilflos einem Starken, Mächtigen, ausgeliefert. ‚Mein Herr!‘ Schon allein das Wort nimmt Minou den Atem. Sie bebt und denkt an ihn, den wunderbarsten aller Männer. Dass er dunkel sein wird, groß, schweigsam, stark, das weiß sie. Neben ihm ist das Bild Winnetous, des Häuptlings der Apatschen, schon verblasst ... Teja, der schwarze Graf und Ostgotenkönig, er, der Rätselhafte, Undurchschaubare ist es, von dem sie jetzt träumt. Von ihm, der nachts am Meeresstrand zur Gitarre traurige Weisen singt, aber auch grausame Dinge denkt, der kämpfen u n d töten kann. Seine Gestalt hat sich ihr seit der Lektüre des Romans ‚ein Kampf um Rom‘ unvergesslich eingeprägt. Ja, so wie Teja soll er sein, ihr zukünftiger Liebhaber ... Wie Teja ... und doch ein ganz Anderer. ER, der Fremde, auf den sie all ihre Sehnsucht häuft!

Eines Tages wird er in wilder Leidenschaft zu ihr entflammen.
Mit seiner Kraft und Überlegenheit wird er sie beschützen.
Er wird sie in seine Zuneigung einhüllen wie in einen warmen Mantel.
Er wird klug sein und mehr von den Dingen des Lebens verstehen, als alle hier zusammengenommen.

Mit großer Zärtlichkeit wird er sie umgeben, auch wenn er sie natürlich manchmal ein bisschen belächeln wird, denn sie ist jung, unerfahren und ein Nichts neben ihm. Er wird unsagbar hoch über ihr stehen.
Mit ihm zusammen wird sie die Geheimnisse der Welt und des Lebens ergründen.
Er wird sie lieben.
Der Vertraute ihrer Seele wird er sein.

Aber da stürzen auch andere Gedanken durch Minous kleinen Kopf ... so aufwühlende ... ihr wird davon schwindelig:
Wie er sie nackt in seinen Armen hält, ihr schöner, starker, unerbittlicher Verführer.
Wild, leidenschaftlich, schmerzhaft wird er sie nehmen, dass ihr die Sinne vergehen.
In seine Begierde wird er sie hineinreißen, wie in einen heißen Strom.

Sich so etwas vorzustellen ist erschreckend und wunderbar zugleich. Von seltsamen Gefühlen überschwemmt, bebt sie vor Lust und ... Furcht. Ihre Wünsche werden mit jedem Monat stärker. Sie rauben Minou nachts den Schlaf, sodass sie wach liegt, dass sie wie im Fieber den vorbeirasenden Zügen beim Tunnel lauscht. Eines Tages wird sie wegfahren. Hin zu IHM. In die Welt der Umarmungen und Ekstase. Zu Ihm. Sie versucht, sich vorzustellen, wie er sie nehmen wird:
unendlich zärtlich
UND
ganz und gar rücksichtslos,
unendlich liebevoll
UND
mit roher Gewalt.

Sie zittert in ihrem Bett, wenn sie an all diese verbotenen Dinge denkt. Obwohl sie sich überhaupt nicht vorstellen kann, was ein solcher Mann eines Tages dann wirklich mit ihr tun wird. Doch es wird furchtbarer und aufwühlender sein als alles auf der Welt. Minou ist sich natürlich klar darüber, wie sündig ihre Wünsche sind. Aber sie spinnt die Netze weiter mit den Fäden der verbotenen, geheimen Fantasien ... immer, wenn sie nachts nicht schlafen kann. Doch sie kommt bei ihren Träumen nie wirklich vorwärts, nie an ein Ziel.

*



DIE BEICHTE

Im Religionsunterricht haben sie gelernt: man darf sich diesen unkeuschen Gedanken nicht hingeben! Aber, woran sie nicht denken soll, daran denkt sie immer ... eigentlich denkt sie an nichts anderes.

Dafür gibt es aber Hilfe: die Beichte.
Dunkel wie ein Scherenschnitt zeichnen sich die Gesichtsumrisse des Herrn Kaplan im Beichtstuhl ab. Hinter dem hölzernen Schnitzwerk der Zwischenwand erkennt Minou seine weichen, fleischigen Züge mit der kurzen Stupsnase und dem Doppelkinn. Nun wendet er sich ihr zu. Seine Augen kann sie - im von rückwärts einfallenden Dämmerlicht – nicht sehen, doch sie hört ihn leise atmen hinter dem kunstvollen, fein ziselierten Gitter aus Rankenwerk, das Priester und ‚Beichtkind‘ voneinander trennt.

"Vor Gott, dem Allmächtigen in Demut und Reue bekenne ich meine Sünden", sagt Minou wie es sich gehört und "meine letzte Beichte war vor drei Monaten. Sie war gültig." Dann:
"Ich habe ...
Ich habe die täglichen Gebete nicht verrichtet.
Ich habe unandächtig gebetet.
Ich bin faul und träge gewesen.
Ich habe gelogen.
Ich habe manchmal gezweifelt, dass Jesus Christus ... Gott ist.
Ich bin sonntags zu spät in die heilige Messe gekommen.
Ich habe meinen Vater nicht geehrt.

Und dann muss es heraus. Das Schreckliche:
Ich habe UNSCHAMHAFTES gedacht."
Es ist ihr so peinlich, dass sie die Worte fast verschluckt.
"Du hast an Unschamhaftes nicht wirklich gedacht, meine Tochter ... dafür bist du viel zu jung", stellt der Herr Kaplan irritiert richtig.
"Doch", seufzt Minou.
An wen oder was sie denn dabei gedacht habe, will der Geistliche wissen. Sein Ohr rückt näher ans Gitter.
Minou zuckt die Schultern. Sie weiß es ja selbst nicht genau, wo doch alles so verworren und gar nicht eindeutig ist. Es ist schwer, darüber zu reden. Sie kann es nicht.
"Hast du es etwa auch GETAN?", versucht der Beichtvater dem wortkargen Ding jetzt flüsternd auf die Sprünge zu helfen.
Das Mädchen bleibt stumm.
Aber gerade, weil sie nichts sagt, vermutet er Schlimmes:
"Allein oder mit anderen?"
Nein, nein, nicht allein, auch nicht mit anderen. Und getan hat sie sowieso NICHTS . Nur GEDACHT. Das gibt sie dem Herrn Kaplan leise murmelnd zu verstehen.

"Nun gut!" sagt er erleichtert und blättert in einem Buch.
Jetzt, wo sie ihre schwerste Verfehlung vor Gott bekannt hat, geht der Rest zügig vonstatten. Es kommen noch ein paar ‚lässliche‘ Sünden, von denen sie eine ganze Reihe hat. Die bekennt sie sorgfältig. Sie sind auf einem Zettel notiert. Damit sie keine vergisst:

Ich habe meiner Stiefmutter Widerworte gegeben.
Ich habe mich nicht um die kleinen Geschwister gekümmert ...
Ich habe mich mit meinem Bruder gestritten und ihn beschimpft.
Ich habe meine Oma verflucht, weil sie im Terrarium, im Garten, unsere zwei Ringelnattern totgeschlagen hat.
Ich habe einen Ohrring auf der Straße gefunden und nicht zurückgegeben.
Ich habe gelogen."

Am Schluss des von Minou mit fester Stimme bekannten Sündenregisters, seufzt der Herr Kaplan, räuspert sich, flüstert dann schöne, erhabene Worte in des Mädchens lauschendes Ohr.

"Herr, du bringst die Lügner um", sagt der Herr Kaplan, "denn dir sind ein Greuel, die Blutgierigen und Falschen.
Ich aber darf in dein Haus gehen durch deine große Güte und anbeten vor deinem heiligen Tempel in deiner Furcht.
Herr, leite mich in deiner Gerechtigkeit um meiner Feinde willen; ebne vor mir deinen Weg!
Denn in ihrem Munde ist nichts Verläßliches, ihr Inneres ist Bosheit. Ihr Rachen ist ein offenes Grab. Mit ihren Zungen heucheln sie."

Er flüstert geheimnisvoll. Will er sie teilnehmen lassen an verborgenen Weisheiten, ihr tiefe Geheimnisse des Glaubens enthüllen? Er gibt sich Mühe ... doch ... sie begreift wieder einmal nicht viel.
"Dir fehlt die Gnade", hatte Lisa einmal gesagt.

Minou schämt sich vor dem Geistlichen, der sehr eindrucksvoll von himmlischen Dingen redet, was sie nicht so erhaben nachfühlen kann. Aber sie würde sich in Zukunft anstrengen, würde mehr an den Glauben denken, sich mehr damit beschäftigen, ein besserer, frömmerer Mensch werden.

"Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln", sagt der Herr Kaplan jetzt.

"Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens Willen und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.
Amen.

Bete täglich zu deinem Erlöser", ermahnt er dann,

"und bitte ihn, dass er dich von Kleinmut und Unglauben befreit ... um seines kostbaren Blutes Willen, das er für uns und alle Menschen vergossen hat zur Vergebung der Sünden. Und solches müssen wir immerfort tun zu seinem Andenken, solange wir atmen können, damit wir dereinst eingehen in seine Seligkeit."

"Ja", haucht Minou, nun doch ergriffen von der Größe des Augenblicks.

"Mögest du auf der Hut sein, meine Tochter", flüstert der Herr Kaplan ihr zum Schluss noch zu,

"dass Satan dein junges Herz nicht mit seinem Blendwerk verführt, denn wisse, er versteckt seine Bosheit in den irdischen Dingen. Er ist voller Tücke."

Danach zeichnet er mit ausgebreiteter Hand ein heiliges Kreuzzeichen in die Luft. Das bedeutet Ab-so-lu-tion und heißt, Minou ist wieder von all ihren Sünden befreit.
"Gelobt sei Jesus Christus!", sagt er zum Schluss feierlich. Minou antwortet: "In Ewigkeit, Amen", nachdem er ihr zwanzig ‚Gegrüßet seist du Maria‘ und zehn ‚Vaterunser‘ verordnet hat, die sie dann inmitten der anderen Büßer gleich nebenan in der Kirchenbank abbetet.

Danach fliegt Minou leicht wie eine Feder über den Marktplatz nach Hause. Innen sauber, wie frisch poliert. Von einer großen Bürde befreit.
Nur über ihre geheimen, unkeuschen Träume hat sie mit dem heiligen Mann nicht sprechen können. Darüber kann sie mit niemandem sprechen. Auch nicht mit Lisa. Mit der schon gar nicht!
Die findet nie etwas gut, was die Stieftochter tut oder sagt. Was sie denkt, will Lisa schon überhaupt nicht wissen. Über die Liebe würde das Mädchen ohnehin mit ihr nicht sprechen. Über ‚normalere‘ Dinge schon. Aber auch da hat Lisa längst einen Riegel vorgeschoben:

"Du mit deinen Dummheiten", sagt sie, wenn die Halbwüchsige redselig zu ihr kommt. Lisa findet immer passende, abweisende Worte. Es gelingt dieser Frau mit Leichtigkeit, ein Gespräch zu stoppen, schon bevor es beginnt ...
"Ich will gar nichts wissen! Ich habe zu tun," Oder:
"Hör auf mit deinem Blödsinn" ( deinen Spinnereien ... deinen Schlechtigkeiten ) je nach dem Thema, das Minou anzuschneiden versucht.
"Du stiehlst mir nur meine Zeit", sagt Lisa und wendet stolz und gelangweilt den Kopf ab.

Aber Minou lässt sich auch nicht mehr alles gefallen:
"Du bist ja so SCHLAU und ein so GUTER Mensch", mault sie. Verzieht ihr Gesicht in Verachtung, wobei es noch kleiner wird und noch blasser.
"Geh", sagt Lisa, "mit dir rede ich doch gar nicht. An dir ist sowieso Hopfen und Malz verloren! Mach nur so weiter mit deinem frechen Mundwerk! Wenn du volljährig bist, fliegst du ohnehin achtkantig raus! Keine Minute länger will ich dich dann hier mehr sehen!" "
Minou möchte etwas antworten, aber ... was? Dann summt sie lässig ein paar Schlagerfetzen vor sich hin und stürmt die Treppe hinauf in ihr Dachzimmer. Am liebsten hätte sie mit furchtbarem Knall die Tür hinter sich zugeschmissen. Doch das tut sie nicht. Sie schließt sie nur ein kleines bisschen heftiger als sonst.

Wenn Oss Kern spät abends heimkommt, hat er keine Lust, vielleicht auch keine Kraft mehr, die ewigen Quengeleien und Kämpfe zwischen seiner Frau und seiner heranwachsenden Tochter aus erster Ehe zu schlichten.

Manchmal, wenn Minou sich über die vermeintliche Ungerechtigkeit der Stiefmutter wieder einmal bis zur Weißglut aufgeregt hat, bettelt sie den Vater an, er solle doch wenigstens auch einmal IHRE SEITE sehen:
"Ich möchte ja nur, dass du ... fair bist, Papa!"
Aber er will nichts wissen.
"Was deine Mutter sagt, wird gemacht", schreit er ... "und Gnade dir Gott, du hältst dich nicht daran!"
"Das ist gemein, du hörst mir überhaupt nie zu, Papa ... "
"Hier wird nicht disputiert", brüllt Oss Kern, "Aus. Basta. Ende!"
So zieht er den Schlussstrich.

Dann schwankt Minou hinaus und heult. Es wird ihr schon wieder schlecht.

Was Lisa betrifft ... der ist das zunehmend störrischer werdende Ding in ihrem Haushalt ein ständiger Quell der Irritation. Sie kann nicht recht begreifen, wie ein Kind, das morgens im Bad beim Anziehen umfällt und schon zweimal ohnmächtig mit dem Gesicht auf den Gasofen aufgeschlagen ist, das vor den Augen des Dorfes in der Kirche wie ein Häufchen Elend zusammenklappt, es dennoch offensichtlich schafft, ihr ständig Widerworte zu geben.
"Deine Tochter gibt und gibt sich nicht, ständig wetzt sie ihr freches Mundwerk", sagt Lisa anklagend zu Oskar.

*

So sehr Minou der Liebe entgegenfiebert, so ungeeignet dazu findet sie ihr Äußeres. So sehr sie sich nach dem herrlichen, wunderbaren Traummann sehnt, so sehr weiß sie, dass sie selbst NICHTS in die Waagschale zu werfen hat.
Große Stellen an ihren Handrücken sind zu jener Zeit wie Krötenhaut dicht an dicht mit Warzen besetzt. Schon ein paarmal sind Leute, als sie ihnen die Hand geben musste, erstaunt hochgefahren. Tante Friedchen sogar mit einem irren Schrei: "Hiiiiih!"

Jetzt gibt Minou niemandem mehr die Hand. "Ich habe Warzen", sagt sie und zuckt die Schultern.

Außerdem ist sie noch mit einem weit schlimmeren Übel geschlagen. Na ja ... viele Mädchen haben in der Pubertät Akne. Minous dünnes Gesicht aber kann man vor lauter Pickeln kaum mehr erkennen. Oft ist ihr, als ob sie selbst ein einziger Pickel wäre. Der Tag erscheint schon in einem widerlichen Licht, wenn sie morgens nach dem Aufstehen im Spiegel sehen muss, dass trotz sorgsam aufgetragener Schwefellotion aus der Apotheke, die unzähligen eitrigen Beulchen in der Nacht noch röter aufgeblüht sind und noch praller leuchten. Sie kann nicht anders, muss daran drücken und quetschen, muss sie immer wieder mit heiß gemachten Nadeln oder Desinfizieralkohol bearbeiten. Das macht die Sache nicht besser.

Zum Glück geht wenigstens die Akne nach zirka einem Jahr zurück, wenn sie auch nicht ganz verschwindet. Auf ihre Warzen reibt sie tagtäglich mit einem Stift ‚Höllenstein‘ auf, um die Dinger wegzuätzen. Sie sind aber noch hartnäckiger als die Pickel.

*


Was bisher geschah:

Hermine ( Minou ) wird 1939 geboren. Sie ist zirka ein Jahr alt, da stirbt ihre Mutter bei der Geburt des Bruders Werner. Vater ist Soldat im Krieg. Nach mehreren Versuchen mit ‚Haushälterinnen‘ wird das Kind zu Anna, einer Tante, gebracht. Dann heiratet Papa wieder. Lisa, die neue Mutter, holt die jetzt viereinhalbjährige Hermine und Werner zu sich. Papa - ständig an der Front - ist für die Kleinen ein Fremder, an den sie sich kaum erinnern. Einen Teil des Krieges verbringen die Kinder und Lisa in Evakuierung auf einem Gutshof in Bayern. Dort bringt Lisa auch ein neues (Stief) Brüderchen zur Welt, den Maxl. Nach Kriegsende kehrt die kleine Familie ohne den Vater - er ist in Gefangenschaft - wieder nach Marienstock zurück. Die Kinder sind problematisch: Werner nässt das Bett, Hermine ist immer traurig und wird oft ohnmächtig. Papa kommt eines Tages als Spätheimkehrer nach Hause und betreibt bald eine Bohnerwachsfabrik, die ‚Xanutta.‘
Hermine wächst bei Papa, der Stiefmutter Lisa, dem Werner und kleineren Halbgeschwistern in Marienstock auf. Sie nennt sich inzwischen 'Minou' und fährt jetzt seit drei Jahren zur Mädchen-Mittelschule nach Brückenstadt. Das Jahr: 1952

*



39
DAS TANZSTUNDEN-DEBAKEL

In diesen Jahren gehört es sich für ein junges Mädchen, richtig tanzen zu können. Auch Minou opfert zwei Abende in der Woche, um diese hohe Kunst zu lernen. Dafür geht sie nicht etwa nach Brückenstadt, wo eine vornehme, teure Tanzschule eröffnet wurde, sondern versucht es lieber zuhause im Dorf bei Frau Duval. Vera Duval ist geschieden, Ende der Vierzig und so, wie man sich in Marienstock eine 'Femme Fatale' vorstellt.
"Aufgedonnert wie ein Unterwelt-Flittchen läuft sie herum ... und das auf ihre alten Tage", mokieren sich die Kundinnen in Tante Ritas Wäscheladen.
"DIE ... war doch schon IMMER so", sagt Rita und grinst.

Tatsächlich: Vera Duval ist stark geschminkt. Parfumduftend bis in die Fingerspitzen. Mit schwarz – gefärbtem? – wunderschönem Haar, das sie stets zu einer lockenreichen Hochfrisur auftürmt. Auch trägt sie nicht, wie es sich für seriöse Frauen gehört, winzige, dezente, aber echte Ohrringe, oder um den Hals ein dünnes goldenes Kettchen ... nein, von ihren Ohren baumeln die reinsten Klunkerwunder aus Strass und Glitzergefunkel – sie scheint viele Paare davon zu besitzen - und zu ihren stets dunklen, schlichten Kleidern mag sie spektakuläre Ketten. Aber sie trägt nie auffallende Ohrringe und Ketten gleichzeitig.

"Seit ihrer Scheidung hat sie schon den dritten Freund", ereifert sich Tante Rita bei irgend einer Familienfeier der Kerns.
"Ist ja auch ein hübsches Weib", wirft Onkel Willi provozierend ein.
"Mein Ferd hat gesagt, so eine würde er nicht einmal mit dem Schürhaken anfassen", sagt Rita errötend und dann zu ihrem Göttergatten: "Es geht doch bei einer Frau nichts über Natürlichkeit, stimmt’s, Ferdi?!"
"Ja, ja", sagt Ferdinand.

Ihren jetzigen Liebhaber hat die Duval allen Interessierten als ‚Cousin‘ vorgestellt. Dabei bleibt es. Wenn es auch keiner glaubt. Sie leben zusammen. Er ist fünfundzwanzig. Und vielleicht nicht einmal ein Deutscher, obwohl er Deutsch besser spricht, als die meisten Leute hier. Denn die sprechen Dialekt. Aber vielleicht ist sein Deutsch ein bisschen zu gut für Marienstock. Ist da nicht so ein fremdländischer Akzent ... ? Viel schlimmer noch ... sein Auto hat ein französisches Kennzeichen. Eines mit "M" davor. Das kann nur Marseille sein? Marseille ... die verkommene Hafenstadt ganz da unten, fast schon in Afrika! Wenn das nicht Bände spricht! Was arbeitet der Hallodri überhaupt? Und wieso kann er sich ein solches Fahrzeug leisten? Oder hat sie ihm das finanziert? Nein, lupenrein ist der Lebenswandel des zwielichtigen Bürschchens ganz gewiss nicht.

In Marienstock und den umliegenden Ortschaften bis hin nach Sulzhausen hat die Tanzschule Duval einen guten Ruf und dementsprechend viel Zulauf. Die Inhaberin ist zwar von ihrer Moral her als bedenklich einzustufen, doch ist sie als Institution unentbehrlich. Eltern, die etwas auf sich halten, schicken ihre Sprösslinge zu Vera Duval. Damit sie ihnen auf die Sprünge hilft, sie zu wohlerzogenen jungen Damen und Herren macht. Sie ist nämlich eine perfekte Lehrerin. Nicht nur fürs Tanzen. Auch für die Regeln des Benehmens. Und das seit fünfundzwanzig Jahren. Keiner möchte sie missen. Da verzeiht man ihr sogar bis zu einem gewissen Grad ihren liederlichen Lebenswandel.

"Ich weiß nicht, was sie für ein Mensch ist, aber bei mir hat sie bereits verspielt ... sie sieht ganz einfach BILLIG aus!", sagt Lisa. Und basta.
"Das stimmt nicht", schreit Minou.


Minou hätte das mit der Tanzstunde besser lassen sollen. Weil sie unmusikalisch ist. Das ist längst erwiesen. Schon in der Sexta konnte sie beim Singen den Ton nicht halten. Aber sie hat es manchmal vergessen und mit voller Kehle drauflos geschmettert. Bis ein paar Mitschülerinnen sich in die Rippen stießen und anfingen, hämisch zu kichern.

Lisa hatte ihre Unmusikalität als erste festgestellt. Damals, da ist Minou noch ein Kind gewesen. Vielleicht fünf Jahre alt. Da summte sie so ein paar Lieder- oder Schlageranfänge in der Küche vor sich hin.
"Merkst du es denn nicht ... Ja, um alles in der Welt! ... Dir fehlt das GEHÖR!", hatte die Stiefmutter entsetzt gerufen. "Halt' vor allem in der Kirche den Schnabel. Sonst blamierst du die ganze Familie!"

Jetzt in der Tanzstunde hat Minou ständig Angst, als musikalischer Trampel aufzufallen. Sie ist eine miserable Tänzerin. Es ist leider wahr: wenn eine neue Schallplatte, die man noch nicht gehört hat, zum ersten Mal gespielt wird, weiß sie nie, ob es nun ein Tango oder ein Foxtrott ist. Oder gar ein Cha-Cha-Cha. Sie hat keinen blauen Schimmer. Schlimm, wenn der jeweilige Partner es auch nicht weiß!

Für Minou ist dieser Unterricht alles andere als ein Vergnügen.
Immer bebt sie vor Lampenfieber, wenn sie sich abends um halb sieben über die kleinen Wiesenpfade dem Haus am Rand von Marienstock nähert, wo im Erdgeschoss das Café und im ersten Stock der Tanzsaal ist. Da sieht man schon von weitem die festlichen Lichter, etwas heller, etwas strahlender als in den umliegenden Wohnhäusern. Man hört feierlich gedämpfte Stimmen und leise Musik. Minou kann nie gelassen sein, wenn sie zu Frau Duvals Tanzschule marschiert. Am liebsten möchte sie im letzten Augenblick kehrt machen und heim rennen.

Aber auch, wenn sie die schlimmste Unruhe schließlich unter Kontrolle hat, kann die Tanzerei nicht wirklich genießen. Auch kommen zur inneren Aufgeregtheit oft Übelkeitsanfälle ... plötzliche! Wenn sie sich gerade vorher noch halbwegs wohl gefühlt hat. Das passiert ihr häufig. Von einer Minute zur anderen.
'Irgend etwas stimmt nicht mit mir', fühlt sie dumpf.

Alles fällt ihr schwer, was andere mit Lust und Liebe tun. Schon bei kleinen Anstrengungen wird sie müde. Klapperdürr ist sie. Und übertrieben verletzbar. Natürlich hat sie kaum ‘Chancen’ bei den Jungen. Eine Ballkönigin ist sie wirklich nicht. Niemand reißt sich um sie. Warum auch? Das ist die Zeit, wo sie zu allem Elend an den Händen noch immer diese Warzen hat! Krötenhaut!

Die jungen Burschen schwärmen aber alle von ihrer Lehrerin. Auch wenn Mädchen dabeisitzen, die dann eifersüchtig werden. Manch einer hat sich schon in die Duval verliebt. Hat ihr Briefe geschrieben. Andere bringen ihr Blumen mit. Die sie dann in eine Vase auf einen der Tische unten im Café stellt. Die Jünglinge erröten, wenn ihnen die Tanzlehrerin die Hand auf die Schulter legt und einen Schritt persönlich zeigt. Was nicht oft geschieht.

Vor jedem Abschlussball opfern die jeweiligen Schüler und Schülerinnen ihr Taschengeld und kaufen gemeinsam für Frau Duval ein ziemlich kostbares Geschenk. Nicht irgend eines. Sie überlegen lange. Es muss schon etwas Besonderes sein, das zu ihrer frivolen Persönlichkeit passt.

Minou hat in Marienstock nie eine attraktivere Frau gesehen. Wenn sie lächelt, ist sie ganz jung. Sie macht nicht nur bei Samba und Rumba eine gute Figur. Sie hat auch eine. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters von über fünfundvierzig Jahren.

*

Am Abend ist es wieder so weit. Unterricht Die Schüler haben sich drinnen aufgestellt: Mädchen auf der einen, Jünglinge auf der anderen Seite des Raumes. Alle beben vor Spannung. Als der erste Takt eines Schlagers ertönt – Blauer Mond, warum welkst du denn schon - spurten die jungen Männer hektisch hinüber zu den Weibchen. Die am schnellsten rennen, bekommen die schönsten und beliebtesten Tänzerinnen, denn "nein" gesagt werden darf in diesem Fall nicht! Wer zu lahm ist und zu langsam, kriegt dann ein Mauerblümchen wie Minou ab.

Die steht augenblicklich noch wie angewurzelt draußen beim Spiegel in der Eingangshalle. Sie hat keinen Mut, hineinzugehen. Weil sie wieder einmal soo FURCHTBAR aussieht. Weiß ist sie wie die Wand. Sie hat keine Ahnung, was sie hier überhaupt will. Und ihr blödes, hellgraues (!) Kleid hängt hässlich an ihr herunter. Aber Lisa findet es gut. Weil es seriös ist.

Am Abend des ersten Besuches in der Tanzstunde hatte sie sich mit einem Lippenstift von Tante Zilli die Lippen geschminkt. Und Rot auf die Wangen gerieben. Einen dunklen Rock angezogen und eine farbenfrohe, fröhlich aussehende Bluse, die sie selbst von Hand genäht hatte. Sie war stolz auf ihre Bluse gewesen. Der fabrikneue, noch duftende Stoff war kurz nach dem Krieg in einem Care-Paket zu ihnen gekommen. Wildseide. Geschenk des amerikanischen Volkes! Lisa hatte Küchentücher daraus machen wollen. Denn: "dieses Muster ist die schlimmste Geschmacksverirrung, die ich je gesehen habe", hatte sie gerufen. Aber Minou bettelte bei Papa, bis s i e den Stoff bekam.

Unendlich leuchtend waren die Farben. Die Farbkombination - aus lauter geometrischen Figuren - fand sie fantastisch.
"Rot und blau, ist dem Hans Kasper seine Frau", spottete die Stiefmutter aber. Obwohl da noch ganz andere Farben drin waren. Nicht nur rot und blau.

"Wie kann man sich so billig herrichten! ... Eine Schießbudenfigur ist Gold dagegen", sagte Lisa, als sie der geschminkten und bunt gekleideten Tochter ansichtig wurde, "siehst du denn nicht, wie lächerlich du bist!"
Da zog Minou die Bluse aus und wischte die Schminke wieder ab ...

Wie sie nun da vor dem mannshohen Spiegel in der Halle steht, ‚schrecklich‘ aussieht und nicht wagt, den Tanzsaal zu betreten, läuft gerade Frau Duval, vorbei:
"Warum kommst du nicht?" fragt sie. Minou kriegt kein Wort heraus. Die zurückgehaltenen Tränen brennen ihr in den Augen.
Doch Frau Duval hat schon den Grund ihres Kummers entdeckt.
"Mach mal deine Haare auf ... so ... die Zöpfe stehen dir nicht. Du hast ein hübsches Gesicht," sagt sie, "wirklich ein hübsches Gesicht!" Dann schüttelt sie Minous Haare etwas aus, damit sie weich fallen.
"Aber so kann ich doch nicht ... "
"Doch!"
Sie nimmt den eigenen Lippenstift aus der Tasche und macht Minou vorsichtig die Lippen rot.
"Du darfst ihn behalten!", sagt die angehimmelte Frau. Und schenkt Minou noch ein süßes, kleines Döschen mit Rouge dazu.
Von diesem Augenblick an schwärmt Minou genauso von der Tanzlehrerin wie die anderen Schüler. Vielleicht noch mehr.
Sie fühlt sich gleich besser. Stürzt sich mit einem Ruck hinein ins Getümmel ...

In den Pausen sitzen die jungen Dinger unten im Café beisammen. Oft dreht sich nun das Gespräch um den langsam näherrückenden Abschlussball. Nach und nach beginnen sie alle, geheimnisvolle Andeutungen zu machen. Über das wundervolle Kleid, das sie tragen werden.
Diese Robe wird die zweitherrlichste sein im Leben und an Schönheit und Kostbarkeit nur noch vom zukünftigen weißen Hochzeitskleid übertroffen werden.
Aus den Reden der Anderen glaubt Minou herauszuhören, wie wichtig den Müttern das Aussehen ihrer Töchter ist. Weil jede Naht, jede Biese am Kleid gemeinsam mit der Mama geplant und durchgeführt wird. Die Mädchen sind ihren Müttern sehr kostbar.

Nein, Minou ist nicht neidisch. Aber traurig. Denn sie ist für niemanden kostbar. Und für Lisa schon gar nicht. Die gibt der Tochter nicht einmal einen Tipp, als diese über den Kauf des Stoffes für ihr Abschlusskleid zu reden anfängt.
Es ist jedenfalls klar: die Stiefmutter wird nicht mitkommen zum großen Ball, der, wie jedes Jahr, in der Festhalle in Wilhelmstal stattfinden wird. Lisa hat keine Zeit. Das kann Minou verstehen. Denn sie hat viel Arbeit mit den kleinen Geschwistern. Den Papa mag sie erst gar nicht fragen. Der würde wieder geniert sein - weil er eine so makelbehaftete Tochter hat. Sie würde sich vor dem Papa schämen. Er würde unter ihrer Hässlichkeit doch nur leiden, wenn sie neben den strahlenden, hübschen Töchtern seiner Bekannten und Geschäftsfreunde wieder die mickrigste wäre. Nein, den Papa fragt sie lieber nicht.

Minou hat seit langem ihr Taschengeld gespart und sucht sich selbst den Stoff fürs Abschlusskleid aus. Findet, Gott sei Dank, ein totales Sonderangebot im Kaufhaus Schnapp unten in Wilhelmstal. Lichtblauer Taft, leider allzu knitterleicht, was sie aber erst zuhause bemerkt. Auch, dass sich die Farbe bei künstlicher Beleuchtung als fahl und farblos wie Leitungswasser herausstellen wird, ahnt sie beim Kauf nicht..
Zu dem bodenlangen Kleid wird eine Art Bolero aus Spitzenstoff gehören. Ebenfalls hellblau. Diesen Spitzenstoff hat sie vor einiger Zeit erstanden. Sie hatte ihn hübsch gefunden und er war so unglaublich billig! Auch er ein Super-Sonderangebot. Sie hatte ihn für einen wichtigen Anlass aufgespart.

Die beiden Stoffe bringt sie zu Frau Schuchard. Die näht für die ganze Nachbarschaft und verlangt nicht viel. Alle sind immer mit ihrer Arbeit hochzufrieden.

Frau Schuchard ist noch kaum jemals etwas missraten. Aber dieses Festkleid kriegt sie irgendwie nicht hin. Ist es der dünne, lappige Stoff? Oder der ungeeignete, vielleicht zu komplizierte, französische Schnitt, den sich Minou euphorisch aus dem Modeheft herausgesucht hat? Oder ist es einfach, dass das Ganze zu ihrer fahlen Haut und dem nicht gerade farbstrotzenden Haar überhaupt nicht passt? Die taubstumme Schneiderin tut ihr Bestes. Doch sie ist selbst unzufrieden mit ihrem Werk. Minou merkt es an ihrem enttäuschten Blick. Schon bei der zweiten Anprobe kann man sehen: ‚Es ist nichts, es wird nichts, auch wenn sich Frau Schuchard noch so große Mühe gibt.‘
Panik erfasst Minou, wenn sie an den herannahenden Ball denkt.

Es gibt trotz ihrer vielen Handicaps zwei Jungen, die sich beworben haben, ihre ‘Abschlussherren’ zu werden. Zugute kommt ihr, dass mehr Jungen als Mädchen an diesem Kurs teilnehmen. Der eine, der sie gefragt hat, Bruno, ist Fliesenleger-Lehrling. Minou versteht nichts vom Fliesenlegen, interessiert sich auch nicht dafür, obwohl das ein spannendes und weites Feld ist, wie Leo ihr des öfteren zu erklären versucht. Er riecht immer, wenn sie tanzen, penetrant aus dem Mund nach ... Pfefferminz. Manchmal auch nach Milch! So riecht doch kein Mann!! Wenn er sie im Arm hält, spürt sie NICHTS. Nein, dieser Junge kann Minous Herz nicht höher schlagen lassen!

Der andere ist ein Gymnasiast, aber auch er gibt Minous Träumen von der Liebe keinerlei Nahrung. Er ist furchtbar unauffällig und bescheiden, weder schön noch hässlich, weder besonders intelligent, noch dumm. Und dazu brav und freundlich! In allem eben ... klein, farblos!

Überhaupt ... keiner hier ähnelt auch nur im Geringsten dem herrlichen Liebhaber, den sie sich ersehnt. Von dem sie so oft in ihren Nächten träumt.
Die zwei oder drei Jungen, die ihr vielleicht hätten gefallen können, haben sich natürlich tollere Abschlusspartnerinnen ausgesucht. Sie ist nicht traurig darüber, denn auch unter diesen Herausragenden war keiner, um dessentwillen ihr Herz WIRKLICH hohe Sprünge gemacht hätte.

Sie sagt einem der beiden Frager dann am Ende doch zu. Bruno, dem Fliesenleger, der besser zu ihr passt, denn er ist wenigstens nicht kleiner als sie.

Das wasserblaue Taftkleid, sowie das Bolerojäckchen aus jenem bläulichen Spitzenstoff, stehen Minou überhaupt nicht. Auch wenn sie es aus einem unglaublichen Grund selbst nicht bemerkt hätte, an den konsternierten Zügen der ehrlichen Frau Schuchard sieht sie das ganze Unglück, das über sie hereinbricht.

'Das Kleid ist nicht gut', stellt Minou oben in ihrer Dachkammer vor dem Spiegel fest. Was heißt ‘nicht gut’?? Es ist fürchterlich. Lisas missbilligendes Gesicht kann sie sich ersparen. Der wird sie es erst gar nicht zeigen. Das Ding i s t grässlich. Nicht dass es schlecht geschnitten oder nachlässig genäht wäre. Nein ... aber der dünne, lappige Taft scheint höchstens für einen Unterrock gedacht und nicht für eine Robe, mit der man auf einem Ball glänzen soll. Das ganze Elend liegt dabei wohl nur zur Hälfte an dem Kleid, zur anderen Hälfte an ihrer eigenen unsäglichen Hässlichkeit und Rappeldürre. ‚Ich bin eine Vogelscheuche‘, denkt Minou traurig.

"Du siehst aus wie bestellt und nicht abgeholt", kommentiert dann auch die um Rat herbeigerufene Else treffend und kernig. Die Cousine - mit vierzehn schon Königin der Tanzböden - hat natürlich Frau Duvals Unterricht nicht nötig, würde dabei nie mitmachen. Weil sie so etwas ‘doof’ findet.

Quälte Minou sich seit Wochen mit der Frage herum, ob sie den Abschlussball mitmachen sollte oder nicht, so verlässt sie jetzt das letzte Quäntchen Mut. Sie weiß jetzt: sie wird nicht hingehen. An den armen Jungen, der sich auf sie verlassen hat und jetzt ohne Partnerin dasteht, denkt sie nur vage.

*



40
KAUFPARADIES

In Deutschland ist man mit dem Wiederaufbau der zerstörten Städte schon weit gekommen. Die Ausgebombten haben wieder ein Dach über dem Kopf und alle Willigen eine Arbeit. Man schuftet hart in diesen Jahren.

Die Vespa oder das Motorrad sind Traum-Wünsche junger Männer und der erste Luxus, den sie sich in nächster Zukunft werden leisten können. Trotz zweiundfünfzig-Stunden-Woche ist der Verdienst klein.

Bald kommt die Wirtschaft kräftig in Schwung. Im Zentrum des zerstörten Brückenstadt sehen die Menschen mit Freude zu, wie altbekannte, im Krieg dem Erdboden gleich gemachte Restaurants und Cafés auf einmal wieder in neuem Glanz erstehen. Die früheren Namen werden oft beibehalten ... das gibt das gute Gefühl der Kontinuität. Alte Kunden strömen neugierig dort hin.
"Schön ist es geworden, schöner als vor dem Krieg! Man ist stolz. Stolz, auf das, was jetzt mit vereinten Kräften geschaffen wird.

Etwas später dann locken schicke italienische Eisdielen die Kinder an. Bald leuchtet auch ein prunkvoller Kinopalast wie eine Insel der Verheißung inmitten eines noch immer ruinenhaften Stadtteils.

Man bestaunt, man belächelt das erste superkomische Hochhaus, ein Büro- und Verwaltungsgebäude. Nicht ohne Grund wird es scherzhaft vom Volk ‚das schmale Handtuch‘ getauft. Elfstöckig ragt es auf, glatt, ohne jeden Fassadenzierat. Das ist hochmodern. Breit, aber in der Seitenansicht dünn wie ein Keks, thront dieses himmelstürmende Bauwerk ziemlich grau auf einer kleinen Anhöhe direkt im Zentrum der Stadt. Es gibt noch immer Leute, die bei jedem Sturm Angst haben, es könne umkippen.

Vorkriegs-Buchhandlungen, Textil- und Schuhgeschäfte sind zum größten Teil wieder aufgebaut und tragen mit prall gefüllten Schaufensterfronten zum Reiz des neuen Brückenstadt bei. Auch zwei Kaufhäuser erheben sich aus Ruinen nun größer denn je. Die werden von Monat zu Monat schöner, eleganter, taghell von Neonlicht durchflutet.

Ganze Etagen in diesen Geschäften sind zu reinsten Frauenparadiesen geworden, ausgestellt all die neuen, elektrische Geräte und Automaten, womit die lästige Hausarbeit und der kräftezehrende Waschtag sich in Zukunft in pure Lust verwandeln wird. Die ersten Eisschränke, Staubsauger, Kaffeemaschinen, Toaster, Mixer lassen die unsicher vorbeiflanierenden Familienmütter Bauklötze staunen.

Und jetzt gibt es die duftigsten, frischesten Kleider aller Zeiten. Für die Herren Hemden, wie man sie bisher nie für möglich gehalten hat. Knitterfrei!! Denn neue Stoffe sind aufgekommen und werden bald zum größten Hit dieser Jahre: Nylon. Perlon. Daraus entstehen nicht nur Strümpfe, auch todschicke Damenwäschegarnituren und Spitzenblüschen, frisch, weiß wie neu gefallener Schnee. In tausend verschiedenen Variationen. Träume.
Kleidung aus diesen Wunderfasern kann man waschen, auf die Leine hängen ... in einer Stunde sind sie wieder trocken und anziehbereit! So ist man ohne Mühe täglich von Kopf bis Fuß strahlend rein und duftend wie eine Persil-Göttin. Auch Bettzeug, Tischdecken, Cocktailkleider, Damenjacken ... alles ist aus dem Wundermaterial gemacht. Plätten wird für immer Erinnerung sein. Jubelnd schmeißen die Hausfrauen ihre Bügeleisen in den Müll. Na ja, noch nicht so ganz ...
Doch man spart sich eine Menge Arbeit. Sogar die nützlichen Kittelschürzen für Mütter sind plötzlich knitterfrei ! Fantastisch!

Weil man aber in dem neuen Material ein bisschen schwitzt, braucht man etwas, um Körpergeruch zu tilgen: Deodorant kommt auf. Und vieles mehr.

Jetzt können Frauen toll aussahen, auch wenn sie müde oder alt sind. Denn auf einmal ist etwas in Mode, das man ‚Kosmetik‘ nennt. Polycolor oder ‚Flüsterton‘ gehört auf die Haare. Auf die Haut Tages-Nacht, Reinigungs, Antifalten- und Cold-Cremes. Schimmernde Makeup - Pasten trägt man sich schon morgens dick auf, wo die Großmütter doch höchstens losen Puder kannten.
Luxus von Elizabeth Arden und Helena Rubinstein direkt aus den USA! Aus dem heimischen Idar-Oberstein Glas-Glitzer, Klunker-Modeschmuck in Massen. Auch Echtes gibt es bereits wieder und sogar eine Schmuckmesse, aber das ist nur etwas für die ganz Geschäftstüchtigen, die es schon wieder richtig zu Geld gebracht haben.
O ja ... Aufschwung leuchtet über Deutschland wie ein Stern. Das Leben ist eine riesengroße Verheißung.

*

"Kommt mal schnell ... dort hinten ist schwer was los", ruft Christel Dornbüsch, der Klassenclique zu, die sich, wie so oft nach der Schule, staunend im Kaufhaus herumtreibt.
Im zweiten Stock ist, cyclamenrot umsäumt von einem Meer duftender Azaleen ein erhöhter Laufsteg aufgebaut. Nach Frühling riecht es, obwohl draußen tiefer Winter ist.
Beschwingte Schlagermusik erklingt schon von weitem. Da laufen die einkaufenden Hausfrauen aus allen zwei Etagen staunend zusammen.

"Soeben sind aus Fronkreich zehn wunderschöne, enzückende Mannequins eingetroffen", verkündet eine Lautsprecherstimme.
"Wir haben die Ehre, ihnen zum ersten Mal in unserer Stadt die neueste Mode aus Paris zu präsentieren ... ote cutüre ... meine Damen, die auch SIE locker tragen und bei uns preiswert erstehen können!"
Der Ansager, ein gemütlicher Ludwig-Ehrhard-Typ, strahlt übers ganze Gesicht.

Da kommt Vorführgeschöpf Nummer eins energisch über den taubenblauen Veloursteppich des Laufstegs getrippelt. Auf Stöckelschuhen ... ein unsagbar schlankes Persönchen mit Pfirsichteint, hochgetürmtem, auf Hochglanz gelacktem Blondhaar und Bambi-Augen.

"Voilà pour vous Mademoiselle Chou-Chou de Paris, olalá, olalá", dröhnt der dicke Mann ins Mikrofon.

Den verkniffenen Blicken der meist ländlichen, meist weiblichen Kundschaft ausgesetzt, eher skeptisch bestarrt, schreitet Chou-Chou frisch beschwingt einher, dreht sich in den Hüften, lächelt lieblich in die Augen hinein, die sie so kritisch mustern. Sie hat den ganzen, langen Laufsteg für sich allein. Hin und zurück.

Das süße, enge, rote Jackenkleidchen, das sie trägt, wird vom geschäftstüchtigen Ansager bis in alle Einzelheiten gewürdigt und erklärt. Bis hin zur kleinsten Naht, zur winzigsten Biese. Als er den Kaufpreis nennt, nehmen das die Zuschauerinnen mit erstauntem Gemurmel zur Kenntnis. Sie hatten angenommen, es wäre viel teurer.

Als Mademoiselle Chou Chou verschwunden ist, kommt, vom hellen Lichtkegel begleitet, das nächste französische Fräulein heraus, Danach noch eins und noch eins.
"Olalá, olalá ... Loulou, Froufrou, Manou ... eine schöner als die andere ... ", ruft der Lautsprechermann und wischt sich mit einem weißen Taschentuch demonstrativ imaginäre Schweißperlen von der Stirn.
" Hast Du gehört ... MINOU heißt die eine, haha!." Christel zwickt die Freundin in den Arm.
"Au, du spinnst ... !"

O je, Luxusgeschöpfe sind das. Man kann ihr Parfum wahrnehmen. Flair von Reichtum und großer Welt! Oder sind es vielleicht doch die Azaleen, die so gut duften?

Auf steilen Pfennigabsätzen schweben die Schönen wie auf Wolken. Trotz aller Drehungen und Schlenker, die sie vollführen, verrutschen die Blusen nicht, bleiben die Nylonstrumpfnähte an ihren langen Beinen kerzengerade dort, wo sie hingehören. Nicht wie bei Tante Ritas Kundinnen, an deren strammen Waden sich die Nähte stets verdrehen und überall hin rutschen, nur nie dahin, wo sie sein sollen.

Die atemberaubenden Wesen auf dem Laufsteg machen tatsächlich einen großen Eindruck. Hauchdünn sind ihre Taillen, Gelenke und Hälse, ihre Oberweiten aber alles andere als mager. Ins Auge stechende, schwellende Busen auf unsagbar grazilen Körpern! Paris ... das frivole, sündige Paris ist über Brückenstadt hereingebrochen. Das hat die Welt noch nicht gesehen! Kein Mädchen in Minous ganzer Schulklasse ist soo gebaut. Diese Mannequins sind ja die reinsten Wunderwerke der Natur. ‚Wie müssen sie von Männern angebetet und begehrt werden!‘, denkt Minou und wird vor Bewunderung hin- und her gerissen. Christel nicht! Sie ist schon jetzt die ernste, kleine Denkerin, die alles hinterfragt, der man nichts vormachen kann. Mit Äußerlichkeiten, mit Modefirlefanz kann man ihr kaum imponieren. Minou aber desto mehr. Ihr bleibt bei soviel Schönheit die Luft weg!

"Voilà les tailleurs", ruft der Ansager mit weltmännischer Stimme.
Todschick und eng anliegend sind die Frühjahrskostüme in leuchtenden Pastelltönen, rosa, vanillegelb, resedagrün, aber auch in elegantem Schwarz, in denen die ätherischen Wesen grandios aussehen.
Vor Staunen kriegen die Landfrauen die Münder nicht mehr zu!

Danach tragen die Französinnen vor den geschärften Augen ihrer Kritikerinnen Badeanzüge über den Steg, züchtige, einteilige, vornehme, edle, dezentfarbene Gebilde auf einer Haut, die matt gebräunt und derart perfekt ist, als hätten sie die Gliedmaßen vorher mit Make up eingerieben. Da ist nicht eine einzige Unvollkommenheit zu sehen, sodass ein pickliges, rattenzöpfiges Ding wie Minou endültig in Schweigen erstarrt.

Die Beine dieser göttinnengleichen Geschöpfe sind auch in unbestrumpftem Zustand makellos. Da können die Frauen und Mütter, neiderfüllt, noch so sehr nach Krampfadern oder Besenreisern Ausschau halten, die sie selbst nur allzu gut kennen. Bei diesen Mädchen ... Fehlanzeige.

"Du ... pass gut auf deinen Alois auf, der guckt schon die ganze Zeit verzückt aus der Wäsche", hänselt eine Frau die andere.
"Ach, geh fort!", flüstert die ... "was würde ‚meiner‘ denn mit so einem brettdürren Gestell anfangen. Mit so einer könnte man den bis Sibirien jagen!"

Beim nächsten Durchgang sind die Französinnen wieder ganz damenhaft und zugeknöpft. Wenn sie sich langsam um die eigenen Achsen drehen, ruht eine ihrer Hände leicht auf der Hüfte, die andere hält graziös einen geschlossenen Stockschirm. Aber wie sie mit diesem Schirm spielen! Ihn lässig schwebend schwingen oder leicht auf den Boden auftippen, um damit die Eleganz ihrer Bewegungen noch zu unterstreichen! Hohe Kunst!

Als dann zum grande finale die zehn Schönen gemeinsam über den Laufsteg schwirren und jede ihren Schirm auf einen Ruck öffnet, wobei die Seide jeweils in der gleichen Farbe des duftigen Frühjahrsmantels und des dazu passenden, niedlichen Hütchens changiert, da ist das eine herrliche Symphonie aus exquisiten und leuchtenden Farben.
"Aaaahhh", machen die Hausfrauen ...

"Früchtchen sind das, raffinierte Luder, die sich von reichen Männern aushalten lassen, pfui Deibel!", sagen die Matronen nachher im kaufhauseigenen Cafè beim Tortenschlemmen und stecken hämisch die Nasen zusammen, als dann eine der Schönen, eilends - und nicht mehr ganz so elegant - mit einem mokkatassengefüllten Tablett vorbei hastet.
"Das ist doch keine Arbeit, was die da machen. Das bisschen Hin- und Hergewackele mit dem Hintern ... "
"Eine, die sich so anmalt und zur Schau stellt, kann ja nicht viel taugen ... "

Wenn ein Ehemann nachher daheim – ‚Warum habe ich ihn eigentlich nach Brückenstadt mitgeschleppt, wo er doch in seiner knappen Freizeit lieber zuhause geblieben und im Garten geschafft hätte? fragt sich manche - wenn also ein Göttergatte im Nachhinein auch noch anfängt, von den süßen Pobäckchen und endlos langen Beinen dieser Leichtgewichte zu schwärmen, während er seine ihm angetraute Lisbeth oder Marie respektlos in den ausufernden Arsch kneift, dann kann die Welt solch einer Frau doch ganz schön ins Wanken geraten! Das nächste Mal wird sie allein zum Einkaufen fahren, damit der alte Esel nicht noch auf dumme Gedanken kommt! Und vielleicht wird sie sich sogar einen Hüfthalter zulegen!

*

Die neu eröffneten Kaufhäuser sind für die Schülerinnenclique ein Quell ständiger Inspiration und locken sie früh auf den abschüssigen Pfad des Konsums.
Bald stehen da sogar Passbildautomaten, kleine Kabinen, in denen man sich allein oder mit ein-, zwei Freundinnen zusammen ablichten kann. Mehr passen nicht hinein. Kindliches Lächeln. Schöne Erinnerungen.

Manche von Minous Klassenkameradinnen fangen zu dieser Zeit an, sich zu schminken. In den Schulzimmern sieht man in den Pausen junge Geschöpfe bei sinnvoller Betätigung. Mit Stiften umrahmen sie die Augen dunkel, mit schwarzer Tusche verkleistern sie so dann die Wimpern, bis sie wie fette Fliegenbeine abstehen und geben ihnen zum Schluss noch den begehrten Hollywoodschwung. Einen Aufwärtsdrall ... mit einem martialischen Metallding, der gerade erfundenen, sogenannten Wimpernschere. Damit sieht man dann junge Ladies hektisch vor ihren Sehorganen herumfuchteln. Wenn ein Lehrer zufällig dazukommt, verschwinden die Utensilien blitzschnell unter den Schreibpulten und die Grazien kichern sich halb kaputt.

Gern nehmen sich frühreife Früchtchen wie Ursula Gutblut oder Helga Schröder den Deutschlehrer, das Junghütchen, beziehungsweise den Mathepauker, Herrn Hermser, aufs Korn. Helga, die den bisher größten Busen hat - das wurde in einem Klassentest - natürlich in züchtig vom BH. verhüllten Zustand – festgestellt, diese Helga lässt also ihre weiße Zigeunerbluse – letzter Modeschrei! - wie zufällig ein bisschen über die eine Schulter hinabrutschen ... Dann noch ein bisschen ... So zum Spaß. Man hatte gewettet, dass Junghut durch filmreifes Lächeln, verruchten Augenaufschlag und so weiter, aus der Fassung zu bringen sei. Aber ... NEIN!

LehrerINNEN beeindruckt dieses Tun schon eher. Jedoch nicht auf die von den jungen Weibchen erstrebte Art. Alles was sie mit ihrem frivolen Treiben erreichen, ist ein Eintrag im Klassenbuch wegen Störung des Unterrichts durch ‚groben Unfug.‘

*




41
PONY

Der Winter kommt, dann wieder ein Sommer. Irgendwann lassen die Jungen am Schwimmbad Minou nicht mehr links liegen, sondern kümmern sich genauso viel um sie, wie um die anderen Mädchen. Sie braucht sich nicht mehr hinter Dornenhecken zu verstecken.

Wenn sie im Becken schwimmt, springt manchmal der eine oder andere vom Rand oder vom Sprungbrett auf sie los, packt sie, taucht sie unter. Minou schlägt wild um sich, denn, kaum ist ihr Kopf unter Wasser, da gerät sie schon in Panik.
"Feigling", rufen sie und lachen. Häufiges Getaucht-werden ist aber für ein Mädchen auch ein Zeichen, dass die Jungen es beachten.
Das ist genau wie auf der Kirmes, wenn man allein oder mit einer Freundin Scooter fährt. Je mehr Jungen mit ihren Autos auf einen zugerast kommen und absichtlich mit einem zusammenknallen, desto mehr ‚Chancen‘ hat man. Minou wird oft verfolgt ... wumms ... bei jedem wilden Aufprall kreischt sie laut - eigentlich viel lauter als nötig, so wie es sich eben für ein zickiges, kleines Mädchen gehört, das noch Zöpfe hat und weiße Söckchen trägt. Nachher steigen die Typen einem nach, wenn man mit Freundinnen über den Platz geht. Oder sie wollen einem das große Stofftier an der Schießbude ergattern ... doch ihre Künste reichen dann nur zu der stocksteifen Trostpreis-Rose aus rotem Knitterpapier. Aber ... von einem Jungen eine rote Rose oder sogar ein Lebkuchenherz mit einem tollen Spruch geschenkt zu bekommen, na ja, das macht in den Augen der anderen Mädchen auch etwas daher!
Ins Kino oder sonst wohin einladen lässt sich Minou nie. Eigentlich nimmt sie diese Burschen nicht ernst.

Aber irgendwann wird sie tatsächlich ALLEIN mit einem Jungen gesichtet. Es ist in den Sommerferien. Da ist sie schon fast fünfzehn. Minou muss zur Strafe drei Tage oben in ihrer glühend aufgeheizten Dachkammer bleiben. EINGESPERRT.
Der Stein des Anstoßes wohnt im Nachbarort, in Alvansberg, und ist siebzehn. Sie nennen ihn Pony, denn sein Familienname ist Poniatschek oder so ... Pony, das passt zu ihm. Er hat eine hellblonde, leuchtende Haarmähne, die ihm glatt bis auf die Schultern fällt. Pony ist einer, der immer viele Menschen um sich und gute Sprüche drauf hat. Den Mädchen gefällt er. Er geht in Fünfkirchen aufs Gymnasium und ist dort in der Handballmannschaft ein Star. Laut ist er und lustig und gerade deshalb hat er mit dem herrlichen, düsteren, geheimnisvollen, schwarzen Teja aus Minous Mitternachtsträumen leider nichts gemeinsam. Pech für ihn.

Pony und Minou verbringen viele Sommertage nahe beisammen im Freibad. Natürlich nicht allein. Eine Clique ist immer dabei. Doch Minou spürt: er tut es, um ihr zu gefallen, wenn er sein besonderes Lächeln aufsetzt und seine ansehnliche Figur ins rechte Licht rückt.
Ja, er verliert auch dann das Interesse nicht, als sie ihm sagen muss, dass sie NIE ausgeht und stets um acht Uhr abends daheim zu sein hat.

An einem späten Nachmittag fragt Pony Minou auf der Liegewiese, ob er sie nachher nach Haus bringen darf.
So wandern sie dann mit ihren Fahrrädern nebeneinander her. Über die roten Feldwege. Über ginsterbewachsenes Brachland. Sie schieben die Räder. Weil man da besser reden kann.
Die meisten von Minous Schwimmbadgefährtinnen ‚stehen total‘ auf den Pony. Er sieht nicht nur ‚toll‘ aus, man weiß auch, dass er schon mit einigen Mädchen aus Nachbardörfern ‚gegangen‘ ist. Richtig gegangen. Nicht nur so kindisches Zeug! Ein so schlechter Ruf kann für das Ansehen eines Jungen nur gut sein. Minou hat auf jeden Fall nichts dagegen, ihn in der Nähe zu haben. So marschieren sie Richtung Marienstock, ihre Räder schiebend, lachend und vergnügt.

Pony sieht irgendwann an einem Waldrand Brombeerhecken, legt sein Rad auf die Erde und dringt ein ins wespenumbrummelte Gestrüpp. Kommt mit seiner Mütze voller reifer, schwarzer Beeren zurück. Und gleich zwei Stiche haben ihm die wuseligen Stechmonster verpasst. Das stört ihn aber nicht.

Die Beeren reicht er Minou.
"Hmm, schön süß", sagt sie, "nimm du auch welche." Er pickt sich ein paar mit seinen Lippen von ihrer Hand herunter.
Dann will Pony Minou küssen.
Nein, nein ... das möchte sie ja nun überhaupt nicht. Verwirrt macht sie sich los.

Als sie dann mit ihren Rädern weiter schlendern, da werden sie von der Oma Margaret gesichtet, die zufällig nicht weit weg im ‚Stück‘ gerade beim Kartoffelausmachen ist.
Margaret läuft gleich zu Lisa und – da sie ja Hausverbot hat - malt sie, unten auf dem Bürgersteig stehend, lauthals, aufgebracht und drastisch die grenzenlose Gefahr aus, in der die tumbe Nachkommin schwebt.
"Was ist das für eine Erziehung? Und du tust hier ahnungslos! Wahrscheinlich hat sie schon einer geschwängert! So weit hast du es kommen lassen, du Schnepfe! Sie treibt sich mit Männern herum, ich hab es mit eigenen Augen gesehen!"

Lisa fällt aus allen Wolken und verhängt prompt Stubenarrest.
Stiefmütterchen schlägt die Tür heimtückisch zu, kaum dass Minou in ihrer Dachkammer ist. Rumms! Von außen dreht sie den Schlüssel zweimal um.
Drinnen tobt das Mädchen, trampelt mit den Füßen, dass das ganze Dachgeschoss wackelt:
"Sperr sofort wieder auf!"
"Wart' nur", ruft Lisa, "bis dein Vater heimkommt und sein ‚Machtwort‘ spricht. Da kannst du was erleben!"

Papa spricht, als er heimkommt, gleich auf der Treppe sein Machtwort. Ohne überhaupt heraufzukommen und ohne Minou anzuhören. Sein Machtwort lautet wie immer:
"Deine MUTTER hat Recht und wehe, du FÜGST dich nicht!"
Minou protestiert wild in ihrem Zimmer. Heult. Schluchzt:
"Es ist nicht fair, einen unschuldigen Menschen einfach einzulochen ... !"
"Mit dir diskutieren wir doch gar nicht", ruft Lisa, "da ist jedes Wort zu schade."
"Ruhe!", brüllt auch Papa aus der Küche herauf ...

*


42
DAS MÄDCHEN IM TURM

Pony erfährt gleich am nächsten Morgen am Schwimmbad von Minous traurigem Schicksal und zwar durch Marion, die sie abholen will, aber von Lisa weggeschickt wird. Am Mittag kommt er mit seinem Rad vorbei, steht ziemlich hilflos da unten an der Straße, schreibt dann mit Kreide: ‚Ich liebe dich‘ auf die niedrige Gartenmauer von Schulzes Haus gegenüber ... Oben in ihrer Dachkammer heult Minou vor Wut. Nicht, dass Pony da unten steht und sie nicht zu ihm kann, macht sie rasend, nein: weil man sie vom Baden abhält. Weil Lisa so gemein ist und das Leben so ungerecht! Verwundert liest sie aber von ihrem Fenster aus Ponys Worte. Freut sie sich? Hmm ... eher ist es ihr peinlich. Total peinlich. Sie kann mit dem Satz nichts anfangen. Es kommt ihr komisch vor, dass er so etwas schreibt. Ja ... KOMISCH ... Natürlich mag sie den Pony gern. Aber ...

Sie kann ihm nicht einmal etwas zurufen. Ihr Fenster, ganz oben unter dem Dach, ist nur ein kleines, viereckiges Loch und obendrein mit ein paar Eisenstäben verrammelt. Man hat es aus ‚Gründen der Statik‘ beim Ausbau des Dachgeschosses vor einigen Jahren so lassen müssen, wie es war. Wegen der Gitterstäbe kann sie den Kopf nicht hinausstrecken. Und das Fensterchen liegt an der Giebelwand in einem ungünstigen Winkel zur Straße, an der Pony steht. Um sich bemerkbar zu machen, müsste sie laut rufen, aber das wäre nur ein peinliches Spektakel für die Nachbarschaft.

Minou könnte zum Beispiel ein weißes Taschentuch herauswehen lassen und Pony zuwinken. Sowas würde sie vielleicht tun, wenn sie sehr, sehr verliebt wäre.
Natürlich wäre es romantisch, wenn Pony sie so sähe ... gefangen hinter Gittern, wie Rapunzel in ihrem Turm.

Während der blonde Junge unschlüssig da unten steht und irgendwann mit seinem Rad wegfährt, ist Minou in ihrem Zimmer mit einem besonderen Buch konfrontiert. Lisa hatte es ihr in der Frühe zusammen mit einem Butterbrot und einer Tasse Kathreiner-Kaffee hereingeschoben. Bevor das Mädchen überhaupt etwas von Lisas Anwesenheit mitbekam, war die Tür schon wieder von außen abgesperrt.

Minou hatte sich sofort neugierig über das Werk hergemacht. Auch jetzt liest sie darin. Es heißt: ‚Vierzig Jahre Storchentante‘ und schildert die drastischsten Erlebnisse aus dem ‚reichen Erfahrungsschatz‘ einer altgedienten Hebamme. Mit anderen Worten ... es stellt die furchtbaren Gefahren und Schrecknisse der LIEBE dar.
Aus Anlass ihrer Bestrafung hat Lisa sich vorgenommen, die überspannte Stieftochter gleich gründlich ‚aufzuklären‘. So geht alles in einem Rutsch dahin. Mit Hilfe des vielgepriesenen Hebammen-Bestsellers glaubt sie, einen guten Weg gefunden zu haben, dem Mädchen das beizubringen, was es über Sexualität wissen muss, und zwar unter Umgehung peinlicher persönlicher Gespräche.

Lisa ist selbst Halbwaise. Sie ist in einem Internat der Englischen Fräuleins in Bayern aufgewachsen und hat bei ihnen eine höhere Mädchenschule besucht. Die Englischen Fräuleins scheinen ihren Namen keineswegs von den Briten, sondern von himmlischen Heerscharen abzuleiten. Es sind katholische Nonnen. Die Stiefmutter spricht mit Verehrung von diesen ihren Lehrerinnen. Sie hat eine sehr religiöse Erziehung genossen. Ist eine der Lieblingsschülerinnen der Schwester Oberin gewesen. Sie bekommt sogar noch jetzt ab und zu einen Brief von ihr. Dann strahlt sie eine Weile wie von innen heraus. Sie könnte, wenn sie wollte, Minou eine Menge über Exerzitien, das Geheimnis der Erlösung und das Rätsel der Eucharistie beibringen. Aber sie hat längst erkannt: ‚Es lohnt sich nicht. Bei ‚dem da‘ wäre das doch nur verlorene Liebesmüh. Das leichtsinnige Ding hat eine unglaubliche Neigung zur Oberflächlichkeit.‘

Minou wiederum ist enttäuscht von Lisa. Denn nichts kann - oder will - sie ihr über Leidenschaft, Lust und all diese wunderbaren Dinge erzählen, die es zwischen Männern und Frauen gibt. Nicht, dass Minou jemals direkt danach gefragt hätte. Dazu ist sie in diesen Dingen viel zu scheu. Aber andere Mütter REDEN doch auch über so etwas mit ihren Töchtern. Oder nicht? Auch sonst lehrt die Stiefmutter Minou wenig. Und wann half sie ihr je bei ihren Problemen?
Lisa redet über rein gar nichts mit ihr.
Minou, im Gegenzug, weigert sich inzwischen noch hartnäckiger, im Haushalt zu helfen.

Lisa legt Minou also, wie oben erwähnt, am Morgen jenes besagte Büchlein der ‚Storchentante‘ ins Zimmer. Dieses Werk schildert in schaurigen Wortgemälden, wie bös es ‚gefallenen Mädchen‘ ergeht, die auch immer gleichzeitig schwangere Mädchen sind. Da wird vom Schicksal minderjähriger Abtreiberinnen erzählt, die auf Tischen von Quacksalbern und Engelmacherinnen unter Sturzbächen von Blut und Tränen ihr verworfenes Leben aushauchen.

"Ich hab doch überhaupt nichts gemacht", brüllt Minou, zitternd vor Wut, "lass mich sofort hier raus!" Sie hämmert mit beiden Fäusten an die Tür. Aber Lisa stört das wenig. Minou hört deutlich, wie sie unten in der Küche noch lauter als sonst mit Töpfen und Pfannen klappert.

Die schriftstellernde Hebamme hat es anscheinend darauf angelegt, auf vielen grausigen Seiten zu beweisen, wie übel jedes weibliche Wesen enden muss, das die Unverfrorenheit besitzt, sich mit einem Mann einzulassen.

Aber auch die so gut gemeinte Aufklärung, die dieses Werk Minou eigentlich liefern soll, kann nicht die Träume von Erhabenheit und Ekstase auslöschen, mit denen sie der Liebe Tag und Nacht entgegenfiebert. Da mag dieses Buch die unsagbar überwältigenden Dinge zwischen Mann und Frau noch so sehr zur Banalität eines ‚Geschlechtsverkehrs‘ herabwürdigen, Minou presst nur angewidert die Lippen zusammen und träumt weiter.

Aber, dass Lisa ihr das antut! Das wird sie ihr nie verzeihen. Das Eingeschlossensein im fünfunddreißig Grad heißen Dachzimmer, das ekelhafte Buch, setzen ihr weit mehr zu, als die Tatsache, dass man ihr verbietet, Pony zu sehen.

Was sie da sonst noch so über das Schwangerseins und Kinderkriegen liest, das will Minou schnell wieder vergessen. Damit will sie nichts zu tun haben. Nicht jetzt und niemals im Leben!! Mit so etwas wie dem ‚Gebären‘, dem ‚Gründen eines Hausstands‘ – ach wie furchtbar! - der ‚Aufzucht‘ der ‚Nachkommenschaft‘ wird SIE ihre Sehnsucht nicht kaputtmachen. Lisa wird es nicht gelingen, mit diesem lächerlichen Schundbuch, diesem Machwerk, ihre großen Träume zu zerstören! ...

Sie hat sich über die Liebesbotschaft des von vielen Mädchen bewunderten Pony nicht wirklich so gefreut, wie es eigentlich normal gewesen wäre. Seltsam! Als sie nach drei Tagen wieder aus ihrem Zimmer herauskommen darf, da fühlt sie sich überhaupt nicht wie eine Julia, die man von ihrem Romeo hat trennen wollen und die gerade deshalb alles in Bewegung setzt, um ihm nun erst recht nahe zu sein. So romantisch würden es jetzt gern ihre Schwimmbad-Bekannten sehen. Aber ... damit kann sie nicht aufwarten. Minou findet sich innen ... irgendwie ... seltsam ... ernüchtert. So fühllos.

Sie geht Pony aus dem Weg. Entzieht sich ihm geradezu. Hätte ihm nicht sagen können, warum. Bestimmt nicht, weil Lisa es von ihr verlangt.
"Warum bist du auf einmal so ... ?", fragt er.
"Komisch ist sie ja auch schon vorher gewesen", sagen Ponys Freunde.

Pony leidet nicht lange.
Er geht schon bald mit einem vergnüglicheren Mädchen. Einer Mitschülerin aus seinem Gymnasium. Ganz ‚fest‘. Minou aber träumt weiter von dem herrlichen fremden Mann, der schweigsam und geheimnisumwittert irgendwo - in einem fernen Land - auf sie wartet.

Nein, hier kann nichts und niemand ihrer Sehnsucht genügen. Genauso wie auch sie den Ansprüchen von Lisa und den Leuten hier nie genügen wird. Sie wird nie eine gute Hausfrau sein! Will sie auch gar nicht! Und vor dem Kinderkriegen hat sie nichts als Angst. Ist es Emma, ihrer Mutter, doch äußerst schlecht bekommen! Und wenn sie sieht, wie Lisa sich mit ihren Säuglingen, dem Kohlgestank, den dreckigen Windeln in der überfüllten Wohnung herumquält ... nein danke!

Was ‚Tüchtigkeit‘ betrifft, da wird sie mit anderen Frauen sowieso niemals mithalten können. Lisa hat ihr das hundertmal gesagt.
"Und was würdest du mit Kindern anfangen? Nicht einmal mit deinen kleinen Geschwistern gibst du dich ab. Nur Flausen hast du im Kopf, das ist alles!"
‚Ja ... dann ist es eben so ...‘, denkt sich Minou.

Und noch eines: Sie will überhaupt nicht heiraten. Sie will nie für jemanden sorgen. Es ist schon wahr, was Lisa ihr einmal gesagt hat: Sie sehnt sich überhaupt nicht nach einem LIEBEN EHEMANN . Nach Kindern schon gar nicht. Sie weiß, dass das nicht normal ist. Wo die meisten Mädchen doch alle auf ihren zukünftigen Hausstand hin sparen und planen. Lisa hat Recht: eine wie sie ist nichts wert.

"Wie oft soll ich dir das denn noch wiederholen? Ich hab dich von Anfang an durchschaut", sagt Lisa, "mit dir stimmt etwas nicht!"
Man muss sagen, dass so etwas Minou im Inneren weh tut.
"Du taugst nichts", sagt Lisa und manchmal zur Abwechslung auch noch: "du bist verdorben ... Abgrundtief schlecht!" Das und Ähnliches kriegt die Tochter ständig von ihr zu hören.
ABGRUNDTIEF.
"Es wird an ihren Worten schon etwas Wahres sein", denkt Minou.


*





Was bisher geschah:

Hermine ( Minou ) wird 1939 geboren. Sie ist zirka ein Jahr alt, da stirbt ihre Mutter bei der Geburt des Bruders Werner. Vater ist Soldat im Krieg. Nach mehreren Versuchen mit ‚Haushälterinnen‘ wird das Kind zu Anna, einer Tante, gebracht. Dann heiratet Papa wieder. Lisa, die neue Mutter, holt die jetzt viereinhalbjährige Hermine und Werner zu sich. Papa - ständig an der Front - ist für die Kleinen ein Fremder, an den sie sich kaum erinnern. Einen Teil des Krieges verbringen die Kinder und Lisa in Evakuierung auf einem Gutshof in Bayern. Dort bringt Lisa auch ein neues (Stief) Brüderchen zur Welt, den Maxl. Nach Kriegsende kehrt die kleine Familie ohne den Vater ( er ist in Gefangenschaft ) wieder nach Marienstock zurück. Die Kinder sind problematisch: Werner nässt das Bett, Hermine ist immer traurig und wird oft ohnmächtig. Papa kommt eines Tages als Spätheimkehrer nach Hause und betreibt bald eine Bohnerwachsfabrik, die ‚Xanutta‘. 1954. Hermine, die sich inzwischen 'Minou' nennt, fährt jetzt seit Jahren zur Mittelschule nach Brückenstadt.


*



43
EINE SEIFENBLASE ZERPLATZT

Mit fünfzehneinhalb Jahren besteht Minou an ihrer Schule die ‚Mittlere Reife‘. Wenn man sie fragt, wie sie abgeschnitten habe, sagt sie: "Ganz gut." Dabei hat sie den zweitbesten Notendurchschnitt ihrer Klasse. Doch das interessiert ja zuhause ohnehin niemanden.

Die Klassenlehrerin, Frau Wahlen, hatte den erstaunten Papa nach der Abschlussfeier - Lisa war nicht dabei - zur Seite genommen und ihm gesagt, dass sie seine Tochter gern auf dem Lehrerinnenseminar in Felslinden sehen würde.

Die mütterlich besorgte Frau hatte Minou schon vor einer Weile ein solches Studium, das gleichzeitig das Wohnen im Internat bedeutete, in den schönsten Farben ausgemalt, obwohl das gar nicht mehr nötig gewesen ist ... ihre Schülerin war ohnehin Feuer und Flamme. Es war nicht der Beruf der Pädagogin, der sie lockte, der würde ja noch in weiter Ferne liegen, Gott sei Dank. Aber es würde ein herrlicher Weg sein, dorthin. Weil ihre beste Freundin, Christel Dornbüsch und auch Sigrid, mit der sie täglich im Zug zur Schule fuhr, sich schon angemeldet hatten und am ersten September in Felslinden ihre Ausbildung beginnen würden. Minou konnte sich nichts Herrlicheres vorstellen, als mit diesen beiden ihr vertrauten Menschen ständig beisammen zu sein. Sie hatte sich schon immer nach dem Leben in einer verlässlichen Gemeinschaft Gleichaltriger gesehnt. Und in den malerischen, dicht mit Efeu umrankten, schlossartigen Gebäuden in Felslinden würde man bestimmt zusammen wunderbar leben, lernen und glücklich sein können.
Lisa hat ihr manchmal erzählt, wie glücklich sie selbst damals im Internat gewesen ist.
Aber es gibt gravierende Gründe, die bei Minou dagegen sprechen:
Die Leute in Marienstock würden Furchtbares reden: nämlich: wie das Stiefkind jetzt aus der Familie vertrieben und ins Internat gesteckt würde.
Oma Margaret ist ganz aus dem Häuschen:
"Das arme Ding ... ihr wollt es abschieben! Das ist der Gipfel. Eine Schande. So etwas hat es bei uns noch nie gegeben ... und WIRD es auch nie geben. Niemals. Nicht solange ich lebe. Oder soll der ganze Ort sich das Maul über uns zerreißen!?

Margaret posaunt dieses gräuliche Ansinnen an Nachbarinnen und Bekannte weiter und tut, als stehe der Untergang des Abendlandes bevor. "Eine aus MEINER Familie ins Internat! Dahinter kann doch nur diese Hergelaufene stecken, diese Hochgestochene, Besserwisserische aus Bayern ... Doch nicht mit mir, nicht mit mir ... nur über meine Leiche", schreit Margaret.

Aber sie rennt ohnehin offene Türen ein. Denn Lisa ( Lisa ! ) ist am allerschärfsten und vehementesten dagegen.
Es gibt in Felslinden nämlich keine Stipendien. Die Eltern müssen das Schulgeld selbst zahlen. Die Ausbildung an dieser staatlich geförderten Schule ist nicht übermäßig teuer, überschreitet kaum die Summe, die ein junges Mädchen auch zuhause zum Leben brauchen würde.

"Das kann doch nicht dein Ernst sein", ruft Lisa, als Oskar ihr das ‚Ansinnen‘ der Lehrerin unterbreitet und leise anklingen lässt, dass dies doch eigentlich eine ziemlich gute Idee ... ?
"Nein, nein", wehrt die Stiefmutter mit beiden Händen ab und zur bittenden, bettelnden Minou gewandt: "Von uns bekommst du keinen Pfennig, wir können uns solche Sperenzchen nicht leisten. Und überhaupt ... ich kenne dich und deine Faulheit viel zu gut ... du hast doch gar nicht vor, Lehrerin zu werden. Herumtrödeln würdest du jahrelang auf unsere Kosten."
"Ach, du bist so gemein!"
"Bevor ich mir auch nur ein Jota meines Haushaltsgeldes für ‚das da‘ abzwacken lasse", – sie wirft Papa einen eisernen Blick zu - "schmeiße ich hier alles hin, nehme MEINE KINDER und gehe zurück nach Bayern. Da kannst du Gift darauf nehmen!"

"Ist ja schon gut", sagt Oss Kern.

Minou schreit, zetert in ihrem Zimmer, weint bittere Tränen. Recht hat Lisa allerdings doch irgendwie ... sie weiß es ja selbst, es geht ihr tatsächlich nicht um diesen Beruf an sich, daran will sie wirklich nicht denken - oder mit anderen Worten: sie hat Angst davor, dereinst vor einer Klasse elend zu versagen – nein ... dass die Eltern ihr das Ziel, Lehrerin zu werden, verweigern, ist nicht direkt das Problem. Minous Problem ist der Abschied von ihrem schönen Traum, vom Traum, mit der geliebten Freundin Christel und der altbewährten Sigrid die zukünftigen Jahre beisammen zu sein.

"Du wirst dich auf der Post bewerben", sagt Lisa zwei Tage später, "dort werden Mädchen mit mittlerer Reife gesucht. Da verdienst du dein eigenes Geld. Du wirst uns keinen Tag länger auf der Tasche liegen!

"Nein da geh ich nicht hin", brüllt Minou.

Schon als sie ein Kind war, hatte sie daran gedacht, einfach von zu Hause wegzulaufen ... Nach Hamburg würde sie flüchten ... davon hatte sie geträumt. Hafen. Sankt. Pauli. Als Schiffsjunge!! würde sie sich auf einem Ozeanriesen verdingen, die Welt sehen mit all ihren Schönheiten und blauen Wundern.

Oft hatte sie abends stundenlang mit riesengroßen, brennenden Augen vor dem Spiegel herumgeturnt, einem Trumm von Spiegel, der einen Sprung hatte und den sie vom Speicher nebenan in ihr Dachzimmer geschleift hatte. Bis in die tiefe Nacht hinein hatte sie geübt, wie ein Junge auszusehen, wie ein Junge zu gehen und männlich dreinzublicken. Sie hatte ihre Zöpfe unter einer heimlich geklauten Schirmmütze von Werner versteckt und eine alte Hose und Jacke von ihm angezogen. Es war frappierend ... sie war dann wirklich ein dünner, etwas linkischer Junge. Im Geist versetzte sie sich in die Welt der Seeleute. Malte sich aus, wie es sein müsste, unter Deck verkappt inmitten so vieler Männer zu leben und zu arbeiten. Alle an der Nase herumzuführen! Keiner würde sie als Mädchen erkennen. Sie stellte sich all die Irrungen, Wirrungen lustig vor, all das verrückte Versteckspielen, um am Ende doch entdeckt zu werden – natürlich von dem schönen, wilden und überaus männlichen Kapitän des Schiffes. Der würde sich natürlich in sie verlieben, sie voller Leidenschaft in seine Arme reißen und für immer an seiner Seite behalten.

Nun, wo ihr ein Leben als zukünftige Postbeamtin droht, wendet Minou sich geschwind an Hapag Loyd in Hamburg. Sendet ihren noch kurzen Lebenslauf und ihr tolles Abschlusszeugnis ein. Beschreibt sich als eine, die sich brennend für die Meere interessiert. Erfragt die eventuellen Bedingungen einer weiblichen Seefahrtskarriere auf einem Passagier- oder Frachtschiff. Nein, natürlich denkt sie nicht an Karriere - so etwas Anspruchsvolles liegt ihr fern - nach einem Job als Kellnerin, Küchenhilfe, Zimmermädchen fragt sie. Geld würde auch keine Rolle spielen, schreibt sie großzügig. Auch mit geringer Bezahlung würde sie sehr zufrieden sein. Postlagernd lässt sie sich die Unterlagen zuschicken, die sie nächtelang wälzt, überträumt und sehr penibel ausfüllt, nur um schon im zweiten Brief von denen dort zu erfahren, dass sie für einen solchen Job zu jung sei. Allerdings schlägt man ihr vor, es später, wenn sie achtzehn wäre, noch einmal mit der Bewerbung zu versuchen.

Die Sache ist also nicht so leicht, wie sie es sich vorgestellt hat. Sie trauert dem geplatzten Traum von der großen Freiheit nicht unnötig nach. Sicher sind es auch die frühen Symptome ihrer Angst, die den so stark erwachten Enthusiasmus für das abenteuerliche Leben auf See gleich ziemlich dämpfen.
Instinktiv muss sie sich nämlich eingestehen, dass sie schnell an die Grenzen ihrer Kräfte stößt.

Seit sie denken kann, hat es für Minou nicht einen einzigen Tag gegeben, an dem sie sich rund um die Uhr wohl und gesund gefühlt hätte! Es gibt schon einmal Stunden, wo es ihr gut geht, wo ihr das Leben herrlich erscheint, jedoch ihr Befinden kann sich jäh ins Gegenteil verwandeln. Innerhalb kürzester Zeit. Tief stürzt sie dann ab.

Ab vierzehn hören zumindest die ständigen Ohnmachten auf, aber noch immer bleibt ihr das Gefühl, dass es gleich wieder damit losgehen könne. Oft ist sie ganz nahe daran, aber es passiert, Gott sei Dank, nicht. KÖNNTE aber doch jederzeit wieder ... Wer weiß das schon? Die Angst, die furchtbare Übelkeit, die diese Anfälle immer begleiteten, die ist geblieben. Wenn sie ‚es‘ kommen spürt, gerät sie in Panik. Sie zeigt es nach außen hin kaum, wenigstens glaubt sie, es gut zu verbergen. Wenn diese innere, unerklärbare Furcht ihre ganze Person gerade wieder einmal in ihren Fängen hält, dann kann sie das ohnehin niemandem begreiflich machen.

Aber auch ohne die Panikgefühle ist sie oft matt und ohne Schwung. Was die Mitschülerinnen locker hinbekommen, das strengt ihre Kräfte bis zum Äußersten an.
Und die Angst ist immer in ihr drin und wie ein Raubtier bereit, sie aus heiterem Himmel anzuspringen. So kann sie keinen schönen Augenblicke wirklich bis zur Neige genießen. Jeder Tag fängt schon mit dieser vagen inneren Unsicherheit an.

Während der Schulzeit ... sie waren auf einer Klassenwanderung weit draußen in Wald und Feld, Minou inmitten einer Gruppe von Kameradinnen, es war ein strahlender Frühlingstag und es ging ihr besonders gut, in ihr war das reinste Glücksgefühl ... da geschah es dann von einer Sekunde zur anderen, dass sie schwankte, dass die Beine ihr wegzusacken drohten. Es fasste sie eine solch heillose Übelkeit wie früher, bevor sie ‚umkippte‘. Und seltsam ... gerade in ihren schönsten, zufriedensten Augenblicken passierte ihr das!

Aber inzwischen gelingt es ihr, wenn auch zitternd und in Schweiß gebadet, durch äußerstes Ankämpfen, Sich-dagegen-Stemmen, das Schlimmste zu verhindern. Sie wird nicht mehr ohnmächtig. Das ist gut. Doch sie hat den Zustand nicht wirklich überwunden, es ist nicht so, dass sie sich nun ausgeglichen und wohl gefühlt hätte. Die Tage sind häufig von Übelkeit, von Schwäche gezeichnet. Vielleicht ist dieses ständige Unwohl-Sein auch schuld, dass es ihr an Ausdauer und Selbstbewusstsein mangelt.
Minou ist, wie gesagt, im tiefsten Inneren nicht überzeugt, einmal eine gute Lehrerin werden zu können.
Und nachdem das mit der Seefahrt auch nicht geklappt hat, nachdem sie zuhause immer mehr gedrängt wird, ist sie dann einverstanden, bei der Post die Aufnahmeprüfung als ‚Fräulein vom Amt‘ zu machen. Sie fährt nach Brückenstadt und wird schon im Zug von grässlicher Übelkeit und einem akuten Grippegefühl befallen ... aber das ist ja nichts Neues, hahaha. Leicht fiebernd und trotz ihres offensichtlichen Mangels an Enthusiasmus besteht sie jedoch irgendwie diese Prüfung, durch die sie viel lieber durchgerasselt wäre ... Offensichtlich hätte sie sich noch dümmer stellen müssen!

*



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FRÄULEIN VOM AMT

Zwei Wochen später beginnt die Anlernzeit auf der Post. Jetzt kommen wieder die täglichen Eisenbahnfahrten nach Brückenstadt, wie sie sie seit sechs Jahren praktiziert hat. Nur läuft sie dort vom Bahnhof nicht mehr nach Westen wie früher, sondern jetzt nach Osten. Die Erinnerung an ihre sich täglich im Zug treffende Schul-Clique und an den Spaß, den sie oft in den Abteilen zusammen gehabt hatten, ist geblieben. Jetzt fährt sie aber allein in den gleichen Zügen.

Nach zwei Monaten einer intensiven Schulung sind die jungen Mädchen - es sind zirka sechzig an der Zahl - speziell ausgebildet, um in englischer und französischer Sprache Telefonverbindungen mit dem Ausland herzustellen. Minou ist zumindest am Anfang nur mit halbem Herzen bei der Sache. Dennoch nimmt sie den neuen Job ziemlich ernst. Ihr Ehrgeiz und Pflichtgefühl sind groß genug, dass sie nicht vor den Kolleginnen und Chefs als totale Versagerin dastehen mag.

Man arbeitet 48 Stunden die Woche inklusive Samstags. Sonntagsdienst haben die Mädchen ebenfalls alle vierzehn Tage. Das bedeutet - nur einer von zwei Sonntagen ist frei. Auch Nachtdienst muss Minou schieben, sobald sie dann sechzehn geworden ist.

War sie auf ihrer mittelmäßigen Schule immerhin ein wenig mit Kultur und Geist in Berührung gekommen, so ist das hier nun eine Welt der puren Äußerlichkeiten, in die Minou hineingeraten ist. Aber das passt zu ihrem Charakter und sie findet auch hier Dinge, die ihr behagen. Bald ist es IHRE Welt. Sie kennt fast nichts anderes mehr.

Minous Arbeitsstelle auf dem Fernsprechamt ist ein reiner Frauenbetrieb. Das Sagen im ‚Fernsaal‘ haben lang Gediente, ältere Aufsichtsdamen. Minou und ihre Kolleginnen arbeiten im Schichtdienst. Ständig sitzen da etwa fünfzig weibliche Wesen an fünfzig ‚Fernplätzen‘, fast alle junge, unverheiratete Mädchen.
Es gibt keine männlichen Telefonisten. Aber männliche Chefs. Die erscheinen kontrollierend zu überraschenden Zeiten, um geheime Missstände an Ort und Stelle zu klären und abzustellen. Wenn die illustre Gruppe der Bosse im Anmarsch ist, geht ein Ruck durch die Reihen der an den Fernplätzen festklebenden, mit wuchtigen Ohrhörern verzierten Frauen, die eifrig dabei sind, die Wünsche der Telefonkunden in höflichem Zwiegespräch entgegenzunehmen und auf Formularen zu notieren. Mit Stöpseln und Strippen in den Händen sind sie dann damit beschäftigt, Telefonverbindungen zwischen den hiesigen Anrufenden und deren Wunsch-Teilnehmern in aller Welt herzustellen.

Man fürchtet sich vor den Inspektionen. Die Chefs bleiben manchmal eine ganze Weile hinter einem stehen, hören zu, beobachten, wie man mit den Kunden umgeht. Wie souverän oder stockend, schnell oder langsam man die verlangten Rituale beherrscht. Das Gremium dieser Herren bestimmt schließlich in weit abgelegenen Büros über Gehaltserhöhung, auch Entlassung oder Beförderung der ihnen Untergebenen.

Während der Pausen sind die Fräuleins vom Amt in der Kantine unter sich. Über Kosmetik, Freizeit, Mode tauschen sie sich aus, auch ausgiebig über die Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht. Bei letzterem Thema verstummen aber die um einige Jahre Älteren augenblicklich, wenn eines der frisch eingestellten, jungen Mädchen in die Nähe kommt.

Das wenige an geistiger Nahrung, das Minou in der Schule aufgenommen hat, ist bald vergessen. Nun hat sie nur noch wenig im Kopf. Eitelkeiten vor allem. Erst kurze Zeit arbeitet sie auf dem Fernsprechamt, da betreibt sie zum Beispiel die Schminkerei schon wilder als die meisten Kolleginnen: Jeden Morgen versteckt sie ihr Gesicht unter einer dicken Schicht ‚Pancake-Make-up‘. Das Produkt ist gerade frisch aus Amerika herüber geschwappt. Man feuchtet die kompakte Masse im Döschen mit einem in Wasser ausgedrückten Schwamm an und reibt sie auf die Haut, wo sie pastenförmig jede Unebenheit überkleistert, dann fest wird und einen dichten Überzug bildet. Als Farbton hat Minou ‚Hawaii‘ gewählt, das ist schon richtig südseemäßig!. Pancake- make-up ... da gleicht ihr sonst bleiches Gesicht auf einmal tatsächlich einem Pfannkuchen – flach, und schön knusprig braun! Ihre großen Augen umrandet sie mit fetten, dunklen Balken. Auch tönt sie ihr fadfarbenes Haar zuerst mit kastanienrotem ‚Flüsterton‘, ein paar Wochen später färbt sie es bereits pechschwarz mit Polycolor. Pechschwarz! Wenn schon, denn schon! Halbe Sachen macht Minou nicht.

Etwas Gutes bringt zumindest die hawaiibraune Pfannkuchenpampe. Sie macht ihren Pickeln den Garaus. Die verschwinden auf wundersame Weise in kürzester Zeit. Kaum, dass sie angefangen hat, ihre Haut täglich mit der Paste zu überschmieren, sind selbst die eitrigsten Beulchen ... weg.

Ja, die Zeichen für ihr Leben stehen auf ‚gut‘. Sie ist inzwischen hübscher geworden. Hübsch, nett und bei den meisten Kolleginnen beliebt. Auch bei den Chefs hat sie einen Stein im Brett. Trotz mangelnden Pflichteifers. Sie sind nicht wirklich böse, wenn sie manchmal zu spät in den Fernsaal hereingerannt kommt. Sie wird höchstens belächelt, wie sie auf ihren Stöckelschuhen versucht, unauffällig zu ihrem Platz zu sprinten, weil sie wieder einmal den Zug verpasst hat. Nein, für eine Topkraft hält sie hier keiner, aber für ein nettes Mädchen.

"Trotz der Kriegsbemalung und ihren auffallenden Klamotten ... eingebildet ist sie nicht.", sagen die Kolleginnen, die sie ja nun langsam kennen.
Minous Figur hat sich inzwischen zu einer sehr schlanken, feingliedrigen, doch nicht mehr allzu dürren Mädchengestalt entwickelt und an den richtigen Stellen besitzt sie fast schon Rundungen. Alles an ihr ist in Ordnung, solang sie ihre bleichen, matten Züge wegschminkt.

Natürlich interessieren sich die jungen Mädchen in der spärlichen Freizeit hauptsächlich fürs Ausgehen, fürs Tanzen, für Männer. Allerdings muss alles im Rahmen bleiben. Man darf sich ja ‚nichts vergeben‘, bis der wirklich, WIRKLICH Richtige kommt! ER, der ‚ernste Absichten‘ hat.. Minou aber kann ihre Freizeit nicht mit so vielen Unternehmungen und Tätigkeiten spicken, wie die meisten anderen Kolleginnen. Am Ende eines normalen Arbeitstages, wo die anderen frisch genug sind, auszugehen und Wunders was zu unternehmen, da schafft SIE es gerade noch, ausgelaugt und erschöpft, mit dem Zug bis nach Hause zu kommen.

Warum nur fühlt sie sich oft so am Ende, so müde, so kraftlos innen drin?

*

Viele Kolleginnen sind schon gute Hausfrauen, tauschen in den Kaffeepausen fantastische Kochrezepte und ihr Wissen über Küchen-Neuheiten aus, sie sparen jeden Pfennig für den kommenden Ehestand, haben feste Verlobte. Nein, für geistige Dinge hat man neben der Hektik des Telefonjobs und den Freizeitaktivitäten kaum mehr Zeit.

*



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SARTRE. MASCHA KALEKO

Soviel wie damals in der Schule liest auch Minou nicht mehr. Ab und zu noch einen Bestseller.
Die Kolleginnen auf dem Fernsprechamt, die ganz up-to-date sein wollen, kennen zumindest ein oder zwei Werke von Simone de Beauvoir und Sartre. Ein fortschrittliches, freies Liebespaar sind diese beiden Literaten. Keiner verlangt Treue vom anderen. So etwas kann auf Dauer nicht gut gehen! Oder? Und was für eine hoffnungslose Lebensauffassung Sartre hat! Da ist kein Platz für Träume, Romantik. - Ein desillusionierter, schrecklich verlorener Mensch muss er sein - denkt Minou. Er verbreitet in ihrem kleinen Hirn Nebelschwaden der Verunsicherung. Nein, sie will nicht viel von ihm lesen. Die Lektüre ist deprimierend. Sogar seinen Lebensekel kann sie nachempfinden, so bildhaft beschreibt er ihn. Und der Ausdruck ‚Glück‘ fehlt ganz in seinem Vokabular. Als ob es das nicht gäbe! Nein, das kann er mit Minou nicht machen! Sie mag ihn nicht. Sie versteht ihn auch nicht. So kann sie das Dasein nicht akzeptieren.

Sartre ist in aller Munde. Sein berühmtes Buch ‚die geschlossene Gesellschaft‘ liest fast jeder. Drei Menschen sind zusammen in ein Zimmer gesperrt ... das ist die Hölle. Sie sind in der Hölle. Ihre schrecklichen Leben haben sie hinter sich ... Sie können weder voneinander lassen, noch voreinander fliehen, nicht einmal töten können sie sich – denn sie sind bereits tot! Aber ertragen können sie sich auch nicht. Also kein Ausweg! Kein Ausweg.

Nach dem Lesen dieses düsteren Textes versackt Minou in tiefe Bestürzung. Da kommt die vage Furcht wieder. Das ‚Nichts‘ lauert schon wieder hinter der nächsten Ecke. ‚Wenn Leben und Tod so gnadenlos wären, wie Sartre sie darstellt, oh Gott, das wäre ... furchtbar‘, denkt sie.

Sartre und Simone de Beauvoir. Die brüsten sich auch noch ihrer Liebesgeschichte. Wie kann eine Frau sich aber mit einem solchen Mann einlassen, sich streicheln, sich küssen lassen von einem, der aussieht wie ein Molch? Ganz abgesehen von seiner Hässlichkeit ... er hält ihr nicht einmal die Treue und beleidigt sie vor der ganzen Welt, indem er sie mit allem, was einen Rock trägt, betrügt. Minou kann sich die beiden überhaupt nicht zusammen vorstellen. Wie peinlich muss es im Bett zugehen, wenn solch ein Mann innige Berührungen verlangt? Sie schüttelt sich. Diesem Ausbund an Widerwärtigkeit sollen angeblich die Frauenherzen zufliegen? O nein ... Minous kindliches, oberflächliches Gemüt kann mit Sartre, dem Lebens- und Liebeskünstler nichts anfangen.

Nein danke. Die Welt muss doch mehr bieten. Mehr Schönheit. Und ... echte Leidenschaft. Passion! Ein Leben wie er es sieht, ist aber so ohne Ekstase ... Ohne Glanz? Nein ... das gefällt Minou gar nicht. Und vor allem muss das, was in der Welt geschieht, einen höheren Sinn, ein Ziel haben, das ist doch klar!
Wenn man Sartre glaubt, ist das ganze Dasein ein Zufall und von keinem höheren Wesen gelenkt und kein Gott hält uns in der Hand! Minou glaubt Sartre keinen Augenblick. Irgendwie wird alles leuchtend und herrlich werden in IHREM Leben. Wehmütig schon. Aber wunderbar. Minou will an die gleißende Zukunft glauben. Die faszinierenden Männer. Die Liebhaber. An die vielen Erlebnisse in fremden Ländern. An ein großes Geborgen- und Beschütztsein. An die höhere Macht, die den Menschen gut gesonnen ist. Manchmal glaubt sie fest daran. Dann wieder nicht so richtig. Trotzdem ... ihr Leben muss und wird reich an Eindrücken, reich an Glück werden! Wenn der herrliche Mann, auf den sie wartet, sie sich erst ausgesucht haben wird, wird sich alles, alles ändern.
*

Es gibt ja auch leicht zu lesende Bücher. Und sie sind allesamt Bestseller.
Zum Beispiel ‚Die Fessel‘ oder ‚Cherie‘ von der Colette, wobei es jedesmal um eine komplizierte Leidenschaft geht: Frau verliebt sich in tollen, undurchschaubaren Lebemann. Oder: Alternde Diva hat einen blutjungen Liebhaber. Und dann die un-alltäglichen Probleme, die daraus entstehen! Das ist interessant zu lesen. Ist das das Leben? Es ist auf alle Fälle neu, wie ehrlich diese französische Autorin über Gefühle schreibt. Ohne Pathos. Sachlich. Viel ausführlicher als die berühmten deutschen Dichter, deren Werke sie als Schülerinnen im Unterricht durchgehechelt haben. Aber die Colette kann Minous Sehnsucht auch nicht befriedigen. Noch immer sucht das Mädchen zwischen den Zeilen mehr zu finden, als da steht. Auch diese gleichzeitig ernste u n d frivole Schriftstellerin bringt es fertig, Verbotenes nur heftig anzutippen, um dann doch alles im geheimnisvollen Halbdunkel versteckt zu lassen.

Eine Zeit lang erfreuen sich die Kolleginnen sehr an den Werken der Mascha Kaléko. Aus dem ‚Lyrischen Stenogrammheft‘. Minou spürt die gleiche wehmütige Stimmung, die die Dichterin verbreitet, auch in sich selbst. Ihr gefällt, was die Frau schreibt.

Wenn einer fortgeht, gibt man sich die Hände,
am Bahnhof lächelt man, so gut es geht.
Wie oft sind unsrer Sehnsucht Außenstände
mit einem D-Zug schon davongeweht ...

Wenn einer fortfährt steht man zwischen Zügen
und drin sitzt der, um den sich alles dreht.
Man könnte dieses "alles" anders fügen
durch einen Blick, ein Wort vielleicht.- Zu spät.

Wenn einer fortfährt, geht das Herz auf Reisen
und treibt sich irgendwo allein herum.
Es ist schon manchmal schwer, nicht zu entgleisen.
Die klügste Art zu reden bleibt doch: stumm.

Wenn einer fortging, kann man nichts vergessen,
und jeder Tag ist ein Erinnerungsblatt.
Wenn einer fortgeht, braucht man nichts zu essen,
man wird so leicht vom Tränenschlucken satt.

Wenn einer fort ist, gibt es Ansichtskarten
und ab und zu mal einen dicken Brief.
Ein schweres Verbum ist das Wörtchen "warten"
und "lebe wohl" ein Schluß-Imperativ ...

oder:

Mannequins

Nur lächeln und schmeicheln den endlosen Tag ...
Das macht schon müde.
Was man uns immer versprechen mag:
wir bleiben solide.
Wir prunken in Seide vom "dernier cri"
und wissen: gehören wird sie uns nie.
Das bleibt uns verschlossen.
Wir tragen die Fähnchen der Inventur
und sagen zu Dämchen mit Speckfigur:
"Gnäfrau, ... wie angegossen!"

Wir leben am Tag von Stullen und Tee.
Denn das ist billig.
Manch einer spendiert uns ein feines Souper,
... ist man nur willig.
Was nützt schon der Fummel aus Crepe Satin-
du bleibst, was du bist: nur ein Mannequin.
Da gibts nichts zu lachen.
Wir rechnen, obs Geld noch bis Ultimo langt,
und müssen trotzdem, weils die Kundschaft verlangt,
das sorglose Püppchen machen.

Die Beine, die sind uns Betriebskapital
und Referenzen.
Gehalt: so hoch wie die Hüfte schmal.
Logische Konsequenzen ...
Bedingung: stets vollschlank, diskret und - lieb.
(Denn das ist der Firma Geschäftsprinzip.)
Und wird mal ein Wort nicht gewogen,
dann sei nicht gleich prüde u. schrei nicht gleich "Nee!"
Das gehört doch nun einmal zum Geschäftsrenommée
und ist im Gehalt einbezogen ...

Aus bewunderten literarischen Werken wie diesem zieht Minou wieder einmal ein Stück Wissen über das Leben.

Die Welt der Mascha Kaleko scheint tatsächlich von der ihren nicht sehr weit entfernt. Sie findet sogar in den beschriebenen ‚Mannequins‘ zwillingsschwesterliche Züge.
Auch junge Telefonistinnen auf der Post verdienen wenig. Und wären gern todschick. Sie sehnen sich nach ‚Begehrt-werden‘. Und weisen hartnäckige Anrufer samt ihren interessanten Angeboten schwer entrüstet zurück. Denn Männer, die sich in der prüden Welt der 50er Jahre von den sexy klingenden jungen Stimmen auch eine entgegenkommende Lebenseinstellung erwarten, versuchen immer wieder, Kontakt mit den Fräuleins vom Amt aufzunehmen. Sie würden ihnen gern ein paar schöne Stunden und alle möglichen Annehmlichkeiten bereiten, haha!! So werden denn die Mädchen von Wirtschaftswunder-Leuten durch die Telefonleitung zum Essen eingeladen. Oder zu einer Ausfahrt im nagelneuen Wagen mit dem Stern. Angebotene Blind-dates, die sie nur der Lieblichkeit ihrer jungen Stimmen zu verdanken haben! Aber da gehen sie nie hin. So etwas würde den Ruf eines Mädchens für alle Zeit ruinieren. Manchmal sind die kleinen Weibchen niederträchtig und verabreden sich mit einem dieser vielbeschäftigten Bosse an einem offiziellen Ort. Unter der Bahnhofsuhr zum Beispiel. Oder vor einem Kino, einem Café. Geben sich dann nicht zu erkennen. Versteckt in lachender Kolleginnenclique, weiden sie sich an der sichtlichen Enttäuschung des genarrten ‚Verehrers‘.

Bei der Arbeit melden sich die Fräuleins mit: Fernamt, Platz so-und-so, doch nie mit dem eigenen Namen. Das ist streng verboten.
Wenn ein flirtender Kunde danach fragt, erfinden sie einen. Für Männer scheinen die jungen Dinger, von denen sie nur die Stimmen kennen, eine große Verlockung zu sein. Natürlich sind die so Umworbenen nicht ganz schuldlos an der Hartnäckigkeit ihrer Kunden, sondern heizen sie mit naiv - frivolem Geplauder noch ein bisschen mehr an. .

Es lauern bei Arbeitsschluss, vor allem nach dem Spätdienst, Männer in ihren Wagen direkt vor dem Amt. Aber die Mädchen, die ihnen kurz zuvor auf Teufel komm heraus Mut gemacht haben, schleichen sich heimlich, zu zweit oder zu dritt durch den Hinterausgang auf der anderen Seite des Gebäudes davon. Man spielt mit dem Feuer. Verbrennen will man sich aber nicht.

Wenn sie ‚viele Chancen‘ haben, fühlen sich Minou und ihre Kolleginnen geschmeichelt. Doch auf nichts gehen sie ein. Sie bleiben ANSTÄNDIGE Mädchen.

Einmal sind Kameraleute des frisch aufgekommenen Fernsehens bei ihnen zu Gast. Sie filmen die Fräuleins vom Amt bei der lustvollen Ausübung ihrer, ach so glamourösen, Tätigkeit. Nicht einmal zwanzig Minuten dauert der ganze Spuk.

Fernsehübertragungen sind noch nicht üblich und eine Sensation, wenn sie aus der eigenen Stadt stammen! Fantastisch! Nun kann jeder im Ländchen sehen, wie es auf dem hiesigen Fernamt zugeht. Noch besitzen nur wenige Leute zu Hause einen Fernseher. Doch in all ihrer geheimnisvollen Verlockung stehen die Apparate bereits in den Schaufenstern der Elektrogeschäfte und Kaufhäuser. Sie sind bei den kurzen Sendezeiten - hauptsächlich Nachrichten, manchmal ein Krimi oder eben regionale Live - Übertragungen wie diese - stets von vielen Dutzend Menschen umlagert. Der Bildempfang ist noch grau-weiß-körnig und nicht ganz gut. Das tut der allgemeinen Euphorie aber keinen Abbruch.
Ein Wunder, dass die erregte, Bauklötze staunende Menge die Glasscheiben der Auslage nicht schon eingedrückt hat.

*
Und diesmal kann man frische, heimische, junge Mädchen sehen, die bereits ernste Arbeiterinnen und wahre Stützen der Gesellschaft sind!

Das Interesse, vor allem der Männerwelt, an den Fräuleins vom Amt ist an diesem denkwürdigen Tag kaum zu bändigen. Die Leitungen brechen fast zusammen unter den neugierigen Anrufen. Da werden die Aufsichtsdamen aber böse.
Alle Welt will wissen, wie dies und jenes junge Ding heißt, das so niedlich vom Bildschirm gelächelt hat. Wer ist die Blonde mit den runden Augen und dem Pferdeschwanz auf Platz 28 gewesen? Wer diese Schönheit neben ihr, die aussah wie Silvana Mangano. Und und ... Ach man hätte liebend gern Namen, Adressen. Aber nichts wird verraten. Geheimnisse. Die sollen auch gewahrt bleiben! Es scheint ja fast, als ob die spießigen Wirtschaftswunder-Männer in dem von jungen Frauen bevölkerten Amt so etwas wie das Paradies leicht zu erlangender Lüste erblickten!

Die Mädchen kriegen sich nachher in der Kantine nicht mehr ein vor Lachen. "Diese Typen sind total bescheuert!"


Obwohl viel Aufregendes geschieht und Tag für Tag mehr davon, empfindet Minou das Leben nicht immer als hell.
Mascha Kaléko schreibt:

Alle unsre blassen Tage
türmen sich in stiller Nacht
hoch zu einer grauen Mauer.
Stein fügt immer sich an Stein.
Aller leeren Stunden Trauer
schließt sich in die Seele ein.

Träume kommen und zerfließen
gleich Gespenstern, wird es Tag.
In uns bleibt das ewig zage
Fassen nach den bunten Scherben,
und im Schatten blasser Tage
leben wir, weil wir nicht sterben.

Mascha Kaleko ist sentimental.

"Man ist zuweilen alt mit zwanzig Jahren!", stellt sie in einem Gedicht fest.

Wie wahr! Genauso fühlt man sich. Und sogar schon mit sechzehn.
Man hat es inzwischen oft genug gehört: ‘das Leben wird ein Kampf sein. Siege!’ Aber wie? Da kommt etwas Sonderbares auf Frauen zu! Nicht umsonst heulen Mütter wie Schlosshunde, wenn ihre Töchter vor dem Traualtar stehen.
Doch alles glaubt Minou NICHT: Dass das Leben nur Mühe und Arbeit sein soll, wie die Leute in Marienstock ständig labern – nein - glaubt sie nicht. Das kann nicht wahr sein. Oder so sinnlos wie bei Sartre? Nein!! Von ihm hat sie vor kurzem noch ein Buch gelesen, ihr letzter Versuch sozusagen: ‚Der Ekel‘. Wieder ein riesiger Bestseller - Erfolg! Minou ist tagelang fast krank, nachdem sie das beendet hat. Immer das furchterregend Negative. LEBENSÜBERDRUSS. Sein Grübeln. Er ist so tief deprimierend. Wäre er wenigstens traurig - romantisch! Alles, was Sartre schreibt, scheint Minou grau. Freudlos ...

Aber ... dagegen Rilke!!
"Nur ein Dummchen kann diese beiden vergleichen", hat Traude Engelhard einmal höhnisch zu Minou gesagt.

Also Rilke:

Venedigs Sonne wird in meinem Haar
ein Gold bereiten: aller Alchemie
erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die
den Brücken gleichen, siehst du sie

hinführen ob der lautlosen Gefahr
der Augen, die ein heimlicher Verkehr
an die Kanäle schließt, so daß das Meer
in ihnen steigt und fällt und wechselt. Wer

mich einmal sah, beneidet meinen Hund,
weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause
die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,

die unverwundbare, geschmückt, erholt -.
Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause,
gehn wie an Gift an meinem Mund zugrund.

Das Gedicht heißt: ‚Die Kurtisane‘. Minou liebt solche schillernd bunte, erregende Poesie über alles.

Oder:

Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Rilke ...

REITEN, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag. Reiten, reiten, reiten.
Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß. Es gibt keine Berge mehr, kaum einen Baum. Nichts wagt aufzustehen. Fremde Hütten hocken durstig an versumpften Brunnen. Nirgends ein Turm. Und immer das gleiche Bild. Man hat zwei Augen zuviel. Nur in der Nacht manchmal glaubt man den Weg zu kennen. Vielleicht kehren wir nächtens immer wieder das Stück zurück, das wir in der fremden Sonne mühsam gewonnen haben? Es kann sein. Die Sonne ist schwer, wie bei uns tief im Sommer. Aber wir haben im Sommer Abschied genommen. Die Kleider der Frauen leuchteten lang aus dem Grün. Und nun reiten wir lang. Es muß also Herbst sein. Wenigstens dort, wo traurige Frauen von uns wissen.

Reiten, Reiten ...

und herrlich, herrlich geht es dann weiter.
Minou fühlt sich beim Lesen ... beglückt.

Dann dieses sein Gedicht – den Titel weiß sie bis heute nicht. Sie hat es bei der Abschlussfeier zur mittleren Reife aufsagen müssen. Alle vier Parallelklassen waren festlich in der Aula versammelt und die dazugehörigen Eltern und Lehrkräfte natürlich auch. Es war immerhin das letzte Beisammensein. Fast jede der Schülerinnen trug, allein oder in einer Gruppe, ihren Teil zum grandiosen Gelingen das Abends bei ... ein Instrument spielend, singend, in Sketchen mitwirkend oder Lyrik deklamierend.

Also das Gedicht von Rilke. Herr Junghut hatte es vorgeschlagen:
Die rotlockige Ingrid Senkel aus der Parallelklasse 1B hatte die herrliche erste Strophe gesprochen:

Ich lebe mein Leben im wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehen.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Nun kam Minou dran. Sie hatte ihr zu kurzes, blaues Moireetaftkleid mit dem weißen Kragen an und ihre Zöpfe noch immer zu jener unsagbaren Gretchen- Frisur um den Kopf gelegt - wo doch die meisten Schülerinnen schon Dauerwellen trugen! -

"Ich kreise um Gott, um den uralten Turm",
rief Minou laut in die Aula, denn ein Mikrophon war hier unbekannt. Ihre Stimme zitterte:

"Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Das waren ja - zusammen mit einigen Goetheversen - die schönsten Zeilen, die sie je gehört hatte!

Die beiden Mädchen hatten dann auch für die wenigen Worte frenetischen Applaus geerntet, wie übrigens alle Vortragenden an diesem Abend.

*

Ach ... Minou liest schon lange keine Gedichte mehr. Überhaupt kaum mehr Bücher. Lieber sitzt sie mit Kolleginnen in der Mittagspause in den schillernden, bunten, italienischen Eiscafés, wie sie jetzt überall aus dem Boden schießen, oder probiert in neu eröffneten Boutiquen schicke Kleider an. Kaufen kann sie sich aber nur ab und zu ein verbilligtes Fähnchen im Schlussverkauf. Ihre Vorliebe geht eine Weile zu Grellem, Auffallendem. Nein sie hat keinen guten Geschmack. Aber da sie eine ‚Mannequinfigur‘ besitzt, sieht sie in jedem Fetzen schick aus ... sagen zumindest die Kolleginnen. Seriös und zurückhaltend gekleidet ist Minou in dieser Zeit nicht. Und was die Nahrung der Seele betrifft: Ihre Welt ist jetzt die der schönen Schnulzenfilme und Musikschlager. Außerdem liebt sie es, Männerblicke einzusammeln.

Ja, Minou spürt ... sie ist seicht, sie ist lau und sie schämt sich dessen ... manchmal. Und erst Lisa. Sie verachtet die Stieftochter – und was aus ihr geworden ist.
"Du strotzt ja geradezu vor Oberflächlichkeit!"

Die jungen ‚Intellektuellen‘ auf der Post - es gibt sogar solche mit Abitur - die Sartres Philosophie halbwegs verstehen, auch sonst bildungsmäßig auf der Höhe sind, verfolgen die hauswirtschaftlichen und modischen Interessen simplerer Mädchen mit verächtlich herabgezogenen Mundwinkeln. Sie lächeln müde und in tiefem Wissen um die Unzulänglichkeiten des Daseins.

"C‘est la vie banale", raunen sie einander zu. Am liebsten möchten sie sich die Ohren zustopfen bei soviel dumpfer Spießigkeit, wie sie ihnen aus den Unterhaltungen der minderbemittelten Kolleginnen entgegenschallt.

Dies sind auch die Jahre des Weltschmerzes. Man muss ganz einfach resignieren, wenn man das Leben erst einmal begriffen hat!! Und Jean Paul Sartre hilft einem dabei auf die Sprünge. So sieht es zumindest Minou.

*

Sie gehört weder zu der Intellektuellen-, noch zur Heimchen-am-Herd-Gruppe. Sie stolpert im Niemandsland herum.

Minou bekommt in dieser Zeit viele Komplimente. Im Zug und auf der Straße sprechen fremde Männer sie an. Auch entfernte Onkel und Tanten, die sich vorher immer über ihr furchtbares Aussehen aufgeregt hatten, sagen ihr, wie gut sie sich ‚herausgemacht‘ hätte und sind zuckerfreundlich. Ältere oder sogar junge Kolleginnen, die sonst nichts mit ihr am Hut haben und sie nicht einmal besonders gut leiden können, finden sie ‚hübsch‘. Sie kriegt das immer mal wieder zu hören.

"Du bist die reinste Schießbudenfigur!" sagt Lisa. "Wenn du nur sehen könntest, wie du dich herrichtest, eine von der Straße ist Gold dagegen!"
Nein, auf Lisa hört Minou schon lange nicht mehr.
Denn meistens gefällt ihr das Bild, das sie neuerdings im Spiegel sieht. Sie trägt am liebsten enge Kostüme und sehr hochhackige Schuhe. Gilt als eine der ‚Schönen‘ auf dem Fernsprechamt. ‚Freundinnen‘ sind sogar stolz auf sie. O je!
Sie weiß aber, ihr Wesen, ihr zu geringer Charme kann mit dem, was andere in sie hineinsehen, niemals Schritt halten. Es gibt nichts an ihr, worauf sie hätte wirklich stolz sein können.

Und immer, immer noch ist ihre Gesundheit nicht richtig gut, eigentlich überhaupt nicht gut. Immer muss sie mit aller Kraft gegen diesen Absturz ins ‚Nichts‘, gegen eine seltsame, sie bedrohende Leere und eine große Furcht davor ankämpfen. Ein leises Gefühl sagt ihr oft - sogar in den besten Momenten, wo sie dem Glück und Erfolg recht nahe ist - dass es GLEICH mit ihr z u ENDE sein, dass sie jetzt umfallen wird und ... sterben. Sie spürt es kommen ... es wird ihr panikartig, todelend zumute ... so ... es ist nicht zu beschreiben.
Dann leuchtet sie nicht, funkelt nicht mehr wie andere junge Menschen. Kein Bruchteil von dem Guten, Überschäumenden, das sie auch in sich hat, kann mehr nach außen dringen.

Es ist tatsächlich eine Lebhaftigkeit in ihr, die aber kaum je richtig zum Vorschein kommt. Denn Minou geht es die meiste Zeit nicht gut. Sie ist von Halsweh, ständigen Durchfällen und Erkältungen gebeutelt. Doch am Schlimmsten ist diese Angst. Wovor? Sie weiß es nicht. Vielleicht hat sie die Furcht vor den Ohnmachtsanfällen ihrer Kindheit nicht überwunden. Und dann die Müdigkeit.
"Faulheit", sagt Lisa.
Es ist wahr, sie ist nicht so fleißig, wie die meisten anderen ihres Alters. Nicht tatkräftig und aktiv. Geht nicht so häufig tanzen. Nach einem Nachtdienst auf der Post schafft sie nur mit Mühe den Weg zum Bahnhof, die Heimfahrt im Zug, dann noch die drei Kilometer Fußmarsch bis nach Hause. Elend und schlecht fühlt sie sich nur allzu schnell. Wenn sie mit Gleichaltrigen ausgeht und es ein bisschen spät wird, so muss sie den ganzen nächsten Tag gegen Übelkeit und einen versagenden Kreislauf ankämpfen. Tatsächlich, Minou ist keine, die vor Kraft strotzt.
*

Im Grund weiß sie, dass sie mit all den äußeren Mitteln, mit Schminke und hübschen Dingen, die sie um ihren Körper hängt, nur ihre Elendigkeit und Hässlichkeit verbirgt. Da können ihr Kolleginnen und die Männer ihrer Umgebung noch so schmeicheln.

Minou weiß auch, sie ist im Grunde hässlich, obwohl das ihr allergrößter Wunsch wäre, richtig und wirklich schön zu sein!

"Einem Mädchen wie dir steht die Welt offen" haben ältere Kolleginnen schon zu ihr gesagt, Frauen aus jener Generation, denen der Krieg Verlobte und Liebhaber getötet und ihre schönsten Jahre geraubt hat.

"Du gleichst mir sehr ... bist genau, wie ich früher war", spricht sie einmal in der Kantine Fräulein Maurer an, eine fünfzigjährige Aufsichtsperson und Oberposträtin, mit der sie sonst nie Kontakt hat. Sie hat sich mit ihrer Tasse Kaffee unverhofft an Minous Tisch gesetzt. Die sieht das als großes Kompliment.
"Du hast noch so viel vor dir. Stör dich nicht daran, dass sie dich hier für leichtsinnig halten. SEI leichtsinnig, damit du nicht einmal so endest wie ich."
Merkwürdige Worte. Und warum sagt sie die gerade zu ihr? Minou fasst ein vages Mitleid mit der Armen. Will Fräulein Maurer damit ausdrücken, dass trotz ihres Ansehens hier, ihres hohen Gehaltes und ihrer gut versorgten Zukunft ... ihr Leben doch tatsächlich VERWIRKT ist!

*



46
ANHALTERIN

Ein scheues Reh ist Minou zu dieser Zeit nicht mehr. Ganz abgesehen von all der farbenfrohen Schminkerei macht sie noch ganz andere Sachen.

Mit sechzehn fängt sie nämlich an, nicht mehr jeden Tag mit der Eisenbahn zur Arbeit zu fahren, sondern, wenn sie Lust hat, tut sie es per Anhalter.

Das Ganze hatte damit begonnen, dass sie schon einige Male den Zug verpasst hatte und dann fast eine Stunde zu spät zur Arbeit gekommen war. Als ihr das aber zum zweiten Mal innerhalb einer Woche passiert, da wird ihr unbehaglich. Auch deswegen, weil man sie bereits heftig zusammengestaucht und verwarnt hat. Doch die Strecke bis Brückenstadt ist weit, ein Taxi würde sie zirka ein Fünftel ihres Monatslohns kosten. Und überhaupt: Wo kann man in der Frühe ein Taxi auftreiben in einem Kaff wie Marienstock!

Ziemlich verzweifelt, aber zu allem entschlossen - vor Scham und Aufregung zittern ihr höllisch die Knie - stellt sie sich an diesem Morgen an den Straßenrand und streckt den Daumen aus. Augenblicklich hält ein Auto. Das geht so leicht und locker, wie sie es nie für möglich gehalten hätte. Der Mann, der darin sitzt, ist freundlich, aber nicht schwatzhaft, er fährt auch nach Brückenstadt, auch zur Arbeit und setzt sie direkt vor ihrem Fernsprechamt ab. Sie ist eine halbe Stunde früher da, als der verpasste Zug angekommen wäre und geht erst einmal gemächlich in die Kantine zum Frühstücken ... Was für ein schöner Tagesbeginn!

So ein Erfolgserlebnis macht natürlich Mut. Irgendwann ist sie wieder recht spät daran. Aber warum erst den weiten Weg zum Bahnhof laufen? Sie kann sich den ermüdenden Fußmarsch sparen!

Nur wenige Meter von ihrem Haus entfernt, läuft die Hauptverkehrsader entlang, die über Wilhelmstal, Unterstetten, Sulzhofen, Horbach und kleinere Dörfer geradewegs nach Brückenstadt hinein führt, dort sogar direkt am Fernsprechamt vorbei.

Da inzwischen schon viele Leute Autos besitzen und sie fast alle nach Brückenstadt fahren, weil dort die Jobs sind, so wird sie auch diesmal augenblicklich mitgenommen, als sie vor Tante Ritas Lädchen oben an der Ecke den Daumen ausstreckt.

Wieviel Zeit und Kraft kann man sparen! Was für eine tolle Sache! Sie kommt morgens frisch frisiert und geschminkt auf ihren high Heels aus dem Haus gestürmt, steigt lässig in das erste Auto, das hält und wird am Ziel direkt vor ihrer Dienststelle abgesetzt. Ein glänzender Einfall. Sie verbirgt ihr Abenteuer nicht vor den Kolleginnen.

Aber warum ist sie die einzige, die auf eine solche Art zur Arbeit fährt? Auf dem Fernsprechamt gibt es viele Pendlerinnen, die teils noch schlechtere Zugverbindungen haben und aus noch entfernteren Orten kommen, als Minou. Warum macht keine es wie sie? Das ist doch erstaunlich! Vor allem, weil mit dem Trampen alles so wunderbar glatt geht.

Na ja, sie steigt am liebsten da ein, wo mehrere Leute zusammen sitzen. Aber das ist nicht oft der Fall. Meistens ist nur eine Person im Auto, das neben ihr hält. Und diese Person ist männlich. Das ist so, weil erst wenige Frauen den Führerschein haben.

Die Fahrer benehmen sich natürlich nett bei einem jungen Ding. Der überwiegende Teil ist solide. Man unterhält sich über Kleinigkeiten. Wer sie im Wagen mitnimmt, merkt schnell: dieses Mädchen ist zwar unvorsichtig und unternehmungslustig, aber nicht frivol ... sie hat ein sittsames, un-aufreizendes Benehmen. Das spürt ein Mann. Und dass sie sich auf seine Anständigkeit verlässt, das merkt er. Also ... sie soll sich ihm nicht umsonst anvertraut haben! Solche Herren der Schöpfung zeigen sich gern im besten moralischen Licht.

Minou wird allerdings auch sehr bestimmt und wehrt unmissverständlich – aber nie schroff oder beleidigend, eher mit gewissem Verständnis - ab, wenn doch einmal eine Hand verschämt nach der ihren greift oder sich sogar zügellos auf ihren Oberschenkel legen will.

Es gelingt ihr ziemlich locker, Gefahren und schlechte Situationen, die übrigens weniger häufig vorkommen, als die Leute denken würden, ins Harmlose umzubiegen. Sie packt die Fahrer bei ihrer Ehre.
"Ich habe schon ein bisschen Menschenkenntnis und steige nur zu einem Mann ins Auto, bei dem ich spüre, dass er ein echter Gentleman ist", sagt sie kindisch, doch mit Überzeugung , wenn einer sie fragt, ob sie denn keine Angst ... ganz allein mit einem Fremden und so ...

Vielleicht bilden ihre Naivität und ihr Ernst einen Schutzschild, der die Männer innerlich entwaffnet, vielleicht hat sie einfach nur Glück. Wahrscheinlich geht alles so gut, weil Minou es mit Leuten zu tun hat, die, wie sie selbst, auf dem Weg zur Arbeit sind. Sie haben anderes im Kopf, wenn sie morgens in ziemlicher Eile zu ihren Ämtern oder Firmen fahren, als ein junges Mädchen zu verführen.

Auch, wenn die Situation in raren Fällen umzukippen droht, kann sie es immer irgendwie hinbiegen, dass weder sie selbst angetastet wird, noch der Möchtegern-Casanova nach einer Abfuhr allzu sehr sein Gesicht verliert. Sie vertröstet. Auf später. Und sie klingt lieb und echt. Sie lässt sich einladen. Und nicht nur ins Café oder zum Abendessen. Auch zu Eindeutigem.
Denn, oh ... da kennt sie nichts! Da ist sie eine falsche kleine Schlange. Es ist leicht, zu so etwas begeistert "ja" zu sagen und sogar ernsthaft Termin und Ort bestimmen zu lassen, so dass der Frager keinen Augenblick an ihrer Aufrichtigkeit zweifelt. Das ist eine gute Art, einen draufgängerischen Familienvater zu beruhigen, ohne ihm die direkte Ablehnung ins Gesicht zu sagen und ihn womöglich wütend zu machen. Er löst denn auch seufzend die schon ausgestreckte Hand von ihr, lässt Minou unbehelligt aussteigen und winkt ihr voller Vorfreude nach, wenn er sie wohlbehalten vor ihrer Dienststelle abgesetzt hat. Und sie hat es locker geschafft, heil und hoch erhobenen Hauptes aus einer brenzligen Lage herauszukommen!

Natürlich geht sie nicht zu solchen Verabredungen. Wenn es ihr Traummann gewesen wäre ... dann schon. Traummann ist aber keiner. Nein, so einen lernt sie bei ihrer Tramperei nicht kennen Und bevor sie sich mit einem durchschnittlich netten oder unnetten Typen einlässt ... nein!
ER, mit dem sie einst die Nähe zulassen wird, er muss ALL ihren tiefen Wünschen entsprechen.

Aber sie ist stolz auf sich, dass sie so schlau ist und mit allen möglichen Herren der Schöpfung so gut zurecht kommt, ohne dass einer ihr auch nur ein Haar krümmt. Für Minou ist das ein Balanceakt und ein Erfolgserlebnis. Außerdem steigt sie nur morgens zu fremden Männern ins Auto. Abends würde es vielleicht WIRKLICH gefährlich werden ...

Natürlich betrachten die Kolleginnen sie als leichtsinnig - um kein drastischeres Wort zu gebrauchen! Es ist ihr lange überhaupt nicht klar, dass man sie auf der Post als durchtriebenes Früchtchen einstuft und als eine, die es mit der Moral nicht so genau nimmt.

Denn, was viele Lästermäuler nicht wissen, die sie bei all ihrem Zurechtgestylt-sein und ihrer Vorliebe fürs Autofahren mit fremden Männern, längst für ein gefallenes! Mädchen halten ... sie lässt sich weder küssen, noch berühren. Nicht einmal von Jungen, mit denen sie tanzt oder ins Kino geht. Sie ist die hochanständige Tochter eines hochanständigen Vaters, die zwar die Gefahr sucht, aber gleichzeitig ‚ernst denkt‘ und für keinen zu haben ist. Immer auf der Hut.

*



Was bisher geschah:

Hermine ( Minou ) wird 1939 geboren. Sie ist zirka ein Jahr alt, da stirbt ihre Mutter bei der Geburt des Bruders Werner. Vater ist Soldat im Krieg. Nach mehreren Versuchen mit ‚Haushälterinnen‘ wird das Kind zu Anna, einer Tante, gebracht. Dann heiratet Papa wieder. Lisa, die neue Mutter, holt die jetzt viereinhalbjährige Hermine und Werner zu sich. Papa - ständig an der Front - ist für die Kleinen ein Fremder, an den sie sich kaum erinnern. Einen Teil des Krieges verbringen die Kinder und Lisa in Evakuierung auf einem Gutshof in Bayern. Dort bringt Lisa auch ein neues (Stief) Brüderchen zur Welt, den Maxl. Nach Kriegsende kehrt die kleine Familie ohne den Vater ( er ist in Gefangenschaft ) wieder nach Marienstock zurück. Die Kinder sind problematisch: Werner nässt das Bett, Hermine ist immer traurig und wird oft ohnmächtig. Papa kommt eines Tages als Spätheimkehrer nach Hause und betreibt bald eine Bohnerwachsfabrik, die ‚Xanutta‘.
1955. Hermine - inzwischen nennt sie sich Minou- hat ihre mittlere Reife bestanden und arbeitet auf der Post in Brückenstadt als Telefonistin, Fräulein vom Amt.

*



47
LEBENSGEFÜHL

"Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage!" sagen die jungen Belesenen unter den Kolleginnen mit resigniertem Lächeln. Lizzy Engelhard meint, es sei besser, die Maitresse eines großen, herausragenden Mannes zu werden, als die Ehefrau irgendeines Spießers. Nicht als ob Lizzy einen solchen Giganten des Geistes schon kennen gelernt hätte! Aber der Gedanke ist einer Überlegung wert. Finden auch die anderen Mädchen.

*

Nach dem Dienst lauschen sie manchmal in einer kleinen Kneipe einer schönen Sängerin. Ist es Juliette Greco?


Oh ! je voudrais tant que tu te souviennes
des jours heureux où nous étions amis.
En ce temps-là la vie était plus belle,
et le soleil plus brulant qu'aujourd'hui.
Les feuilles mortes se ramassent à la pelle.
Tu vois, je n'ai pas oublié ...
Les feuilles mortes se ramassent à la pelle,
les souvenirs et les regrets aussi

Et le vent du nord les emporte
dans la nuit froide de l'oubli.
Tu vois, je n'ai pas oublié
la chanson que tu me chantais.

C'est une chanson qui nous ressemble.
Toi, tu m'aimais et je t'aimais.
Et nous vivions tous deux ensemble,
toi qui m'aimais, moi qui t'aimais.
Mais la vie sépare ceux qui s'aiment,
tout doucement, sans faire de bruit.
Et la mer efface sur le sable
les pas des amants désunis.

Ach Juliette !

Parlez-moi d’ amour.
Redites-moi des choses tendres.
Votre beau discours
mon coeur n’ est pas las de l’ entendre.
Pourvu que toujours
vous répétiez ces mots suprèmes:
Je vous aime.

Vous savez bien
que dans le fond je n’ en crois rien,
mais cependant je veux encore
écouter ce mot que j’ adore.
Votre voix aux sons caressants
qui le murmure en frémissant
me berce de sa belle histoire,
et malgré moi je veux y croire

Il est si doux
mon cher trésor, d’ être un peu fou.
La vie est parfois trop amère,
si l’ on ne croit pas aux chimères.
Le chagrin est vite apaisé
et se console d’ un baiser
du coeur on guérit la blessure
par un serment qui le rassure ...
Parlez moi d’amour ...

Man kleidet sich für eine Weile ganz in Schwarz. Wie die Gréco.

"Du siehst aus wie eine Saatkrähe", sagt Werner - der liebenswürdige Bruder - zu Minou. Er wird sie ohnehin nicht mehr lange ärgern, denn sie erwägt, nach Paris zu gehen und ‚Existentialistin‘ zu werden. Paris, wo man lebt um des Erlebens, um der Schönheit des Daseins Willen. Ja sie will heftig leben. Heftig lieben. Frei sein. FREI.
Dasselbe wollen auch ein paar Kolleginnen.

Am Ende scheitert die Emanzipation der deutschen Mädchen daran, dass alle viel zu arm sind. Viel zu ängstlich. Viel zu ‚anständig‘. Nicht wie die Französinnen. Die Glücklichen vom Fernamt in Paris erzählen in Plauderviertelstündchen während des Nachtdienstes, wie locker und leicht sie mit ihren Macs zusammenwohnen ... ohne Trauschein und Firlefanz!! Mon Dieu ... Französinnen haben nicht nur die erotischsten Puppenstimmen der Welt - besonders - wenn sie Deutsch parlieren, sie scheinen tatsächlich von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt. Wie interessant sind ihre Erzählungen, wie wundersam frivol spielt sich ihr Leben ab ... na ja, wenn man das Glück hat, in dieser herrlich sündigen Stadt zu leben.

Das Fernamt Paris ist der Knotenpunkt der Kommunikation für ganz Europa und wird in seiner Dimension nur von dem New Yorks übertroffen. New York ist zuständig für die Abwicklung der Übersee-Gespräche in alle Welt. Aufregend! Wenn Minou zum Beispiel einen Kunden mit einem Partner irgendwo in Brasilien verbinden muss, so kontaktiert sie erst eine Kollegin in Paris ... diese verbindet sie mit einer der tausend Mitarbeiterinnen in New York, die wiederum nimmt Kontakt auf mit einer Senorita in Rio de Janeiro, die dann das Örtchen im Mato Grosso oder sonstwo ausfindig macht, wo der gewünschte Gesprächspartner haust. Solche Gespräche nach Übersee sind mühsam herzustellen, bleiben während des Verbindens von einem Land zum anderen oft stundenlang auf der Strecke ... es dauert manchmal einen Tag oder mehr, bis man den Teilnehmer am anderen Ende der Welt endlich dem entnervten heimischen Kunden zuschalten kann.

*




NOCH EIN TRAUM

In Brückenstadt entsteht gleich nach dem Krieg eine Schule für Kunst und Handwerk. 'Schund und Schandwerk‘, tauft der Volksmund sie prompt. Auf Staffeleien wird an überdimensionalen, modernen, schreiend bunten Bildern gemalt. Ungegenständlichen. Und es geht locker zu. Bärtige Typen hocken legère in ihren farbbeklecksten weißen Kitteln auf dem Fußboden und lauschen einem wild aussehenden Professor. Wieder andere arbeiten an lebensgroßen Skulpturen aus Gips? Ton? Sie formen menschliche Körper in allen möglichen Stellungen. Ganz und gar wirklichkeitsfern. Mit viel zu kleinen, gesichtslosen Köpfen und verrückten Anatomien.

Sonderbar. Warum räkeln sich dort auf einem Podest nackte Frauen? Lebendige, normal gebaute junge Wesen aus Fleisch und Blut, wenn doch abstrakte Gebilde hergestellt werden?

Minou kam früher oft mit Klassenkameradinnen da vorbei. Immer haben sie staunend in die breiten, vorhanglosen Fenster des Erdgeschosses geschaut. Auch jetzt streicht sie wieder ab und zu mit klopfendem Herzen um das Gebäude herum. Wenn die Räume menschenleer sind, schaut sie ausgiebiger in die Fenster. Dann sehen die noch unfertigen, mannshohen Menschenskulpturen wie eingebundene Mumien aus. Makabre Monster. Die Gesichter verhüllt. Die Glieder mit weißen Tüchern umwickelt. Meisterwerke im Entstehen ... ? Das Heranwachsen und plötzliche für immer Verschwunden-Sein der Statuen beobachtet Minou mit Staunen. Wohin schafft man sie bloß?


Ach ... mit Künstlern wäre sie gern befreundet. Noch schöner, selbst eine von ihnen zu sein! Den ganzen Tag Wertvolles, Bleibendes zu schaffen. Malen. Bildhauern. Es zuckt ihr in den Fingern, groß ist der Drang, bei so etwas selbst mitzuarbeiten.


‚Da wäre ich wunschlos glücklich‘, denkt sie. Auf ihre Erkundigung hin, ob sie nicht vielleicht in Abendkursen Kunst studieren könne, hat sie eine ablehnende Antwort bekommen. Das, was hier gemacht werde, bedeute ein ernstes, jahrelanges STUDIUM , sagte man ihr. Und dass man es nicht nebenbei oder etwa im Urlaub als Zusatz zu einem Brotjob betreiben könne, wie sie gehofft hatte.

*


Junge Mädchen vom Fernsprechamt ziehen sich schmale Rollis und hautenge Caprihosen an, ummalen ihre Augen mit schwarzen Balken. Sie hängen in freien Stunden in einer bestimmten Kneipe herum, wo es schon am Nachmittag geheimnisvoll düster und dunstig ist. Wo sich der Zigarettenqualm in dicken Schwaden unter der niederen Decke ballt. Auf Trumpet, Piano, Saxophon spielt dort manchmal eine Kapelle. Keiner der Musikmacher ist über zwanzig. Sie üben. Jazz. Improvisieren. Sie reden von Ella Fitzgerald, Dizzy Gillespie wie von guten, alten Bekannten: Louis Armstrong ist ihr ‚Satchmo‘. Ellington der ‚Duke‘. ‚New Orleans‘, 'Swing‘ and ‘Blues‘, sind Zauberworte, die sie dauernd im Mund führen. Und sie haben schon eine Menge ‚groupies.‘

Minou gehört nicht wirklich zum harten Kern der Jazzbegeisterten. Kommt nur selten in das verrufene Kellerlokal. Nur, wenn Kolleginnen sie mitziehen.

Die jungen Band-members träumen vom Berühmt-Werden, erzählen von ihren Auftritten. Wie es war in Ramstein im NCO-Club. Oder im Officers Club von Heidelberg. Sie sind fast an jedem Wochenende unterwegs und spielen überall in Deutschland. Gutbezahlte Dienstleister in den Hangouts der US. Soldaten.

"Am Samstagabend sind wir in K‘town engagiert. Die haben ein großes Fest. Tag der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft oder so. Hättet ihr Lust? Fahrt doch mal mit, Mädels. Da ist schwer was los!"

Es kommt keine mit. Denn sich DORT herumzutreiben, wäre das Letzte. Die Selbstaufgabe pur. Das darf sich kein anständiges Mädchen leisten. Dort gehen nur Nutten hin. Negerhuren. Das ist ein Sündenbabel. Kaiserslautern. Mannheim. Wiesbaden. Wo robuste und wenig zimperliche amerikanische Möchtegern - Heros sich billige Bettgefährtinnen für Dollars kaufen.

Trotzdem spüren die jungen Zuhörerinnen durch die Schilderungen der Musiker, wie ein Stück vom großen, wilden, heftigen Leben schon bis zu ihnen herüberschwappt. Mit all seinem Klang und Geheimnis. Voller Fülle und Farben. Eigentlich brauchte man nur die Hand auszustrecken, sein Schneckenhaus zu verlassen ... und wäre mitten drin.

'Alles könnte leicht sein wenn man es nur wollte', weiß Minou.

Sie hat aber nicht einmal den Mut, sich ein Zimmer in Brückenstadt zu nehmen, um endlich von der Stiefmutter wegzukommen. Obwohl sie oft darüber nachdenkt. Nein, sie verdient zu wenig. Für eigene Miete plus Lebensunterhalt würde das Geld nicht reichen ... Auch von den gleichaltrigen Kolleginnen kennt Minou nicht eine, die auf die Idee gekommen wäre, WIRKLICH von zu Hause auszuziehen. Ganz gleich, wie trotzíg sie alle von Freiheit und Existentialismus schwadronieren mochten.

‚Eines Tages!‘, denkt sich Minou.


Irgendwie fühlt sie sich ZUGEHÖRIG zu einer aufregenden, herrlichen Zeit. Obwohl noch kaum etwas geschehen ist in ihrem kurzen Leben. Praktisch NICHTS von Bedeutung. Nur kleine Dinge vielleicht. Verheißungsvolle kleine Dinge. Zum Beispiel, dass sie jetzt leichter mit ihrem Job zurecht kommt. Dass sie Freundinnen gefunden hat auf dem Amt. Dass Männer sie ansehen ... ansprechen ... ihr nachlaufen. Sie liebenswert finden.

Richtig Aufwühlendes wird bald auf sie zukommen, wartet schon um die nächste Ecke. Sie spürt es. Es geht ihr zwar oft schlecht. Aber nicht immer. Manchmal, wenn ihre Gesundheit besser ist und sie wenigstens ein paar zusammenhängende gute, gelöste Tage hat, fühlt sie sich fast on top of the world.

*




48
EDITH PIAF

Manchmal hat Minou auf dem Fernsprechamt Nachtdienst. Wenn nicht so viel zu tun ist, blendet sie sich ein in eine bestimmte Leitung, in der man die neuesten Schlager der Hitparaden abhören kann, der deutschen und der INTERNATIONALEN! Das ist eine neuerdings eingerichtete Annehmlichkeit für die Kundschaft, die der Post durch Abertausende von Anrufen eine zusätzliche Einnahmequelle schaffen soll. Den jungen Angestellten ist es strengstens verboten, sich da aufzuschalten und womöglich ihre Arbeit deshalb zu vernachlässigen. Also bei Entlassungsstrafe untersagt!!

Ab und zu hört aber doch eine mit. Minou fast am häufigsten. Da dringen dann all die wundersamen Melodien in ihr verzaubertes Ohr. Minou taucht ein in die Welt der Schlagerklänge. Sie sind wie ein Vorgeschmack auf die betörenden Dinge, die hinter dem Horizont ihrer kleinen Welt schon auf sie warten. Minou vergisst Zeit und Ort und ihre Fernamts-Mühsal und lauscht nur noch der Musik, die aus dem Kopfhörer dringt:
Zum Beispiel Edith Piaf. Ach wie sie Edith Piaf liebt. Dieses Pathos:

Padam Padam Padam

Cet air qui m'obsède jour et nuit
Cet air n'est pas né d'aujourd'hui
Il vient d'aussi loin que je viens
Trainé par cent mille musiciens
Un jour cet air me rendra folle
Cent fois j'ai voulu dire pourquoi
Mais il m'a coupé la parole
Il parel toujours avant moi
Et sa voix couvre ma voix
Padam ... padam ... padam ...
Il arrive en courant derrière moi
Padam ... padam ... padam ...
Il me fait le coup du souviens-toi
Padam ... padam ... padam ...
C'est un air qui me montre du doigt
Et je traine après moi comme un drole d'erreur
Cet air qui sait tout par coeur

Il dit: "Rappelle-toi tes amours
Rappelle-toi puisque c'est ton tour
'y a pas d'raison pour qu'tu n'pleures pas
Avec tes souvenirs sur les bras ... "
Et moi je revois ceux qui restent
Mes vingt ans font battre tambour
Je vois s'entrebattre des gestes
Toute la comédie des amours
Sur cet air qui va toujours

Padam ... padam ... padam ...
Des "je t'aime" de quatorze-juillet
Padam ... padam ... padam ...
Des "toujours" qu'on achète au rabais
Padam ... padam ... padam ...
Des "veux-tu" en voilà par paquets
Et tout ça pour tomber juste au coin d'la rue
Sur l'air qui m'a reconnue

Écoutez le chahut qu'il me fait

Comme si tout mon passé défilait

Faut garder du chagrin pour après
J'en ai tout un solfège sur cet air qui bat ...
Qui bat comme un coeur de bois ...

Oder die Hymne an die Liebe:

Le ciel bleu sur nous peut s'effrondrer
Et la terre peut bien s'écrouler
Peu m'importe si tu m'aimes
Je me fous du monde entier
Tant que l'amour inondera mes matins
Tant que mon corps frémira sous tes mains
Peu m'importent les grands problèmes
Mon amour, puisque tu m'aimes ...
J'irais jusqu'au bout du monde
Je me ferais teindre en blonde
Si tu me le demandais ...
J'irais décrocher la lune
J'irais voler la fortune
Si tu me le demandais ...
Je renierais ma patrie
Je renierais mes amis
Si tu me le demandais ...
On peut bien rire de moi,
Je ferais n'importe quoi
Si tu me le demandais ...

Si un jour la vie t'arrache à moi
Si tu meurs, que tu sois loin de moi
Peu m'importe, si tu m'aimes
Car moi je mourrai aussi ...
Nous aurons pour nous l'éternité
Dans le bleu de toute l'immensité
Dans le ciel, plus de problèmes
Mon amour, crois-tu qu'on s'aime? ...

... Dieu réunit ceux
qui s'aiment!

(Anmerkung der Autorin: Für Dich, lieber Leser, habe ich das Lied hier ganz aufgeschrieben!- wenn schon, denn schon!)


Minou hingegen - mit ihren geringen Sprachkenntnissen - bringt die Übersetzung dieser Chansons nicht zusammen, so sehr sie sich auch anstrengt. Soweit reicht das Schulfranzösisch nicht.
Die wohlklingenden, fremdländischen Worte fügt sie schwerfällig aneinander, puzzle-ähnlich, als sie dem Lied immer von neuem lauscht, bis sie ein bisschen Sinn herausbekommen hat. Auch phonetisch kann sie nicht alle Worte verstehen, nur hin und wieder leuchtet eines geradezu heimatlich auf ... eine Vokabel, die sie kennt. Nein, sie wird das Lied, ohne den Text geschrieben vor sich zu sehen, nie übersetzen können, auch wenn sie hundertmal zuhört. Es macht nichts. Um die Melodie geht es. Und wenn man den Sinn nicht weiß, sondern nur ahnt oder erfindet ... desto besser ... dann bleibt alles magisch.

Den folgenden Text, gesungen von einer Frauenstimme, hat Minou sich aber vollständig, wenn auch mühsam, Stück für Stück, zusammengesetzt. Nach immer neuem Abhören:

Moulin des amours,
tu tournes tes ailes,
au ciel des beaux jours,
Moulin des amours.

A mon Dieu, qui étaient jolis
les yeux qui versent dans les miennes
on s'aimait jusqu'à la folie
et cet amour te plaisait bien

Dis moi, chéri, dis moi que tu m'aime,
dis moi, chéri, que c'est pour la vie ...

Da kommen Minou die Tränen.


Den meisten jungen Telefonistinnen liegt nichts daran, im Beruf Außergewöhnliches zu leisten und Karriereleitern zu erklimmen. Kaum eine bastelt an einem Aufstieg in die Höhen der Posthierarchie. Die Arbeit außer Haus wird nur eine kurze Strecke ihres Lebens einnehmen. Eine Überbrückungszeit. Bis sie DEN Menschen gefunden haben wird, den Liebsten und Heiratskandidaten, auf dessen Person sich ihr ganzes zukünftiges Dasein ausrichten wird.
Eines tun die Mädchen der 1950er-Jahre – wahrscheinlich instinktiv - sie spüren nach den Regeln ihrer Zeit: nicht mit Intelligenz können sie sich den Mann fürs Leben erobern. Nicht mit Wissen und Bildung. Mit Emanzipation schon gar nicht. Nur einzig allein mit reizvoller, hilfloser Weiblichkeit.


Dabei ist es auch wichtig, was die Mitwelt von einem hält. Ob man NETT ist. Freundlich. Adrett. Nicht leichtsinnig. Sauber. Eine gute Köchin. Flink im Haushalt.
Die Mädchen haben auch ein konkretes Bild von demjenigen, den sie einmal heiraten werden. Am besten ein Junge ihres Alters. Höchstens zwei, drei Jahre älter sollte er sein. Wohlhabend, zukunftsversprechend. Aus guter Familie, wo der Vater angesehen und die Mutter fleißig ist. Wo die Finanzen stimmen. Am besten wäre ein Beamter: Inspektor, Lehrer. Gutaussehend soll er sein. Treu. Liebe muss natürlich mit im Spiel sein. Toll wäre, wenn er ein schönes Haus mitbrächte. Oder das Geld hätte, eines zu kaufen. Ein Haus mit Garten. Ja, doch! Die meisten Mädchen haben eine genaue Vorstellung von der Zukunft.


Ordentlich verdienen sollte er schon. Für ein Auto müsste es reichen, um die schöne jährliche Urlaubsreise nach Rimini zu machen oder nach Lido di Jesolo ... sowie Wochenendfahrten ins Grüne. Auch sollte genug Geld da sein, dass man sich als Frau kleine Extras leisten kann, die die Tage erst richtig rund machen: Friseur regelmäßig. Kosmetikerin. Einkaufsbummel mit Freundinnen und Tortenschlemmen im tollsten Café von Brückenstadt. Daheim ein schicker Partykeller mit Hausbar, das wäre das Non-plus-ultra. Mit Freunden durchfeierte Nächte. Kinobesuche. Auch hin und wieder Operettenabende im Stadttheater, dann aber in festlicher Abendgarderobe. Danach vornehm zum Essen ausgehen! Ein Hauch von großer Welt.

Ein, zwei Kinder sollten bald zum Frausein dazugehören. Sonst wäre alles nichts. Und Sicherheit muss ihr der Gatte bieten, eine gute Rente fürs Alter und dass sie versorgt ist im Falle ...
Zwischen Wochenendausflügen, Familienfesten, häuslicher Gemütlichkeit, der Sommerreise ins Adria-Glück wird sich die Zukunft wunderbar gestalten. Natürlich nicht frei von kleinen Sorgen. Aber im Ganzen schön harmonisch. Mit wohlerzogenen Sprösslingen und einem wohlgesonnenen Gott da oben, der sich nicht einmischt und keine allzu schlimmen Prüfungen schickt. Ein erfülltes Dasein wird es sein und man selbst die Gewinnerin in dieser gar nicht so komplizierten Angelegenheit, die Leben heißt ...

*

Nur Minou weiß überhaupt nicht, was sie will. Die Wahrheit ist, sie glaubt sich den Aufgaben, die von ihr erwartet werden, nicht gewachsen. Und noch viel schlimmer: sie sieht in all dem oben Aufgelisteten nichts wirklich für sie Erstrebenswertes, nichts, dass sie auch nur im Geringsten würde glücklich machen können. Das was die Allgemeinheit als höchste Güter anstrebt, stößt sie eher ab. Was sie wirklich will, weiß sie nur vage. Sie fühlt, dass sie anscheinend anders empfindet, als die meisten Fernamts-Freundinnen und die Marienstocker Nachbarmädchen.

Abseits jeder Realität, das spürt sie, hegt sie ihre seltsamen Träume. Eines weiß sie, das möchte sie: sie möchte alles in sich aufnehmen, was die Welt bereithält an Wundern, an Weite, an Ferne. Tiefste Leidenschaft möchte sie erleben ... die Liebe, die große, wilde Macht, die Herz, Körper und Sinne aus der Bahn wirft. Da sie die Liebe und die Sexualität bisher nicht kennengelernt hat, verbrämt sie beide wie mit Gold und Edelsteinen. Sie erwartet alles davon. ALLES. Es ist, als habe sie den Boden unter den Füßen verloren, oder nie gehabt. Nach einer sie ganz und gar überwältigenden Liebe sehnt sie sich. Ganz klein möchte sie sein ... anschmiegsam, unterwürfig, hinschmelzend dem herrlichen Mann entgegen und wie Wachs in seinen Händen.

Wie man sieht, sind IHRE Zukunftsträume ... überhaupt nicht abwegig.
Das, worauf die meisten Kolleginnen hinarbeiten, ersehnt sie NICHT. Ehemann, Familie. Das kann sie sich nicht vorstellen ... nein!
Allein mit den Worten: ‘Kinder-Kriegen’, ‘Häuschen’, ‘Garten’ könnte man sie in die Flucht schlagen.
Aber es wird ihr auch nicht gegeben sein, im Beruf Großartiges zu leisten. Sie spürt weder die Lust noch die Kraft dazu.
Ihr einziges Denken geht nur bis dahin, wo die Arme jenes ersehnten Mannes sie umschließen werden. Dann wird es nichts und niemand mehr für sie geben ... nur ihn allein.


Was die Kolleginnen so wichtig nehmen, ist unwichtig für sie: all dieses Planen um den Alltagskram herum, Das Sparen für die Zukunft. Anschaffen von ‚nützlichen‘ Dingen. Der ‚Hausstand‘. Nein. Sie will nichts davon wissen. Sie kann nichts damit anfangen. Sie möchte mit niemandem langweilig im Nestchen sitzen. Auf einen ganz anders gearteten Mann wartet sie. Den EINEN. Den Starken. Mächtigen. Den Mann aller Männer. Der sie mit Begierde und Leidenschaft lieben wird. Er wird sie beschützen ... Erfahren wird er sein, er wird sie alles, alles lehren. In die Tiefen der Lust, in alle Wunder der Welt wird sie mit ihm eintauchen, alles wird er ihr zeigen, was die Erde, was Liebe und Begierde bereithalten. Sie wird ihm ganz gehören. Ihr König wird er sein, ihr Beherrscher.

Für all das Drumherum verschwendet sie keinen Gedanken. Wie sich ein solches Leben gestalten soll, in seiner äußeren Form, davon hat sie keinen blassen Schimmer. Darüber zerbricht sie sich nicht ihren kleinen Kopf.

Kaum etwas anderes hat sie im Hirn, als diese Hoffnung, diese übergroße Sehnsucht nach der Liebe. Einer Liebe, die so unsagbar groß sein wird und wunderbar, dass sie die Festen ihres kleinen Lebens erschüttern wird. So einfach ist das. Sie kommt nicht einmal auf den Gedanken, selbst etwas zur Erlangung dieses erträumten Glückes beizutragen. NICHTS. Aber sie wartet..

*



49
DIE GROßE REISE

Minou hat Geld gespart. Bald wird sie ihre erste große Urlaubsfahrt antreten, die bis hinunter nach Sizilien führt. Das Jugendreisebüro bietet preisgünstige Pauschalreisen für junge Leute. Mit dabei sein werden zirka dreißig männliche und weibliche Lehrlinge, Schüler, Angestellte, Arbeiter. Niemand von ihnen ist über einundzwanzig Jahre alt. Zwei Betreuer werden sie begleiten.

Alle sind sie geboren zu Anfang, aufgewachsen während des größten Krieges der Menschheit. Sie sind Kinder gewesen in den Zeiten des Hungers und der Kälte. Viele haben Väter oder große Brüder an den Fronten verloren. Den Bombenhagel über ihren Städten haben sie erlebt. Andere sind mitgelaufen in wochenlangen Flüchtlingstrecks. Doch frisch wie unbeschriebene Blätter sind sie aus allem hervorgegangen. Unberührt von dem Chaos und dem gewaltsamen Sterben. Das Lachen ist ihnen nicht vergangen.


*

Minou ist jetzt fast sechzehn Jahre alt. Die einzige, ‚weite‘ Reise, die sie bisher gemacht hat, ist gewesen, als sie mit Lisa und Werner nach Bayern in die Evakuierung fuhr. Da war sie fünfeinhalb.

Zum ersten Mal ist sie jetzt RICHTIG unterwegs.
Nachts sind sie in Brückenstadt abgefahren. In der grauen Morgendämmerung läuft der Zug in Ludwigshafen ein. Ruinenhaft ist die Stadt noch immer. Die Zerstörung sticht ins Auge. Auch Mannheim ist schlimm getroffen. Später kommt Heilbronn. Stuttgart. Ulm. München. Die großen deutschen Städte sind noch nicht heil. Um die Bahnhöfe und in den Zentren: Ruinen. In Vororten Bauschutt-Wüsten. Dazwischen entsteht Neues aus Stein und Stahl. Die Gleisanlagen im Land sind längst wieder in Ordnung, die Bahnhofshallen aber noch vom Krieg gezeichnet. Doch der Wiederaufbau ist schwungvoll im Gang. Tausend Gerüste zeugen davon. Schon zu früher Morgenstunde wird überall gearbeitet. Der Wind des Aufbruchs! An brandneu Entstehendem rast der Zug vorüber, an Halbfertigem aus Beton und Glas. Fabrikhallen, Häusern ... Deutschland wird schöner werden, als es je war. Auf den Bahnsteigen im Morgengrauen Hochbetrieb. Reisegesellschaften. Aufgeregte Menschen stehen in Gruppen beisammen. Rauchen. Lachen. Plaudern. Denen ist der Schlaf längst vergangen. Fernwehkrank, redesüchtig sind die Leute und aufgedreht wie nach viel zu vielen Tassen Kaffee. Die meisten sehen noch ärmlich aus. Ihre Koffer sind aus gepresstem Karton oder mit kariertem Stoff überzogen ... aus der Vorkriegszeit. Wildes Gedränge bei Tagesanbruch. Als hielte es kaum einen Deutschen zuhause. Nun braucht man vom Mittelmeer und fremden Ländern nicht mehr nur zu träumen. Aufgeladen mit Millionen positiver Teilchen ist die Atmosphäre. Es weht die Luft verheißungsvoller Zukunft. Von Tag zu Tag wird es aufregender, zu leben.

Und es ist dann überhaupt keine Zerstörung mehr da, sobald sie München hinter sich gelassen haben und ins Hügelland der Voralpen einrollen. Rosenheim. Überraschende Erkenntnis, als der Zug unter dem blauen Frühsommerhimmel in Richtung Österreich dahindonnert: Das Land ist heiter, unversehrt, sattgrün, wie Minou es nie für möglich gehalten hat. Und sie hatte immer gedacht, dass in ganz Europa die Zeichen dieses Krieges tief eingebrannt seien. Aber hier ist in stundenlanger Fahrt nichts mehr davon zu sehen. Nur große, atemberaubende Schönheit. Allenthalben wuchert hier satt und mächtig die Natur. ‚Die Haut der Erde ist doch heil geblieben.‘

Dass es hier so wenig Spuren menschlicher Besiedelung gibt! Und der hohe Himmel. Das weite, bis zum Horizont offene Land. Wo der Blick unendlich dahinfliegt. Das hat sie nie gekannt. Sie kommt aus einem Gebiet der Kohlegruben, der Koksfabriken. Der Eisenhütten. Wo ein Ort in den anderen übergeht. Wo die Menschen aufeinander kleben wie Blattläuse an einem stark befallenen Ast.

Minou tritt auf den Korridor. Kurbelt ein Fenster herunter. Streckt den Kopf hinaus. Der Fahrtwind reißt ihr die Klammern aus den hochgesteckten Haaren. In die Höhe wirbelt er die langen Strähnen. Peitscht sie ihr um die Ohren. Der Wind zerrt und tobt, fährt ihr mit Gewalt ins Gesicht, dass ihr die Tränen aus den Augen laufen. Etwas Machtvolles hat das Mädchen gepackt, ein Gefühl, das sie nie gekannt hat: Verheißung von Neuem, Großartigem! Die Freiheit ... Sie dröhnt ihr entgegen aus dem furiosen Stampfen der Räder, die über die Geleise wüten, aus dem Schlagen von Metall auf stählerne Schienenstränge ... Freiheit ist in der Art, wie der Zug dahinbraust über schwindelerregende Brückenkonstruktionen..
Vorsicht - den Kopf nicht zu weit hinaushängen - ab und zu kommen von der Lok her Kohlebrocken geflogen. Das geht leicht ins Auge. E pericoloso sporgersi ...

Der Zug fährt seit einer Stunde durchs Weideland der Voralpen. Über hohe Viadukte. Oder windet sich durch tiefe, grüne Gründe, Der Zug ist so lang, dass bei Serpentinen die letzten Wagen den ersten ganz nah kommen. Wie eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt.
Weich sind die Grasmatten an den Hängen. Wie mit Samt bezogen. Kirchlein mit Zwiebeltürmen und Spielzeug-Bauernhöfe liegen tief im Tal. Als wären sie aus klitzekleinen Bauklötzen gemacht. Ebenso bunt. Und ebenso einfach. Das ist vielleicht Tirol. Lachende Fluren ... Die Welt da draußen ist eine große Wundertüte, die sich heute zum ersten Mal für die jungen Leute auftut.

Auch im Abteil ist es angenehm. Minou fühlt sich wohl im gerücheschweren Plüschnest. Wo sich die Ausdünstungen der Reisenden von vielen Jahren gesammelt zu haben scheinen. Zigaretten- und Körperdunst. Parfum. Wo abgewetzter, dezent gemusterter Velour sich weinrot-grundig über Wand und Sitzpolster spannt. Es ist gemütlich im Eisenbahncoupé. Inmitten ihrer jetzt schon vertrauten Clique.


Zwei frühere Klassenkameradinnen von Minou machen mit ihr diese Reise: Ute und Christel - nicht Christel Dornbüsch, die ist im Lehrerinnenseminar.

Minou hat es glücklich getroffen. Sie hat einen Fensterplatz. Doch öffnet sie dieses Fenster nicht - hier im Abteil wollen sie keine Zugluft. So blickt sie durch die blank geputzte Scheibe. Eine große Ruhe beginnt, sie zu erfüllen, wie sie jetzt im Hinausschauen die Landschaft in sich aufnimmt, alles in sich hineinsaugt, was vorbeizieht, vorüber gleitet. Und so nie mehr zu sehen sein wird. Für ewig nicht.

Eine Frau, schwarzbraun von der Sonne verbrannt, mit weißem Kopftuch und ein kleiner Junge an ihrer Hand, winken. Aus einem sommerlichen Bauerngarten am Berghang. Hart neben den Schienensträngen. Irgendwo in Südtirol. Da, wo alle Züge durchfahren und nie einer hält. Die beiden haben keine Schuhe an. Ein lachendes großes, ein ernstes kleines Gesicht ... schon vorbei. Doch für immer eingeprägt in Minous Gedächtnis.

Ankunft Bolzano um 14.30 Uhr. Am Brenner schneit es. Tief hängen die Wolken. Die Luft ist eisig. Die reine Bergluft. Der Alpenpass. Jahrtausende alter Durchgang für alle, die es nach Süden zieht.


Junge Männer kommen von draußen in ihr Abteil. Uniformierte. Polizisten. Oder Soldaten? Warm verpackt. Kontrollieren Pässe. Fahnden nach Schmuggelgut. Tun wenigstens so, als fahndeten sie. Untersuchen das Gepäck. Lächeln in die gespannten Mädchengesichter hinein. Sagen mit schwarzglänzenden Samtaugen Schmeichelhaftes.
Da hören die deutschen Touristinnen die ersten Worte in der fremden, wohlklingenden Sprache.


"Bella tedesca, bella bionda" sagen die jungen Männer mit weichen Stimmen. Und lächeln. Die Mädchen werden rot wie die Tomaten.
"Belle, belle ragazze!"
Man lacht, man hat Zeit, fünfzehn Minuten Aufenthalt, um miteinander zu plaudern. Man versteht sich kaum und versteht sich doch. Tauscht Adressen aus. Weil die Männer darauf drängen. Hungrig nach Leben, nach Abenteuer geben ein paar Mädchen ihre Anschriften den jungen italienischen Carabinieri ... Man wird sich schreiben ... vielleicht.

Ute möchte noch schnell Fotos schießen. Von ihren ersten Schritten auf italienischem Boden.

"Kommt ... Warum gehen wir nicht alle hinaus!?" Auf den verschneiten Bahnsteig? Schnee im Juni!! Das hat die Welt noch nicht gesehen!

Da flattern dann die deutschen Mädchen in ihren leichten Sommerfähnchen wie verirrte Schmetterlinge auf dem Brennerpass herum: "Huch, wie eisig." Reiben sich Arme und Schultern warm, machen dabei mehr Verrenkungen als nötig. Die italienischen Polizisten schauen hochinteressiert zu ... "O, die Carabinieri müssen auch aufs Bild!" Die jungen Damen liefern sich mit ihnen eine Schneeballschlacht. Ein gutes Knipsmotiv!

Bald ertönt der Pfiff: Einsteigen. Es geht wieder schnatternd hinein ins warme Nest! Draußen winken die Männer zum Abschied ...
Der Zug rast weiter in Richtung Süden. Tief unter ihnen steinige Ebenen. Gebirgsflüsse. Weit geöffnete, kieselbesäte Stromtäler. Wild wirbeln die Flüsse, schäumen über Felsen. Tosen durchs zerklüftete Land. Glasklar sind sie. Reißend. Aber führen nur wenig Wasser. Dass man die weißen Steine auf dem Grund in den Strudeln springen sieht.
Die jungen Leute essen ihre mit Salami und Käse belegten Brote von zu Hause. Draußen ist jetzt hoher Sommer. Immer neue Hänge, sanfte Almwiesen ziehen vorbei. Kuhherden mit Glocken um den Hals. Selten ein Haus. Weite Landschaften, fett und sattgrün.

Die meisten im Abteil beachten das Draußen kaum. Sie sind viel zu sehr miteinander beschäftigt. Tauschen Obst und Schokolade. Tauschen Worte. Fragende Blicke. Erzählen später Witze, Gruselgeschichten. Lachen sich an. Lachen miteinander. Übereinander lachen sie auch ... Schon kann man sehen, wer wem gefällt ... erste Annäherungsversuche.

Später verlassen sie das Abteil. Die Halbwüchsigen treiben sich neugierig herum. Durchforschen den Zug von Anfang bis Ende. Mit all seinen Coupés und Nischen. Mit seiner zusammengewürfelten, menschlichen Fracht. Überfüllt sind die Waggons. Nicht alle Reisenden haben Plätze in den Abteilen bekommen. Sie belagern die Gänge. Die Deutschen lungern mal hier, mal da herum. Plaudern mit jungen Leuten aus Frankreich, England, Belgien. Aus Ländern, von denen sie nicht viel wissen. Machen sich irgendwie verständlich. Reden mit Augen und Händen.

Christel und Minou sitzen bald auf fremden Koffern, schüchtern zuerst, dann auf einmal schon nah an fremde Männerkörper gelehnt. Denn alles ist eng hier und wird immer enger. Immer mehr junge Leute kommen. Von Viertelstunde zu Viertelstunde rückt man gedrängter zusammen. Rotweinflaschen kreisen in der Runde. Christel und Minou rauchen Zigaretten - fast die ersten ihres Lebens - mit Italienern, von deren temperamentvollen Reden sie kaum ein Wort verstehen. Gestenreiche Annäherungsversuche verwirren sie ziemlich. Christel wird rot bis in die Haarwurzeln. Und doch sind sie beide geschmeichelt.
Minou spürt, dass sie den Männern gefallen. Schön, all die Komplimente zu hören. Wenn auch in dieser Situation maßlos übertrieben wird, das ist klar. Gut ist vor allem: man kann schnell zurückgehen ins Abteil. Das tun die beiden Mädchen dann auch, als ihnen alles zuviel wird: der Wein, die Zigaretten und das nun fragwürdige Verhalten der angeheiterten Südländer, die schon nach ihnen tatschen oder ihnen die Arme um die Schultern legen wollen.

Im Abteil die schon vertraute heimatliche Clique! Körperdunst. Wärme. Geborgenheit. Da zieht man einfach die Tür mit der Glasscheibe hinter sich zu. Und den Vorhang vor.

Mitten in der Nacht erreichen sie Rom. Keiner schläft. Ewige Stadt. Lauter scheint auf einmal das Knirschen, Mahlen und Stoßen der Räder, die über die eisernen Schienenstränge rattern. Durchdringendes Geräusch von Metall auf Metall, Pfeifen unsichtbarer Lokomotiven, als der Zug bremsend einrollt in die mattgelb beleuchteten Hallen und mit schrillem Quietschton langsam zum Stehen kommt. Stazione Termini. Weltstadtbahnhof. Reisende, die nach Süden wollen, warten hier in Gruppen. Und der Klang weiblicher Lautsprecherstimmen durchtönt die Nacht. Hellwach hasten Gepäckträger herbei. Blasse, schlaftrunkene Menschen steigen jetzt, kofferbepackt, aus ihren Abteilen. Gehen hinaus in die römische Nacht, verschwinden für immer, wenn sie den Bahnsteig mit den gelben Lampen hinter sich lassen.

Stazione Termini, riesenhaft, grandios, scheint Minou aber auch chaotisch und nicht ganz von Zerstörung verschont. Ebenfalls im Wandel begriffen? Endlich arbeitet sich der Zug heraus aus den wirren Aufbauten, den Metallgerüsten, dem Gestänge der glasbedachten Bahnhofshallen. Der 'Rapido' gewinnt die Weite. Lässt das schlafende Rom hinter sich, ohne dass man viel davon gesehen hat.

Die anderen, im stockdunklen Abteil, nicken bald wieder ein. Zumindest ist alles still. Minou, eine Wange an die kühle Fensterscheibe gepresst, schaut hinaus aufs mitternächtliche Land. Unendliches, ruhiges Blau aus dem auf einmal die silbrig helle Spiegelfläche eines Sees aufblitzt. Oder das Band eines Flusses. Das dann schillernd ihren Weg eine Weile begleitet. Durch Auen und Wiesen. Und plötzlich nicht mehr da ist. Manchmal sieht sie fern am Horizont ein Dorf. Die Häuser kuscheln sich eng aneinander wie eine Tierherde zwischen schwarzen Waldstücken und Feldern in der dunkel schimmernden Weite. Immer neue Landschaften tun sich auf. Die Farbe ist blau. Blau. Die blaue Nacht. Der Zug fliegt dahin. Über Hügel, Täler und die samtenen Matten. Der Himmel wölbt sich übers Land. Hoch oben leuchten die Sterne .
Minou ist sehr feierlich zumute. Sie ist keine Spur schläfrig. Sondern aufgewühlt bis ins Innerste. ‚Alle Herrlichkeit auf Erden‘, denkt sie. Das ist der Titel eines Buches, das sie vor kurzem gelesen hat.

Im Morgengrauen ist es urplötzlich da, das Meer, ‚il Mediterraneo.‘ Seine flachen Wellen. Wie ein Traum. Die jungen Deutschen stoßen verzückte Schreie aus. Einen Augenblick später sind alle auf den Beinen. Lachen. Stürzen auf die Korridore, zu den Fenstern, die sie schnell aufreißen:
"Der Ozean!!"
Keiner hat ihn je zuvor gesehen.
Zum erstenmal erblickt auch Minou das Meer. Sie ist nicht überrascht. Merkwürdig. Es ist ihr nicht fremd. Genau so, hat sie gewusst, würde es sein. In silbrigem Weiß, von den ersten Strahlen der noch unsichtbaren Sonne beleuchtet, träge, gar nicht aufgewühlt, dehnt es sich vor ihnen ins Unendliche. Das Meer am Morgen. In leichten Dunst gehüllt und doch so, dass der Blick bis zum Horizont schweifen kann und nichts ihn aufhält ... Das Meer, als schlafe es noch. Rein, unberührt. Wahrhaftig ganz weiß im seltsamen Zwielicht der Frühe. Dann rollt auf einmal der rote Feuerball aus den Wassern heraus, schraubt sich auf zum Himmel, rasend und rotierend. Lässt die ganze Welt explodieren in einer Ekstase von Licht und Farben.
Sie alle schreien vor Staunen. Rosig beleuchtet vom Morgenglühen fallen sie einander in die Arme. Sonnenaufgang am Meer! Der Zug rollt gen Süden.


*




50
STRAßE VON MESSINA

‚Il Mediterraneo‘ begleitet von da an ihre Reise. Die Eisenbahnstrecke führt am Ufer entlang. Auf einmal liegt der Sommer heiß über dem Land. Schwer und bleiern. Immer schneller geht es in Richtung Sizilien. Das Meer mit südlichen Buchten und Stränden säumt jetzt, tiefblau, zur Rechten ihren Weg.


Neapel, Napoli hat man hinter sich gelassen. Jetzt rasen sie auf Reggio di Calabria zu. Der Stadt, die einst von einem Erdbeben bis auf den letzten Stein vernichtet wurde, so sagt Herr Kanutz, der Reiseleiter. "Das war im Jahr 1908."

Von Reggio aus die Überfahrt. Der Zug rollt auf die Fähre. Straße von Messina. Lo Stretto. Die Meerenge. Die einst Odysseus und seine Leute auf ihrem Schiff durchquerten, weil Stürme sie weit von der Heimat Attika weggetrieben hatten. Fast steuerlos vom Wind vor sich her geblasen, wussten sie nicht mehr, wo sie waren. Kamen zu Scylla und Charybdis. Den beiden mythischen Felsen. Der eine auf sizilianischer, der andere auf kalabrischer Seite des Stretto. Damals waren das aber keine Felsen, sondern grause Ungeheuer. Verirrte sich ein Schiff zwischen die beiden, so rollten sie wie Mahlsteine aufeinander zu, zermalmend, was ihnen in die Quere geraten war. Kaum aber waren Scylla und Charybdis in der Mitte der Enge aufeinander geprallt, da mussten sie, laut Gesetz der Götter, schon wieder auseinander driften, dass beide an ihren Ursprungspunkt zurück gelangten. So schafften sie für eine kurze Weile des Zurückweichens eine sichere Pforte, einen Durchgang. Odysseus warf nun eine Taube zwischen die beiden Ungeheuer in die Luft, sie bewegten sich augenblicklich in rasender Eile aufeinander zu, zerquetschten das arme Vögelchen und während sie sich dann wieder voneinander entfernen mussten, konnten die schlauen Griechlein mit ihrem Schiff behände durch die entstandene Wasserstraße schlüpfen. Es ist keine pure Legende. Die Felsen gibt es wirklich hier im Stretto ... und reißende Strömungen auch, die, wie es heißt, schon vielen Fischerbooten und kleineren Schiffen den Untergang gebracht haben.

Die Reisenden dürfen den Zug, der nun auf der Fähre steht, verlassen. So laufen die jungen Deutschen auf der schwimmenden, schlingernden Plattform herum. Schaukelnd zwischen Himmel und Meer. Viele Leute lehnen aufgeregt an den Geländern.
Kornblumenblau ist das Firmament. Das Meer hat die Farbe Kobalt. Satt wie dunkle Tinte. Am Horizont voraus flimmert verschwommen Land. Die Sonne brennt. Straße von Messina. Messina-Straits. Amerikaner sind auch da. Filmen mit ihren teuren Kameras. Die Insel, die in der Ferne auftaucht, ist Sizilien. Und über ihr königlich der Berg Etna. Majestätisch, unberührt. Auf dem Gipfel liegt Schnee. Der Vulkan mit seiner breit gezogenen Kappe aus Schnee leuchtet ihnen wie eine Fata Morgana über das Hochsommermeer entgegen. Es kommt Wind auf. Eine stürmische Brise. Am Himmel eilen Schönwetterwölkchen dahin wie Watteflocken im puren Blau. Die Fähre mit dem Zug nähert sich Messina. Die Welt ist eine herrliche Verheißung.

*





ENDE DES 1. BUCHES.


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Copyright Irmgard Schöndorf Welch

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Fortsetzung: DER SIZILIANER

( auf E-Stories )

http://www.e-stories.de/view-kurzgeschichten.phtml?9964+romane




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Kommentare  

Es lohnt sich für diesen Roman Zeit zu nehmen. Tolle Geschichte.

doska (02.02.2009)

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