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4 Seiten

Als das Grauen den Wald verließ - Kapitel 4

Romane/Serien · Spannendes
Jetzt erst merkte ich, dass Ringos Kopf nicht mehr an meiner Schulter lehnte.
Ohne mich ihm zuzuwenden sagte ich:
„Ja… das mit Robert war tragisch. Ich vermisse ihn auch. Er war ein guter Kerl.“
Ringe schluchzte nicht mehr.
„Scheiß drauf“, sagte ich leise, stand auf und klopfte meine Hosentaschen ab.
„Hast du ne Kippe?“ fragte ich Ringo und dreht mich im selben Augenblick um.
Doch da war kein Ringo.
Tausend Gedanken schossen mit gleichzeitig durch den Kopf. Hastig blickte ich mich in allen Richtungen um. Doch es gab nichts, außer Dunkelheit.
„Ringo“, flüsterte ich langezogen. Stille. Außer dem Nieselregen war nichts zu hören.
Ich zog das Feuerzeug aus meiner Hosentasche. Ich brauchte mit meinen zitternden Fingern mehrere Anläufe, ehe die Flamme an blieb. Was ich sah, ließ mich kurz laut aufschreien. Es war gleichzeitig Panik, Verzweiflung und völliges Entsetzen. Weder Kaminskis Mercedes, noch Ringos Schrottkarre waren da. Sie waren einfach weg. Panisch lief ich auf die Stelle, vor der von wenigen Minuten die Autos standen, drehte mich um, ging wieder zu dem umgestürzten Baum, auf den ich mit Ringo vor wenigen Augenblicken noch gesessen hatte.
„Ringo.. verdammt wo bist du. Ringo“, rief ich aus voller Kehle. Nichts. Ich schwitzte und fror gleichzeitig. Meine Kehle war komplett ausgetrocknet. Ich drehte mich mehrmals im Kreis, hielt das Feuerzeug mit weit ausgestrecktem Arm von mir. Ich muss eingeschlafen sein, das ist nur ein Traum versuchte ich mir einzureden. Wach auf! Doch nichts geschah. Der Nieselregen ging in einen stärkeren Regen über.
„Ringo“, schrie ich noch einmal, so laut ich konnte. Für einen kurzen Augenblick dachte ich daran, einfach zu warten, bis es hell wird. Doch die Panik und eine bisher ungekannte Angst sagten mir, dass ich augenblicklich weg musste. Weg von diesem Wald. Meine Beine fühlten sich eigenartig taub an. Ich rannte los. Als ich mit meiner Schulter einen starken Ast streifte, ließ ich erschrocken das Feuerzeug fallen. Egal. Ich muss einfach nur den Weg zurücklaufen. Ich stieß mit voller Wucht mit meinem rechten Fuß gegen irgendwas. Es gab einen dumpfen Schlag. Ich schlug hart mit den Knien auf den Boden auf und konnte mich gerade noch mit den Händen abstützen.
Instinktiv rollte ich mich zur Seite und blieb für einen Augenblick liegen. Meine Hände brannten von dem Aufschlag. Auf allen Vieren kroch ich zu der Stelle, an der ich gestolpert war. In ertastete einen metallischen Kasten. Ich schätzte die Abmaße auf vielleicht sechzig mal sechzig Zentimeter und mindestens vierzig Zentimeter hoch. Es gab keinen fühlbaren Verschluss. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Es regnete mittlerweile in Strömen. Vorsichtig klopfte ich auf die Kiste. Kein Zweifel, sie war aus solidem Metall gefertigt. Ich weiß bis heute nicht, welcher Teufel mich geritten hat, dieses verdammte Ding mitzunehmen. Die Kiste war unglaublich schwer. Heute weiß ich, dass sie exakt vierundvierzig Kilogramm wog. Doch als ich sie den Weg bis zur Hauptstraße schleppte und sie mehrmals absetzen musste, kam sie mir doppelt so schwer vor. Krampfhaft versuchte ich eine logische Erklärung zu finden. Wie konnte Ronny verschwinden und wie konnten die Autos verschwinden, während ich keine sechs Meter davor saß? Ich war kurz davor, meinen Verstand zu verlieren.
Völlig entkräftet und durchgeweicht vom Regen erreichte ich die Hauptstraße.


Dienstag, 14. Juli 1987
Rolf Kaminski hatte es sich gerade am Küchentisch mit einer Tasse Kaffe gemütlich gemacht. Die „Neue Deutschland“ lag noch zusammengefaltet auf der Tischmitte. Seine Frau holte die Zeitung immer rein, bevor sie das Haus verließ. Das war gewöhnlich kurz vor sieben. Renate Kaminski war Lehrerin an einer Politechnischen Oberschule. Das Radio verkündete, dass es ein angenehmer Sommertag werden würde. Das Telefon klingelte. Genervt erhob sich Kaminski von der Eckbank und schlürfte zu dem kleinen Schrank im Flur, auf dem das Telefon stand. Er nahm den Hörer ab, meldete sich mit Kaminski und hörte eine Weile zu.
„Karl-Marx-Stadt?“, fragte er ungläubig.
„Haben die Genossen vor Ort…“, wollte er fortsetzen, wurde aber von seinem Gesprächspartner unterbrochen.
Nach drei Minuten war das Gespräch beendet. Fluchend kippte Kaminski den Kaffee in die Spüle, nahm seine Aktentasche und den Mantel und zog die Haustür hinter sich zu.
Er lief durch das kleine Tor des Vorgartens, stellte die Aktentasche auf den Gehweg ab und legte den Mantel über seinen Arm. Nach wenigen Minuten kam der Wagen. Es war nicht wie sonst, der beigefarbene Lada, sondern ein grauer Wolga. Kaum hielt der Wagen, sprang der Fahrer heraus lief um den Wagen und öffnete die hintere Tür.
„Guten Morgen, Genosse Kaminski“.
„Jaja, das werden wir sehen“, antwortete Rolf.
Er stieg ein. Kaum hatten sie die verkehrsberuhigte Straße verlassen, reihte sich der Wolga hinter einem Polizeiwagen ein. Dieser fuhr mit Blaulicht und Sirene mit knapp 90 Stundenkilometern durch die Stadt, überquerte mehrere rote Ampeln. Der Wolga klebte förmlich an dem Polizeiwagen. Zügig erreichten sie die Autobahn. Der Polizeiwagen verließ die Autobahn an der nächsten Abfahrt und der Fahrer beschleunigte nun den Wolga auf 140 Sachen.
Sieben Minuten nach neun Uhr erreichten sie die Stadtsparkasse Karl-Marx-Stadt. Kaminski stieg aus, ließ seinen Mantel und Tasche im Auto. Er zeigte kurz, einem der zahlreichen Polizisten, seinen Dienstausweis des Ministerium für Staatssicherheit und wurde von zwei anderen Polizisten ins Gebäude begleitet. Sofort stürmte ein großer hagerer Mann auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen.
„Genosse Kaminski, ich bin Peter Kellermann, Abteilung Kapitalverbrechen. Gut das sie es so schnell einrichten konnten.“
Wortlos nahm Kaminski die Hand schüttelte sie kurz.
„Soso, Kapitalverbrechen.“

„Es ist…“, wollte Kellermann gerade sagen als ihn Kaminski unterbrach.
„Schnauze! Was soll dieser Aufriss. Sind sie von allen guten Geistern verlassen? Ich will, dass sie sofort sämtliche Uniformierten abziehen. Ich will vor dem, Gebäude keine Polizei sehen. Ist das klar?“

Kellermann schaute ihn kurz ungläubig an. Sein linkes Augenlied zuckte.
„Nehmen sie Haltung an, verdammt!“
Sofort stellte sich Kellermann stramm vor Kaminski.

„Natürlich Genosse“, stammelte er. Kellermann winkte einen Polizisten zu sich und wiederholte die Anweisung von Kaminski.

„Nun dann zeigen sie mir mal das Kapitalverbrechen.“
Kellermann durchquerte die Schalterhalle und Kaminski folgte ihm. Sie liefen durch einen Flur, dann eine Treppe hinab.
Kellermann zeigte auf eine große Stahltür: „Da geht es zum Tresorraum.“
Kaminski betrat den Raum. Ihm fiel sofort der offene und leere Tresor auf.
Mehrere Polizisten waren mit der Spurensicherung beschäftigt.
„Es fehlen 437.000 Mark. Es wurde kein Alarm ausgelöst, es gibt keine Einbruchsspuren, der Tresor ist unbeschädigt und…“
Kellermann zeigte auf die Raummitte:
„…diese Kiste, oder was immer das ist, haben die Täter hinterlassen.“
Kaminski trat an die Kiste und tippe vorsichtig mit den Fuß dagegen.
„Was ist drin?“

„Das wissen wir nicht, es gibt keine Öffnung oder einen Deckel. Es sind keine Fingerabdrücke drauf.“

„Sie gehen davon aus, das es mehrere waren?“ fragte Kaminski und fügte hinzu: „Sie sprachen von Tätern.“
„Ja.. ich glaube, dass es einer allein unmöglich getan haben kann.“

„Soso, glauben. Sind wir hier in der Kirche?“

„Nein, nein.. so meinte ich das nicht. Ich meine nur…“

„Wenn ich ihre Meinung hören will, dann lasse ich sie das wissen. Wo kann ich hier telefonieren?“

~ Fortsetzung folgt ~
 
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