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Die Kinder von Brühl 18/ Teil 3/ Die Russen und die Neue Zeit/Episode 18/Das Hündchen im Schnee und der Sonntagstaubenbraten

Romane/Serien · Erinnerungen
© rosmarin
Wir schreiben das Jahr 1951
Episode 18

Das Hündchen im Schnee und der Sonntagstaubenbraten

Fast unbemerkt war es Frühling geworden. Eines Tages blühte und duftete es wieder überall. Besonders der Fliederbusch mit seinen vieltausend violetten Blüten verströmte seinen betörenden Duft im Hof. Rosi schien, als sei sein Duft in diesem Jahr besonders lieblich. Immer, wenn sie den Fliederbusch sah, zog er sie magisch an. Verzaubert vergrub sie ihr Gesicht in den vieltausend winzigen Sternchen. Am liebsten würde sie so verharren. An nichts anderes denken. Auch nicht daran, dass Else ihn im vorigen Jahr so missbraucht hatte. Doch der Fliederbusch hatte es ihr nicht übel genommen. Er hatte genau an der Stelle, an der Else die Zweige abgebrochen hatte, neu ausgetrieben. So war er in diesem Jahr besonders buschig und blühfreudig.
*
Die Familie hatte wieder Zuwachs bekommen. Diesmal war es kein Baby. Es war Freia. Ein niedlicher Foxterrier. Mitten im Winter hatten ihn die Kinder hinter der Kirche entdeckt. Fast verhungert, starr vor Kälte, saß er vor der Eingangstür im Schnee. Er hatte wohl Schutz gesucht vor dem eisigen Winterwind.
„Guckt mal“, hatte Rosi zu Jutta und Karlchen gesagt, „da sitzt ein kleiner Hund im Schnee.“
Der Hund war kaum zu erkennen. Sein glattes Fell war fast so weiß, wie der Schnee. Nur der kurze Schwanz und die schwarze Schnauze waren zu sehen. Und es schneite noch immer unaufhaltsam. Ganz sacht fielen die Flocken vom Himmel, der fast so weiß war, wie der Schnee. Es würde nicht mehr lange dauern und das Hündchen würde unter der Schneedecke begraben sein.
Mit ihren klammen Frosthänden buddelten die Kinder den Hund aus dem Schnee. „Der ist ja noch ganz jung“, sagte Jutta mitleidig. „Und er zittert.“
„Bestimmt hat er auch Hunger und Durst“, sagte Karlchen. „Wer weiß wie lange der hier schon liegt.“
„Genau vor der Eingangstür. Und keiner hat ihn gesehen. “ Vorsichtig nahm Rosi den Hund und versteckte ihn unter ihrem Mantel. „Den nehmen wir mit“, sagte sie.
„Das wird Mama nicht wollen“, sagte Jutta.
„Und Papi erst recht nicht“, sagte Karlchen.
„Ja“, sagte Rosi, „der mag keine Hunde. Aber wir nehmen ihn trotzdem mit. Sonst erfriert und verhungert er hier vor der Kirche.“
So ist der Foxterrier in Brühl 18 gekommen.
Else war sofort einverstanden. „Unter einer Bedingung kann er hier bleiben“, hatte sie gesagt. „Er braucht viel Auslauf. Ihr müsst ihn also immer mit raus nehmen, damit er sich austollen kann. Für sein Fressen müsst ihr auch sorgen.“
„So ein unnützes Vieh“, sagte Richard. „Unnützer Fresser. Zu nichts nütze. Der kommt mir nicht ins Haus.“
Der kommt mir nicht ins Haus.
„Das ist nicht dein Haus“, platzte Rosi wütend heraus. „Du bist in unser Haus gekommen!“, schrie sie Richard an. „Und hast unseren richtigen Vater vertrieben.“

Irgendwie wurde Rosi immer wütend, wenn Richard ‚unser‘ sagte. Je älter sie wurde, desto mehr vermisste sie Karl. Ihren richtigen Vater. Und desto weniger konnte sie Richard als Vater anerkennen. Sie würde auch niemals Papi zu ihm sagen. Wie die anderen Kinder. Papi. Total lächerlich.
Der sogenannte Papi, der Richard, spielte sich immer mehr wie der Herr des Hauses auf. War er in seinen Augen vielleicht auch. Allerdings nur in seinen. Neulich hatte er sogar die Kinder angeschrien: „Solange ihr die Beine unter meinen Tisch stellt, habt ihr zu gehorchen!“
„Das ist nicht dein Tisch“, hatte Rosi prompt erwidert. „Der Tisch ist noch von den Urgroßeltern. Stimmt‘s Mama?“
„Das stimmt“, gab Else zu. „Aber gehorchen müsst ihr trotzdem. Wenn die Erwachsenen es verlangen.“
‚Und wenn es der größte Blödsinn ist‘, hatte Rosi gedacht.
Sollen wir ihn etwa wieder in den Schnee vor der Kirche legen?“, empörte sie sich jetzt. „Damit er erfriert und verhungert?“
„Nein, nein“, sagte Else schnell. „Es ist ein Lebewesen. Und jedes Lebewesen ist nützlich. Besonders dieses kleine, hilfsbedürftige Hündchen.“ Else sah Richard vorwurfsvoll an. „Wie kannst du nur so etwas sagen“, tadelte sie.
Richard sagte nichts mehr. Er setzte sich auf das Sofa und vergrub sein Gesicht im „Thüringer Volk“.

Das Hündchen war, wie sich herausstellte, eine Hündin.
„Der Hund braucht einen Namen“, sagte Karlchen. „Vielleicht Fox?“
„Fox ist blöd“, war Jutta nicht einverstanden. „Bello gefällt mir.“
„Bello heißt doch schon der Bello in Ziegelroda“, sagte Karlchen. „Lumpi ist auch schön.“
„Ja, Lumpi“, freute sich Bertraud.
„Das geht alles nicht“, sagte Rosi. „Fox, Bello, Lumpi sind doch Jungennamen. Und der Hund ist doch eine Dame.“
„Eine Dame“, amüsierte sich Karlchen. „Und wie soll die Dame heißen?“
„Vielleicht Freia?“, schlug Rosi vor.
„Freia?“, sagte Jutta. „Nie gehört.“
„Eben drum“, sagte Rosi. „Ich habe doch ein Buch über die Germanische Mythologie gelesen. Da ist die Freya, die übrigens mit y geschrieben wird, die Gattin Wotans. Wotan ist der oberste Gott der Germanen. Und Freya ist die Schutzpatronin der Ehe und des Heimes. Und sie ist die Göttin der Fruchtbarkeit und des Frühlings und der Schönheit.“
„Das ist ja toll“, staunte Jutta. „Woher hast du denn das Buch?“
„Ausgeliehen. Aus der Schulbibliothek“, sagte Rosi. „Und weil es doch nun bald Frühling wird, passt doch der Name. Da kann uns Freia doch beschützen und uns Glück bringen.“
„Klar“, war Karlchen einverstanden. „Und damit sie nicht ganz aus der Mythologie kommt, lassen wir das y weg.“
So ist das Hündchen aus dem Schnee zu seinem Namen gekommen.
„So soll Freia also Haus und Hof beschützen“, sagte Else mit einem Blick auf Richard. „Schön, dass ihr das Hündchen vor dem Kältetod gerettet habt. Das ist wirklich eine gute Tat der Nächstenliebe.“
*
Wenn Else gut drauf war, hatte sie mit allen Lebewesen Mitleid. Sie half, wo sie nur konnte. Auch wenn sie dabei zu Schaden kam. „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst“, zitierte sie oft die Bibel. „Auch Gott hat die Menschen geliebt. Das er seinen eingeborenen Sohn gab.“

‚Und was war mit den Täubchen?‘, dachte Rosi jetzt.
Von Dezember bis Februar war auf dem Marktplatz jeden Mittwoch Taubenmarkt. Viele Züchter aus Buttstädt und den umliegenden Dörfern boten ihre Tauben zum Verkauf an. Auch Else besuchte den Markt. Eines Tages kam sie mit zwei jungen Tauben an. „Was willst du denn mit den Tauben?“, hatte Rosi, Schlimmes ahnend, gefragt.
„Was denn wohl“, hatte Else unwirsch geantwortet. „Die gibt es heute zum Mittagessen. Unser Sonntagsbraten sozusagen.“ Ohne mit der Wimper zu zucken, drehte Else erst dem einen Täubchen und gleich danach dem anderen den Hals um. „Oder hast du was dagegen?“

Natürlich hatte Rosi was dagegen. Das Knirschen der Halswirbel ging ihr durch und durch. Vor Entsetzen ob Elses pragmatischer Kälte, brach ihr der Schweiß aus. Sie zitterte. Ihr wurde übel. „Natürlich hab ich was dagegen“, schrie sie. „Den Sonntagsbraten könnt ihr ohne mich essen!“
Wütend und zutiefst verletzt, rannte Rosi nach oben. Im Schlafzimmer stellte sie sich vor den Spiegel über dem Waschtisch und heulte Rotz und Wasser. Sie schluchzte wie ein Schlosshund, würde Else jetzt sagen. Dabei betrachtete sie sich aufmerksam im Spiegel. Und je länger sie sich betrachtete, desto heftiger flossen die Tränen. Ihr war, als hätte Else ihr etwas ganz Schreckliches angetan. „Am liebsten würde ich sterben“, schluchzte sie ihr Spiegelbild an. „Unglücklicher als ich, kann kein Mensch sein.“
In ihrer Fantasie sah sich Rosi in einem offenen Sarg liegen. Else hatte ihn mit ihren schönsten Kissen ausgelegt. Rosis Kopf ruhte auf ihrem Lieblingskissen. Umrahmt von ihren langen, rotblonden Locken. Die ganze Familie stand um den Sarg herum. Auch Onkel und Tante Metzner. Mariechens Tränen tropften wie kostbare Perlen auf Rosis Gesicht. „Sie war ein so schönes und liebes und kluges Kind“, schluchzte sie.
„Und so sensibel“, schluchzte Else mit dem kleinen Walti auf ihrem Arm. „Ich habe ihr so ein Unrecht getan. Nun kann ich es nicht mehr gut machen.“
Jutta, Karlchen, Bertraud und Margitta hielten sich an den Händen und weinten auch. Richard stand etwas weiter weg. Mit seinen großen traurigen Augen beobachtete er das Geschehen. „Wollen wir ihr zum Abschied ihr Lieblingslied singen“, schlug er vor.
„Ja“, sagte Karlchen, „Droben stehet die Kapelle.“
Else setzte sich ans Harmonium und sang. Die anderen sangen auch. Sogar Richard fiel ein. Mit seinem schönen Tenor.

Droben stehet die Kapelle,
Schauet still ins Tal hinab.
Drunten singt bei Wies' und Quelle
Froh und hell der Hirtenknab'.

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
Schauerlich der Leichenchor,
Stille sind die frohen Lieder,
Und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in dem Tal.
Hirtenknabe, Hirtenknabe!
Dir auch singt man dort einmal.

Hinter Rosis Sarg tauchte plötzlich der kleine Hirtenjunge aus dem Tal mit den saftig grünen Wiesen auf. Lustig sprang er über die Wiesen und sang seine fröhlichen Lieder. Die Ziegenherde hüpfte hinter ihm her. Doch dann verdunkelte sich das liebliche Bild. Der Ziegenhirte wird alt und stirbt. Die Menschen im Tal tragen ihn im Sarg zu der kleinen Kapelle auf dem Berg. Hier wird er aufgebahrt. In dem offenen Sarg kann ihn das ganze Dorf sehen und um ihn trauern. Um den Sarg herum duftet ein Blumenmeer voller wilder Blumen und Kräuter. Blumen und Kräuter. Die nur hier oben in den Bergen wachsen. Zum Beispiel der Alpensüßklee. Oder die Alpenkrokusse. Oder die Alpenwaldrebe.
Auch die kleinen Zicklein stehen um den Sarg herum. Auch aus ihren großen blauen Augen tropfen die Tränen.

Bei diesem Bild kam Rosi zurück in die Realität.
„Du spinnst“, rügte sie ihr Spiegelbild. „In letzter Zeit bist du wirklich überempfindlich. Da hat Else schon recht. “
Energisch wischte sich Rosi die Tränen vom Gesicht. Soll Else doch so vielen Tauben, wie sie will, die Hälse umdrehen. Sie würde jedenfalls nichts davon essen.

So kam es, dass die Familie ihren Sonntagstaubenbraten ohne Rosi verspeiste.

***
Fortsetzung folgt
 
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