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Die abenteuerliche Reise nach Persien/6 und zwei Schlüsse

Romane/Serien · Romantisches
© rosmarin
-6 -
______
Carla plagte das schlechte Gewissen, als sie erfuhr, dass Falken ernsthaft Probleme mit der Droge hatte. Das hatte sie natürlich nicht beabsichtigt. Sie wollte ihn nur etwas inspirieren, weil er doch in seinem Schreibloch steckte.
Und nun noch diese Geschichte mit Maren Lars. Die ja nun völlig aus dem Ruder gelaufen zu sein schien.

Sie hatte die junge Germanistin auf der Buchmesse in Frankfurt kennen gelernt. In der Kantine saßen sie bei einem Kaffee am selben Tisch, sahen sich nach kurzer Zeit in ein intensives Fachgespräch verwickelt und stellten schnell einige Gemeinsamkeiten fest. Sie erzählte vom Verlag und erwähnte auch kurz ihre Scheidung von Falken. Maren plauderte auch aus der Schule. Sie hatte Germanistik studiert, mit dem Ziel, Journalistin zu werden und hatte den Wunsch, sich zu verändern, da sie auch gerade eine Trennung hinter sich habe.

„Der Kerl war mein Chef“, sagte sie. „Verheiratet. Zwei süße Kinder.“
„Das wusstest du doch bestimmt vorher.“ Carla schüttelte verständnislos ihre blonde Engelsmähne. „Und hast es in Kauf genommen.“
„Ich war jung und unerfahren“. erwiderte Maren zerknirscht. „Ich dachte, er lässt sich scheiden.“
„Immer das selbe Lied“, sagte Carla und streckte ihren rechten Zeigefinger in die Luft, „die lassen sich nur in den seltensten Fällen scheiden. Die lieben ihre Bequemlichkeit. Besonders die Älteren.“
„Ja“, stimmte Maren zu, „das ist wohl so. Und eine junge Geliebte zu haben, mit der man es im Büro und auf Dienstreisen treiben kann, ist doch auch sehr erfrischend.“
„Du sagst es.“
„Vier Jahre ging das.“ Maren nickte nachdenklich mit dem Kopf. „Vier Jahre.“

Carla bot ihr spontan das Lektorat an.
„Und du kannst das Apartment, das Falken benutzte, bevor er ins Landhaus zog, haben“, schlug sie vor und lud sie ein, für ein Wochenende zu ihr zu kommen. „Dann können wir in Ruhe alles Weitere für deine zukünftige Arbeit besprechen“, fügte sie zufrieden hinzu.

So zog Maren nach München. Und sie fühlte sich, wie man so sagt, bald pudelwohl.
Auf die Idee, Falken eine Komödie vorzuspielen, kam Carla. Die Idee in die Tat umzusetzen, war ein Kinderspiel. Im wahrsten Wortsinn. Sie brauchten nur die Geschichte in seinem Manuskript weiter zu spielen. In den Abfallkörben, die sie regelmäßig bei ihren Besuchen bei Falken leerte, fand sie Fragmente, die sie zwar für gut hielt, im Manuskript aber nicht fand und nun einfügte.

Maren war sofort begeistert und spielte mit, ohne Falken zu kennen. Sie wusste nur, er war Schriftsteller des Hauses und trotz seiner jungen Jahre etwas schrullig. Mit Begeisterung las sie das Manuskript, lernte die Fragmente aus dem Papierkorb auswendig und freute sich kindlich, nach langer Zeit endlich wieder ausgelassen und fröhlich sein zu können. Dann traf sie Falken persönlich auf der Fete und sie fuhren in sein Landhaus…

Nachdem Maren sich von Falken verabschiedet hatte,um angeblich schlafen zu gehen, wartete sie noch eine Weile in ihrem Schlafzimmer, schlich dann wieder ins Wohnzimmer und verwischte alle Spuren. Ganz leise trat sie dann auf die Veranda. Falken saß ruhig und entspannt im Lehnstuhl und schlief, während ein süßer Duft von Flieder über ihn hinweg wehte. Ihr Parfüm.

Von dem Wein, den sie vorher im Haus versteckt hatte, nahm sie die zwei fehlenden Flaschen und stellte sie in das Regal im Keller. Im Morgengrauen dann verließ sie das Haus und ging zum Bahnhof.
Sie war unglücklich und traurig, denn so sehr sie sich auf den Ulk gefreut hatte, so leid tat es ihr jetzt. Falken war ein Mann, dem man nicht alle Tage begegnete. Unverdorben und von fast kindlicher Naivität, hinterließ er den Eindruck, als sei er noch nie angelogen oder enttäuscht worden. Und ausgerechnet sie musste die Enttäuschung sein.

*

Falken stürzte sich wieder in die Arbeit und inszenierte weiter sein Tourneestück.
Carla rief an und versuchte, das Geschehene zur Sprache zu bringen.
"Ich bin dir eine Erklärung schuldig", begann sie vorsichtig.
"Ja? Welche denn."
"Na ja, das, mit Maren. Du weißt schon.
"Mit weeem?"
"Mit Maren Lars."
"Wer zum Kuckuck ist Maren Lars. Ich verstehe gar nichts."
Nun wusste Carla, dass Falken alles wusste.
"Ach nichts", sagte sie. "Vergiss es. Ich komme am Wochenende."

"Nachdem wir uns den Jux ausgedacht hatten", sagte sie, als sie auf der Veranda ihren Wein tranken, "fragten wir Werner, ob er mitmachen würde. Und natürlich wollte er. Die Fotomontage war dann nur noch Routine."
"Und was war mit den Opiaten in meinem Blut?"
"Die Eier", sagte Carla. "Nein. Vergiss es. Werner hat dir die Droge ins Essen getan."
"Verdammt."
"Eine harmlose." Carla streichelte beruhigend Falkens Hand. "Eine, die das Bewusstsein erweitert. Uns in unsere Vergangenheit führt."
"Oder vielleicht doch die Eier. Oder beides?" Falken hatte Humor und beschloss, die ganze Sache als Scherz zu nehmen. "Lass es gut sein", sagte er. "Mir ist ja nichts passiert. Im Gegenteil. Ich habe eine Reise in die Vergangenheit gemacht. Und viel über mich gelernt."

Carla war erleichtert und sie fuhren in den Ort, um für das Wochenende einzukaufen.
"Wie ein Ehepaar", stellte Falken fest. "Ja. Ja."
"Habe ich auch schon oft gedacht. Warum haben wir uns überhaupt scheiden lassen?"
"Anders die Frage. Warum haben wir überhaupt geheiratet?"
"Deine Idee. Moralische Einstellung. Du musstest dir einen Stempel vom Amt holen, um mich mit reinem Gewissen lieben zu dürfen.“
„So ist es.“
„Mich stören solche Freiheitsberaubungen.“
„Und jetzt?“
„Jetzt leben wir in so genannter wilder Ehe.“
„Stimmt. Ich bin dein Liebhaber.“
„Und mir lieber als mein Ehemann„, lachte Carla und fügte schelmisch hinzu: „Und dich stört es doch wohl auch nicht?"
"Ja. Nein...“, stotterte Falken. „Wir schlafen miteinander. Verbringen den Urlaub gemeinsam. Sind an den Feiertagen zusammen. Was war denn so schlimm an unserer Ehe?"
"Der Stempel, mein Lieber. Der Stempel. Der uns erlauben sollte, glücklich zu sein. Ich bin lieber deine Konkubine, als durch die Gnade eines Paragraphen eine biedere Haus - und Ehefrau."
"Ja, aber die Leute…"
"Da haben wir es", sagte Carla aufgebracht. "Dir war immer wichtig, was die Leute sagen oder nicht sagen. Jetzt hör aber auf mit dem Quatsch. Nimm lieber den Einkaufskorb. Du brauchst nicht unbedingt die Hände zum Reden."

Maren hatte nicht gelogen, als sie Carla sagte, sie fühle sich nicht wohl. Es war die Unsicherheit, der Kampf der Gefühle. Sie hatte sich in Michael Falken verliebt, musste sie sich eingestehen. Wieder und wieder erlebte sie die Nacht im Landhaus. Falken hatte nicht ein einziges Mal den Versuch unternommen, die Situation auszunutzen. Nicht die kleinste Berührung. Nur zufällig, als er ihr die Stola um die Schulter legte, hatte er sie ganz leicht berührt. Sich aber sofort entschuldigt. Als hätte er Gott weiß welch Vergehen begangen. Sie musste ihn unbedingt anrufen. Wie oft hatte sie schon zum Telefon gegriffen, doch jedes Mal wieder aufgelegt.
„Jetzt musst du durch“, sprach sie sich selbst Mut zu. „Nur noch einmal.“

Das Freizeichen am anderen Ende ertönte. Marens Herz klopfte wie verrückt. Beinahe hätte sie wieder aufgegeben. Doch in dem Augenblick, in dem sie auflegen wollte, meldete sich Falken.
"Ja. Hier ist Maren Lars", sagte sie und versuchte, ihre Stimme so normal wie möglich klingen zu lassen.
"Maren…“
„Ja. Ich.“
Pause.
„Ich hoffe, du kommst bald wieder."
„Ja, ich…“
"Du bist jederzeit willkommen."
„Ich komme mit dem Frühzug.“
„Ich freue mich, Liebes.“
"Na, siehste", lobte sich Maren, "ging doch, alles kurz und schmerzlos."
Maren tanzte mit dem Hörer in der Hand im Zimmer herum.
„Und was hat er gesagt“, sang sie. „Ich freue mich, Liebes. Ich freue mich, Liebes. Ich freue mich, Liebes.“

Falken erwartete Maren aufgeregt am Bahnhof. Bis Mittag hielten sie sich in der Stadt auf und fuhren dann nach dem Essen zu seinem Landhaus.
Der Tag darauf war ein Sonntag. Es regnete ununterbrochen. So hatten sie einen Vorwand, gar nicht erst aus dem Bett zu steigen. Nur Falken stand für eine kurze Weile auf, um den Genuss, den der Regen ihm bereitete, voll auszukosten. Weit öffnete er alle Fenster.
"Es ist eine wunderbar frische Luft hier, wenn es regnet." Er atmete tief durch. "Es ist auch wunderschön, dem Regen zuzuhören, wenn er über die Baumblätter gleitet, sie dann leise kichern, als würden sie gestreichelt." Er kuschelte sich wieder zu Maren unter die Decke. "Und doch ist dies ein Tag, an dem ich am liebsten nicht aus Bett möchte."
"Ich liebe dieses Wetter auch." Maren küsste Falken lange auf den Mund.
"Sooo?", fragte Falken atemlos.
"Ja, seit eben, als du sagtest, dass du bei so einem Wetter nicht aus dem Bett möchtest."

Am Montag erstrahlte dann die Sonne schöner denn je.
„Soll ich dir mal vorlesen, was ich in meiner ersten Fassung geschrieben habe?, fragte Falken Maren, die sich auf der blauen Couch dicht an ihn geschmiegt hatte.
„Aber sehr gern.“

- Heiko Sanders stand auf der Veranda seines Landhauses. Mit dem Fernglas blickte er seiner Geliebten entgegen. Er sah ihr rotblondes Haar, das im Winde wehte. Sie ging durch die Wiese voller Blumen. Sein Hund lief ihr entgegen. Und auch er lief ein Stück des Wegs auf sie zu. Als sie ganz nahe voreinander standen, bat er sie, kein Wort zu sagen. Sie respektierte seinen Wunsch und er sah tief in ihre Augen, in denen goldene Splitter glühten, und sprach:
"Ich will nicht, dass der Traum so schnell zerfließt. Wie damals, als ich noch ein Knabe war und du zu mir kamst und ich zum ersten Mal die Sehnsucht nach einem Mädchen verspürte, als du plötzlich mitten im Zimmer standest. Und mit dir kam eine Melodie in den Raum, die ich nie zuvor, aber auch nie mehr danach, gehört habe. Nur dann vernahm ich sie, wenn du zu mir kamst, in den sternklaren Nächten. Du trugst ein rotes Kleid.Ich konnte nur deinen Rücken sehen. Dein goldrotes Haar fiel in langen Wellen über deine nackten Schultern. Als ich dich dann zu mir drehen wollte, um dein Gesicht zu sehen, löstest du dich auf wie eine Seifenblase. Ich stand allein im Zimmer. Du warst das Mädchen ohne Gesicht. Ich fing an, dich zu suchen. Ich wusste nicht, wer du bist. Ich wusste nicht, wie du heißt. So nannte ich dich Liebe. Ich sagte zu dir Liebe, wie man zur Blume Blume sagt. Wie man die Sterne Sterne nennt. Die Sonne Sonne. Ich sagte einfach Liebe. Denn das warst du für mich. Liebe. In sternklaren Nächten suchte ich dich am Himmel. Zwei der schönsten Sterne machte ich mir aus, setzte sie ein als deine Augen und zeichnete mit den anderen dein Gesicht. So konnte ich dich sehen, wie ich dich sehen wollte. Wenn du dann gelächelt hast und sich um deine Mundwinkel ein Grübchen zeigte, ein Spucknäpfchen für Liebesgötter, wie Heine schrieb, holte ich den kleinsten, den hellsten und schönsten Stern, legte ihn hinein und setzte obenauf den Hauch eines Kusses. Und du warst bei mir. Ganz nah bei mir, greifbar nahe und dennoch so unendlich weit entfernt. Und ich erzählte dir von meiner Sehnsucht, meinen Träumen. Und erst die Helligkeit des werdenden Tages verdrängte dich vom Himmel. Ich aber schloss meine Augen und träumte weiter. Ich liebe dich, du liebe Liebe!"

Das Mädchen knickte in den Knien ein und hielt sich an Sanders Hals fest. Bei soviel Schmalz war sie ins Rutschen gekommen und fiel wie leblos in seine Arme.
"Ich bin nicht so eiskalt, wie Elisabeth", flüsterte sie. "Fühle mich doch." Sie schmiegte ihre Wange an Sanders Gesicht. "Spürst du die Wärme?"
"Doch“, sagte er. „Aber bist du nicht etwas heiß?"
"Ich koche", sagte das Mädchen verschämt.
"Ja, dann." Sanders hob das Mädchen auf und trug es ins Haus, die Holztreppe hinauf. -

Na ja ...

„Eine wunderschöne Liebesgeschichte“, sagte Maren gerührt. „Wann geht es weiter?“
„Ich weiß nicht, wie ich mit Sanders und dem Mädchen mit dem goldroten Haar in dem roten Kleid die Treppe hochkommen und im Schlafzimmer landen soll“, erwiderte Falken, „hab ja jetzt auch was Besseres zu tun.“ Er zog Maren ganz fest an sich. „Meine Liebe.“

Falken verschob das Schreiben auf später, es würde ihm schon etwas einfallen. Der Clemens - Verlag musste halt warten.

Und Falken wartete, dass die Bombe explodiere, denn er hatte doch ein schlechtes Gewissen Carla gegenüber. Er betrog sie, was so gar nicht seine Art war. Aber er war glücklich mit Maren.

Carla rief an, sie würde am Wochenende kommen, er solle verschiedene Salate besorgen und den Grillofen in Schuss bringen. Und für schönes Wetter sorgen.
Na, dann. Wenn Carla so redete, führte sie etwas im Schilde.

***


Ein Schluss, der eigentlich ein Anfang ist

Carla brachte viel zu viel zu Essen mit.
"Wer soll denn das alles verschlingen?", fragte Falken, als sie die Lebensmittel in den großen Kühlschrank packten.
"Seit drei Monaten esse ich für zwei."
Carla setzte sich auf den weißen Küchenstuhl und legte die Hände zärtlich auf ihren Bauch.

Verwundert schaute Falken zu Carla, beobachtete sie erstaunt. Es war so gar nicht ihre Art, so entspannt, glücklich und zufrieden auszusehen. Und überhaupt- was sollten ihre Hände auf ihrem Bauch. Da kam ihm ein seltsamer Gedanke. Sie würde doch wohl nicht …
"Nein", sagte er lauter als beabsichtigt. Ihm fielen fast die Augen aus dem Gesicht vor Überraschung. "Sag, dass das nicht dein Ernst ist?“
"Doch, meine Lieber. Doch."
"Wie konnte das passieren?" Falken ließ sich auf den Stuhl Carla gegenüber fallen. "Sag, wie? Carla!"
"Muss ich dich wirklich aufklären?"
"Das gerade nicht, aber ..."
"Ich weiß, ich wollte keine Kinder. Aber ich habe es mir halt anders überlegt. Mann, pardon, Frau, muss ja flexibel sein."
"Aber, wie …"
"Wie?" Carla lachte. "Ich habe die Pille abgesetzt. So einfach ist das."
"Aber …"
"Aber, aber, wir Frauen sind da ja nicht so kompliziert", sprach Carla fröhlich weiter. "Außerdem wollte ich Maren nicht im Stich lassen."
"Maren nicht im Stich…?"
"Ja. Sie wurde genau eine Woche nach mir schwanger."
Das war zuviel für Falken.
"Ihr verrückten Weiber!", rief er. "Steckt doch immer unter einer Decke. Uns Männer lasst ihr außen vor, benutzt uns nur als Mittel zum Zweck. Alle gleich. Aber ich freue mich, Carla. Ja, ich freue mich!" Falken sprang, auf, zog Carla vom Stuhl, tanzte mit ihr durch die Küche.
"Juchhu! Ich werde Vater“, jubelte er. „Und das im Doppelpack! Verrückt das Ganze."
„Und deine so hoch geschätzte Moral? Die Leute?“
„Ach, scheiß drauf. Oh, pardon.“
Falken ließ Carla los und lief aufgeregt in der geräumigen Küche hin und her.
"Aber…", stotterte er plötzlich, "aber …"
"Hör endlich auf mit deinem albernen 'Aber'", amüsierte sich Carla. "Die Kleine hat in ihrer Verliebtheit nicht nur die ganze Welt, sondern auch die Pille vergessen."
Endlich blieb Falken stumm in der Küche stehen.
"Ist was, großer Meister?" Carla stupste ihn in die Seite. "Diese Neuigkeit verschlägt dir nun wohl doch die Sprache?" Carla zog Falken wieder auf den Stuhl." Setz dich. Beruhige dich. Nimm's gelassen. Maren kommt am nächsten Wochenende mit."
"Wirklich?"
"Ja. Vielleicht mag sie auch einen gegrillten Fisch. Komm, Alter, wir gehen ein Stück."

Falken und Maren machten einen langen Spaziergang durch den Wald. Als sie zurück kehrten, hatten sie alles Wichtige besprochen. Dennoch äußerte Falken Bedenken:
"Und wenn Maren damit nicht einverstanden ist?", zweifelte er.
"Sie ist es", beruhigte ihn Carla. "Wir haben schon darüber geredet. Das Finanzielle übernehme ich."
"Ich kenne da einen Bauleiter, einen Doktor Schrötter", sagte Falken eifrig. "Der kann alles in die Hand nehmen. Er ist zuverlässig und pünktlich. Er hat stets Leute zur Verfügung. Keine Wartezeiten. Und, wenn nötig, hat er auch Bagger."
"Um Himmelswillen, wozu Bagger? Du wirst doch nicht gleich Berge versetzen wollen.“
„Doch, doch, die Liebe versetzt Berge“, lachte Falken. „Steht in der Bibel“, fügte er hinzu.
„Dann muss es wohl stimmen“, stimmte Carla ihm fröhlich zu.

Schon am nächsten Tag erschien Ingenieur Doktor Schrötter, Jurist und Baumeister in einer Person, und machte sich an die Arbeit.
Der Umbau dauerte nur acht Wochen. Entstanden war ein märchenhaft schöner Anbau, bestehend aus mehreren Wohnräumen und einem modernen Büro.

Carla kam als erste in die Wehen. Falken heiratete sie und ließ sich nach der Geburt des Kindes wieder scheiden, um Maren zu ehelichen, die schon den Tag darauf entbunden wurde.
So war die Moral, auf die er wohl doch nicht bedingungslos sch… konnte, gerettet. Die Kinder galten als ehelich, amtlich, mit Brief und Siegel.

Dass Falken fortan mit zwei Frauen lebte, störte zu seiner eigenen Verwunderung niemanden im Ort.

"Die Falkens sind halt eine beliebte und geachtete Familie", scherzte Falken aufgeräumt und fügte fröhlich hinzu: "Mit vier ausnehmend hübschen Mädchen."
Er nahm seine Lieblinge in die Arme und ging nach draußen in den Garten, in dem sie mit Herrn Pichler um die Wette tobten.

"Wir haben zwei Mamis", teilten die Kinder jedem, der es hören wollte, fröhlich mit. "Die anderen Kinder haben nur eine Mami. Wenn unsere eine Mami im Büro ist und arbeitet, passt die andere auf uns auf. Wir sind nie allein."

So verging die Zeit der Falkens in Ruhe und Harmonie.
Eines Nachts im Sommer lag Herr Pichler in seiner Hütte. Irgendwann war er aufgestanden und hinter die letzte Blumenreihe gegangen. Er schaufelte ein bisschen mit den Pfoten herum, legte sich in die Mulde, streckte seine Vorder - und Hinterbeine von sich und stieß einen langen Seufzer aus. Das tat er immer, wenn er sich wohl fühlte.
So fand ihn Falken am frühen Morgen. Er war schon ganz steif und kalt, und seine Schnauze steckte in den Blumen.
Falken blieb ein Weilchen bei ihm stehen. Dann ging er mit gesenktem Kopf in die Werkzeugkammer.

Maren und Carla hatten ihm vom Wohnzimmerfenster aus zugesehen. Als er mit dem Spaten und einem verweinten Gesicht wieder herauskam und nach hinten ging, ahnten sie, was geschehen war.

Falken schaufelte da weiter, wo Herr Pichler begonnen hatte. Die Frauen kamen nach und halfen ihm. Vorsichtig zerlegte Falken die Hütte. Aus den Brettern baute er einen Kasten. Da hinein legten sie Herrn Pichler und senkten ihn in die Erde.
Die vier Töchter kamen hinzu, standen eine Weile sprachlos herum, liefen dann hinaus auf die Wiese. Wenig später kamen sie mit Händen voller Blumen zurück.
"Für Herrn Pichler", sagten sie. "Er liebte sie so.“

Traurig ging Falken durch die Reihen seines Blumengartens, schnitt alle Blumen ab und reichte sie den Töchtern, die ihm gefolgt waren.
"Alle für den - Herrn Pichler“, sagte er und fügte kaum hörbar hinzu: „Er liebte sie so.“
„Jetzt hast du nur noch uns.“
Die Mädchen schmiegten sich ganz dicht an ihn.
„Und uns.“ Carla und Maren taten es den Kindern nach. „Und wir lieben dich alle.“

***


Und noch ein Schluss:


Fortan mied Falken die reale Welt. Er kaufte sich einen Computer, ein Handy, eine Dig und all das moderne Zeugs, das er nicht brauchte, und schrieb fast dreißig Jahre an einem Buch, dass er, wenn er einmal ganz alt sein würde, veröffentlichen oder seinen Kindern überlassen wollte, wenn sie reif genug seien, dieses Buch zu verstehen. Das Buch über eine nicht alltägliche Liebe.

Das andere Buch - Ein seltsamer Frühling oder die Reise nach Persien - hat er nie beendet.

Der junge Mann, Sanders, im Arm das Mädchen mit den goldblonden Haaren und dem roten Kleid, steht noch immer auf der Treppe, ohne Aussicht, jemals die Schlafgemächer zu erreichen.


***
 
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Kommentare  

hallo, doska, danke dir, denn das lese- und auch schreibfutter war ja nun wahrlich keine leichte kost.
hab einen schönen abend.


rosmarin (04.12.2009)

Hm, hm...jetzt bin ich doch scharf am Überlegen, welcher Schluss von den beiden mir am besten gefällt.
So, nach nochmaligem Lesen, weiß ich es: Ich entscheide mich für den ersten Schluss.
Insgesamt war die Story sehr spannend, geheimnisvoll und bisweilen verworren, aber du hast dich geschickt aus allem wieder hinausmanövriert.


doska (04.12.2009)

hallo, jochen, danke für den kommi. es freut mich, dass du dran geblieben bist, nach all den irrungen und wirrungen.
gruß von


rosmarin (03.12.2009)

Na, wenigstens tat es Carla leid und Maren schien auch Gewissensbisse zu haben. Ein toller Kerl eigentlich, dass er ihnen so rasch verzeihen konnte. Kein Wunder, dass ihn gleich beide Frauen vernaschen wollten. Was soll ich sagen: Alles in allem wurden die Geheimnisse gelüftet und die Geschichte hat zwei Schlüsse, die mir beide gefallen. Originelle Story mit guter Pointe.

Jochen (02.12.2009)

hallo, ingrid, danke für den kommentar. der erste schluss ist für die leser, die ein happy end mögen und der zweite ist für mich und die leser, die nicht unbedingt ein happy end wollen. die romanidee ist schon verlockend, aber da müsste der text ganz anders aufbereitet und dreimal so lang werden. na, vielleicht irgendwann mal.
hier kommen ganz liebe abendgrüße


rosmarin (02.12.2009)

das ist jetzt nicht gerade das übliche happy end, aber es hat was. ;)
und falken ist glücklich zu schätzen, oh what a lucky man he was...
das wunder eigentlich ist, dass die frauen sich so gut vertragen, be-nei-dens-wert!!!
lieben gruß und danke für diese wunderbare geschichte, aus der man eigentlich einen roman machen könnte.


Ingrid Alias I (02.12.2009)

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