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8 Seiten

Rosi und das Haus Brühl 18/ Kapitel 2/Karl hat Urlaub

Romane/Serien · Für Kinder
© rosmarin
Kapitel 2

Karl hat Urlaub

Maikäfer fliege, der Vater ist im Kriege, die Mutter ist im Pommerland, Pommerland ist abgebrannt, Maikäfer fliege. Der Vater ist im Kriege ...

Rosi verließ den schmalen ausgetretenen Pfad, der sich entlang des Alten Baches schlängelte. Noch eine Minute. Dann stand sie auf der Straße nach Mannstedt. Einem winzigen Dorf. Nur einen Kilometer von Buttstädt entfernt.
Etwas geheimnisvoll Unergründliches schien diese Straße zu bergen. Ihre Lieblingsstraße. Sie musste einfach auf ihr entlangspazieren. Weiter, immer weiter.
Zu beiden Seiten der Straße wiegten sich alte Obstbäume im Wind. Pflaumen, Äpfel, Kirschen. Alles blühte und duftete.
Die Welt schien verzaubert. Vom Frühling verzaubert. Dieser Frühling schien wie jeder Frühling ein ganz besonderer Frühling zu sein.
Butterblumen, Margeriten, Sumpfdotterblumen, Veilchen leuchteten aus dem üppigen Grün der Wiesen. Fetter Huflattich zu beiden Seiten des Alten Baches gedieh prächtig. Hummeln und Bienen summten.

Wie in Trance lief sie weiter. Hin zum Bahndamm. Sie kletterte den Abhang hinauf und legte ihren Kopf auf die Schienen. Erwartungsvoll presste sie ihr rechtes Ohr fest darauf. Bestimmt würde der Zug gleich kommen. Die Lokomotive schnaufen. Funken sprühen. Dann drohend um die Kurve keuchen und sie dann flink zur Seite rollen und mit Gebrüll den Abhang hinunterkullern.
Also wartete sie geduldig. Doch diesmal war kein Zug zu hören. Sie würde wohl ihren Mut ein andermal beweisen müssen.
Etwas enttäuscht trat sie den Heimweg an. Es war schon dämmerig. Die Obstbäume dufteten noch immer. Hummeln und Bienen summten um die weißen Blüten.
Verträumt schaute sie zu den Bäumen. Bald würden aus den Blüten die Früchte wachsen. Doch die Kinder durften sie nicht pflücken. Nicht einmal auflesen. Dafür gab es die Öbster und die Obstbuden. Alle paar Meter stand so eine Bude zwischen den Bäumen, bewacht von strengen Öbstern. Die Buden waren aus rohem Holz grob gezimmert. Durch die schmale niedrige Tür passte kaum ein Erwachsener. Und das einzige Fenster war so winzig, dass es eher einem Guckloch glich. Daraus schauten die Öbster bei schlechtem Wetter. Mit einem Fernglas beobachteten sie aufmerksam die Umgebung.
Bei schönem Wetter saßen sie vor der Bude auf einem Schemel oder versteckten sich im Gras. Bei den Kindern waren sie nicht besonders beliebt.
Sie lag oft stundenlang mucksmäuschenstill im hohen Gras im Graben, der die Straße von den weiten Feldern trennte. Manchmal kamen auch Jutta und Karlchen mit.
Wenn der Öbster seinem natürlichen Geschäft nachgehen musste und sich zu diesem Zweck ein paar Meter von seiner Bude entfernte, huschten sie schnell aus ihrem Versteck und mausten hier und da einen vollen Korb frisch geernteten Obstes. Dazu gehörte natürlich Mut. Und Ausdauer. Denn, wehe, wenn ein Kind erwischt wurde. Dem erging es schlecht. Die Öbster fackelten nicht lange. Mitleidlos bekamen die Diebe die Gerte zu spüren.
Doch sie wurden nie erwischt.
Sie waren schlau wie die Füchse. Kannten jeden Weg, jeden Steg, die Namen der Blumen, der Vögel, der Pflanzen und Tiere. Mit nackten Füßen wateten sie in den kleinen, sumpfigen Bächen, spielten mit Blutegeln und quakenden Fröschen und waren, wie man so sagt, richtige Naturkinder. Ihr Leben spielte sich vorwiegend auf der Straße ab.

Fröhlich hüpfte Rosi abwechselnd von einem Bein auf das andere quer über die Landstraße. Plötzlich überkam sie ein seltsames Gefühl. Schnell lief sie weiter.
Es passiert was, dachte sie, es passiert was.

*

Neben Brühl 18 stand Herr Schmids vor seinem Haus.
„Heil Hitler!“ Herr Schmids streckte seinen rechten Arm gerade von sich.
„Heil Hitler“, grüßte Rosi artig.
Sie war etwas atemlos. Schließlich war sie das letzte Stück durch die Wiesen, dann den Alten Bach entlang über die Hauptstraße am Ende des Brühls gerannt.
„Warte mal.“ Herr Schmids hielt sie am Arm fest. „Ihr habt Besuch“, sagte er mit einem seltsamen Unterton in der Stimme. „Weißt du, wer da ist?“
Sie schüttelte den Kopf. Woher sollte sie wissen, wer da ist? Sie war doch gar nicht da.
„Rate mal.“ Herr Schmids lachte. „Kannst du es dir denken?“
Ihr Herz klopfte plötzlich bis zum Halse.
„Papa?“
„Papa.“ Schmids’ Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. „Mach schnell. Sonst ist er wieder weg“, schnaufte er und lachte.
Schnell schlüpfte sie unter dem noch immer ausgestreckten Arm des Herrn Schmids hindurch und öffnete erwartungsvoll die Haustür.
Deshalb also diese Unruhe. Karl war da. Endlich. Die Großeltern konnten es nicht sein. Die meldeten sich vorher immer an.
Jedes Jahr im Mai schrieb Else Berta einen Brief.

Liebe Mama komm doch wieder, im Hof blüht schon der weiße Flieder.
Else meinte den Fliederbusch hinter dem Mist, der den Garten zu Schmids Garten trennte.
Jetzt war es Mai. Und der Flieder blühte. Aber Berta und Otto kamen in diesem Jahr nicht. Sie hatten Trauer. Ihr Sohn Walter, Elses Bruder, war mit seinem Flugzug abgestürzt. Von ihm fehlte jede Spur. So galt er als vermisst. Und das sei immer noch besser als tot, denn somit wäre noch Hoffnung, war Elses Meinung.

Vom Hof drangen Stimmen. Die Männerstimme war nicht Richards. Sie rannte fast durch den mit alten Fliesen geschmückten Flur direkt in Karls offene Arme.
„Da bist du ja endlich, du kleine Herumtreiberin“, sagte Karl und stellte sie auf die Füße. „Groß bist du geworden“, wunderte er sich. „Und so hübsch. Wie eine Prinzessin."
Else lächelte. Sie hatte einen seltsamen Ausdruck in ihrem sonst so ernsten Gesicht. Sie schien auch schöner geworden zu sein.
„In einem Jahr kann sich ein Kind sehr verändern Karl“, sagte sie. „Komm Rosi, setz dich zu uns.“

Gehorsam setzte sich Rosi auf die Bank. Jutta und Karlchen saßen schon darauf. Vor ihnen der große, rechteckige Holztisch auf dem einzigen grünen Fleckchen im Hof vor der Mauer zu Schmids Garten. Bereitwillig rückten sie etwas zusammen.
„Wir spielen Mensch ärgere dich nicht“, sagte Jutta stolz.
„Jutta hat gesagt“, empörte sich Karlchen“, „ich habe keine sechs gewürfelt.“
„Hat er auch nicht. Der ist doch dumm.“ Jutta streckte die Zunge raus. „Der sagt immer, er hat eine sechs gewürfelt, ganz egal, wie viele Punkte auf dem Würfel sind.“
„Hab' ich auch! Hab' ich auch!“ Wütend patschte Karlchen auf das Spiel. Die kleinen bunten Männchen hüften fröhlich rauf und runter. Einige fielen auf die Erde. Außer sich stieß er das Spiel vom Tisch. „So“, heulte er los. „Alles deine Schuld. Nun kannst du die Männchen wieder einsammeln. Ätsch!“
„Mach doch selbst.“ Jutta verschränkte bockig ihre Arme. „In dem Gras finde ich die doch nicht.“
„Mama! Mama!“, heulte Karlchen. „Jutta findet die Männchen nicht.“
„Nun aber Schluss!“ Else zog die Kinder von der Bank. „Ihr sammelt jetzt beide auf der Stelle die Männchen wieder auf. Und wehe, es fehlt eines.“ Energisch stupste sie die beiden ins Gras.
„Die streiten sich immer, Papa.“ Rosi rückte näher an Karl, der sich auch auf die Bank gesetzt hatte. „So was Dummes.“
„Und du? Streitest du dich nicht?“
„Nein, nicht mit Jüngeren. Ich bin doch schon groß.“

Sie war stolz auf ihren Vater. Er gefiel ihr außerordentlich. Wie er da neben ihr saß. In seiner gut sitzenden Uniform. Mit dem schmalen Gesicht. Den hellen glänzenden Augen, die tief in den Höhlen lagen. Der geraden Nase, den geschwungenen Lippen, dem glatten, vollen, zurückgekämmten Haar.
Die Männer in den Filmen sahen so aus. Vor dem Kino hing ein Plakat, auf dem der Heesters ganz groß abgebildet war. So ähnlich sah Karl aus. Und er
verbreitete eine geheimnisvolle Aura um sich. Immer mehr fühlte sie in seinen Bann gezogen. Sie konnte natürlich nicht ahnen, dass ihr großer Held sie später in die aufregendsten Abenteuer verstricken sollte.
„Ich habe dich so vermisst.“ Vertrauensvoll schmiegte sie ihr Gesicht an den rauen Stoff der Uniform. „Hast du einen Feind gesehen?“
„Einen Feind?“ Karl schwieg einen Augenblick verblüfft. „Einen Feind? Viele Feinde habe ich gesehen“, erwiderte er endlich. „Viele. Ein ganzes Heer voller Feinde.“ Nachdenklich sah er in Rosis kleines Gesicht. „Was man so unter Feinden versteht“, fügte er nach einer Weile leise hinzu.

Jutta und Karlchen hatten sich wieder beruhigt, die Männchen aufgelesen und sie in das dafür vorgesehene Fach in dem Spiel gelegt.
„So, Kinder. Es ist Zeit zum Abendessen.“ Else stand an der Tür zum Flur. „Kommt jetzt. Und du, Rosi, hilf mir bitte, den Tisch zu decken.“
Karl, Karlchen und Jutta setzten sich an den Tisch mit der blauen Lampe und den gelben Blumen.
Else und Rosi holten aus der nussbraunen Vitrine an der Wand gleich rechts neben der Tür das Geschirr und deckten den Tisch.
„Ich hole noch ein paar Blümchen für Papa.“ Rosi lief schon los. „Zur Feier des Tages.“
Sie ging in den Hof, pflückte ein Sträußchen Gänseblümchen von dem Wiesenfleckchen und stellte es in eine kleine Vase hinter Karls Teller.
„Danke, kleine Prinzessin“, lächelte Karl. „Du verwöhnt mich aber.“
Else holte das Essen aus der Grude. Pellkartoffeln. Die dampften noch. Die Rapunzel waren in einer Schüssel im Flur. Da war es immer kühl. Auch wenn es draußen ganz heiß war.
Else nahm den Deckel von der Schüssel und steckte einen Löffel hinein. Danach setzte sie sich an den Tisch auf ihren Platz an der Stirnseite Karl gegenüber. Sie schloss die Augen und faltete die Hände.
Die Kinder und Karl taten es ihr nach.
„Wir danken dir, Herr“, betete Else leise. „Wir danken dir, Herr, dass du meinen Mann, den Vater meiner Kinder, auf Urlaub geschickt hast. Dass er gesund ist. Bitte, lass den Krieg bald zuende gehen, damit nicht noch mehr Menschen sterben müssen. Bitte, Herr, sei gnädig.“ Nach einer kurzen Pause sagte sie: „Amen.“
„Amen“, murmelten die anderen.
„Mama, du hast vergessen, für das Essen zu danken“, erinnerte Jutta.
„Stimmt. Dann mach du es.“
Alle falteten noch einmal die Hände und schlossen die Augen.
„Lieber Gott, wir danken dir für die gute Speise. Und natürlich auch für Papa“, betete Jutta und sagte dann fröhlich: „Und nun guten Appetit.“
„Amen.“
„Es ist aber falsch“, schmollte Karlchen.
„Was ist falsch?“, wurde Else ärgerlich. „Was Karlchen?“
„Das Gebet. Es ist falsch. Es muss heißen: 'Komm Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast'. So.“
Alle lachten.
„Du hast recht“, war Else einverstanden. So hast du es gelernt. Aber man kann auch etwas anderes beten, etwas, was uns gerade einfällt.“
„Und doch ist es falsch!“, beharrte Karlchen dickköpfig.
„Reichst du mir mal bitte das Salz?“ Karl sah Else verliebt an. Er hielt den Salzstreuer, den Else ihm reichte, in der Luft und vergaß, das Salz auf die von Else gepellten Kartoffeln zu streuen.
Auch Else hatte noch nichts gegessen.
Plötzlich stand Karl auf. „Komm. Ich kann nicht mehr warten.“ Energisch zog er Else vom Stuhl und legte einen Arm um sie.
„Aber die Kinder. Karl …“
Karl drohte den Kindern mit dem Finger.
„Ihr bleibt unten“, bestimmte er. „Und rührt euch nicht vom Fleck. Wir kommen gleich wieder.“

„Kommt mit. Wir lauschen.“ Rosi stand auch auf. Jutta und Karlchen schlichen hinter ihr zum Flur. Kichernd hockten sie sich vor die Holztreppe, die zu den oberen Räumen führte, auf den kalten Steinfußboden.
„Pst.“ Rosi legte einen Finger auf ihren Mund. „Die sind im Schlafzimmer.“
„Und warum ohne uns?“
„Dummchen.“ Rosi schaute Jutta mitleidig an. „Die machen bestimmt ein Baby.“
„Aber wir haben doch schon Karlchen.“
„Der ist doch kein Baby mehr.“
„Oh, ja. Ein Baby!“ Karlchen klatschte in seine kleinen dicken Hände. „Ich will ein Baby.“
„Frau Müller hat gesagt, der Führer braucht Kanonenfutter. Und Herr Schmids hat gesagt, wenn man vier Kinder hat, bekommt die Frau das Mutterkreuz vom Führer“, klärte Rosi die Kinder auf.
„Oma hat schon so ein Kreuz, weil sie dem Führer neun Kinder geschenkt hat. Und zwar in echtem Gold. Papas Mama hat nur drei Kinder und kein Kreuz.“
„Nicht so laut Jutta. „Vielleicht bekommt sie ja noch mehr.“
In diesem Moment kamen Else und Karl eng umschlungen die Treppe hinab.
„Habt ihr ein Baby gemacht?“ Jutta fasste nach Elses Hand.
„Vielleicht!“. Else lachte schelmisch. „Aber nun ab mit euch. Ins Bett. Aber vorher waschen. Und immer schön der Reihe nach. Erst Karlchen. Rosi du hilfst ihm dabei.“
„Bekommst du dann auch das Mutterkreuz vom Führer?“ Jutta zupfte an Elses offener Bluse.
„Aber Jutta. Wer denkt denn an sowas?“ Else schüttelte ihren Kopf, sodass ihre langen, dunklen, aufgelösten Haare lustig wippten. „Nun aber ab“,lachte sie.

Die Kinder wuschen sich im Flur im kleinen Becken mit dem eiskalten Wasser flüchtig Gesicht und Hände, wünschten Else und Karl eine gute Nacht und stiegen die Treppe mit dem weißen Geländer hinauf.
Das Schlafgemach neben dem Elternschlafzimmer war eine schmale Kammer. Nur zwei Betten hatten darin Platz.
Das Bett rechts an der Wand teilten sich Jutta und Karlchen. Das an der linken Wand gehörte Rosi. Über dem Bett hing ein Bild, auf dem sich zwei Pferdeköpfe mit langen, glänzenden Mähnen und großen traurigen, braunen Augen einander zuneigten.
Sie schaute zu dem Bild an der Wand gegenüber. Das war viel lustiger. Darauf war ein kleiner Junge zu sehen, der über eine Brücke ging, die lose über einem Bach schwebte. Der Junge hatte keine Angst, denn über ihm wachte ein pausbäckiger Engel mit sehr großen ausgebreiteten Flügeln und beschützte ihn. Auch war das Bild bunt. Das über ihrem Bett nur braun.

Die Kinder knieten vor dem Bett mit dem Engel nieder, falteten die Hände und beteten:
„Lieber Gott/Mach mich fromm/Das ich in den Himmel komm/.Amen.“
„Und nun ins Bett mit uns.“ Rosi gab den Kleinen einen Klaps und deckte sie fürsorglich zu. „Schlaft schön, ihr beiden.“
Jutta und Karlchen schmiegten sich aneinander. Bald waren sie eingeschlafen.
Sie lag wach. Konnte wieder nicht einschlafen auf dem harten Strohsack, der über den Brettern des dunklen Holzbettes lag. Das blauweißkarierte Bettzeug kratzte ihre Haut. Wie oft schon hatte sie Else gebeten, ihr anderes Bettzeug zu geben.
„Sei nicht so zimperlich“, sagte Else dann immer ärgerlich. „Ich habe kein anderes Bettzeug. Die anderen sagen doch auch nichts. Aber du benimmst dich schlimmer als die Prinzessin auf der Erbse. Ich kann dir nun mal kein Bettzeug aus Linnen und Seide bieten. Gib endlich Ruh‘.“

Sie setzte sich gerade auf. Wollte endlich mal ruhig schlafen. Ohne sich dauernd kratzen zu müssen. Was konnte sie denn dafür, dass das verdammte Bettzeug so kratzte?
Kurzentschlossen knöpfte sie die weißen flachen Knöpfe auf und zog den Bezug ab. Den vom Kopfkissen auch. Man konnte auch ohne Bezug schlafen. Allerdings musste alles wieder in Ordnung sein, bevor Else in die Kammer kam, um die Kinder zu wecken. Sie war manchmal ganz schön aufbrausend.

*

Am nächsten Tag kam Herr Schmids mit zwei Parteigenossen.
„Heil Hitler!“, riefen sie wie aus einem Mund, kaum dass sie durch die niedrige Tür getreten waren.
„Heil Hitler“, grüßte Karl. Im Gegensatz zu den drei Männern streckte er nur unlustig seinen Arm aus. „Was gibt's?“, fragte er im barschen Ton. „Womit kann ich euch eine Freude bereiten?“
„Karl“, sagte Herr Schmids, „du weißt, worum es geht. Stell dich nicht so an. Jeder muss bezahlen. Womit soll sich die Partei sonst finanzieren?“

Das schien ja interessant zu werden. Neugierig spitzten die Kinder, die wie die Orgelpfeifen auf der Couch neben der alten Uhr an der Wand saßen, die Ohren.
Rosi hielt fast den Atem an. Hätte sich am liebsten unsichtbar gemacht. In solchen oder ähnlichen Situationen schickte Karl die Kinder nämlich immer auf den Hof. So auch diesmal.
„Geht raus, marsch, vor die Tür mit euch, das ist nichts für Kinner!“, herrschte er sie an. „Spielt auf dem Hof! Und untersteht euch, an der Tür zu lauschen!“
Die Kinder rührten sich nicht vom Fleck. Wie auf Kommando schauten alle drei auf den braunen Dielenfußboden, als läge da ein Schatz, den sie vorher nicht gesehen hatten.
„Na, los“, sagte Else, „macht, was euer Vater sagt.“
„Wir verschwinden ja schon.“ Rosi stand auf. „Los! Auf den Hof mit uns.“

Hinter der Tür blieben sie stehen. Rosi legte wieder den Finger auf den Mund. Dann guckte sie neugierig durchs Schlüsselloch. Jutta und Karlchen drückten ihre Köpfe an die Tür.
Die Parteigenossen setzten sich an den Tisch. Sie steckten die Köpfe zusammen und redeten und redeten. Plötzlich standen sie auf. Dann setzten sie sich wieder, fuchtelten wild mit den Armen und redeten und redeten.
Die Kinder verstanden kein Wort. Nur undeutliches Gemurmel war zu vernehmen.
„Versteht ihr was?“, fragte Rosi.
In diesem Moment flog die Stubentür auf. Die Kinder plumpsten auf die Steinfliesen.
Die Genossen stürmten hindurch. Stiegen mit großen Schritten über die Kinder hinweg. Verließen eilig das Haus. Ohne 'Heil Hitler'.
„Verflixte Bande!“, schimpfte Karl. „Ich habe euch doch gesagt, ihr sollt nicht lauschen. Los steht auf! Das habt ihr nun davon.“
Die Kinder rappelten sich auf.
„Mein Bein tut weh“, jammerte Karlchen. „Rosi, mein Bein.“
Rosi streichelte das Bein.
„Heile, heile Segen/ Morgen gibt es Regen/ Übermorgen Schnee/ Dann tut's nicht mehr weh/. Besser?“
„Besser.“
„So eine Bande“, wütete Karl im schönsten Sächsisch. „Pack! Alle! Rubben einem noch das letzte Hämme vom Leiwe!“
„Dein Parteibuch brauchtest du ihnen aber nicht gleich vor die Füße zu werfen“, sagte Else vorwurfsvoll. „Das war nun wirklich eine übertriebene Reaktion.“
Am nächsten Tag war Karl verschwunden.


***

Fortsetzung in Kapitel 3
 
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Kommentare  

hallo doska, danke fürs lesen und kommentieren, auch der anderen teile. ja, es passiert viel, obwohl nichts außergewöhnliches passiert für die damalige zeit. aber um karl brauchst du dir vorerst keine sorgen zu machen. da ist der "böse" richard schon schlechter dran.
gruß von


rosmarin (30.12.2012)

Das erste Kapitel hat mir schon mal sehr gefallen. Es ist flüssig geschrieben und unterschwellig sehr spannend. Hinter all der Ruhe tobt der Krieg. Aber so sind Kinder, sie spüren sehr genau, dass da etwas nicht stimmt, wissen aber auch, dass sie viel zu hilflos um aus allem Schlimmen herauszufinden und betäuben sich, in dem sie träumen. Armer Karl, ich habe schlimmste Befürchtungen.

doska (29.12.2012)

Du willst mit deiner höchst interessanten Geschichte die gesellschaftlichen Umwälzungen, denen die Menschen sowohl in der Zeit dieses zu Ende gehenden Krieges, als aber auch in den Zeiten der Sowjetischen Besatzungszone, bzw. der späteren DDR, effektvoll uns näher bringen. Ich vermute eine Familien- zugleich aber auch Liebesgedichte, bei der die politischen Ereignisse eine entscheidende Rolle spielen.
Nun bin ich gespannt, wie es mit Rosis Vater weitergeht. Diesbezüglich fürchte ich Schlimmes!
LG. Michael


Michael Brushwood (05.12.2012)

Hallo RosMarin,

allmählich ist zu spüren, was Du mit Deiner Geschichte vorhaben könntest. Für mich ist interessant, wie es in dieser christlichen Familie zuging – mit Gebeten im Alltag von Kindheit an, aber auch sehr „aufgeklärt“, was sicher nicht in jeder Familie der Fall war. Ob Du es bei einer Schilderung von Begebenheiten mit fast autobiografischem Charakter belässt, oder ob doch noch ein dramatischer Handlungsstrang einsetzt, ist für mich noch offen. Wahrscheinlich aber tendierst Du – siehe auch Dein Untertitel „Familiengeschichte“ – zur Schilderung von Ereignissen, wie sie eben passierten – ohne Dramatisierung.

Eine kleine Anmerkungen hätte ich noch:
Das Lied heißt „Maikäfer flieg, Dein Vater ist im Krieg ...“ (Wegen der Melodie muss der Reim einsilbig sein.)

Weiter gutes Gelingen wünscht Dir


Wolfgang Reuter (03.12.2012)

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