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Rosi und das Haus Brühl 18/ Kapitel 6/Chaos im Luftschutzkeller und Ottos Begegnung mit Gott

Romane/Serien · Für Kinder
© rosmarin
Kapitel 6

Chaos im Luftschutzkeller

Atemlos kamen die Kinder im Brühl an. Die ganze Stadt schien auf den Beinen zu sein. Alle wollten gleichzeitig in die Keller flüchten. Diesmal war es ernst. Die Sirenen heulten ununterbrochen.
Aufgeregt drängelten sich die Frauen mit ihren kleinen Kindern an den Händen vor Vetterlings Tor.
Vetterling hatte den größten Keller und somit den meisten Platz.
„Mütter mit ihren Kindern zuerst.“ Der Luftschutzwart an der Tür hatte Mühe, für Ordnung zu sorgen. „Dann die Alten. Der Keller ist schon überfüllt“, wies er einen ganz alten Mann ab.
Else stand mit dem Baby auf dem Arm vor Brühl 18. Neben ihr stand Richard mit der großen Badetasche.
Da drin waren Dinge, die man unbedingt brauchte, Papiere natürlich, und etwas zu Essen und zu trinken. Man konnte ja nie wissen.
„Ein Glück!“, schrie Else, als sie die Kinder erblickte. „Schnell, schnell! Es ist Alarmstufe eins. Richard, nimm du Karlchen und Jutta! Rosi, hol' die Flasche aus der Grude. Ich hab' sie vergessen. Beeil dich!“
Wieder ertönte das unheimliche Krachen. Die ganze Stadt war in schwarzen, stinkenden Nebel gehüllt. Das Geheul der Sirenen wurde von Minute zu Minute bedrohlicher.
Rosi beeilte sich, die Flasche für das Baby aus der Grude zu holen.
Als sie wieder auf die Straße trat, war keine Menschenseele mehr zu sehen. Mit klopfenden Herzen rannte sie zur Alten Allee. Sie zitterte am ganzen Leibe. Angstvoll schaute sie in den unheimlichen Himmel. Erste Flieger blinkten wie große, rote Sterne.
Sie stand wie erstarrt.
Bestimmt würden die Piloten sie sehen in ihrem roten Kleid. Sie würden sie bestimmt sehen und dann eine Bombe abwerfen. Und sie wäre tot. Oh, Gott.
„Mamaa! Mamaaa!“ Verzweifelt kauerte sie sich auf die Erde. Mitten auf der Hauptstraße machte sie sich ganz klein. So würde sie vielleicht doch niemand entdecken in den Bomberflugzeugen. Sie waren ja auch noch hoch oben am Himmel. Langsam kamen ihr die Tränen. Alle hatten sie vergessen. Sie war den Bomben schutzlos ausgeliefert.
„Mama“, wimmerte sie, „Mama.“
Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrem Kopf. Erschreckt fuhr sie hoch. Die gütigen Augen des alten Mannes, der vorhin von dem Schutzwart vor Vetterlings Tor abgewiesen worden war, schauten sie mitleidig an.
„Komm, Kind“, sagte der Alte, „wir gehen in den Brauereikeller. Ein Plätzchen wird wohl noch für uns da sein.“ Ruhig nahm er ihre kleine kalte Hand in seine große warme.
In den Brauereikeller gingen die Leute nur ungern. Der alte Keller schien ihnen nicht sicher genug. Denn er lag nicht, wie andere Keller unter dem Gebäude, sondern unter einem großen Hügel daneben. Er hatte auch keine Notausgänge und hätte somit die Menschen im Falle einer Bombe unweigerlich unter sich begraben.
„Wir haben keine Wahl“, sagte der Alte, als er ihr Zögern bemerkte. „Komm, Kind.“
Also gingen sie los, begleitet vom Geheul der Sirenen, dem Beben der Erde unter ihnen.
„Nun wird es aber höchste Zeit.“ Ein Schutzwart winkte ungeduldig. „Schnell! Die Bomber sind genau über uns!“ Hastig schob er den Alten mit Rosi an der Hand in den Keller und verriegelte die schwere Eisentür. „Der Keller ist übervoll. Ihr seid die Letzten.“
Erschöpft setzte sich der Schutzwart auf einen kleinen Hocker neben die verschlossene Tür.

Im Keller war es stockdunkel. Die Luft zum Ersticken schlecht. Der Mann hatte Rosis Hand losgelassen. Wo war er nur? Eben hatte sie ihn doch noch gespürt.
Die Leute schwiegen angstvoll. Es war eine gespenstische Stille. Es krachte und polterte immer wieder ganz in der Nähe. Fast über dem Keller. Und jedesmal heulten die Menschen entsetzt auf. Und ein Wogen ging durch die Menge. Ein Baby fing hysterisch an zu schreien. Eine Frau rief hysterisch:
„Ich muss hier raus! Ich muss hier raus! Mein Kind erstickt! Mein Kind stirbt! Mein Kind stirbt!“
Rosi bekam einen furchtbaren Schreck, obwohl sie auch etwas erleichtert aufatmete.
Das Baby war Bertraud Johanna! Und die Frau Else! Sie schrien immer noch. Welche Ängste musste Else ausstehen? Und die Kleinen. Wo waren sie? Wo war Richard?
„Mama! Mama! Ich bin hier. Ich helfe euch!“
Panisch versuchte sie, sich einen Weg durch die nur fühlbare Masse zu bahnen. Vergeblich. Mühsam stolperte sie über fremde Beine, Arme, Körper, Köpfe. Es war kein Durchkommen. Else schrie noch immer: „Mein Kind stirbt! Mein Kind stirbt!“
Andere Stimmen wurden laut. Eine nach der anderen. Es war, als hätte eine Massenhysterie die furchtsam aneinander gedrückten Menschen erfasst.
„Ruhe!“, schrie nun auch der Wächter. „Ruhe! Verdammt! Oder ich lasse den Keller räumen!“
Sofort verstummten die Menschen. Nur das Baby schrie weiter.
Rosi kauerte auf einem fremden Fuß.
Wenn jetzt eine Bombe fallen würde, wären alle Menschen im Keller unter dem Berg begraben.
Sie stellte sich vor, wie die Menschen schreien, trampeln, heulen würden. Aus dem Keller fliehen wollen, keinen Notausgang finden, weil keiner da ist und es sowieso stockfinster ist, und nichts, aber auch gar nichts, zu erkennen.
„Sie werden von den Steinen erschlagen werden“, flüsterte sie. „Sie werden ersticken von dem von der Decke rieselnden Staub. Verhungern werden sie. Verdursten. Oder sich gegenseitig erdrücken.“
Ihr Herz schnürte sich zu und der sprichwörtliche Mühlstein fiel darauf. „Mama“, flüsterte sie tonlos, „Mama.“
Ihr wurde schwindelig. Sie schloss die Augen, sackte zu den fremden Füßen.

*

Erstaunt schaute sich Rosi um. Das war doch ihre Kammer. Das Bild über dem Bett gegenüber. Der kleine Junge, der mutig über eine Brücke geht, weil der Engel über ihm ihn beschützt.
„Mama?“ Verwundert sah sie in Elses besorgtes Gesicht. „Wo ist der Keller? Und der alte Mann?“
„Welcher alte Mann?“ Else ließ Rosis Hand los, tauchte die Mullwindel in die Schüssel mit dem kalten Wasser auf dem Hocker neben sich, wrang sie aus, legte sie wieder auf Rosis Stirn. „Du hast Fieber, Kind“, sagte sie. „Schlaf, damit du schnell wieder auf die Beine kommst.“
„Aber der alte Mann, Mama… .“
„Sie schläft sich gesund“, sagte Else zu Richard, der leise in die Kammer getreten war. „Endlich ist sie über den Berg.“

Nach drei Tagen hatte sich Rosi soweit erholt, dass sie aufstehen und im Hof auf der Bank sitzen konnte.
Die kleine Bertraud Johanna lag in ihrem Korbwagen, lachte und brabbelte. Jutta und Karlchen schliefen in der Kammer.

Teilnahmslos starrte sie vor sich hin. Sie konnte das schreckliche Kellererlebnis nicht vergessen. Immer wieder sah sie die Bilder vor sich, spürte die Angst um Else und die Kleinen.

„Nach der Entwarnung hat dich der Schutzwart zu uns gebracht“, sagte Else, die jetzt in den Hof kam und sich neben sie auf die Bank setzte, so, als hätte sie ihre Gedanken erraten. „Du warst ohnmächtig. Und hast drei Tage nur geschlafen.“
„Weil ihr mich vergessen habt.“ Rosi schaute Else vorwurfsvoll an. In ihren Augen glitzerten Tränen. „Ich stand ganz allein unter den Fliegern in meinem roten Kleid.“
„Aber Kind“, Else streichelte ihre Wange. „Es war so ein Gewimmel überall. So eine Aufregung. Ich dachte, du seist schon vorgegangen. Oder in Vetterlings Keller.“
„Ich sollte doch die Flasche für Bertraud holen.“
„Ja, die lag neben dir als man dich fand.“
„Und wo ist der alte Mann?“
„Welcher alte Mann denn? Was faselst du nur immer? Ich hab' keinen gesehen.“
„Na der, der bei Vetterlings nicht rein durfte. Der ist mit mir in den Brauereikeller gegangen. Zu euch.“
„Das hast du bestimmt geträumt“, sagte Else. Hastig erhob sie sich. „Ich muss mich jetzt um das Baby kümmern“, sagte sie entschuldigend. Sie nahm Bertraud Johanna aus dem Wagen und eilte ins Schlafzimmer, sie zu stillen.
Das tat sie noch immer regelmäßig, obwohl Bertraud Johanna nun schon einige Monate alt war.
„Ich habe zwar nicht mehr viel Mich“, sagte sie, „aber das bisschen ist besser als gar nichts. Es geht nichts über Muttermilch. Das hält die Kinder gesund.“

*

Ottos Begegnung mit Gott

„Dann war es der liebe Gott“, sagte Rosi nachdenklich, als Else mit dem Baby auf dem Arm wieder in den Hof kam, um sie in den Korbwagen zu legen.
„Halt mal das Baby.“ Else setzte das Mädchen auf Rosis Schoß, schüttelte die Kissen im Wagen zurecht, schob das Verdeck nach oben und legte es in den Wagen. „Sieh mal, wie satt und zufrieden sie lächelt.“
„Dann war es der liebe Gott“, beharrte Rosi.
„Dir scheint es ja wieder gut zu gehen“, lachte Else, „wenn du schon wieder so auftrumpfst. Obwohl, Opa hatte ja auch ein Erlebnis mit Gott. Und das hat sein ganzes Leben verändert.“ Else nahm ihr Strickzeug von der Bank und begann zu stricken. „Das wird ein Pulloverchen für Bertraud“, sagte sie. „Ich habe einen von Richard aufgetrennt. Aus alt mach neu.“ Nach einer Pause fügte sie hinzu: „Was braucht Richard weiße Pullover.“
„Ein Erlebnis mit Gott?“ Rosi war hellhörig geworden. Das war doch was. Richards Pullover interessierten sie die Bohne. „Bitte, erzähl es mir.“
„Gut“, willigte Else ein, „wenn wir schon mal etwas Zeit für uns haben.“

Rosi schmiegte sich an Else, begierig diese bestimmt interessante Geschichte zu erfahren.
„Das war so“, begann Else. „Otto, also dein Opa, mein Vater, war als Junge und auch noch als junger Mann ein ganz schöner Rüpel. Er hatte nur Flausen im Kopf. Er schlug sich, trank, rauchte, lief den Röcken hinterher. Und seine schöne Zeit verbrachte er in den Wirtshäusern.“
„In den Wirtshäusern? Hier in Buttscht?“
„Genau, hier in Buttscht.“
„Und wo genau?“
„Bei Schollein. Oder in der Gemütlichkeit oder bei Stars. Seine Eltern hatten nur Ärger mit ihm. Oft genug sagte er: 'Ich bin nur ein uneheliches Kind'. Das stimmte auch. Sein Vater wollte ihn nicht. Und seinen Bruder auch nicht. Aber als dieser auf der Welt war, hat dein Urgroßvater deine Urgroßmutter doch geheiratet.
„Den mit der Schuppenflechte?“
„Ja den“, sagte Else, „aber fang nicht gleich wieder mit deinen Vorwürfen an.“
„Mach ich doch nicht.“
„Deine Urgroßmutter“, erzählte Else nachdenklich weiter, „konnte jedoch die Schmach nie verwinden. Sie ist ja dann auch eines tragischen Todes gestorben.“ Else schwieg, versunken in Gedanken.
„Was ist ein tragischer Tod, Mama?“
„Ein tragischer Tod?“, schreckte Else auf. „Also, wenn jetzt zum Beispiel im Krieg die Soldaten sterben oder die Zivilisten von den Bomben getötet werden, ist das ein tragischer Tod. Also ein unnatürlicher Tod.“
„Und was ist ein natürlicher Tod?“
„Das ist, wenn die Menschen sterben, wenn ihre Zeit ran ist. Also, wenn Gott sie zu sich ruft.“
„Dann möchte ich auch so lange warten.“ Rosi lehnte ihren Kopf an Elses Schulter. „Und was ist ein uneheliches Kind, Mama?“
„Quälgeist. Du gibst aber auch nie Ruhe. Also, ein uneheliches Kind bekommt man vor der Hochzeit. Und das ist eine Schande. Und von Gott nicht gewollt.“
Das also war die Schand, von der Berta gesprochen hatte. Nie wieder wollte sie an einer Tür lauschen. Ein uneheliches Kind. Und von Gott nicht gewollt. Also waren Otto und sein Bruder von Gott nicht gewollt. Doch sie war sich nicht sicher, ob sie das Lauschen lassen konnte. Else hatte selbst gesagt, dass jeder Mensch so sein Laster habe. Also etwas, das man nicht tun durfte, aber doch tat. Und ihr Laster war das Lauschen.
„Und warum bekommt man es dann Mami?“
„Was bekommt man?“, fragte Else sichtlich irritiert.
„Na das uneheliche Kind?“
Else schob mit dem Fuß den Wagen hin und her, während sie emsig weiterstrickte. „Das weiß ich doch auch nicht“, sagte sie dann unwirsch. Langsam machte sie dieses Kind wieder nervös. Immer diese Fragerei. „Willst du nun die Geschichte hören oder nicht?“, wollte sie einen Schlusspunkt setzen-.

„Natürlich. erzähl schnell weiter, bevor Jutta und Karlchen wach werden, sonst hast du wieder keine Zeit mehr.“
„Stimmt.“
Else erzählte weiter und Rosi lauschte gespannt und ungeduldig.

*

Otto, der Taugenichts, wie ihn alle nannten, und der er nach eigener Aussage auch war, fuhr eines schönen Tages mit seinem neuen Fahrrad die Mannstetter Straße entlang. Er übersah ein Schlagloch, stürzte und landete im Straßengraben. Das Fahrrad lag auf ihm drauf, und zwar so unglücklich, dass er nicht fähig war, sich zu bewegen. Hilfesuchend schaute er in den Himmel, der plötzlich ganz dunkel geworden war. Eine große weiße Wolke kam durch die Dunkelheit näher und näher, als wolle sie ihn ganz umhüllen. Doch als sie genau über ihm war, trat ein uralter Mann mit einem langen weißen Bart und weißem Haar aus der Wolke hervor. Um ihn herum flirrte und glänzte alles wie pures Gold. Auch die Wolken waren auf einmal nicht mehr weiß, sondern schimmerten golden. Da wusste Otto, dass es Gott war, der ihm etwas zu sagen hatte. Und in diesem Moment sprach Gott zu ihm:
„Höre, was ich dir zu sagen habe“, mit einer Stimme, die einem Donnergrollen glich, „ändere von Stund an dein Leben. Du sündiger Mensch. Saufe, hure, rauche nicht mehr. Achte deine Eltern, die dir das Leben geschenkt haben. Nimm keine unflätigen Worte mehr in den Mund. Verkündige mein Wort. Das Wort Gottes. Bekenne dich zu mir. Wenn du das versprichst, schenke ich dir ein neues Leben. Ein Leben mit mir. Und ich schicke dir die Frau, die dieses Leben mit dir teilen wird. Bist du bereit?“
Und natürlich war Otto bereit. Was blieb ihm anderes übrig in seiner Not. Auf keinen Fall wollte er jetzt schon sterben.
„Ich bin bereit“, versprach er.
„Dann steh auf. Nimm dein Rad und geh.“
Benommen stand Otto auf, nahm sein Rad und blickte der weißen Wolke nach, die mit Gott weiterzog.
Der Tag war wieder hell und klar. Und die Sonne schien.
Otto schob sein Fahrrad vor sich her. Er gedachte der Worte Gottes. Und zum ersten Mal in seinem Leben dachte er über sein Leben nach. Er hatte versprochen, es zu ändern. Und er hielt Wort. Er machte sein Abitur an der alten Oberschule, die schon 1828 eingeweiht wurde und die sogar schon Goethe 1826 in seinem Tagebuch erwähnt und deren Bau mit Oberbaudirektor Coudray besprochen hatte.

„Schön“, stellte Rosi lakonisch fest. Aber was ist nun mit der Urgroßmutter und der Schand?“
„Das ist eine andere Geschichte, zu der ich weiter ausholen müsste“, sagte Else nachdenklich.
„Ich möchte sie hören“, bettelte Rosi. „Bitte Mami.“
„Sie liegt wie ein dunkler Schatten über der Familie.“
„Ich will sie wissen.“
„Na gut“, lenkte Else ein. „Du gibst ja nun sowieso keine Ruh mehr. Obwohl ich sie eigentlich nicht weitererzählen sollte.“
„Warum nicht?“
„Ich habe es versprochen.“ Else schaute sinnend in den blauen Himmel, als wolle sie Gott um Verzeihung bitten, weil sie erzählen wollte, was sie nicht erzählen sollte.
Da kamen die Kinder in den Hof gerannt.
„Wir haben ausgeschlafen!“, riefen sie überlaut. „Komm Rosi, wir wollen Treiben spielen.“
Else senkte erleichtert ihren Blick auf das Strickzeug. Es sollte also nicht sein. Das Geheimnis blieb ein Geheimnis.
Die Kinder holten den bunten Ball unter der Treppe hervor und liefen in den Brühl.

*

Einige Tage später wurde Else krank. Ihr ging es nicht gut. Sie hatte Fieber und war ganz rot im Gesicht. Und der Hals tat ihr schrecklich weh.
„Sie hat Scharlach“, sagte der Doktor, den Rosi geholt hatte. „Sie muss ins Krankenhaus. Und das so schnell als möglich. Das Baby kann sie mitnehmen. Und ihr habt Quarantäne.“ Er blickte die Kinder, die verängstigt an der Tür standen, streng an.
„Was ist Quarantäne?“, wollte Rosi wissen.
„Ihr dürft das Haus nicht verlassen. Also nicht mit anderen Kindern spielen. Verstanden?“
„Und wer soll sich um uns kümmern? Wenn wir nicht raus dürfen?“
„Ich werde einen Verwandten verständigen“, bot sich der Doktor an. Er wandte sich wieder Else zu. „Wer käme denn da in Frage?“
„Nur meine Mutter“, sagte Else mit schwacher Stimme.
„Bis diese kommt, versorgt eine Schwester vom Roten Kreuz die Kinder. Kommen Sie, wir gehen jetzt ins Schweizerhäuschen.“ Der Doktor half Else aus dem Bett, nahm das Baby auf den Arm und sah die Kinder noch einmal der Reihe nach prüfend an. „Hoffentlich habt ihr euch nicht angesteckt“, sorgte er sich, bevor er mit Else und Bertraud verschwand.

Die Schwester vom Roten Kreuz kam schon am Abend und kümmerte sich um die drei Kinder, die den ganzen Tag bedrückt auf der Couch im Wohnzimmer gesessen und auf sie gewartet hatten. Sie schlief in der kleinen Kammer, in der Helga die kurze Zeit gewohnt hatte.

Nach drei Tagen trafen statt Berta und Otto Nanny und Richard ein.
Nanny war Elses ältere Schwester und aus Bertas erster Ehe. Eigentlich hätte Berta noch drei Kinder, aber die waren in ihrem Bauch gestorben, weil ihr erster Mann, Max, sie in seinem Suff immer darauf getreten hatte.
Als Nanny geboren wurde, war Max schon tot. Man hatte ihn Berta nach einer Schlägerei erstochen vor die Tür gelegt. Er war Musiker und ein Tunichtgut und Taugenichts. Das hatte Else oft erzählt.
Ein Glück, dass kurz darauf Berta Otto, der ganz oben im Thüringer Wald in Steinach in der Gemeinde predigte, begegnet ist, so wie Gott es ihm versprochen hatte. Denn auch er hatte Wort gehalten und sein Leben Gott geweiht.
„Gott hat uns zusammengeführt“, betonte Berta oft und lächelte Otto an.
„Er hatte es mir versprochen, meine Königin“, erwiderte Otto dann und lächelte Berta an.
Otto schlug Berta nie. Sie hatten acht Kinder. Eigentlich nur noch sieben. Walter war ja auch vermisst. Wie Karl.

*

Nanny war wunderschön. Bestimmt beneideten sie alle um ihre vollkommene Schönheit.
Rosi bewunderte das pechschwarze Haar, das sie glatt und nur bis zu den Ohren trug, an denen riesige, goldene Kreolen hingen, ihre etwas schräg gestellten, fast schwarzen Augen, die helle Haut, die so weiß war, wie bei Schneewittchen.
Rot, wie Blut, schwarz, wie das Ebenholz, weiß, wie der Schnee.
Genauso sah Tante Nanny aus. Ihr Mund war so rot wie die Kirschen im Sommer. Und auch so herzförmig. Und, was das Allerschönste war - sie war Sängerin und trällerte ununterbrochen lustig vor sich hin.
Am meisten liebte Rosi das Lied von der Mariandel, andel, andel.
„Das ist auch mein Lieblingslied.“ Nanny nahm Rosi in den Arm, wenn sie sie bat, das Lied zu singen und sang dann mit ihrer wunderbar süßen Stimme:

Wenn ein junger Mann von Liebe spricht,
klingt das wie ein Gedicht.
Und hat er noch lyrisches Gemüt,
wird daraus gleich ein Lied.
Was ihn dazu trieb,
dass er's niederschrieb,
heißt: Ich hab dich lieb.

Mariandel andel andel … .

*

„Bist du der junge Mann?“ Jutta sah Onkel Richard aus ihren großen, hellbraunen Augen verwundert an.
„Ich?“ Richard lachte. „Bestimmt nicht“, sagte er. „Das ist doch nur ein Lied.“
„Aber ein wunderschönes.“ Nanny nahm auch Jutta und Karlchen, die mit offenen Mündern vor ihr standen, in ihre Arme. „So ihr Süßen“, sagte sie zärtlich, „wir knuddeln noch ein bisschen. Und dann müsst ihr endlich in eure Kuschelbettchen.“
„Ich habe kein Kuschelbettchen“, trotze Rosi.
„Wieso das?“, wollte Nanny wissen. „Was ist denn mit dem Bettchen?“
„Der Strohsack ist ganz dünn. Ich spüre das Holz. Und die Bettwäsche ist soo hässlich. Sie kratzt. Ich muss mich die ganze Nacht jucken. Und außerdem ist es vom Trödel. Und Else weiß nicht, wer darin geschlafen hat.“
„Ach du armes Kind“, sagte Nanny mitfühlend. „So ist es nun mal in der heutigen Zeit.“

Komisch, dachte Rosi in ihrem Bett, nachdem Nanny und Richard den Kindern eine gute Nacht gewünscht hatten und wieder nach unten in die Stube gegangen waren, die beiden passen überhaupt nicht zusammen. Es ist wie bei Else und dem kleinen Richard. Sie kicherte in das Inlett. Sie musste leise sein. Vielleicht schliefen Jutta und Karlchen noch nicht. Wenn die merkten, dass auch sie nicht schlief, würden sie bis zur Erschöpfung mit ihr reden wollen und sie könnte dann nicht mehr in Ruhe nachdenken.
Vorsichtig lauschte sie zu den beiden in ihrem Bett. Sie schliefen fest. Das merkte sie an ihrem gleichmäßigen Atem. Also So konnte sie ungestört ihren Gedanken nachhängen.

Es war wirklich zu lustig, zwei Onkel Richards zu haben. Elses Richard war klein, etwas dicklich, hatte wenig Haare, große traurige Augen und eine leise Stimme. Und er konnte wunderschön singen.
Nannys Richard war das ganze Gegenteil. Groß und dünn. Mit dicken, schwarzen, struppigen Haaren, kleinen dunklen Augen und einer lauten Stimme. Was heißt Augen. Das eine Auge konnte man ja nicht sehen. Eine schwarze Augenklappe verdeckte es. Bestimmt hatte ihm bei einer Schlägerei so ein Raufbold sein Auge ausgestochen. Oder er war ein Pirat. Was auf das Gleiche herauskam. Das Auge war jedenfalls weg. Bestimmt hatte er unter der Klappe ein Glasauge, das niemand sehen sollte. Das alles war schon etwas gruselig. Aber auch höchst interessant. Nannys Richard gefiel ihr noch weniger als Elses. Außerdem guckte der immer so böse. Und sprach fast nie. Bestimmt konnte er ja seine Stimme nicht leiden.

Wenn doch nur Else und Bertraud Johanna wieder da wären. Sie vermisste sie so.

***

Fortsetzung in Kapitel 7

Fortsetzung folgt
 
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Kommentare  

Bei diesem Kapitel möchte ich mich der Meinung Michaels anschließen. Die Rückblenden sind interessant und ich denke auch, dass sie wichtig für den Fortgang der Geschichte sind und hoffe , dass Else und ihr Töchterchen, die nicht ganz ungefährliche Krankheit gut überstehen.

doska (29.12.2012)

Wieder ein interessantes Kapitel dieses Romanes mit sehr aufschlussreichen Rückblicken, die Aufschlüsse auf die Charaktere der Verwandten zulassen. Denn bestimmte Charaktere färben ja auch in gewisser Hinsicht ab, was in einem Roman oftmals erst viel später ans Tageslicht dringt.
Hat mir wieder sehr gefallen!
LG. Michael


Michael Brushwood (17.12.2012)

hallo wolfgang, du machst mir aber mut. ein roman in solchem ausmaß über so einen langen zeitraum ist natürlich nicht mit einer kurzgeschichte zu vergleichen, bei der es nur um wenige oder gar nur eine person geht und um ein ereignis, und schnell geschrieben ist.
bei einem roman muss man recherchieren, dranbleiben, sich einfühlen, quasi in dieser zeit mit diesen figuren leben. viele zusammenhänge erklären sich erst mit dem fortschreiten des geschehens. und es doch wohl logisch, dass über diesen langen zeitraum, der von gesellschaftlichen und politischen ereignissen geprägt ist, auch immer wieder neue figuren auftauchen oder alte verschwinden. all dies will ich nicht im schnellgang abarbeiten. das haben schon andere vor mir getan und man kann es auch in den geschichtsbüchern nachlesen. nein, ich will es so schreiben, wie ich es schreibe und ich glaube auch nicht, dass die literarische qualität darunter leidet. es ist ein roman und kein bericht. und alles muss nicht, könnte sich aber so abgespielt haben. diese dichterische freiheit nehme ich mir. und auch die ausführlichkeit, weil ich lange romane liebe, und wenn am ende nur noch zehn leser übrigbleiben, bin ich auch zufrieden und ihnen dankbar. und dir danke ich für die fehlerhinweise, das lesen und kommentieren. und bedenke- es ist ein manuskript, das ich ständig ändere.
übrigens kommen erstmal nur noch zwei kapitel, dann schreibe ich die letzten kapitel meines romans- crysella und der schwarze mond -. der ja so ziemlich überschaubar ist.
hab noch einen besinnlichen zweiten advent.


rosmarin (16.12.2012)

Hallo RosMarin,

Deine Schilderungen von persönlichen Erlebnissen aus den letzten Kriegsjahren sind plastisch und nachvollziehbar. Es stockt einem beim Lesen fast der Atem.

Wenn Du dann aber immer wieder neue Figuren aus Deiner offensichtlich weitläufigen Verwandtschaft einführst, komme ich allmählich in Schwierigkeiten und wegen der Vielzahl in Versuchung, nicht mehr mitzudenken. Ich verstehe ja, dass ich es mit der Chronistin Deiner Familiengeschichte zu tun bekomme. Wenn ich (und weil ich) aber nicht zu Deiner Familie gehöre, überforderst Du mich (und meine Interessenslage) damit nicht ein wenig?

Und nun noch ein paar Kleinigkeiten: Etwa auf Seite 2 stimmt ein Satz grammatisch nicht: "Also wurde sie nach Buttstädt geschickt ...", schau noch mal nach! Gleich im nächsten Satz schreibst Du "flückte das Obst" statt "pflückte". In der vorletzten Zeile der ersten Strophe von "Mariandel" muss es wohl "dass" statt "das" heißen.

Ich weiß noch nicht, wie lange ich als Leser Deines Romans "zur Stange halten" werde. In dem Maße, wie Du zur peniblen Chronistin tendierst und darüber das Literarische zu verkümmern droht, sinkt leider auch mein Interesse.

Aber wie schon Michael schreibt: Erst mal kneten und dann den Teig gehen lassen ...


Wolfgang Reuter (16.12.2012)

hallo lieber michael, danke für den kommentar und die kritik, vielleicht hast du recht, vielleicht. mich würde ja interessieren, wie andere darüber denken. ich habe es erstmal geändert, weil das ja ein lied ist, das nicht zum allgemeinen liedgut gehörte und deshalb auch nicht so wichtig. aber ein liedchen wird ab und zu immer mal wieder auftauchen, denn das singen war typisch für die damalige und auch spätere zeit, auch dann bei den pionieren und in der fdj. du weißt ja, für einen roman pickt man sich eine familie und deren umfeld heraus, um dann das typische einer zeit zu erzählen.
gruß von


rosmarin (13.12.2012)

Hallo liebe rosmarin, vielleicht wunderst du dich, dass noch niemand diesen Teil deines Manuskripte kommentiert hat. Aber erstens hast du bereits fast 50 grüne Positiv-Klicks (was ja auch eine Art Kommentar ist), und zweitens: Was soll man immer wieder neu sagen, wenn man es bereits in deiner letzten Fortsetzung angemerkt hatte? Bei einem Roman ist eine Kommentierung oft etwas schwierig, wenn man nur Einzelteile und noch nicht das ganze Buch vorliegen hat. Außerdem beinhaltet dein Manuskkript bereits einige literararische Passagen, die man kommentarlos gut heißen und genießen kann.

Ein bisschen kritisch sehe ich deinen Hang, Lieder in vollem Text zu bringen. Mich langweilt die ganze Strophe von Mariandel und ich lese - leicht irritiert -darüber hinweg.

Ansonsten - und das gilt für jedes einzelne Kapitel: Schreibe deine Anliegen bis zum Ende! Wenn der Teig fertig ist, wird er stehen und gehen lassen. Dann noch mal überarbeitet, bevor er endgültig in den Backofen kommt. Dann wird gekürzt und zugefügt, jedes Wort unter die Lupe genommen, jeder Satz auf Sinn oder Widerspruch überprüft, jede Rosine und jedes Gramm Fett gezählt. Und dann... - dann sehen wir weiter...


Michael Kuss (13.12.2012)

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