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In den Kneipen, auf den Brücken - 7. Kapitel der "Französischen Liebschaften".

Romane/Serien · Spannendes
7. Kapitel der "Französischen Liebschaften: "In den Kneipen, auf den Brücken".
*
Susanne war eine sympathische Erscheinung und ihre Natürlichkeit gefiel mir. Ihr Hinterteil war vielleicht ein bisschen kräftig und ausschweifend ausgefallen, eher etwas für Rubensfreunde, aber sie hatte ein schön geformtes Gesicht und klare, offene Augen mit einem koketten Ausdruck, was sowohl gediegene Hausmannskost wie auch erfahrene Großstadtgöre bedeuten konnte. Ob sie bei der Liebe schreit wie Nadine? Oder wie Pascale nur unterdrückt stöhnt? Ob sie’s von hinten mag oder überhaupt auf Männern steht? Oder ist sie eng mit Lisa befreundet? Ich ertappte mich, wie ich meine Betrachtungen fast ausschließlich auf sexuelle Maßstäbe fixierte. Allmählich schien mir in dieser Stadt Paris alles möglich zu sein. Welche Konstellation führte diese beiden Frauen in Paris zusammen? Freundschaft? Berufliche Zusammenhänge? Zufall?
Nach einer Weile schaute Susanne auf die Uhr und verabschiedete sich. Sie hielt mir das Gesicht hin und wir küssten uns zweimal auf die Wangen. Mit meiner rechten Hand berührte ich absichtlich deutlich ihren Rücken, erkundete tastend ihren Büstenhalter und ihre Reaktion und lies für den Bruchteil einer Sekunde meine Hand streichelnd über ihren Hintern fahren. Sie trug einen langen Rock aus fein gerippter Wolle; darunter zeichnete sich ausgeprägt der Ritz zwischen ihren Pobacken ab. Lisa verfolgte meine Handbewegungen mit den Augen und lächelte. „Ich muss auch noch schnell einkaufen!“ sagte sie. „Aber wie wär’s nachher gegen Elf im Jazz-Club? Da könnten wir ausführlicher reden. Nach dieser langen Zeit!“ Sie lachte und ich stimmte sofort zu.
Susanne bedauerte. „Ich habe heute Abend schon etwas vor. Aber vielleicht ein andermal…?! Hier!“ Sie gab mir eine Visitenkarte. „Unter dieser Nummer kannst du mich erreichen! Ich würde mich freuen!“ Ich nahm die Karte, sagte "Ich mich auch!" und legte noch einmal für eine Sekunde meine Hand auf Susannes Schulter. Als die beiden Frauen um die Ecke gebogen waren, zahlte ich und ging aufgekratzt hinauf in meine Bude im zweiten Stock. Ich hatte Zeit zum Duschen und konnte mich noch zwei Stunden aufs Ohr hauen. Um Elf würde ich Mona-Lisa treffen. Monatelang hatte ich sie vergeblich gesucht, und nun läuft sie mir durch Zufall einfach so über den Weg. Eine interessante Entwicklung, dachte ich und steckte Susannes Karte an meinen Rasierspiegel. Auf der Passstelle der deutschen Botschaft arbeitet sie also. Und sie kennt Lisa und Lisa kennt einen Deutschen, der für die französische Polizei arbeitet. Es gibt seltsame Zufälle.
*
“Hast du dir denn unterdessen Papiere besorgt? Unter welchem Namen lebst du?” Lisa dachte anscheinend immer zuerst ans Praktische; sogar bei der lauten Musik im engen und stickigen Keller des Jazzclubs.
“Unter meinem Namen natürlich! Unter welchem Namen sollte ich denn leben? Ich bin doch kein Schwerverbrecher!”
“Das stimmt allerdings!” gab Lisa zu. “Trotzdem, völlig astrein bist du nicht...!”
„Ich führe in Frankreich ein unbescholtenes Leben!“ Das wollte ich wenigstens klarstellen. „Und was ich mit Deutschland am Hut habe, das interessiert die Franzosen nicht, solange ich hier in Frankreich sauber bleibe. Frankreich liefert keine deutschen Militärdesserteure aus…!“
Lisa zögerte mit einer Antwort und pulte sich bedächtig einen Zigarillo aus dem Etui. Dann sagte sie etwas, was mich eigentlich hätte hellhörig werden lassen sollen, aber ich überhörte die Zwischentöne: „Frankreich lässt dich solange in Ruhe, bis die französischen Behörden von jemand auf dich aufmerksam gemacht werden…!“ Ihre Stimme klang lauernd.
„Wer sollte das sein?“ fragte ich.
Lisa ging nicht auf die Frage ein, sondern sagte: „Du darfst immerhin nicht vergessen, du hast keine gültigen Personalpapiere und hältst dich nicht legal in Frankreich auf! Aber auch ohne offizielle Auslieferung riskierst du die heimliche Abschiebung an die deutsche Grenze. Das machen die Franzosen klammheimlich! Da gibt es inoffizielle und stillschweigende Zusammenarbeit zwischen deutschen und französischen Stellen. Bist du erst einmal ein paar Meter auf deutschem Boden, dann kannst du zehnmal laut rufen 'Illegale Abschiebung'! Das nutzt dir nichts mehr und du kannst dir ausrechnen, was das bedeutet, nämlich Knast in Deutschland…!“
“Okay", gab ich zu. "So richtige Papiere hab ich keine..., aber ich bin in einer Sprachschule angemeldet und hab so ’ne Art Studentenausweis bekommen. Damit konnte ich eine Metro-Monatskarte mit Lichtbild kaufen. Die beiden Papiere zeige ich vor, wenn ich mal in eine der Kontrollen gerate. Und so lange ich mir in Frankreich nichts zu Schulden kommen lasse, bin ich einigermaßen sicher. Ich habe mich erkundigt!” Ich hatte Lisa nicht alles aus den letzten Monaten, auch nicht mein seltsames Zusammentreffen mit ihrem dickwanstigen Lover im Polizeipräsidium erzählt. Aber irgendwann im Laufe der Nacht wollte ich die Rede darauf bringen.
“Eines Tages werden sie dich nach Forbach zur Grenze bringen, dann hat sich Frankreich für dich erledigt! Wenn die Franzosen wollen, dann finden sie auch Gründe. Und wenn sie von jemand darauf aufmerksam gemacht werden: Illegaler Aufenthalt, Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung, keinen festen Wohnsitz. Alles strafbar und alles Abschiebegründe...!” Lisa war ernst geworden.
“C’est la vie!” sagte ich großspurig und vermied es nachzufragen, wer mich denn anschwärzen könnte.
“Du entwickelst dich also zum Lebenskünstler?!”
“Ja! Es macht sogar richtig Spaß!” sagte ich und meinte es auch so.
“Und? Wie lange willst du das so weitermachen?”
“So lange es gut geht! Oder bis sich was Besseres findet!”
“Das Bessere kommt nicht von selbst! Das muss man planen und in die Wege leiten! Ich könnte dir da Tipps geben...!”
Auch diesmal überhörte ich Lisas Zwischenton und sagte: “Ach, weißt du, bisher ist es ganz gut ohne Planung gelaufen! Ich verlasse mich auf mein Bauchgefühl!”
“Wie bescheiden!” sagte Lisa, diesmal mit einer Prise Ironie versehen. “Dir ist anscheinend der Spatz in der Hand lieber, als die Taube auf dem Dach! Was mich betrifft, ich will die Taube...!”
“So wie deinen Dickwanst vor dem Lido?“ Jetzt platzte ich doch damit heraus.
„Zum Beispiel wie der Typ vom Lido!“ sagte Lisa ohne Umschweife. Sie hatte keine Sekunde mit der Antwort gezögert und schien die Frage erwartet zu haben. Jedenfalls war Lisa nicht überrascht.
„Du hattest mich doch erkannt?!“ bohrte ich weiter. „Nicht einmal genickt hast du zum Gruß!”
“Hör zu!” Lisas Stimme wurde fester, ohne verärgert zu klingen. Sie schaffte es auch dann noch zu lächeln, wo andere längst aggressiv geworden wären. “Zwar geht es dich eigentlich nichts an, aber wenn du es schon wissen willst: mit dem Typen war ich zu einem Arbeitsgespräch zum Dinner...“
„Arbeits...“ Ich wollte ironisch sein und dehnte das Wort.
„Arbeitsgespräch zum Dinner!“ Lisa ließ sich nicht unterbrechen. „Und du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dir mit deinen langen Haaren, dem ungepflegten Bart und den ausgewaschenen Jeans in einer solchen Situation um den Hals falle und nachher nicht weiß, wie ich das dem Typen erklären soll. Das war einer meiner Kunden! Mit dem arbeite ich ständig zusammen!”
“Der sieht aber aus wie ein Bulle!” sagte ich lauernd.
“Wie kommst du denn darauf?” Lisa wirkte zum ersten Mal irritiert. Dann wechselte sie einfach das Thema und ich ging ihr auf den Leim. “Wieso hast du dir eigentlich die Haare und einen Bart wachsen lassen? Wie weit bist du denn schon zwischen diese übergeschnappten Weltverbesserer geraten? Findest du das etwa gut?”
„Woher willst du wissen, dass ich zwischen diese Weltverbesserer geraten bin?“
„So wie du aussiehst!“ Sie schaute an mir herunter. „So sehen die heute doch fast alle aus!“
“Immerhin redest du ja noch mit mir!” warf ich ein.
“Ja, hier im Jazz-Club! Hier lebe ich mein zweites Ich!” Lisa lachte. Sie hatte für alles eine Erklärung.
“Dachte ich mir’s doch!” antwortete ich und versuchte es mit Ironie.
“Na klar!” sagte Lisa. “Wir haben alle ein zweites Ich in uns stecken! Mindestens zwei, wenn nicht sogar mehr! Und alle unsere Ich’s wollen ausgelebt werden. Sonst gibt’s Magengeschwüre! Auch du wirst das noch erkennen!”
Ich schwieg, auch weil ich spürte, dass ich bei dieser Art von Diskussion noch immer nicht mithalten konnte. Ich kam einfach zum alten Thema zurück. “Arbeitsessen! Arbeitsessen! Du warst doch mit dem Typen im Bett, so wie der an dir rumgefummelt hat!”
“Bevor ich mit dem ins Bett gehe”, sagte Lisa erheitert, “muss der aber ein bisschen mehr hinblättern als ein Abendessen im Lido! Dafür darf der mir gerade einmal die Hand küssen und seine Augen in meinem Ausschnitt vergraben. Außerdem: Was geht es dich an, mit wem ich ins Bett gehe?”
“Ich durfte dir sogar kostenlos viel mehr als nur die Hand küssen!” wich ich aus.
“Du bist ja auch ein armer Schlucker!“ Lisa lachte. „Manchmal hab‘ ich etwas für arme Schlucker übrig, und manchmal suche ich mir lieber Betuchte! Außerdem war ich die Nacht im Zug gut drauf und hatte Bock auf ein Abenteuer. Schließlich haben wir doch beide von der Gelegenheit profitiert, oder?”
„Dann nimmst du dir also einfach was du brauchst und wann du’s brauchst?“
„Na klar! Ihr Kerle macht es doch genauso! Oder etwa nicht?“
“Du machst es also nicht nur aus Spaß an der Freude, sondern auch für Geld?” Weiß der Kuckuck, warum ich plötzlich den Moralapostel spielte.
„Und wenn es so wäre? Was geht’s dich an?” fragte Lisa beinahe schnippisch, sprach aber nicht weiter und überließ mir den Schwarzen Peter einer Antwort.
“Du willst mir doch damit nicht andeuten, dass es dein großes Ziel ist, in Paris als Hure dein Geld zu verdienen?”
“Ach du grüne Neune!” Lisas runzelte die Stirn und ihre Augen wurden unfreundlich. “Ich kann mich erinnern, dass wir über den Begriff Hure schon einmal gesprochen haben. Bist du denn immer noch so bescheuert? Oder glaubst du wirklich, es wäre keine Prostitution, wenn du für ein paar Francs die ganze Nacht Schweinehälften in der Markthalle herumschleppst?”
“Aber ich verkaufe nicht meinen Körper!” sagte ich und war sogar noch stolz auf diese Banalität. Obwohl, woher wusste Lisa von meinem Job in der Markthalle? Von mir nicht…
“Blödmann! Heuchler! Du verkaufst nicht nur deinen Körper, sondern auch deine Gesundheit und deine Kraft!” War das Mona-Lisa, die da redete, oder waren es die Worte meiner Genossen?
“Das wird gut bezahlt!” sagte ich halb trotzig, halb auftrumpfend.
“Wie viel?” fragte sie. Ich nannte ihr eine überhöhte Summe.
“Das habe ich bereits verdient, bevor ich mir überhaupt die Lippen geschminkt habe!” Lisa wurde wieder ruhig. Sie nahm den Drink und versuchte sich zurückzulehnen. Aber es war eng im Kellerraum. Die Holzbänke und kleinen Schemel boten kaum Platz. Zwischendrin wurde getanzt oder man saß einfach auf den Treppenstufen oder stand an den Wänden. Ich erkannte Gesichter, die vor etlichen Wochen noch mit mir hinter den Barrikaden gestanden hatten.
“Hmm!” machte ich. Was sollte ich auf Lisas Bemerkung antworten?
“Sicher denkst du, ich würde irgendwo in Strapsen auf der Straße stehen, mir den Hintern abfrieren und mich anmachen lassen?!” Lisa sah mich an.
“Hmm! Keine Ahnung! Meistens läuft das doch so ab. Oder?” fragte ich.
“Bei Nutten Ja!” sagte Lisa. “Aber ich bin keine Nutte!”
“Sondern?” Ironisch zog ich die Augenbrauen nach oben.
“Ich bin eine Edelnutte!” Lisa schrie mir den Satz lachend ins Ohr. Die Band hatte wieder eingesetzt, die Musik hämmerte Ohren betäubend in dem Kellergewölbe. Wir mussten schreien, um uns noch zu verstehen. “Komm! Gehen wir!” bestimmte Lisa und zog mich an der Hand.
Ich hatte gehofft, wir würden geradewegs in Lisas Wohnung gehen. Aber wir liefen nur ein paar Schritte um zwei Ecken bis zu einem Nachtcafé an der Place d'Odeon. Lisa wollte offensichtlich reden. Oder mich zum Reden bringen...
Scheibchenweise hatte sie von Ihrer Arbeit erzählt. Die zahlreichen Bons des Kellners hatte sie unter dem Aschenbecher weggezogen und unter ihr Weinglas geschoben.
“Es funktioniert ganz einfach!” Anscheinend hatte der Alkohol Lisas Zunge gelockert. Jedenfalls erzählte sie und ich erkannte nicht, ob es Wahrheit, Lüge, Angabe oder bewusste Manipulation war. Also hörte ich zu und staunte.
“Ich arbeite als Gesellschaftsdame für einen Begleitservice. Das gehört zum Geschäftsbereich eines Reisebüros, das Paris-Besucher betreut. Von der einfachen Stadtrundfahrt bis zum Feinsten vom Feinen. Das hat zunächst mit Sex überhaupt nichts zu tun, obwohl es später am Abend doch darauf hinaus läuft. Meistens wenigstens. Es sei denn, der Gastgeber ist schwul und hat mich wirklich nur als Vorzeigefrau gebucht. Verstehst du, was ich meine?“
„Nein, nicht wirklich!“
„Also dann hör‘ zu: Zunächst muss ich einfach gut aussehen, auch ein bisschen sexy wirken ohne zu übertreiben, gut gekleidet sein, und auch angenehme Konversation treiben können. Möglichst in vielen Sprachen! Wenn alle Voraussetzungen stimmen, erhöht das meinen Wert. Besser gesagt, es erhöht das Selbstwertgefühl des Mannes, der mich gemietet hat. Manchmal mieten mich auch Frauen, aber meistens sind es Männer….“
„Was sind ‘n das für komische Typen?“
„Komisch? Von wegen komisch! Da ist so ziemlich alles dabei, was Rang und Namen hat. Meine Agentur hat sich auf Deutsche, Amis, Franzosen und Araber spezialisiert. Banker, Wissenschaftler, Politiker, Mediziner, Firmenchefs, Ölmogule, alles in dieser Preisklasse...!”
“Musst du mit jedem vögeln?” Langsam glaubte ich Lisas Geschichte.
“Im Gegenteil!“ Lisa schmunzelte. „Richtig vögeln, ich meine, so richtig loslegen wie wir beide das zum Beispiel gemacht haben, dazu kommt es fast nie. Höchstens, wenn ich von einer Firma gebucht werde, die einem Geschäftspartner etwas Besonderes bieten will. Meistens wissen die dann auch über seine Vorlieben Bescheid...”
“Woher wissen die über die Vorlieben von irgendjemand Bescheid?”
“Das geht mich nichts an und ich stelle auch keine Fragen! Jedenfalls wissen sie es. Das gehört zum Geschäft! Außerdem sind die nicht ‚irgendjemand’!” Lisa klang immer überzeugender. Trotz meiner verbliebenen Skepsis hörte ich aufmerksam zu. Selbst wenn es gelogen wäre und Lisa nur angeben würde, die Story war einfach faszinierend. “Du musst dich da völlig von dem Zerrbild lösen, das würde nach dem Schema ablaufen‚ bezahlen, reinstecken, abspritzen, rausziehen, fertig....”
“Wie denn sonst?” fragte ich neugierig und Lisa gab bereitwillig Antwort: “Viele haben überhaupt keine richtige Ahnung vom Sex! Du wirst es kaum glauben: Zwei von drei Männern sind Schwätzer! Verbalerotiker mit vielen Wünschen und wenig Praxis. Die meisten sind ja von zu Hause nicht gerade verwöhnt. Glaube Männern ja nichts, wenn sie von ihren angeblich tollen Sex-Abenteuern erzählen. Fast alles Angeberei!“ Lisa machte eine Pause, griff sich ein Zigarillo und da ich noch immer ein ungläubiges Gesicht machte, schaute sie mich abschätzend an, bevor sie fortfuhr. „Da gibt es zum Beispiel Strumpf-Fetischisten, das sind noch die Harmlosesten!“ Lisa lachte. „Oder Spanner, sie wollen dir beim Masturbieren oder beim Pipimachen zuschauen oder fotografieren, oder sie setzen sich in einen Sessel und schauen dir zu, wie du dir’s mit den Fingern oder einem Gummipenis selbst machat...”
“Und wenn man dich später mal erkennt?”
“Nicht mal meine Mutter würde mich erkennen! Ich habe dir doch schon gesagt, jeder Mensch hat mindestens zwei Gesichter und lebt zwei Leben!” Lisa bestellte beim Kellner noch eine Runde Rotwein.
“Erst einmal geht es bei den Männern um Eitelkeit! Danach kommt das Spiel!” Lisa hatte den Faden wieder aufgenommen. “Männer sind in der Regel kleine Kinder mit Spieltrieb. Egal was sie beruflich machen. Je höher die berufliche Position ist, umso eitler und anspruchsvoller sind sie, und umso infantiler wenn sie an meiner Brust liegen. Je mehr Macht sie in ihrem Beruf ausüben, umso verspielter und kindischer sind sie im Bett! Ein Schuhfabrikant, der regelmäßig zur Pariser Messe kommt, will nur, dass ich in Spitzenunterwäsche vor ihm stehe und aus einem Schuh seiner Messekollektion Champagner trinke. Dabei muss die Spitzenwäsche die gleiche Farbe wie der Schuh haben. Er ruft vorher in der Agentur an und nennt die Farben und ich weiß was ich mitzubringen habe. Während wir Champagner aus seinen Schuhen trinken, zeigt er mir Fotos von seiner Frau und den drei Kindern unterm Weihnachtsbaum und ist glücklich und stolz wie ein Honigkuchenpferd!” Lisa lächelte nachsichtig.
“Wie dem auch sei”, sprudelte sie nach einer Pause weiter. “Das sind Zusatzleistungen! Meine eigentlichen Aufgaben bestehen darin, elegant angezogen einen Mann von acht bis Mitternacht irgendwohin zu begleiten und möglichst intelligent und erotisch aus der Wäsche zu schauen. Dafür werde ich von der Agentur bezahlt und das ist der Basisverdienst...”
„Was heißt ‚irgendwohin’? In Nachtclubs, in den Puff, oder was?“
„Quatschkopf!“ Lisa fuhr mit den Fingern neckend über meine Nase. „Manchmal in die Oper, oder mit einem Schwulen zu einem Arbeitsessen, weil er sich mit seinem Lover nicht sehen lassen kann und eine Alibi-Frau benötigt. Oder zu einem politischen Empfang, alles hoch seriös ...!“
“Und wer mehr will...?”
“Fast alle wollen mehr! Dann beginnt eben das Spiel. Je länger ich es hinausziehe, je mehr ihm bewusst wird, dass ich eine kostbare Besonderheit bin, mit der er an diesem Abend das Glück hat, oder sagen wir einfach: Je geiler ich ihn mache, desto mehr ist für mich herauszuholen”.
“Nimmst du sie mit zu Dir nach Hause?”
“Wo denkst du hin! My home is my castle! Nur ganz wenige Menschen kennen meine Privatanschrift. Das läuft nur über die Agentur und danach, wenn es soweit kommt, in Privatclubs oder Hotels...!”
“Welche Privatclubs...?”
“Welche Privatclubs?!” Lisa sah mich ungläubig an. “Na, du bist mir ja einer! In welcher Welt lebst du denn? In Clubs eben! Wo man sich so trifft...!”
“Sind die nicht illegal?”
“Ach du lieber Himmel! Wo denkst du hin!” Lisa amüsierte sich über meine Fragen. “Sogar das prüde Frankreich braucht Plätze, an denen man mal die Sau raus lassen kann!”
“Und wer geht da hin?”
“Alle möglichen Leute!“ Lisa blies den Rauch ihres Zigarillos an meinem Gesicht vorbei. „Es gibt unterschiedliche Clubs. Einige sind in Kellerlöchern versteckt, niedrigstes Niveau. Da verkehren Proleten, billige Zuhälter, Vorstadt-Fremdgeher und kleine Verkäuferrinnen, die mal das große Leben ausprobieren wollen. Sag‘ bloß, du kennst solche Spelunken nicht?! Andere Clubs sind ausgestattet wie die Schlosszimmer von Versailles. Da kommst du nur mit Empfehlung, Kreditkarte und Vitamin B hinein. Da wird Politik gemacht, Geschäfte abgewickelt, Waffen gedealt, enorme Geldbeträge verschoben, na, und zwischendurch wird eben auch Sex in allen Varianten und Geschmacksrichtungen betrieben. Sex und Geld halten die ganze Chose des Lebens zusammen, wenn du verstehst, was ich meine...?!”
Ich verstand es nicht und fragte “Warum erzählst du mir das so offen?” Zwar war ich ziemlich betrunken, aber noch immer fasziniert, neugierig und aufnahmefähig.
“Keine Ahnung! Aber ich muss verrückt sein, es dir zu erzählen. Wahrscheinlich bin ich beschwipst!“ Sie hob lachend ihr Glas. „Aber eins, mein Lieber, eins muss ich dir noch sagen. Weißt du was es ist? Ein Geheimnis! MEIN Geheimnis! Und dieses Geheimnis lautet, dass ich mich eines Tages selbstständig machen und eine eigene Agentur oder einen eigenen Club eröffnen werde!” Lisa hatte schon wieder das Glas an den Mund gesetzt. “Aber eine Agentur der Gleichberechtigung! Prost!”
“Gleichberechtigung für wen?”
“Auch Männer werden bei mir arbeiten! Du glaubst gar nicht, wie viele einsame Frauen mit Geld es in Paris gibt, die sich gerne einen Mann mieten würden. Die können sich nicht einfach in eine Kneipe setzen und dort einen Typen aufreißen. Die sind meistens genauso verheiratet wie meine männlichen Kunden. Oder sie leben alleine und sind einsam und können nicht einfach so auf die Jagd gehen, wie ihr Kerle das macht. DAS, lieber Klaus Stehauf, DAS wird meine Marktlücke sein!” Lisa stand auf und ging mit leichter Schlagseite unsicher auf die Toilette. Meine Phantasie begann zu arbeiten.
Als Lisa zurück kam, überflog sie die Kassenbons, legte ein paar Geldscheine unter das Weinglas und sagte: “Und wenn du bis dahin endlich von deinen ausgewaschenen und durchlöcherten Jeans Abschied genommen und gelernt hast, dich richtig zu kleiden und wenn du eine Maniküre von einem Schuhputzer unterscheiden kannst..., wer weiß, vielleicht könntest du dann für mich arbeiten, viel Geld verdienen und obendrein noch so richtig deinen Spaß haben! Oder wäre das nichts für dich?”
Ich antwortete nicht. Was hätte ich auch sagen sollen? Es gab eine Menge Stuss zu verdauen. Oder war es Wahrheit? Lisa hakte sich bei mir unter und dirigierte mich hinaus. Wir liefen über die Place d’Odeon, bogen in die Gassen von Sainte Germaine des Prés ein und schwankten Richtung Seine.
An der Ecke der Rue Dauphine und der Rue St. André des Arts lagen ein paar Clochards auf einem Eisenrost. Sie hatten sich mit Lumpen und Pappkartons zugedeckt. Von unten wärmte sie ein Strom warmer, muffig verbrauchter Luft aus dem Entlüftungsschacht der Metro. Daneben stocherte ein Mann in einer Mülltonne. Er wickelte ein Päckchen aus und fand eine belegte Stulle. Ohne auf seine Umgebung zu achten, stieß er seinen Mund hinein und schmatzte vor sich hin, dass die Krümel in seinen Barthaaren hängen blieben. Ich ging hinüber und drückte dem Mann einen Zehnfrancschein in die Hand. Dann ging ich zu Lisa zurück, die das Schaufenster einer Schmuckboutique betrachtete.
“Ich werde dich heute Nacht verführen”. Lisa lachte mich trunken und verschmitzt an und hing an meinem Hals. Wir kungelten durch die schmalen Gässchen von Sainte Germaine. Irgendwo wird sie schon wohnen, hoffte ich. Bald werde ich mit ihr im warmen Bett liegen. Als wir auf der Pont Neuf die Seine überquerten, blieb Lisa auf der Brücke neben dem Reiterdenkmal stehen. Hier war ich vor ein paar Monaten von den Flics verprügelt worden. Ich lege meinen Arm um Lisas Hintern und sage: „Du hast keine Unterwäsche an, du Luder!“
„Stimmt!“ sagte sie und setzte sich so leichtsinnig und provozierend auf die Brüstung des Brückengeländers, dass ich es als Einladung verstand. Ich bückte mich und mein Mund vergrub sich zwischen Lisas Beinen, während ihr Oberkörper halb über der Seine schwebte. Vom anderen Ende der Brücke, vom Kaufhaus Samaritaine, kam ein Pärchen auf uns zu. Gleich würden sie unsere Höhe erreicht haben. Lisa rieb sich über meinem Gesicht. Ihre Flüssigkeit rann in meine Augen. Das Pärchen musste unser Treiben bemerkt haben; sie blieben zwei, drei Meter vor uns stehen, umarmten sich knutschend und blickten deutlich erkennbar zu uns herüber.
„Bonsoir!“ Lisa grüßte zu den beiden hinüber.
„Bonsoir!“ antworteten sie freundlich und lächelten unbekümmert zurück, als sei für sie ein Geschlechtsverkehr auf einem Brückengeländer das Natürlichste der Welt. Aber bei so viel Unbekümmertheit rutschte mein Schwanz heraus und wurde klein. Lisa schaute die beiden noch immer herausfordernd an. Ich war unschlüssig und irritiert. Paris hatte mich wohl noch nicht genügend abgebrüht. „Ein schöner Abend!“ sagte der Mann. Ich schätzte ihn auf etwa Dreißig. Das Mädchen war bedeutend jünger und meinte „Trotzdem schon etwas kühl für die Liebe in der Natur!“
„Es hat sich so ergeben!“ antwortete Lisa abgebrüht. Dabei sah sie die beiden an wie alte Freunde. Meine Verkrampfung löst sich langsam, aber ich hielt noch immer Maulaffen feil.
„Wie wäre es mit einem gemeinsamen Drink?“ Der Mann schaute mich fragend an, als ob ICH hier etwas zu entscheiden hätte.
„Ja! Sie sind sehr sympathisch!“ sagte die Frau und schloss uns alle mit einer Handbewegung in die Einladung ein. „Warum gehen wir nicht noch irgendwo hin? Zu viert genießt es sich noch besser!“
„Ist doch nichts mehr geöffnet?!“ Lisas Stimme wirkte mehr fragend als ablehnend. „Oder kennt ihr noch was?“ Die beiden überlegten. „Lasst uns doch zu uns nach Hause gehen!“ sagte der Mann und schaute fragend seine Freundin an. Sie schmiegte sich an ihn, streckte gleichzeitig die Hand nach Lisas Arm aus, berührte ihn und sagte: „Aber ja! Wir haben es gemütlich bei uns!“ Lisa hatte sich bereits aus meiner Umarmung gelöst. Sie ging einen Schritt auf die beiden zu und umarmte schweigend das Mädchen. Auch das Mädchen legte wie selbstverständlich ihre Arme um Lisas Schultern. Der Mann lächelte noch immer. Er machte eine einladende Handbewegung zu mir. „Komm...!“ sagte er vertraulich. Steif stand ich auf der Brücke und schaute Hilfe suchend auf die dunkle Seine hinunter, als könnte der Fluss mir einen Rat geben.
„In zwei Stunden muss ich auf der Arbeit sein!“ sagte ich ausweichend. „Eigentlich muss ich nach Hause“. Ich schaute Lisa an. Sie löste sich tatsächlich ein paar Zentimeter von der Frau und ging überraschend auf mein Argument ein. „Ja, es ist wahrscheinlich ein bisschen spät!“ sagte Lisa, weiterhin um Freundlichkeit bemüht. „Vielleicht könnten wir uns ein andermal treffen? Seid ihr telefonisch erreichbar?“ Der Mann kramte einen Zettel aus den Taschen und kritzelte etwas darauf. Er gab Lisa den Zettel. „Ruf’ uns an!“ sagte er lächelnd. „Wir würden uns echt freuen! Sympathische Menschen sind uns immer willkommen!“ Zum Abschied küsste er Lisa zweimal auf die Wangen. Das Mädchen umarmte Lisa mit einer Zärtlichkeit, als wären die beiden schon jahrelang intime Freundinnen. Für Sekundenbruchteile küssten sich die beiden Frauen auf den Mund. Mir gaben sie die Hand. Dann lächelten sie noch einmal und gingen umschlungen Richtung Saint Michel.
Lisa gab mir nicht ihre, sondern die Telefonnummer eines Reisebüros. „Melde dich mal dort! Frage nach Herrn Topmaier! Vielleicht kann der dir einen Job anbieten!“
„Ist dieser Topmaier zufällig dein dicker Geschäftspartner?“
„Ja der! Er ist okay! Glaube es mir! Er hat gute Beziehungen!“
„Hmmh?! Na ja, warum nicht?“ Ich blieb unbestimmt. Nun würde ich also diesen geheimnisvollen Topmaier in einer dritten Position kennenlernen.
“Ich werde eine Weile nicht in Paris sein!” sagte Lisa. “Ich bin nach Saint Tropez eingeladen. Ein kleines Fischernest am Mittelmeer. Ist aber schwer im Kommen. Die Bardot wohnt jetzt da unten! Das hat ’ne Menge Prominenz nach sich gezogen. Auch reiche Deutsche. Zum Beispiel Gunter Sachs!”
„Den Playboy?“ Irgendwo hatte ich am Rande über ihn gelesen.
„Den Millionenerben!“ sagte Lisa.
„Saint Tropez? Scheint dort die Sonne?“
„Meistens!“ sagte Lisa. „Blaues Meer, Sonne und lauter tolle Leute!“
„Da muss man wohl Geld haben...?“ fragte ich neugierig.
„Nicht wenn man’s geschickt anstellt!“ Lisa lachte und winkte ein Taxi herbei. „Übrigens, was mir da einfällt, mit deinem Pass…!“ sagte Lisa wie nebenbei, als wir im Taxi saßen und ich noch immer hoffte, wir würden zu ihr fahren. „Vielleicht könnte dir Susanne dabei helfen? Susanne ist unter bestimmten Umständen sehr hilfsbereit. Außerdem mag sie dich! Und du stehst auf Ihr!“
„Wie kommst du denn darauf?“ fragte ich geheuchelt.
„Quatschkopf! Du hast ihr am Hintern herumgefummelt und sie hat es sich gefallen lassen! Oder haben sich meine Augen gestern Nachmittag geirrt?“
„Na ja!“ brummelte ich. „Sie ist nicht übel!“
„Sie ist gut im Bett!“ sagte Lisa. „Und auch sonst eine hilfsbereite Person. In jeder Beziehung hilfreich! Ruf sie mal an! Du hast doch ihre Nummer. Einfach mal verabreden und dann weitersehen. Man kann nie wissen, wie sich die Dinge entwickeln!? Jede Chance wahrnehmen, lieber Klaus! Jede Chance!“
Ich stieg bereits unter der Eisenkonstruktion der Metro-Überführung am Barbés-Rochechouart aus und bummelte nachdenklich hinauf zu meinem Hotel. Das Taxi mit Lisa war weiter in Richtung Moulin Rouge und Boulevard de Clichy gefahren. Wie sollte jemand aus dieser Frau klug werden?
Der Morgen machte sich mit rosa-blauen Streifen zwischen grauen Wolken über den Hausgiebeln bemerkbar. Auf den unteren Stufen des Metro-Eingangs schlief ein Clochard. Ein Mann in einer Uniform schloss das Eisengitter auf und schob es zurück. Er gab dem Clochard einen vorsichtigen Schubs mit dem Fuß. „Aufwachen, mein Alter!“ rief er gleichgültig, aber nicht unfreundlich. „Fünf Uhr!“ Unwillig hob der Clochard den Kopf unter dem Pappkarton hervor und brummelte vor sich hin. Der Kontrolleur zog ihm die Pappe vom Körper weg. Mit krächzender Stimme schimpfte der Clochard und rappelte sich auf. Er stand noch eine Weile kopfschüttelnd und mit sich und der Welt zeternd unentschlossen am Gitter. Als die ersten Fahrgäste an ihm vorbeihuschten, hangelte er sich mit kraftlosen Bewegungen am Geländer hoch.
Zwei Straßenkehrer hatten einen Hydranten geöffnet. Das Wasser stürzte heraus und trieb den Schmutz der vergangenen Nacht durch die Bordsteinrinnen abwärts und durch das Kanalsystem in die Seine. In einer Stunde musste ich in der Markthalle bei meinen Gemüsekisten sein. In der Hose fühlte ich wieder eine Erektion. In meinem Schnurrbart steckte noch der Geschmack von Lisas Paradies. Ich dachte an das seltsame Pärchen und die Einladung. Ich dachte an Paris und an die vielen Überraschungen, die ich in dieser Stadt noch vermutete. Und ich dachte an die deutsche Botschaft, an Lisas Vorschlag, an Topmeiers Reisebüro, an meinen fehlenden Pass und an Susannes Rubensfigur.
*
Dies war ein Auszug aus
Michael Kuss
FRANZÖSISCHE LIEBSCHAFTEN.
Unmoralische Unterhaltungsgeschichten.
Romanerzählung.
Fünfte überarbeitete Neuauflage 2013
ISBN 078-3-8334-4116-5.
14,90 Euro.
Als Print-Ausgabe und als E-Book erhältlich in den deutschsprachigen Ländern, in Großbritannien, USA und Kanada.
Im Web: www.edition-kussmanuskripte.de
*
Auch hier bei Webstories: Das 8. Kapitel der Französischen Liebschaften: "Zweifelhafte Freunde".
 
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