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Brettchen vorm Kopf

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
© ThiloS
Seit mein Arzt vor vier Monaten seine neue Praxis bezogen hat, habe ich ihn locker ebenso oft besucht. Und seit dieser Zeit, seit dem ersten Besuch, steht dieses kleine Brettchen im Aufzug. Es ist ein ganz normales kleines Brettchen, anscheinend das Stück eines Laminats mit vorne Kiefer-Struktur und hinten der braunen Panel-Seite. Es ist etwa 30cm lang und 10cm breit und geschätzt 5mm dick. Und es steht in der linken unteren Ecke. Wie bestellt und nicht abgeholt. Sonst macht es nix. Es steht da. Einfach so.

Es dürfte mittlerweile Tausende Male vom Keller bis in den vierten Stock gefahren sein. Und bei wenigstens 50% der Fahrten einen Mitfahrer gehabt haben. Der sich dachte „Oh, ein Brettchen, das steht da.“ Mir hat das Brettchen ja auch schon wenigsten vier Mal aufgelauert. Also fahre ich mit dem Brettchen nach oben, rede mit meinem Arzt, dann steige ich wieder in den Aufzug, in dem ruhigen Gewissen, dass Weltwirtschaftslage hin und Flüchtlingsnichtkrise her, das Brettchen da auf mich warten wird. Ruhig, entspannt, gelassen.

Ich frage mich jedes Mal, wer das Brettchen da hin gestellt hat, warum er dies getan hat und warum er es dann vergessen hat. Wollte er das Brettchen nicht mehr? War es ihm lästig geworden? Aber warum hat er es dann nicht weggeworfen? Oder verschenkt? Viele Menschen möchten sicher ein Brettchen. Leider eben nicht die, die zu meinem Arzt oder der Sparkasse oder in das Massagestudio oder zu Herrn Klöbner ganz oben wollen. Ich persönlich brauche kein Brettchen. Erst recht nicht mit Kiefer-Struktur. Mir ist das egal. Dem Brettchen auch. Es steht einfach nur da rum.

Vielleicht hat ein Handwerker aus dem Innenausbaugewerbe das Brettchen auch einfach vergessen. Er war dann fertig mit dem Verlegen des Laminats und hat das Brettchen dann gesucht, weil es doch das Brettchen war, das unter die Heizung sollte. Dann hat er in der Wohnung alles auf Links gedreht und das Brettchen natürlich nicht gefunden, weil es ja im Aufzug geblieben ist und dann hat er sich gedacht „na gut, ist eh nur unter der Heizung, das lass ich einfach weg.“ Und dann ist er in den Aufzug gestiegen und hat das Brettchen gesehen und sich gedacht „da isses ja, aber ich habe schon Feierabend, ich geh jetzt nicht zurück und verlege das noch. Mach ich morgen!“, und dann ist er leider an einem Herzinfarkt gestorben und das Brettchen blieb einsam und allein zurück.

Oder umgekehrt: er hat altes Laminat herausgerissen und ist mit dem Müll nach unten gefahren, weil er aber schon die Hände mit anderen Brettern voll hatte, konnte er das Brettchen nicht greifen und hat es einfach da stehen gelassen, weil er es nicht gemerkt hat, beim Rausgehen. Oder er war gerade aus dem Aufzug draußen, hat das Brettchen gesehen und wollte es greifen, als sich plötzlich die Türe geschlossen hat und der Aufzug nach oben fuhr. Und er dachte sich „oh Fuck, da war noch ein Brettchen drin und jetzt isses weg. Naja, trag ich erst die anderen Bretter zum Müll oder in meinen Kombi und komm dann zurück und hole es, wenn der Aufzug wieder unten ist.“, und hat es dann vergessen. Das wäre auch möglich.

Oder eine Mutter ist mit ihrem Kind zum Arzt und das Kind fand das Brettchen im Hof und hat es aufgehoben und wollte es zum Arzt mitnehmen, damit es was zum Spielen hat und die Mutter hat das Brettchen erst im Aufzug bemerkt und gesagt „Noah-Methusalem, lass das dreckige Brettchen da im Aufzug. Das nimmst Du nicht mit. Wer weiß, wie viele Hunde schon da drauf gepinkelt haben!“ Könnte auch sein. So eine SUV-Helikoptermutter, die weiß, dass Hunde auf Brettchen pinkeln, wenn sie sie sehen. Aber eigentlich sieht das Brettchen ziemlich sauber und gar nicht angepisst aus.

Ich meine, ich könnte das Brettchen ja mitnehmen und in die Restmülltonne vorne bei den Parkplätzen werfen. Könnte ich machen. Ich habe da sowieso mein Auto geparkt und könnte das Brettchen quasi im Vorbeigehen einwerfen. Das wäre wirklich gar kein Problem. Es ist auch nicht sonderlich schwer, so, wie es aussieht. Kein Aufwand. Brettchen anheben und in den Müll werfen. Dann wäre es weg. Für immer. Wahrscheinlich.

Andererseits gehört das Brettchen vielleicht doch jemandem und der sucht es dann. Oder es hat irgendeine geheime Funktion in diesem Aufzug, die ich nicht kenne. Beispielsweise, dass sich Spackos wie ich Gedanken über das Brettchen machen und darüber vergessen, dass der Arzt soeben den doppelten Satz abgerechnet hat, weil ich Privatpatient bin. Und wenn ich das Brettchen mitnehme, dann denken die anderen Patienten und ich plötzlich an die Abrechnung und nicht mehr an das Brettchen und sind dann sauer auf meinen Dottore und wechseln den Arzt und der muss dann wieder umziehen, weil er Pleite geht. In eine kleinere Praxis. Mit PVC statt Laminat.

Außerdem bin ich auch nicht der Hausmeister. Das ist gar nicht mein Job, Brettchen aus Aufzügen zu entfernen und in den Müll zu tragen. Was käme als Nächstes? Soll ich dann auch noch das Treppenhaus fegen, obwohl ich doch Aufzug fahre? Den Hof vielleicht auch, weil ich gerade dabei bin? Die Blumen schneiden, die Fassade streichen und die kaputte LED-Leuchte im ersten OG auswechseln? Ich bin doch nicht der Flocki des Hausmeisters. Ich werde dafür nicht bezahlt. Er schon, die faule Sau. Es ist sein Brett. Nicht meines. Mich geht das einen Scheißdreck an, das verdammte Brett. Stört mich ja auch nicht. Ist nicht mein Aufzug. It´s his fucking business. Und wenn er es in vier Monaten nicht ein einziges verdammtes Mal schafft, in den Aufzug zu sehen und ein verficktes Brett wegzuschmeißen, dann gehört er gefeuert. Achtkantig. Wenn jeder seine Brettchen im Aufzug stehenließe, dann sähe es in Deutschland aber bald GANZ anders aus!

Außerdem ist noch gar nicht klar, ob nicht doch ein Hund auf das Brettchen gepisst hat und ich habe auch wenig Lust, das herauszufinden.

Ich verlasse den Aufzug. Werfe noch einen Blick auf das Brettchen. Es wird auch morgen noch da sein. Und Übermorgen. Und nächste Woche und nächstes Jahr. Es wird bis zum Ende der Zeit oder dem Abriss des Hauses Aufzug fahren. Hoch, runter, hoch runter. Stoisch, klein, hölzern. Und wenn ich längst vergessen und nur ein Häufchen Asche bin – das Brettchen wird mich überleben. Im Aufzug oder unter der Heizung von Herrn Klöbner im vierten OG.

Wir werden uns wiedersehen. Das Brettchen und ich. Das, finde ich, hat etwas Tröstliches.
 
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