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Imhotep, der Junge aus Heliopolis - Kapitel 29

Romane/Serien · Spannendes
Kapitel 29 – Untergang einer Dynastie


Hunderte Brieftauben und Eilboten wurden entsandt, um die traurige Nachricht im ganzen Land zu verbreiten, dass Pharao Tutanchamun gestorben ist. Zudem wurde die Trauerzeit ausgerufen. Ab sofort rasierten sich die Männer siebzig Tage lang nicht, um ihren Respekt vor dem verstorbenen König zu zollen und die jungen Frauen und Mädchen, so verlangte es ebenso die jahrtausendalte Tradition, steckten sich Blumen in ihr Haar. Die weitaus älteren Frauen hingegen, verhüllten sich in schwarzen Gewändern, manche vermummten sich sogar komplett und hielten sich tagtäglich in den Tempeln auf, um für den Pharao zu weinen und zu beten.
Das schwarze Land war bestürzt aber zugleich in allerhöchster Alarmbereitschaft, denn es löste stets eine große Unsicherheit im Volk aus, wenn ein Pharao urplötzlich verstarb. Aufständische, die mit der Thronfolge nicht einverstanden wären, könnten Auflehnung und Unruhen im eigenen Land anstiften, oder einige Nachbarstaaten könnten sich dazu ermutigen, das führerlose Ägypten in der Zeit der Trauer einzunehmen, was in Vergangenheit schon des Öfteren erfolgreich geschehen war. Diese Bedrohung war nun aktuell und bereitete dem Volk große Sorge, denn es war mittlerweile jedem bekannt, dass die gefürchteten Hethiter bereits bis nach Amarna vorgedrungen waren und sich in den Ruinen von Achetaton verschanzt hatten.

Königin Anchesenamun ließ man allerdings keine Zeit zum Trauern. Noch am selben Abend belagerten Priester unverschämt ihr Schlafgemach. Sie ließen die Königin weder hinaus, noch gewährten sie ihr einen erholsamen Schlaf. Die Gottesdiener redeten beharrlich auf sie ein, dass sie einer Vermählung mit Eje zustimmen müsste, damit er zum Pharao gekrönt werden könnte. So sehr sich ihre Versprechungen auch verlockend anhörten, aber die Verhandlungen dauerten meist nicht lange an, denn Anchesenamun schlug, biss und kratzte die Priester wenn sie ihr zu nahe kamen und hielt hartnäckig dagegen, einem Hofbeamten die Doppelkrone zu vermachen. Niemals sollte der ehemalige Wesir von Ägypten Pharao werden, eher würde sie sich mit einem hethitischen Prinzen vermählen und dem Feind Ägypten überlassen, verkündete sie wütend.
Schon bald flüchteten die Priester aus ihrem privaten Gemach und jedes Mal wenn sich die Tür einen Spalt weit öffnete, zerschellte eine Vase oder eine ihrer Büsten daran. Anchesenamun verweigerte ihre Mahlzeiten und nahm rapide ab. Ihre von Trauer geprägte Hilflosigkeit schlug alsbald in unbändigem Hass um, weil ihr immer mehr bewusst wurde, dass Eje ohne ihr Zugeständnis zum Thronfolger gewählt wurde. Zudem zweifelte sie mittlerweile daran, dass ihr Halbbruder tödlich verunglückt war. Seitdem Tutanchamun ein Kind gewesen war, hatte er mit seinem Pferd ein sehr inniges Verhältnis gepflegt; sein Hengst hatte ihn bislang weder abgeworfen, noch hatte er ihn irgendwie versehentlich verletzt. Sie mutmaßte, dass ein Mordkomplott dahinter steckte, aber sie konnte es sich nicht erklären, wie es durchgeführt wurde, geschweige denn, konnte sie irgendwelche Beweise vorlegen. Aber insgeheim wollte sie es einfach nicht wahrhaben, dass die Götter sie bestraft hatten, dass sie ein tragisches Unglück hervorgerufen und ihren Gemahl nach Westen geholt hatten, selbst wenn es tatsächlich so passiert wäre.
Anchesenamuns wundervolle langen Haare, die sie immer gepflegt hatte und stets darauf stolz gewesen war, hatte die Königin radikal zerschnippelt und ein Dolch steckte in der Nachttischplatte. Um ihr Rückgrat endgültig zu brechen wurde ihr verwehrt, dass sich ihre vertrauten Zofen um sie kümmerten. Die jungen Frauen samt Bürsa waren plötzlich spurlos verschwunden und niemand vermochte angeblich zu wissen, wo sie geblieben waren und was mit ihnen geschehen war.
Die Angst nagte an ihrem hitzköpfigen Temperament und besiegte sie schließlich. Die Königin weinte nur noch und täglich betete sie ihren verstorbenen Bruder an, er möge doch seine göttliche Macht walten lassen und ihr in dieser schweren Zeit beistehen. Als Meritatons heimlicher Geliebter, Priester Huni, lächelnd hereintrat, schreckte Anchesenamun vom Bett hoch und verkroch sich zitternd in eine Ecke. Sein selbstsicheres Auftreten sowie sein kaltblütiger Blick, dessen schwarz geschminkten Augenlidern dies unterstrich, ängstigte sie ungemein. Dieser beleibte, gutaussehende Mann war einflussreich, ehrgeizig und würde sein Ziel unbarmherzig verfolgen. Huni trat ihr gemächlich entgegen, zog den Dolch aus der Nachttischplatte heraus, klapperte mit der Klinge auf seiner Handfläche und lächelte sie erhaben an.
„Wenn du dich nicht fügst, Hoheit, werden wir mit Prinzessin Meritaton korrespondieren. Vielleicht ist sie ja daran interessiert, die Große königliche Gemahlin des Eje zu werden.“

Anchesenamun kapitulierte schlussendlich. Die sonst widerspenstige und starke Frau, die keinerlei Ängste vor irgendjemanden verspüren musste, stattdessen selbst den Pharao oftmals zurechtgewiesen hatte, war nun endgültig gebrochen worden. Priester Huni sprach eindeutige Worte. Mit Prinzessin Meritaton müsste situationsbedingt verhandelt werden, wenn die Große königliche Gemahlin ebenfalls sterben würde. Das Volk sowie das Komitee würden einen Selbstmord keineswegs misstrauisch auffassen, die Leute würden es gar verstehen. Die Königin war jetzt ganz alleine auf sich gestellt, es gab niemanden mehr, an dessen Schulter sie sich hätte lehnen können.
Priester Huni handelte nicht nur aus politischen Gründen kaltherzig, sondern war auch persönlich daran interessiert, dass Anchesenamun weiterhin die Königin von Ägypten bleiben sollte. Huni liebte Meritaton abgöttisch und sein Status quo, dass er ein angesehener Priester war und letztens von Ahmose sogar zum Oberpriester des Amun vorgeschlagen wurde, war für die Gesellschaft mittlerweile legitim genug, dass er sich nun offiziell zu der Prinzessin bekennen durfte. Aber einer Großen königlichen Gemahlin nachzustellen und sie weiterhin heimlich zu beglücken, wäre äußerst schwierig und zudem lebensgefährlich, denn darauf bestand die Todesstrafe. Außerdem bestünde die Gefahr, dass Meritaton nach ihrer Krönung ihn verschmähen würde.
Huni kannte Meritaton zur Genüge. Sie war auch nur ein machtgieriges Früchtchen, das nur um ihre Bedürfnisse und Ansehen bedacht war. Einen anderen Liebhaber mit einem wesentlich höheren gesellschaftlichen Rang – mit solch einem Herren eine diskrete Liebelei eher möglich wäre –, würde die schöne Meritaton ohnehin rasch erobern, weil weder Eje und erst recht nicht die Prinzessin beabsichtigten, falls diese Heirat tatsächlich vollzogen werden würde, ihren ehelichen Pflichten nachzukommen. Nicht einmal nur um einen Sohn zu zeugen, weil der nächste Thronfolger ohnehin bereits feststand. Noch ahnte es niemand, nicht einmal der Hohepriester Ahmose, dass Eje am Tage seiner Krönung Haremhab zum Mitregent ernennen würde.
Königin Anchesenamun stülpte sich eine schulterlange Perücke über und ließ sich von einer Zofe einen goldenen Diademreif auf ihre Stirn stecken, daraus der Kopf einer Uräusschlange ragte.
Die Königin war schmal geworden und wirkte mit ihrem weißen Gewand wie eine zerbrechliche Elfe, trotzdem betrat sie den Korridor mit erhobenem Haupt, um die Vereinbarung im Audienzsaal zu unterzeichnen. Sie war nun bereit, Eje den Horusthron zu vermachen und ihre Dynastie wenigstens fortzuführen, solange sie noch leben würde. Sie war davon überzeugt, dass Tut stolz auf sie wäre und genauso handeln würde. Schließlich verlangte das Erbe eines Königreichs das unabdingliche Opfer, dass die persönlichen Bedürfnisse jederzeit zurückgesteckt werden müssten. Der Pharao und die Königin waren Auserwählte der Götter, die dafür Sorge tragen mussten, dass Ägypten das mächtigste Reich der Welt bleibt und dass es dem Volk gut ergeht.

Als die Tempelpriester Anchesenamun tagelang hartnäckig versucht hatten, sie zur Vermählung mit Eje zu zwingen, wurden unterdessen ihre vertrauten Dienerinnen mit einem Segelschiff in das Kriegsgebiet nach Achetaton verschleppt. Achetaton war nach dem Sieg über Semenchkare vor mehr als dreizehn Jahren eine Geisterstadt geblieben. Dort hielten sich nur noch Verbrecher, Obdachlose und verfolgte Hebräer versteckt. Nun war diese einst heilige Stadt nur noch eine Ruine, völlig zerstört und zum größten Teil wurde sie bereits abgetragen, weil man Baustoff für die Vergrößerung des Amun Tempels in Karnak benötigte, diese Anweisung sogar Tutanchamun noch in Auftrag gegeben hatte. Doch jetzt herrschte dort wieder Leben, beziehungsweise der Tod. Wiedermal wurde Achetaton besetzt, wiedermal war Amarna zu einem Krisengebiet ernannt worden. Noch war es nur ein Säbelrasseln, aber alsbald würde sich dort entscheiden, ob es einen langjährigen Krieg gegen das weitaus größere Hethiter Reich geben würde, oder einen Waffenstillstand. Die rettende Botschaft, dass Pharao Tutanchamun gestorben war, war bislang noch nicht nach Amarna vorgedrungen.
Die Hethiter waren rücksichtslose und brutale Eroberer gewesen, die jedes Volk während ihres Streitzuges gnadenlos unterworfen hatten, und verbreiteten überall im jeden Land Angst und Schrecken. Dies war ihre Art, ihre Macht zu demonstrieren. Die Hethiter waren dafür bekannt, dass sie äußerst grausam waren, dass sie selbst Frauen und Kinder nicht verschonten. Insbesondre versuchten sie Ägyptens Verbündete einzuschüchtern, diese Länder praktisch einen Schutzwall um das schwarze Land bildeten, um sie gegen sie aufzulehnen. Aber die Hethiter hatten großen Respekt vor den Ägyptern, obwohl dessen Reich wesentlich kleiner war, weil sie selbst davon überzeugt waren, dass die Pharaonen lebende Götter waren. Die monumentalen Pyramiden und gigantischen Tempeln, die schon zur Tutanchamuns Zeit über eintausend Jahre dastanden, als wären sie erst grade erbaut worden, waren für jedes Königreich der Beweis dafür, dass Ägypten über die mächtigsten Götter verfügte und Kemet von ihnen beschützt wurde. Selbst die klügsten und fähigsten Baumeister aller Länder hatten schon damals gerätselt, wie solche gewaltige Bauvorhaben verwirklicht werden konnten. Diese Bauwerke hatten zweifelsohne Götter erschaffen, anders konnte man es sich nicht erklären. Und mit der Streitaxt sich mit Göttern anzulegen, wäre ein sehr gewagtes Unterfangen. Zudem wagte es kein Königreich die Ägypter zu unterschätzen, weil sie über ein eintausend Jahre altes Wissen verfügten, ihre Kriegstaktiken listenreich waren und sie als äußerst diszipliniert, mutig und unerschütterlich galten.

Vor Achetatons eingefallene Stadtmauern waren, wie damals vor dreizehn Jahren, die Zeltlager der ägyptischen Armee aufgeschlagen worden. Hinter der westlichen Seite der Ruinenstadt befanden sich ebenso zahlreiche Zeltlager der Hethiter, zudem hatten sich hunderte hethitische Soldaten im ehemaligen Königspalast und andere großräumige Paläste verschanzt. Die feindlichen Armeen standen sich unmittelbar gegenüber.
Prinz Arnuwanda II und sein Gefolge waren längst in Achetaton angekommen. Der Thronfolger des Hethiter Reichs schmiedete mit seinen Generälen, tief unten im Kellergewölbe des ehemaligen Königspalasts Per-Aton, heimtückische Pläne. Sollte Haremhab die Vereinbarung brechen, dass Pharao Tutanchamun geopfert wird, würde er Ramses` Armee überrennen und vernichten, weiter nach Süden vordringen und in Theben einmarschieren, um einen Dolch in Ägyptens Herz zu stoßen. Schon allein nur über Oberägypten zu herrschen und ihren heiligen Amuntempel zu entweihen, wäre ein Triumph und der allmähliche Untergang von Kemet.
Mittlerweile war auch General Ramses mit einer Kriegsflotte zur Verstärkung seines Heers erschienen. Obwohl diese Schlacht nur eine Inszenierung sein sollte und Haremhab ihm versichert hatte, dass Arnuwanda niemals vorrücken würde, traute Ramses den Hethitern nicht. Der neue Oberbefehlshaber der ägyptischen Streitmacht hatte vorsorglich jede Kaserne, von Elephantine bis Theben, nach Amarna abkommandiert. Über zwanzigtausend ägyptische Soldaten waren längst losmarschiert und kampfbereit, um die Hethiter aufzuhalten, falls sie ernsthaft vorrücken würden. Zudem hatte Ramses die neuartigen Kampfmaschinen verschiffen lassen; dutzende Katapulte wurden am Nilufer in Stellung gebracht, in dessen Körben massive Steinblöcke und brennbare Massen verstaut waren, um im Notfall Achetaton samt ihren Besetzern endgültig dem Erdboden gleichzumachen.
Währenddessen war es in der Region Amarna bedrohlich windig geworden. Ein gefährlicher Sandsturm bahnte sich an. Gelbliche Windböen fegten durch die menschenleeren Gassen von Achetaton, als man die vertrauten Zofen Neferu, Menhabne, Chenut, Nelitites und Bürsa ausgerechnet in die Behausung des Hauptmanns Djedefre unterbrachte.
Die jungen Frauen weinten. Sie waren völlig verängstigt und klammerten sich an die beleibte Bürsa. Die oberste Zofe, die ihre Untertanen normalerweise oftmals tadelte und selten lobte, wirkte in diesem Moment wie eine fürsorgliche Mutter. Sie streichelte über ihre Köpfe, küsste ihre Stirnen und versuchte sie zu beruhigen, obwohl sie sich selber fürchtete. Man verschwieg ihnen zwar, was mit ihnen geschehen würde, aber Bürsa ahnte, dass sie den Hethitern ausgeliefert werden sollten.
„Was auch immer die Hethiter von euch abverlangen, seid klug und nehmt es gehorsam hin. Befolgt, was ich euch gelehrt habe, dann werdet ihr auch keine Peitschenhiebe einbüßen müssen. Habt ihr das verstanden, ihr albernen Küken?!“, sprach sie herrisch und blickte dabei ängstlich auf die Zeltöffnung. Gleich würde irgendjemand hereinkommen, um sie abzuführen. Das befürchtete Bürsa jedenfalls.
„Und was wird mit dir geschehen, Bürsa?“, fragte Menhabne tränenüberströmt und rüttelte sie. „Du wirst doch mit uns gehen. Ist es nicht so?“ Doch Bürsa antwortete nicht sondern blickte weiterhin starr auf die Zeltöffnung. Die junge Nelitites umklammerte die Mutter aller Zofen und weinte am bitterlichsten.
„Werden sie dich uns wegnehmen? Das dürfen sie nicht! Wir können und wollen nicht ohne dich sein! Was sollen wir denn ohne dich tun?“, fragte Nelitites heulend. „Ich habe ganz große Angst, geehrte Bürsa!“
Bürsa blickte seufzend in ihr verheultes Gesicht. Das Nesthäkchen weinte herzzerreißend und blinzelte dabei verkrampft. Bürsa lächelte gezwungen und streichelte sanft über ihren Kopf. Sie packte ihren seitlichen Zopf und kitzelte damit ihre Nase.
„Du musst jetzt unbedingt tapfer sein, mein Kind. Ihr alle müsst jetzt tapfer sein! Jede von euch ist etwas Besonderes, sonst hätte unsere Königin euch nicht auserwählt. Merkt euch das! Für euch wird morgen wieder die Sonne im Osten aufgehen und im Westen, wo euer Pharao nun ruht, werdet ihr sie wieder abtauchen sehen“, sagte sie. „Die Hethiter sind ein anständiges Volk, die ihre Frauen gut behandeln. Ihr müsst ihnen nur bedingungslos gehorchen und euch ihren Bräuchen unterwerfen, dann werden sie euch auch verehren. Ihr müsst ab sofort Ägypten vergessen, so wie ich damals meine Heimat Zypern für immer den Rücken kehren musste. Fügt euch und seid euren neuen Herren stets ergeben, dann geschieht euch auch nichts.“
Eine Träne rollte über Bürsas Wange, die sie sogleich wegwischte.
„Ja, aber … aber was geschieht denn mit dir, Bürsa?“, hakte Chenut heulend nach.
Ein liebevolles Lächeln verzierte ihre Mundwinkel, während sie krampfhaft ihre eigenen Tränen zu unterdrücken versuchte. Sie seufzte, ihre knurrige Stimme zitterte.
„Meine Dienstzeit ist, wie auch Pharaos Regierungszeit, hiermit abgelaufen. Gebt alle auf euch acht und vergesst niemals, was ich euch beigebracht habe.“
Die vier jungen Zofen schrien und vergruben ihre Köpfe in Bürsas Schoß, als ägyptische Soldaten das Zelt betraten. Hauptmann Djedefre schaute Bürsa streng an, die seinen Blick ebenso kämpferisch erwiderte und befahl ihr, dass sie ihm folgen sollte. Doch Bürsa rührte sich nicht, sondern starrte ihn weiterhin nur an. Daraufhin wurde sie von zwei Soldaten aus dem Zelt gezerrt. Die jungen Zofen schrien panisch, riefen ihr Liebesschwüre hinterher und flehten die Soldaten an, dass sie Bürsa nichts antun sollten.

Der Sandsturm wütete immer heftiger. Die Leinenzelte der Soldaten flatterten wild und die Sicht wurde aufgrund des aufgewirbelten Wüstensandes immer undurchsichtiger. Der orkanmäßige Wind peitschte den Wüstensand umher und zog heulend durch die Gassen der Geisterstadt. Heuballen und Holzbretter flogen umher.
Hauptmann Djedefre, der Tutanchamun über ein Jahr lang auf dem Nil begleitet und sich während dieser Reise als ein Freund entpuppt hatte, trat vor Bürsa und überreichte ihr ein Ledersäckchen mit zwanzig Deben Gold. Das war ein kleines Vermögen, damit hätte sie sich ein Anwesen kaufen und sogar ein paar Sklaven leisten können. Bis an ihr Lebensende wäre sie eine Herrin gewesen. So viel Gold erhielten alle vertrauten Zofen. Sie sollten den Hethitern als Versöhnung übergeben werden und dieses Mitgift bezweckte, dass man nicht annahm, die Zofen wären unehrenhaft entlassen worden und somit nichts wert.
Der zwanzigjährige Prinz Zida öffnete das Zelt und starrte auf die heulenden Frauen, die sich eng aneinander klammerten und kurz aufschrien, als sie ihn erblickten. Zida kniete sich nieder und sprach beruhigend auf sie ein, zur Verwunderung aller Frauen sogar mit der ägyptischen Sprache.
Längst hatte er Nelitites dazu auserkoren, dass sie seine Gemahlin werden sollte. Sie war wunderschön. Nelitites war obendrein blutjung und sah anmutig, wie eine Prinzessin aus. Außerdem verfiel er ihrem Charme, weil sie stetig blinzelte, ängstlich und hilflos wirkte. Eine Frau, die extrem untergeben und zudem sehr jung war, empfanden die Hethiter umso attraktiver. Von nun ab würde Nelitites zwar wie ein Juwel behandelt werden, dennoch hätte sie keinerlei Rechte mehr, so wie in Ägypten, und dürfte in der Öffentlichkeit nie wieder unverschleiert auftreten. Dafür war sie einfach zu hübsch, als dass fremde Männer sich an ihrer Schönheit ergötzen durften.
Mit Bürsa gab es allerdings ein Problem. Keine der vier Damen war älter als fünfundzwanzig Jahre alt, Bürsa hingegen hatte bis dato schon die vierundsechzigste Nilschwemme erlebt. Sie war zwar eine erfahrene Zofe und wies zweifelsohne ausgezeichnete Referenzen vor, aber ein Königshaus konnte einer Frau schlecht trauen, die jahrzehntelang im Palast des Feindes treu gedient hatte. Selbst für einen Harem war Bürsa, aufgrund ihres reifen Alters nicht verwertbar. Die Hethiter hätten sie irgendeinem Händler ausgeliefert der versuchen sollte, sie auf dem Sklavenmarkt zu verkaufen. Bürsa müsste daraufhin in einem Käfig leben. Die Kleider würde man ihr herunterreißen und sie würde täglich auf überfüllten Marktplätzen von dutzenden Blicken begafft und verspottet werden. Bürsa müsste leibhaftig erleben, wie die Leute für ein gesundes Vieh mehr bieten würden, als für sie, weil eine alte Frau nichts wert war. Djedefre hielt ihr das Ledersäckchen entgegen, zwanzig Deben Gold, während der Sandsturm sich allmählich entfachte.
„Hier, nimm dies und verlasse Ägypten. Du bist jetzt eine reiche Frau, Bürsa. Du musst den verfluchten Hethitern nicht dienen. Prinz Zida ist damit einverstanden, dass ich dich freispreche.“
Doch Bürsa blickte ihn wutschäumend an. Wo sollte sie denn hingehen? Etwa während des tobenden Sandsturms in die weite Wüstenlandschaft hinaus? Wenn sie noch eine junge Frau wäre, hätte sie es mit ihrer robusten Art vielleicht noch irgendwie bis nach Jerusalem geschafft, um dort ein wohlhabendes Leben zu beginnen. Mit zwanzig Deben Gold war zwar alles möglich, aber ohne einen Wasserbeutel durch die öde Wüste zu marschieren, selbst wenn kein Sandsturm toben würde, wäre ohnehin reiner Selbstmord gewesen. Bürsa war zwar keine gebürtige Ägypterin, aber das Königshaus war gnädig gewesen, hatte sie damals als kleines Mädchen aufgenommen und sie vor dem sicheren Hungertod gerettet. Sie schuldete dem Königsclan der 18. Dynastie ihr Leben, niemals würde sie das Königshaus bewusst verraten, insbesondre nicht ihre Königin. Selbst nicht einmal für eine Truhe voll Gold! Dies hatte sie schon damals Königin Nofretete bei ihrem Leben geschworen, ihre engste Vertraute sie ebenfalls einst gewesen war.
Bürsa schlug dem Hauptmann, dessen Kummer sie einige Nächte geduldig zugehört und ihm stets liebevolle Ratschläge gegeben hatte, das Goldsäckchen aus der Hand und spuckte verächtlich vor seine Füße.
„An dem Gold haftet das Blut des Pharao! Möge der Zorn der Götter über euch allen kommen, du elendiger Verräter!“, fauchte sie wütend in sein Gesicht.
Der Hauptmann sah sie verblüfft an und fragte sich, von wem sie es bloß erfahren hatte, dass der Pharao eigentlich ermordet wurde. Wie auch immer, nun blieb ihm keine andere Wahl. Djedefre packte sie grob an ihrem Hinterkopf, direkt an ihrer geflochtenen Zopfschnecke, zerrte sie vom Zelt weg und schleuderte sie zu Boden. Bürsa kniete auf allen Vieren im Sand und keuchte. Der Hauptmann zog sein Kurzschwert und hielt die messerscharfe Klinge gegen ihren Nacken. „Törichtes Weib!“, sagte er zuletzt, bevor er weit ausholte und kräftig zuschlug.

Ramses stand mit leicht gespreizten Beinen und verschränkten Armen hinter seinem Rücken vor der Ruine des Königspalastes Per-Aton, wobei er von seinen Soldaten mit Schildern vor dem peitschenden Sandsturm und vor einer möglichen Attacke geschützt wurde. Der große, kräftige Mann mit der gebogenen Nase blickte missmutig hinauf. Falls sich der Sturm nicht bald legen würde, müsste er sich samt seinem Heer vorerst zurückziehen, denn die geballte Kraft des Sandsturms kam immer näher – die Sonne leuchtete bereits nur noch schwach, wie ein weißer Lichtball durch das gelbliche Zwielicht.
Als Arnuwanda hoch oben auf einem Balkon, dessen steinerne Brüstung teilweise zerbrochen war vortrat, tauchten dutzende Turban-Köpfe aus ihrer Deckung hervor und zielten mit ihren gespannten Bögen auf die Ägypter. Die Hethiter waren nicht länger gewillt, dass Ramses sie weiterhin mit Ausreden hinhielt und verweigerten seine Bitte, einem kurzzeitigen Rückzug zuzustimmen. Ein blutiges Gemetzel stand kurz bevor – ein endgültiger Krieg stand kurz bevor. Die Hethiter glaubten, dass Ramses nur Zeit schindete, um einen Hinterhalt vorzubereiten. Arnuwandas kriegserfahrene Generäle befürchteten, dass alsbald weitere ägyptische Armeen eintreffen werden und drängten den unerfahrenen Feldherr dazu, augenblicklich zu handeln.
Plötzlich eilte ein Soldat aus der Fernmeldetruppe zu Ramses, verneigte sich vor ihm und überreichte ihm eine völlig erschöpfte Brieftaube. Der Oberbefehlshabender entnahm der Taube das Nachrichtenröllchen und las das kleine Schriftstück mit regungsloser Miene. Dann streichelte er die Brieftaube und befahl: „Bringt diese Taube in mein Zelt und gebt ihr Wasser und genügend Futter. Behandelt sie wie eine Göttin, denn sie hat soeben Kemet gerettet!“
Ramses trat mit ausgebreiteten Armen einige Schritte vor und verkündete lautstark, dass Pharao Tutanchamun tot sei und er im Namen Ägyptens einen Waffenstillstand ersuche. Als Zeichen seiner Aufrichtigkeit und zum Dank des Verständnisses, sollte Prinz Arnuwanda die Vertrauten der Königin zum Geschenk erhalten. Dies wäre ein persönlicher Wunsch der Königin Anchesenamun, betonte Ramses.
Für die ägyptischen Soldaten war dies eine erschütternde Neuigkeit. Die meisten legten sogleich ihre Waffen nieder, zogen ihre Kopftücher ab und senkten niedergeschlagen ihre Köpfe.
Prinz Arnuwanda trat oben auf dem Balkon hervor, blickte kämpferisch hinunter und überlegte kurz. Die ägyptischen Soldaten waren aufgebracht; die meisten hatten ihre Waffen niedergelegt, waren unkonzentriert und ihm augenblicklich schutzlos ausgeliefert. Zudem fegte ein heftiger Sandsturm umher, dies wäre ein einzigartiger Moment, Ramses mitsamt seinem kompletten Heer zu vernichten. Seine Generäle hatten ihm diesen Hinterhalt empfohlen, um dann weiter nach Oberägypten einzufallen. Jetzt bot sich diese einmalige Gelegenheit an, denn noch nie zuvor waren die Hethiter ohne Gegenwehr so weit in das Hoheitsgebiet von Kemet eingedrungen, und weitere hethitische Truppen waren bereits zur Verstärkung im Anmarsch. Aber eine derartige Heimtücke würde wahrhaftig einen Krieg auslösen, was Arnuwanda zum Nachdenken anregte. Sein Ziel war ohne nennenswerte Verluste erreicht worden und die Krone war ihm jetzt sicher. Es schien ihm unklug zu sein, dem Ehrgeiz seiner Generäle zu folgen und dabei sein eigenes Leben und seinen Thron zu riskieren. Zuhause in seinem Königspalast hofften seine Brüder doch nur darauf, dass er solch eine Torheit begehen würde.
Arnuwanda nickte schließlich und nahm den Waffenstillstand schlussendlich an – wie es mit Haremhab abgesprochen wurde –, woraufhin seine Soldaten ihre Kompositbögen triumphierend in die Höhe hielten und feierlich jubelten. Der vorgetäuschte Krieg war nun vorbei, nun herrschte wieder „Frieden“ zwischen beiden verfeindeten Königreichen.

Für das hethitische Reich bedeutete der Waffenstillstand, welchen ihnen das mächtige Ägypten unterbreitet hatte, insgeheim einen Sieg. Der Zorn des Šuppiluliuma war wieder besänftigt worden, weil sein zweitältester Sohn seinen Bruder ehrenhaft gerächt hatte, glaubte der Großkönig. Zudem war der alte Großkönig äußerst stolz auf Arnuwanda, weil es ihm gelungen war, bis nach Mittelägypten einzumarschieren und Kemet somit gezeigt hatte, dass sie mit dem Streitkolben jederzeit an den Stadttoren von Memphis bis nach Theben anklopfen könnten. Ab sofort müssten sich die Ägypter mehr denn je vor ihnen in acht nehmen!
Arnuwanda II wurde schließlich zum Großkönig gekrönt und regierte bis zu seinem Lebensende erfolgreich. Sein ernannter Großwesir, Prinz Zida, heiratete Nelitites, weil er sie abgöttisch liebte. Nelitites war nun eine Prinzessin geworden. Zida war ein sehr verständnisvoller und geduldiger Ehemann, dies für einen Hethiter eher untypisch war. Aber er war ein Gelehrter und hatte sich schon immer für das ägyptische Reich interessiert und dieses studiert, obwohl die Ägypter schon seit Urzeiten der Erzfeind gewesen war. Er brachte Nelitites seine Muttersprache bei und wie erwartet wurde sie eine wunderschöne Frau, mit langem schwarzen Haar, die ihren Gemahl mittlerweile ebenso liebte und ihm zwei Söhne gebar.
Mit Neferu und Chenut schien das Schicksal ebenfalls gut gemeint zu haben. Sie wurden mit vermögenden, einflussreichen Fürsten vermählt, die allerdings bereits mit weiteren fünf Frauen vermählt waren. Die hethitischen Frauen, selbst die Adeligen, wirkten äußerst eingeschüchtert und unterwürfig; sie durften nicht einmal neben ihren Ehemännern herlaufen, sondern immer mit einem respektvollem Abstand dahinter, und zwar stets komplett verschleiert. Zudem waren die meisten hethitischen Frauen ungebildet und konnten weder schreiben noch lesen. Deren Meinungen waren unerwünscht und sogar gesetzlich verboten. Die hethitischen Frauen waren meistens nur unter sich, wirkten zwar rückständig aber waren keinesfalls dumm und waren außerdem überaus herzlich. Viele von ihnen akzeptierten ihr Schicksal einfach, einige befürworteten es sogar, andere dagegen hassten die Männer.
Die Frauen, die unmittelbar mit den zwei Ägypterinnen lebten hatten erkannt, dass sie äußerst unglücklich waren und verhalfen ihnen schließlich zur Flucht, obwohl sie damit ihr eigenes Leben riskiert hatten. Irgendwie gelang es eines Nachts, Neferu und Chenut aus dem Hethiter Reich zu flüchten, aber beide kehrten nie wieder nach Ägypten zurück. Was mit ihnen geschehen war, wurde nie bekannt.
Die gesetzliche Pflicht, dass sich Frauen in der Öffentlichkeit verschleiern mussten, galt normalerweise für adelige Frauen nicht, insbesondre nicht für eine Prinzessin. Nelitites, die von ihren Untertanen ehrenvoll Prinzessin Nenufar (Die Lotosblume) genannt wurde, stritt sich ab ihrem zweiundzwanzigsten Lebensjahr ständig mit ihrem Gemahl Zida, weil sie es endgültig nicht mehr einsah, dass er von ihr abverlangte, sich sogar im Königspalast zu verschleiern. Die wunderschöne Nelitites war nun eine erwachsene Frau geworden und wollte endlich unbedingt ihr selbstgeschneiderten Kleider, ihren Schmuck und ihre hennabemalten Hände und Füße präsentieren. Sie war es doch schon seit ihrer Jugend gewohnt, bewundert und bestaunt zu werden.
Eines Tages hatte es Nelitites gewagt, sich mit einem schicken Abendgewand in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Prinzessin Nenufar war insbesondre bei den hethitischen Frauen sehr beliebt gewesen, weil sie mutig war, selbstbewusst auftrat und sich stets aufmüpfig für die Rechte der Frauen eingesetzt und die hohen Herren somit oftmals in Verlegenheit gebracht hatte. Jedoch ohne Erfolg. Ihre krankhafte Nervosität, ihre Augenticks, hatten sich seit den schrecklichen Erlebnissen von damals sogar gelegt. Selbst die hohen Herren hatten Prinzessin Nenufar irgendwann so akzeptiert, wie sie nun mal war, weil sie eingesehen hatten, dass man eine ägyptische Frau einfach nicht ändern und umerziehen konnte. Doch Zida, blind vor Eifersucht und weil er der Meinung war, dass seine Gemahlin Schande über ihn gebracht hatte, erwürgte Nelitites am selben Abend vor den Augen ihrer gemeinsamen Kinder. Danach hatte er sich selbst gerichtet, indem er sich mit seinem Dolch die Kehle durchgeschnitten hatte.
Menhabne diente bis zu ihrem Lebensende dem hethitischen Königshaus. Es war ihr alsbald gelungen, die Sympathie und das Vertrauen aller zu gewinnen und wurde zur obersten Zofe des Königspalastes ernannt. Sie war zwar streng gegenüber ihren Untertanen, dafür handelte sie aber stets gerecht und setzte sich sogar oftmals mit ihrem Leben ein, um ihre untertätigen Zofen und Diener vor der Folter zu schützen.
Menhabne war schon immer eine taffe Frau gewesen, schließlich war sie eine Ägypterin und einst die Vertraute einer Königin, wobei sie es sogar mal gewagt hatte, ihre Herrin zu hintergehen. Mit ihrer bestimmenden Art hatte sie selbst die hethitischen Männer oftmals erfolgreich eingeschüchtert. Menhabne behielt bis an ihr Lebensende ihren goldenen Ring an ihrer Fußzehe, weil sie ihre eigentliche Königin Anchesenamun immerzu verehrte, weil sie ihr einst verziehen hatte, was in der frühen Antike äußerst selten war. Menhabne erreichte ein wahrhaftig biblisches Alter und erlebte sogar die Krönung des zweiten ägyptischen Königs der 19. Dynastie: Die Krönung des Pharao Sethos I, der Vater von Ramses den Großen.
Menhabne war zwar eine einflussreiche Zofe im hethitischen Königspalast geworden, trotzdem war es ihr niemals gelungen, das Schicksal von Königin Anchesenamun zu erfahren. Bürsas strenger sowie liebenswerter Geist lebte durch Menhabne weiter und genauso wie Bürsa es früher handgehabt hatte, behandelte die oberste Zofe ihre Untertanen. Als Menhabne stolze einhundertdrei Jahre alt geworden und in ihrem Sterbebett friedlich eingeschlafen war, weinte das hethitische Königshaus und hisste wochenlang die Trauerflaggen.

Bevor Pharao Tutanchamun in das Einbalsamierungshaus nach Theben verschifft wurde, wo er schließlich für die Ewigkeit mumifiziert werden sollte, betteten ihn die Amun-Priester auf eine vergoldete Barke, die auf einem Fuhrwagen aufgestellt wurde, und führten den verstorbenen König durch die Straßen von Memphis.
Die Sonnenbarke war zugleich ein heiliges Symbol. Die altägyptischen Schriftrollen aus dem Alten Reich bezeugten, dass der Sonnengott Ra tagsüber mit einer Barke über den Himmel gleitet und nachts damit die Unterwelt durchquert, um die Dämonen der Duat zu bezwingen, damit am nächsten Tag die Sonne wieder scheint und das Leben neu beginnt.
Überall auf den Gehwegen versammelten sich die Menschen und blickten stumm auf einen heranrollenden Geleitzug. Lediglich leises Murmeln und einige wehklagende Schreie alter Frauen, die mit schwarzen Gewändern vermummt waren und ihre Fäuste traditionell auf den Boden schlugen, waren zu vernehmen. Auf dem riesigen Fuhrwagen, direkt hinter der goldenen Barke, hing zwischen zwei Masten ein übergroßes Anch-Kreuz, welches aus purem Messing bestand. Zwei Priester, deren Gesichter mit Schakal Masken verdeckt waren und Gott Anubis darstellten, schlugen synchron mit Keulen gegen das mächtige Anch-Kreuz. Gleichmäßige dumpfe Klänge ertönten, wie Glockenlaute. Aus allen Stadtvierteln strömten die Leute herbei und drängten sich zum Straßenrand, damit sie einen letzten Blick auf ihren verstorbenen Pharao erhaschen konnten.
So mancher Handwerker witterte ein lukratives Geschäft, wenn ein Pharao in das Totenreich des Osiris aufgenommen wurde. Zahlreiche Podien wurden bereits Tage zuvor des geplanten Trauermarsches an geeigneten Plätzen errichtet. Wohlhabende Herrschaften zahlten reichlich dafür, dieses einmalige Ereignis hautnah zu verfolgen. Pharao Tutanchamun war, seit seiner Reise über dem Nil, beim Volk sehr beliebt geworden. Aber kaum ein Bewohner von Memphis hatte den König von Ägypten lebend zu Gesicht bekommen, weshalb ein Plätzchen auf allen erhöhten Plattformen diesmal besonders begehrt waren und man ein paar Deben mehr auf die Waage legen musste, um das Antlitz des zum Gott gewordenen Pharao zu erhaschen, als bei den vorigen verstorbenen Königen. Aber aufgrund der hohen Nachfrage wurde nur für ausgeerwählte Personen ein Sitzplatz reserviert.
Plötzlich erschien mitten in der Menschenmasse eine pompöse Sänfte, die von acht starken Sklaven getragen wurde. Ein ausgesprochen fettleibiger Mann stieg heraus, dessen Lederschurz mit Edelsteinen bestickt war und ihm bis über den Knien ragte. Über seinen Schultern lag, wie bei allen hochgestellten Persönlichkeiten des Landes, ein helles Schultergewand, zum Schutz gegen die glühende Sonne. Er richtete sein helles Kopftuch und zwängte seinen massigen Leib durch die Menschenmenge hindurch. Als Oberaufseher des Hafens Peru-nefer und Kommandant der königlichen Barke hätte er zwar ein Anspruch gehabt, einen begehrten Sitzplatz auf eines der Podien zu erwerben, aber die Veranstalter hatten von Rahotep aufgrund seines beachtlichen Körpergewichts und Leibesmasse einen doppelten Preis verlangt, dies ihm dann doch etwas zu teuer war.
Nichtsdestotrotz hatte sich dieser ranghohe Beamter, zu Ehren des verstorbenen Pharaos, sogar seine Fingernägel mit Blattgold verzieren lassen. Rahotep trampelte mit grimmigem Blick rücksichtslos durch die Menge, packte zwei Personen in der vordersten Reihe grob an ihren Schultern, schleuderte sie zurück und drängelte sich einfach ungeniert vor. Die beiden Männer stürzten rücklinks zu Boden, blickten diesen dicken Kerl entrüstet an und krempelten kämpferisch ihre Ärmel hoch. Doch als sie erkannten, wer dieser unverschämte Fettwanst war, ließen sie von ihrem gewagten Vorhaben ab.
„Macht mir Platz, ihr erbärmlichen Würmer. Stellt euch gefälligst hinten an, wo ihr hingehört! Diesem König habe ich gerne gedient“, brummelte er.
Der Oberaufseher des Hafens Peru-nefer war stadtbekannt, niemand würde sich mit ihm anlegen wollen, nicht nur aufgrund seiner Leibesfülle, sondern weil er sehr einflussreich war. Rahotep hatte es niemals nötig, sich wie ein Halunke zu prügeln. Falls es nötig war, ließ er einfach verprügeln. Einmal mit seinen Fingern schnippen würde ausreichen, um einen Normalbürger ohne Anhörung vorerst in den Kerker wandern zu lassen.
Pharao Tutanchamun lag gebettet, bekleidet mit einem schwarzen Gewand, auf einer vergoldeten Barke. Um seinen Hals lag seine prunkvolle Kragenkette, bestückt mit Edelsteinen und buntem Glas. Seine Arme waren überkreuzt und in seinen Händen hielt er Zepter und Krummstab. Seine schwarzen Zöpfchen glänzten im Sonnenschein. Immer noch war seine geflochtene Haarpracht wie ein Nemes-Kopftuch geschmückt. Er lag auf der goldenen Barke gebettet und es machte den Anschein, als würde er nur friedlich schlafen. Manch einer erkannte sogar ein Lächeln in seinem Gesicht. Rahotep war zwar ein knallharter Beamter und Geschäftsmann, der nicht zögerlich mit der Peitsche umging, jeden Landsmann, insbesondre jeden Ausländer skrupellos betrog und damals einige gemeine Schikanen von Tutanchamuns Vater hatte über sich ergehen lassen müssen, aber diesen jungen Pharao hatte er aufrichtig gemocht. Der hartgesottene Rahotep sank demütig auf seine Knie, verneigte sich bis seine Stirn den Boden berührte und wurde vom vorbeiziehenden Trauermarsch mit Staub besprenkelt.

Einige Stadtviertel weiter entfernt, der Trauermarsch war bereits in Sicht, eilten Rechmire und die hochschwangere Nefertiri Händchen haltend zum Straßenrand. Neugierig reckten sie ihre Hälse und beobachteten, wie die goldglänzende Barke sich näherte. Plötzlich zwickte Petu seinem Freund von hinten in die Bauchseite. Beide blickten sich wortlos an. Über Petus Mund huschte ein gezwungenes Lächeln. Rechmire nickte. Zur Fröhlichkeit war an diesem Tage nun wahrlich niemandem zumute.
Schon seit ihrer Kindheit hatten sie von ihrem gleichaltrigen Pharao geschwärmt. Sie vergötterten ihn und wünschten sich seitdem, die Majestät wenigstens einmal zu Gesicht zu bekommen und sich direkt vor ihm verneigen zu dürfen. Nun war es soweit. Leider würden sie ihren König jetzt nur noch leblos erblicken. Die Goldbarke näherte sich – die Glockenlaute ertönten gleichmäßig – und sie würden ihren Pharao endlich sehen. Bedauerlicherweise würden sie ihn aber nur sehen, bevor er kahl rasiert wird, ihm seine Lebensorgane entnommen werden und man seinen Körper mit Baumharz aushüllen würde. Selbst seine Organe werden mumifiziert und in Kanopen aufbewahrt. Die Priester werden seinen Leichnam ölen und dann wochenlang in einem Sarkophag gefüllt mit Salz aufbewahren und danach, wenn der sterbliche Körper entwässert und vollständig ausgetrocknet wäre, würden sie ihn erneut mit magisch wirkenden Ölen einsalben und mit Bandagen eng einhüllen. Zu guter Letzt wird dem Pharao seine Totenmaske über das Gesicht aufgesetzt und vernietet.
„Da kommt er!“, sprach Nefertiri aufgeregt und deutete mit dem Finger die Straße entlang.
Nun zog der Trauermarsch an ihnen vorbei. Nefertiri hielt sich entsetzt die Hände vor das Gesicht und lugte erstarrt zwischen ihren Finger hindurch.
„Aber-aber, nein! Niemals!“ stammelte Rechmire aufgebracht. „O weh … Doch, er ist es! Es ist Imhotep, unser geliebter Freund, Imhotep!“
Petu fiel erschöpft auf die Knie, zog sein Kopftuch ab und verneigte sich, bis seine Stirn den sandigen Boden berührte. Erst schluchzte er, dann strömten Tränen über seine Wangen.
„Bei der Göttin Hathor, Imo hatte uns doch nicht belogen. Verzeihe uns, mein geliebter Freund, weil wir dir nicht glaubten, dass du tatsächlich unser Pharao warst. Wir werden dich niemals vergessen.“
Rechmire und Nefertiri lagen sich in ihren Armen und weinten. Nun trauerten sie nicht mehr um ihren unnahbaren Pharao Tutanchamun, sondern um ihren Freund Imhotep, der ihnen sehr nahe stand.

Unterdessen führte ein Exekutionskommando Satamun einen Trampelpfad entlang, außerhalb der Hauptstadt, welcher durch eine paradiesische Flussoase nahe am Nil führte. Dieser Weg wurde: Der Pfad des Todes genannt. Sie blieben stehen. Satamun blinzelte in die Abendsonne. Bald würde es dunkel werden, so auch für sie selbst.
„Lasst mich in Ruhe! Rührt mich ja nicht an!“, fauchte sie warnend, als einer der Soldaten ihre Fesseln zu lockern versuchte, weil sie so fest zugebunden wurden, dass ihre Handgelenke aufgeschürft waren und bluteten. Satamun schlug dem verdutzten Soldat mit ihren gefesselten Fäusten kräftig ins Gesicht, sodass seine Nase blutete. Die Soldaten lachten.
Der Zugführer musterte die Amun-Priesterin. Wie außergewöhnlich tapfer sie doch ist, dachte er sich. Normalerweise mussten die Verurteilten zu ihrem Schafott regelrecht hin gezerrt werden, während sie um Gnade bettelten. Diese Frau aber trat mit erhobenem Haupt ihrem grässlichen Tod entgegen, was ihn beeindruckte.
„Ihr wäret eine mutige Kriegerin geworden, Satamun. So mancher Soldat könnte sich Euch als Beispiel nehmen. Meine Hochachtung.“
Satamun ignorierte seine lobende Bemerkung. Sie blickte über ihre Schulter und schaute wehmütig auf die Stadt zurück. Wie gerne würde sie jetzt den Trauermarsch ihres Pharaos begleiten, stattdessen erwartete sie ebenfalls der Tod. Zudem mit der Gewissheit, dass sie niemals in das Totenreich gelangen wird und ihre Existenz ausgelöscht sein würde. Ihre Seele würde nicht mehr weiterleben.
Plötzlich erschien eine Sänfte, die von vier Nubiern getragen wurde. Der Priester Huni trat heraus und verkündete, dass der hochwürdige Hohepriester Ahmose in der Frühe aufgrund seines hohen Fiebers gestorben sei.
Ahmose, der Satamun, als sie noch ein junges Mädchen war wie eine eigene Tochter aufgezogen hatte, sie zur Priesterin ausgebildet und sie sogar zu seiner Vertrauten ernannt hatte, hätte ihr an seinem Sterbebett verzeihen und sie begnadigen können. Der Priester Huni gab jedoch kund, dass der Hohepriester mit seinem letzten Atemzug ihren Tod gefordert hatte.
„Also, vollbringt es. Richtet das verdammte Miststück. Ich mochte diese hochmütige Ziege sowieso noch nie leiden“, sagte er gleichgültig. Dann ging er zu seiner Sänfte zurück. Aber bevor er einstieg, blieb er stehen und drehte sich um.
„Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen“, lächelte Huni hämisch. „Hochwürden hatte mich gebeten, bevor er seine Augen für immer verschloss euch zu sagen, dass ihr sie schänden sollt.“ Huni blickte die Soldaten ernst an. „Das ist ein Befehl! Das wird euch allen einen Heidenspaß bescheren, Männer, denn sie ist noch eine Jungfrau und hatte bislang keusch gelebt“, grinste Huni. Dann stieg er in seine Sänfte ein und ließ sich wegtragen.
„Nehmt ihr die Fesseln ab!“, befahl der Hauptmann, als die Sänfte des Priesters hinter einem Hügel verschwunden war. Satamun bekam es mit der Angst zu tun und es gelang ihr diesmal nicht, diese zu beherrschen. Sechzehn Männer standen vor ihr, die sie vergewaltigen sollten. Nun wünschte sie sich, dass sie augenblicklich sterben würde.
„Wenn ihr es wagt, mich anzurühren, werde ich euch alle verfluchen!“, brüllte sie aufgebracht.
Satamun wehrte sich verbissen, als zwei Soldaten sie packten und ihre Handfesseln aufschnitten, sowie auch ihre Halsschlinge. Keuchend kniete sie sich nieder und schaute die Soldaten ängstlich an. Doch niemand fiel über sie her. Satamun schnürte ihre Sandalen auf und schleuderte sie über ihre Schulter, wo einige menschliche Gerippe lagen und sich hunderte Schmeißfliegen tummelten. Krächzende Geier zogen ihre Schneisen. Sie stand vorsichtig auf und blickte jeden einzelnen Soldat in die Augen.
„Ich warne euch. Ich werde euch alle verfluchen!“, drohte sie nochmals.

Der Soldatenzug führte die Priesterin zu einer schlammigen Grube. Satamun blickte hinunter, direkt in aufgerissene Krokodilsmäuler. Die Ungeheuer regten sich nicht und machten den Anschein, als würden sie mit geöffneten Mäulern nur schlafen. Satamuns Augen weiteten sich vor Grauen. Ihre Vision, welche ihr die Götter damals während ihrer Meditation offenbart hatten, lag soeben vor ihren Füßen. Unzählige goldene Dolchklingen hatte sie damals in Trance gesehen, die aus einer tiefen Wüstengrube ragten und sie wie ein riesiger Schlund zu verschlingen drohte. Satamun beugte niedergeschlagen ihren Kopf, entblößte sich bis auf die nackte Haut, schloss ihre Augen, breitete ihre Arme auseinander und wartete darauf, dass man sie hinunterstoßen würde.
„Ich wusste es“, murmelte sie vor sich hin. „Gold bedeutet Tod.“
„Halt!“, brüllte der Hauptmann, als zwei Soldaten sie gerade packen und hinunterstoßen wollten. Der Hauptmann schaute die Männer streng an und hielt einen Augenblick inne. Er vertraute seinen Soldaten. Sie standen ihm loyal beiseite und teilten stets seine Ansichten.
„Es wird ihr lediglich vorgeworfen, dass sie Brot und Weihrauch gestohlen hat. Ist das wirklich ein Verbrechen, welches man mit dem Tod vergelten sollte? Sie war die Vertraute des Hohepriesters und er verurteilte sie nur, weil sie ihn enttäuscht hatte. Ahmose ist nun tot, warum also sollten wir sein Urteil noch vollstrecken? Ich weigere mich, eine Dienerin des Amun zu richten!“, verkündete er. Der Hauptmann zeigte in die öde Wüstenlandschaft hinaus.
„Satamun, folgt der untergehenden Sonne, bis Ihr einen großen Felsen erreicht. Dann wird es dunkel sein und Ihr müsst Euch nach den Sternen orientieren. Wandert dann weiter nach Süden, dann müsstet Ihr gegen Morgengrauen eine Nomadensiedlung antreffen. Es ist ein Dorf, wo ich geboren wurde. Sie werden Euch herzlich aufnehmen, weil sie Amun sehr verehren. Aber Ihr dürft keinesfalls in der Nacht rasten und Euch nicht verlaufen, ansonsten wird euch die Sonne des nächsten Tages hinrichten!“
Der Hauptmann hob warnend seinen Zeigefinger.
„Wagt Euch aber nie wieder nach Memphis oder in eine andere Stadt zurückzukehren. Ihr seid überall bekannt und jeder weiß, wer Ihr seid. Betretet niemals wieder einen Tempel, ansonsten wird man mich eines Tages in diese Grube werfen lassen, weil ich einen Befehl verweigert habe. Dann müsst Ihr meinen Tod vor Osiris und Amun verantworten!“
Satamun, splitternackt, starrte die Männer beinahe entsetzter an, als sie soeben in diese Krokodils Grube geblickt hatte. Sie zog sich hastig wieder an, schaute dabei jeden Soldaten abwechselnd streng in die Augen und hielt somit den Blickkontakt, damit man sie bloß nicht lustvoll musterte.
„Ich bin dir für deine Gnade zwar dankbar, Hauptmann, aber hättest du deinen Entschluss nicht etwas eher kundgeben können, noch bevor ich mich entkleidete?“, motzte sie verärgert, während sie sich rasch anzog.
Satamun marschierte barfüßig mit strammen Schritten gen Westen, in die glühende Wüstenlandschaft hinein. Es war zwar kurz vor Sonnenuntergang, aber trotzdem war die Hitze noch unerträglich. Sie besaß weder einen gefüllten Wasserschlauch, noch irgendetwas Essbares. Ihre Fußabdrücke gruben sich sanft im Wüstensand ein, genauso wie sie es in ihrer Vision gesehen hatte. Der Hauptmann und sein Soldatenzug verfolgten, wie die Priesterin ohne einen Wasserbeutel in die ungewisse Hitze stolzierte, in das Territorium des Seth. Einen wahren Verbrecher niederzustrecken war eine Sache, die für ein Exekutionskommando sogar Vergnügen bereitete, eine Dienerin der Götter hinzurichten, war wiederum eine Gewissensfrage, und trotzdem hätten sie diese Hinrichtung ausführen und sie vergewaltigen müssen, weil es ein Befehl war!
Als Satamun schon eine gewisse Distanz erreicht hatte, drehte sie sich um und verneigte sich mit überkreuzten Armen vor dem Soldatenzug. Dann verschwand die Priesterin hinter der felsigen Wüstenlandschaft und kehrte, wie versprochen, nie wieder nach Memphis oder in eine andere Großstadt Ägyptens zurück.
Am nächsten frühen Morgen entdeckte ein großer Mann, weitab von seinem Dorf, die bewusstlose und halbverdurstete Priesterin mitten in der steinigen Wüstenlandschaft. Er nahm Satamun behutsam in seine Arme und beförderte sie mit einem Esel in sein Dorf. Dort päppelte er die völlig erschöpfte Priesterin wieder auf. Satamun verhielt sich distanziert, redete nicht viel und ließ sich vor der Dorfgemeinschaft tagelang nicht blicken. Sie blieb nur in ihrer dunklen Behausung versteckt und beobachtete die Gemeinde nur durch einen Schlitz. Und jedes Mal, wenn dieser bärtige Hüne hereintrat, um ihr einen Krug Ziegenmilch, Brot und Trockenfisch zu servieren, schreckte sie zusammen.
„Wie ist Euer Name, Priesterin?“, hatte er sie schließlich sanftmütig gefragt.
Satamun blickte ihn mit ihren grünen Augen misstrauisch an, während sie gierig trank. Einen Moment überlegte sie, bevor sie antwortete.
„Niut“, antwortete Satamun, während sie hastig das Brot mit dem Trockenfisch hinunterschlang. „Mein Name ist Niut.“

Nachdem Pharao Tutanchamun mumifiziert und mit Leinenbinden umwickelt worden war, man ihm seine Totenmaske aufgesetzt hatte, die aus purem Gold angefertigt wurde aber seinem Antlitz keineswegs ähnelte, bettete man ihn in einen goldenen Sarkophag. Es war in der ägyptischen Antike üblich, dass Pharaonen ein Kunstantlitz erstellten, um göttlich zu wirken.
Die Königsmumie wurde diesmal besonders geschützt. Der goldene Sarkophag wurde in zwei weitere, ineinander schachtelbare vergoldete Holzsarkophage gelegt und verriegelt. Tief unten in der Gruft, inmitten der Sargkammer, stand der Außensarkophag, bestehend aus Quarzit bereit. Zu guter Letzt wurde der steinerne Sarg von einem riesigen, goldenen Schrein umbaut worden, dann erst durfte der Pharao endgültig ruhen.
Tutanchamun wurde nicht in seinem vorgesehenen Grabmal bestattet, weil die Bauarbeiten noch nicht abgeschlossen waren. Sein allzu früher Tod war überraschend gewesen. Man bestattete ihn im Tal der Könige in einer kleineren Gruft, die freistand, welche möglicherweise irgendein vergangener König einst in Auftrag gegeben hatte, diese Grabstätte aber niemals in Anspruch genommen wurde. Der Auftraggeber dieses Grabmals blieb bisher unbekannt. Außer seinen kostbaren Schätzen sowie privaten Gegenständen wurden zudem die zwei bereits mumifizierten Föten, seine ungeborenen Töchter, ebenfalls in seiner Grabkammer beigesetzt.
Königin Anchesenamun eilte herbei, noch bevor die Gruft verschlossen wurde. Sie schaute weg, als man seinen Kinderthron und die vielen Segelschiffmodelle sowie seinen geliebten Streitwagen in die Abgrundtiefe des Jenseits transportierte. Der Anblick schmerzte sie viel zu sehr. Noch waren Soldaten und Priester am Abstieg postiert und spendeten mit ihren Fackellichtern etwas Licht. Vorsichtig tapste Anchesenamun die Treppenstufen, einen Fuß nach dem anderen, Schritt für Schritt hinab. In ihren Händen hielt sie eine Truhe, die aus Ebenholz und Elfenbein gearbeitet wurde. Auf dem Deckel war ihr Porträt geschnitzt und gemalt worden, wie sie ihrem Gemahl eine Lotosblume überreichte, als Zeichen ihrer unendlichen Liebe zu ihm. Dies sollte ein Porträt für die Ewigkeit sein.
Anchesenamun schaute in der kühlen Vorkammer leicht schwankend umher. Sie wirkte erschöpft, ihre Augen wirkten müde und sahen glasig aus, weil sie wiedermal am helllichten Mittag vom Wein völlig betrunken war. Im diesigen Fackellicht schimmerten unzählige Kostbarkeiten, die ordentlich aufgestellt wurden. Königin Anchesenamun kicherte albern, als sie die zwei menschengroßen Statuen, die Wächter des Todes, vor der versiegelten Sargkammer sich gegenüberstehen sah.
Alles war neu, nicht ein einziges Staubkorn lag auf den Grabbeigaben. Es roch nach frischer Farbe. Alle Priester beobachteten die Maler, wie sie ihr Werkzeug und Holzgerüste wegräumten und die Gruft verließen, damit sich niemand an den kostbaren Schätzen bereicherte.
„Meine Königin, es ist Zeit“, forderte sie ein Priester behutsam auf.
Ihre Augen wanderten verzweifelt umher. Wo sollte sie nur diese Holztruhe ablegen? Anchesenamun glaubte, dass es Grabräuber irgendwann sowieso gelingen würde in diese Grabkammer einzudringen, obwohl ihr es namentliche Baumeister versichert hatten, dass dies unmöglich wäre. Der Eingang dieser Gruft würde nach der Schließung mit Steingeröll zugeschüttet werden, garantierten sie. Bis auf das Elfenbein und dem Blattgold war die Truhe zwar nicht allzu viel Wert, aber Anchesenamuns Herz hing daran. Die Grabräuber würden sicherlich allererst nach dem Gold und Schmuck gieren und sich dann schleunigst davonmachen wollen, also wäre es wohl klug, wenn sie die Truhe etwas separat in einer versteckten Ecke deponieren würde, damit man sie hoffentlich übersehen würde. Mögen sie ruhig das Gold und die Edelsteine nehmen, dachte sie, aber bitte nicht diese Holztruhe.
„Majestät …“, vernahm sie und es klang wie eine Aufforderung, eine Aufforderung, dass sie endgültig die Gruft verlassen müsste.
Für Anchesenamun war es eine Gewissheit, dass ihr Gemahl irgendwann aus dem Totenreich zu seinem Leichnam herabsteigen und sich an seinen Schätzen erfreuen würde. Besonders seine geliebten Schiffsmodelle würden ihn erfreuen, wenn er sie erblickt, dachte sie. Und er wird sich an die Nilreise erinnern, wenn er das Schiffsmodel der königlichen Barke betrachtet. Sobald er die Truhe entdecken würde, wird er gewiss davor knien und sich an der Schönheit seiner Gemahlin ergötzen. Anchesenamun neigte seitlich ihren Kopf, lächelte liebevoll und legte eine frische Lotosblume auf die Holztruhe nieder.
„Bis bald, geliebter Tut. Jetzt hast du es gesehen, dass nur ich dich wirklich geliebt habe“, flüsterte sie vor sich hin.
„Ich erbitte Euch vielmals, Hoheit. Nun ist es wirklich Zeit“, forderte sie der Priester abermals auf.
Königin Anchesenamun blickte ihm wortlos ins Gesicht und schlenderte die steilen Treppen der Gruft betrübt hinauf, hinauf wo das Sonnenlicht schien.

Als die unterirdische Gruft mit einen tonnenschweren Kalksteinblock in die Vorrichtung gerammt und versiegelt wurde, hatten die alten Ägypter den tiefen Zugang zusätzlich mit Schotter verschüttet. Selbst als das Reich der Ägypter wiedermal erobert wurde, noch als Alexander der Große um 323 v. Chr. über Ägypten geherrscht hatte, wurde das Tal der Könige noch gepflegt und behütet. Jedoch waren Sandstürme über die Jahrhunderte durch das Tal der Könige gezogen und hatten die Gräber der Pharaonen vollständig verschüttet. Aber irgendwann war jedes Grabmal freigeschaufelt, aufgebrochen und geplündert worden. Nur Tutanchamuns Grabstätte war verschollen und unberührt geblieben, weil der junge König in völliger Vergessenheit geraten war. Das Grabmal des Tutanchamun wurde erst 33 Jahrhunderte später vom Archäologe Howard Carter entdeckt worden, dies bis zum heutigen Tage als die Entdeckung des Jahrhunderts gilt.
Nirgendwo im altägyptischen Reich, weder auf einem Obelisken noch auf einer Steintafel, wurde Königin Anchesenamun jemals wieder erwähnt. Das Grab der Anchesenamun, einer Großen königlichen Gemahlin des altägyptischen Reichs, insofern man sie überhaupt bestattet hatte, wurde bislang nicht entdeckt.
 
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Kommentare  

Ich bedanke mich bei euch, Dieter und Jochen,
für eure Kommentare. Ein Kapitel habe ich noch
in der Schublade, will es aber nochmal gründlich
überarbeiten und der Geschichte anpassen ;)

LGF


Francis Dille (11.08.2021)

Hallo Francis! Dieser Roman ist dir von vorne bis hinten super gelungen. Es war eine Freude für mich ihn zu lesen. Ich war völlig in das alte Ägypten eingetaucht. Wirklich eine schöne Geschichte.

Dieter Halle (08.08.2021)

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