
Wir sind in der Tat Feinde jeglicher Macht. Weil wir wissen, dass Macht einen ebenso zersetzenden Einfluss auf den hat wie auf den, der ihr gehorchen muss. Unter ihrem verderblichen Einfluss werden die einen zu Geizigen und habgierigen Despoten, Ausbeutern der Gesellschaft zum eigenen Vorteil oder den ihres Standes und die Anderen zu Sklaven.
Michail Bakunin
Sie behaupten, dass ein solches staatliches Joch,? ? eine Diktatur, ein? ? unvermeidliches und vorübergehendesMittel zur vollständigen Befreiung des Volkes sei. Wir dagegen behaupten, dass Freiheit nur durch Freiheit geschaffen werden kann.
Bakunin in einem Brief an Karl Marx
Herrschaftslosigkeit oder, um zum besseren Verständnis ein Fremdwort zu benutzen, Anarchie, dieses Unwort erweckt? Assoziationen von unrasierten Bombenwerfern, von Chaos und von brennenden Autos, von Straßenschlachten, von Plünderungen und von nicht gefegten Bürgersteigen. Um die mit diesem bösen Wort verbundenen Zustände zu vermeiden, lassen wir uns lieber allzu bereit eine Normexistenz überstülpen, ein Normdenken, ein Dahinvegetieren in vorgefertigten Geleisen. Aus Angst vor den mit dem Unwort verbundenen Zuständen stimmen wir der Herrschaft zu, wir feiern unsere Normierung als Individualität, wir bezeichnen unsere Knechtschaft als Freiheit und unsere psychische Verödung als Seriosität.
Anarchisten, Libertäre und Voluntaristen, Nonkonformisten und Rebellen sind ein Ärgernis für die Autoritäten, für die ach so guten Hirten, deren Bestimmung ist, ihre Schäfchen im Pferch zu halten, sie zu scheren und aufzufressen.
Anarchie im eigentlichen Sinne bedeutet nicht Chaos und Gewalt, sondern das Gegenteil von Hierarchie. Zustände, die im allgemeinen Sprachgebrauch als Anarchie bezeichnet werden, das sind Zustände, die aus kollabierenden Hierarchien entstehen. Anarchie ist nicht auf eine bestimmte Subkultur beschränkt, sondern Anarchist ist im Grunde genommen jeder, der keine Lust hat, sich herumkommandieren zu lassen und niemanden herumkommandieren will. Anarchie beinhaltet die radikale Absage an Gewalt. Die einzige Form legitimer Gewalt ist die Abwehr von Gewalt, die persönliche Notwehr. Nur psychisch gestörte Menschen brauchen das Gefühl der Macht über Andere, und gerade diese sollte man schon in deren eigenen Interesse von der Macht fernhalten. Was in den Medien als Anarchisten bezeichnet und in Fersehbildern gezeigt wird, die schwarzvermummten Steinewerfer, das sind keine Anarchisten, sondern Dummköpfe oder verkappte Faschisten, oftmals von der Staatsmacht alimentiert.
Nun kann man einwenden: Wir brauchen doch Ordnung, es kann ja schließlich nicht jeder machen, was er will.
Ist es jedoch wirklich besser, wenn man nicht macht, was man selbst will, sondern das, was ein Anderer will, das man tue? Weiß ein Anderer mehr über mich Bescheid als ich selber?
Der Mensch ist schlecht von Grund auf, so lehrt es uns das meistverkaufte Buch der Welt, und so brauche es die Obrigkeit, die uns sagt, was wir zu tun und zu lassen haben, um uns vor uns selbst zu schützen. Dazu gab es die Religion, und seitdem die Kirchen ihre Autorität verloren haben, seitdem ist eine neue Religion entstanden, die Religion der Staatsgläubigkeit. Es ist alter Wein in neuen Schläuchen. Der Staat, der sich um unsere Belange kümmere und der wie früher der liebe Gott allwissend, allmächtig und gütig sei. Natürlich gibt es hin und wieder einen Stänkerer, einen wie Bakunin, der dazu aufruft, den Staat als Repressionsinstrument zu zerstören, und dessen Jünger ein paar Bomben werfen und damit indirekt die Allmacht des Staates festigten. Denn ein Staat braucht zur Legitimierung seiner Methoden ein paar Wirrköpfe, die Unordnung stiften, so wie der liebe Gott so dringendden Teufel braucht, denn sonst würde ja keiner mehr an ihn glauben.
Heutzutage ist ja die Zeit der Monarchen und der Diktatoren vorbei, wir haben Demokratie. Das bedeutet, zwei oder mehrere Parteien konkurrieren miteinander um die Gunst der Mehrheit. In der Regel stehen eine oder mehrere konservative Parteien auf der einen Seite und sozialistische oder sozialdemokratische auf der anderen. Doch vielleicht findet die wirklich wichtige Auseinandersetzung nicht zwischen links und rechts statt, sondern zwischen Selbstbestimmung und Bevormundung. Links und rechts sind vielleicht nichts als zwei Strategien, den Menschen in der Fremdbestimmung zu halten.
Des schlesischen Anarchisten Ewald Seeligers Handbuch des Schwindels definiert den Begriff? ? Demokratie folgendermaßen:
Demokratie, kron- und thronlose Volksschinderei, Alleinherrschaft der raubsamsten Gewaltverüber, Nichtvolksherrschaft. Jedes Volk will frei sein. Das Gegenteil davon aber ist die Herrschaft.... Jede Demokratie läuft zuletzt immer auf die Alleinherrschaft des tüchtigsten, also des irrsinnigsten der Gewaltschwindler hinaus.
Dies ist eine andere Definition von Demokratie als diejenige, die wir in der Schule gelernt haben. Man muss erst einmal tief durchatmen. Ist die Demokratie nicht zumindest das kleinere Übel gegenüber den Monarchien vergangener Tage, gegenüber? ? kommunistischer oder faschistischer Gewaltherrschaft. Oder ist sie nach den Worten Karlheinz Deschners die Kunst, im Namen des Volkes dem Volk feierlich das Fell über die Ohren zu ziehen? Zumindest ist das in den korrumpierten Formen der Demokratie so. Deswegen muss man auch manchmal die real existierende Demokratie in Grund und Boden kritisieren, um den emanzipatorischen Gedanken, der der Idee der Demokratie zugrunde liegt, zu retten. Nur eignet sich der Hinweis auf fehlgeschlagene Staatsformen der Vergangenheit hervorragend als Totschlagargument, um jegliche Kritik am derzeitigen Zustand der heutigen Demokratien zu ersticken.
Demokratie ist laut Lehrmeinung die Umsetzung des Volkswillens mittels gewählter Parlamente. Was in der Theorie überzeugend klingt, das besteht nicht immer den Praxistest. Es gibt Lobbytätigkeit, Bestechung und Erpressung von Politikern, inszenierte Medienskandale, Geheimdienste, die sich zu einem Staat im Staate aufspielen und es ertrinkt auch mal ein ehemaliger Ministerpräsident in der Badewanne. In den Vereinigten Staaten werden beide große Parteien von den gleichen Konzernen und Banken finanziert, niemand kann dort Präsident werden, der nicht von den mächtigen Geldgebern gecastet worden ist. In Europa ist es nicht wirklich anders. Man hat nicht immer eine Wahl, wenn man wählen geht.
Derzeit sind alle der im deutschen Parlament vertretenen Parteien bestrebt, Deutschland mehr und mehr in die EU einzubinden und die „Vereinigten Staaten von Europa" zu schaffen, auch wenn der Großteil der Wähler weder den Euro noch den ESM noch die derzeit geplanten Freihandelsabkommen TTIP, TISA und CETA akzeptiert hätte, wenn ihn jemand nach seiner Meinung gefragt hätte. Man spricht von „marktkonformer Demokratie" und von
„Wirtschaftsregierung", was nur eine verschleierte Vorbereitung auf die schleichende Etablierung einer Finanzinstitutsdiktatur ist.
Die Verwaltungsstruktur der Europäischem Union entspricht in weiten Teilen der der ehemaligen Sowjetunion. Nun frage man einmal den Bürger, ob er eine Sowjetunion haben wolle mit Sitz in Brüssel...
Doch der Wille der Bürger interessiert die Eurokraten nicht. In einem Spiegel Interview veröffentlicht am 27. 12. 1999 stellte Jean Claude Juncker seine demokratische Gesinnung unter Beweis:
Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was geschieht, dann machen wir weiter, Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.
In der veröffentlichten Meinung wird der Zusammenschluss der Nationalstaaten zu supranationalen Gebilden als Friedensprojekt verkauft, und in besonders kühnen Visionen der Anglizismus „global gouvernance" propagiert, um das furchteinflößnde Wort „Weltregierung" zu vermeiden, was dasselbe bedeutet. Ein Weltstaat wird wohl niemals Frieden bringen, sondern allenfalls die Friedhofsruhe einer in allen Lebensbereichen kontrollierten Gesellschaft. Ein Entkommen aus einem Weltstaat wäre dann nicht möglich, auch wenn die Grundstückspreise auf dem Mond derzeit recht niedrig sind.
In keinem Lehrbuch für Staatskunde liest man über die Tatsache, dass ca 1 % der Bevölkerung Psychopathen sind und dass sich Psychopathen mit Vorliebe da sammeln, wo die Macht ist. In einer Demokratie kommen zumeist die dreistesten, die geschicktesten der Psychopathen nach oben, in einer Diktatur die brutalsten. Charmant im Auftreten, skrupellos beim Beseitigen ihrer Gegner. Wer am Besten lügt, der wird am meisten gewählt. Wer am allerbesten lügt, dem verleiht man den Friedhofsnobelpreis. Welche Möglichkeit hätten Psychopathen erst an der Spitze eines Weltstaates?
Wäre Stalin der Staatschef von Monaco gewesen, Hitler der Fürst von Liechtenstein und Mao der von Luxemburg, sie hätten nicht allzuviel Schaden anrichten können. Vielleicht sind unsere Staaten eine Nummer zu groß, zu mächtig, vielleicht sollten sie nicht größer sein dürfen als einer der Schweizer Kantone oder ein Landkreis in Deutschland. In Großstaaten neigen die Regierenden dazu, sich im Parallelwelten abzusetzen. In Kleinstaaten ist dies so nicht möglich, die Politik hat nicht die Möglichkeit, sich allzuweit vom Bürger zu entfernen. Demokratie funktioniert nur in überschaubaren Strukturen. Der Dorfbürgermeister ist eine reale Person, der Staatspräsident dagegen ein flimmerndes Bild aus dem Fernseher. Das durch die Medien vermittelte Bild hat mit der realen Person wenig zu tun. Wie soll ich also die Person einschätzen, die ich wähle?
Es geschieht nicht selten, dass ein Brett vor dem Kopf zur leuchtenden Fackel der Weisheit umgedeutet wird. Im Gegensatz zum Durchschnittsmenschen können sich Machthaber ein Brett aus edlen Tropenhölzern vor ihrer Stirn leisten.
Da der Gebrauch der Macht den Machthaber über kurz oder lange verdirbt, wurden Mittel der Machtbegrenzung eingeführt. Monarchen wurden Parlamente zur Seite gestellt, die Amtszeit von Staatsoberhäuptern begrenzt. Die Gewaltenteilung wurde eingeführt. Aus gutem Grund führte man in manchen Ländern das Subsidiaritäsprinzip ein, das heißt, dass so viel wie möglich auf den unteren, den regionalen Ebenen entschieden wird. Alles sinnvolle Maßnahmen, denn sie dienen der Begrenzung der Macht.
Allerdings lassen sich immer wieder Mittel und Wege finden, die Mitbestimmung und die Gewaltenteilung auszuhebeln. Dann herrscht Fraktionszwang, dann ist etwas alternativlos. Oder man muss aus Kostengründen des Staat zentralisieren.
Man kann der Staatsmacht nicht genug auf die Finger sehen. Die digitale Technik dieser Tage erlaubt Methoden der Überwachung, von denen die Diktaturen vergangener Zeiten nicht mal hätten träumen können. Künftige Generationen werden, geht es nach den Plänen mancher Vorreiter der Digitalisierung, einen implantierten Chip in sich tragen, der Personalausweis, Kreditkarte und Hausschlüssel in einem sein wird. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich die Missbrauchsmöglichkeiten dieser Technologie vorzustellen.? ? Doch man hat ja nichts zu verbergen, so spricht der arglose Bürger....
Über den Staat schreibt Seeliger, der schlesische Anarchist:
Kein Staat ist anders als durch Gewalt entstanden. Jede Staatsverfassung ist der in Worte gebrachte Gewaltvergriff an einem Volke. Ohne fortgesetzte Volksschinderei, Massenraubmörderei und Wegelagerei kann sich überhaupt kein Staat am Leben halten.
Seeligers Handbuch des Schwindels wurde erstmals 1922 veröffentlicht, was dem Autor die Internierung in einer Nervenklinik für drei Monate einbrachte und das Privileg, als Unzurechnungsfähiger keine Steuern mehr zahlen zu müssen. Nun ist kein Mensch darauf erpicht, Zahlungen an eine Firma entrichten zu müssen, mit der er keinen Vertrag geschlossen hat, nur ist der Preis, als Idiot angesehen und dementsprechend behandelt zu werden, vielleicht ein zu hoher Preis, um den Zugriffen des Staates entgehen zu können. Außerdem, der Fürsorglichkeit der Staatsmacht entkommt man nicht mal im Irrenhaus.
Ist das nicht Blasphemie? So über den Staat, der wir ja alle sein sollen, herzuziehen?
Wo kämen wir denn hin, wenn die Regierung nicht Gesetze erließe, wenn sie nicht die öffentliche Ordnung schützte, wenn sie nicht die Dinge unseres Lebens zum Wohle aller regeln würde? Hin und wieder müsse sie die Freiheit einschränken, um die Freiheit Aller zu schützen. Nur zu unserem Besten, von dem die Regierung am besten wisse, was das Beste für uns und die unseren sei.
Nun haben Gesetze und Regelungen eines mit Kaninchen gemeinsam, nämlich, dass sie sich exponentiell und unkontrolliert vermehren. Für alles und jedes gibt es ein Gesetz, für jeden unserer Lebensbereiche gibt es Richtlinien, für alles gibt es Beauftragte, die diese Bereiche zu unserem Wohle verwalten. Und mit der Gesetzesflut steigt auch die Anzahl der Gesetzeslücken, die durch spitzfindige Juristen ausfindig gemacht werden. Denn erlaubt ist, was den Gesetzen entspricht, also legal ist. Doch sind legal und legitim zwei verschiedene Dinge. Man kann seinen Mitmenschen auf ganz legale Weise, also ohne ein Gesetz zu verletzen, betrügen, schädigen und ruinieren, man braucht dazu nur die richtige Kenntnis der juristischen Grauzonen, und schon versagt das ausgefeilteste Rechtssystem. Die Regierung kann dann versuchen, die Gesetzeslücken zu schließen, dies hat zur Folge, dass die Gesetzestexte immer umfangreicher und unverständlicher werden und keine Chance mehr besteht, diese auch nur im Ansatz zu verstehen. Es gleicht dem Wettlauf zwischen Hase und Igel.
Der Staat regelt die Dinge für uns, weil wir unfähig sind, diese selbst zu regeln, und dadurch, dass er es tut, werden wir weiterhin unfähig dazu bleiben. Im Gegenteil, je mehr für uns geregelt wird, desto weniger sind wir in der Lage, es selbst zu tun. In der Psychologie nennt man das „erlernte Hilflosigkeit“. In der Pädagogik kennt man auch das Phänomen der sogenannten Helikoptereltern, Eltern, die besorgt über alles, was die Kinder machen, wachen, ihnen jede Schwierigkeit abnehmen, sie mit dem Auto überallhin kutschieren und ihnen die Möglichkeit nehmen, eigenständig ihre Erfahrungen zu machen und Herausforderungen zu bestehen. Später wundern sie sich über die Hilflosigkeit ihres Nachwuchses.
Vater Staat hat viele Helikopter. Vielleicht sind es ein paar zu viele.
Demnächst also Helmpflicht für Radfahrer, Helmpflicht für Fußgänger und Helmpflicht beim Atmen, denn die Gefahren sind allgegenwärtig, wie gut, dass es eine Institution gibt, die uns beschützt.
Staaten sind Menschenfarmen, die demokratischen Staaten entsprechen der Freilandhaltung, die totalitären Staaten der Intensivhaltung in Massenställen mit Spaltenboden. Die demokratische Variante erzeugt eine bessere Fleischqualität als die totalitäre, allerdings ändert sie nichts an der Verhausschweinung des Menschen. Wie das Haustier, so ist auch der Hausmensch in freier Wildbahn nicht mehr lebensfähig. Er braucht eine äußere Struktur, die ihn lenkt und die ihm seine Entscheidungen abnimmt.
Um die Rolle des Hausmenschen besser spielen zu können, so verbringt der Mensch viele seiner frühen Jahre in staatlich geförderten Dressuranstalten, auch Schulen und Universitäten genannt. Man nennt es auch: „sich auf das Leben vorzubereiten.“ Als begänne das Leben nicht schon spätestens mit dem ersten Atemzug, eigentlich sogar ein paar Monate vorher. Prägender als der Inhalt der Unterrichtsstunden, die die Schüler über sich ergehen lassen, sind die unterschwelligen Inhalte, die die Schule vermittelt, etwa, dass keine Aufgabe so wichtig ist, als dass sie nicht durch den Klang der Pausenklingel abgebrochen werden kann. Oder dass man Erfolg am besten durch Auswendiglernen des Vorgegebenen und durch Funktionieren in vorgegebenen Bahnen erreicht. Überhaupt, dass sich der Wert oder Unwert eines Menschen in Zahlen fassen lässt, die von eins bis sechs reichen.
Nach Abschluss der Schule, die nichts anderes war als die Konditionierung zu einem Leben eines Hamsters im Laufrad, der Ehrgeiz, fleißig im Laufrad sich abzustrampeln, um es zu einem komfortableren, einem sportlicheren Hamsterrad zu bringen oder zu einem mit vergoldeten Speichen. Erfolg ist, die anderen Hamster in den anderen Laufrädern vor Neid erblassen zu lassen. Schaut, was für ein schönes Gefängnis ich habe! Seht, wie die Speichen glänzen!
Herrschaftskritik muss auch die ökonomische Basis der Herrschaft beinhalten. Eine wesentliche Rolle spielt hier das System der Zentralbanken und die in privatem Besitz befindliche amerikanische Zentralbank. Ebenso die Europäische Zentralbank, wenn auch in öffentlichem Besitz. Nicht umsonst heißt es: „Geld regiert die Welt“, und da Geld nichts weiter als ein Medium ist, so sollte man sich fragen, wie wird das Geld regiert und von wem?
Was ist überhaupt Geld? Wir tragen es in der Tasche in Form von Scheinen und Münzen, als gesetzliches Zahlungsmittel vom Staat vorgeschrieben, und zusätzlich haben wir Geld auf dem Konto, das sogenannte Giralgeld, welches streng genommen gar kein Geld ist, sondern lediglich ein Anspruch auf Geld. Der größte Teil des im Umlauf befindlichen Geldes ist Giralgeld, Bargeld macht nur einen kleinen Prozentsatz der Geldmenge aus. Wie entsteht eigentlich Giralgeld? Durch eine Buchung aus dem Nichts. Banken haben das Privileg zur legalen Erzeugung von Falschgeld, für das sie sich materielle Sicherheiten geben lassen und Zinsen kassieren. Im wirklichen Leben nennt man so etwas Betrug. Doch in der Finanzwelt gelten eigene Regeln und über diese wird nicht gesprochen, da ein beträchtlicher Teil der Machtstrukturen daran hängt. Denn, wie einst ein Herr Ford sagte, wenn die Leute das Finanzsystem verstehen würden, so hätten wir eine Revolution vor morgen früh.
Das System virtuellen Geldes würde augenblicklich kollabieren, wenn nur wenige Prozent der Kontoinhaber sich ihre Guthaben auszahlen lassen würden.
Es gibt einige Gruppen Ultraliberaler, die den Kräften des freien Marktes freien Lauf lassen wollen. In das Recht freier Menschen, miteinander Verträge abschließen zu dürfen, dürfe sich der Staat nicht einmischen. Bis zu diesem Punkt haben die Ultraliberalen recht. Nur werden Verträge selten auf Augenhöhe abgeschlossen, sondern der Stärkere zwingt dem Unterlegenen seine Bedingungen auf. An diesem Dilemma krankt der Liberalismus.
Nun ist das Geldmonopol ein solches Machtinstrument, dass es, um in der Sprache der Marktradikalen zu bleiben, es zu einer Marktverzerrung zugunsten der reichsten und mächtigsten Akteure kommt, ihnen sogar die Macht verleiht, die Politik nach ihrem Belieben zu dirigieren. Dies ist das Dilemma der Neoliberalen, die unter dem Schlagwort „freie Marktwirtschaft“ eine Art sozialistischer Umverteilung zugunsten der Finanzindustrie und der Oligarchen praktizieren.
Die Ideologie der freien Marktwirtschaft ernst genommen, das würde bedeuten, dass auch Großkonzerne für die Folgen ihrer Geschäftstätigkeit unbegrenzt haftbar wären. Betreiber von Kernkraftwerken bekämen also das Haftungsrisiko nicht vom Staat abgenommen, sondern sie müssten sich versichern zu zwei Euro pro Kilowattstunde. Auch Fracking und Gentechnik wären kein Thema, müssten die Konzerne für ihre Produkte haften.
Bestimmte Verfehlungen des heutigen Kapitalismus sind nur möglich, weil der Staat sie deckt und sich weniger als Korrektiv als als Komplize verhält.
Der Staat schützt uns vor anderen Staaten. Dazu gibt es das Militär. Dazu gibt es die Rüstungsindustrie, die das Militär mit der zur Verteidigung nötiger Bewaffnung ausstattet. Nur bestellen die Staaten nicht genug Waffen, um die Kapazitäten der Waffenindustrie auszulasten. Also müssen welche exportiert werden.? ? Am besten an Staaten, mit denen man in absehbarer Zeit selbst einen Konflikt hat. Dann besteht ein plausibler Grund, wieder aufzurüsten.
Im kalten Krieg ruinierten sich zwei Supermächte. Der Widerstreit zweier Systeme in der Frage, ob die Hamsterräder dem Staat oder irgendwelchen privaten Eigentümern gehören sollten, brachte die Welt mehrere Male an den Rand eines Nuklearkrieges. Gerettet wurde die Welt einzig und alleine durch die Illoyalität einiger Militärangehöriger, die nicht ihren Weisungen folgten, ein andermal durch einen Ostspion. Es war noch einmal gutgegangen. Anders säßen wir nicht hier....
So stellt sich die Frage: Können wir uns den Staat, bzw. die Staaten überhaupt leisten? Kann der Staat etwas zur Lösung unserer Probleme beitragen oder ist er nicht vielmehr selbst ein Problem? Einige Außenseiter propagieren die Abschaffung der Staaten und den Aufbau einer Gesellschaft, die auf reinem Privatrecht basiert. Dann gäbe es nur Menschen, die miteinander Verträge aushandelten.
Würde eine solche Gesellschaft eine freiere sein?
Beim gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft vermutlich nicht. Firmen verhalten sich keinesfalls moralischer, als dies Staaten tun. Und die Menschen?
Diese müssten sich eine Menge Fragen stellen, die sie sonst allzu gerne an Institutionen delegieren. Sie müssten auch wesentlich mehr Verantwortung übernehmen als bisher.
Jedes gesellschaftliche System lebt davon, dass es Menschen gibt, die sich interessieren, die sich engagieren, die bereit sind, aktiv zu werden, auf allen Ebenen. Die nicht nur danach fragen, welchen Profit sie erzielen können, sondern auch, was sie beisteuern können zum Gelingen eines Gemeinwesens. Wenn der Staat die sozialen Belange nicht regelt, weil er dazu vielleicht einmal nicht mehr in der Lage sein wird, dann müssen sich die Menschen wesentlich mehr für ihr eigenes Leben und für das Zusammenleben interessieren, als sie das jetzt tun. Vielleicht würden sie in freiwilliger Zusammenarbeit viele Aufgaben, die jetzt an den Staat delegiert werden, wesentlich effektiver erledigen als es die schwerfälligen Verwaltungen des Staaten tun.
Vieles ist möglich außerhalb der gewohnten Strukturen, und ein Übermaß an staatlichem Regelwerk verhindert, dass es einen Wettbewerb der Ideen geben kann.
Niemand kann wirklich vorhersagen, wohin sich ein Gemeinwesen entwickeln würde, gäbe es die Staatsmacht mit ihrem institutionellen Korsett nicht. Würden die Menschen sich der Herausforderung stellen, ihre Belange selbst in die Hand zu nehmen, und sich gegenseitig stützen? Oder wäre der Mensch nur des Menschen Wolf? Dann würde eine solche Gesellschaft schnell kollabieren und totalitären Gebilden weichen.
Doch abgesehen von der wahrscheinlich nie zu realisierenden Utopie einer staats- und vielleicht auch herrschaftsfreien Gesellschaft gibt es einige Punkte, in der Anarchisten und Libertäre wichtige Beiträge leisten können. Es hat keinen Sinn, darauf zu warten, bis der Staat, die Politik, die Parteien, unsere Probleme lösen werden. Ebensowenig die Konzerne, die Finanzindustrie, überhaupt alle zentralistisch autoritären Strukturen. Der anarchische Gedanke ist die Aufforderung, selbst aktiv zu werden. Jeder mit dem, was er kann. Der eine im sozialem, der andere im kulturellen Bereich, wieder andere experimentieren mit biologischer Landwirtschaft und Permakultur. Engagierte Bürger nutzen das Internet zur Verbreitung unerwünschter Einsichten und unterlaufen die Meinungsmacht der Medienkonzerne. Andere stöbern Patente auf, die mal aufgekauft und in der Schublade verschwunden sind und betreiben Forschungen auf, die den Interessen von Großkonzernen entgegenstehen.
Der Geist, die Dinge anders zu machen als es den Vorstellungen der Staatsmacht und den Großkonzernen entspricht, der ist raus aus der Flasche, und er wird mit einer dezentralen Vorgehensweise die autoritären Strukturen im Staat und in der Wirtschaft aushöhlen.
Man sollte ruhig Fragen stellen, unbequeme Fragen und sich nicht blind auf bestehende Strukturen zu verlassen. Für die Bequemlichkeit, nicht denken und nicht handeln zu wollen, zahlen wir langfristig einen hohen Preis, den der schleichenden Entmündigung. Für manche ist der Preis zu hoch, die wollen kein Schaf sein und legen sich mit den Hirten an. Die anderen Schafe haben dafür kein Verständnis, schließlich ist für sie gut gesorgt, und demnächst steigt hinter den Türen des Schlachthofes eine große Party, die will man ja nicht versäumen.
Oder sollte man nicht lieber doch?
Schließen möchte ich mit einem Satz, der wie kaum ein anderer den anarchistischen Gedanken repräsentiert und den Menschen und nicht das Schaf anspricht:
Nur dann bin ich frei, wenn alle Menschen, die mich umgeben, Männer und Frauen, ebenso frei sind wie ich. Die Freiheit der Anderen, weit entfernt davon zu sein, eine Beschränkung oder Verneinung meiner Freiheit zu sein, ist im Gegenteil ihre notwendige Voraussetzung und Bejahung.
Michail Bakunin