
Es war Angel mit seinem üblichen grimmigen Gesichtsausdruck, der, wie Spike meinte, ausschließlich für ihn reserviert war. Nun war es nicht so, dass er Angel hasste, so wie er ihn früher gehasst hatte. Nein, der Hass war irgendwie verflogen. Aber besonders lieben tat er ihn auch nicht. Angel nahm sich einen Stuhl und setzte sich neben das Bett, in dem Spike mit seinen Kindern und jeder Menge Spielzeug lag.
Spike schaltete den Fernseher aus. „Was ist?“, fragte er ein wenig gereizt.
„Das wollte ich eigentlich DICH fragen“, sagte Angel.
„Ich kann dir nicht ganz folgen.“ „Wieso habe ich das Gefühl, du bist nicht gut für sie“, Angel sah Spike während dieser Worte nicht an, sondern heftete seine Augen auf Gwydion, der Angel zutraulich ansah und anfing, mit den Armen zu rudern, weil er zu ihm wollte. „Kann ich ihn mal halten?“, fragte er Spike.
„Klar. Du meinst also, ich wäre nicht gut für sie. Kannst mir das irgendwie erklären?“, sagte Spike aufsässig, denn er liebte es nicht, von Angel gemaßregelt zu werden. Ausgerechnet von dem! Wieso fühlte er sich in Angels Gegenwart immer so untergebuttert?
„Sie macht keinen glücklichen Eindruck“, sagte Angel und hob Gwydion hoch in die Luft. Gwydion lachte.
„Hat sie sich bei dir beschwert?“ Spike wurde allmählich sauer. Was wollte Angel ihm da erzählen? Der Grund für Buffys Nichtglücklichsein war ja wohl ausschließlich in der Tatsache begründet, dass sie ihre große Liebe Angel nicht kriegen konnte. Also was wollte dieser Sack ihm da sagen?
„Nicht direkt. Aber sie ist eben ... nicht glücklich. Ich hatte gedacht, wenn ihr schon verheiratet seid, dann würdet ihr was draus machen.“ „Ach, sie hat dir von der Heirat erzählt“, Spike lachte spöttisch auf. „Nun, ich habe sie nicht dazu gezwungen.“ „Verdammt noch mal Spike! Sie ist nicht glücklich.“
„Ach ja? Und mit dir wäre sie wahrscheinlich glücklicher? Natürlich nur, bevor du dich in den bösen Onkel Angelus verwandelst.“ „Du weißt genau, dass es nicht geht.“ Angel lächelte gequält.
„Und genau das ist mein Dilemma, denn was wäre, wenn es plötzlich ginge? Was wäre dann mit unserer sogenannten Ehe? Also lass mich doch mit diesem Scheiß in Ruhe!“
„Sie will dich“, sagte Angel, und es kostete ihn eine große Überwindung, das zu sagen. „Sie wollte mich schon vor drei Jahren! Ach, ich vergaß zu sagen, sie wollte nicht mich, ich war ja ein böser Vampir ohne Seele, sie wollte nur meinen Körper.“
„Halt’s Maul!“ Angel erinnerte sich an den Tag im Mai im letzten Jahr, als Buffy ihm erzählt hatte, dass sie es schon mit Spike getrieben hatte, als der noch gar keine Seele besaß ...
„Du kannst es ja immer noch nicht ertragen, wenn jemand anders sie berührt, Kumpel. Also gib mir keine Ratschläge.“ Spike hatte sich einigermaßen beruhigt und wollte seinen alten Kampfgefährten auch beruhigen. „Wir sind schon ein sauberes Pärchen. Du früher mit deinen sadistischen Spielchen... und ich, na ja, ich hab ihr auch einiges angetan.“
„Du solltest es wenigstens versuchen“, meinte Angel nun auch besänftigt, es lag wahrscheinlich an Gwydion, dass sie auf einmal friedlicher miteinander umgingen. „Es ist schwer. Es ist verdammt schwer. Aber wo du schon mal hier bist ... Kannst du ein bisschen auf den Buddha aufpassen? Ich muss für die Fee was kochen, und ich habe absolut keine Ahnung, was.“
„So nennst du die beiden also? Weißt du überhaupt, wie ich dich beneide“ sagte Angel, der Spike mit Gwydion auf dem Arm gefolgt war. Morgan wollte natürlich auch um keine Preis der Welt verpassen, was ihr Daddy für sie kochen würde und hatte sich an Spikes Hosenbeine gehängt.
„Du wartest immer noch auf dieses Haarwaschmittel, wie hieß es noch?“ „Shanshu. Es heißt Shanshu“, sagte Angel.
„Genau, das Shanshu. Aber es muss doch, verdammt noch mal, andere Möglichkeiten geben, ein Mensch zu werden.“
„Ich habe es noch nicht verdient“, sagte Angel. „Ich bitte dich! Ist es so erstrebenswert, ein Mensch zu sein? Ja gut, wegen Buffy.... Aber die Qualen hören nicht auf, wenn du ein Mensch bist, Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Und ich habe Angst, dass Morgan irgendwann einen meiner Träume aufschnappt. Sie weiß doch gar nicht was los ist, die arme Kleine.“ Spike wirkte besorgt. „Einen dieser Träume, in denen ich Menschen töte...“
„Mein Sohn hasst mich“, gab Angel mit versteinertem Gesicht zu. „Er sieht in mir nur den Vampir. Er ist von diesem Holtz erzogen worden.“ „Oooh“, Spike überlegte einen Augenblick. „Bring ihn doch mal mit Gwydion zusammen. Der Kleine kann einiges bewirken. Nur bei Buffy und mir wirkt es anscheinend nicht.“
Spike hatte Connor noch nie gesehen. Connor war in dieser anderen Dimension aufgewachsen, in die W&H auch seine Kinder hatten schicken wollen, um sie vorzeitig erwachsen werden zu lassen, nein, besser gesagt, geschlechtsreif, um den neuen absolut Bösen zu erschaffen. Grauenhafter Gedanke. Spike spürte, wie ihn eine Welle der Wut auf diese verdammten Wichser überkam. Bei Connor hatte es geklappt, er war jetzt schon erwachsen. War das nur die Schuld von Holtz oder waren W&H auch daran beteiligt gewesen? „Gute Idee, das mit Gwydion“, sagte Angel in Spikes Gedanken hinein.
„Du müsstest dich allerdings beeilen, denn ich bin mit dieser Stadt fertig. Ich schätze, wir werden bald abreisen. Allerdings kann Buffy hier bleiben, wenn sie das will. Denn ich muss ja diesen Film machen.“
Angel schwieg eine Weile, bevor er sagte: „Und du meinst wirklich, das mit dem Menschsein ist nicht so toll?“
„Du kannst dich nicht mehr daran erinnern, was?“
„Es ist so lange her, dass ich ein Mensch war. Außer...“ Angel hörte auf zu sprechen und wirkte nachdenklich.
„Hast du dir mal Gedanken darüber gemacht, was für ein Mensch du werden würdest?“, fragte Spike und inspizierte den Inhalt des Kühlschranks. Eine Packung geriebener Käse und eine Packung Schinken fielen ihm ins Auge. Das schrie gerade zu nach Nudeln mit... vielleicht Käse und Schinken. Und im Tiefkühlfach fand er eine angebrochene Packung Brokkoli. Er füllte einen Topf mit heißem Wasser aus dem Boiler, gab Salz dazu, stellte ihn auf eine Herdplatte und schaltete die Platte ein.
„Keine Ahnung. Was meinst du?“ „Ich weiß nicht“, sagte Spike vorsichtig. „Ich bin als Mensch gar nicht so verschieden von dem Vampir Spike. Vielleicht bin ich jetzt die Summe meiner Erfahrungen – irgendwie. Ich bin immer noch sarkastisch, ich mag die Menschheit nicht besonders, und Liebe, du weißt es am besten, konnte ich auch als Vampir empfinden. Nun ja, der Blutdurst ist weg und auch die Mordlust. Als Vampir, vor allem ganz am Anfang, hatte ich Probleme, ein Vampir zu sein... So ein richtig gemeiner blutdürstiger Schweinehund von einem Vampir, wie du einer warst. Aber ich hab's geschafft. Und jetzt habe ich Probleme, ein Mensch zu sein.“
„Wenn ich wieder ein Mensch würde... Wie wäre ich dann?“
„Keine Ahnung... Ich befürchte, diese Seele, die du manchmal hast, das ist gar nicht deine eigene, deshalb bist du so unstabil, mal Angelus, mal Angel. In Wirklichkeit bist du gar nicht real.“ Spike musste lachen über diese reale Wirklichkeit, das war doppelt gemoppelt. „Tut mir leid, Angel, aber so sehe ich es.“
„Ich fühle mich aber ziemlich real. Und außerdem weiß ich, wie ich als Mensch wäre“, sagte Angel fast unhörbar. „Ach komm, woher willst du das wissen?“ Spike hatte die leisen Worte gehört. Er schüttete gerade in kleine Stücke zerbrochene Makkaroni in den Topf mit dem mittlerweile kochendem Wasser, stellte dann eine Pfanne auf eine weitere Herdplatte und schaltete sie an.
„Ich habe mich in einen Menschen verwandelt. Das muss jetzt fünf oder sechs Jahre her sein.“ Es bereitete Angel offenkundig Mühe, dieses Spike zu erzählen.
„Echt jetzt?“, sagte Spike, er sah Angels gequält aussehendes Gesicht „Buffy war gerade zu Besuch bei mir. Wir kämpften gegen einen Mohra-Dämonen – und dann ist Blut von ihm in eine Wunde von mir geraten. Man sagt diesen Dämonen nach, dass sie alles mögliche mit ihrem Blut regenerieren können. In diesem Fall war ich es, der regeneriert wurde.“
„Is ja'n Ding! Und weiter?“ Spike zerpflückte den Schinken in kleine Stücke, gab ihn in die Pfanne, ließ ihn ein wenig anbraten und blickte Angel für einen kurzen Augenblick aufmerksam an, bevor er sich wieder der Pfanne zuwandte.
„Ich konnte Sonnenlicht vertragen, ich konnte normal essen. Und das Beste von allem war, ich konnte mit Buffy ...“ Angel sprach nicht aus, was er mit Buffy konnte, aber Spike verstand ihn trotzdem.
„Und wieso habe ich nie davon gehört? Ich meine, Buffy hätte es mir bestimmt unter die Nase gerieben,“ sagte Spike ungläubig, bevor er nach einer kleinen Gedankenpause fortfuhr: „Nein, hätte sie nicht, denn natürlich wäre alles ganz anders gelaufen ...“ „Sie kann sich nicht daran erinnern.“ „Häääh!“, sagte Spike ungläubig.
„Ich habe die Mächte gebeten, es rückgängig zu machen. Ich hätte ihr als Mensch nicht so helfen können wie als Vampir.“ „Das glaube ich nicht!“ Spike gab den gefrorenen Brokkoli in den Topf mit den Makkaroni, um ihn ein paar Minuten lang mitkochen zu lassen. Er sollte nicht mehr hart sein, aber auch nicht zu matschig.
„Es ist aber wahr.“ „Bist du dir darüber im Klaren, dass es vielleicht deine einzige Chance war, ein Mensch zu werden?“ „Ich hoffte und hoffe immer noch, das Shanshu....“
„Das Shanshu, meine Güte! Das Shanshu! Okay, du brauchst also ein Menschsein mit Zertifikat! So was einfaches wie mit Dämonenblut ist dir nicht gut genug!“ Spikes Stimme klang aufgebracht, als er den Topf mit den Nudeln und dem Brokkoli abgoss und auf eine kalte Herdplatte stellte. „Immer der edle Ritter, nicht wahr? Was würde Buffy dazu sagen?“ Spike gab etwas Tomatenmark in die Pfanne mit dem gebratenen Schinken und rührte das ganze mit einem Löffel um.
„Du wirst es ihr doch nicht erzählen.“ Angels Stimme klang verzagt. „Ich hätte wirklich nicht übel Lust, aber ich werde es nicht tun. Sie wäre bestimmt nicht begeistert.“ Spike schüttete die Nudeln und den Brokkoli in die Pfanne und verrührte alles vorsichtig miteinander.
„Mittlerweile weiß ich nicht mehr, ob es richtig war. Andererseits war da so eine Prophezeiung, dass sie sterben würde.“ „Jeder muss sterben. Vor allem bei Jägerinnen ist die Chance groß.“ Spike öffnete die Packung mit dem geriebenen Käse und schüttete ihn auf den Inhalt der Pfanne.
„Ich wollte auf Sicherheit gehen.“ „Nun gut. Sag' mal, Alter, könnte es sein, dass du so 'ne Art Kontrollzwang hast?“ Spike nahm sich noch einen Löffel und mischte den Käse unter die Nudel-Brokkoli-Tomatenmark-Schinken-Masse.
Daraufhin sagte Angel nichts. „Als du aus Sunnydale abgehauen bist, hast du sie damals gefragt, was sie wollte? Nein, hast du mit Sicherheit nicht. Nein, du weißt ja immer, was für andere gut ist.“
Angel sagte immer noch nichts. „Na, dann wollen wir uns das mal reinziehen, nicht wahr, Fee?“, grinste Spike und belud zwei tiefe Teller mit dem Essen. „Ich glaube, Onkel Angel hat keinen Hunger ...“
Der Käse zog ganz viele Fäden, und Morgan machte es einen Heidenspaß, von ihrem Daddy mit Fäden gefüttert zu werden.
„Das sieht interessant aus“, meinte Angel. „Es schmeckt. Es schmeckt wirklich. Nur das Spülen hinterher ist der absolute Horror, der Käse klebt überall dran“, Spike musste lachen. „Könntest du dich eventuell dazu durchringen, hier eine Spülmaschine aufzustellen? Vielleicht beim nächsten Besuch?“ „Ich werde den Gedanken in Erwägung ziehen.“
„Sollen wir gleich zum Strand fahren? Ich muss hier mal weg. Und die Sonne kommt bestimmt nicht raus“, sagte Spike.
„Ich habe den Eindruck, Spike, dass du fast immer 'weg' bist.“ „Nur in Geschäften. Also willst du? Ich kann nicht zwei Kinder auf einmal schleppen. Und der Van hat abgedunkelte Scheiben, aber das weißt du ja.“
„Na gut.“ Sie fuhren nach Long Beach, und Spike erinnerte sich an den Tag im Dezember, als er mit Gwydion hier gewesen war. „Da drüben in dem Strandcafé hab' ich in der Zeitung gelesen, dass Buffy im Knast sitzt“, erzählte er Angel, als sie nebeneinander am Strand entlanggingen. Angel trug Gwydion, und Spike passte auf, dass Morgan nicht zu nah ans Wasser lief. Nach einer Weile wurde die Fee müde und ließ sich von Spike tragen.
Angel blickte immer wieder besorgt zum Himmel empor, aber die Wolkenschicht war so dicht, dass man den Eindruck hatte, unter einer undurchsichtigen Käseglocke zu sein.
„Du wirst schon nicht verkokeln“, Spike lachte. Auch Angel musste lachen, er entspannte sich und ging in Gedanken versunken neben Spike her.
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Viele Meilen weiter nördlich: Eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, betritt gerade den Pferdestall eines Gestüts. Wie alt mag sie sein? Vielleicht fünfzehn, sechzehn Jahre. Sie wird von allen Andy genannt.
In Andy ahnt man schon die volle Schönheit, die sie eines Tages besitzen wird, aber das ist ihr überhaupt nicht bewusst und wenn sie es wüsste, wäre es ihr egal. Irgendwie ist sie ein Naturkind, sie liebt Tiere, vor allem Katzen und Pferde und sogar den mürrischen alten Ziegenbock, der fürchterlich stinkt, und der nur noch lebt und sein Gnadenbrot bekommt, weil das Lieblingspferd des Gutsherren einen Narren an diesem alten Bock gefressen hat.
Andy ist gespannt auf die Neuerwerbung des Gestüts, einen schwarzen Wallach – er ist morgens gebracht worden, als sie noch in der Schule war.
Sie hat den hölzernen Riegel der Stalltür schon in der Hand, als von drinnen ein ohrenbetäubendes Krachen und dazu ein Wiehern aus mehreren Pferdekehlen ertönt.
Sie kommt nicht mehr dazu, die Tür zu öffnen, weil von der anderen Seite das neue Pferd mit voller Kraft dagegen springt, die Holztür in Stücke tritt und Andy, die mit fast übermenschlicher Geschwindigkeit zu Seite gehechtet ist, doch noch erwischt – die restliche Tür knallt ihr voll in die Rippen und sie sinkt nach Luft japsend zu Boden, während der Wallach sich draußen austobt und nicht weglaufen kann, weil jemand geistesgegenwärtig Gatter vor alle Hofausgänge gestellt hat.
Stöhnend richtet Andy sich auf. „Ganz schön wild für einen Wallach“, denkt sie. Weiter denkt sie nichts.
„Ist alles okay, Ricky“, sagt sie ächzend, denn sie bekommt nicht richtig Luft. Der große dunkelhaarige Mann, der sich über sie beugt, schaut sie besorgt an.
Die Verletzung würde schnell heilen, das weiß sie .Woher weiß sie es? Es war schon immer so gewesen. Als Baby wurde sie entführt und Tage später durch Zufall im Wald gefunden. Die kleine Andy hatte viele tiefe Wunden, war bis auf die Knochen durchnässt und litt an starker Unterkühlung, aber nach zwei Tagen war sie wieder gesund. Auch dieses Mal würde es so sein.
Der oder die Entführer des Babys Andy wurden nie gefunden.