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Wer einmal in den Fettnapf tritt

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
Hochgeschätzte Lesende und nicht weniger hochverehrte Nichtlesende, verehrteste Nichtlesenkönnende und hochverehrteste Nichtlesenwollende. Werte Testosteronmonster und allerwerteste Östrogendesaster, liebe Freundinnen, Freunde und Verächter der Philosophie, der Metaphysik, des Vielsaufs und des Moralinrausches, und um sämtliche nichtmenschlichen Entitäten nicht zu diskriminieren, so grüße ich ausdrücklich die gesamte Flora und Fauna sowie die von Amts wegen hier angebrachten Abhörgeräte und Computer*innen, ungeachtet deren politischen und religiösen Ausrichtung, ungeachtet deren sexuellen Orientierung, Betriebssysteme, Hautfarbe, Schuhgröße und Ernährungsgewohnheiten.
An dieser Stelle sei eine Entschuldigung auszusprechen. Eine Selbstkritik. Selbstverständlich in Dauerzerknirschung. Wir haben zwar in der Disziplin des Leisetretens unlängst den Meistertitel errungen, allerdings bis jetzt noch nicht die völlige Geräuschlosigkeit erlangt. Ihnen steht selbstverständlich für den erlittenen Ohrenschmerz eine Entschädigung in angemessener Höhe zu, diese erlangen Sie ganz einfach und unbürokratisch durch Plünderung.

Politische Korrektheit ist unser Thema, oder, um der besseren Verständlichkeit halber den Anglizismus zu verwenden: „political correctness".

Political correctness...
Was ist das überhaupt?

Das Zentralorgan für betreutes Denken, die allwissende Internet-Enzyklopädie Wikipedia weiß Bescheid:

Politische Korrektheit (engl. „political correctness“) ist ein aus dem englischsprachigem Raum stammendes Schlagwort. In der ursprünglichen Bedeutung bezeichnet der Begriff politically correct die Zustimmung zur Idee, dass Ausdrücke und Handlungen vermieden werden sollten, die Gruppen von Menschen kränken oder beleidigen können. Es wird versucht, der Diskriminierung von Minderheiten mit Hilfe nicht wertender, neutraler Sprache entgegenzuwirken....

Eine Zwischenfrage, falls sie erlaubt ist: Ist es tatsächlich möglich, zu sprechen und dabei nicht zu werten? Kann Sprache denn überhaupt neutral sein?

Vielleicht spricht man besser überhaupt nicht. Worte können Waffen sein, die Zunge sollte eigentlich der Waffenscheinpflicht unterliegen. Falsche Worte können das Selbstvertrauen eines Menschen unterminieren, Herabsetzungen können einen krank werden lassen. Also lieber verstummen. Besser beharrliches Schweigen. Oder die Sprache wird dermaßen umständlich, dass den Satzungetümen keinerlei Aussage mehr zu entlocken sein wird, dass das Sprechen eigentlich dem Schweigen am nächsten kommt. Wenn man beim Zuhören vergessen hat, was soeben gesagt worden ist, um was es eigentlich gegangen ist, wenn alles der Vergessenheit anheimfällt, noch bevor der Satz zu Ende ist, dann hat man etwas richtig gemacht…

Es gibt lässliche Sünden, es gibt Wundsünden, durch die das Seelenheil gefährdet ist und es gibt Todsünden, durch die man es endgültig verwirkt. Man kann auf die schiefe Bahn geraten, man kann einen Straßenraub begehen, einen Mord, einen Totschlag, all dies scheint weniger verwerflich zu sein, es sind lässliche Sünden, fast Kavaliersdelikte, weniger verwerflich, als wenn man in einer falschen Situation die falsche Anrede verwendet. Zumindest wenn per Selbstbestimmungsgesetz erklärt worden ist, dass ein anderes Pronomen zu verwenden sei als dasjenige, was einem die Biologie einstmals auf impertinenteste Weise aufgezwungen hatte.

Das Mindeste, was man dann zu erwarten hat, und das völlig zu recht, ist ein gehöriger Fäkalienorkan. Mitunter auch juristische Scherereien oder den Kontakt mit irgendwelchen schwarzgekleideten Sturmtruppen, die sich anschließend auf Indymedia rühmen, dass sie einem die Fenster entglast haben. Vielleicht erwartet einen auch der Zustand der Vogelfreiheit, die ewige Verdammnis ist einem ohnehin sicher. Eine angemessene Strafe ist es allemal...
Schließlich hat der Delinquent das falsche Wort benutzt, einen Begriff, der längst schon auf einer schwarzen Liste steht. Verfemte Begriffe hat man zu meiden wie die Pest. Deswegen ist auch niemand heute mehr dumm, sondern „andersbegabt“ und niemand ist mehr fett, sondern „querschlank“ Wer jemanden als „dumme Kuh“ bezeichnen will, sagt besser „kognitiv defizitäre rauhfutterfressende Großvieheinheit“, eine solche Form der Beleidigung wird einfach unvergesslich bleiben. Eine „Ratte“ nennt man jetzt „Nagetier mit Kanalisationshintergrund“. Einen Vergewaltiger politisch überkorrekt „Spontangynäkologe“, ein Straßenräuber ist eine „Fachkraft für forcierte Eigentumsübertragung“.

Ansonsten bliebe einem nur noch der Rückzug. Das konsequente Meiden zwischenmenschlicher Beziehungen. Wie sonst sollte man umgehen mit dem Minenfeld, zu dem die Kommunikation von Mensch zu Mensch mittlerweile verkommen ist? Um niemanden mehr auszuschließen, da errichtet man eine Mauer um sich herum und schließt sie einfach allesamt aus. Das digitale Masseneremitentum mit dessen virtuellen Welten stellt doch eine plausible Alternative dar zu den Niederungen des menschlichen Miteinanders. Computer werden nicht gleich weinerlich oder hysterisch bei jeder falschen Eingabe. Sie zerren einen auch nicht gleich vor den Kadi. Sie werfen einem nicht die Scheiben ein und zerstechen keine Autoreifen. Computer sind einfach die erträglicheren Menschen…

Man stellt sich so schnell ins Abseits. Wer bei der Erfindung eines neuen Pronomens seine Jubelpflichten nicht erfüllt, wer einem hier gestrandeten Kleinkriminellen seine Anerkennung versagt, wer nicht das Vorhaben unterstützt, den Kölner Dom zur George Floyd Kathedrale umzubenennen, der gehört nicht mehr zu uns, der hat sein Recht auf Teilhabe an „unserer Demokratie“ verwirkt.

Wer um meinen Pitbullterrier einen weiten Bogen macht, ist ein Hunderassist. Bissige und friedliche Hunde voneinander unterscheiden zu wollen, das ist Diskriminierung und als solche mehr als verwerflich.
Um nicht in den Ruf der gruppenbezogenen Hundefeindlichkeit zu gelangen, so setzt man sich eben der Gefahr aus, gebissen zu werden. Gutsein erfordert Opfer. Man unterscheidet nicht mehr, man bietet sich unterschiedslos sämtlichen Hunden als Futterquelle an und verendet mit dem Bewusstsein, als guter Mensch kein Hunderassist gewesen zu sein…

Schaut man auf die Meinungsmacher in den westlichen Ländern, so könnte man meinen, in den Angelegenheiten des Selbsterhalts seien wir dumm wie Brot. Da muss ich energisch widersprechen. Brot kann wenigstens schimmeln. Dafür reicht es bei uns leider nicht…

Kommen wir zu den Seleniten. Diese kommen vom Mond, sind kleingewachsen, von grünlicher Hausfarbe, mit Antennen auf dem Kopf und sie sind wegen des Klimawandels von diesem Himmelskörper geflohen. Unsereins hat sie willkommen zu heißen, hat für deren Wohlergehen zu sorgen und deren Ernährungsgewohnheiten (sporadisch vorkommende Anthropophagie) zu tolerieren. Die Ausstattung der Unterkünfte, Villen am Nordseestrand mit Blick aufs Matterhorn, hat allerhöchsten Ansprüchen zu genügen, also Badezimmer mit vergoldeten Wasserhähnen und Waschbeckenstöpsel aus Lapislazuli. Jeden Tag gibt es Zuckererbsen und Pastete vom rosa Einhorn.

„Wolfgang und Jürgen wollen heiraten. Zu der Hochzeitsfeier sind 36 Gäste geladen. Wie viele Kuchen sind zu bestellen, wenn jeder Kuchen in 8 Stücke geschnitten wird und jeder Gast 3 Stücke Kuchen verzehrt.“
Dies ist eine Rechenaufgabe für Grundschüler in einem deutschen Schulbuch. Wer als galliger Konservativer der antiquierten Meinung ist, dass es nicht Aufgabe des Mathematikunterrichtes sein sollte, den Nachwuchs zur Akzeptanz sexueller Minderheiten zu bewegen, sondern die mehr als abwegige These vertritt, Kinder hätten ein Recht dazu, mit Themen, für die sie noch nicht reif sind, in Ruhe gelassen zu werden, der beginnt einen Fettnäpfchenmarathon. Schließlich ist ja der Konservative der Feind, derjenige, der sämtliche abscheulichen Eigenschaften des Menschengeschlechts in sich vereint. Der Teufel der Jetztzeit.
Also überlässt man besser den einschlägigen Lobbygruppen die Lufthoheit über den Kinderbetten. Vielleicht auch dem Imam von der nächstgelegenen Großmoschee. Dem Vorsitzenden der Anthropophagenvereinigung. Man erspart sich viel Ärger damit. Viel Gezeter und Geschrei.

Es ist schon ein paar Jährchen her, da trat der schwule Filmemacher Rosa von Praunheim in der Harald Schmidt Show auf, spricht: „Ich komme gerade aus der Sauna" und knallt ein benutztes Kondom auf den Tisch, die Reaktion aus dem Publikum dreckiges Lachen und verlegener Beifall.
Preisfrage: Wie hätte das Publikum sich verhalten, wäre Rosa von Praunheim heterosexuell gewesen?
Gratuliere, Sie haben die Frage richtig beantwortet und damit ein frisch gedrucktes Exemplar von „Mein Kampf“ in geschlechtergerechter Sprache gewonnen…

Wenn die Katze aus dem Haus ist, dann tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Ein Schuft, wer es wagt, diesen Sachverhalt zu bemängeln. Auf dem Tisch tanzende Mäuse bereichern unser Leben, sie sind Garanten für unser Wohlergehen. So unsere Medien, unsere Lehrer, unsere Universitäten. Zumeist mit dauereregiertem Zeigefinger. Und mit einer gewissen Bereitwilligkeit zur Kastrierung des Sprachgebrauchs. Wer den Bildungsweg erfolgreich durchlaufen hat, kann sich glücklich schätzen, das eigenständige Denken endgültig verlernt zu haben. Aber er hält den Berechtigungsschein in der Hand, dass sein Geplapper von nun ab von Relevanz sei. Zumeist ist es das nicht. Nicht relevanter als das Summen von Stubenfliegen.

Immerhin kommt wieder und wieder von Seiten so mancher dieser diplomierten Stubenfliegen die Aufforderung, man solle „Haltung zeigen“, ebenso aus der Politik, aus den Medien, von irgendwelchen Sängern, die ihre Tage in einem Londoner Villenviertel oder in einer Hamburger Hotelbar verbringen. Also könnte man denken, man solle sich aufrichten und zu sich stehen. Aber nein, das Gegenteil ist gemeint. Sich ducken, fortan zu kriechen wie ein Wurm, sich zu schämen irgendwelcher Privilegien, die man angeblich habe, die gerade vorgeschriebene Parole nachbeten. Haltung, das bedeutet, vor dem Zeitgeist niederzuknien und die Fahne mit dem Regenbogen zu schwenken. Ein anderes Mal ist die Fahne rot. Oder braun, grün, blau, schwarz, ultraviolett... Egal! Das Fahnenschwenken ist immer dasselbe, das Aufgehen im Gruppengeist, das Parolenplärren und das Mitlaufen auch. Früher heulte man mit den Wölfen, heute mit den Wölf*innen. Früher trugen die Wölfe Uniform und schicke Stiefel, heute tragen sie Schafspelz und wirken ein wenig molluskenartig. Der Schein ist nicht immer das Sein, zumeist ist er sogar das Gegenteil davon.

Epilog:
Vor einiger Zeit habe ich angesichts der Tatsache, dass man sich von der Staatsmacht mehr und mehr wie ein Hund behandelt fühlt, den Gang zum Standesamt angetreten und mich per Selbstbestimmungsgesetz als Hund deklariert. Seitdem bin ich von der Einkommenssteuer befreit und zahle lediglich ein wenig Hundesteuer. Den Maulkorb haben wir uns ohnehin längst angewöhnt. Ich habe mich selbst an der Leine zu führen und fahre in der Bahn zum halben Tarif. An den Geschmack des Futters habe ich mich noch zu gewöhnen...
 
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