
„Woher stammen die Cemforts eigentlich?“
Freddy und Spike, alias Bill waren vor drei Stunden im Keller der Cemfortschen Brauerei angekommen und hatten schon mehrere Biersorten angetestet.
Ricky Lukaste, Verwalter des Guts und ein Verwandter von Freddys Frau Zirza, hatte die Gruppe von vier Männern zur Brauerei gefahren. Er wollte sie am frühen Abend abholen und hoffte, dass sie ihm nicht den Wagen vollkotzen würden. Eigentlich könnte er auch einen Trecker nehmen mit einem offenen Leiterwagen hinten dran, sie aufladen, sie zum Gutshof karren und vor die Tür kippen. Sie würden nicht mehr viel merken. Tja, diese Bierproben hatten es in sich ...
Auf dem langen Tisch, an dem sie saßen, war ein kaltes Büffet aufgebaut, und zwar nur aus dem Grunde, nämlich den Bierkostern Durst zu verschaffen und den Geschmack für ein neues Bier freizumachen. Also gab es Kaviar, salzige Fischhäppchen, die unvermeidliche hausgemachte Mettwurst, salzigen rohen Schinken und Baguettestangen für Leute, die das salzige Zeug nicht pur essen wollten.
Es gab viele verschiedene Flaschen Bier aus allen möglichen Ländern und auch viele Bierfässchen aus allen möglichen Ländern. Es ist perfekt, dachte Spike.
„Wie wär’s mit einem leichten Ale?“, schlug Freddy vor. „Immer her damit!“, kam von Spike.
Freddy fing nun gemütlich an, Spikes Frage nach der Herkunft der Cemforts zu beantworten. „Also, zuerst waren wir Niedersachsen, karger kalter Landstrich, außer Wald und Wasser gab es kaum etwas. Dann kam der Krieg noch dazu und vorher war die Pest. Deshalb zogen wir nach Frankreich, und wurden Franzosen, genauer gesagt Calvinisten und haben in der Champagne Weinreben angepflanzt. Durch das Edikt von Nantes gab man uns Religionsfreiheit“, Freddy schnaubte verächtlich, „um sie uns fünfzig Jahre später durch das Edikt von Fontainebleau wieder wegzunehmen. Prost Bill!“ Freddy hob sein Bierglas. „Man wollte uns zu Katholiken machen, uns also zur wahren Religion bekehren... Oh, da fällt mir ein, es war tatsächlich der Sonnenkönig mit seiner Mätresse, der Marquise de Maintenon, die uns das eingebrockt hat.“ Freddy bekam einen Schluckauf und musste seine Ausführungen für einen Moment unterbrechen. „Sag mal Bill, kennst du das Reinheitsgebot?“ „Ich glaube, das ist deutsch. Seltsam, dass die Bastarde so ein gutes Bier machen.“ „Und die Dichter erst ...“, Freddy deutete schwärmerisch mit dem rechten Zeigefinger auf irgend etwas hin, haarscharf an Spikes Ohr vorbei.
„Die Dichter? Na, ich weiß nicht... Goethe zum Beispiel, die Franzosen haben sich kaputtgelacht über seinen Faust mit dem Gretchen. Das hörte sich für die so provinziell an ... “,sagte Spike etwas verächtlich. Klar, als geborener Brite mochte er die Deutschen nicht besonders.
„Ach die Franzosen sollen die Klappe halten. Hattu schon mal Stendhal, den Schwätzer gelesen? Buffy liest ihn übigens gerade. Nein, isch dachte eintlich an Heinrich Heine ....“
„Na ja ...“ Spike mochte keine Gedichte mehr, seit er von Drusilla zum Vampir gemacht worden war. Vorher war er tatsächlich ein Dichter gewesen, und zwar ein grottenschlechter. Man nannte ihn um 1880 deshalb 'William the bloody', weil man von Zuhören seiner Gedichte innere Blutungen bekam. Und jetzt hasste er aus Prinzip die Gedichte anderer Leute, egal wie berühmt sie waren. Hmmm.... Freddy verbrachte wohl viel Zeit mit Buffy in der Bibliothek. Oooh Gott! Dieses leichte Bier mit der Aufschrift 'Cemforts Ale' war göttlich gut! Ach, und sie las gerade diesen Schwätzer Stendhal und hatte es ihm nicht erzählt. Hielt sie Freddy für einen besseren Literaturkritiker als ihn? Das war schon bitter, aber im Augenblick nicht so wichtig, weil das Bier soooo verdammt guut war.
„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so terrraurig bin!“, deklamierte Freddy gerade mit leicht stockender Stimme. „Also komm, das ist doch wohl einducksvoll ...“ „Ist korrekt“, sagte Spike zustimmend. „Wo warn wir überhaupt? Irndwas mit Sonnenschutz oder so ...“
„Jau, die Marquise ...“ Freddy war sofort im Bilde: „Die war so fromm, Gott, war die fromm! Hat dem Ludwig vorgeplärrt, wie sündig er doch war.“ „Fromme Frauen sin nix für mich“, murmelte Spike vor sich hin. „Für mich aunich“, es war deutlich zu merken, dass Freddy schon einen in der Krone hatte. „Ssirza ssum Beispiel, die iss überhaupt nich fromm, die hat Sachen drauf ...“ Freddy verstummte und guckte irgendwie lüstern in seine Bierflasche, wobei er aussah wie ein vorwitziger Kater, der in das Loch eines Starenkastens guckt - mit nur einem Auge wohlgemerkt.
„Fromme Frauen!!! Nee danke.“ Spike war natürlich voll auf der geistigen Höhe trotz seiner leichten Trunkenheit. Dieser Trunkenheit, die man vom Trinken von Bier erlangt und die ziemlich verblödend sei, wie die Kritiker von Bier dies behaupten. Von Wein wird man schließlich auch besoffen, und dieser Zustand wirkt keineswegs intelligenter als der Vonbierbesoffenezustand. Rülppps ... .Die Weinexperten meinen allerdings wirklich, dass der Weinrausch etwas intellektuelles sei und der Bierrausch eher etwas, nun ja dümmliches. Was könnte dann noch schlimmer oder verblödender sein als der Bierrausch? Vielleicht der Schnapsrausch? Oder der Feuerzangenbowlenrausch? Spike wollte sich da kein Urteil anmaßen, er kannte sie alle, den Bier-, Schnaps-, Weihrauch, äääh... Weinrausch und den Feuerzangenbowlenrausch. Wobei man beim Letzteren aufpassen sollte, dass, wenn man ein Gefäß aus Glas benutzt, man 1.) Gefahr läuft dass der obere Rand des Gefäßes abgesprengt wird durch die Hitze des brennenden Alkohols - und dass man 2.) nicht aus Versehen in das Restgefäß hineintreten sollte ... Na gut, der Feuerzangenbowlenrausch war schon ultimativ verschärft, aber Spike kannte noch weitere Räusche, die ihm aber gerade nicht einfielen.
„Gagaggott schütze uns vor frommen Frauen“, stammelte Freddy. „Dieser Sonnenschutz, ha, das hat du richtig erkannt war genauso unheilvoll für den Louis und ffür das ganze Land wie die gute ....“ Freddys Stimme war anzumerken, dass er sie zwar nicht mehr richtig kontrollieren konnte, aber dass er geistig voll auf der Höhe war, „Gwenüffffar für König Artus.“ Freddys Stimme hatte einen spöttischen Tonfall angenommen, leicht gefärbt von einem Bierrülpser, und er schloss seine Ausführungen mit dem Satz: „Is Relligion nich schön?“ „Is Liebe nich schön?“ Auch Spike musste seinen Senf dazugeben.
„Relligon oder Liebe! Ist doch alles gleich. Uuuäääh Bill, jetzt probieren wir Bockbier!“
„Ihr waret also Protestanten“, schloss Spike messerscharf, jedenfalls messerscharf für seine leicht benommenen Hirnverhältnisse.
„Jau, die Cemfortés, wie wir damals noch hießen“, Freddy stierte ein bisschen vor sich hin und fuhr dann fort: „Waren Calvinisten. Und wir warn die Leidtragennen dieser ganssen relli... na du weiß schon... Wollten sich nich anpassen, meine Vorfahrn, sondern wannnerten wieder zurück. Gen Osten in das ehemalige 'Römische Reich Heiliger Täuscher Nation‘, oder so ähnlich? Egal, wie auch immer, waren viele klitzekleine Königreiche oder Herzogtümer. Annnere Familien blieben in Holland hängen. Viele“ – Pause mit Rülpsern – „gingen auch noch weider gen Osten. Nach Preußen un vielleicht sogar ins Russenland. Die warteten schon drauf.“
„Das muss so um Sechsehnhunnnertachssig gewesen sein.“ Das Bockbier hatte Spikes Wissen um Geschichte zu Höchstleistungen angefeuert.
„Sechsehnhunnertfünfunachssig, um genau ssu sein. Meine Ffamilie, gehörte zu den schnelleren. Verramschten alles! Vergüterten ihre Höker. Sie waren auf das Desaster vobbereidet, un zwar schon Jahre vorher.“ Freddy zog sich einen tiefen Zug des dunklen Bockbiers hinein, das ihn seltsamerweise ein wenig ernüchterte, so dass er fast normal sprechen konnte, zumindest hatte er den letzten Satz fast fehlerfrei herausgebracht. War sicher nur Zufall. Hat Bockbier kein Alkohol?, dachte Spike fallüchtig.
„Ging alles gut. Meine Vorfahren blieben irndwo össlich der Weser in einem kaggen Landstrich hängen. Der Witz ander Sache war: Wir warn wieder dort, wovor wir einst geflohen warn. Und wir hatten noch einen Titel darauf. Wir ließen uns in unserem altem Dorf nidder, bauden einen neuen Landsitz, ’ne Kapelle, ’nen großen Stall und gam der Dorfbevölkerung Arbeit und Brot. Und ville Kinners gaben wir ihr auch ...“ Freddy musste lachen, nahm sich ein Stückchen Weißbrot, belegte es mit Kaviar und aß es, um wieder einen neutraleren Geschmack zu bekommen. „Nimm bisschen Bill, Kaviar“, ermunterte er Spike.
Der musste auch lachen. „Ich lach mich kaputt! Ihr ward also Deutsche?!“
„Neeiin, neeiin!!! Nich direkt! Um diesse Zeit besseichnete sich niemand in diessem – uppppss – Ressreich als Deuscher. Sie nannen sich Hannoverer, Braunsssweiger, Preußen und so weiter, es gab unsssählige Fürstentümer, Hersssogtümer und kleinere Königreiche. Uppppss, nich ssu verwechseln mit den Hannoveranern, den Pferden, weiss du ....“
„Die Cemfortés sind also wegen der Religion ausseewandert – oder besser gesagt appehauen?“ Spike genoss es, so trinkfest zu sein, denn er stotterte noch nicht richtig. Na gut, er stotterte ein bisschen, aber nicht soviel wie Freddy. Lag wohl an seinen Jägerinneneigenschaften ...
„Ddamals ja. Als ddann einer meiner Vorfahren nach Amerika auswanderte, ging es ihm nich mehr um Religion, sonnnern er wollde Freiheit, sowohl ppolitischer als auch räumlicher Art.“ Man merkte Freddy an, dass er überhaupt nicht besoffen war, sondern dass nur seine Stimmbänder seine Gedankengängen nicht mehr artikulieren konnten. „Sss war ihm einfach jenseits der Weser sssu eng...“, hier machte Freddy eine Gedankenpause und fuhr fort: “Das war um 1867, kurss bevor Deuschland Kaiserreich wurde.“
„Und du, Freddy? Du gehss jeden Sonntag in deine Kirche, spennes jede Menge Kohle un so weiter un sofort.... Biss du eindlich in Wirklischkeit gläubisch?“ Spike meinte, diese für amerikanische Verhältnisse wirklich unverblümte Frage stellen zu können.
„Bin nich viel religöser als meine Hunde“, sagte Freddy Cemfort lachend. „Befolle aber alle christlichen Gebote. Na ja, die meisten. Die annern ham mit Frauen zu tun ...“
„Bei mir sind es Katssen, die glauben nur an sich selber“, sagte Spike. „Deswen mag ich sie so.“ Und irgendwie mochte Spike Freddy Cemfort auch. Er war ein ähnlicher Spötter wie er und hatte ziemlich den Durchblick, was leider meistens von Nachteil für den Durchblicker war, denn zu viel Durchblick macht desillusioniert. Besser dumm und kein Durchblick, aber dafür glücklich ... Und auf einmal kam ihm eine Idee, nein, eher eine Formel. Eine Formel, mit der man die Menschheit beglücken konnte, Friede auf Erden, alle werden satt, keiner tötet mehr Menschen, keiner tötet mehr Tiere, alle verstehen sich. Und es ist doch so einfach!
„Lass noch bissel essen, dann könne wir von vorne anfang. Noch mehr Bockbier!!!“
Das Bockbier war allerdings das letzte Bier für beide an diesem Tage. Bockbier hat nämlich die Eigenschaft, jeden Gedanken abzutöten und nicht nur die Zunge und die Stimmbänder lahm zulegen, sondern auch das Gehirn mit seinen großartigen Gedanken. Nach dem Bockbier regiert nur noch der Überlebenstrieb, das heißt, der Wille zur senkrechten Fortbewegung, oder zur waagerechten Fortbewegung, die man auch Kriechen nennt.
Leider tötete das Bockbier (mit einer Stammwürze von 18%) auch die geniale Weltformel ab, mit der Spike die Welt hätte beglücken können. Diese Formel hätte die Rettung für die Menschheit und auch für die meisten Tierarten (mit einer Chance von 85%) bedeutet. Aber was soll’s... Bisschen Schwund ist immer ...
Die anderen Kumpane waren übrigens mindestens genauso hackedicht, wenn nicht noch hackedichter als Spike und sein Schwippsschwager Freddy.
Und Spike würde zwar seine die weltbeglückende Formel vergessen, aber er kannte nun einen Rausch mehr, nämlich den total blöde machenden erdenrettenvergessenen Bockbierrausch.
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Fast zur gleichen Zeit wollte Buffy in Erwartung ihrer ersten Reitstunde die Stallungen betreten. Sie hatte nicht nur ein wenig Bammel davor, sondern richtig Bammel. Und sie war froh, dass Spike weg war und sie nicht verspotten konnte, wenn sie vom Pferd fiel.
Tante Mansell, die Haushälterin war so freundlich, auf Gwydion aufzupassen. Sie saß vor dem Herrenhaus auf einer Bank und bewachte den Kinderwagen, in dem der kleine Buddha lag.
Die andere Tante, Buffy hoffte darauf, irgendwann in den nächsten Tagen bei ihr Kochunterricht nehmen zu können, hatte Morgan an die Hand genommen und ging hinter Buffy her. Sie unterhielt sich angeregt mit dem kleinen Mädchen. Morgan war wirklich ein Wunder. Sie konnte schon gut sprechen und alles verstehen, was andere sagten. Kein Wunder: Sie hatte es von Spike gelernt. Sozusagen im Geiste ...
„Ist alles halb so wild“, hatte Andy am Morgen zu Buffy gesagt, bevor sie ein letztes Mal vor den großen Ferien zur Schule musste. „Mehr als runterfallen kannst du nicht. Aber ich glaube, du bist ein Naturtalent.“
„Ist Sp.... äääh Bill auch ein Naturtalent?“, hatte Buffy das junge Mädchen gefragt. „Bill ist es angeboren“, hatte Andy seltsam verlegen gesagt. Und Buffy war feinfühlig genug, es zu kapieren. Die Kleine war in Spike verschossen. Und schlimmstenfalls liebte sie ihn wirklich. Sie war zwar sehr jung für die große Liebe, aber Buffy hatte da ihre eigenen Erfahrungen gemacht und damals war sie noch jünger als Andy gewesen. Und Spike? Buffy hatte nichts Auffälliges an ihm bemerkt, er schien die Kleine – haha Kleine, sie war größer als Buffy – zu mögen. Manchmal hatte er allerdings diesen Blick, als ob er etwas in Andromeda suchen würde, allerdings sah er sie dabei nicht direkt an, sondern immer haarscharf daneben.
Sie erinnert ihn an Lilah! Diese Eingebung kam Buffy urplötzlich. In einem Anfall von Einfühlsamkeit erkannte sie, dass er sich vorstellte, mit Lilah hier zu sein, wie es sich eigentlich gehörte. Lilah war nun über acht Monate tot, natürlich hatte er sie noch nicht vergessen. Und dieses Land war Lilahs Land. Andy war ihre geliebte Nichte, sie hatte viel von Lilah erzählt und dass sie fast wie Schwestern waren. Jeder hier hatte Lilah gekannt, und jeder hatte freudig den kleinen Gwydion begrüßt. Sie hatten auch Morgan freudig begrüßt, aber eine winzige Nuance der Freude fehlte: Morgan war eben nicht Lilahs Tochter. Und Buffy war überaus froh, dass Spike seine Tochter genauso liebte wie seinen Sohn, obwohl dieser Sohn von Lilah war und die Tochter nur von ihr, Buffy ...
Ach Quatsch alles! Buffy schob die deprimierenden Gedanken beiseite, um sich voll auf ihre erste Reitstunde zu konzentrieren und öffnete entschlossen die Tür zu den Stallungen.
Woraufhin ein weißer, gehörnter Dämon auf sie zustürmte, sie mit wütenden Augen anfunkelte und Anstalten machte, sie niederzutrampeln und danach aufzuspießen.