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6 Seiten

Der Bunker

Kurzgeschichten · Erinnerungen
Diese "Story" beruht auf meiner wirklichen Erfahrung als Pianist mit dem verheerenden Erdbeben auf Taiwan (September 1999):

Till Eulenspiegel, der Schalk meiner Heimat, ist aufgestanden und fortgegangen. Versonnen saß er viele Jahre, verschmitzt lächelnd, versunken im Anblick seiner Eulen und Meerkatzen. Wie oft muß ich vorübergegangen sein, achtlos, an dem Brunnen auf dem Bäckerklint. Bis ich einst auf eine Photographie aus dem Jahre 194 stieß. Der mittelalterliche Narr lächelt dort sein überlegenes Lächeln vor dem Hintergrund eines schwarz gebackenen Bäckerklints. Nach einem Bombenangriff auf die Altstadt waren alle Häuser vernichtet und nur der Schelm hatte überlebt. Seine Lebenskunst hatte auch noch den trauten Kreis der Eulen und Meerkatzen charmant behütet.
Auf einem Gang durch Braunschweig, jüngst, stieß ich just auf den Till Eulenspiegel. Ich mußte lange hinsehen, bevor ich ihn wiedererkannte. Nichts Überlegenes mehr hat sein nunmehr verlegenes Lächeln vor dem "Neu-Braunschweigischen" Hintergrund. Überdauert hat er die Bombenangriffe, aber vergangen ist er an der Sterilität der modernen Altstadt.
Nicht leicht ist es, in Braunschweig Spuren der Vergangenheit zu erfahren. Man kann sie sehen; doch spürt man sie? Die Trümmerbahn: Wir haben sie nicht mehr erlebt. Vereinzelte Bombenkrater im Wald. Wir haben dort Pilze gesucht. Der Bunker auf dem Nußberg. Jetzt hat er sich verkleidet, verharmlost: eine überwachsene Aussichtsterasse. Früher stand er noch nackt und drohend, ein hohl gespaltener Backenzahn in einem sonst zahnlosen Mund. Als Kind lief ich 10 Kilometer des nachts, um den Bunker mit meinen Händen zu berühren. Warum mußte ich die Wunde meiner Eltern mit den Händen berühren?
Es verfolgt mich des nachts im Traum eine Katastrophe - eine Katastrophe, die ich selbst nie erlebt habe: In einem riesigen Geschäft verliere ich mich. Plötzlich huscht ein Stocken durch die Bewegung der Menschen. Man drängt nach vorn, schweigend, angezogen von irgendetwas, das meinem Blick entzogen ist. Mein Blick erstarrt durch das Fenster: Die Stadt brennt. Erwachend, noch im Angstschweiß, erkenne ich den Traum als ein Omen. Ich hatte einen Alptraum erwartet, da wir heute in das Erdbebengebiet fahren.
Das verheerende Erdbeben in Taiwan. Man spricht nur noch über das Erdbeben. Das psychologische Echo der Nachbeben: Finstere Geschichten kriechen wie giftige Würmer in unser Unterbewußtsein. Musiker haben sich unter ihrem Flügel versteckt und sind dort erschlagen worden. Andere sind zerquetscht worden auf der Flucht im Treppenhaus, und ihre Leichen sind jetzt treppenförmig. Viele Helfer, Soldaten und Freiwillige, benötigen eine psychiatrische Behandlung. Einer hat sich umgebracht. Bereits zur Legende geworden ist das massive Beben, das uns nur die Möbel zerschlagen hat in Taipei doch Städte und Landschaften Zentraltaiwans verwüstete. Unser Konzert ist in Tungshih. Ein Feriengebiet in der Nähe Taichungs. Wir kennen das. Aber ein anderer, ein schlimmer Tourismus blüht als Unkraut im Schatten der gefallenen Häuser. Ein perverser Katastrophentourismus. Klimatisierte Busse mit Gaffern kommen aus Nord und Süd. Das Erdbebengebiet ist ein großer Zoo, ein Naturpark. Man kann gut eine Zigarette rauchen neben eingestürzten Hochhäusern.
"Die Opfer brauchen Geld. Sie brauchen keine Touristen. Sie brauchen keine Gaffer aus Kaohsiung oder Taipei, Schaulustige, die sich an ihrem Unglück weiden." So erzählte man uns. Würden diese Opfer klassische Musik genießen? Die ergreifende Szene aus einem deutschen Kriegsfilm spielt vor meinem inneren Auge: Ein Soldat, Pianist, wahrscheinlich, in einem früheren Leben, steht vor dem Hintergrund einer ausgebombten Stadt. Kein Till Eulenspiegel hat überlebt, jedoch - romantischer - ein halb verschütteter Flügel in den Trümmern eines zerfetzten Hauses. Der Soldat wischt den Schutt von der Tastatur, setzt sich vor den Flügel mit verdreckter Uniform und verklärtem Gesicht, und es erklingt, in falschem Tempo, das Andante con moto aus der Appassionata. Dies ist ein Schwarz-Weiß Film. Die Kameraden des Pianisten erscheinen, ebenfalls verdreckt und verklärt. Überlebende des Bombenangriffes entschlüpfen dem dunklen Chaos. Man lauscht andächtig. Man weint.
Wird sich diese Szene in Tungshih wiederholen? Werden uns die sanften Schwingungen der Muse wie ein Wiegenlied dem wilden Beben der Natur entheben? Wir haben bereits in einem Park gespielt. Wir spielten auf einer Geschäftsstraße in Taipei, neben einem Verkehrsstau. Wir gaben ein Konzert auf dem Mount Morrison vor zwei verkohlten Baumriesen, den sogenannten "Lovers Trees". Doch vor umgestürzten Häusern sind wir niemals aufgetreten. "Würdet Ihr mich begleiten zu einem Park Konzert für Erdbebenopfer?" So hatte es harmlos im Email eines Freundes, Geiger und - immerhin - erster Preisträger des Queen Elisabeth Wettbewerbes, gestanden.
Zwei Wochen später sind wir in Tungshih. Ich stehe unter einem Vollmond auf einem verdreckten Flußufer. Im Hintergrund, von massiver Hand verschoben, erscheint die Silhouette einer verbogenen Stadt. Häuser hängen, der Schwerkraft trotzend, schief am verschmutzten Himmel. Ein geputzter Mac Donald Schnellimbiß scheint nicht in diese Kulisse zu passen und ist vielleicht nur, achtlos, von einem spielenden Kind dort abgestellt worden. Vor mir, umrahmt von Containerwagen und "Portable Toilets" die Freilichtbühne. Eine provisorische Schützenfestbude, kitschig angemalt und angestrahlt. Die Luft, die auf dieser Bühne steht, ist geschwängert von Abgasen, Motorgeräuschen, brennenden Räucherstäbchen, Trillerpfeifen, Zigarettenrauch und ratternden Hubschraubern. Ziellos, wie aufgeschreckte Ameisen, und über die wackelnde Bühne flitzen die Männer der Fernseh Crew und rennen alles um, Stative, verlorene Künstler und sich selbst. Mißhandelte Lautsprecher heulen auf und kreischen in wildem Protest. Illuminiert ist diese gespenstische Szene von einer Lasershow.
"Wir brauchen kein Laser." knurre ich. "Dies ist klassische Musik!"
"Es macht nichts. Sie werden Licht haben. Nur ein wenig Laser. Ein ganz klein wenig."
Ich habe die Politiker vergessen. Bürgermeister und Vizepräsidenten sind zur Show geladen. Und was wäre schon ein Vizepräsident ohne Laser. Deprimiert schleichen wir in unser Zelt. Dies ist ein Zelt für Erdbebenopfer, eingerichtet als Künstlerzimmer. Es riecht nach Gras hier. Die Abgase sind draußen geblieben, und wir bekommen Fishburger und Mac Chicken. Das Wasser haben wir selbst mitgebracht, denn es gibt keines mehr in Tungshih.
Und dann erscheint ein Gespenst. Fahl, kalt und mit zitternden Fingern. Das Gespenst der Nervosität: Unser Konzert soll direkt im Fernsehen übertragen werden. Laser, Politiker und klassische Musik sollen Tungshih in das Bewußtsein der Bevölkerung senden. Wenn mein Finger die Tastatur berührt, genau in diesem Moment, werden alle meine Freunde diesen zitternden Finger sehen. Sie werden nicht die Abgase riechen, sie werden nicht die Trillerpfeifen und Hubschrauber hören. Nein. Meine guten Freunde werden nur stolpernde Finger vor gefallenen Häusern sehen, und sie werden ihre persönlichen Rückschlüsse daraus ziehen. Ist es schlimmer, von einem Erdbeben überrascht zu werden oder eine zerbrechliche Mozartsonate vor gaffenden Filmkameras zu spielen? Wenige Sekunden vor meinem Auftritt weiß ich die Antwort.
Doch nehme ich mich, wie gewöhnlich, zu wichtig. Ich begleite ja nur meinen Freund, und der hat seine berühmte Geige aus dem Besitz von Hubay nach Tungshih gebracht. Jener Hubay, der 1937 in Budapest starb. Ich werde meine Finger verstecken hinter dieser Geige, denn wer will sie schon sehen, meine Finger aus dem Besitz von Wei Le-Fu (Rolf-Peter Wille). Aber meine Hoffnung ist unbegründet. Geduckt, am linken Bein des Flügels kauert bereits, wie eine lauernde Muräne, der Kameramann, um nach den armen Fischchen, meinen Fingern, zu schnappen. Weiß sie nicht, diese Muräne, daß es gefährlich ist, unter einem Flügel zu kauern? Vielleicht wird es ein Nachbeben geben während unseres Auftritts.
Wir spielen kalt und professionell nur für uns allein. Keine Stille gibt es, in die wir den Klang projizieren können. Wir spüren keine Aufnahmebereitschaft eines gespannten Publikums. Ein Insekt klettert über die Noten. Eine Trillerpfeife. Kaum Applaus. Dann ist es vorbei. Nachdem ich die Bühne verlassen habe, mische ich mich unter das Publikum, während meine Freunde auf der Bühne im Angstschweiß erbeben. Fast alle Einwohner der Stadt sind hier. Sie sitzen auf Klappstühlen oder auf dem Erdboden, stehen herum oder gehen auf und ab. In der Hand halten sie ein Kerzenlicht. Auch haben sie winzig kleine Taschenlampen, mit denen sie hin und wieder einen verstohlenen Blick auf das Programm werfen. Viele verfolgen das Geschehen auf der Bühne. Andere starren auf die Fernsehschirme. Andere starren apathisch ins Leere. Sie schenken keine Beachtung dem Ausländer, der im Smoking unter ihnen steht.
Es erklingt das Wiegenlied von Richard Strauss. Himmlische Tröstungen aus der Feder eines Komponisten, der sich dem Teufel verschrieben hatte. Aber hat er nicht auch den Till Eulenspiegel vertont, jener Strauss, als er sich noch nicht dem Teufel verschrieben hatte? Wie oft hat meine Mutter ihn mir vorgespielt auf dem alten Grammophonspieler? Er reitet über den Marktplatz, wo die Weiber irdenes Geschirr feilhalten. Die Hufe seines Esels machen Scherben aus ihrer bunten Töpferware. Geschrei. Durcheinander. Till empfiehlt sich mit einer Grimasse. Eine Ahnung: Vielleicht war es der Till Eulenspiegel, der - nachdem er sich vom langweiligen Bäckerklint verabschiedet hat - über Tungshih geritten ist, auf seinem Esel. Doch den Mac Donald hätte er nicht heil gelassen.
Die Kulisse zeigt den Vollmond über einem schiefen Haus, und ich denke an ein Symbol aus meiner Braunschweigischen Kindheit. Ich entziehe mich dem Publikum und stehe bald auf der erhöhten Straße. Von hier aus überblicke ich das Flußufer, die Schaubühne, illuminiert, und apathisch das Publikum. Kein Laut von der Musik dringt zu mir. Dunkelheit verhüllt die skeletierte Stadt, ihre verzerrten Straßen und verbogenen Häuser. Wie Larven muß aus dieser zermarterten Schwärze unser Publikum gekrochen sein. Auch in jener Nacht der Agonie flohen die Überlebenden zum Flußufer, erzählte man uns. Das Flußufer wimmelte von Menschen wie eine Geschäftsstraße in Taipei, erzählte man uns.
Ich dringe nun ein in die schwarze Vergangenheit. Ich nähere mich der Ruine. Verlorene Passanten und Motorräder passieren sie in der Dunkelheit, und sie drehen sich nicht um. Nur ein flüchtiger Schein, vom entfernten Mac Donald, hat sich in diese üble Straße verirrt. Er würde gern zurückschimmern zu einem Chicken Nugget in Barbecue Soße, der verlorene Schein, wenn er nicht fahl an dem schiefen Haus kleben würde. Wie ein Riese aus der Vergangenheit reckt sich die Ruine über mich und bedroht mich mit ihren ausgehöhlten Fenstern. Diese schwarzen Höhlen sind es, die im wilden Anfall heftigen Schwindels ihren zermalmenden Schutt auf die Straße gespieen haben. Auf eine Straße, die sich aufbäumte im Schmerz wie ein verwundeter Stier. Zerborstene Möbel schämen sich nicht ihrer Eingeweide und der verwaisten Schreie, die ihre ehemaligen Besitzer auf der Flucht dort zurückgelassen haben. Die zerquetschten Kakerlaken zweier Autowracks sind eingekeilt zwischen den Fronten, Häuserwand und Straße. Im Schutt stehe ich in meinem Smoking, und je länger ich stehe, desto mehr werde ich ein Teil des Schutts.
Nun weiß ich, warum ich in Tungshih bin. Den Bunker wollte ich berühren, des nachts.
 
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Kommentare  

Ergreifend. Wenn man bedenkt, dass das Wirklichkeit war, dann muss ich sagen: Gut geschrieben. Aber verarbeitet ist es noch nicht..... diese Bilder sind noch zu frisch....
[Sabine Buchmann]


Jurorenkommentare (03.05.2002)

Selbstfindung auf der anderen Seite der Welt. Macht nachdenklich. Gut geschrieben.

Stefan Steinmetz (13.04.2002)

Starke Story, allein es war nicht so flüssig zu lesen... aber vom Stoff und der Idee, das Leben scheint nach wie vor die besten Geschichten zu schreiben, einfach beeindruckend.


Teleny (12.04.2002)

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