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Fortsetzungsgeschichte

Fantastisches · Kurzgeschichten
© Julia D.
Ein wenig betroffen starrte sie auf ihre Hände. Wer hätte gedacht, dass es einmal soweit kommen würde mit ihr. Wahrscheinlich jeder, außer ihr selber. Es stimmte, dass sie sich immer für was besseres gehalten hatte, aber jetzt, nachdem sie dass getan hatte, war sie nicht mehr wert als eine tote Fliege auf der Windschutzscheibe. Nein, sie war noch nicht einmal soviel wert. Wie tief war sie nur gesunken.
Sie schüttelte den Kopf und versuchte die wirren Gedanken aus ihrem Kopf zu verdrängen. Manchmal gelang es ihr auch. Ihr dünnes Haar klebte ihr Strähnenweise an der Stirn fest und verdeckte das vertrocknete Blut an ihrem Kopf. Tiefe Ränder verliefen unter ihren kranken Augen und vereinzelt waren kleine Falten zu sehen, die nicht von ihrem Alter stammten. Ihre dürren Beinchen umschlang sie mit ihren sehnigen Armen, kauerte in einer Ecke und wibbte langsam vor und zurück. Eine graue Strähne zog sich durch ihr schwarzes Haar, eine Nachwirkung der schrecklichen Ereignisse. Sie hob die Hand und fing an sich immer und immer wieder an die Schläfe zu schlagen. Die Stimmen ließen sie noch verrückt werden, wenn sie dass nicht schon war.
Sie kniff die Augen zusammen und horchte. Hätte man nicht das leichte Zucken in ihrem kleinen Finger gesehen, hätte man denken können, sie sei völlig erstarrt.
„Was?“, fragte sie leise in den fast leeren Raum hinein. „Ihr müsst lauter reden, sonst verstehe ich euch nicht.“ Sie konzentrierte sich. „Redet lauter.“ Sie fing wieder an zu wippen. „Lauter! Lauter! Lauter!“ Sie fing an zu schreien. Dann verstummten die Stimmen plötzlich. Sie verdrehte ihre Augen und seufzte. Ruhe, endlich Ruhe.
Sie stand auf. Ihr langes filziges Haar fiel ihr über die Schulter. Das ganze Geschehen lag vor ihr. Zusammengequetscht in einen Raum. Hier hatte ihre Zukunft begonnen und ihre Vergangenheit wurde beendet. Sie tat einen großen Schritt auf das Ende des Raumes zu und starrte gefasst auf die Tür. Was dahinter liegen würde. War ihr noch fremd, aber dort würde sie bald eine Routine finden
Maxson am 12.07.2002: Fortsetzung ab: ...würde sie bald eine Routine finden.

Noch vor einem Monat war alles in Ordnung.
Sie war 16 , eine gute Schülerin und eine liebe Tochter. Harald, ihr Stiefvater sah in ihr aber auch eine begehrenswerte Frau.
An einem Abend vor drei Wochen, Mutter Veronika hatte ihren Kegelabend, konnte Harald seine Finger nicht bei sich behalten.
Flucht am nächsten Morgen.
"Ich muß weg hier, Mama wird mir nicht glauben, nur weg hier." Dachte Nadine.
Also schwänzte sie die Schule und fuhr per Anhalter ins nahe Hamburg.
Die Flucht vor dem Sex mit älteren Männern führte sie nach St. Pauli.
Der nette, flotte Typ mit dem schnellen Auto versprach ihr sich um sie zu kümmern.
Als Nadine merkte was hier ablief war es zu spät.
Tränen des Schmerzes und der Scham hatte sie geweint als der flotte, nette Typ sie eingeritten hatte. "Entweder Sex oder Prügel." Hatte er grinsend gesagt.
Gerade hatte Nadine ihren ersten Kunden befriedigt, Ekel stieg in ihr hoch.
Doch Hunger, Durst und Angst vor Schläge würden sie bald eine Routine finden lassen.
Dicke Tränen standen in ihren Augen.
 
Stefan Steinmetz am 29.07.2002: Nadine weinte lautlos. Keine Tablette mehr. Schwester Birgit hatte sehr resolut geklungen. Nadine wusste, dass sie keinen traumlosen Schlaf bekommen würde.
„Ich will nicht wieder dorthin!“ schluchzte sie.
Schwester Birgit nahm sie tröstend in die Arme: „Es wird schon wieder werden, Nadine. Glauben Sie mir. Sie sind doch schon fast erwachsen. Ihre Eltern sagten, Sie werden in zwei Monaten siebzehn.“
„Sie haben ja keine Ahnung, wie es dort ist!“ wimmerte Nadine. „Ich will nicht zu IHM!“
„Er kann Ihnen nichts mehr tun, Nadine, glauben Sie mir“, sprach die Krankenschwester beruhigend. Leise redete sie auf das weinenden Mädchen ein. Die leiernde Stimme schläferte Nadine ein.
„Schlafen! Wenn ich doch nur einmal wirklich richtig schlafen könnte!“


Nadine und Margit liefen durch die Gassen. Zum ersten Mal erkannte Nadine wie groß Halderstadt war. Gleich zweimal sahen sie Kinder mit deformierten Gliedmaßen.
„Es scheint, dass viele arme Frauen dieses gefährliche Schlafmittel benutzt haben“, meinte Nadine.
„Wieso arm?“ hielt Margit dagegen. „Es sind vor allem die reichen, wohlhabenden Frauen, die sich mit Thalidomid einen erholsamen Schlaf gönnen. Kommt ein missgebildetes Kind auf die Welt, gibt man es eben im Armenhaus ab.“ Nadine war entsetzt. Wie konnte man ein neugeborenes Leben einfach so wegwerfen! Margit sah sie traurig an: „Nicht alle ungewollten Säuglinge landen im Armenhaus. Nostromo Grünenthal betreibt auch heimlich ein Haus, in dem man Abtreibungen vornimmt. Es ist bei Todesstrafe verboten, aber Nostromo stört das nicht. Er hat hochgestellte Freunde. Es heißt, das sogar Prinz Gernot auf seiner Schmiergeldliste steht.“
Zwei Männer traten aus einer Schmiede. Sie trugen die Uniformen der königlichen Soldaten.
„Martin!“ rief Margit.
Der Angesprochene drehte sich um: „Margit. Schön, dich zu sehen. Wie geht es dir?“
Margit stellte den Mann als ihren Cousin vor. Als Martin und sein Kamerad erfuhren, was die zwei Frauen vorhatten, boten sie spontan an, sie zu begleiten. Nadine und Margit nahmen das Angebot an.
Zehn Minuten später standen sie vor einem wuchtigen schmucklosen Bau aus Sandstein.
ARMENHAUS IV stand über dem Eingangstor eingemeißelt.
Nadine kratzte sich am Kopf. Seltsam? Hatten sie nicht schon alles abgesucht? Waren sie denn nicht in allen Armenhäusern Halderstadts gewesen? Sie schüttelte den Kopf. Da war irgendetwas in ihrem Kopf, aber sie konnte es nicht greifen.
„Ist etwas?“ fragte Margit.
„Nein, ich habe nur leichte Kopfschmerzen“, antwortete Nadine.
Sie traten ein.
Nadine verschlug es die Sprache. Noch nie hatte sie eine solche Ansammlung von alten und siechen Leuten gesehen. Bettler jeden Alters gab es hier und etliche Kinder. Überall in großen Sälen gingen die Armenhäusler verschiedenen Tätigkeiten nach. Margit erklärte ihrer jungen Herrin, das die Menschen damit den Unterhalt des Armenhauses sicherten, merkte jedoch an, dass es ein offenes Geheimnis sei, dass viele der eingenommenen Gelder in den Taschen der Leiter der Armenhäuser landeten.
Margit fragte nach Lina. Ja, beschied man ihr, das kleine Mädchen mit den missgebildeten Armen sei in Armenhaus IV zuhause, wo es seinen Lebensunterhalt mit Stricken verdiente. Sie sei aber seit Tagen verschwunden.
„Ist ja kein Wunder, dass die Kinder immer wieder abhauen“, flüsterte ein alter, halbblinder Bettler. „So wie die hier behandelt werden! Immerzu Schläge, Arbeit und nie genug zu Essen. Wer allein auf die Rationen des Armenhauses angewiesen ist, der verhungert.“ Er blickte Margit und Nadine erwartungsvoll an. Margit verstand den Wink. Sie griff in ihre Taschen und brachte ein Stück Brot zum Vorschein. Gierig fiel der alte Mann darüber her.
„Lina ist oft im Weberviertel an der südlichen Stadtmauer“, gab er ihnen Auskunft. „Sie hilft den Wollspinnern und verdient sich so einige Münzen oder eine Mahlzeit. Dort weiß man ihren Fleiß zu schätzen und niemand schlägt sie.“ Der Bettler wiegte den Kopf. „Arme kleine Lina. Sie hat geträumt, sie sei eine Prinzessin und dann lebte sie tatsächlich einige Tage im Schloss, weil eine gutherzige Frau sie bei sich aufgenommen hat. Aber seine Hoheit der Prinz von Haldingen duldet keine Bettler am Herrschersitz.“ Der Alte lächelte wehmütig: „Es heißt, dass Lina das Kind einer hochgestellten Persönlichkeit ist, die das Mädchen heimlich geboren hat und im Armenhaus abgab. Andere sagten, die hochgestellte Dame habe Lina hier im Haus geboren und sei danach gestorben. Aber niemand weiß etwas genaues und der Leiter Herr Dahlander spricht nicht darüber.“ Der alte Mann grinste unfroh: „Hat sich wohl die Habseligkeiten der Toten unter den Nagel gerissen.“
Martin und sein Kamerad traten vor: „Das finden wir ganz fix heraus, Alter.“ Er reichte dem Mann eine in Wachstuch eingewickelte Soldatenration. „Da für euch guter Mann.“
Martin führte sie zum Büro des Armenhausvorstehers.
Dahlander stritt erst einmal rundheraus alles ab. Er wisse von nichts. Lina sei als Säugling in die Säuglingslade gelegt worden und niemand wisse, wer ihre Mutter sei.
Aber nachdem Martin und sein Kumpan ihn ein Weilchen mit ihren Schwertern gekitzelt hatten, wurde Dahlander plötzlich sehr gesprächig. Aus einer fest verschlossenen Kiste brachte er eine kleine reich bestickte Tasche zum Vorschein.
„Die gehörte Linas Mutter. Es waren fünfzig Goldstücke darin, die ich in Verwahrung genommen habe...“ Eine Schwertspitze kitzelte seinen Kehlkopf. „Das Gold ist immer noch da!“ wimmerte Dahlander. Er begann zu schwitzen. „Ich habe es gut angelegt und vermehrt. Wenn die kleine Lina erwachsen ist, hat sie ein schönes Geld zur Verfügung.“
Die Schwertspitze kitzelte noch härter.
„Komisch, dass ich dir das überhaupt nicht glauben mag“, grollte Martin. „Sing Vögelchen! Sing uns vor, was du noch alles weißt!“
„Die hochgestellte Dame ist euch allen bekannt“, japste Dahlander. „Es war Gerlinde von Merwing, die Cousine des Prinzen Gernot. Sie starb bei der Geburt. Ich musste mich verpflichten, nichts zu verraten. Ehrlich! Seht doch nach! In der Tasche befindet sich ein blaues Säckchen mit einer Haarlocke des Prinzen und ein Taschentuch, wie auch Gernot von Haldingen eines hat. Es war ein Liebespfand.“ Der Schweiß lief Dahlander in Strömen übers Gesicht.
„Ich glaub dir kein Wort, du mieser Hund!“ sprach Martin wütend. „Du hast alles vertuscht und Lina hier behalten, um das Gold in deiner eigenen Tasche verschwinden zu lassen!“
Nadine war wie vor den Kopf geschlagen. Lina das Kind von Gerlinde von Merwing! Das konnte nur eines bedeuten: Lina war Gernots Tochter!
Sie begann zu zittern. Die ganze Zeit hatten fremde Eindrücke ihr Sehfeld überlagert und es wurde immer stärker. Einmal sah sie alles durch Gernots Augen und sie fühlte Zorn. Gernot wollte Lina finden, ja, aber nicht, um sie zu Nadine zurück zu bringen!
„Margit! Wir müssen uns beeilen! Schnell! Wo liegt dieses Weberviertel?“
Margit, Nadine und die beiden Soldaten machten sich eilig auf den Weg.
„Wir kommen zurück, Dahlander!“ brüllte Martin. „Dann nehmen wir dich in die Zange!“ Dahlander erbleichte.
Nadine verlor Gernots Blick. Stattdessen sah sie jetzt alles mit Linas Augen. Das kleine Mädchen rannte durch eine gebogene Gasse. Rechts duckten sich niedrige Häuschen an eine hohe Steinmauer. Lina hatte Angst, große Angst. Sie wusste, dass man sie suchte.
Nadine beschleunigte ihren Lauf. Sie berichtete Margit keuchend von ihrer Vision.
„Das ist die Stadtmauer im Weberviertel“, rief Margit. „Bei den Gerbereien.“ Sie rannten weiter. Die genagelten Stiefel der beiden Soldaten verursachten ein riesiges Getöse in den engen kopfsteingepflasterten Gassen.
Nun sah Nadine wieder alles durch Gernots Augen. Der Mann stürmte eine schmale Treppe hoch, gefolgt von seinen Soldaten. Oben auf der Krone der Stadtmauer stand er dem kleine Mädchen gegenüber, das sich ängstlich an die niedrige Brüstung drängte, die an dieser Stelle brüchig und schadhaft war. Steinmetzwerkzeuge lagen umher. Die Arbeiter, die mit dem Ausbessern der Stadtmauer beschäftigt waren, machten Mittagspause.
„Ich will, dass du aus Halderstadt verschwindest!“ bellte Gernot wütend. „Ich will dich nie wieder in der Stadt sehen! Hast du verstanden?“
Das blonde Mädchen begann zu weinen. „Bitte hoher Herr verstoßt mich nicht!“ flehte es unter Tränen. „Ich kann doch sonst nirgendwo hin!“
Gernot zog sein Schwert und schritt auf das verängstigte Kind zu. „Hau ab, du widerlicher Krüppel!“
Nadine erreichte die Treppe, die zur Krone der Stadtmauer hoch führte. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie fühlte die Angst des Kindes in ihren eigenen Eingeweiden wühlen.
„Gernot!“ schrie sie. „Lass das Kind in Ruhe!“
„Bitte tötet mich nicht, Herr!“ bat Lina oben auf der Stadtmauer und wich Schritt um Schritt vor Gernot von Haldingen zurück.
„Du ekelhafter Schmarotzer!“ schnaubte der Prinz. Wilder Zorn stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich dulde nicht, dass meine Braut sich mit Bettelpack abgibt!“
Das kleine Mädchen fiel weinend auf die Knie: „Ich habe doch sonst niemand auf der Welt! Bitte lasst mir dieses bisschen Glück! Nur dieses kleine bisschen! Ich werde nicht mehr im Schloss wohnen. Aber vielleicht darf ich manchmal an die Pforte kommen und Nadine nimmt mich ein bisschen in die Arme!“ Das Kind schluchzte herzerweichend. „Wenn ich von niemandem geliebt werde, muss ich sterben!“
(wieso redet ein siebenjähriges Kind in einer solchen Sprache? fragte eine Stimme im Hintergrund. „die-dieck“ lautete die Antwort.)
Nadine stürmte die Treppe hoch. Gernots Wut und Linas Angst und Verzweiflung tobten gemeinsam in ihrem Herzen und brachten sie schier um den Verstand.
„Bitte, bitte!“ jammerte Lina und kroch rückwärts vor dem grimmigen Gernot davon, bis sie an der Brüstung landete. „Lass mich doch bitte bleiben, hoher Herr!“
Gernot schwang sein Schwert überm Kopf: „Nix da! Du verschwindest aus meinem Leben! Ich schneide dich raus!“ Nadine erreichte die Mauerkrone, als das Schwert niedersauste. Sie sah, wie Lina nach hinten zurück wich, unaussprechliches Grauen in den Augen. Einige lose Steine im Rücken des Kindes gaben nach, dann brach die gesamte Brüstung weg und das Mädchen stürzte in die Tiefe.
„LINA!!! NEEEIN!!!“ schrie Nadine. Sie warf sich zu Boden und starrte nach unten. Sieben Meter unter ihr lag Lina reglos am Boden. Nadine sprang auf und rannte die Treppe hinunter, wobei sie Margit und die beiden Soldaten vor sich herscheuchte.
„Wo ist das nächste Stadttor?“ schrie Nadine.
„Gleich unter uns“, antwortete Margit verdattert. Nadine rannte wie von Furien gehetzt. Sie stürmte zum Stadttor hinaus, wandte sich nach links und erreichte Lina. Das Mädchen lag noch immer reglos.
„Lina! Bitte nicht!“ keuchte Nadine.
Linas Augen waren geschlossen. Ein dünner Blutsfaden rann ihr aus dem Mundwinkel.
„Lina! Lina!“ Nadine begann zu weinen. Sanft streichelte sie über die Wange des Kindes.
Lina öffnete die Augen. Als sie Nadine sah, lächelte sie. „Nadine! Du bist gekommen!“
Nadine nahm das Kind vorsichtig in die Arme. Sie spürte gebrochene Rippen unter ihren Händen, aber sie wusste, dass sie Lina damit nicht schadete. Über den Zustand des Kindes machte sie sich keine Gedanken. Sie wusste, dass Lina im Sterben lag. Wenigstens wollte sie der Kleinen ein bisschen Nähe und Trost geben.
Lina blickte sie aus großen traurigen Augen an: „Niemand will mich haben! Niemand! Eine wie mich will keiner!“
Nadine streichelte das kleine bleiche Gesichtchen und küsste Lina auf die Stirn.
„Doch Lina! ICH will dich haben!“ sprach sie sanft. Sie versuchte ihrer Stimme Festigkeit und Wärme zu geben, obwohl ihr die Tränen aus den Augen stürzten. „Mir ist es völlig egal, wie du aussiehst. Es ist nicht wichtig, welche Haarfarbe ein Mensch hat, wie groß er ist, oder wie seine Arme aussehen. Wichtig ist nur der Mensch selbst! Seine Seele! Lina, ich habe dich lieb. Ich werde immer für dich da sein, egal wie du aussiehst und egal was du tust. Hörst du mich, Lina?“
„Ja“, hauchte das Kind in ihren Armen.
„Glaubst du mir, Lina? Glaubst du mir, dass ich dich lieb habe?“
Lina blickte Nadine an. Große Zärtlichkeit lag in ihren Augen: „Ja, ich weiß, dass du mich lieb hast. So wie dich habe ich mir immer meine Mama vorgestellt. Jetzt habe ich keine Angst mehr, verlassen zu werden.“ Die Augen des Mädchens schlossen sich und der kleine Körper erschlaffte in Nadines Armen.
Nadine fühlte den Schmerz wie mit Messern durch ihr Herz schneiden. Um sie herum standen Margit, Gernot und die Soldaten. Gernot von Haldingen hielt noch immer sein Schwert in der rechten Hand. Nadine küsste ein letztes mal das Gesicht von Lina, dann bettete sich den zerschmetterten kleinen Körper sanft auf dem Boden. Langsam wie eine uralte Frau erhob sich Nadine. Sie sah Margit zurückweichen.
„Um Gottes Willen! Seht nur! Sie hat eine zweite graue Strähne im Haar!“
Nadine beachtete sie nicht. Nichts, was um sie herum vorging, interessierte sie noch. Sie zog das kleine blaue Säckchen aus der Tasche, das sie Dahlander im Armenhaus abgenommen hatte.
„Da, für dich Gernot von Haldingen“, sprach sie bitter. „Das gehörte Linas Mutter.“ Sie legte das Säckchen in Gernots Hand und schaute ihm tief in die Augen: „Du hast gerade dein eigenes Kind ermordet, du Stück Dreck!!!“
Gernot wurde kreidebleich. „Nein! Nein!“ stammelte er und machte einen Schritt zurück. „Das...das kann nicht wahr sein! Ich...ich...wollte doch nur...“
„Dich drücken!“ spie Nadine ihm ins Gesicht. „Einfach aus deinem Leben rausschneiden! Das hast du doch gesagt! Ich habs gehört!“
„Nein...ich...“, stotterte Gernot entsetzt. „Bitte...ich...“
„Geh mir aus den Augen, du Schwein!“ brüllte Nadine. Sie griff sich mit beiden Händen an den Bauch. „Du widerliches Schwein!“



„Ja Nadine. Das ist gut. Lassen Sie alles heraus.“ Die ruhige Stimme von Dr. Ruthmertens kam aus dem Nichts und dann erschien das Gesicht vor Nadine. Rundherum baute sich das Krankenzimmer auf. Es wirkte, als ob ein Computer die einzelnen Komponenten Stück für Stück aus dem Internet herunter laden würde.
Nadine saß aufrecht auf dem Krankenbett und Sturzbäche von Tränen rannen ihr die Wangen hinab. Vor ihr stand ein einfacher Stuhl. Jemand hatte ein weißes Blatt Papier auf die Lehne geklebt. „Gernot Halding“, stand darauf geschrieben.
„Sagen sie Gernot alles, was Sie sagen wollen, Nadine“, forderte der Arzt mit sanfter Stimme. Schwester Birgit stand hinter ihm und schaute Nadine an, Mitleid in den Augen.
Nadine schluchzte laut auf.
„Du mieses Schwein!“ rief sie in Richtung des Stuhls. „Mutter hatte recht, als sie sagte, du seist ein Playboy. Für dich gabs doch nur deinen Porsche und deinen Schwanz! Mensch, ich war erst fünfzehn!!! Ich habe dich geliebt! Und WIE!“
Das Schluchzen erschütterte Nadine. „Wie konntest du nur! Wie hast du es fertig gebracht, mich in diese verdammte Klinik zu fahren? Weißt du überhaupt, was du da von mir verlangt hast? Du Schwein! Du WICHSER!!!“
Alles, alles war mit einem Male wieder da: die Erinnerung an die Liebesnächte mit dem vierundzwanzigjährigen Gernot Halding, einem entfernten Verwandten. Oh wie sie Gernot angehimmelt hatte! Dann der Schock! Nadine war schwanger! Und Gernots eiskalte Entscheidung, in die Abtreibungsklinik hinter der holländischen Grenze zu fahren.
Dort hatte sie in einem Mülleimer die erbärmlichen Überreste eines abgetriebenen Säuglings gesehen.
Der riesige Schock! Ihre unkoordinierte Flucht. Brennende Fußsohlen, trockene Kehle, Hunger...und da war dieser nette freundliche Herr gewesen, der ihr Hilf anbot...NEIN!!! Daran wollte Nadine jetzt nicht denken. Daran KONNTE sie jetzt noch nicht denken! Nicht an IHN!
Das war zuviel. Nicht der Keller mit der Eisenkette am Fußgelenk. Nicht die laufenden Videokameras und die Corny Müsliriegel! Manchmal dachte sie, die Stimme wären von all den anderen Opfern gekommen, die vor ihr in dem entsetzlichen Keller gehaust hatten. Dann wiederum schien ihr, als ob ER noch immer lebte, als Geist oder ähnliches. War ER im Schrank? Damit würde sie sich irgendwann später auseinander setzen müssen. Noch hatte sie nicht die Kraft dazu.
Nadine trocknete ihre Tränen. „Ich erinnere mich wieder“, sagte sie leise. „Wie hat man mich gefunden?“
„Durch puren Zufall, Nadine“, antwortete Dr. Ruthmertens ruhig. „Sie lagen dort in dem Kellerraum und die Leiche des Mannes, den Sie erschlagen haben war schon halb verwest. Keine Angst. Die Polizei weiß, dass es Notwehr war. Man hat die Videos gefunden. Hunderte Videos. Sie waren nicht die einzige, Nadine, aber sie sind die einzige, die es überlebte, wenn auch knapp. Es war auf den letzten Drücker. Lange hätten Sie nicht mehr durchgehalten. Es ist ein medizinisches Wunder, dass dem Baby nichts passiert ist.
„Baby?“ Nadines Herz begann zu schlagen.
Schwester Birgit lächelte freundlich: „Ja es geht der Kleinen gut, auch wenn sie fünf Wochen zu früh kam. Ein prächtiges kleines Mädchen. Möchten Sie ihre kleine Tochter sehen, Nadine.“
„Ja!“ hauchte Nadine. Eine tiefe Ruhe breitete sich in ihr aus.
Schwester Birgit öffnete die Tür zu einem Nebenraum. Sie kam mit eine Säugling auf dem Arm zurück. Eine blonde Frau in den Vierzigern begleitete sie. Sie hatte verkürzte Arme und nur drei Finger an ihren Händen.
Nadine setzte sich auf. „Tante Lina!“ rief sie glücklich.
Gerlinde Merwing kam zu ihr ans Bett und schloss Nadine in die Arme. „Endlich geht’s dir wieder gut“, sagte sie leise und drückte Nadine fest. „Wir hatten solche Angst, dass du nicht mehr aus dem Gefängnis herauskommen würdest, in das du seine Seele eingesperrt hattest, zum Schutz vor dem Schrecklichen, was du durchmachen musstest.“
Nadine erinnerte sich an alles: an die Wochenenden, die sie oft bei ihrer Tante verbracht hatte, an die langen Gespräche, in denen Gerlinde ihr alles über Contergan und die Vertuschungskampagne der Herstellerfirma Grünenthal erzählt hatte. Gerlinde, die von allen Lina genannt wurde. Die kleine Lina aus der Mittelalterwelt war Nadines Tante auf einem alten Foto, das Nadine sich oft angeschaut hatte. Da stand die kleine Gerlinde mit sieben Jahren vor einer hohen Steinmauer und schaute mit großen traurigen Augen in die Kameralinse.
Von Tante Gerlinde hatte sie auch erfahren, das alle Menschen ein Leben lang ein kleines Kind in ihrem Innern mit sich herumtragen. Wenn dieses Kind verletzt worden war, dann konnte der Erwachsene sein Leben nicht richtig führen. Es war wichtig, zu diesem inneren Kind zu gehen und ihm zu erzählen, dass man immer für es da sein würde, dass man es lieben und niemals verlassen würde.
Und die Mittelalterstadt war Nadines Lieblingsfantasie gewesen, als sie noch jünger gewesen war. Manchmal war sie dort eine Prinzessin. Dann wieder ein armes Bettelmädchen. Den Namen Nostromo hatte sie aus dem Film „Alien“. Sie hatte ihn auf den unsichtbaren Bösewicht übertragen, der die Mittelalterstadt bedrohte. Zusammen mit Kameradinnen hatte sie in so manchem selbstausgedachtem Spielfilm Nostromo das dämonische Handwerk gelegt. Nadine verstand, wieso sie sich vor allem in jene Scheinwelt zurück gezogen hatte: Dort war ihr alles vertraut. Sie kannte jede Straße in Halderstadt. Oft war Tante Lina als das kleine Mädchen auf dem Foto an ihrer Seite gewesen, wenn sie Nostromo mal wieder zur Schnecke machten und die Bürger der Stadt ihnen zujubelten.
Schwester Birgit legte den Säugling vorsichtig in Nadines Arme.
Eine Welle von Zärtlichkeit überschwemmte Nadine. „Ich werde dich nie verlassen“, sprach sie leise. Sie blickte auf und lächelte die Umstehenden an: „Ich werde sie Lina nennen.“
Nadine lächelte ihrer Tochter zu. Was auch immer geschehen war, sie konnte es verarbeiten. Sie hatte es geschafft, das Leben in sich zu retten über alle Qualen hinweg. Sie wusste, dass sie auch ihre angeschlagene Seele heilen konnte. Noch mochte sie nicht an IHN und das finstere Verlies denken, an die Stimmen, die von Blut und Tod sprachen. Eines Tages würde sie verstehen.
Aber jetzt wollte sie nichts von Blut und Tod hören!
Jetzt zählte bloß das Leben.
 
Julia D. am 29.07.2002: Sie hatte das Gefühl, das es mit den träumen auch gut ging, aber als sie die Augen in der ?anderen? Welt wieder öffnete, seufzte sie auf. Sie stand in einer Gasse, als wäre sie hier schon immer gewesen. ?Vielleicht bin ich das auch?? dachte sie sich. Eine Kutsche rollte laut vorbei und hier und da hörte Mann lautes Lachen aus den Tavernen.
Sie wusste was sie hier tat. Sie suchte noch immer Lina. Den ganzen Tag waren sie durch die Gassen gezogen und hatten nach ihr Ausschau gehaltne. Jedes Armenhaus, jede Bar und Kneipe, fragten sie nach dem kleinen blonden Mädchen. Sie schien wie vom Erdboden verschluckt.
Nadine lief weiter in die Gasse hinein. Ihre Schritte halten tausendfach wieder verloren sich schließlich zwischen den kalten Steinwänden. Sie war sich nicht sicher, welche Welt sie mehr verabscheute. Allein Gernot und Lina waren der Grund, warum ihr diese Welt doch noch lieber war. Nur Lina war verschwunden und sie würde sie ewig suchen wenn es sein musste.
?Hey?psssst!? hörte sie eine raue Stimme. Nadine erstarrte und sah sich um. Eine Mann in zerfetzten Hosen und einer dreckigen Jacke sah verängstig zu ihr rüber. ?Ihr sucht ein Mädchen nicht wahr? Lina, die kleine mit dem blonden Haar.? Nadine wurde hellhörig. ?Wisst ihr wo sie ist? Bringt mich zu ihr.? Sie ging näher zum Mann.
Er sah sich um. ?Das kostet aber was.? Er hielt die Hand auf. Nadine kramte in ihren Taschen. Ihre Zofe hatte ihr etwas Geld gegeben.
Sie grabschte einmal in das Säckchen und drückte ihn etwas Geld in die Hand. ?Reicht das?? fragte sie. Der Mann grinste und zeigte seinen Zahnlosen Mund. Dann nickte er und humpelte in einen kleinen finsteren Gang hinein.
Nadine folgte ihm mit Abstand. Unheimlich war es ihr schon, aber vielleicht wusste er ja wirklich wo das Mädchen war. Er winkte ihr zu. ?Kommt, kommt.? Sagte er. Er bog ab. Ein lautes Knartschen war zu hören, versetzt mit dem Knacken von splitterndem Holz. Nadine beschleunigte. Sie sah eine alte Holztür, die ins Schloss zu fallen drohte. Sie sprang einen Satz noch vorn und stieß sie schwungvoll auf. ?Autsch.? Sagte sie leise, als sich ein Splitter in ihre Hand bohrte.
Sie trat in den Raum. Er war nur matt beleuchtet und hier und da zogen sich Spinnweben. Von dem Mann keine Spur. ?Hallo?? fragte sie laut. Ihre Stimme wurde sofort vom Raum verschluckt. ?Hallo? Sagt, wo ist die Kleine?? sagte sie laut.
Zu spät hörte sie wie der Riegel vor die Tür viel und wie man sie an den Haaren packte. ?Nein! Lassen sie mich los!? schrie sie und grapschte nach der Hand.
?Ihr seit sicher viel wert als Geisel.? Es war die heisere Stimme des Mannes. Sein warmer Atem zog sich durch Nadines Nacken und sein mieser Geruch umschloss sie. Er packt um ihren Bauch und drückte zu.
Sofort blieb Nadine die Luft weg. Der Druck ließ sie ihm ersten Moment würgen, verflüchtigte sich dann jedoch. Mit der anderen Hand hatte er noch immer einen Haarschopf von ihr.
Nadine kreischte, rief um Hilfe.

Blut und Tot?.bi-bie

Sie zappelte wild, schlug um sich, bekam ihren Gegner jedoch nicht zu fassen. ?NEIN!? schrie sie erneut. ?Los lassen! Lassen sie mich sofort los!? Die Panik wurde größer und mit ihr vernebelte sich ihr Verstand mehr und mehr.

Blut und Tot, überall?..hinab, hinunter, immer weiter in unsere Welt?.bi-bieb

Dann schaffte sie es doch ihren Fuß voller Wucht gegen sein Schienbein zu treten. Er schrie kurz und ließ locker. Nadine rannte los, griff nach einer herumstehenden Holzlatte. Der Schmerz durchzog sie und ein Schrei des Entsetzten entwich ihr, als der Mann ruckartig an ihren Haaren zog. ?Bleib hier, du Hure!?

Hure!!! Blut und Tot, Blut und Tot, Blut und Tot?.bi-bieb

Sie schnellte um und bevor die Latte das Geicht des Mannes traf, wurde Nadine aus ihrem Körper gerissen. Plötzlich stand sie mitten in dem kleinen verdreckten Raum, nicht größer als ihre Zelle damals und starrte sich an, wie sie einem Mann mit einer Latte schlug.

?Du Scheiß Penner!? rief Nadines Mund. Der Mann hielt sich die Hände vor sein Gesicht und brach fast zusammen. Als er wieder aufsah, war seine Lippe aufgeplatzt und die Wange hatte sich in ein tiefes Rot verfärbt. ?Na warte.? Drohte er.
Das Mädchen lachte dreckig. ?Einmal muss jeder sterben. Manch einer früher, manch einer später.? Sie zog die Latte voll durch. Das hatte Nadine schon einmal gehört. Ja damals, als es das erst mal geschah?

Nadine wollte schreien, konnte aber nicht. Sie konnte nicht denken nicht handeln, einfach nur dastehen und zusehen wie sie selber gerade jemanden zu tot prügelte. Blut und Tot überall?Blut und Tot, Blut und Tot?.hinab, immer weiter. Komm in unsere Welt!

Der Mann lag am Boden, hielt seine Arme hoch. Sein Geicht war von Blut überströmt und seine Augen zwinkerten wild. ?Verschont mich! Ich bin nur ein armer Mann der auf der Straße lebt. Bitte, verschont mich!? jammerte er.

?Ja, ja ich verschone dich. Oh bitte, ich will dich verschonen. Ich muss aufhören. Überall ist Blut und Tot.? Raste es durch ihren Kopf. Die Szene ging weiter.

Ein dreckiges Lachen. ?Komm, mein Freund. Geh mit mir hinunter. Da wo es Blut und Tot gibt.? Sie hob die Latte und rammte sie ihm, mit einer unnatürlichen Kraft, in seinen Brustkorb. Dann drehte sich Nadines Kopf zu ihr, sah sie an. Sie streckte die Hand aus. ?Komm, weiter. Immer weiter hinab, Nadine. Immer weiter in unsere Welt. Komm, wir brauchen dich. Wir wollen dich.? Bi-bieb. Bi-bieb
Das Lachen zerriss ihr das Trommelfell und als Nadine ihren Körper anstarte, die Szene betrachtete die sie (oder ihr jemand anderes?) dort präsentierte, schnappte sie begierig nach Luft. Luft, sie musste atmen! Atmen schnell, Luft! Schnell?.

Sie richtete sich auf und zog laut die Luft ein. Das Zimmer war dunkel, allein das monotone bi-bieb von ihren Apparaten war zu hören. Sie starrte in die Leere. Ein leises, kaum hörbares Knirschen ließ sie aufhören zu atmen. Der Schrank, gegenüber von ihrem Bett, der Schrank wo Lena sie hineinschupsen wollte, er öffnete sich.
Erst sah sie es kaum, doch dann erkannte sie, wie die Türen langsam aufgingen. Alle ihre Muskeln verkrampften sich, sorgten für ihre vollkommene Regungslosigkeit. Ihr Herz raste, um sie rum verschwan das Zimmer, der Schrank hüpfte wild hin und her, das Fenster war mitten im Raum?.alles drehte sich. Nadine zwang sich ihre Hand zu bewegen. Wie ein Krampf zog es ihr durch die Finger. Sie fasste den Knopf am Bett und drückte drauf.
Erst nur einmal kurz dann immer mehr und schneller. Ein kalter Wind trat durch die Tür und trug ein leises Wispern mit sich. ?Komm, komm sei unser Gast. Hinab, immer weiter. Blut und Tot ist überall, hier in unserer Welt.? Das Wispern wurde laute, wurde zu einem leisen Säuseln, dann zu einem Singen, bis es schließlich zu einem lauten Schreien auftönte. Bi-Bieb, Bi-Bieb, Bi-Bieb?.das Gerät fing im Takt an zu piepen, ihre Umwelt wurde dunkel und kalt. Ketten rasselten, das Surren der Kamera, das Zischen der Coladose?.
?Um Himmels Willen, Kind?? Als Birgit das Licht einschaltete, lag das schon alt vertraute Zimmer vor Nadine. Der Schrank gähnte sie mit einigen Kleiderbügen in sich an und das Piepen war so monoton und gleichwidrig wie immer. Birgit trat an Nadines Bett. ?Was ist? Warum hast du den Knopf gedrückt?? Sie hatte einen sorgevollen Blick. ?Du schwitzt ja.?
Nadine regte sich nicht, starrte noch immer in den Schrank. ?Nein Kind, du bekommst bestimmt keine Tabletten mehr.? Hörte sie Birgit leise sagen.
 
Heike Sanda am 29.07.2002: "Hinunter", sangen die Stimmen in ihrem Kopf. "Hinunter, abwärts, hinunter...." - immer und immer wieder. Eine Serenade des Wahnsinns, ohne Melodie und mit stets den gleichen Worten.

Sie wippte vor und zurück. Bei jeder Bewegung klirrte die Kette, mit der sie am Gelenk ihres rechten Fußes an die Wand gekettet war. War es jetzt Morgen? Abend? Wie lange saß sie schon in diesem Kerker fest? Tage? Wochen? Jahre? Sie hörte ein dünnes, hohes Wimmern. Wo kam es her? Aus ihrer Kehle, begriff sie endlich. Es war niemand hier. Ihr Peiniger würde irgendwann zurückkehren mit dem unvermeidlichen Hamburger und der Flasche Cola, die dann wieder lange, lange Zeit reichen musste. Und mit einer Waschschüssel, falls mal wieder ein Kunde zu bedienen war.

Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute zur linken oberen Zimmerdecke hinauf, zur Linse der Kamera, die manchmal aufnahm, was in diesem Raum geschah. Was sie ertragen musste ging weit über gewaltsamen Sex hinaus. Hier, in diesem Keller, war alles erlaubt. Das böse Auge der Kamera zeichnete Dinge auf, von denen sie bis vor kurzem nicht einmal gewusst hatte, dass man sie erleben und ÜBERleben konnte. ER verkaufte die Videos für teures Geld. Liveaufnahmen. Keine Animationen, nichts getürkt. Alles echt. Jeder einzelne, verdammte Tropfen Blut.
Sie erschauerte.

Hinunter, abwärts, hinunter, hinunter....

Sie war nicht die erste. Das wusste sie. Seit dem Moment, in dem sie die Einkerbung in der Wand entdeckt hatte, fast unmittelbar hinter ihr, in Höhe der Schulter. "Herr erbarme Dich meiner" hatte jemand - womit, wußte sie nicht - in den bröckeligen, feuchten Beton der Wand gekratzt, und "Tod ist Erlösung". Stammten diese Worte von ein und demselben Mädchen? Sie wusste es nicht. Versuchte, sie sich vorzustellen. Wer mochte sie gewesen sein? Wie ausgesehen haben?

Daran, was aus ihr geworden war, dachte sie lieber nicht.

Abwärts, hinunter, hinab, weiter, weiter, immer tiefer, es geht noch weiter, immer noch tiefer, hinunter, hinab, hinab...

Die Fessel hatte eine Stelle an ihrem Bein hinterlassen, die aufgerieben und verkrustet war. Es juckte entsetzlich. Gedankenverloren kratzte sie sich den Schorf von der Wunde. Ein knackendes Geräusch war die Folge.

"Du verdammte Schlampe, nimm sofort deine Scheißfinger da weg!" - Oh, wie sie diese Stimme haßte! Nie konnte sie sich sicher sein, wann die Kamera aus- und wann eingeschaltet war. Wann sie unbeobachtet war. Er liebte es, sie heimlich zu observieren, liebte es, sie bei einem Fehler zu erwischen. Einem, den er dann bestrafen konnte.

Ah, er war ein Meister im Bestrafen! Und ganz, ohne ihre Haut zu verletzen. Einmal, ganz am Anfang, da hatte sie sich aus Angst vor einer dicken, fetten Spinne eng an die Wand gedrückt und sich dabei eine Schürfwunde an der Schulter zugezogen. Sofort war er dagewesen. Was ihr denn wohl einfiele, hatte er gefragt. Sie wisse doch sehr genau, dass sie für die Kunden immer appetitlich aussehen müsse. Ob sie glaube, dass verschorfte Haut wie bei einer sechsjährigen Rotznase besonders erotisch wirke? Er werde sie schon lehren, sich besser in Acht zu nehmen! Und dann hatte er ihr Stecknadeln unter die Zehennägel geschoben und diese so lange hin und her bewegt, bis sie abbrachen. Sie hatte eine Ewigkeit lang nicht stehen können. Wie lang genau, wusste sie nicht, jedes Zeitgefühl war ihr verloren gegangen. Das nächste Mal, wenn sie nicht kooperiere, werde er ihr einen Holzspan in die Eingeweide rammen. Das hatte er ihr angedroht.

Sie hielt ihn dazu durchaus für fähig. Oh ja, sehr fähig sogar. Deshalb hielt sie sich lieber ruhig.

"Nadine, ich heiße Nadine, verdammt nochmal", schrie sie in jähem Trotz Richtung Kamera hinauf. Fast erschrak sie vom Klang ihrer eigenen Stimme, die sie schon Gott weiß wie lang nicht mehr gehört hatte. Ein hohles Kichern war die Antwort.

"Ich weiß wie du heißt", antwortete die Stimme in einem spöttischen Singsang. "Dein Name ist Fötzchen, Fi-, Fa-, Fötzchen. Du bist Fleisch, nichts als Fleisch. Nur Menschen haben Namen."
Sie wußte, dass eine Erwiderung zwecklos war. Das abermalige Knacken verriet ihr, dass er die Verbindung bereits wieder gekappt hatte.

Nur Fleisch. Kein Mensch. Kein Mensch. Kein Tier. Weniger als ein Tier. Fleisch. Nichts als Fleisch. Sie spürte, dass ihr die Tränen die Wangen hinunter liefen. Lautlos. Ohne Schluchzen. Einfach so.

Hinab, hinab, hinunter. Immer noch tiefer hinunter. Ganz tief hinab...
 
Julia D. am 29.07.2002: Nadine grinste. ?Nenn mich doch wie du willst.? Ein fast schon krankes Lachen entwich ihrem Mund. Sie schreckte zurück. Hatte sie das gesagt? War sie das gewesen? Nein, die Stimme war es. Die Stimme die ihr immerzu etwas flüsterte. Ein leises Wispern in ihrem Kopf, jetzt hatte es einen Weg gefunden sich von ihrem Geist zu lösen. Sie wurde selbstständig.
Sie sah sich um. Schnell huschte sie zur Wand an die Kamera. Sie hatte Tage damit verbracht den toten Winkel auszurechnen. In Mathe hatte sie immer eine eins gehabt, trotzdem war das rechnen ohne Taschenrechner und Papier und Stift nicht leicht. Aber jetzt war es klar.
Sie hob eine Decke hoch. Unter ihr lag verborgen eine durch getrennte Coladose. Sie Hatte unter der Bettdecke sie so lange hin und her gedreht, bis sie aus einander viel.
Wieder spiegelte sich ein hämisches Grinsen auf ihren Lippen ab. Der Plan war leicht. Das Durchführen schwerer. Sie schob die kaputte Dose unter ihr dreckiges Shirt und lief zu ihrem Schlafplatz. Mit dem Rücken zur Kamera verstaute sie die Dose.
?Blut, Blut und Tot??, summte sie leise. ?Blut und Tot ist überall. Überall, überall, überall.? Sie drehte sich um und sah mit glasigen Augen zur Kamera. ?Jeder muss mal sterben.?, krächzte sie laut. ?Manch einer früher und manch einer später.? Sie lachte kurz auf.
Nadine drehte sich wieder zur Wand. ?Blut, Blut und Tot, Blut und Tot ist überall?? Sie verzog ihr Gesicht traurig und sagte leise: ?Du armes Ding, bist du traurig. Du musst keine Angst haben. Komm, komm ich werde dich trösten.?
Sie seufzte und schlug sich gegen den Kopf. ?Seit endlich ruhig!?, schrie sie aufgeregt. ?Ihr sollt eure verdammte Schnauze halten!? Sie sah sich um. ?Psssst, leise.? Nadine hatte ihren Finger an den Mund gelegt. ?Sie können uns hören. Wir müssen unseren Plan ausführen. Gleich wenn sie kommen.? Sie kicherte. ?Dann gibt es Blut, Blut und Tot, Blut und Tot ist dann überall.?
 
Heike Sanda am 29.07.2002: Sie spürte, wie ihr Körper von einer fremden Macht herumgerissen und eng gegen die Wand gedrückt wurde. Flüchtig stieg Panik in ihr auf, dass sie sich wieder die Schulter aufgeschürft haben könne, doch der Gedanke war ohne Substanz.

Was war los mit ihr? Hatte sie einen Schock erlitten? Verlor sie jetzt langsam den Verstand?
Der Begriff "Gespaltene Persönlichkeit" tauchte flüchtig in ihrem Kopf auf, irgendwo hatte sie schon mal davon gehört. Als wäre dieser Albtraum auch so nicht schon schlimm genug! Der nächste Begriff war "Besessenheit". Gewaltsam blockte sie ihn ab.

Denk nach, Nadine. Denk an etwas anderes. Irgendetwas.

Der Erlkönig. Verzweifelt versuchte sie, sich an die Worte des Gedichtes zu erinnern, ihrem Geist etwas zu tun zu geben. Sich selber zu beweisen, dass sie immer noch die Kontrolle über ihr Selbst hatte.

"Wer reitet so spät durch Nacht und Wind, es ist der Vater mit seinem Kind...."
"Das Kind in den Armen, er spürt's nicht, ist tot. Vom Blute färbt sich die Erde rot..." - Wieder diese Stimme!

Nein, das war es nicht. Etwas anderes. Also, die Quadrate über der Hypotenuse eines gleichschenklichen Dreiecks....
"...bildet ein Ganzes, ein Ganzes, aber wenn man es zerstückelt, dann..." mischte sich die Stimme ein.

"Oh Gott, hör auf! Hör auf," schrie sie verzeifelt. Ein dünnes Kichern tief in ihrem Hirn war die Antwort.

Welches sind meine Lieblingsschriftsteller? Keats. King. Nein, der nicht. Ich werde nie wieder einen Horrorroman anfassen, so lange ich lebe. Das schwöre ich. Gut. Weiter. Äh, wie hieß doch noch gleich der Typ, der Robinson Crusoe geschrieben hat? Defoe, richtig. Daniel Defoe.
"Und Menschenfresser, Menschenfresser, abgenagte Knochen, lalala, Blut und Tod sind überall", sang die Stimme.

Nadine kniff die Augen zusammen. Ihr Schädel dröhnte von ihrem verzweifelten Versuch, die Stimme zum Schweigen zu bringen. Das ist nur der Stress, versuchte sie sich zu beruhigen. Ich muss nur hier raus. Sobald ich hier weg bin, wird alles wieder, wie es war. Ich bin nicht verrückt, lieber Gott, bitte, ich doch nicht...

Das vertraute Knackgeräusch unterbrach ihre Gedanken. Sie - nein, etwas in ihr zwang sie, den Atem anzuhalten. Sie drückte sich enger an die Mauer, hörte das leise Surren, mit der die Kameralinse fokussierte und den Raum abzusuchen begann.

"Hey, Fötzchen, zeig' dich", kam die verhaßte Stimme ihres Peinigers aus dem Lautsprecher. Sie antwortete nicht, konnte nicht antworten, auch wenn sie es gewollt hätte. Etwas - jemand? - hatte die Kontrolle über ihren Körper übernommen. Sie selber war praktisch nur noch unbeteiligte Zuschauerin.
"Komm schon. Ich weiß, dass du da bist!" Die Stimme klang langsam ärgerlich. Surr, surr machte die Kamera und schwenkte auf ihrem Gelenkarm, rechts und links, links und rechts. Sekundenlanges Schweigen, dann: "Wo bist du, du verdammtes kleines Stück Dreck? Spielchen spielen, was? Na warte. Ich werd' dir ein Spielchen zeigen, dass du nicht mehr vergessen wirst." Knack - der Lautsprecher wurde ausgeschaltet.

Pffft - die lange angehaltene Luft entsrtömte ihren Lungen. Sie entdeckte, dass sie endlich wieder frei atmen konnte. Ihr war schwindlig vom flachen Atmen und dem Sauerstoffmangel, sie konnte das Pulsieren ihres Herzens als Druck hinter den Augäpfeln fühlen. Noch immer war sie wie eine zerquetschte Fliege an die Wand gepreßt, und jetzt versuchte sie, sich davon zu lösen und einen Schritt nach vorne zu machen. Es ging nicht. Stattdessen wurde ihr rechter Arm jäh in die Höhe gerissen. Der Arm, in dessen Hand sich die aufgeschnittene Blechdose befand, scharf wie ein Rasiermesser.

Nadines Augen weiteten sich. Nein, dachte sie, nein! Doch kein einziges Wort kam über ihre Lippen.

Schritte auf dem Gang. Wütende, stampfende Schritte. Schlüsselklirren. Dann das Quietschen, als die Tür mit Wucht aufgestoßen wurde und beinahe an die Wand knallte.

Ihr Körper wurde nach vorne gerissen, die Muskeln angespannt, als wollten sie zerreißen. Sie schrie wie am Spieß, doch ihr Körper gehorchte nicht. Der erhobene Arm sauste herunter, gezielt, exakt, das Heft ihrer provisorischen Waffe traf die Halsschlagader des Eintretenden. Für den Bruchteil einer Sekunde erhaschte sie einen Blick in seine Augen, sah die Ungläubigkeit darin, als er erstarrte. Dann: Blut, überall. Wie es die Stimme versprochen hatte. Fontänengleich schoß es aus der erstarrten Gestalt und klatschte warm in ihr Gesicht, ehe ihr Peiniger mit einem merkwürdig hilflosen Gurgeln zu ihren Füßen zusammenbrach.

Endlich konnte sie ihre erstarrten Hände lösen. Mit einem Klirren fiel das blutige Blech zu Boden, direkt neben ihrem Gefängniswärter, der mit blicklosen, gebrochenen Augen an die Decke starrte, den Ausdruck von Ungläubigkeit immer noch im Gesicht. Ihre Knie gaben plötzlich nach, wollten sie nicht länger tragen. Wie ein nasses Handtuch rutschte sie die Wand hinab und begann haltlos zu schluchzen.

Ein wenig betroffen schaute sie auf ihre Hände. Sie waren immer noch voll von seinem Blut. Wer hätte gedacht, dass es soweit kommen würde? Aber war das wirklich sie, Nadine, gewesen?

"Siehst du, es war doch gar nicht so schwer." Die Stimme wieder, gerade so, als hätte sie auf ein Stichwort gewartet. "Schau nur, wie schön dieses Rot ist. Hast du je ein so schönes Rot gesehen? Sei doch mal ehrlich!"

"Oh verdammt, halt doch endlich den Mund", stöhnte Nadine gequält auf. "Das habe ich nicht gewollt. Das war ich nicht! Du warst das! Du weißt, dass ich das nicht getan habe. Ich könnte sowas nie tun."

"Wirklich?" säuselte die Stimme beinahe zärtlich. "Komm, mach' mir doch nichts vor. In Wirklichkeit hast du es genossen. Es hat dich gefreut, diese Drecksau krepieren zu sehen. Du hast dich gut gefühlt, als du es diesem miesen Stück Scheiße endlich heimzahlen konntest. Wem willst du hier was erzählen?"

Nadine schwieg trotzig. Wenn sie ganz ehrlich zu sich selber war, hatte die Stimme nicht ganz Unrecht. Für einen winzigen Sekundenbruchteil hatte sie es tatsächlich gespürt. Befriedigung, Triumph, Macht. Etwas, das fast Glück war. Doch hätte sie sich lieber die Zunge abgebissen, als das der unheimlichen Stimme in ihrem Kopf auch noch laut zuzugeben.

Wie sich zeigte, war das auch gar nicht nötig. Das dreckige Auflachen im Inneren ihres Schädels zeigte ihr, dass die Stimme ihre Gedanken gelesen hatte. "Hinunter, hinunter, hinab. Jetzt bist du unten, ganz tief unten. Du hast getötet, hast Blut geleckt. Und es hat dir gefallen", sang die Stimme. "Und das war erst der Anfang! Willkommen hier unten, Nadine. Willkommen in meiner Welt."
 
Stefan Steinmetz am 29.07.2002: „Blut, Blut und Tod. Tod ist überall...“ sangen die Stimmen in Nadines Kopf. Nicht laut, nicht leise. Immer hörbar.
Nadine stieß ein Wimmern aus: „Aufhören! Bitte!“ Sie betrachtete ihren toten Peiniger. „Blut, Blut und Tod“, dachte sie und fühlte eine gewissen Befriedigung. Der Kerl hatte den Tod verdient! Sie dachte an Zeitungsartikel über junge Mädchen in ihrem Alter; Mädchen, die verschwunden waren und nie mehr auftauchten. Waren die alle hier in diesem Kellerloch eingesperrt gewesen? Es waren über zwanzig in vier Jahren...
Nadine wimmerte erneut. Ihr Peiniger war tot. Was, wenn er ein Einzelgänger war? Wenn er keine Komplizen hatte?
Eine eisige Hand griff nach Nadines Herzen.
„Dann bin ich allein!“ flüsterte sie entgeistert. „Allein!!!“ Sie wusste, was das bedeutete. Sie würde sterben. Entsetzlich langsam sterben!
Sie konnte den Wasserhahn und das kleine schmutzige Waschbecken an der Wand erreichen, so viel Bewegungsfreiheit ließ ihr die eiserne Fußfessel. Und sie besaß drei Pakete Corny Müsli Riegel, die der Mann ihr hingestellt hatte. Immer nur Corny Müsli Riegel! Nie etwas anderes!
Wie lange würden die Riegel reichen? Eine Woche? Zwei? Und dann? Langsames qualvolles Verhungern? Wie lange würde es dauern? Sie hatte genügend Wasser zur Verfügung. Zwei Wochen? Drei Wochen? Länger?
Nadine begann zu schluchzen. „B...bitte! Findet mich! Sucht mich doch! Bitte, bitte!“
Die Polizei würde sie suchen. Das stand fest. Aber die Polizei hatte auch nach Angelika gesucht, nach Maike, nach Natascha, Conny, Andrea, Stefanie und Elisabeth und all den andern. Gefunden hatte man niemanden.
Nadine betrachtete den Toten (das habe ICH getan! ICH). Auch wenn es ein Eigenbrödler war; irgendjemand würden den Kerl vermissen. Es würde auffallen, dass er seinen Briefkasten nicht entleerte, nicht mehr einkaufen ging (Corny Müsli Riegel!). Spätestens in einer Woche würde die Polizei sein Haus aufbrechen und alles durchsuchen.
„Dann finden sie mich“, dachte Nadine. Hoffnung keimte in ihr auf. Nur eine Woche. Vielleicht einige Tage länger...
Sie wollte jetzt nicht an die Zeitungsmeldungen denken, in denen von der Entdeckung verwester Leichen alter Leute berichtet wurde, die schon seit Monaten tot in ihrer Wohnung lagen.
Monate würde Nadine nicht überleben. Nur Wochen. Höchstens Wochen...
Wieder fiel ihr Blick auf ihren toten Vergewaltiger. „ICH bin das gewesen“, dachte sie verwundert. „ICH!“
„WIR!“ flüsterten die singenden Stimmen in ihrem Kopf. „Wir sind es gewesen, Nadine.“
„Wer seid ihr?“ fragte Nadine. Sie zuckte zusammen, als sie ihre Stimme laut und deutlich hörte, die von den Wänden ihres Verlieses widerhallten.
„Wir sind du, du bist mit uns, wir sind wir“, sang es. „Blut, Blut und Tod und Tod ist überall.“ Mit einem Mal klangen die Stimmen gar nicht mehr so erschreckend. Im Gegenteil, ihr Gesang beruhigte Nadine. Sie dachte nicht mehr ans Verhungern.
„Hinunter, abwärts, hinab, weiter, weiter, immer tiefer...“ sangen die Stimmen. „Komm mit uns Nadine! Komm! Hinab und hinunter, immer tiefer. In der Tiefe wartet die Höhe. Immer tiefer hinab und dort ist Licht, Nadine. Licht. Komm Nadine!“
Nadine spürte einen stechenden Schmerz am rechten Fußgelenk. Stauend wurde sie gewahr, dass sie aufgestanden war und dabei war...
„Weglaufen! Ja Nadine. Komm mit uns! Wir laufen weg!“ sangen die Stimmen. „Hinab, hinunter durch Blut und Tod. Dort unten, ganz tief, ganz hinunter, ganz in der Tiefe...komm Nadine! Dort ist Licht! Licht! Nadine? Siehst du das Licht?“
Nadine machte ein paar unbeholfene Schritte. Zum ersten Mal spürte sie die unangenehme Kühle ihres Gefängnisses. Sie bückte sich und hob einen der leeren Kartoffelsäcke auf, die ihr Lager bildeten. Sie riss daran herum, bis sie ihn sich wie eine Art primitives Kleid überstülpen konnte. Er reichte bis knapp über ihre Knie. Rechts und links schauten ihre nackten Arme heraus.
Nadine lachte. Sie musste unwillkürlich an ein Kinderspiel zurück denken. Mit zehn Jahren hatte sie sich eine solche Kutte aus einem gebrauchten Kartoffelsack gebastelt und sie heimlich getragen, draußen im Wäldchen, in ihrem geheimen Versteck. Nur den kratzigen Kartoffelsack hatte sie angehabt, sonst nichts. Sie hatte sich vorgestellt, ein armes Kind in einer bösen Welt zu sein, das bettelnd und hungernd durch die Straßen einer kalten Stadt zog.
Nadine lachte abermals.
„Ja Nadine, lach!“ summten die Stimmen. „Lach mit uns! Sing mit uns! Komm mit uns! Komm Nadine! Hinab, hinunter, in die Tiefe. Blut, Blut und Tod, Nadine. Wo das Blut und der Tod sind, ist das Licht. Komm! Komm!“
Nadine machte einen weiteren Schritt. Noch einen. Sie meinte, unsichtbare Hände auf ihrem geschundenen Körper zu spüren; Hände, die sie sanft vorwärts zogen. In der Ferne, weit unten, schimmerte Licht...goldenes Licht. Nadine schritt weiter. Immer einen Fuß vor den anderen. Sie fühlte kalten Steinboden unter ihren nackten Sohlen. Weiter und weiter...
„Blut, Blut und Tod“, sangen die Stimmen verführerisch. „Hinab, hinunter, hinab in die Tiefe. Komm Nadine. Komm zum Licht, wo Blut und Tod auf dich warten!“ Nadine folgte den lockenden Stimmen. Sie fühlte weiche kühle Erde unter ihren Füßen.
„Hinab, hinab zum Licht, wo das Blut und der Tod sind“, sangen die Stimmen.
Das Licht wurde heller und heller. Nadine vernahm gedämpfte Geräusche.

Plötzlich stand sie im Freien. Goldenes Sonnenlicht umflirrte sie, tauchte eine unendlich weite Wiese voller Blumen in Helligkeit. Oh, wie sie die Sonne vermisst hatte! Das wurde ihr erst jetzt bewusst. Auf einem Hügel standen blühende Obstbäume. Nanu? War nicht bereits Sommer?
Langsam lief Nadine auf die Bäume zu. Sie fühlte weichen grasbewachsenen Boden unter ihren nackten Füßen. Es war angenehm warm. Die Kälte ihres Verlieses war verschwunden. Die Geräusche, die sie zuerst nur gedämpft gehört hatte, wurden lauter, aufdringlicher. Klirren ertönte, lautes Knallen, Pferde wieherten schrill, Menschen schrieen und brüllten.
Nadine erreichte die Hügelkuppe. Vor ihr tobte eine Schlacht. Hunderte von eisengepanzerten Reitern bekämpften einander mit Lanzen, Schwertern und kreisenden stachelbewehrten Morgensternen. Im ersten Moment erkannte Nadine nicht, was sich im Einzelnen abspielte. Sie war die Ritterkampfszenen aus den Hollywoodfilmen gewohnt, wo man die Ritter gut erkennen konnte und jeder brav Mann gegen Mann kämpfte.
Auf der Wiese unter ihr waren Reiter und Fußsoldaten in ein unübersichtliches Gewurle verkeilt. Jeder hieb auf jeden ein, so schien es. Erst nach einer Weile erkannte Nadine, dass zwar alle Rüstungen rot von Blut waren, aber etwa die Hälfte der Rüstungen trugen auch noch blaue Übergewänder. Die Farbe der Gegenseite war Rot und Rot war klar am Verlieren. Das war deutlich zu erkennen.
Die Blauen trieben die Roten zusammen und erschlugen sie wie gemeines Vieh.
Blut, Blut und Tod...Nadine nahm einen schwachen metallischen Geruch war...den Geruch von Blut, den Geruch des Todes, der gerade reiche Ernte hielt.
Immer mehr wurden die Roten in die Defensive gedrängt, immer mehr rotgekleidete Gestalten sanken tot zu Boden. Die Blauen schienen keine Gnade zu kennen. Sie töteten erbarmungslos wie Maschinen.
Wie lange sie schon unter dem blühenden Kirschenbaum stand und dem grausigen Gemetzel zuschaute, wusste Nadine nicht. Es musste eine Stunde oder mehr gewesen sein. Von den Roten rührte sich fast keiner mehr. Die Blauen hatten gesiegt...
„Heh, du da!“
Nadine fuhr herum. Vor ihr zügelte ein blutbefleckter Reiter sein riesiges stämmiges Pferd. Seine Rüstung war mit Blut bespritzt, die blaue Überkleidung hing in Fetzen. In der rechten Hand hielt der Ritter ein riesiges Schwert. Nadine wunderte sich, wie jemand eine so große Waffe mit einer solchen Leichtigkeit halten konnte. Als wäre es ein Schwert aus Balsaholz.
„Wer seid ihr?“ grollte eine Stimme aus dem Helm hervor.
Nadine legte den Kopf schief und schwieg.
Eine Hand, die in einem gepanzerten Handschuh steckte, fuhr in die Höhe und öffnete das Visier des Helms. Blaue Augen blitzten unter einem blonden Haarschopf hervor.
Obwohl das Gesicht ihr sofort Vertrauen einflösste, wich Nadine zurück, bis sie mit dem Rücken gegen den Stamm des Kirschbaumes stieß. Sie sah den Ritter absitzen, hörte das Klirren seiner Rüstung. Der Mann kam auf sie zu. Dicht vor ihr blieb er stehen und zog den Helm ab. Eine Flut blonden schweißverklebten Haares kam zum Vorschein, das ein gutgeschnittenes Gesicht umrahmte. Die eisblauen Augen musterten Nadine neugierig. Keine Brutalität war darin zu erkennen.
„Wollt ihr mir nicht euren Namen sagen, Maid?“ fragte der Ritter freundlich.
„Ich...ich...“, Nadine geriet ins Stottern. Sie bemerkte, wie der Mann sie von oben bis unten betrachtete und taxierte. „Ich ...ich war gefangen“, stieß Nadine hervor. „Ich weiß nicht, wie ich entkommen bin. Ich habe den Mann getötet, der mich bewachte und lief durch Gänge...immer weiter...ich...“ Nadine fühlte sich hilflos und erbärmlich.
Ihr Gegenüber zog die schweren eisengepanzerten Handschuhe aus. Langsam streckte er die rechte Hand aus und berührte Nadine zart im Gesicht: „Keine Angst, schönes Fräulein. Ihr seid in Sicherheit. Ich bin Gernot von Haldingen, der Anführer dieses Heeres. Wir haben die Hunde von Gremond geschlagen, die das Land mit Mord und Tod überzogen. Wie ist Euer Name?“
„Nadine. Ich heiße Nadine. Mehr weiß ich nicht. Ich...“ Nadine brach in Schluchzen aus. „Ich weiß überhaupt nichts mehr!“
Gernot nahm sie zärtlich in die Arme. Schluchzend lehnte sie sich gegen seine blutverkrustete Rüstung. „Ich weiß nichts! Überhaupt nichts!“
„Schscht mein Kind. Beruhigt Euch“, sprach Gernot. „Was auch geschehen ist, es ist vorbei. Nichts und niemand wird euch etwas antun. Kommt mit mir. Meine Diener werden sich um Euch kümmern. Ihr möchtet sicher baden und angemessenere Kleidung anlegen.“
„Ja gerne“, war alles, was Nadine hervorbrachte.

Wie in Trance bekam sie mit, das der Hüne sie auf sein Pferd hob und sie zu einem hastig errichteten Feldlager brachte. Zelte in allen Farben standen dort, es wimmelte von Menschen und Pferden und Knappen waren dabei, den Krieg und das Blut von den Rüstungen ihrer Herren zu waschen. Fröhlichkeit zog um die Zelte, begleitet von Freude und Zuversicht.
Gernot von Haldingen übergab die völlig verschüchterte Nadine einer Horde Frauen, die freundlich schnatternd über ihren jungen Schützling herfielen. Sie nahmen Nadine ihren Kartoffelsack weg und steckten sie in einen hölzernen Zuber mit warmem Wasser. Sie wuschen das Mädchen sanft aber nachhaltig und legten ihm nach dem Bad ein einfaches weißes Kleid an, das eher einem Umhang glich. Nichts erinnerte Nadine an die festlichen Kleider der feinen Damen in den Ritterfilmen. Nach einigem Probieren fanden sich passende Ledersandalen, die sehr bequem waren. Bürsten strichen vorsichtig durch ihr schwarzes Haar, bis es glänzte. Eine der Dienerinnen stieß auf die graue Strähne in Nadines Schopf.
„Ihr müsst Furchtbares erlebt haben, junge Maid“, sagte die Dienerin voller Mitleid. „Dass euch in euren jugendlichen Alter das Haar grau wurde.“
Nadine konnte nur stumm nicken. Sie konnte immer noch nicht glauben, was passiert war. Dumpf dachte sie an ihr entsetzliches Verlies zurück.
Eine der Dienerinnen hielt den Zelteingang offen. Gernot von Haldingen trat ein. Als er Nadine erblickte, weiteten sich seine Augen für einen Sekundenbruchteil.
Gernot von Haldingen war dafür bekannt, dass er ein mutiger und starker Kämpfer war. Er war auf Sieg abonniert. Zwar war er ehrerbietig und freundlich zu den Damen, doch bislang hatte keine sein Herz berührt. Umso erstaunlicher fand er, was sich nun in seinem verwirrten Herzen abspielte. Ungläubig starrte Gernot auf die entzückende junge Frau, die im bescheidenen Leinenkleid vor ihm stand. Gernot musste zweimal hinschauen, um zu begreifen, dass es sich tatsächlich um das schmutzige, heruntergekommene, verhärmte Etwas handelte, das er am Rande des Schlachtfeldes aufgelesen hatte.
Ein breites Lächeln brachte sein Gesicht zum Leuchten. „Willkommen in meinem Heerlager“, sagte er mit einer leichten Verbeugung. Als Nadine ihn scheu anlächelte, schlug sein Herz noch einen Takt schneller.
 
Julia D. am 29.07.2002: Der Ritter trat auf sie zu, fasste vorsichtig ihre Hand und kniete nieder. ?Wahrhaftig, Ihr seit einer Königin gleich.? Ein weicher Kuss auf ihrer Handrücken, ließ Nadine erröten. Ihr Herz schlug bis zur Kehle und schien fast oben aus ihrem Mund raus zu springen.
?Kommt. Wir werden Euch einen Platzt zu schlafen geben. Sicherlich seit ihr Müde von Eurer anstrengenden Reise, junges Fräulein.? Bereitwillig ließ sie sich von der Frau wegführen. Nadine warf einen letzten Blick zu dem Ritter, zu ihrem Ritter.

?Bitte, legt Euch nieder und ruht Euch aus.? Die Frau zeigte lächelnd auf das Feldbett, was mit weichen Fellen überzogen war. Nadine war leicht verstört, doch die Frau nickte nur und wies immerzu auf das Bett. ?Später bringen wir Euch was zu essen.? Dann trat die Frau aus dem Zelt und ließ Nadine allein. Wieder war sie allein, allein in einem Raum, mit einem Bett und einer Schüssel Wasser.
Vorsichtig trat sie vor. Die Luft war angenehm kühl und frisch. Das Zelt war nur schwach beleuchte, doch noch drang von draußen ein schwacher Schein ein. Langsam tastete Nadine die weiche Decke ab. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Schließlich setzte sie sich hin und hüpfte leicht hoch und runter, um die Federung zu testen. ?Kein Wasserbett, aber besser als das was ich vorher hatte.? Ein Schauer lief ihr über den Rücken, bei der Erinnerung an den harten Steinboden, der sie immer schmerzhaft an ihr Leben erinnerte. Aber das lag nun alles hinter ihr.
Sie legte sich hin und tat die Beine hoch. Kurz starrte sie an die Stoffdecke des Zeltes bis sie in einen tiefen angenehmen Schlaf versank.
?Blut, Blut und Tot?überall. Hinab, immer weiter runter.? Die Stimmen kamen plötzlich in ihren Kopf, waren erst kaum zu hören wurden jedoch lauter und lauter bis es ihr fast das Trommelfell zerriss. Nadine schreckte hoch. ?Nein!? schrie sie kurz.
Es war stock duster, sie konnte nichts erkennen. Eine frische Brise zog an ihr vorbei. Eine Gänsehaut kam mit dem Luftzug über ihren Körper. Wieso war es so dunkel? Ein Klacken veranlasste sie ihre Beine ganz nah an sich zu ziehen. Ein leises Knurren und kaum hörbare Schritte, nicht weit von ihr. Sie tastete vorsichtig um sich. Nichts. Keine Zeltwand, keine Mauer, nichts. Absolute Leere umgab sie. ?Oh Gott.? Flüsterte Nadine leise.
Wieder ein Schritt. Diesmal lauter. Nadine krabbelte schnell von der Pritsche tastet kurz und rollte sich unter ihr Bett. Sie lag auf den Bauch und hielt sofort die Luft an, aus Angst ihr Atmen könnte irgendwelche Geräusche die ihr Feind machte übertönen. Die Schritte kamen näher und näher, verlangsamten sich jedoch nicht. Immer wieder dieses monotone ?Klack, klack, klack??
Unbewusst fühlte Nadine neben sich. Etwas kaltes berührte ihre Finger. Sie zuckte kurz tastete dann erneut. Stahl, es war Stahl. Eine Klinge! Sie fühlte weiter an den messerscharfen Metal entlang, bis sie zur einen Griff kam. Sofort schloss sich ihre Hand darum und verschmolz mit ihm zu einem.
Stille. Plötzlich wurde das Bett hoch gerissen und nach hinten weg geschmissen. Wie am Spieß schrie Nadine. Warum hörte sie nur keiner? Vor ihr erkannte sie die schwarzen Umrisse einer Gestallt die mit erhobener Hand, mit unzähligen Krallen, ausholte und brüllend zum Stoß ansetzte. Unter Nadines hysterische Schreie schnellte sie nach vorne und rammte das Schwert in den Bauch der Gestallt. Ein lautes Heulen war zu hören und Blut spritze ihr ins Gesicht. Sofort drehte sie sich zur Seite, ließ die Klinge stecken und rannte ins Nichts hinein. Immer weiter, bis die schmerzerfüllten Schreie verstummte. Dann blieb sie weinend stehen.
Sie wischte sich durch ihr Gesicht und versuchte das Blut von ihren Lippen zu bekommen. ?Oh nein!? jammerte sie.
?Blut, Blut und Tot, Blut und Tot überall! Hi hi hi hi?? Die Stimmen setzten zu einem lauten Sing Sang ein. ?Seit ruhig!? schrie Nadine. ?Warum lasst ihr mich nicht in ruhe?? weinend brach sie zusammen. Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und schluchze laut.
Sirenen ließen sie aufschauen. Sie hockte auf dem dreckigen Boden eines verlassenden Apartments. Rotes Licht einer Reklametafel schimmerte durch die halb abgerissenen Jalousien. Stimmen und laute Technomusik drangen an ihr Ohr. Sie wurden lauter und lauter und Nadine wurde immer mehr von der Realität eingeholt. ?Wie bin ich hier hingekommen?? fragte sie laut.
?Gelaufen.? Antwortete eine Stimme kichernd. ?Hinunter, immer weiter herab??
 
Stefan Steinmetz am 29.07.2002: Das erste, was sie fühlte, war die Angst, die zusammen mit ihr weggetreten war. Dann kam ein neues Gefühl hinzu. Besorgte Neugier. Nadine versuchte die Augen zu öffnen und ... sah sich selbst auf einem mit Fellen gepolsterten Feldbett liegen.
Sie schrak zusammen und sah sich selbst zusammenschrecken. Sie riss die Augen auf. Gernot von Haldingen stand über sie gebeugt. Über seinem Blondhaupt erkannte Nadine den Zelthimmel.
„Ihr habt lange geschlafen“, sprach Gernot. „Wir waren bereits in Sorge um Euch.“ Nadine hörte die Besorgnis aus seiner Stimme und sie FÜHLTE sie. In ihrem Kopf summte es leise; ein Geräusch wie das feine, fast unhörbare Sirren eines Fernsehers. Ab und zu vermeinte sie ein fernes „die-dieck“ zu vernehmen.
Sie setzte sich auf und blickte sich um. Um ihr Lager herum standen die Dienerinnen, die sie gebadet und neu eingekleidet hatten, nachdem sie aus dem Kerker/Verlies geflohen war (die Kette! Die KETTE an meinem rechten Fuß!)
„Wo ist der Arzt?“ fragte Nadine verwirrt.
„Arzt?“ fragte eine der Dienerinnen. Sie trat näher. „Benötigt ihr einen Doktor, Kindchen?“
„Ich weiß nicht...“, Nadine fühlte sich schrecklich hilflos und durcheinander. Sie sah die Welt mit ihren eigenen Augen aber manchmal wurde das Bild überlagert von einem anderen, leicht abgeschwächten Bild, das sie selbst zeigte, wie sie auf dem Feldbett saß und sich verwundert umblickte. Nadine blickte zu Gernot von Haldingen hoch. Das zweite undeutliche Bild hinter ihrer eigenen Wahrnehmung zeigte sie selbst, wie sie ihr Gesicht einem unsichtbaren Beobachter entgegenhob. Sie fühlte ganz schwach Zuneigung und Geilheit.
„Ich empfange Ritter Gernots Gefühle und sehe, was er sieht!“ dachte Nadine. Sie wusste nicht, ob sie über diese Erkenntnis staunen oder vor Grauen darüber zittern sollte. Es war wie in den Träumen, die sie manchmal hatte: Sie war gleichzeitig zwei Personen. Am meisten fühlte sie sich selbst, aber sie empfing, gewissermaßen auf einem Nebenkanal, auch die Gefühle einer anderen Person im Traum.
„Vielleicht ist dies ein Traum?“ Nadine stand vorsichtig auf. Schwindel erfasste sie. Gernot fing sie galant auf und zog sie für einen Moment an sich. Sie blickte in seine Augen und gleichzeitig in ihre eigenen. Sie fühlte, dass Gernot sie haben wollte und sie verspürte gleichzeitig Ablehnung und Trauer. Letztere Gefühle kamen aus ihrem Inneren.
„Als ob ich besoffen wäre“, überlegte Nadine. Sie trank kaum Alkohol. Sie mochte den Geschmack nicht. Aber einmal auf einer Party hatte sie zu kräftig an der Bowle genascht und zu viele von den Fruchtstückchen erwischt. Zuerst war sie lustig und fidel geworden, dann hatte sich ein Schleier über ihre Augen gelegt und sie hatte den Rest des Abends in einer leichten Betäubung verbracht, die ihr sehr unangenehm war. Genauso fühlte sie sich jetzt.
„Hat mir der Doktor eine Droge gespritzt?“ rätselte sie. Aber welcher Doktor? Und die Stimmen? Was war mit den Stimmen? Sie schwiegen zur Zeit, aber Nadine erinnerte sich an sie, oh ja, das tat sie. Diese schrecklichen Stimmen, mit ihrem verlockenden Klang. Süße Verderbnis...Feuer und Eis...brennende Kälte...Blut, Blut, Blut und Tod...hinab, hinunter...

Nadine saß auf einem Pferd und ritt an der Seite von Ritter Gernot auf eine stark befestigte Stadt zu. Um sie herum flutete das Heer, Waffen klirrten, riesige kräftige Pferde zertrampelten das Gras rechts und links des Weges. Auf der Stadtmauer erscholl eine Posaune. Links neben Nadine ritt die Dienerin, die sie „Kindchen“ genannt hatte.
„Das ist Halderstadt“, erklärte sie ungefragt. „Die Hauptstadt von Haldingen und Residenz der Königin.“
„Und wer seid Ihr?“ fragte Nadine.
„Ich bin Margit“, antwortete die Dienerin. „Ich bin Euch als Zofe und Dienerin zugewiesen worden.“ Margit lächelte freundlich: „Macht Euch keine Sorgen, Kindchen. Die Gefangenschaft hat Euch schwer mitgenommen, aber Ihr werdet es überwinden.“
„Dupft!“ sprach Nadine.
Margit schaute fragend: „Bitte?“
„Dup...Durst, ich habe Durst“, antwortete Nadine leise. Die Dienerin reichte ihr eine Feldflasche. Dankbar trank Nadine von der kühlen erfrischenden Flüssigkeit.
In der Ferne erklangen Kirchenglocken.
„Die Glocken von Sankt Augustin begrüßen das siegreiche Heer“, erklärte Margit.
„Oh!“ Nadine runzelte die Stirn. „Ich dachte...Sankt Marcus...?“ Sie schüttelte den Kopf und versuchte, ihre Gedanken zu klären.
Vor ihnen schwang das riesige Stadttor von Halderstadt auf. Rechts und links der breiten Straße, die in die Stadt hineinführte standen jubelnde Menschen. Nadine ließ ihren Blick umher schweifen. Sie erkannte reiche Patrizier, Handwerksleute, Krämer und einfache Soldaten. Aber es gab auch arme Leute, Bettler und eine erschreckende Anzahl Kinder, die nichts als Lumpen am Leib trugen.
„Halderstadt ist reich“, sprach Margit, die den Blick ihrer jungen Herrin bemerkte. „Doch es gibt viel bittere Armut.“
Nadine fühlte Stolz in sich aufsteigen. Es dauerte einen Moment, bis sie gewahr wurde, dass sie Gernots Stolz fühlte, den Stolz eines siegreich heimkehrenden Feldherrn. Doch plötzlich spürte Nadine einen Stich im Herzen, als sie durch Gernots Augen ein Gesicht in der Menge sah. Rasch blickte sich Nadine um, um das Gesicht mit eigenen Augen anzuschauen. Links in einer dunklen, engen Seitengasse stand ein kleines Mädchen von vielleicht sieben Jahren. Es war in Lumpen gekleidet und barfuss. Es dauerte einen Augenblick, bis Nadine erfasste, was ihr an dem Bettelkind so auffällig vorkam: Das Kind hatte verkürzte Arme, kaum halb so lang wie normale Arme und seine Hände waren in rechtem Winkel nach innen gebogen und hatten nur drei Finger. Aus dem kleinen abgezehrten Gesichtchen, das von hellblonden Haaren umrahmt war, starrten ihr riesige brennende Augen entgegen. Es waren diese Augen gewesen, die Gernots Blick auf sich gezogen hatten.
Der Ritter hatte sich längst abgewandt, aber Nadine fühlte noch immer Trauer und Schmerz in seinem Herzen.
„Ein Thalikind“, meldete sich Margits Stimme neben Nadine. Sie hatte den Blick ihrer Herrin richtig interpretiert.
„Thali?“
„Eine schreckliche Medizin aus der alchimistischen Manufaktur von Nostromo Grünenthal“, erklärte die Dienerin. „Dort werden Pillen und Pulver gegen jedwede körperliche Beschwerde hergestellt. Kopfschmerz, Zahnweh, triefende Augen, Durchfall, Schlaflosigkeit, eiternde Wunden...Nostromo Grünenthal hat für alles eine Arznei.“ Margit bekreuzigte sich. „Manche sagen, Nostromo stehe mit dem Teufel im Bunde, der ihm die Rezepte für seine alchimistischen Arzneien übermittelt.“ Sie zeigte auf einen Betteljungen von vierzehn Jahren: „Da ist noch einer.“
Nadine war entsetzt. Der Junge hatte keine Arme und keine Beine. Aus seinen Schultern wuchsen Handstummel und unter seinem Körper befanden sich kleine schwächliche Füßchen.
„Thalidomid“, erzählte Margit. „Das war ein Schlafpulver von Nostromo Grünenthal, auch beliebt als schmerzstillendes Mittel für Leprakranke. Die Aussätzigen leiden zuweilen an unstillbaren Gelenkschmerzen und nur Thalidomid vermochte diese Qualen zu lindern. Nostromo pries seine neue Arznei als wahres Wundermittel. Aber sie hatte eine furchtbare Wirkung auf schwangere Frauen: Sie brachten allesamt missgestaltete Kinder zur Welt. Die meisten dieser Kinder starben sofort nach der Geburt, aber einige überlebten.“ Margit seufzte. „Die Königin hat verboten, diese teuflische Arznei weiterhin zu verkaufen, aber Nostromo Grünenthal verfügt über sehr viel Macht und viele Menschen verlangten weiter nach Thalidomid. Es heißt, solange man nicht schwanger sei, habe diese Arznei nur gute Wirkungen.“
Nadine zerbrach sich den Kopf. Sie hatte den Namen der Arznei schon einmal gehört, da war sie sich ganz sicher. Aber wo? Und wann? Beim Doktor in dem weißen Zimmer vielleicht?
Sie blickte sich noch einmal nach dem blonden Bettelmädchen um, aber sie sah die Kleine nicht mehr.

Die Straße mündete in einen prachtvollen Schlossgarten. Sie ritten hindurch und erreichten das Schloss. Eine hochgewachsene Frau in vornehmer Kleidung erwartete sie.
„Meine Mutter, Königin Gisela“, stellte Gernot die Dame vor. „Und das liebe Frau Mutter ist Nadine, eine junge Maid, die sich in Gefangenschaft bei der roten Pest von Gremond befand.“
„Seid herzlich willkommen“, sprach die Königin huldvoll und lud die Gesellschaft ins Schloss ein.
Margit kümmerte sich um Nadine. Sie richtete ihre Herrin für das Abendessen im Speisesaal des Schlosses her. Plötzlich schoss ein junger Page zur Tür herein. Der Junge war aufgeregt. „Hat jemand das blaue Säckchen von Prinz Gernot gesehen?“ fragte er hastig. Als Margit den Kopf schüttelte, lief der Page eilig davon.
„Au weh! Gernots blaues Säckchen ist verschwunden“, meinte Margit. „Das wird ihn sehr schmerzen.“ Sie kämmte Nadines dichtes schwarzes Haar mit der grauen Strähne darin. „In dem Säckchen bewahrte er eine Locke vom Haar seiner geliebten Gerlinde auf.“ Margit seufzte abgrundtief. „Gerlinde und Gernot waren ein Liebespaar. Nie liebten sich zwei Menschen mehr auf Erden. Doch es durfte nicht sein. Sie war seine Cousine. Daher untersagte die Königin den beiden den zärtlichen Umgang miteinander. Eines Tages verschwand Gerlinde. Man sagt, sie hätte sich vor Gram etwas angetan.“ Margit wiegte den Kopf: „Andere wiederum behaupten, sie sei nicht allein gewesen, als sie fortging.“
„Nicht allein?“ fragte Nadine.
Margit lächelte gönnerhaft: „Na ihr wisst schon: nicht allein.“
„Nein, weiß ich nicht“, sagte Nadine und grinste hilflos.
Gernot betrat den Raum: „Mein blaues Säckchen ist mir abhanden gekommen! Ich...oh Verzeihung. Ich bitte um Vergebung für meine Taktlosigkeit.“ Er verbeugte sich.
„Eurer Zimmerpage war bereits hier, Hoheit“, bemerkte Margit trocken. „Wir haben leider keine positive Nachricht für euch.“
Ein Wachsoldat betrat den Raum: „Hoheit. Prinz Gernot. Draußen vor dem Schloss wartet eine kleine Bettlerin. Sie behauptet, etwas für Euch zu haben.“
Gernot machte eine unwillige Handbewegung. Dann überlegte er es sich anders: „Herein mit ihr!“
Die Wache salutierte: „Sehr wohl, Herr.“ Der Soldat entfernte sich und kehrte in Begleitung zweier Kameraden zurück. Zwischen sich führten sie ein verwahrlostes zerlumptes Kind.
Nadine blickte überrascht. Es war das kleine blonde Mädchen mit den missgebildeten Armen. Nadines Sicht verschwamm, als sich Gernots Sehfeld über ihr eigenes legte. Wieder verspürte Nadine Trauer und Schmerz im Herzen des Mannes.
„Wie heißt du, kleines Mädchen und was willst du?“ fragte Gernot freundlich.
„Ich heiße Lina“, sagte die kleine Bettlerin und schlug die Augen nieder. „Ihr habt etwas verloren, hoher Herr.“ Sie griff mit ihrer seltsamen dreifingrigen Hand unter ihre Lumpen und zog ein kleines blaues Stoffsäckchen hervor.
Gernot stieß einen Freudenlaut aus und griff nach dem Säckchen. Hastig knotete er den Verschluss auf und kontrollierte den Inhalt. „Alles noch da“, seufzte er beruhigt. Dann wandte er sich an die Wache: „Wachmann. Sorgt dafür, dass das Mädchen gebadet wird und anständige Kleidung erhält. Es soll an unserem Mahl teilnehmen und als Dank dafür, dass sie mir etwas zurückbrachte, was mir lieb und teuer ist, will ich ihr ein Goldstück schenken.“

So kam es, dass am Abend das blonde Bettelmädchen an der langen Tafel mitaß. Sie saß Nadine schräg gegenüber und versuchte sich so unsichtbar wie möglich zu machen, während sie futterte, was das Zeug hielt. Ab und zu hob sie den Kopf und warf Nadine einen kurzen Blick aus ihren wasserklaren blauen Augen zu. Nadine verspürte tiefes Mitgefühl für dieses heimatlose Kind. Wo würde sie morgen Abend um diese Zeit sein? Wieder auf der Straße? Man hatte dem Mädchen ein einfaches Leinenkleid angezogen, ähnlich dem, das Nadine bei ihrem Einzug in die Stadt getragen hatte. Obwohl es nach dem Baden sauber und adrett wirkte, sah man dem Kind die Armut und den Hunger an.
Als Nadine später am Abend nach dem ausgiebigen Mahl schlafen ging, musste sie immer noch an das kleine bleiche Gesicht des Kindes mit den großen blauen Augen denken. Endlich schlief sie ein.

„die-dieck!“
Gernot...Gernot...sie hatte Gernots seltsame Gefühle gespürt, als er dem Bettelkind mit den verkürzten Armen in die Augen geschaut hatte...
„die-dieck!“
„Sie wacht auf, Doktor!“
„Was? Schwester Birgit, was sagten Sie gerade?“
„Ich glaube, sie wacht auf.“
Die Stimmen waren so weit entfernt.
„Glaube ich nicht“, brummelte die männliche Stimme. „Nicht nach solch einer Dosis. Nein!“
Die Frauenstimme, hoch und leicht tadelnd: „Ich war gleich der Meinung, die Dosierung sei zu hoch.“
„Zu hoch oder zu niedrig gibt es nicht, Schwester Birgit.“ Die Männerstimme. „Was zählt, sind Fakten! Reine wissenschaftliche Fakten! Und davon haben wir bisher verdammt wenig! Diese Stimmen, von denen sie berichtet hat...“
Die Frauenstimme: „Erscheint mir normal. Bei ihrem Zustand. Ich finde die Vergewaltigung wesentlich unheimlicher.“
„Wieso? Das ist doch ein Fakt!“
„Nicht so, wie sie es geschildert hat, Herr Doktor.“
Nadine öffnete die Augen. Doktor Ruthmertens und Schwester Birgit standen neben ihrem Bett. Beide lächelten freundlich. Der Doktor sah mit seiner zerzausten Grauhaarfrisur und der großen Hornbrille wie ein verkaterter Uhu aus.
„die-dieck!“ Das elektronische Piepsen kam aus einer der Apparaturen an der Wand.
Nadine versuchte, sich aufzurichten, aber Ruthmertens drückte sich sanft in die Kissen zurück: „Bleiben Sie mal schön brav liegen, junges Fräulein. Sie sind viel zu schwach, um sich aufzusetzen.“
Schwester Birgit hielt Nadine einen Becher mit Ausgusstülle hin: „Durst, Nadine? Kommen Sie, ich helfe Ihnen. Sie müssen viel trinken, wenn Sie wieder gesund werden wollen. Selber trinken ist viel besser als das da.“ Sie zeigte auf die Infusionsschläuche, die in Nadines Körper führten.
Nadine schluckte tapfer. Erst beim Schlucken bemerkte sie, welchen Durst sie hatte. Sie leerte den Becher völlig.
Müde ließ sie sich in die Kissen zurücksinken.
„Erklären Sie mir bitte endlich, was ich hier mache?“ fragte sie verzweifelt. „Ich weiß überhaupt nicht, was mit mir los ist!“
 
Heike Sanda am 29.07.2002: "Sei still," schrie Nadine, und dann tat sie etwas, was sie nie für möglich gehalten hätte, wobei sie aber sicher sein konnte, dass es aus ihr selber kam: Sie griff sich in ihr langes (nun wieder schwarzes?) Haar und schlug mit der Stirn gegen die Wand. Im Rhytmus ihrer Worte, wieder und immer wieder: "Sei still. Sei still. Sei still. Sei sti..."

Dunkelheit.

Das erste, was sie wahrnahm als sie erwachte, war ein merkwürdiges Geräusch. Eine Sirene? Nein, anders. Ein Jaulen? Eher ein Piepsen. Es tat den Ohren weh. Gedämpftes Licht traf ihre fest geschlossenen Lider. Sie stöhnte leise und versuchte, die Augen zu öffnen. Es ging nicht.

"Ich glaube, sie wacht auf." Eine Frauenstimme.
"Perfusor 'runter auf 100." Diesmal ein Mann, vermutlich älter, die Stimme dunkel und sonor. "Eine Ampulle Vitamin-B-Komplex i.m. -
"Hallo, kleines Fräulein. Können Sie mich hören?" Nadine spürte eine federleichte Berührung am Oberarm.
"Mmmnh..." murmelte sie. Mehr brachte sie nicht heraus. Ihre Zunge lag pelzig und trocken in ihrem Mund, sie hatte Durst und einen seltsam säuerlichen, unangenehmen Geschmack im Mund. Mit Mühe zwang sie ihre Augen einen Spalt breit auf, schloß sie dann wieder und öffnete sie schließlich ganz.

Sie lag in einem weiß bezogenen Bett. Das Zimmer war lindgrün gestrichen und spärlich eingerichtet. Rechter Hand unter dem Fenster stand ein weiteres Bett, doch es lag niemand darin.
Zu ihrer Linken bemerkte sie einen weißgekleideten älteren Mann mit schütterem grauem Haar und einer hoffnungslos altmodischen Hornbrille, über deren Rand er sie jetzt skeptisch anschaute. Eine jüngere Frau mit kurz geschnittenem, blondgesträhnten Haaren fummelte an einem grünen Kasten herum, der, mit blinkenden Lichtern versehen, an einer metallenen Stange befestigt war. Oben an der Stange baumelten mehrere Beutel und Fläschchen mit durchsichtigen Flüssigkeiten, von denen Schläuche, wie Nadine jetzt bemerkte, in eine Vene an ihrem Arm führten. Dieser Apparat war es gewesen, der diesen furchtbar grellen Ton erzeugt und sie geweckt hatte. Die Frau - eine Krankenschwester, erinnerte sich Nadine - drückte auf ein paar Knöpfe, der Ton verstummte. Nadine erntete ein freundliches Lächeln.

"Dupft," murmelte das Mädchen. Der Doktor - denn ein solcher war es - zog verständnislos die Augenbrauen hoch.
"Sie meint wahrscheinlich: Durst", erklärte die Schwester. Sie schob Nadine eine Hand unter den Kopf und hielt ihr einen Plastikbecher mit Ausgusstülle an den Mund. Dankbar schluckte Nadine die kühle, klare Flüssigkeit und fühlte sich fast augenblicklich besser. Der Doktor räusperte sich.
"Nun, junge Dame, wie fühlen Sie sich?"
Nadine überlegte kurz. "Müde", meinte sie schließlich. "Und irgendwie schwindelig. Wo bin ich hier?"
"Im Sankt Marcus-Hospital, auf der inneren Station. Das hier ist Schwester Birgit, und ich bin Ihr behandelnder Arzt, Dr. Ruthmerthens. Können Sie sich erinnern, wie Sie hergekommen sind?"
Wieder kurzes Überlegen, dann schüttelte das Mädchen den Kopf.
"Was ist vorgefallen, bevor Sie das Bewusstsein verloren haben - können Sie uns darüber etwas sagen?" insistierte der Arzt weiter.
Sie versuchte sich zu erinnern und legte vor Anstrengung die Stirn in Falten. "Da war ein Raum," murmelte sie, "er war dunkel. Und dann hat die Stimme gesagt...."
"Wessen Stimme?" hakte der Doktor ein.
"Weiß nicht." Nadine schüttelte den Kopf.
"Wo haben Sie diese Stimme denn gehört? Wo kam sie her?"
"Aus meinem... Kopf, glaube ich."
"Aus ihrem Kopf?"
"Ja."
Der Arzt und die Schwester wechselten einen bezeichnenden Blick. Nadine bekam ihn nicht mit, sondern versuchte verzweifelt, die Bruchstücke einzelner Bilder, die ihr durch den Kopf schwirrten, zu einem einheitlichen Ganzen zu ordnen. Die Stimme des Doktors unterbrach sie:
"Was sagt denn die Stimme, wenn sie zu Ihnen spricht? Gibt sie Ihnen Anweisungen, Befehle?"
"Nein." Entschieden schüttelte sie den Kopf, fügte dann aber noch hinzu: "Meistens singt sie."
Die Augenbrauen des Doktors rutschten weit unter den Haaransatz.
"Was singt sie denn so?" wollte er wissen.
"Hinab, hinab, runter, hinab...", sang Nadine, die Stimme so gut nachahmend, wie sie konnte. "Und: Blut und Tod, Tod und Blut, überall sind Blut und Tod..."
Der Arzt schluckte. Die Schwester machte einen, zwei Schritte vom Bett weg.
"Sie waren also in der Wohnung, und die Stimme hat gesungen", nahm der Arzt den Faden wieder auf. "Was war das für ein Zimmer? Wie sind Sie dort hineingekommen?"
"Keine Ahnung", erwiderte Nadine achselzuckend. "Erst war ich noch im Zelt. Und dann plötzlich..."
"Stop. Zelt? Was denn für ein Zelt?"
"Das muss irgendwo im Mittelalter gewesen sein. Da war ein Ritter... und eine Dame... ich sollte mich ausruhen, und dann wollten sie mich zur Königin bringen", erinnerte sich Nadin.
"Mittelalter? Ritter? Soso. Interessant." Er holte tief Luft, dann fuhr er fort: "Ich denke, wir sollten die weitere Befragung verschieben, bis es Ihnen wieder besser geht. Ich werde Ihnen ein leichtes Mittel zur Beruhigung aufschreiben, und dann schlafen Sie sich erst einmal tüchtig aus. Morgen sehen wir weiter." Ein knappes Nicken noch, dann zog sich der Arzt mit der Schwester in eine Ecke des Zimmers zurück. Nadine fing einen entsagungsvollen Blick von Birgit auf, dann verließ diese den Raum. Vermutlich, um ihr die Medikamente zu holen.
Der Arzt schickte sich an, das Zimmer ebenfalls zu verlassen, als ihn Nadines Stimme noch einmal zurückhielt:
"Doktor..?"
"Ja, bitte, junge Dame?"
Nadine biss sich auf die Lippen. "Ich werde doch wieder ganz gesund, oder? Ich denke mal, ich bin da oben ganz schön durcheinander geraten..."
"Aber sicher doch. Das kriegen wir schon wieder hin. Machen Sie sich darüber mal keine allzu großen Sorgen."
"Ich glaube, dass sind einfach nur die Nachwirkungen der Gefangenschaft und der Vergewaltigungen, nicht wahr? Das geht vorüber?" Nadines Stimme klang fast schon bettelnd. Der Arzt sah sie an, mit einem Blick, der ihr nicht gefiel. Sehr merkwürdig, dieser Blick. Er sagte ein paar Sekunden gar nichts, dann: "Was für eine Vergewaltigung? Wir wissen von keiner Vergewaltigung."
Panik durchfuhr das Mädchen wie ein elektrischer Schock. "A..aber hat mich denn niemand gerettet? Hat mich denn nicht die... die Polizei hergebracht?" stotterte sie.
"Polizei?" echote der Arzt. Und grinste von einem Ohr zum anderen.
"Ja, die Polizei. Ich halluziniere doch nicht, verdammt. Das hier ist doch jetzt die Wirklichkeit..."
Ein hohles Lachen war die Antwort. "Wirklichkeit, Wahrheit, deine, meine? Was ist wirklich, was ist wahr?" sang der Arzt mit dieser furchtbaren, Nadine so vertrauten Stimme.
Noch ehe sie schreien konnte, verschwamm das Zimmer vor ihren Augen zu einer Wolke bunter Schlieren.
 
Julia D. am 29.07.2002: Der Arzt hob die Hand. ?Warte, Kleine. Ich möchte dir gerne jemanden vorstellen?? er winkt kurz zu Tür und eine hübsche junge Frau mit einem modernen Kurhaarschnitt kam in den Raum. Sie lächelte freundlich und stellte sich gleich neben den Arzt. ?Das ist Frau Dr. Winter.? Begann der Mann. ?Sie wird dir bei deinem Problem helfen. Ich werde euch zwei dann mal alleine lassen.? Er lief sofort raus, schloss die Tür laut hinter sich und ließ sie allein.
Die Frau nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu Nadine. ?Ich darf doch.? Hatte sie rehtorisch gefragt. ?Du heißt Nadine, nicht wahr? Ich bin Lena. Frau Dr. Winter hört sich etwas hochgestochen an, findest du nicht auch??
Nadine nickte. ?Sind sie Psychologin?? fragte sie schließlich.
?Ich bin eine Freundin.? Kam als Antwort zurück. Dabei beließen sie es. ?Nadine, erzähl mir von diesen Stimmen. Was sagen sie?? Die Frau hatte einen Zettel und einen Stift gezückt und wartete nett lächelnd auf Nadines Aussage.
Nadine holte Luft. ?Sie reden mit mir, zwingen mich Dinge zu tun und zu sagen.?
?Was sagen sie genau??
?Ich weiß nicht. Sie singen?meistens zumindest.?
?Sie singen?? Die Frau lehnte sich zurück.
?Sie singen immer: Blut und Tot, Blut und Tot ist überall?.Hinunter, herab, immer weiter??
Die Frau nickte. Nadine beobachtete wie der Stift über ihren Zettel flitzte und irgendetwas notierte. ?Und was sind das für Dinge, die sie dich zwingen zu tun??
Nadine dachte nach. ?Du kannst mir vertrauen.? Sagte die Frau und beugte sich vor um Nadines Hand zu fassen.
?Sie haben mich gezwungen ihn umzubringen. Der Mann der mich festgehalten hat.? Sie hörte sich an wie eine Irre, dass merkte sie selber. Die Frau überlegte. ?Weißt du den Namen des Mannes oder wo er gewohnt hat??
?Nein. Ich kam raus und war woanders.? Sie musste weinen.
?Was heißt woanders??
?Ich weiß nicht. Ich war? ich war bei Rittern und?ach es hört sich alles so seltsam an, dass weiß ich selber.?
Die Frau schüttelte den Kopf. ?Nein, Nadine. Ich bin da um dir zu helfen. Und egal was du mir erzählst, nichts hört sich davon seltsam an.? Sie packte sie sanft am Arm. ?Komm, ich will dir etwas zeigen. Ein Geheimnis.? Nadine ließ sich bereitwillig mitziehen. Nur von einem grünen Kittel bedeckt und barfuss stieg sie aus dem Bett. Sie folgte auf wackligen Beinen Lena, die sie zu einem Schrank in ihrem Zimmer führte. ?Wohin bringen sie mich?? fragte sie die Psychologin als diese ihre zarten Hände an den Griff legte um die Schranktür zu öffnen.
Die Frau drehte sich mit einem freundschaftlichen Lächeln auf den Lippen zu dem Mädchen um. ?Weißt du dass denn nicht, Nadine??
Sie schüttelte den Kopf. Blut und Tot überall? ?Sie fangen wieder an zu singen.? Flüsterte Nadine leise der Frau zu. Blut und Tot überall?
?Ja, ich weiß Nadine. Blut und Tot überall, nicht wahr?? Sie lächelte noch immer.
Nadine nickte. Die Frau packte jetzt fester zu und zog das Mädchen näher an den Schrank heran. ?Komm, komm??
Nadine bekam ein mulmiges Gefühl. ?Wohin bringen sie mich. Was ist in diesem Schrank? Was soll ich da?? Sie wehrte sich zuerst leicht, begann schließlich fester zu zerren, doch der Griff lockerte sich nicht. Die Frau grinste immer noch breit, wie eine Puppe sah sie aus.
?Du weißt es. Hinab, immer tiefer, herab, hinab...? Dann öffnete sie die Tür und nichts außer Schwarz befand sich dahinter.
?Nein! Lassen sie los! Lassen sie mich in Ruhe!? Sie schrie.
?Blut und Tot überall?herab, hinab, immer tiefer?in unsere Welt, immer weiter hinab?? trillerten die Stimmen laut.
Die Frau stieß Nadine mit voller Wucht in den Schrank. Eine endlose Leere verschlang sie sofort. Sie fiel, immer weiter, immer tiefer, herab, hinab?
 
Heike Sanda am 29.07.2002: "Neiiiiin..."
Nadines Schrei endete irgendwo im Nirgendwo.

"Halt!" Diese Stimme, gebieterisch und bekannt, riss Nadin förmlich zurück. Verdutzt nahm sie gewahr, dass eine Hand sie an der Schulter packte und verhinderte, dass sie im Schrank verschwand. Sie taumelte rückwärts, stolperte, fiel zu Boden... und dann sah sie den Mann in Krankenpflegerkleidung, der sie neugierig musterte.
"Gernot", keuchte sie.
Der Pfleger zog die Augenbrauen hoch, Unverständnis im Blick.
"Bitte? - Entschuldigung, aber das muss eine Verwechselung sein. Theo ist mein Name," erwiderte er. Und versuchte, nach ihrem Oberam zu greifen.
"LASS MICH IN RUHE. ICH HABE DIE SCHNAUZE VOLL," kreischte Nadine im höchsten Falsett. Der Krankenpfleger wich zurück, Bestürzung in den Augen.
"200 mg Valium i.v.," meinte Dr. Ruthmertens.
"Doktor, Doktor.... trotz Theos Hilfe... sie dreht durch", meldete Birgits atemlose Stimme.
"NEIIIIIN, LASST MICH IN RUHE! IHR SEID NICHT WIRKLICH, SEID NICHT ECHT." Nadine drückte sich in eine Ecke des Zimmers und zitterte wie Espenlaub.
"Frau Neff, bitte, wir können Ihnen so nicht helfen.. Bitte verstehen Sie doch.. Bitte halten Sie doch still..." Ruthmethens' Stimme war die Hilflosigkeit deutlich anzuhören.
"Ich mach' das schon, eine Minute Zeit, bitte." Das war die Stimme Theos, sie tönte gebieterisch über das Chaos hinweg. Der Arzt und die Schwester zogen sich schweratmend zurück.
Nadine saß zusammengesunken in der Zimmerecke, nähe des ihr verhängnisvollen Schranks. Eine vertraute Stimme drang in ihr Ohr:
"Bitte, Mylady, jetzt keine Fragen." Die Stimme klang gleichzeitig drängend und vertraut. "Ich weíß, wie Euch zumute ist. Ich weiß um diese Dimension und ihre Schrecken, und ich weiß, Euch zu helfen. Vertraut mir, bitte."
Sie schaute in das Gesicht Gernots/Theos und erschauerte.
"Sie sind wie all die andren," stieß sie hervor, Anklage in der Stimme. "Ich weiß nicht, ob ich Ihnen trauen kann. Wer sagt mir denn, ob Sie wirklich sind? Ist das, was ich empfinde, denn die Wahrheit?"

"Wirklichkeit, Wahrheit, deine, meine," erwiderte Theo/Gernot lächelnd. "Was ist wirklich, was ist wahr?" Doch im Gegensatz zum ersten Mal erschien ihr diese Stimme weder beängstigend, noch bedrohlich.
 
Heike Sanda am 29.07.2002: Das Mächen erschauerte und schüttelte die Hand an ihrem Arm ab.

"Sie also auch," stellt sie fest. "Sie sind mit darin verwickelt. Dabei habe ich Ihnen vertraut...." Sie erschauerte.

"Bitte, Mylady, begebt Euch in den Schrank," flehte Gernot/Theo verzweifelt. "Nur auf der andern Seite ist es möglich, Euch Heilung zu bringen."

Nadine lachte. "Auf der anderen Seit?" wiederholte sie amüsiert. "Auf der anderen Seiten von was denn?"

"Auf der anderen Seite von Euch", erwidert Gernot schlicht.

Wieder einmal sah sie sich selbst durch Gernots Augen. Sah sich selbst am Eingang des Schrankes zusammengekauert zittern, sah Dr. Ruthmerthens und Schwester Birgit, die heftig miteinander diskutierten. Die Schulmedizin, begriff sie, würde ihr hier keine Hilfe bringen können. Deren Limits waren zu begrenzt. Doch konnte sie Theo/Gernot trauen? Sie schaute in seine Augen - und hoffte es...

"Theo, gibt es ein Problem?" wollte Ruthmertens wissen. Der Pfleger schaute über die Schulter zurück und grinste schief. "Danke, Doc, alles unter Kontrolle", rief er zurück. "Die Patientin hat einen ziemlich starken anaphylaktischen Schock erlitten, doch es gibt nichts, womit ich nicht fertig werden könnte."

"Geht klar. Wenn Sie Hilfe brauchen...." Schwester Birgit winkte bezeichnend mit einer mit Luminal gefüllten Spritze. Gernot/Theo winke ab: "Danke. Okay. Ist aber im Moment unnötig."

Er wandte sich wieder Nadine zu, die zitternd und atemlos den Dialog zwischen dem realen (?) Krankenpflegepersonal und dem weniger realen (?) Gernot zugehört hatte.

"Bitte, Mylady, geht in den Schrank." Sie erntete eine Blick aus unerträglich intensiven, blauen Augen.

"Lassen Sie mich in Frieden. Was soll ich in einem Kleiderschrank? Brauchen Sie unbedingt einen Grund, mich bis unter die Haarwurzeln mit Medikamenten vollzupumpen?" verlangte sie zu wissen.

"Das ist kein Kleiderschrank. Nur eine ganz normale Dimensionslücke," bekam sie zu hören.

"Aha. Eine ganz normale Dimensionslücke. Alles klar." Nadine begann zu kichern.

"Bitte, Mylady, es ist mir nicht möglich, Euch alles zu erklären. Nur: Die andere Seite ist kein Traum. Sie liegt jenseits, und nur dort könnt Ihr Antwort auf Eure Fragen finden. Und Heilug." Der Mann schaute sie bittend an.

"Jenseits?" echote Nadine. "Jenseits von was?"

"Von Euch, Mylady. Von Euch." erwiderte Gernot/Theo resigniert.

"Theo, ist wirklich alles okay," wollte Schwester Birgits Stimme wissen. Sorgfältig drückte sie die Luftblasen aus der Spritze in ihrer Hand, schaut zu Dr. Ruthmertehns, erntete von ihm ein zustimmendes Nicken und nährerte sich dem Kleiderschrank. "Danke, keine Eile, Sandra", erwiderte der Pfleger hastig und fügte in Nadines Richtung hastig hinzu: "Bitte, Mylady. Es drängt die Zeit."

Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis das Mädchen seine Entscheidung traf. "Okay", flüsterte sie. "Dieses Mal noch. Wenn Sie mich wieder verarschen...." Sie ließ den Rest des Satzes drohend in der Luft hängen. Dann wandte sie sich mit einem Seufzer dem Schrank zu und tat den ersten Schritt in die Dunkelheit.
 
Stefan Steinmetz am 29.07.2002: Nadine erwachte vom Krähen der Hähne. Ohne große Verwunderung stellte sie fest, dass sie in dem Bett lag, in das sie sich nach dem Festmahl im Schloss gelegt hatte.
Sie zog eine Grimasse. „Willkommen zurück im Mittelalter! Und wenn ich einschlafe, wo werde ich dann wach? Wieder bei dem bekloppten Doktor? Oder...“ Sie schauderte. NEIN!!! An das andere wollte sie nicht denken! Niemals! Daran DURFTE sie nicht denken. Aber im Hintergrund ihres Denkens schlich die Erinnerung umher wie ein bösartiges, hungriges Raubtier und manchmal sah Nadine sich nackt in einem Kellerraum, mit einer eisernen Kette am rechten Fußgelenk. Vor ihr auf dem Boden lag ER reglos und tot.
Blut und Tod...und Corny Müsliriegel...
Nadine schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht daran denken. Es vergiftete ihre Seele. Sie schlug die Bettdecke zurück und stand auf.
„Oh! Ihr seid aber früh wach!“ Margit stand in der Tür. Sie lächelte freundlich.
„Ich bin eine Morgenlerche“, sagte Nadine und runzelte die Stirn. Woher hatte sie dieses seltsame Wort? Morgenlerche? Egal. Sie nahm sich vor, den Tag irgendwie hinter sich zu bringen und möglichst viel zu lernen. Alles war besser, als die Stimmen und die Erinnerung an das Kellerverlies.
„Verrückt!“ flüsterte ihr Verstand. „Vielleicht werde ich verrückt.“
„Geht es Euch gut?“ fragte Margit.
„Solange ich nicht an den Abend und Schlaf denke, ja“, antwortete Nadine. Sie hatte Angst vor dem Abend.
„Prinz Gernot ist in politischen Geschäften unterwegs“, erklärte Margit. Ihr Gesicht sah seltsam dabei aus. Sie grinste. „Er ist oft unterwegs in politischen Geschäften. Vor allem, wenn Macht, Feiern und Frauen dabei eine Rolle spielen.“
„Ein richtiger Playboy, dieser Gernot.“ Die Bemerkung war Nadine so heraus gerutscht.
„Wie bitte?“ Margit verstand nicht. „Ein was?“
„Schon gut, Margit. Das habe ich mal irgendwo gehört. Ich weiß selber nicht, was es eigentlich bedeutet.“ Nadine seufzte. Wo hatte sie diesen Satz gehört. Sie erinnerte sich haargenau, dass sie den Satz gehört hatte; abfällig ausgesprochen. Aber wo?
„Kann ich mich im Schloss nützlich machen?“ fragte Nadine die Dienerin.
Margit lächelte erfreut: „Wenn Ihr möchtet: gerne!“ Sie nahm Nadine und hakte sich bei ihr unter: „Jetzt macht Ihr erst einmal Eure Morgentoilette, dann gibt’s Frühstück und danach werden wir schon etwas finden für Euch.“
So kam es, dass Nadine an diesem Tag den Dienern beim Polieren des königlichen Silbers half und im Garten Gemüse erntete. Das Mädchen war heilfroh, etwas zu tun zu haben. Etwas zu tun bedeutete, dass man handelte, Herr über sein Leben wurde. Sich zu betätigen, verdrängte die schrecklichen Stimmen!
Abends im Bett lag Nadine lange wach.
„Wo werde ich morgen sein?“ überlegte sie ängstlich. Sie wusste es nicht. Von allen Orten, die sie kennen gelernt hatte, war das Schloss in Halderstadt der beste Platz. Trotz aller Sorgen schlief sie schließlich ein.
Sie erwachte beim ersten Hahnenschrei und war noch immer in Halderstadt. Nie hatte sie sich glücklicher gefühlt als an diesem Morgen und am nächsten Morgen fühlte sie sich noch glücklicher. Nadine verbrachte eine Woche im Schloss. Sie lernte alles über ihre neue Heimat, während sie sich nützlich machte. Die alte Königin beobachtete das Engagement der jungen Frau mit wohlwollender Zufriedenheit. Endlich mal nicht so eine Prinzessin auf der Erbse. Diese junge Dame schien fleißig zu sein und mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen.

Es war Freitagmorgen und Nadine war mit Margit unterwegs zum Wochenmarkt, um einzukaufen. Margit erzählte ihrer jungen Herrin, die längst ihre beste Freundin geworden war von Prinz Gernots geheimnisvollen blauen Säckchen.
„Darin bewahrt er eine Haarlocke von seiner geliebten Gerlinde auf und ein kleines besticktes Taschentuch. Das sind die einzigen Erinnerungen, die er an Gerlinde hat. Gernot litt ungeheuer, als Gerlinde damals vor etwa sieben Jahren verschwand. Sie war seine einzige wirkliche Liebe. Danach benutzte er die Frauen nur noch zur Befriedigung seiner Lust.
Ihr seid die Erste, die er nicht gleich in sein Bett zerrte und der er stattdessen mit einiger Ehrerbietung gegenüber tritt.“ Margit grinste gutgelaunt. „Es scheint, als wäre der gute Gernot ganz schön in Euch verliebt.“
„In MICH?“ Nadine klang ungläubig. „Ich bin doch unscheinbar.“
„Stellt Euer Licht nicht unter den Scheffel, liebes Grausträhnchen“, erwiderte Margit und zupfte an der grauen Strähne in Nadines ansonsten pechschwarzem Haar. „Ich habe letztens Walther den Minnesänger gehört, als er von Euch sprach. Wisst Ihr, was er über Euch sagte: Sie ist eine wunderbare Rose, die soeben vor unser aller Augen zu erblühen beginnt. Genau das hat er gesagt.“
Margit bog in eine schmale Gasse ein: „Lasst uns diese Abkürzung nehmen, dann sind wir schneller am Marktplatz.“
Nadine folgte ihrer Freundin. Plötzlich zuckte sie zusammen.
„Was ist Euch?“ fragte Margit.
„Ich...ich...es ist nichts“, sprach Nadine und bemühte sich, ihre Stimme so normal wie möglich klingen zu lassen. Der doppelte Blick! Sie hatte wieder diesen doppelten Blick! Sie sah sich selbst und Margit die enge, düstere Gasse herunter kommen. Gleichzeitig fühlte sie leise Furcht und große Einsamkeit, gepaart mit Sehnsucht.
Nadine schaute sich um und entdeckte ein Kind in einer dunklen Nische sitzen. „Lina!“ Rasch lief sie zu dem Mädchen. Vor ihrem inneren Auge sah sie sich selbst auf sich zukommen.
Lina stand auf. „Nadine“, sagte sie schüchtern.
Nadine blieb vor dem Mädchen stehen. Sie zeigte auf Linas bloße Füße: „Wo sind die Sandalen, die man dir im Schloss gab?“
Lina schaute aus großen Augen zu ihr auf: „Es ist Sommer. Im Sommer brauche ich keine Schuhe und als Winterschuhe taugten sie nichts. Aber sie waren neu und neue Sandalen verkaufen sich gut. Wer essen will, braucht Geld.“
Nadine wunderte sich, wie vernünftig und erwachsen dieses siebenjährige Kind sprach. Gleichzeitig fühlte sie Linas Einsamkeit und Sehnsucht in ihrem eigenen Herzen. Dieses kleine Kind fühlte sich schrecklich verlassen. Nadine fühlte Mitgefühl in sich aufsteigen und Sympathie.
Sie kniete sich vor Lina hin und fasste die seltsamen Händchen des Kindes: „Warum bist du fortgegangen?“
Lina schaute sie verwundert an: „Ich musste fort! Ich war nur zum Bankett eingeladen und das auch nur, weil seine Hoheit so erfreut war, sein Säckchen zurück zu erhalten.“ Sie schaute zu Boden. „Wer nimmt schon ein Bettelkind bei sich auf“, sprach sie leise. „Noch dazu so eine wie mich?“
Nadine überlegte nicht lange. Sie schloss die Kleine in die Arme. Anfangs spürte sie Misstrauen und Angst, aber dann schmiegte sich das Mädchen an sich und genoss die sanfte Umarmung. „Halt mich fest!“ bettelte das Kind in Gedanken und Nadine verstand jedes Wort.
„Ich halte dich fest“, sagte sie leise und küsste Lina auf die Wange. „Ich nehme dich bei mir auf, Lina. Ja, so eine wie dich!“
Das blonde Mädchen schaute fragend zu ihr auf: „Ehrlich? Bitte macht keinen gemeinen Scherz mit mir!“
„Ich scherze nicht!“ sagte Nadine fest. „Ich nehme dich mit aufs Schloss. Du bleibst bei mir.“
„Ich weiß nicht, ob das eine sehr gute Idee ist“, meinte Margit unbehaglich. „Ich will Euch nicht dreinreden, liebe Nadine. Aber ich fürchte, seine Hoheit, Prinz Gernot wird nicht begeistert von eurem sozialen Engagement sein.“
Nadine musste ein Grinsen unterdrücken. Soziales Engagement! Woher hatte diese einfache Frau solche Worte?
„Ich nehme Lina trotzdem mit!“ sprach sie entschlossen. Sie reckte das Kinn vor: „Und wenn es Prinz Gernot nicht passt und Lina wieder gehen muss, gehe ich mit ihr!“ Sie hob Lina hoch und nahm sie auf die Arme: „Komm Linchen! Gehen wir. Als erstes kaufen wir dir ein paar Sachen zum Anziehen.“
Das kleine Mädchen kuschelte sich eng an Nadine. Nadine nahm die Gefühle des Kindes wie durch eine Milchglasscheibe war. „Es ist mir egal, ob ich schöne Kleider bekomme“, dachte Lina. „Solange du mich nur fest hältst. Ich bin so allein. Ich bin so einsam. Ich habe solche Sehnsucht nach einem Menschen, der mich lieb hat und mich nicht verstößt.“

Abends saß Nadine neben dem Bett, in dem Lina lag. Sie blieb bei dem Kind, bis es einschlief.
„Ich werde dich nie verstoßen, Lina!“ flüsterte Nadine und fühlte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. „Niemals werde ich dich verlassen!“ Voller Zärtlichkeit strich sie über das dichte blonde Haar des schlafenden Mädchens und streichelte die kleine Hand, die sich so seltsam in ihrer anfühlte: Ungewöhnlich und doch irgendwie vollkommen vertraut.
Endlich ging auch Nadine zu Bett.

Sie erwachte im Krankenzimmer.
„Nein!“ stöhnte sie verzweifelt. „NEIN!!!“
Die Tür schwang auf. Dr. Ruthmertens trat ein: „Wie fühlen Sie sich heute, Nadine?“
„Beschissen aber nicht hoffnungslos!“ knurrte Nadine. Sie fühlte Wut in sich und zeigte sie auch.
Der Arzt bemerkte es und schien erfreut darüber. Er rückte einen Stuhl neben Nadines Bett und setzte sich.
„Sie sind wütend“, sagte er schlicht.
„Ja!“ grummelte Nadine. „So langsam aber sicher kotzt mich das ewige Hin und Her an! Wo bin ich eigentlich wirklich zuhause? Mal bin ich im Mittelalter, dann im Krankenhaus...“ Sie zögerte, „oder ist das hier eine Irrenanstalt?“
Ruthmertens schüttelte den Kopf: „Nein, Nadine.“ Er lächelte ermutigend. „Sie haben Furchtbares durchgemacht. Es ist kein Wunder, dass ihre Seele sich weigert, alles Erlebte auf einen Schlag zu sehen und anzunehmen. Dazu war es zu schrecklich und hat zu lange gedauert. Aber Sie sind auf dem Weg der Besserung. Ein kleines medizinisches Wunder ist das schon, bei dem was Sie erleiden mussten und dazu noch in Ihrem Zustand.“
Nadine fasste sich an den Kopf: „Wenn ich mich nur ERINNERN könnte! Es ist so frustrierend, nicht zu wissen, wer man ist und was vorher war!“
„Sie werden alles Stück für Stück erinnern, Nadine. Es wird zurück kommen. Aber in kleinen Erinnerungsfetzen. Das ist auch besser so, sonst würden Sie wahnsinnig.“
Nadine erkannte echtes Mitgefühl in den Augen des alten Arztes. Zum ersten Mal fühlte sie sich in seiner Gegenwart nicht unwohl.
„Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als zu warten, bis ich alles wieder weiß!“
Ruthmertens lächelte: „Genau! Und nun versuchen Sie, ein bisschen zu schlafen. Schlaf brauchen Sie dringend.“ Er stand auf und ging.
Nadine lag noch eine Weile wach. Konfuse Gedanken schossen in ihrem Kopf herum. Dann kam der Schlaf...

„Bluuuut! Blut und Tod! Blut ist der Tod! Der Tod ist Blut! Hinunter! Wir alle ziehen hinunter!“
Sie stand im Nebenzimmer. Sie hatte sich verlaufen, als sie von der Toilette zurück kam. Nebenan hörte sie die beiden Männer reden. Sie hörte seine Stimme, die Stimme des Mannes, den sie für ihren Freund gehalten hatte: „Und es geht alles heute noch? Ganz fix und ambulant?“
Die Stimme des Arztes: „Ja sicher. Der Eingriff kann sofort vorgenommen werden. Aber ihre kleine Freundin muss noch ein paar Tage zur Beobachtung bleiben. Falls Komplikationen auftreten.“
Die Stimme ihres „Freundes“: „Ein paar Tage? Das passt mir nun gar nicht. Kann sie nicht gleich heute wieder mit mir kommen?“
„Ausgeschlossen! Sie muss mindestens bis morgen bleiben!“
„Na bis morgen, das geht in Ordnung. Das geht klar.“
Nadine zitterte. Die beiden redeten über sie wie über ein dummes Weidetier!
„Ihr wisst nichts! Nichts!“ dachte sie verbittert. Sie fühlte Tränen aufsteigen. „Das kann man doch nicht einfach machen! Nicht mit MIR!!!“ Sie drehte sich um und verließ den Raum. Verdammt! Welche Tür musste sie benutzen? Der Gang war lang und eintönig. Ein typischer Krankenhausgang eben.
Nadine war verwirrt und ängstlich. Warum tat ihr Freund ihr das an? Sah er denn nicht, dass sie entsetzliche Angst hatte? Dass sie das hier nicht wollte? Sollte das Liebe sein? Liebte er sie wirklich, wenn er das von ihr verlangte?
Sie öffnete wahllos eine Tür und fand sich in einem Operationssaal wieder, der kürzlich benutzt worden war. Das Laken auf der Operationsliege war blutig. Neben der Liege stand ein Mülleimer. Nadine trat langsam näher. Sie hatte Angst vor dem, was sie erblicken würde, aber ihre Füße trugen sie unerbittlich weiter auf den Eimer zu.
Sie blickte hinein. Ein winziges Ärmchen ragte aus einem blutigen Haufen hervor; ein klitzekleines Ärmchen, an dem man schon genau die fünf Fingerchen erkennen konnte.
Nadine keuchte entsetzt auf.
„Nein!“ presste sie hervor. „Nein!“ Sie wimmerte leise. „Nein! Nein! Ich kann nicht! Nicht das!“ Sie stolperte rückwärts zur Tür, verließ den Raum und rannte tränenblind den Gang hinunter. Weg! Nur weg von hier!
„Ich kann das nicht! Ich kann das nicht!“ schrie sie in Gedanken und presste die Hände auf den Bauch.
Sie war aus dem Gebäude heraus und lief immer weiter. Da war ein Wäldchen, dann ein holpriger Feldweg. Nadine rannte, bis ihre Lunge brannte wie Feuer und ihr Herz wie ein Dampfhammer schlug. Sie musste ihr Tempo verlangsamen, aber sie wollte weiter laufen, immer weiter. Nur weg von dem Krankenhaus und ihrem „Freund“. Nein! Wer so etwas von ihr verlangte, konnte nicht ihr Freund sein! Auch wenn sie ihn einmal geliebt hatte!
Das was sie in dem Mülleimer gesehen hatte, hatte ihre Liebe mit einem einzigen Schlag zum Erlöschen gebracht. Weinend rieb sie über ihren Bauch.
Weiter und weiter wanderte sie durch eine Gegend, die sie nicht kannte. Ihr Freund hatte sie hergebracht, sie wusste nicht, wo sie war, kannte sich nicht aus.
Sie wurde müde. Die Schritte fielen ihr immer schwerer. Ihre Fußsohlen brannten. Sie hatte Durst und Hunger. Als der nette Mann sie ansprach und ihr etwas zu trinken anbot, nahm sie dankbar an. Es musste etwas in der Limonade gewesen sein, denn plötzlich trat sie einfach weg und als sie erwachte, lag sie in dem Kellerverlies mit einer eisernen Kette am rechten Handgelenk und dann begann die schrecklichste Zeit in ihrem jungen Leben, fürchterlicher als sie es sich in ihren schlimmsten Albträumen je hätte ausmalen können! Viel, viel schlimmer!
 
Heike Sanda am 29.07.2002: "Wollen wir's hoffen", seufzte sie. Nochmals wackelte sie mit dem verletzten Knöchel und vernahm ein leises Klirren.

Klirren?

Wieder bewegte sie den Fuß und hörte dieses leise Rasseln. Gleichzeitig spürte sie einen leisen Zug. Als wäre eine Kette an ihrem Bein befestigt anstelle eines bloßen Verbandes. Sie spürte, wie ihre Gesichtszüge einfroren.
"Was ist los, Nadine? Geht es Ihnen nicht gut?" Birgit war die Veränderung im Gesicht ihrer Patientin nicht entgangen.
Das Mädchen antwortete nicht sofort. Ihre Gedanken rasten.
Mit diesem ewigen Hin und Her zwischen den Realitäten hatte sie sich mittlerweile notgedrungen abgefunden. Auch, wenn sie nicht glücklich darüber gewesen war. Auch, wenn ihr bis jetzt nicht klar war, welche Realität denn nun die echte, wirkliche Realität war. Auch, wenn es sie ermüdete, zwischen ihren Rollen als die Nadine der Jetztzeit und der des Mittelalters beständig hin- und herzuspringen. Na und, dann lebte sie eben zwei Leben. Das war doch eigentlich viel besser als bloßes, langweiliges Schlafen. So und ähnlich hatte sie sich die Situation schöngeredet. Mußte es, denn sonst wäre ihr Geist an dieser Prüfung längst bereits zerbrochen.
Bis jetzt hatten die Szenen des Mittelalters (oder der anderen Dimension?) und des Krankenzimmers in unregelmäßigen Abständen hin- und her gewechselt. Nur EINE Szene hatte sich nicht wiederholt.
Die, mit der alles angefangen hatte.
Die schlimmste und schrecklichste von allen.
Die Szene, in der sie angekettet in einem muffigen Keller gefangen gehalten worden war. Tagelang. Wochenlang.
Bis jetzt.

"Blut und Tod, Tod und Blut überall...." hörte sie den Nachhall der Stimme in ihrem Kopf. Unwillkürlich schüttelte sie sich.

"Bitte, Nadine, ich warte noch immer auf Antwort!" Schwester Birgits gebieterische Stimme riss sie aus ihren düsteren Grübeleien. "Entschuldigung", erwiderte sie hastig. "Können Sie mir bitte sagen, wie spät es ist?" Die Schwester runzelte zwar mißtrauisch die Augenbrauen, warf aber dennoch wunschgemäß eine Blick auf ihre Armbanduhr. "Sieben Uhr", erwiederte sie dann. Nadine zögerte einen Moment. "Morgens oder abends?" wollte sie schließlich wissen.
"Abends - wieso?"
Wieder antwortete das Mädchen nicht. Stattdessen meinte sie zögernd: "Schwester Birgit, gibt es eigentlich eine Möglichkeit, Träume zu unterdrücken?"
Die Schwester zögerte einen Moment. "Ja, die gibt es schon", gab sie schließlich zu. "Starke Beruhigungsmittel oder Schlaftabletten können die REM-Phasen - also die Phasen, in denen der Mensch normalerweise träumt - unterdrücken. Das gleiche gilt für Narkotika. Aber gesund ist das nicht," fügte sie hinzu.
"Bitte - könnte ich so eine Schlaftablette vielleicht bekommen?" bat Nadine.
"Jetzt - um diese Zeit?" entsetzte sich Birgit. "Meiner Meinung nach schlafen Sie viel zuviel. Und außerdem gibt es gleich Abendessen."
"Ich bin nicht hungrig", erwiderte das Mädchen ungeduldig. Krampfhaft hielt sie ihren bandagierten Fuß still aus Angst, beim leisesten Muskelzucken das Geklirr von Ketten wieder zu hören. Sie setzte einen kindlichen Augenaufschlag auf und schaute Schwester Birgit aus Dackelaugen von unten herauf an. Irgend jemand hatte ihr mal erzählt, man könne ihr keinen Wunsch abschlagen, wenn sie diesen Blick anknipste. Wer war das bloß gewesen? Wer?
"Ach bitte." Sie biß sich auf die Lippen und überlegte sich ein überzeugendes Argument. "Sehen Sie, ich habe so lange nicht richtig schlafen können. Und hier klappt das auch nicht so recht - Sie wissen schon, die Albträume..." Unwillkürlich nickte die Schwester. Und ob sie das wusste. Unbewusst rieb sie sich den blauen Fleck am Oberarm, den sie sich beim letzten Versuch, die Patientin zu bändigen, zugezogen hatte. "Ich will nur ein einziges Mal richtig tief, traumlos und ruhig schlafen können", seufzte Nadine. "Ich bin überzeugt davon - nein, ich WEISS es ganz einfach -, dass es mir danach schon wesentlich besser gehen würde."

Nachdenklich schaute die Schwester auf ihren sie bittend anschauenden Schützling hinab. Möglich wäre es, dass sie so ganz Unrecht nicht hatte. "Also gut", gab sie nach. "Ich werden den Doktor fragen. Sofern er nichts dagegen hat, bringe ich Ihnen gleich etwas." Sie erntete ein so strahlendes, erleichtertes Lächeln, als hätte sie dem Mädchen die sofortige Entlassung nach Hause avisiert. Das "Danke" klang ehrlich, fast schon inbrünstig. Birgit unterdrückte ein Kopfschütteln, strich die Bettdecke sorgfältig glatt und entfernte sich.

Keine zwei Minuten später war sie zurück. Mit einem gespielt streng erhobenen Zeigefinger und der Bemerkung: "Ausnahmsweise!" reichte sie Nadine einen winzigen Plastikbecher, gefüllt mit einer pfefferminzgrünen, dicken Flüssigkeit. Nadine stürzte das Medikament hinunter, bedankte sich noch einmal und reichte Birgit das leere Becherchen zurück.

Die Schwester nahm es ihr ab und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. An der Tür hielt sie aber noch einmal inne und meinte, zu Nadine gewandt: "Ach, bevor ich es vergesse - wir haben für morgen noch eine Riesenüberraschung für Sie in Petto, Nadine." Dabei grinste sie wie eine Katze, die soeben einen Eimer Sahne geschleckt hatte. "So? Was denn?"
"Ihre Eltern dürfen Sie morgen das erste Mal besuchen. Sie werden morgen, so gegen zehn, nach der Visite, hier sein." Erwartungsvoll schaute sie zu Nadine - die, das sah man ganz deutlich, sich gar nicht freuen wollte.
"Mmei..ne Eltern, wie schön..." Das kam so lahm und hilflos, dass es nicht einmal in ihren eigenen Ohren überzeugend klang. Das enttäuschte Gesicht Birgits sprach Bände. "Na gut. Ruhen Sie sich aus, damit Sie morgen für Ihren Besuch schön fit sind, ja? Gute Nacht." Sie lächelte noch einmal kurz, aber merklich kühler und verließ leise das Zimmer.

So tief sie konnte, rutschte Nadine ins Bett und zog sich die Decke bis an die Nasenspitze hoch. Bei der Erwähnung ihrer Eltern war sie unwillkürlich zusammengezuckt. Hatte Birgit denn das laute Klirren nicht gehört? (Blut und Tod, Tod und Blut, Blut überall, überall, an den rauhen Betonwänden, auf dem kahlen Boden...). Doch die Schwester hatte offenbar nichts davon mitbekommen.

Wieder nur eine Halluzination?

Ihre Eltern. Wer waren ihre Eltern? Sie konnte sich an ihren eigenen Namen erinnern. An ihr Alter... an Gernot... an Margit...an Lina! Der Gedanke an das Kind versetzte ihr einen schmerzhaften Stich. Sie wusste jetzt, was es hieß, wehrlos zu sein, hilflos zuschauen zu müssen, wie Dinge mit einem geschahen, die man nicht beeinflussen konnte. Doch, spann sie den Faden weiter, sie erinnerte sich nicht an ihre Schule, nicht an ihr Zuhause, nicht an ihre Eltern. Komisch, warum war ihr das denn nie aufgefallen? Weil die Ereignisse mich so in Atem gehalten haben, dass ich gar nicht darüber nachdenken konnte. Darum, beantwortete sie sich die Frage selbst. Hatte sie Freunde? Geschwister? Was wusste sie überhaupt über sich? Wie sah ihre Mutter aus? Wie ihr Vater? Sind wir reich oder arm, fragte sie sich.

Doch der Bildschirm ihres Geistes blieb dunkel. Nicht einmal die Andeutung eines Schattens wollte sich zeigen.

Morgen. Morgen sehen wir weiter, beruhigte sie sich. Wenn ich Mom und Daddy (komisch: nenne sich sie wirklich so?) sehe, wird mir gewiss einiges wieder einfallen.
Morgen ist ein neuer Tag. Noch ein weiterer Tag, ein weiterer Schritt auf dem Weg der Gesundwerdung. Es wird alles wieder gut, es kann ja nicht immer nur bergab gehen. Eines Tages ist das alles hier vorbei, und dann kann ich darüber vielleicht sogar lachen. Morgen werden meine Eltern kommen, und dann werde ich mich gewiss an alles erinnern.

Ihre Lider wurden schwer, das Mittel begann zu wirken. Tief und traumlos. Keine Träume, das habe ich dir versalzen, du Arsch, dachte sie müde, an niemand bestimmten gerichtet. Ihre Gedanken verwirrten sich zusehends, als sie langsam in den Schlaf glitt. Nur noch am Rande nahm sie den seltsamen Geruch wahr, der von ihrer Bettdecke ausging - ein metallischer, süßer Geruch, gemischt mit dem muffigen Gestand von feuchtem Beton.
 
Stefan Steinmetz am 29.07.2002: „Nein, nein! Bitte nein!“ Nadine riss verzweifelt an der Eisenkette. „Nein! Nicht! Nein,nein,nein,neeeiiiiiiin!!!“
Mit einem Aufschrei erwachte sie.
„Nadine!? Was ist denn?“
Nadine lag in ihrem großen Bett im Schloss. Neben ihr lag Lina in den weichen Polstern und blickte sie erschrocken an. „Du hast geschrieen im Schlaf“, piepste das Mädchen verängstigt.
Nadine ließ sich aufseufzend in die Kissen zurück sinken. Sie schloss Lina in die Arme. „Ich habe schlecht geträumt, Kleines“, sprach sie beruhigend. „Nur schlecht geträumt. Kein Grund, Angst zu haben.“
Die Tür ging auf und Margit stürzte herein. „Seine Hoheit, Prinz Gernot kommt“, rief sie aufgeregt. „Rasch, Nadine! Zieht Euch etwas an!“ Sie blickte gehetzt auf Lina: „Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, das Kind hier zu behalten. Könnte es nicht nach nebenan...?“
Das betrat Gernot den Raum. Beim Anblick von Nadine überzog ein Lächeln sein Gesicht: „Ich freue mich, Euch wiederzusehen.“
Nadine seufzte ergeben. Dieser feine Herr schien es nicht nötig zu haben, seine plötzlichen Besuche anzumelden.
„Ich möchte mit Euch frühstücken“, meinte Gernot gutgelaunt. Er grinste wie ein Schulbube, als er sich zur Tür wandte. „Ich erwarte Euch im Grünen Zimmer.“
Nadine verzieh ihm. Sie spürte, dass sie sich in den gutaussehenden Mann verliebt hatte.

Doch als sie nach dem gemeinsamen Frühstück in ihre Gemächer zurück kehrte, änderte sie ihre Meinung. Lina war fort.
„Sie wurde auf Befehl seiner Hoheit aus dem Schlosse entfernt“, erklärte eine Kammerzofe. „Seine Hoheit wünscht keine Bettelkinder bei Hofe.“
Nadine erbleichte vor Wut. „Das werden wir ja sehen!“ rief sie aufgebracht und rauschte davon. Sie erwischte Gernot bei den Pferdeställen und so kamen die Pferdeknechte in den seltenen Genuss, miterleben zu dürfen, wie ihrem Herrn ordentlich der Kopf gewaschen wurde. Nadine konnte kaum glauben, was sie dem jungen Herrn von Haldingen alles sagte, aber es brach einfach so aus ihr heraus. Wie er sich so etwas erlauben könne? Wie würde er sich fühlen, wenn jemand daher käme und einfach jemanden, den er gerne hatte, davonjagte? Sie stampfte vor Wut mit dem Fuß auf und stützte die Arme in die Hüften.
„Wenn Lina nicht bleiben darf, gehe ich auch!“ stieß sie schließlich hervor.
Gernot von Haldingen war ganz verdattert.
„Ich...ich...“, stammelte er. „Liebste Nadine...ich...bitte verzeiht mir. Ich will es wieder gut machen. Bitte! Ich dachte nicht soweit...ich.“ Die Pferdeknechte grinsten heimlich über seine Verlegenheit. Gernot von Haldingen war ein gutaussehender Mann, der alle Menschen durch seine Art für sich einnahm, aber er war auch hartherzig, herrisch und ungeduldig mit seinen Untertanen. Zu oft schon hatte er seine Bediensteten aus nichtigen Gründen angefahren. Und so genoss das Gesinde es aus vollstem Herzen, wie der junge Prinz zur Schnecke gemacht wurde.
Hoi! Nun kniete der verliebte Gockel gar vor seiner Angebeteten nieder!
„Ich lasse das Kind suchen, liebste Nadine“, versprach Gernot. „Ich bringe sie Euch zurück. Ich gebe Euch mein Wort.“
Nadines Zorn war verraucht. Sie fühlte sich nur noch müde. Zu ihrem Entsetzen stiegen ihr Tränen in die Augen.
„Bitte weint doch nicht!“ flehte Gernot. „Ach, was habe ich nur getan?“
„Wenn Lina nicht zurück kommt, werde ich Euch verlassen!“ sprach Nadine leise und sie fühlte, dass es ihr bitterernst war. Sie kannte das kleine Mädchen kaum, aber die wenigen Tage, die das kleine anspruchslose Wesen mit ihr verbracht hatte, hatte genügt, eine starke Bindung zu schaffen. Nadine verstand selbst nicht genau wieso, aber sie liebte Lina über alles.
„Ich will sie zurück!“ verlangte sie. Sie löste sich von Gernot: „Ich werde selber nach ihr suchen!“
Gernot stand auf und verbeugte sich vor ihr: „Wie Ihr wünscht, Nadine. Auch ich werde mich mit einigen Soldaten auf die Suche machen.“
Nadine gab sich Mühe, nicht laut aufzuschreien. Sie hatte tief im Inneren eine Falschheit an Gernot gespürt, die sie einfach nicht glauben mochte.
„Das war er nicht“, dachte sie erschrocken. „Das ist mir nur so durch den Kopf geschossen! Es kann nicht wahr sein, was ich eben gesehen habe!“
Sie verließen das Schloss, Gernot und eine Horde Reiter durchs Haupttor, Nadine und Margit durch einen Nebeneingang.
„Wie wäre es, wenn wir es erst mal in den Armenhäusern von Halderstadt versuchten“, schlug die Dienerin vor.
„Armenhäuser!?“ Nadine betonte den Plural. „Es gibt MEHRERE Armenhäuser in der Stadt.“
Margit zuckte bedauernd die Schultern: „Wo viel Reichtum ist, gibt es auch viel Armut, liebe Nadine.“
Nadine nickte: „Na schön. Gehen wir!“


Schwester Birgit stand neben dem Bett: „Haben Sie wieder Durst, Nadine?“
Nadine nickte ergeben. Allmählich gewöhnte sie sich an die ständigen Wechsel. Sie kämpfte nicht mehr dagegen an. Je gewohnter ihr das erschien, desto leiser wurden die Stimmen in ihrem Hinterkopf.
Sie zappelte mit dem rechten Bein: „Das juckt da unten!“ Sie streckte das Bein unter der Decke hervor und bemerkte einen Verband am Fußgelenk.
Schwester Birgit lächelte freundlich: „Es verheilt sehr gut, Nadine. Keine Sorge. Dr. Ruthmertens meint, es werden keine Narben zurück bleiben.“
 
Wie soll es weitergehen? Diese Story kannst du selber weiterschreiben.
 
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Kommentare  

Gediese schichte tatol einanderdurch ist!
Teile alle verstellter Kehrter! Kann man nicht das lesen! Verrückt daman von wird!


Rodrian (14.11.2004)

So was habe ich noch nie gelesen ; nicht mal ansatzweise; eine echte Horror-fiction-Gruselstory und dazu noch eine meiner Ersten. Mir viel es schwer Abstand zu den Portagonisten zu halten. Habe mal erlebt wie eine gute Freundin von mir nach einem Psychatrieaufenthalt fast verrückt geworden wäre.
Eine gekonnte (eher geniale) Zusammenarbeit der daran Beteiligten.


Frank-Michael (02.02.2003)

Eine gelungene Zusammenarbeit der Autoren.

Hubi (22.11.2002)

Im Forum steht das Stefan das letzte Kapitel geschrieben hat. Also geh ich davon aus das mit dem Satz:"Jetzt zählte bloss das Leben." Die Geschichte endet.
Eine Geschichte mit einem "Steinmetztypischen"
Schluss.Etwas durcheinander,überraschend und zufriedenstellend.Mir fehlen die Worte um meine Begeisterung auszudrücken,ehrlich.
Glückwunsch an Julia, Heike und Stefan für diese einmalige Storie. Besser hätten es Profischreiber auch nicht machen können.Ich habe ja schon mal 5 Punkte vergeben in einem Zwischenkommentar, weitere 5 Punkte würdet Ihr bekommen wenn das möglich währe.


Wolzenburg (18.07.2002)

Die Geschichte wird immer besser!!!Weiter so!!!

Beate (15.07.2002)

Solche Fortsetzungen funktionieren nie!
Sagt man...und dann erlebe ich DAS DA! Krass! Full krass!
Es wird immer interessanter.aber Loite,wenn das am Schluß alles nur ein Traum war ist die Story blöde.
Komuniziert ihr untereinander?
Der Schluß sollte nämlich AUFschluß bieten.
Es ist auf alle Fälle spannend.Ich hoffe auf weitere Verwicklungen.
Ihr seid echt spitze.


Andreas K. (15.07.2002)

Die Storie ist ja sowas von abgedreht.
Neuzeit,Mittelalter,moderne Medizin und Alchemie.Die versteckte Anklage gegen Chemiekonzerne und Contergan.
Alles wechselt rasend schnell, was eine gewisse Belustigung hervorruft. Andererseits die spannende Frage: "Wo befindet sich Nadine?"
Sehr gut was ich bis jetzt gelesen habe ! Wie wird es wohl weitergehen ?
Vorab schon mal 5 Punkte, kann ja nur noch besser werden.


Wolzenburg (12.07.2002)

Boar Leute....diese Geschichte ist suuuper. Immer wenn ich lese bekomme ich eine Gänsehaut, so schrecklich gruselig finde ich die Story!!! Wir müssen unbedingt weiter machen...

Schlimm wenn man eine Geschichte schreibt, ohne zu wissen wie sie weitergeht.


Julia D. (10.07.2002)

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