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9 Seiten

Die abenteuerliche Reise nach Persien/1

Romane/Serien · Fantastisches
© rosmarin
Das ist die abenteuerliche Geschichte des Schriftstellers und Hundeliebhabers Falken, der in einem Schreibloch steckt, Autos nach Persien überführt, in Teheran das seltsame Mädchen Elisabeth kennenlernt und die unglaublichsten Dinge erlebt.

- 1 -
_______
"Wenn du mir einen Gefallen tun willst", sagte Falken, "lies bitte laut. So kann ich eventuelle Schwachstellen leichter entdecken."
"Tu ich doch gern."
Maren setzte sich in einen der großen blauen Sessel in Positur.
Falken rückte die Leselampe so zurecht, dass das Licht auf die dicht beschriebenen Blätter fiel und setzte sich dann Maren gegenüber.
"Du kannst beginnen." Auffordernd nickte er Maren zu.

*

- Es war Mitte Januar. Sechs Uhr morgens. Da klingelte bei Heiko Sanders das Telefon. Schlaftrunken stieg er aus dem Bett. Verdammt. Welcher Idiot weckte ihn denn in aller Herrgottsfrühe aus dem Schlaf. Missmutig stieg er in einen Hausschuh, der zweite war unters Bett gerutscht, und schlurfte ins Wohnzimmer, wo das Telefon auf seinem Tischchen schon zum fünften Male läutete.
"Sanders“, knurrte Sanders unverkennbar unfreundlich.
"Ach, schön. Du bist ja schon wach. Das beruhigt mich aber. Ich hätte sonst ein schlechtes Gewissen, wenn ich dich im Schlaf gestört hätte."
"Werner. Das darf doch nicht wahr sein. Was willst du? Weißt du, wie spät es ist?"
"Kurz nach sechs. Wieso? Geht deine Uhr nicht?"
"Werner. Was soll das?"
"Hör mal gut zu, Heiko Sanders." Werners Stimme klang nun auch nicht gerade sehr freundlich. "Wir haben nicht allzu viel Zeit. Der Teppichhändler in meinem Haus, du kennst ihn ja, Orient Sadik, der Perser, weißt du, wen ich meine?"
"Natürlich. Und was ist mit dem los? Sechs Uhr in der Früh?"
"Sein Bruder ist bei ihm auf Besuch. Ich habe dir doch gesagt, dass er Autohändler ist und hier Fahrzeuge angekauft hat. Und die muss er nun nach Teheran überführen."
"Na, und. Was habe ich damit zu tun?"
"Er sucht zuverlässige Leute, die ihm die Kolonne führen."
"Und wie kommt er auf mich?"
"Nicht er. Du Dussel. Ich. Er sucht eine zweite zuverlässige Person. Und ich sagte, ich hätte jemanden und dachte an dich."
"Sehr gut. Aber warum denn?"
"Du sagtest doch, du steckst in einem Loch. Kommst mit deinem Roman nicht weiter. Und Geld brauchst du auch."
"Das stimmt schon alles", überlegte Sanders kurz. "Aber da muss irgendwo ein Haken sein. Ich spüre das."
"Gleich zwei, Heiko. Gleich zwei", schniefte Werner vernehmlich. Gleich zwei."
"Und die wären?"
"Der eine ist, wir müssen spätestens in einer Stunde abfahren, der zweite: In fünf Tagen müssen wir fünftausend Kilometer zurückgelegt haben."
"Warum denn dieses. Das ist doch kaum zu schaffen."
"Na. Hast du angebissen?"
"Nein."
"Also. In fünf Tagen tritt eine neue Zollregelung für Persien in Kraft. Da sind für Händler andere, höhere Gebühren, angesagt. Ich habe schon das Geld für uns beide erhalten. Also beeile dich. Ich bin schon unterwegs, dich abzuholen."
Es machte klick. Das Gespräch war beendet.

Sanders setzte sich auf den Hocker neben dem Telefontischchen und dachte nach.

*

Maren blätterte die Seiten zurück.
"Was heißt das, ein Haken?", fragte sie Falken.
"Das ist im Jargon ein Ausdruck für etwas Unvorhergesehenes. Etwas, das man einem verschweigt", erwiderte Falken belehrend. "In diesem Falle eventuell die Möglichkeit, unwissend etwas zu schmuggeln. Rauschgift zum Beispiel. Oder Waffen. Oder geklaute Autos. Solche und ähnliche Dinge wären oder hätten einen Haken."
"Ach, so. Also, um acht Uhr fuhr der Konvoi mit zehn Pkws los."
"Zehn Personenkraftwagen."
"Vielen Dank. Ich habe auch so etwas Ähnliches in der Garage."
"Möchtest du vielleicht noch einen Schluck Wein, Maren?"
Ohne Marens Antwort abzuwarten, stand Falken auf, um den Wein einzuschenken.
"Auf unsere Zusammenarbeit."
"Prost. Michael." Maren trank und stellte dann das Glas auf das Beistelltischchen. "Und nun weiter im Text. Also fuhrst du, nein, fuhr Sanders, die fünftausend und dreizehn Kilometer in knapp vier Tagen. Also, einer Tageshöchstleistung von mehr als eintausendvierhundert Kilometern."
"Natürlich."
"Hoppla. Das wäre ja bei zehn Stunden Fahrt ohne Aufenthalt oder Pausen eine km/h Leistung von 140."
"Wie meinst du das?"
Falken sah Maren verständnislos an.
"Das wäre eine Dauergeschwindigkeit von 140 Stundenkilometern mit dem Personenkraftwagen", zweifelte Maren. "Darf es vielleicht etwas weniger sein?"
"Du hast Recht", sagte Falken geknickt. "Das müssen wir ändern. Oder Rennautos exportieren", schmunzelte er hinterhältig.
"Hm." Maren blätterte weiter im Manuskript. "Dann beschreibst du sehr illustriert die Fahrt durch den Kaukasus", fuhr sie fort. "Schneestürme an der türkisch - russischen Grenze. Sehr interessant. Aber Ihr kamt ja nur mit acht Autos an. Das eine wurde vom Gegenverkehr zur Seite gedrängt, stürzte in den Abgrund und verbrannte samt Fahrer. Das zweite kratzte mit dem Fahrer die Kurve. Was heißt das nun schon wieder?"
"Das ist auch so ein Privatausdruck, den du in deinem literarischen Sprachschatz kaum finden wirst."
"Dann erklär ihn mir."
"Also, das war so: In Istanbul fuhr der ganze Konvoi Richtung Bosporusbrücke, die nach Asien führt. Sanders aber zog es vor, in Europa zu bleiben und fuhr geradeaus, ohne auf die Brücke einzulenken. So etwas nennt man Kurve kratzen oder auch Kurve reißen."
"Ach so, jetzt verstehe ich." Maren klopfte sich an die Stirn. "Der arme Mann hatte sich verfahren."
Falken war sich nicht sicher, ob Maren ihn auf den Arm nehmen wollte und sagte, vorsichtig geworden: "So ist es!"
"Da kann ich ja beruhigt weiter lesen."
Maren konzentrierte sich wieder auf das Manuskript:

*

Als sie die persische Grenze erreichten, begegnete Sanders die erste Merkwürdigkeit: Die Menschen, das Tun und Treiben, überhaupt die ganze Atmosphäre, kamen ihm irgendwie bekannt vor. Es schien, als hätte er alles schon einmal erlebt, obwohl er noch nie in diesem Land gewesen war. Erklären konnte er sich das eventuell durch irgendeine unbewusste Erinnerung aus einem Kinofilm. Oder vielleicht aus einem Reiseprospekt. Aber es war noch etwas anderes. Das Mädchen dort mit der Ziege an der Leine. Ja, das Mädchen dort im roten Kleid führte eine Ziege an der Leine. Sie war gerade im Begriff, die Straße zu überqueren, als sie von einem Autofahrer angehupt wurde. Die Ziege erschrak und lief im Eiltempo über die Straße. Das Mädchen stürzte und wurde von ihr in den Graben gezogen.
"Hast du das gesehen?", fragte Sanders Werner. "Das hätte ins Auge gehen können."
"Ist bestimmt noch mal gut gegangen."
Werner fuhr nah an den Graben heran. Da saß das Mädchen im roten Kleid und kraulte der Ziege den Bart. Na, also.

Von nun an sicherten Werner und Sanders den Konvoi so ab, dass abwechselnd einer vorne und der andere, als Schlussfahrzeug, alles übersehen konnte.
Sanders fuhr jetzt an der Spitze. Eigentlich müssten sie mal eine kleine Pause machen, dachte er. Die Männer sind ja ziemlich erschöpft. Sie hatten ja alle in den vier Tagen nur knapp zwölf Stunden geschlafen.
Gerade, als er den Vorschlag machen wollte, erblickte er einen Felsvorsprung. Na, so was. Dieses Hindernis war nicht auf seiner Karte verzeichnet. Sie würden es umfahren müssen.
Doch kurz vor dem Felsen hatte er eine andere Idee. Er blieb stehen und stoppte somit die Kolonne.
"Warum fährt der Kerl nicht weiter?", brüllte Werner von hinten. Es war kein Halt vorgesehen. "Was ist denn los?!"
Laut fluchend eilte er nach vorn, um den Grund dieses unerwarteten Aufenthalts zu erfahren.

Sanders saß geduckt im Auto und starrte ungläubig auf einen Felsvorsprung, der ihnen die Sicht versperrte.
"Wir machen hier eine kurze Rast", sagte er, als er Werner erblickte. "Du kannst ja schon vorfahren. Hinter dem Felsen ist eine Wasserquelle. Und dann ist da noch eine Pinie. Da werden wir uns kurz die Beine vertreten, bevor wir weiter fahren. Ich fahre jetzt als Schlusslicht."

Werner guckte ziemlich verdutzt. Der Kerl spinnt doch. Kein Wort hatte er verlauten lassen, dass er die Gegend hier kannte. Aus dem sollte einer klug werden. Nur widerwillig tat er, was Sanders verlangte und führte jetzt die Kolonne an.

Sanders fuhr als Letzter. Als er zu der Raststelle kam, standen die Fahrer der anderen Autos schon um die Pinie herum und warteten geduldig, an die Reihe zu kommen, sich an der Quelle erfrischen zu können. Die Männer sahen wirklich sehr erschöpft aus. Die Rast würde ihnen gut tun. Er selbst würde die Gelegenheit nutzen, sich die Zähne zu putzen, um endlich den scharfen Geschmack des Knoblauchs, den er in der letzten Rasstätte reichlich mit gebratenen Eiern gegessen hatte, loszuwerden. War doch voll ekelig, immer diesen scharfen Geschmack im Munde zu haben.

"Warst du schon mal hier?" Werner hatte sich neben Sanders gestellt und schöpfte mit beiden Händen Wasser in seinen Mund. "Mann, hab ich nen Durst. Das tut gut. Reines Quellwasser."
"Hm", brummte Sanders.
"Ehrlich, Alter." .
"Was, ehrlich."
"Ob du schon mal hier warst. Mann."
"Bestimmt."
"Sag doch mal."
"Vielleicht in einem früheren Leben."
"Scherzkeks. Blöder. Sag doch mal."
"Weiß ich wirklich nicht, Werner. War nur so eine Eingebung. Ist schon seltsam." Nachdenklich starrte Sanders auf die Quelle, aus der ununterbrochen kristallklares Wasser sprudelte. "Es muss so sein. Ich muss schon mal hier gewesen sein. Woher sollte ich sonst wissen, dass hier eine Quelle ist? Ich kann mich nur nicht mehr daran erinnern."
"Das fängt ja früh an." Werner lachte unfroh. "Verscheißern kann ich mich selbst."
"Ich kann es mir ja auch nicht erklären."
"Und die Pinie?" Werner schüttelte verständnislos seinen Kopf. "Mir ist so etwas noch nie passiert", sagte er nachdenklich. " Na, du wirst schon wissen, was du tust. So. Die halbe Stunde ist um", wandte er sich den Männern zu. "Wir müssen weiter."

Die Kolonne setzte sich wieder in Bewegung. Viel Zeit durften sie nicht mehr verlieren, wenn sie rechtzeitig ans Ziel gelangen wollten. Eine Reifenpanne hatte sie vorgestern auch schon viel zu lange aufgehalten.
Am nächsten Vormittag erreichte der Konvoi ohne weitere Zwischenfälle Teheran. Und das in einer Rekordzeit.
Werner lieferte die Fahrzeuge unbeschädigt ab und flog dann, wie ausgemacht, am nächsten Morgen zurück nach München.
Sanders blieb noch, um mit Sadik ein Geschäft zu machen, wie er sich ausdrückte.
Sadik hatte Sanders gebeten, für seinen Bruder in München eine Ladung Teppiche mitzunehmen und Sanders hatte zugestimmt, obwohl er der Fahrerei müde und froh gewesen wäre, zurück fahren zu können.
Doch das Angebot war zu verlockend. Sadik bot ihm Kurzurlaub, Hotelaufenthalt und eine nicht unerhebliche Prämie. Die konnte er gut gebrauchen. Wo er doch in seinem Schreibloch steckte.
Am Nachmittag duschte er sich im Hotelzimmer im kleinen Bad, rasierte sich gründlich vor einem winzigen Spiegel und fiel danach völlig erschöpft in sein Hotelbett. Am nächsten Tag stand er erst gegen Mittag auf, fühlte sich aber etwas erholt.
Als er sich die Zähne putzen wollte, vermisste er seine Zahnbürste. Na, so was. Bestimmt hatte er sie an der Wasserquelle unter der Pinie liegen lassen. Also mussten seine Finger den Dienst der Zahnbürste übernehmen.
Danach kleidete er sich sorgfältig an und ging in die Stadt, die ihn sofort in seinen Bann zog. Er drang bis zum Zentrum vor und befand sich schon bald auf dem Firdowse-Platz, bestaunte die wunderschönen Moscheen, die herrlichen Paläste. In dem Golestanpalast sollte sich ein Museum mit berühmten persischen Sammlungen befinden. Dieses Museum würde er später unbedingt besuchen. Jetzt kaufte er in einem Geschäft, was er noch so brauchte für die Tage, die er hier bleiben würde. Drei Unterhemden, drei Slips, drei T-Shirts, drei Oberhemden vom Feinsten und etwas sehr teure Kosmetika.

Es war gerade Mittagszeit und die Straße, in der sich Sanders befand, sehr belebt. Die Menschen schienen alle Zeit der Welt zu haben. Also schlenderte auch er lässig mit der Menge. Schaute ab und an in ein wunderschön dekoriertes Schaufenster und ging weiter. Vor einem Schaufenster verweilte er etwas länger. Es war ein antiquarisches Geschäft voller Ramsch und einem chaotischen Durcheinander. Langweilig. Enttäuscht wollte er weiter gehen, als er einen Säbeltänzer erblickte. Das war ein Stück. Ein ganz besonderes. Das sahen seine in solchen Dingen geübten Augen sofort. Ein Kunstwerk von eigenartiger Schönheit.
Wie kam dieses Prachtstück zwischen all den Ramsch, dachte er fasziniert, während sein Herz einige Takte schneller schlug.
Der Säbeltänzer war aus selten feinem Holz geschnitzt, und je länger er ihn betrachtete, desto intensiver wurde das beunruhigende Gefühl, das ihn sofort bei seinem Anblick übermannt hatte. In seinem Kopf bohrte hartnäckig ein Gedanke: Der Säbeltänzer musste einen Partner haben. Schon die Pose, die er zur Schau stellte, verlangte ein Gegenstück. Es sah aus, als wolle er sein Gegenüber umarmen. Doch das Gegenüber fehlte. So sehr er auch seine Augen schweifen ließ, nirgends konnte er ein solches entdecken. Und während er noch intensiv darüber nachdachte, ob er in den Laden gehen sollte, um den Verkäufer zu befragen, breitete sich plötzlich ganz betörend ein Fliederduft um ihn herum aus. Der Geruch war so intensiv, als stünde hier, mitten auf der Straße, ein blühender Fliederbusch.

"Säbeltänzer. Volksschnitzerei. Ende sechzehntes Jahrhundert", vernahm er plötzlich die Stimme einer jungen Frau.
"Es gibt einen zweiten", sagte sie, als hätte sie seine Gedanken erraten. "Seinen Partner. Der ist aber weit weg."
Verwundert drehte er sich zu Seite. Neben ihm stand eine junge Frau. Fast noch ein Mädchen.
"Sie kennen sich aus?", fragte er verblüfft. "Ich habe auch das Gefühl, es müsse einen Partner geben. Sie kommen aus Deutschland? Aus Bayern? Wie ich höre?"
"Aus München", erwiderte die Mädchenfrau und lachte, so dass er eine Reihe wunderschöner, weißer Zähne sehen konnte.
"Wieso wussten Sie, dass ich Deutscher bin? Sie sprachen mich gleich deutsch an."
"Gefühlsmäßig." Die Mädchenfrau blickte direkt in seine Augen. "Und die Gründlichkeit, mit der Sie das Schaufenster betrachteten. Ich bin schon eine ganze Weile hinter Ihnen her."
"So, so. Interessant." Nun war er wirklich amüsiert. "Und was machen Sie hier?", fragte er. "In Teheran. So ganz allein."
"Das Gleiche wie Sie. Ich schlendere durch die Gegend. Vertreibe mir die Zeit. Wenn Sie möchten, schließe ich mich Ihnen an. Ich zeige Ihnen die Stadt. Ja?"
"Liebend gern", willigte er erfreut ein. "Das ist ein wunderschönes Angebot. Erlauben Sie: Heiko Sanders. Und ich komme, wie auch Sie, aus München."
"Freut mich sehr. So ein schöner Zufall. Ich bin Elisabeth Röhrig. Meine Eltern haben eine Gastwirtschaft in München. Ich mache hier gerade Urlaub."

Sanders fühlte sich sofort magisch angezogen von dem seltsamen Mädchen Elisabeth. Er wunderte sich über die Vertrautheit, die sie beide verband. Ihm schien, als kennten sie sich schon ewig. So verbrachten sie wie selbstverständlich den Nachmittag gemeinsam.
Elisabeth zeigte Sanders, wie versprochen, die Stadt. Sie wusste viel über Land und Leute zu erzählen. Zum Beispiel, dass die antike Stadt Raj im Jahre 1220 von den Mongolen zerstört wurde und nur Teheran, damals ein kleiner, vermutlich aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. stammender Vorort, übrig geblieben war. In den folgenden Jahrhunderten wuchs die Stadt nur langsam. Anfang des 17. Jahrhunderts gab es einen Basar, umgeben von einer Mauer und etwa 3000 Häusern in der Stadt. Der Begründer der Kadjaren - Dynastie machte Teheran 1788 zur Hauptstadt Persiens. Unter der Pahlewi - Dynastie, so etwa 1925 - 1979, wurde die Stadt modernisiert, industrialisiert und erheblich umgestaltet.
"Einige Paläste aus dem 19. Jahrhundert stehen noch", sagte Elisabeth fröhlich. "Der größte Teil der Architektur ist jedoch neu."
"Kluges Mädchen", lobte Sanders.
"Ja", erwiderte Elisabeth. "Ich liebe diese faszinierende Stadt. Sie müssen sich unbedingt das Senatsgebäude, den Marmorpalast, das Opernhaus und das Stadion mit seinen 1000000 Zuschauerplätzen und die zwei internationalen Flughäfen anschauen."
"Volles Programm, also", lachte Sanders. "Und ich habe gehört, um auch etwas beizusteuern, dass 1943 hier die Konferenz von Teheran stattfand, bei der die Alliierten wichtige Entscheidungen bezüglich der weiteren Strategie im 2. Weltkrieg trafen."
"Ja, eine Wahnsinnstadt. Sagte ich doch. Sie hat jetzt so an die 6,76 Millionen Einwohner."
"Wirklich sehr beeindruckend. Sind Sie schon länger hier?"
"Ja", erwiderte Elisabeth bereitwillig, "ich befinde mich gerade auf einer Weltreise und habe schon alle fünf Kontinente bereist. Vor einem Monat bin ich hier her gekommen, direkt aus China. Meine Eltern haben mich auf Urlaub geschickt. Ich kann so lange bleiben, wie ich will. Den Eltern geht es nur darum, mich wieder gesund und fröhlich zu sehen."
"Sind Sie krank?" Sanders schaute Elisabeth mitfühlend an.
"In gewissem Sinne schon." Elisabeth sah jetzt sehr ernst aus. "Mein Verlobter ist kurz vor unserer Hochzeit verunglückt. Das heißt, er ist in Polen ermordet worden. Aber ich will nicht weiter darüber sprechen. Ich bin froh, die Depression, in die ich nach seinem Tod gestürzt bin, etwas verkraftet zu haben. Ich bin schon zehn Monate unterwegs und versuche zu vergessen."

Natürlich respektierte Sanders Elisabeths Wunsch.
Am Abend saßen sie in einem romantischen Lokal an einem kleinen runden Tisch in einer gemütlichen Ecke, aßen einen Salat, einige köstlich angerichtete Snaks und tranken genüsslich einen herrlich mundenden Rotwein.
"Wir reden wie zwei vertraute Seelen über Gott und die Welt", wunderte sich Sanders. "Es ist, als wären wir schon immer zusammen."
"Ich empfinde das auch so." Elisabeth stand auf. "Es ist Zeit, ins Hotel zu gehen."
Wie sich herausstellte, war das Hotel genau neben Sanders Hotel. Nur getrennt durch einen Zaun.
"Gute Nacht, Elisabeth." Sanders reichte Elisabeth die Hand. "Sehen wir uns morgen beim Frühstück in meinem Hotel?"
"Sehr gern, Heiko." Elisabeth reckte sich auf Zehenspitzen und küsste Sanders leicht auf die Wange. " Ich werde pünktlich sein."

Als Sanders in seinem Bett lag, dachte er noch sehr lange über das etwas merkwürdige Mädchen Elisabeth nach. So ein junges, hübsches Ding. Nur, er musste lachen, Klamotten trug sie. Ein großblumig gemustertes Kleid in allen Farben. Übersät mit giftgrünen Blättern. Haha. Solche Kleider kannte er nur von den Bildern seiner Großmutter. Aber vielleicht ist das die Mode, die jetzt in China gerade Favorit ist. Andere Länder. Andere Sitten. Doch im Stillen hoffte er, Elisabeth am nächsten Morgen in einem anderen Kleid begrüßen zu können.

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Kommentare  

hallo, jochen, ich freue mich, dass dir anfang gefällt, hoffentlich auch die fortsetzungen.
grüß von


rosmarin (29.11.2009)

Ein gelungener Anfang, realistisch und geheimnisvoll zugleich. Schöne Idee, dass in der Geschichte eine Geschichte vorgelesen wird.

Jochen (27.11.2009)

hallo, doska, danke fürs feedback, die fortsetzung habe ich doch schon gepostet.
gruß von


rosmarin (27.11.2009)

Obwohl diese Geschichte total realistisch geschrieben ist, so hat sie doch irgendwie etwas märchenhaftes. Vielleicht liegt es daran, dass Sanders glaubt schon in seinem früheren Leben in Persien gewesen zu sein? Ein geheimnisvolles Mädchen begegnet ihm außerdem dort. Interessant auch, das muss ich genau wie Ingrid sagen, dass du eine Geschichte in eine Geschichte eingebunden hast. Bin gespannt was daraus noch werden wird.

doska (27.11.2009)

hallo, ingrid jepp, eine geschichte in der geschichte. und so eine geschichte verlangt dem leser ja auch so einiges ab, weil er immer mitdenken muss. beim schreiben hatte ich mich auch so einige male völlig verfitzt. umso mehr freue ich mich, dass du dran bleiben willst.
hier kommen ganz liebe abendgrüße von


rosmarin (26.11.2009)

interessant! ein buch im buch, und auch das mädchen elisabeth ist seltsam, die kleidung und überhaupt... ;)
werde ich weiterlesen


Ingrid Alias I (26.11.2009)

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