253


4 Seiten

Ivs große Liebe

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
© rosmarin
Iv stürzt aus der Kneipe. War sowieso echt schäbig, der Schuppen. Aber etwas Besseres kann er sich nicht leisten. Das verdammte AlmosenhartzVier reicht nicht zum Leben und nicht zum Sterben. Da kann man ja nur noch saufen. Scheißleben. Das.
Iv lacht bitter auf, wischt sich eine selbstmitleidige Träne aus dem Augenwinkel, schwankt die Straße entlang. Die Nacht ist dunkel. Kein Stern blinkt am Himmel. Kein Mond ist zu sehen. Keine Straßenlaterne. Keine Menschenseele.
Iv wird etwas unheimlich zumute, so eine Art Panik erfasst ihn.
Wäre er nur nicht dieser Frau nachgelaufen, dieser Nutte. Diesem Miststück. Verächtlich spuckt er auf die kotige Straße, greift in seine Hosentasche, zerrt ein schmutziges Taschentuch hervor, wischt sich damit angeekelt über den Mund.
Geküsst hat er die Alte auch noch. Die war doch absichtlich vor ihm hergewackelt, in ihrem superkurzen roten Röckchen, den schwarzen Stöckelschuhen. Wieder lacht er laut auf. Hatte ihn in die Kneipe gelockt. Das Biest, das. An den Tresen. Hin und weg war er gewesen, hatte sie angestarrt, war in ihren dunklen Augen, die ihn an die Augen seiner verstorbnen Mutter erinnerten, versunken, konnte nicht widerstehen, hatte ihren grell rot geschminkten Mund geküsst. Natürlich, nachdem er ihr so einiges Alkoholische spendiert hatte. Hahahaha. Bezahlen konnte er natürlich nicht. Er hatte dem Wirt das Futter seiner leeren Taschen präsentiert, der Wirt ihn vom Hocker gezerrt, wütend zur Tür hinaus gestoßen.
„Verdammte Scheiße!“
Iv biegt um die nächste Ecke. Da sieht er etwas leuchten. Schnell läuft er weiter, gelangt auf eine Wiese vor einem großen Miethaus, das von einer alten Laterne an der Ecke schwach angestrahlt wird. Und mitten auf der Wiese steht ein seltsames Gebilde.
„Ick glowe, ick spinne“, lallt Iv. „Wo kommst du denn her? So mitten in de Nacht.“
Verwundert starrt Iv auf das seltsame Ding, das aus drei zusammen gebundenen Stäben besteht und auf dem ganz oben ein Blumentopf sitzt.
„Ick glowe, du bist een Blumenständer“, murmelt er. „Und so wunderschön.“ Er betrachtet das Gestell von allen Seiten, streicht zärtlich über die glatten Stäbe, küsst den Blumentopf. „Viel schöner als die Olle. Dir nehme icke mit nach Hause."
Iv klemmte sich das Ding unter den Arm, torkelt, leise vor sich hin summend, weiter.
„So wunderschön. So wunderschön.“

Iv wohnt nur einige Häuserblocks weiter. Mit dem Blumenständer unter dem Arm steigt er die vier Treppen zu seiner Wohnung hinauf, findet nach einigem Suchen in seiner Jackentasche den richtigen Schlüssel, schließt die Tür auf.
"So, mein Schmuckstück", murmelt er, stolpert, hält sich an dem Gestell fest, kann sich noch fangen. „Du hast mir jerettet. Dafür bekommst du auch den besten Platz.“
Zwischen seinem Bett und dem gardinenlosen Fenster stellt er den Blumenständer ab.
„Hier hast du einen schönen Ausblick.“

Mit sich und der Welt im Einklang, setzt sich Iv auf sein Bett, erfreut sich noch einige Zeit an dem Anblick des Blumenständers, schläft endlich ein.
Als er am späten Nachmittag erwacht, gilt sein erster Blick der neuen Eroberung.
„Du bist noch da, mein Schmuckstück“, murmelt er. "Mann, habe ick een Durst.“
Mühsam wühlt er sich aus dem Bett, kriecht auf allen Vieren in die Küche, öffnet die Kühlschranktür, findet in der hintersten Ecke eine Dose Bier.
„Det is eener der schönsten Augenblicke in meinem Leben“, freut er sich, „wenn man mit sein Kater in Clinch is, es eenem so miserabel geht, und man denn so een hübschet, kaltet Bierchen im leeren Kühlschrank findet, ist det een vollkommen glückseliger Höhepunkt.“
Iv nimmt sein Bierchen, setzt sich wieder auf seine Lagerstatt, betrachtet verliebt das Blumentopfgestell, trinkt gierig, schläft wieder ein.

Drei Tage später.
Wieder ist Mittag. Und wieder liegt Iv im Bett. Ungestümes Klopfen schreckt ihn aus dem Schlaf. Mühsam setzt er sich auf. Was hat das wohl zu bedeuten. Das Klopfen wird ungehaltener. Dann Stille. Doch nur einen Moment. Jemand macht sich am Türschloss zu schaffen. Iv kann es ganz deutlich hören. Und auch zwei Männerstimmen.
Wer und was es auch sein mag, es wird schon wieder aufhören. Er öffnet nur ungern seine Tür, besonders, wenn er im Bett liegt.
Also legt er sich wieder hin, zieht die blaurot karierte Decke über seinen Kopf.
Der Lärm wird immer aufdringlicher.
„Himmelherrgottchennochmal!“
Iv kriecht aus dem Bett. Na, gut. Er wird jetzt der Sache auf den Grund gehen. Entschlossen greift er nach dem weißlichgrauen Bademantel, der wie eine Fußmatte vor dem Bett liegt, geht die wenigen Schritte zu Tür, schließt sie auf.
Im selben Moment stürmt ein Riesenkerl in das Zimmer.
„Da ist er!! Da ist er!“ Der Kerl fuchtelt wild mit den Armen, stößt mit einem Finger in die Ecke am Fenster. „Da ist er! Da ist er!“
Der zweite Kerl betritt nun auch die Wohnung, schließt leise die Tür hinter sich.
„Guten Tag“, grüßt er höflich und spricht sofort weiter: „Sie sind verdächtig, diesen Blumenständer gestohlen zu haben.“ Er sieht Iv, der völlig verdattert in seinem verschlissenen Bademantel in der Mitte des Zimmers steht, strafend an. „Haben Sie etwas dazu zu sagen?“
Iv weiß nicht, was er von dem Überfall halten soll. Er hat auch nichts zu sagen; er holt sich erstmal eine zerknitterte Zigarette aus seiner Bademanteltasche, bittet die Beamten um Feuer, beginnt zu rauchen.
„Sie wurden beobachtet“, sagt der zuletzt eingetretene Zivilbeamte. „Ziehen Sie sich etwas über und kommen Sie mit.“

Auf dem Polizeirevier erzählt Iv zum wiederholten Male seine Story.
“Sie hören von uns“, sagt ein Beamter.
Iv kann gehen.
Wochen später liegt eine Vorladung in seinem Briefkasten.
Betreff: Gerichtsverhandlung.
Missmutig, unrasiert, in Klamotten, die einer Gerichtsverhandlung nicht gerade würdig sind, sitzt Iv auf der Anklagebank.
Neben dem Richter sitzen die Schöffinnen. Einen Staatsanwalt scheint es nicht zu geben. Aber einen Richter. Er vertritt wohl den Staatanwalt gleich mit. Auch den Verteidiger. Und die angekündigte Zeugin vielleicht auch. Iv kichert hinter seiner Hand. Jedenfalls ist nirgends eine zu erblicken.
„Ist die Zeugin endlich eingetroffen?“ Der Richter blickt den Gerichtsdiener ungeduldig an.
„Nein. Leider noch nicht.“
Die alte Ziege sitzt bestimmt immer noch an ihrem Fenster, grinst Iv vor sich hin. Auf die können die lange warten.
Der Richter wartet noch ein Weilchen, raschelt dann mit den Akten, wandet sich zu Iv:
„Ihre Personalien, bitte.“
„Die kennen Se doch.“
„Ich will sie aber von Ihnen bestätigt haben.“
Iv schweigt verbockt.
„Gut. Dann erzählen Sie uns bitte etwas über Ihren Werdegang. Und Ihre derzeitige Situation.“
Ivs Gesichtszüge erstarren. Seinen Werdegang? Seine derzeitige Situation? Was geht das den Richter an. Und was hat das mit dem Blumenständer zu tun.
Iv schweigt hartnäckig.
„Gut.“ Die Stimme des Richters ist eine Nuance schärfer als vorher. „Dann erzählen Sie uns jetzt bitte den Tathergang.“
„Na, jut, Herr Richter, den könnese haben. Obwohl icke den och schon so oft erzählt habe.“
„Ich brauche ihn aber noch mal. Bitte berichten Sie. Aber wahrheitsgemäß. Sie dürfen nicht lügen, und nichts verschweigen. Ich kann Sie auch vereidigen lassen.“
„Schon gut, Herr Richter.“ Iv setzt sich gerade hin. „Ick kam jerade aus der Kneibe an ne Ecke und war stockbesoffen. Uff emal fand ick mir uff de Wiese wieder. Da vor det Hochhaus. Un was erblicken meine entzündeten Ogen? Det Blumenjestell. Det wunnerschöne. Mit dem Blumentopp obendruff. Ja. Un dann hab ick det Ding mitjehen lassen. Det wollte zu mir. So war det. Un det is de volle Wahrheit. So wahr ick hier steh. Herr Richter von Jottes Gnaden.“
„Gut.“ Der Richter schließt die Mappe mit den Unterlagen. „Da die Zeugin nicht erschienen ist, spreche ich hiermit den Angeklagten aus Mangel an Beweisen frei. Die Kosten trägt die Staatskasse. Und Sie“, er wendet sich an Iv, „bringen den Blumenständer bitte wieder dahin, woher Sie ihn genommen haben. Verstanden?“
„Ja, Herr Richter.“
„Die Sitzung ist geschlossen.“

Natürlich denkt Iv nicht daran, den Blumenständer, sein Schmuckstück, wieder zurück zu bringen. Stattdessen kauft er sich eine schöne Rankepflanze mit dunkel - und hellgrünen Blättern, pflegt und hegt sie und erfreut sich täglich an ihrem prächtigen Gedeihen. Ja, er behandelt sie wie eine Geliebte, oder besser, wie man eine Geliebte behandeln sollte. Er verspricht ihr den Himmel auf Erden. Bereitet ihr den Himmel auf Erden. Gießt sie, nährt und streichelt sie. Und vor allem - er spricht mit ihr.

Drei Monate später.
„Du hast eenen jans neuen Menschen aus mir jemacht.“ Liebevoll streichelt Iv die Leben strotzenden Blätter der Pflanze. „Nur wejen dir hab ick mir so verändert. Die Arbeit bei de Müllabfuhr is ooch nich die schlechteste. Un ick trinke ooch nicht mehr so ville. Ick will mir ja nich vor dir schämen müssen. Meine Liebste.“

***
 
Wenn du registriert und angemeldet bist und selbst eine Story veröffentlicht hast, kannst du die Stories bewerten, oder Kommentieren. Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diese Story kommentieren.
Weitere Aktionen
Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diesen Autoren abonnieren (zu deinen Favouriten hinzufügen) und / oder per Email weiterempfehlen.
Ausdrucken
Kommentare  

hallo, petra, vielleicht kann es tlonk ja noch unter satire bringen, gehört wirklich da hin.
gruß von


rosmarin (09.01.2010)

Gut geschriebene originelle Geschichte.

doska (09.01.2010)

Mir geht`s wie Jochen. Ich sehe das als Satire und da darf das durchaus so sein. Herrlich seltsamer und ziemlich eigenwilliger Iv.:))

Petra (08.01.2010)

hallo, jochen, danke für deinen ausführlichen kommentar. du hast genau den punkt getroffen was die aussage betrifft. aber muss eine geschichte denn wahr sein? dann wäre es doch ein bericht. es könnte ja aber auch so gewesen sein. wir wissen doch, dass es nichts gibt, das es nicht gibt. und, ich schreibe doch immer wahre lügengeschichten. mir kommt es hauptsächlich auf die aussage und die pointe, die bei keiner kurzgeschichte fehlen sollte, an.
hier kommen ganz liebe grüße an dich


rosmarin (07.01.2010)

Nette Geschichte, liest sich gut runter, aber glaubhaft finde ich sie nicht. Nicht wegen der Gerichtsverhandlung, sondern, dass ein Blumenständer einen Trinker wieder zu einem (halbwegs) "gesunden" Menschen machen kann. Gibt aber trotzdem grün, denn die Story ist wie gesagt klasse geschrieben. Du hast außerdem den Leser auf humorvolle Weise auf das Elend einer "Randgesellschaft" aufmerksam gemacht, ohne großartig den Zeigefinger zu heben und das ist eigentlich um vieles mehr wert als der Wahrheitsgehalt. Außerdem kann man diesen Text auch gut als Satire durchgehen lassen und die darf ruhig überspitzt geschrieben sein. Man weiß, was - durch die Blume *Grins* - uns Lesern sagen willst.

Jochen (07.01.2010)

na also, pflanzen sind die besseren frauen... ;))
ich wünsch dir noch einen schönen tag!


Ingrid Alias I (06.01.2010)

Login
Username: 
Passwort:   
 
Permanent 
Registrieren · Passwort anfordern
Mehr vom Autor
Nimm mich wieder  
Stimmung am Meer  
Der Deutsche Michel  
Die Kinder von Brühl 18/Teil1 - Plumpsklo und Gänseblümchen/Episode 21/ Der Flüchtlingsjunge und das Kohlestückchen  
Frühling  
Empfehlungen
Andere Leser dieser Story haben auch folgende gelesen:
Mitten im Leben  
Die Belfast Mission - Kapitel 11  
Das Licht der Hajeps Band 6 / Zarakuma - Kapitel 3, 4, 5, 6 u.7  
Warum es keine Eisenwürmer gibt  
Three Night Stand - Liebe ist simpel (Kapitel 12)  
Das Kleingedruckte | Kontakt © 2000-2006 www.webstories.eu
Counter

Counter Web De