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4 Seiten

Crysella und der Schwarze Mond/ Kapitel 1

Romane/Serien · Fantastisches
© rosmarin
- Erotischer Psychothriller -

- Roman -



Mein Mond

Am Himmel hängt der Halbmond
Er ist noch nicht ganz voll
Ich weiß nicht was ich mit dem Halbmond
Anfangen soll

Denn nur in Vollmondnächten
Flieg ich hin zu dir
Verlasse meine Hülle
Werde zum Vampir

Muss dein Blut aussaugen
Deine Seele auch
Muss spüren wildes Feuer
In meinem leeren Bauch

In der Hölle mit dir tanzen
Über Asche Glut
Im Gestank des Schwefels
Ach wie wohl das tut

Verbrennen in der Hölle
Mit dem was übrig bleibt
Mit Körper Geist und Seele
In die Unendlichkeit

Tausend Sterne werden fallen
Vom dunklen Himmelszelt
Doch schöner noch als alle
Strahlst du mein Mond

Mein Freund

*


- Wer in die Tiefe seines eigenen Ichs hinabsteigt, entdeckt dort nur das Nichts. Wenn er sich und die Welt vergessen will, muss er sich der Liebe hingeben, deren Priesterinnen leichter ihren Körper als ihr Herz verschenken und das Symbol des Verderbens sind. -

Ich weiß, was ich glaube.

*


1. Kapitel
____________
Geübt glitten ihre Finger über die Tastatur.
-Das Werk des Dichters Baudelaire steht unter dem Einfluss des Schwarzen Mondes.-
Nachdenklich hielt Crysella einen Moment inne, bevor sie schnell weiter schrieb:
-Er besang die Zerstörung. In seinen Versen wechseln sich Gut und Böse, Leben und Tod, Zurückweisung und Hingabe ab. Die einzige und höchste Wollust der Liebe läge in der Gewissheit, das Böse zu tun, schrieb er. Und Mann und Weib wüssten von Geburt an, dass das Böse alle Wollust enthalte.-

Langsam nahm sie die Finger von der Tastatur. Lauschte. Ricardo eilte die Treppe zum Schlafzimmer hinauf. Sie hörte, wie er hastig zwei Stufen übersprang, dann im Schlafzimmer verschwand.
„He, Ricardo, beeil dich!“, rief sie ihm nach, während sie in die Küche ging, das Essen zu bereiten. „Wir frühstücken gleich.“
Doch noch bevor sie den Kaffeeautomat in Betrieb nehmen konnte, stand Ricardo plötzlich vor ihr, in jeder Hand einen Koffer.
„Bin schon da.“ Er küsste sie leicht auf die Wange. „Bis dann, Liebste.“
„Aber das Frühstück. Ricardo.“
„Brauche ich heute nicht.“
Weg war er.

Wie aus weiter Ferne vernahm sie das Geräusch des Motors ihres gemeinsamen BMW. Sie rannte hinaus in den Garten. Das Tor stand weit offen. Das Auto war weg. Ricardo war weg.
Ungläubig schlich sie zu der weißen Bank. Noch gestern Abend hatten sie hier gesessen. Hand in Hand. Und den Sternenhimmel beobachtet. Und die weißen Blüten des Kirschbaumes waren auf sie herab gefallen.
Ihr schien, als habe sich seit gestern die Welt verändert. Alles war so unwirklich. So traumhaft. So nebulös.

Als es Abend wurde, saß sie noch immer auf der weißen Bank. Dämmerung hüllte sie in ein Gefühl zwischen Traum und Wachen. Die laue Frühlingsluft war erfüllt von dem geheimnisvoll süßen Duft, den die Natur wie jedes Jahr großzügig verströmte. Die blühenden Bäume erglänzten matt im Schein der untergehenden Sonne. Letzte Bienen schwirrten leise summend umher. Die Vögel sangen ihr Abendlied, wiegten sich im dichten Blütenmeer des Kirschbaumes.
‚Und doch ist alles, wie immer‘, dachte sie trotzig, ‚nur ich nicht‘.
Sinnend schaute sie in das silbrige Licht des Mondes. Und plötzlich war ihr, als würde in ihrer Seele alles Licht erlöschen. Der Mond hatte die Farbe gewechselt, war schwarz geworden, nicht mehr zu unterscheiden von der Dunkelheit des Himmels.
‚Echt gruselig‘.
Sie fror plötzlich. Wo war der verdammte Kerl bloß. Sie würde allein sein in dem großen Haus. Er wusste doch, dass sie sich fürchtete, wenn er nicht da war. Wie konnte er ihr das antun. Wenn er sonst auf Reisen ging, hatte immer Gabi bei ihr geschlafen. Ihre beste Freundin. Außerdem hatte er nichts von einer Reise verlauten lassen. Vielleicht kommt er ja gleich zurück. Aber er hatte die beiden Koffer bei sich. Die Reisekoffer. Seltsam war das schon.
Allmählich war es auch empfindlich kühl geworden. Und stockdunkel. Und der Mond war auch verschwunden. Sie konnte hier nicht ewig sitzen. Sitzen und grübeln.
Entschlossen stand sie auf, ging ins Haus. Schlich wie eine Diebin leise durch die Zimmer. Alles erschien ihr fremd. Fremd, aber auch irgendwie vertraut. Und geheimnisvoll. Ihr war, als würde sie dieses Haus zum ersten Mal betreten. Ein Geisterhaus, in dem es aus allen Ecken zu wispern und zu flüstern schien. Schaudernd knipste sie das Licht an. So, schon besser. Aber das seltsame Gefühl verschwand nicht. Verstärkte sich eher noch. Wie die winzigen Angsttröpfchen auf ihrer Stirn. Schnell ins Bad.
Auf dem Frisiertischchen sah sie etwas blinken und blieb verwundert stehen. Da lag es. Ein Messer. Das Messer. Vorsichtig nahm sie es in die Hand, betrachtete es von allen Seiten, strich immer wieder über die scharfe Klinge.
„Das Buschmesser“, flüsterte sie. „Ein selten schönes Exemplar."
Ricardo hatte es von einer seiner vielen Afrikareisen mitgebracht. Bestimmt hatte er es aus Versehen heute hier liegen lassen. Schnell weg damit. In die Schublade.
Schon wollte sie dem Gedanken die Tat folgen lassen, als ihr Blick in den Spiegel fiel und sie zu Tode erschrak.
Instinktiv wich sie einen Schritt zurück. Trat näher. Wich zurück. Trat näher. Das konnte nur ein Trugbild sein. Ein Trugbild ihrer überreizten Sinne.
Der Spiegel zeigte eine fremde Frau. Eine wunderschöne Frau. Die Augen groß und hell. Die Brüste voll und rund. Die Haut weiß wie Marmor. Und Haar, das an züngelnde Flammen erinnerte, fiel in gleichmäßigen Wellen bis zur Taille.
Wie hypnotisiert versank sie in den grünen Augen dieser wunderschönen Frau.
Ein Mondstrahl irrte durch das Fenster, tanzte golden auf dem Haar der fremden Frau, ließ es erschimmern in kupferroter Pracht und verschwand.
„Wer bist du?“ Mit ihren Fingern zeichnete Crysella das Oval dieses ungewöhnlich schönen Gesichts der wunderschönen Frau nach. „Sag mir, wer bist du.“
Die Frau lächelte geheimnisvoll, spitzte ihre vollen, roten Lippen wie zu einem Kuss und sagte mit einer Stimme, die wie zärtliche Musik in Crysellas Ohren klang, wie beschwörend:
„Mein Name ist Lilith.“
„Lilith?“ Crysella verzog spöttisch ihren Mund. „Die Lilith?“
„Dein Schatten.“
„Aber…“
Noch bevor Crysella weiter sprechen konnte, fuhr die Frau wie in einem Beschwörungssprechgesang fort:

„Schwarze Träume
Wecken in dir die Glut
Des Verlangens
Glühen schmerzvoll
In wilder Sehnsucht
Die du nicht stillen kannst
Zu schwach sind deine
Melancholischen Visionen
Doch höre
Kraft meiner Zaubermacht
Entflamme ich in dir
Düsterste Begierden
Unendliche Lüsternheit
Liebe
Trauer
Peinvolles Leid
Und so wie diese wachsen
Wächst deine Abhängigkeit
Mein Geist
Umschlingt einer Schlange gleich
Deinen Körper
Verbrennt deine Wünsche
Zwischen meinen Händen
Werden deine Träume zerfließen
Schreien nach den
Gottlosesten Sünden
Und Todesschmerz
Eiskalt dein Herz umhüllen
Und deine Seele
Den Weg alles Sterblichen gehen
Komm
Press deinen Mund auf meinen Mund
Ich trinke deine bittersüße Schuld
Komm
Nimm ihn hin
Den Kuss des Todes
Die Sünden der Schöpfung sind köstlich
Die Dämonen unersättlich.“

Erschrocken war Crysella einen Schritt zurück gewichen. Konnte nicht glauben, was sie sah. Stand wie erstarrt.

Lilith krümmte ihren rechten Zeigefinger, so als wolle sie Crysella auffordern, doch näher zu treten.

-Ihr Haar ist lang und rot wie eine Rose, ihre Wangen sind weiß und rot, an den Ohren hängen sechs Schmuckstücke. Ihr Mund ist wie eine schmale Tür gesetzt, angenehm in seiner Zier, ihre Zunge scharf wie ein Schwert, ihre Worte glatt wie Öl, ihre Lippen sind rot wie eine Rose und süß von aller Süße dieser Welt.-

Wo hatte sie das nur gelesen. Ah, ja. (Sohar 1 148a... )

Crysella starrte auf Liliths Ohren. Kein Schmuck war zu sehen. Sie waren entzückend klein und rosig. Doch an Liliths Zeigefinger funkelte ein schwarzer Ring. Hämatit, zur Hälfte mit einer goldenen Schlange verziert. Verführerisch wand sie sich um einen grünenden Zweig, der sich am Ende etwas in die Höhe reckte. Und ganz oben auf der Spitze steckte ein winziges, schwarzes Kreuz, verziert mit einem Diamanten.

„Komm, nimm ihn hin, den Kuss des Todes“, wiederholte Lilith und spitzte auffordernd ihre vollen Lippen.
Wie in Trance drückte Crysella ihre Lippen auf Liliths im Spiegel.

„Asche zu Asche
Vom Leben zum Tode
Dir gehört der erbarmungswürdige Leib
Mir aber gehört die Seele.“

Lilith verschwand wie ein Spuk. Der Spiegel war ein Spiegel.


***

Fortsetzung folgt
 
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Kommentare  

hallo, petra und ingrid, danke euch. in neuerer zeit ist lilith wieder in den horoskopen aufgetaucht. als das unbewusste, dunkle, aber auch befreiende, sich weiter entwickelnde. und das betrifft nicht nur die frauen. baudelaire soll lilith im achten haus gehabt und unter dem einfluss des schwarzen mondes, also, lilith, geschrieben haben. das hat auch mich zu der crysellageschichte inspiriert.
grüß euch


rosmarin (29.01.2010)

vielleicht hat crysella ja etwas von lilith in sich, wie fast jede frau.
jedenfalls toll und mystisch geschrieben. ;)
lieben gruß


Ingrid Alias I (28.01.2010)

Das sind ja tolle romantische Gruselbilder, die du uns mit deiner Geschichte vor Augen zauberst. Werde gleich das nächste Kapitel lesen.

Petra (28.01.2010)

hallo, doska, hallo, jochen, dank euch für die kommis. und den anderen fürs lesen und bewerten. jepp, es ist magie. und wer sich mit den dunklen mächten einlässt..., na, ich will ja nichts vorweg nehmen.
grüß euch


rosmarin (28.01.2010)

Wollüstig und gefährlich scheint Lilith zu sein. Crysella hat sich wohl zu sehr mit dem Thema ihrer Doktorarbeit beschäftigt. Hat sie damit etwa Lilith herbeigerufen? Hübsches Weib jedenfalls. Ich würde sie nicht von der Bettkante schubsen, obwohl ....mit den finsteren Mächten sollte man eigentlich vorsichtig sein.

Jochen (27.01.2010)

Magie oder vielleicht auch nicht? Lilith scheint jedenfalls Macht über die anlehnungsbedürftige Studentin Crysella gewonnen zu haben. Sehr schön spannend und mysteriös. Bin gespannt wie es weitergeht.

doska (27.01.2010)

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