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5 Seiten

Preis der Lust/ Kapitel 13

Romane/Serien · Erotisches
© rosmarin
13. Kapitel
___________
„Überraschung!“ Gigan hielt einen riesigen Rosenstrauß vor mein Gesicht. „Mach dich schön, mein kleiner Faulpelz. Heute ist der große Tag. Die Vernissage. Mein Debüt.
Freudig überrascht erhob ich mich von meinem Liegestuhl, eilte, mich schön zu machen.

Als wir in Bodos Galerie in einer Seitenstraße mit fußgängerberuhigter Zone in Kreuzberg ankamen, waren noch keine Gäste da.
„Die Leute kommen immer erst so gegen neun Uhr“, begrüßte uns Bodo, der seine Arbeit am Tresen unterbrochen hatte, und freudig auf uns zukam. „Das also ist deine liebe Frau Gigan“, sagte er und drückte mir einen Kuss auf die Hand und einen Blick in meine verwunderten Augen. „Wunderschön“, schmeichelte er, „du hast nicht übertrieben.“ Bodo hielt noch immer meine geküsste Hand. „Er wird Karriere machen“, wandte er sich wieder an mich, „ich habe einige wichtige Pressemenschen eingeladen. Auch einen Dichter, der am späten Abend seine erotischen Geschichten zum Besten geben wird. Dem Thema angepasst“, fügte er schelmisch hinzu mit einem Wink auf die Bilder, die im Großformat die frisch weiß getünchten Wände der zwei länglichen Räume schmückten, „Erotik in den schönsten Facetten.“

Ich war so überrascht, dass mir die Worte fehlten. Stumm stand ich vor den Bildern. Ging von einem zum anderen, erfasst von einer inneren Erregung, die sich immer mehr ausbreitete und allmählich zur Bedrohung steigerte.
Wann hatte Gigan diese Bilder gemalt? Bestimmt in D.. Hier hatte er ja bisher noch keine Möglichkeit gehabt, obwohl, überlegte ich, er hätte die Staffelei ja auch im Garten aufstellen können. Hatte er aber nicht.
Abwechselnd schaute ich die Bilder und Gigan an, der mit Bodo am Tresen hantierte, und vertiefte mich dann endgültig in diese Kunstwerke.
Nicht, dass sie mir besonders gefielen, diese Bilder. Nein, sie stießen mich eher ab in ihrer Derbheit, ihrer Aufdringlichkeit, wie mir schien, ihrer in grellbunte Farben getauchten
animalischen Sinnlichkeit, die in Übergröße auf mich herabblickten. Böse, traurig, gierig, unglücklich, glücklich, lachend, lächelnd. Manchmal in lasziv obszönen Posen.
Allmählich geriet ich in einen suggestiven Rauschzustand. Mit Macht überfiel mich die Erinnerung an den Keller in D.. Unsere Spiele. Meine Ohnmacht. Unsere Lust. Das rote Auge der Kamera. Die Kohlezeichnungen. Unsere Spiele. Das Leben im Keller der unfreiwillig freiwilligen Unterwerfung. Mensch Gigan. Aber malen kannst du.

Alle Bilder waren ähnlich. Die Augen. Die Haare. Die Körper. Die Farben. Doch auf jedem Gesicht anders verteilt, sodass sie unkenntlich waren für Außenstehende.
In einem Gesicht leuchtete Rot, im nächsten kühlte Blau, in dem daneben erblühte goldenes Sonnenlicht gelb und orange. Und um all diese Gesichter erblühten exotische Blümchen, Fische, Vögel, anderes Getier und mystische Fabelwesen, die die Bilder in eine geheimnisvolle Aura zu tauchen schienen.
Es war mein Körper, meine Lust, meine Melancholie, manchmal auch Gigan in Aktion, das er auf die Leinwand gebannt hatte.

„Gigan malt den Mantel der Seele.“ Erschrocken blickte ich auf. Bodo stand neben mir. „Erregend“, sagte er und sah mich mit erregten Blicken an, „ich weiß Bescheid."
Worüber wusste Bodo Bescheid? Über Gigan und mich? Unsere Spiele? Das wollte ich lieber nicht vertiefen.
„Vielleicht malt er ja auch den Spiegel der Seele", sagte ich lakonisch.
„Mantel oder Seele", erwiderte Bodo. „Beides ist unerhört geheimnisvoll."
„Kann schon sein."
„Gigan hat mich eingeladen", sagte Bodo unvermittelt, „wir könnten ja mal zu dritt?“
Bodos dunkle Augen funkelten übererregt aus seinem schönen Gesicht mit den ebenmäßigen Zügen unter dunkel gelockten Haaren.
„Zu dritt?“, stotterte ich, während ich fühlte, dass ich rot wurde, weil ich dachte: Warum nicht. Eine kleine Abwechslung könnte nicht schaden. Zu dritt. Verlockend. Ich hatte davon gelesen, doch nie in Erwägung gezogen, es auszuprobieren. Nie und nimmer. Bei Gigans Eifersucht.
„Gigan ist die Eifersucht in Person“, zögerte ich.
„Er ist einverstanden.“
„Das glaube ich nicht.“
„Ich pusche ihn nach ganz oben.“
„Hast du denn Referenzen?“ Ich erschrak. Hatte ich eben das förmliche Sie vergessen?
„Und ob“, freute sich Bodo, „du strahlst etwas Unergründliches aus“, lenkte er ab, „etwas überaus Geheimnisvolles.“ Bodos Blicke, die schmachtend meinen Körper unter dem leichten schwarzen Kostümchen abtasteten, wanderten von den roten High Heels wieder in meine Augen. „Es sind die Augen“, sagte er leise, „sie sind dämonisch. Sie erschrecken und ziehen mich an“, sagte er fast tonlos, „die Augen und die Haare. Ist dieses Rot wirklich echt?
„Ja“, hauchte ich hingerissen, „alles echt.“
„Ich will die Besitzerin ergründen.“ Bodo fasste nach meiner Hand. „Ihre Seele. Ihren faszinierend schönen Körper.“
Noch so ein Verrückter, dachte ich und lächelte Bodo an, während sich ein intim vertrautes Gefühl wohlig in mir ausbreitete. „Du bist wunderschön“, flüsterte Bodo, „so wunderschön, wie die Frauen aus Tausend und einer Nacht.“

Kurze Zeit später erschienen Pressemenschen, Fotografen und Gäste. Stürzten sich auf das Buffet, aßen, tranken, redeten wild durcheinander, betrachteten kritisch wohlwollend Gigans Bilder, bestaunten die Vielfalt, die animalische Lust, die Authentizität, die die Gemälde ihrer Meinung nach ausstrahlten und zu etwasganz Besonderem machten.

„Der Schöpfer dieser Bilder“, sagte ein Herr von der Presse, „hat keine Geheimnisse. Er gibt sich preis. Er öffnet sich. Lässt das wilde Tier heraus.“
„Wie jeder richtige Künstler“, erwiderte sein Gesprächspartner begeistert, „mit jedem Pinselstrich, jeder Note, jedem Wort offenbart ein Künstler sein Ich, seinen Geist, seine Seele und wird somit glaubwürdig. Dieser Gigan hat es geschafft."
„Dank seiner Muse, schau mal“, sagte der erste, „wie schön sie ist in ihrer Lust. Dieser Körper. Diese Haltung. Dieses wunderschöne wilde rote Haar, das ihre weißen Brüste fast verdeckt“, schwärmte er, „ist sie nicht hinreißend?“
„Hat der ein Glück.“
„Eine Frau muss aber auch dafür geschaffen sein. Sieh mal, wie grazil sie in den Stricken hängt.“
„Überirdisch schön. Fast wie der Gekreuzigte.“
„Eine Frau muss mit dem Künstler schlafen, damit er ihre Seele malen kann.“
„Ach“, spottete ein Fotograf, der sich zu den beiden Männern gesellt hatte, „und ihre Seelen haben die Frauen im Unterleib?“
„Kar.“
„Nur dort.“
Die Männer lachten, vertieften sich in die Bilder, philosophierten weiter über die weibliche Seele in Verbindung mit ihrem Unterleib.

Mir reichte es. Ein Glück, dass außer Bodo niemand wusste, dass ich die vieldiskutierte schöne Unbekannte war. Unerkannt verzog ich mich in eine Ecke und beobachtete das Treiben. Gigan ließ mich in Ruhe. Er war anderweitig beschäftigt.
Nach Mitternacht erschien Rudi, der Dichter, las und trank. Ich trank auch. Gigan hielt sich zurück. Er musste ja noch weit fahren.

*

In der folgenden Zeit trieben wir unsere Spielchen im Freien. Das hatte seinen besonderen Reiz. Nicht, weil man in den Nachbarsgärten, die weit auseinander lagen, unsere Seufzer und Lustschreie hätte hören können, sondern weil es ein unerhört prickelndes Gefühl war, den Himmel über uns und die Erde unter uns zu haben. Richtige Erde. Warme Erde. Feuchte Erde. Es war, als seien wir losgelöst von beidem, schwebten zwischen Himmel und Erde.

*

In dieser Nacht sah der Garten gespenstisch aus. So ganz ohne Licht. Der Himmel dunkel und sternenlos. Nur eine Straßenlaterne verbreitete weit weg diffuses Licht.

„Stell dich da hin“, befahl Gigan herrisch und wies auf unseren Lieblingsbaum, eine uralte Kastanie, die wir scherzhaft Marterhölle nannten. Mit ihren weit ausgebreiteten Ästen, den großen gespreizten Blättern, schien der Baum uns beschützen zu wollen. Gleich einem Dach das Haus. Vor diesem Dach stand die Staffelei. Ich hatte Gigan überredet, hier zu malen. Die Umgebung war ideal. Auch das Licht. Sogar bei Vollmond.

Gigan stieß mich vor sich her.
„Bleib stehen“, zischte er, als wir die Marterhölle erreicht hatten, „rühr dich nicht vom Fleck.“
Ich gehorchte. Klar. Es war ein Spiel. Gigan setzte sich vor mich auf den Boden, starrte mich minutenlang wortlos lächelnd an. Ich veränderte meine Stellung. Spreizte die Beine. Knickte leicht in den Knien ein. So stand ich ohne jegliche Bewegung wie ein Götze, den er nach Belieben anbeten oder bespucken konnte, vor Gigan.
In den letzten Wochen hatte ich gelernt, einen Hebel in meinem Gehirn umzuschalten, wenn ich den Lustschmerz, den Gigan mir in dieser Stellung bereitete, nicht mehr ertragen konnte.

Er hatte mich wieder geschlagen. Fast gehörte es zu unseren Ritualen. Nach mehrmaligem Verzeihen wagte ich nicht mehr, aufzubegehren. Ich erfüllte ihm jeden auch noch so absonderlichen Wunsch. Ich war ihm hörig und seiner brutalen Lust hilflos ausgeliefert. Ich ersehnte, gefesselt, geknebelt, misshandelt, benutzt zu werden. Und als Gigans Ansprüche wuchsen, seine Raffinessen immer ausgeklügelter wurden, bewunderte ich ihn sogar ob seines Einfallsreichtums. Ich war süchtig nach dieser ungestümen unschuldigen Leidenschaft, die sogar vor Hieben nicht zurückschreckte und immer wieder aufs Neue diese verrückte Wildheit in mir entfesselte.

Auch Gigan brauchte diese ständig wachsende, noch intensivere Steigerung der Gefühle und nutzte meinen Körper als Ventil für seine sexuellen Aggressionen, meine Lust, meinen Schmerz, meine völlige Hingabe.
Seine Augen hatten bei diesen wilden Spielen den besonderen eisgraukalten Glanz. Sein Mund war ein Strich. Seine Berührungen und Stöße barbarisch. Wenn er meinen Lustschmerz, den ich kaum noch spürte, ins Unermessliche getrieben zu haben glaubte, ich erschöpft winselte wie ein gequälter Hund, verband er mir die Augen, stopfte einen Knebel in meinen Mund und tobte sich bis zur Erschöpfung in meinem liebesgeschändeten Leib aus.
Wenn alles vorüber war, seine perverse Lust gestillt, weinte er nicht mehr, entschuldigte sich nicht mehr. Er röhrte zufrieden: „Du bist die tollste Frau auf Erden. Du bist wunderbar. Du bist einmalig. Du bist so, wie ich dich haben will. Du meine wunderschöne wilde Blume. Meine Traumfrau. Ich werde immer nur dich lieben.“
„Und ich dich“, versicherte ich gehorsam.

Ich wusste, ich befriedigte seine dunkelsten Seiten. Schenkte ihm das perverse Vergnügen, das seine Lebensenergie zu speisen schien. Wenn er seine Kleidung abgelegt hatte, konnte er primitiv sein wie ein Mensch aus der Steinzeit. Und wenn er versuchte, seine Leidenschaft zu zügeln, staute sie sich auf und ward umso heftiger, sobald er die Zügel schießen ließ. Und diese Stunden liebte ich. Er war dann ein Wunder im Bett. Und mir so unendlich nah. Sobald er mich berührte, nur ansah, schien ich keinen Willen mehr zu haben. Sein Wille war mein Wille. Sein Glück das meine. Wenn er sich in mir, an mir, ausgetobt, das Tier in ihm seine Beute verschlungen hatte, das Feuer erloschen war, küsste er mich zärtlich, war er lieb und fürsorglich und manchmal etwas unterwürfig.
Auch ich war wieder ich. Etwas hochnäsig, selbstbewusst, ein wenig frech. So schienen wir ein ganz normales Paar.

„Bodo kommt heute“, sagte Gigan, „bist du bereit meine wilde Blume?“

***


Fortsetzung folgt
 
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Kommentare  

@else- du hast natürlich recht, aber bestimmt werden ihr bald die augen geöffnet und sie wird erfahren müssen, wie gigan wirklich tickt.
gruß von


rosmarin (15.01.2013)

Also ich glaube so richtig glücklich ist sie mit dem "anderen" mit den "neuen" brutalen Gigan nicht, auch wenn sie es meint zu sein. Wird immer spannender.

Else08 (14.01.2013)

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