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Der Traum vom süßen Leben

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
Ach, das süße Leben war traumhaft schön! Ich schlief bis in die Puppen und dann wurde mir vom Butler das Frühstück am Bett serviert. Champagner, Kaviar, Toast und Rührei. Nach der Entspannungsmassage studierte ich die aktuellen Börsenkurse, orderte per Handy in New York zwei Schiffsladungen Weizen, investierte in einem Großbauprojekt in Dubai und stieß in London unrentable Solar-Aktien ab.

Die beiden Weizen-Schiffe lasse ich nicht wirklich, sondern nur pro Forma per umdatiertem Frachtbrief über den Hamburger Hafen laufen, um die EU-Subventionen abzugreifen. Die schlechte Ernte in Russland lässt die Weizenpreise auf dem Weltmarkt rasant steigen. Dagegen ist Solarenergie seit der Billigschwemme aus China nur noch als Abschreibungsobjekt gefragt. Man muss den richtigen Riecher haben und über gute Insider-Tipps und beste Verbindungen verfügen! Innerhalb weniger Minuten hatte sich mein Vermögen um vier Millionen vermehrt. Und das mit zwei Klicks auf Handy und Laptop. Zufrieden reibe ich mir die Hände. Wie gesagt, das süße Leben ist einfach traumhaft!

*

„Buchen Sie für's Wochenende zwei Flugtickets nach Paris!“ weise ich meine Sekretärin an. „Erster Klasse! Und reservieren Sie zwei Logenplätze im Moulin Rouge und die Übernachtungen wie immer im Carlton!“
„Und was soll ich diesmal Ihrer Frau sagen?“ fragt meine Sekretärin.
„Das Übliche!“ erkläre ich leicht verstimmt. „Dringende Geschäfte! Unvorhergesehene Besprechungen! Bin Montag wieder zurück! Ihnen fällt schon was ein!“

Ich wende mich meinem Spiegelbild zu. Zwei Butler stehen in gebührendem Abstand und halten meine maßgefertigten Schuhe und die goldenen Manschettenknöpfe von Dior bereit. Nichts geht über Stil!

„Haben Sie schon entschieden, wie Sie mit Wirtschaftsstaatssekretär Dr. Wissmann verfahren?“ fragt meine Sekretärin.
„Das nehme ich selbst in die Hand!“ sage ich und lasse mir die Fliege binden. Meine Privatsekretärin weiß viel von mir, aber sie muss nicht alles bis ins Detail wissen. Wissmann wird langsam unverschämt. Der übliche Umschlag mit Zwanzigtausend reicht ihm nicht mehr. Ich werde mit Hagengroll sprechen; der wird ihn zur Vernunft bringen. Denn wenn Wissmann auffliegt, kracht's im Gebälk! Also vorerst weiter zahlen, Augen zu und durch! Wissmanns Insider-Infos sind nicht mit Gold aufzuwiegen. Wissmann kennt seinen Wert. Ich sollte wieder mal für seine Partei spenden; der Mann muss trotz allem im Amt bleiben!

„Haben Sie den Empfang am Montag mit den Pressefritzen ausreichend organisiert?“ frage ich stattdessen meine Sekretärin.
„Aber natürlich!“ antwortet sie. „Die Kampagne ist genauestens mit der PR-Abteilung abgestimmt! Ihr öffentliches Image wird weiter ausgebaut!“
Das kostet mich ja auch genug!‘ denke ich, sage aber: "Gut gemacht! Wenn ich Sie nicht hätte!"

*

Der Abend im Moulin-Rouge und der Champagner hatten auf Susi, meine neueste Eroberung, die erwartete Wirkung. Spätestens als man uns im Carlton fast die Füße geküsst hatte und die unterwürfige Liebdienerei des Personals nicht mehr zu überbieten war, sank Susi tief beeindruckt und willig auf die gemeinsame Matratze.

Alles lief programmgemäß! Auch die Pressekonferenz am Montag. Ich wurde, wie geplant, als Gönner und Spender gewürdigt. Fünftausend für ein Waisenhaus, eine Absichtserklärung für obdachlose Flüchtlinge und die Übernahme der Patenschaft im örtlichen Zoo. Motto: Tue Gutes und sprich darüber! Die Fotos und Lobeshymnen erschienen in den richtigen Zeitungen. Dagegen konnten meine Feinde anstinken solange sie wollten! Ich genoss den Rausch des süßen Lebens!

*

Das Erwachen aus dem Traum kam morgens in aller Herrgottsfrüh mit dem Anruf: „Hier spricht Wissmann, Ihr Case-Manager vom Job-Center! Sie erinnern sich an mich, Herr Dombrowski?! Sie sind schon wieder nicht Ihrer Meldepflicht nachgekommen! Ich hatte Ihnen den Job als Geschirrspüler vermittelt und Sie haben erneut abgelehnt. Diesmal werde ich Ihnen die Hartz-Vier-Bezüge kürzen müssen…!“

„Aber… ich dachte…!“ Mehr konnte ich nicht stottern.

„Sie denken zu viel…!“ polterte Wissmann aufgebracht, „Und Sie träumen zu viel…! Aber Weihnachten und Ihr Traum sind zu Ende! Ich muss sie wohl in die Realität eines Arbeitslosen zurückholen?! Morgen früh um Acht erwarte ich Sie bei mir im Amt auf der Matte!“

Als ich den Hörer auflegte, sah ich meine Frau am Küchentisch sitzen, mit Lockenwicklern in den grauen Haaren und einem schlampigen Nachthemd aus Baumwolle auf dem Leib. Sie hatte sich ein Marmeladenbrot geschmiert und schob mir mit einer Totengräbermiene wortlos die Margarine hin.

Weil ich kein Fahrgeld für den Bus hatte, tippelte ich am nächsten Morgen zum Jobcenter, zog eine Nummer und wartete in der Schlange, bis ich an der Reihe war und Wissmann mich zur Sau machen konnte. Und die Zeitung berichtete schließlich auch über mich. Ich las es zwei Tage später in großen Buchstaben: „Endlich spürbare Sanktionen! Arbeitsloser bekommt wegen grober Pflichtverletzung Hartz-Vier gekürzt! Ist das süße Leben der Sozialschmarotzer jetzt vorbei?“
 
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Kommentare  

Lieber Wolfgang, danke für deine profunden Anmerkungen. Aber wir beide reden (bzw. schreiben) von total verschiedenen "süßen Leben". Und meine "Klischees" sind ganz bewusst eingesetzt und absichtlich total übertrieben und überzeichnet.

Ich habe allerdings den Eindruck, dass ich die sozial-politische Komponente meiner Geschichte nicht deutlich genug ausgearbeitet habe (zumindest ist sie bisher noch nicht bei den Lesern angekommen).


Michael Kuss (26.12.2013)

Hallo Michael,
auch wenn der Schlussteil recht nüchtern und realistisch wirkt, ist wohl der vorausgehende rosarote Traum sehr schablonig und damit vielleicht nicht ganz überzeugend. Dieses Protzen mit Aktien-Schaukeleien, Unmengen Geld und gekaufter Zuneigung ist aus meiner Sicht so anziehend nicht, dass ich davon träumen könnte. Ich denke, dass ein wirklich süßes Leben (also ein wahres "dolce vita") viele Reize bietet, ohne nur auf Klischees setzen zu müssen.

Kurzum: Zwar stimmt Deine sarkastisch-ironische Persiflage, aber ich könnte mir einen Kontrast des Arbeitslosen zu "normalem", erstrebenswertem süßem Leben noch überzeugender vorstellen.


Wolfgang Reuter (26.12.2013)

@ Else: Natürlich sind Träume meistens Schäume, aber bemerkenswerterweise nehmen sie einen großen Platz in unserem Leben ein.

Allerdings gestatte ich mir eine Anmerkung: In meiner sarkastisch-ironischen Satire geht es mir weniger um "Träume" (aber möglicherweise konnte ich das nicht ausreichend verdeutlichen).


Michael Kuss (26.12.2013)

Ob es wohl derart gemütlich ist geschäftliche Telefonanrufe zu erledigen usw. bezweifele ich ein wenig, aber Träume sind ja bekanntlich Schäume. Schöner flüssiger Schreibstil.

Else08 (25.12.2013)

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