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6 Seiten

Es

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Tech steht noch immer mit offenem Munde da, und schaut sich dieses von seinem alten Kumpel und Erzrivalen erschaffene Dings an.„Tech? Alles in Ordnung mit dir?“ Pete geht zu ihm hin, und schüttelt ihn etwas unsanft an der Schulter. „He, Tech, alter Junge. Was ist los mit dir?“ Plötzlich scheint er aus seiner Erstarrung zu erwachen. Sein Blick kommt aus der Ferne zurück, er schließt seinen Mund, schaut sich verwirrt um, erkennt anscheinend wo er ist, dreht sich zu Pete um, und sagt zu diesem immer noch mit einer Blässe im Gesicht: „Pete, wie um alles in der Welt hast du das hinbekommen?“ Dann dreht er sich wieder zu dem Ding um, zeigt auf es, und sagt währenddessen noch einmal aufgeregt zu seinem alten Freund: „Wie um alles in der Welt hast du DAS hier hinbekommen? Es, es, ist es denn überhaupt ein >es<?“
„Es ist ein >es<.“
„Es wirkt aber so echt. Ich meine, ich habe alles versucht, um einen meiner Roboter lebensecht wirken zu lassen. Man kann wirklich vieles imitieren, habe ich dabei gelernt. Man kann Gesichtsausdrücke imitieren. Man kann Bewegungen sehr lebensecht imitieren. Man kann einem Roboter beibringen, einen Löffel zu halten und Suppe am Tisch zu essen, dass es jedem Knigge-Buch niemals eingefallen wäre, irgendetwas daran zu kritisieren. Auch mit der Software kann man heutzutage einiges tun. Man kann sie denken lassen. Man kann sie alles Mögliche mit Hilfe von Deep Learning erkennen lassen. Man kann sie alles mögliche wünschen lassen; ihnen Motivation einimpfen; sogar ihre Handlungsweisen an moralischen Werten orientieren lassen. Fast jede Komponente des Daseins eines Menschen kann man heutzutage annähernd perfekt simulieren. Aber alle diese perfekten Komponenten in einem Verhältnis zusammenzubringen, dass es im Gesamten gesehen echt wirkt, das ist meines Wissens nach noch keinem gelungen. Zumindest nicht in der Weise, wie es dir hier mit diesem Roboter offensichtlich gelungen ist. Also noch einmal meine Frage: Wie hast du das nur gemacht?“
Pete klopft seinem Kumpel freundschaftlich auf die Schulter. „Beruhige dich, alter Junge. Komm, lass uns an den Tisch setzen und erst einmal eine Tasse Kaffee trinken.“
Tech sieht wieder etwas verwirrt aus. „Wie kannst du jetzt nur an Kaffee denken? Ich meine, wir stehen hier vielleicht vor etwas, an dem unser Fachgebiet schon jahrzehntelang vergeblich geforscht hat; wovon die Menschheit vielleicht sogar schon von Anbeginn an geträumt hat. Und du willst, dass ich mich beruhige und mit dir gemütlich einen Kaffee trinke?“
Pete deutet lässig auf seinen Roboter vor ihnen, der die Beiden anscheinend die ganze Zeit über neugierig beäugt hat, während er sagt: „Er läuft uns nicht weg.“
„Ist es jetzt schon ein >er<? Ich dachte, es wäre ein >es<.“
„Nenn es, wie du magst. Es ist und bleibt ein Roboter und wird sich erst bewegen, wenn ich es ihm sage. Also komm, lass uns setzen und erst einmal einen Kaffee trinken. Dann werde ich dir alle deine Fragen beantworten.“
Endlich scheint sich Tech ein wenig zu entspannen. Auch körperlich. Er lässt sogar ein wenig die Schultern hängen. Sein Kumpel führt ihn zu einem kleinen Tisch am Rande der Werkstatt, der irgendwo zwischen all den unzähligen elektrischen Geräten seinen Platz gefunden hat. Dort setzt sich Tech hin und Pete geht zu einer uralten Kaffeemaschine, mit der er, wie auch heute morgen, jeden Tag als festes Ritual vor Beginn seiner Arbeit seinen Kaffee aufbrühen lässt. Es sind noch genau zwei warmgehaltene Tassen übrig. „Wie trinkst du noch mal deinen Kaffee, Tech?“, fragt er seinen Kumpel, ohne sich zu ihm umzudrehen.
„Schwarz, mit einem Würfel Zucker.“
„Ah, richtig. Hab ich doch nach all den ganzen Jahren glatt vergessen.“ Sie hatten sich während ihres Ingenieurstudiums kennengelernt und damals schnell festgestellt, dass sie gleiche Interessen hatten. Sie hatten sich beide für die Robotik interessiert, die damals noch in den Kinderschuhen gesteckt hatte. Gerade mal die Grundlagenforschung war angelaufen. Aber alles zu einem Konzept miteinander zu verbinden, das zufriedenstellend funktioniert, das hatte damals noch in weiter Ferne gelegen. Sie beide hatten sich genau das zur Aufgabe gemacht und schnell festgestellt, wie schwierig es war, das umzusetzen. Sie hatten eine WG gegründet, und in jeder Minute, in der sie zusammen waren, hatten sie hitzig über das vor ihnen liegende Problem diskutiert. Bei dieser Gelegenheit hatten sie auch ihre beider Vorliebe für aufgebrühten Kaffee entdeckt. Wie viel sie von diesem Getränk während ihrer gemeinsamen Jahre konsumiert hatten, konnte keiner von ihnen sagen. Aber es müssen etliche Liter gewesen sein.
Nachdem Pete mit den zwei dampfenden Tassen Kaffee in den Händen zu seinem alten Kumpel zum Tisch zurückgekehrt und sich diesem gegenüber gesetzt hat, und nach dem er danach betont langsam an seiner Tasse genippt und diese vor sich auf den Tisch gestellt hat, schaut er ihn an, und sagt langsam: „Also, schieß los. Was möchtest du wissen?“
Tech kann sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen, als er seinem alten Kumpel mit zusammengebissenen Zähnen sagt: „Das weißt du verdammt genau, was ich wissen will. Nun sag schon: Wie hast du es gemacht?“
„Du kannst dich doch sicherlich noch an unsere Ansätze erinnern.“
„Natürlich kann ich das.“
„Wir wollten die perfekten Komponenten perfekt zusammenbauen, um so am Schluss das möglichst perfekte Resultat zu erzielen.“
Tech nickt heftig. „Ja, das war unser Ansatz.“
„Und du kannst dich doch auch sicherlich an unsere Resultate erinnern?“
„Natürlich. Es gab immer Probleme. Immer schien irgendetwas nicht gestimmt zu haben. Immer hat es irgendeine Komponente gegeben, die sich nicht so recht in das Gesamtbild eingefügt hat. Man konnte es hin und herschieben, wie man wollte, irgendwo ist dann immer irgendetwas aufgetaucht, das das Gesamtbild gestört hat, so dass es nicht perfekt war. Und echt hat es schon gar nicht gewirkt. Wir haben immer geglaubt, es hätte daran gelegen, dass eine Komponente nicht den Perfektionsgrad der anderen erreicht hätte. Dann haben wir nach einer noch besseren Komponente gesucht, und wenn wir in den aktuellen Entwicklungen keine gefunden haben, haben wir versucht, diese selbst herzustellen. Jeder von uns ist dadurch auf irgendeinem Teilgebiet ein Experte geworden. Mich würde nicht wundern, wenn wir über all die Jahre in manchen dieser Gebiete die damals führenden Experten mit unserer Forschung vielleicht sogar übertrumpft haben. Dennoch ist es aber uns bisher nicht gelungen, etwas derart echt wirkendes herzustellen, wie es gerade hier in deiner Werkstatt herumsteht. Also noch einmal: Sag mir endlich, wie du es geschafft hast, sonst raste ich gleich noch aus.“
Pete nippt ein weiteres mal an seinem Kaffee. „Probier doch erst mal was von dem Kaffee“, sagt er anschließend zu seinem Kumpel. „Ist `ne neue Sorte“, fügt er dann noch schnell hinzu.
„Gut, ich probiere deinen Kaffee“, gibt sich Tech geschlagen. „Aber danach hören die Spielchen auf. Du hast mich lange genug auf die Folter gespannt.“ Nachdem Pete zaghaft, fast unmerklich, genickt hat, greift Tech zu der immer noch dampfenden Tasse vor sich, führt sie mit etwas zittrigen Händen zu seinem Mund, nippt daran, scheint tatsächlich überrascht zu sein, wie gut dieser Aufguss schmeckt, setzt die Tasse wieder vor sich auf dem Tisch ab und schaut seinen Freund schweigend und fragend an. Pete seufzt einmal laut und theatralisch auf, und sagt dann mit fester Stimme: „Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass wir genau auf dem falschen Weg waren.“
„Auf dem falschen Weg? Wie meinst du das?“
„Wir wollten alles perfekt haben. Jede einzelne der Komponenten, um so auch im Gesamten gesehen möglichst perfekt zu werden.“ Pete lacht etwas heiser auf. „Es war genau der falsche Weg, alter Kumpel.“
Tech scheint wieder verwirrt zu sein. „Der falsche Weg? Aber wie kann das sein?“
„Ganz einfach: nichts am Menschen ist perfekt. Wie können wir dann also erwarten, dass etwas Perfektes etwas derart Unperfektes perfekt imitieren kann? Das ist doch ein ganz klarer Widerspruch!“
Tech starrt seinen Kumpel wieder ähnlich mit offenem Mund an, wie er es zuvor vor der Maschine getan hatte, nachdem diese eine kleine Konversation mit ihm geführt hatte.
„Verstehst du jetzt, alter Junge?“
Immer noch schaut Tech etwas starr drein. Dann löst er sich aber, und kann auch wieder etwas sagen: „Du hast also versucht, möglichst wenig perfekte Komponenten zusammenzubauen?“
„Nein, wieder falsch.“
Nun scheint Tech etwas wütend zu werden. „Versuchst du mich zu verkohlen?“
„Nein, ganz und gar nicht. Mir ist nur irgendwann klar geworden, dass das Problem nicht in der Sache liegt, sondern in der Begrifflichkeit!“
„Alter, wir sind Ingenieure und keine Philosophen. Wir bauen Sachen zusammen. Es ist doch nicht unsere Aufgabe, irgendetwas zu deuten!“
„In diesem Falle aber schon“, entgegnet ihm sein Kumpel. „In diesem Falle ist es ein Problem für einen Ingenieur UND für einen Philosophen. Denn es geht auch um die Definition des Lebendigen, des Menschen. Ein Ingenieur denkt so, wie wir gedacht haben. Er hat ein handfestes Problem; hat es ausschließlich mit Materie zu tun. Er weiß, dass es ein klar gestelltes Problem gibt, und eine klare Lösung für dieses. Und dass beides mit etwas Materiellem zu tun hat, und nicht mit einer reinen Vorstellung. In diesem Falle ist es aber beides, weil das, was imitiert werden soll, keine Sache ist, sondern etwas Lebendiges.“
„Pah, das ist doch nichts Neues. Denk doch nur einmal an das Flugzeug. Oder an den Hubschrauber. Oder an den Lotusblüteneffekt, also die Nanotechnologie. Schon immer hat man sich an der Natur orientiert und versucht, diese nachzuahmen.“
„Das ist grundsätzlich schon richtig. Aber schau dir doch mal die Technik an, die daraus entstanden ist. Sieht etwa ein Flugzeug aus, wie ein Vogel? Oder ein Hubschrauber wie eine Libelle? Oder ein Fenster, das sich des Lotusblüteneffektes bedient, wie eine Lotusblüte? Unsere Aufgabe ist etwas Anderes. Wir bedienen uns nicht nur der Technik der Natur, sondern versuchen zusätzlich, diese auch noch echt darzustellen.“
Tech runzelt die Stirn. „Und was war die Konsequenz aus dieser Überlegung?“
„Ich habe mir daraufhin die Frage gestellt, ob wir richtig vorgehen, suchen wir nur nach den möglichst perfekten Komponenten.“ Er nippt wieder an seiner Tasse, und fährt dann fort: „Die Antwort war ein eindeutiges Nein, und zwar deshalb, weil der Mensch nicht perfekt ist. In keiner Komponente. Schließlich überflügelt uns unsere Technik in einfach jedem Gebiet spielend. Sei es nun im Bereich der Speicherkapazität, der Geschwindigkeit einer Rechnung, oder in der Kraftausübung, um zum Beispiel etwas hochzuheben. Jede einzelne Komponente ist bei keinem Menschen perfekt. Jeder Mensch hat nur jeweils so viel, wie er jeweils benötigt. Diese Fähigkeiten sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich begrenzt.“
Tech denkt kurz darüber nach. Dann fragt er: „Wie bist du weiter vorgegangen?“
„Welche Begrenztheiten unser Roboter braucht, hängt also davon ab, was für einen Menschen er darstellen soll. Ein Einstein hat andere Begrenztheiten, als ein Hundertmetersprinter bei den Olympischen Spielen. Ich habe mir also nicht mehr die Frage gestellt, welche Fähigkeiten mein Roboter braucht, um echt zu wirken, sondern das genaue Gegenteil. Schon alleine durch diesen neuen Ansatz haben sich unglaublich viele neue Möglichkeiten eröffnet. Ich habe dann systematisch damit begonnen, die einzelnen Komponenten, die es schon gab, unterschiedlich zu begrenzen. Es war wie ein regelrechter Dammbruch. Plötzlich habe ich wie im Fieber gearbeitet. Plötzlich waren die schlechtesten Ergebnisse, die ich durch diesen neuen Ansatz erzielt habe, immer noch hundertmal besser, als alle Ergebnisse, die ich zuvor erzielt habe. Du glaubst nicht, wie echt es gewirkt hatte, als ich in der Interaktion mit einem dieser dadurch entstandenen Roboter gemerkt habe, dass ich in einer Sache besser war, als er. Sei es nun das Kopfrechnen oder die Anwendung von Fremdwörtern. Und das Ding hat plötzlich noch echter gewirkt, als ich dabei gemerkt habe, dass es mir noch aufmerksamer als zuvor zugehört hat, weil es so ausgesehen hat, als wollte es von meiner Überlegenheit etwas lernen. Und plötzlich hatte ich noch einen weiteren Ansatz erlangt: einerseits waren die Defizite ein wichtiger Punkt gewesen, und andererseits der Wille, deshalb von den Menschen etwas lernen zu wollen. Von da an ging es nur noch darum, diese beiden Prämissen in jeder Komponente derart auszubalancieren, dass es in der Interaktion ehrlich und damit echt wirkt. Denn, das habe ich in diesem Prozess gelernt, so entsteht Sympathie und damit das Erleben von Echtheit, offensichtlich auch in der Interaktion mit einem leblosen Gegenstand.“
Tech starrt seinen Kumpel wieder an. „Wow, nicht schlecht“, sagt er nach einer Weile mit aufgerissenen Augen. Dann steht er auf, geht zu dem Roboter hin, schaut ihm in die Augen, anscheinend um ihn sich noch einmal etwas genauer anzusehen, und sagt zu dem Ding: „Wie geht es dir?“ Und es antwortet mit leiser, aber sanfter Stimme: „Ich weiß nicht so recht. Wie geht es Ihnen denn?“
„Besser“, sagt Tech, geht wieder zu seinem Kumpel zurück, und sagt zu ihm anerkennend: „Ich glaube, du hast es tatsächlich geschafft. Ich gebe mich geschlagen.“ Und dann kommt der echte Tech in die Werkstatt seines alten Kumpels Pete, um mal nachzusehen, wie sich sein neustes Robotermodell, sein Ebenbild, bei diesem spontanen Turing-Test geschlagen hat.
 
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Kommentare  

Tolle Geschichte über künstliche Intelligenz und dem Drang nach Perfektionismus. Und am Ende mit einer dicken Überraschung; gute Pointe.
Mir hat die Robotter-Story sehr gefallen.
LG


Frank Bao Carter (14.04.2021)

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