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Erstrebens-wert

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Das Leben ändert sich sehr schnell. Alles ist im Werden. Alles ist vergänglich.
Was bleibt von uns übrig? Was möchte die Nachwelt überhaupt von uns haben? Gibt es irgendeinen Wert, den wir hinterlassen? Haben wir unser Erbe überhaupt im Griff, oder entwickelt es sich einfach so weiter, ob wir dabei nun etwas Bestimmtes wollen, oder auch nicht?

Der Wille ist es, der uns antreibt, etwas sein zu wollen.
Jeder Mensch hat einen Willen. Jeder Mensch möchte etwas sein.
Könnte vielleicht tatsächlich wirklich jeder Mensch werden, was er will? Wie sähe wohl eine Welt aus, in der dies möglich wäre? Könnte es überhaupt so viele Ressourcen geben, um dies zu ermöglichen?
Sicherlich nicht. Ressourcen sind begrenzt. So hat zum Beispiel Zeit eine deutliche Grenze. Sei es nun in Form der Lebens- der Tages- oder auch des Zeitgeistes.
Nahrung hat eine deutliche Grenze. Auch in Form von Qualität und Quantität.
Im Grunde ist alles begrenzt. Nichts ist wirklich grenzenlos. Vielleicht noch nicht einmal das Universum.

Doch innerhalb der vorgegebenen Grenzen ist alles gestaltbar; kann man Kulturarbeit leisten, so viel wie es eben die jeweilige Begrenzung zulässt, in der man sich gerade bewegt.
Man kann es gestalten, räumlich, aber auch mit Ideen. Man kann es mit Sinnzusammenhängen anreichern; der Sache so auch einen Wert verleihen, der im Einzelfall über das rein Materielle deutlich hinaussteigen kann.

Hat etwas Wert, weckt es Begehrlichkeiten, und die Chance erhöht sich, dass es genutzt wird und damit auch erhalten bleibt.
Das kulturelle Gedächtnis ist so entstanden. In ihm wurde nur aufgenommen, was als wertvoll betrachtet wurde, insbesondere als Sinnzusammenhang.
Ein Gemälde zum Beispiel ist im Grunde nichts weiter als Farbe auf Leinwand. Klar, oft wurde dabei eine Farbe gewählt, die sich gut hält, das kann schon sein. Doch erst in der Rezension erhält es auch Sinn; eine Bedeutung; kann es auch einen Wert erhalten, der über die Kosten für die verbrauchte Farbe, die benutzte Leinwand und sogar die Zeit, die es nötig war, es herzustellen, hinausgeht. Denn das Gemälde repräsentiert etwas. Etwas, das sich der Maler dabei gedacht hat, oder das erst durch die Kritik; durch die Rezension entstanden ist.

Van Gogh. Picasso. Monet. Werden diese Namen ausgesprochen, sieht man sofort vor dem geistigen Auge nicht nur Gemälde aufflackern, sondern immer auch Ideen, die stets dahinterstehen; die untrennbar damit verbunden sind.

Leidenschaft. Visuelles Erleben. Eine Ausdrucksform für das Innerliche finden.
Unterschiedliche Seinsweisen. Unterschiedliche Interpretationen.
So entsteht Kultur. So entsteht menschliches (Er-)Leben. So entsteht Wert, der erhalten bleibt; der die Vergänglichkeit des Seins überschreitet; der unser Leben erhöht; überlebt; oft auch andere Leben inspiriert.

Nicht jeder möchte so etwas auslösen. Nicht jeder braucht es. Manche benötigen nur die Rezension; die Inspiration. Andere wollen damit gar nichts zu tun haben. Ihnen reicht es aus, genügend Freizeit zur Verfügung zu haben, um glücklich zu sein. Um sich selbst als erfüllt zu erleben.
Andere brauchen hierzu Familie, Mitmenschen oder eine Arbeit, die ihnen Spaß bereitet.
Doch selbst diese Menschen werden vom kulturellen Gedächtnis beeinflusst und immer auch inspiriert. Nur vielleicht ohne sich dessen so recht bewusst zu sein; sein zu können; vielleicht auch zu wollen.

Ständig muss das kulturelle Gedächtnis erneuert werden; braucht es frischen Wind in den Segeln, um flexibel sein zu können; um für die neue Generation interessant zu bleiben.
Ständig muss das Alte an das Neue angepasst werden; muss es upgegradet werden, damit dadurch auch seine Relevanz erhalten bleibt. Ansonsten wäre es lediglich ein Zeitdokument, auch interessant, aber nur auf die vergangenen Zeitalter bezogen. Auf die Gegenwart nicht unbedingt. Höchstens noch indirekt. Vielleicht als Beweis eines nötigen Entwicklungszwischenschritts.

Was dabei oft weniger miteinbezogen wird: stets gibt es und gab es nicht nur das Licht. Denn wo Licht entsteht, dort muss es zwangsläufig immer auch Schatten geben. Und umgekehrt.
Das kulturelle Gedächtnis neigt aber sehr stark dazu, die dunkle Seite zu vernachlässigen; sich ausschließlich auf das Licht zu konzentrieren; sich darauf zu fokussieren.

Zu einseitig. Denn das Leben hat stets mehr zu bieten. Es benötigt auch mehr, um als Real erlebt werden zu können. Jeder Urlaub beweist dies. Jeder Urlaub ist niemals nur schön; aufregend; exakt so, wie man es sich zuvor vorgestellt hat.
Davor ist der Urlaub oft wunderbar. Und auch danach. Weil das Gedächtnis und das Bewusstsein in ihrem fein abgestimmten Zusammenspiel gezielt die Schattenseiten verdrängen; sie weglassen; aus dem Erlebnis entfernen; herausschneiden; regelrecht heraus sezieren.
Währenddessen aber ist stets ein ganz anderer Bereich. Geradezu eine eigene Instanz. Im direkten Vergleich erscheinen das Gedächtnis und das Bewusstsein geradezu als heimtückisch. Denn sie verklären alles; sorgen dafür, dass man im Gestern oder im Morgen lebt, und nur ganz selten mal im Hier und Jetzt.

Ist das Hier und Jetzt tatsächlich so schrecklich, dass einem ständig ein anderes Sein, oder zumindest eine andere Möglichkeit, vorgegaukelt werden muss? Dass wir ständig in einer Illusion leben müssen, damit unser (Er-)Leben für uns zumindest einigermaßen erträglich bleiben kann?

Vielleicht ermöglicht einem nur die Depression das pure Erlebnis des Hier und Jetzt, weil ohne die heimtückische Beimischung des Bewusstseins oder des Gedächtnisses.
Auch erstrebens-wert?
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