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3 Seiten

(Wechsel-)Spiel

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Das binäre Denken ist sehr attraktiv, weil es das Denken strukturiert; ihm eine Form gibt; diesem im Grunde auch erst in irgendeiner Art und Weise eine Bewertungsmöglichkeit verleiht. Denn ohne das binäre Denken gäbe es keine Unterscheidung zwischen Gut und Böse, Liebe und Hass, 0 und 1. Es gäbe ohne dieses Denken viele Zahlen, natürliche und unnatürliche, es gäbe Brüche, viele unterschiedliche Zustände, Couleurs, Zwischenschritte, höchstens noch Tendenzen oder Prozentangaben oder auch Beschreibung von Verhältnissen zueinander. Alles wäre unklarer zu durchschauen und vor allem auch zu bewerten. Alles wäre unendlich komplizierter, zum Beispiel auch so ganz grundlegende Sachen wie „sich-über-irgendeine-Sache-eine-Meinung“ zu bilden. Denn man müsste hierzu, hätte man keinen binären Code zur Verfügung, einfach so unglaublich viele Faktoren in jedwede Betrachtungsweisen mit einbeziehen, dass das Denken eines Menschen sehr schnell überfordert ist.

Das binäre Denken ist ressourcensparend, und deshalb so attraktiv und auch verführerisch für den Geist. Es sorgt für Reduktion. Auch neigt es sehr stark dazu, sich an vorgegebenen Modellen zu orientieren; Details auszulassen; lediglich an der Oberfläche zu bleiben, und alles von einem höheren Prinzip heraus zu betrachten. Es neigt dazu, aus dieser Perspektive heraus zu strukturieren. Deshalb erscheint es oftmals als überheblich, weil dadurch auch eine rigorose Bewertung „von oben“ ausgehend stattfindet.

Die Frage bleibt offen, wie man es anders gestalten könnte.

Die öffentliche Anerkennung zum Beispiel einer diversen Geschlechtlichkeit scheint mir hierbei auch „nur“ ein Zwischenschritt sein zu können. Aus einem binären wurde ein ternärer Code gemacht. Zwar wurde dadurch die Vielfalt der Betrachtungsweise tatsächlich erhöht, allerdings nur um eine einzige Instanz.
Wie könnte es aber möglich sein, dass unser Denken noch mehr von der Wirklichkeit erfassen kann?
Vollständige Erfassung der Wirklichkeit ist nicht möglich, dies bleibt ein feststehendes Axiom. Doch wie könnten wir es noch weiter erweitern? Und wollen wir dies überhaupt? Was wären die Kosten hierbei? Auf welche Kosten würde eine solche Erweiterung stattfinden müssen? Wären wir uns dieser Kosten dabei überhaupt bewusst?

Das moderne Denken hat für eine Strukturierung und für eine radikale Vereinfachung gesorgt. Hat Menschen strikt zugeordnet; ihnen von einem höheren Prinzip heraus einen Platz zugewiesen, und sie dort auch regelrecht festgehalten; regelrecht fest – gekettet - . Die Postmoderne hat versucht, die Menschen und das Denken von diesen Fesseln wieder zu befreien, allerdings auf Kosten der Darstellbarkeit der Wirklichkeit. Alles wurde explosionsartig vereinzelt; individualisiert; war nur noch abstrakt in seiner Wirkung zueinander und in einer recht formlosen Gesamtheit darstellbar. Das Individuum wurde zwar entfesselt, aber nur noch abstrakt als einzelne Wirkung unter vielen anderen Wirkungen erfasst. Als Faktor also, und nicht mehr als Mensch. Das Innerliche wurde von da an als eine Art „Black-Box“ betrachtet, die bei der Betrachtungsweise keine Rolle mehr spielt; dabei gezielt übergangen wird. So versuchte man die Wertung aus der Betrachtungsweise herauszunehmen, die zuvor durch die Moderne gezielt platziert worden war. Vor allem versuchte man so auch die Bewertung des Individuums herauszunehmen, hat diese aber letztendlich durch die Hintertür der Wirkungen des Individuums auf sein Umfeld und auf das Gesamtsystem wieder in die Betrachtungsweise radikal mit einbezogen, so dass die Nicht-Bewertung durch diese Denkart lediglich eine Behauptung bleibt.

Der Konflikt zwischen systemischem Denken und der realen Lebenswelt einer Person bleibt auch so bestehen. Und ganz wichtig: auch die Bewertung, inklusive gleichzeitiger Behauptung, dass gar keine Bewertung dadurch stattfinden würde.

Sicher ist folgendes: der Mensch, das Individuum, benötigt einen Staat; jemand oder etwas, das ihn lenkt, und zwar nach einem höheren Prinzip, welches zur Folge haben muss, dass es allen davon Betroffenen durch die eigenen Wechselwirkungen zueinander, ob sie dies nun im Einzelnen durchschauen, oder auch nicht, letztendlich besser geht, als ohne die Lenkung durch eine höhere Instanz. Sicher ist auch, dass das Individuum, beziehungsweise der von dieser Lenkung betroffene Mensch, ein grundlegendes Bedürfnis hat, durch das System, das ihn in seinen Handlungen gezielt zugunsten des Gemeinwohls einschränkt, die maximale Freiheit; die größtmögliche Selbstbestimmung erfährt, oder es zumindest als solches erlebt.

Äußerliche Umstände, die nicht geändert werden können, beeinflussen dieses Wechselspiel; dieses Aushandeln zwischen System und den davon betroffenen Individuen. Man denke hierbei nur einmal an die derzeitige Pandemie-Situation.

Doch ist dieses Tal einmal durchschritten, und die Freiheit wieder exakt wie zuvor durch das System ermöglicht, werden diese von den davon betroffenen Menschen viel höher geschätzt, viel mehr vielleicht sogar, als es vorher jemals möglich gewesen wäre. Insbesondere wenn die Menschen dabei das Gefühl haben, sie hätten sich diese Freiheiten selbst zurückgeholt oder gar zurück erkämpft.

Dadurch entsteht im Nachklang ein Nutzen auch durch die Pandemie, nämlich durch die radikale Neubewertung von Seiten der Individuen in Bezug auf ihre erlebten Freiheiten durch das System. Und das Wechselspiel beginnt von Neuem, ohne dass es jemals zu einem Endpunkt kommen kann oder kommen sollte; ohne dass dabei jemals eine Seite gewinnen kann oder gewinnen sollte. Denn gewinnt eine Seite, würde die Gefahr bestehen, dass letztendlich alle dabei verlieren würden, weil dadurch das (Wechsel-)Spiel zwischen Individuum und System enden würde, und ein Endpunkt dessen der Idee dahinter grundlegend widersprechen würde.
Es kann dabei keinen letztendlichen Gewinner geben.

Einfach jeder, ob nun bewusst oder unbewusst, hat mit seinem Verhalten eine wichtige Aufgabe innerhalb dieses Spiels.
 
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