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10 Seiten

Die Kinder von Brühl 18/Teil 2/Essensmarken und Stoppelfelder/Episode 7/Pawel KlefferSpiele und Margariten/Episode 8/Der Läusetag und die verlassene Trude

Romane/Serien · Erinnerungen
© rosmarin
Episode 7

Klefferspiele und Margeriten

Jutta, Karlchen und Rosi saßen im Hof auf der Bank unter dem Zwetschgenbaum. Interessiert schauten sie dem Treiben auf dem Hof zu. Schönes grünes Gras gab es schon lange nicht mehr. Und die lustigen Gänseblümchen, die das ganze Jahr über geblüht hatten, waren auch verschwunden. Weggepickt von den Hühnern.
Mit ihren nackten Füßen scharrten die Kinder im Dreck herum. Aufmerksam schauten sie den Hühnern auf dem Mist zu. Die suchten emsig nach den Insekten und Würmern, die sich in dem Allerlei des Mistes sicher glaubten.
„Gack, gack, gack“, gackerten die Hühner aufgeregt.
„Gack, gack, gack“, äfften die Kinder sie nach. „Kommt doch mal her ihr dummen Hühner. Gack, gack, putt, putt, putt.“
Doch die Hühner wollten einfach nicht gehorchen. Stur blieben sie in ihrer Gruppe auf dem Mist. Scharrten und pickten weiter auf ihm herum.
Der Hahn stand wie immer auf der höchsten Stelle.
„Kikeriki“, rief er manchmal. Doch das klang nicht sehr überzeugend. Er wollte wohl nur kundtun, dass er auch etwas zu sagen hatte.
„So ein lahmer Hahn“, stellte Karlchen fest.
„Und die Pflaumen sind auch noch nicht reif“, ärgerte sich Jutta. „Die sind ja noch ganz grün.“
Mit saurer Miene warf Jutta die zwei grünen Pflaumen, die sie eben von der Erde aufgehoben hatte, auf den Mist zu den Hühnern. Mit lautem Gegacker stürzten sie sich darauf. Wollten sie aber auch nicht.
„Schade, dass wir keine Eier legen können“, lachte Rosi. „Dann brauchten wir die dummen Hühner nicht.“
Übermütig sangen die Kinder:

„Ich wollt‘ ich wär‘ ein Huhn. Dann hätt‘ ich was zu tun. Ich legte jeden Tag ein Ei. Und manchmal sogar zwei. Gack, gack, gack.“

Dabei drehten sie sich im Kreis und flatterten übermütig mit ihren Armen. Bei – jeden Tag ein Ei – gingen sie in die Hocke und gackerten laut. Die Hühner auf dem Mist gackerten solidarisch mit.
Plötzlich hatte Rosi einen Einfall. Abrupt blieb sie stehen. „Wisst ihr was Kinder?“, sagte sie und setzte ihre geheimnisvolle Miene auf.
„Ich weiß nichts“, sagte Jutta.
„Ich auch nicht“, sagte Karlchen.
„Ich aber.“ Rosi stellte sich in Positur. „Ich habe eine Idee“, sagte sie.
„Schon wieder eine?“ Jutta sah Rosi erwartungsvoll an. „Na, die letzte war ja ganz brauchbar.“
„Und die wäre?“, fragte Karlchen nochmal.
„Wir gehen auf die Wiesen“, sagte Rosi, als würde sie sagen: „Ich habe einen Goldschatz aus dem Mittelalter entdeckt.“
„Wir holen doch schon immer das Futter für die Zicklein“, wandte Jutta ein. „Wir waren doch erst gestern dort.“
„Ja“, sagte Rosi“, aber diesmal pflücken wir die Margariten. Also, nur die Margariten. “
„Und wozu?“ Karlchen scharrte gelangweilt mit einem Fuß in der Kuhle vor der Bank. „Sollen die Zicklein jetzt nur noch Margariten essen?“
„Nein.“ Rosi sah die Kinder siegessicher an. „Die binden wir zu Sträußen und verkaufen sie dann. Und dann haben wir Geld für die Spiele. Mit den paar Pfennigen, die Mama uns manchmal gibt, können wir doch nicht viel anfangen.“
„Genau“, stimmte Jutta zu, „fünf Pfennige für uns alle.“
„Und dann sagt sie noch“, meckerte Karlchen empört, „das ist eine halbe Semmel.“
„Also“, freute sich Rosi, „seid ihr einverstanden. Und wenn wir genug Geld verdient haben, können wir uns schöne Murmeln kaufen.“
„Und vielleicht auch was zu essen“, sagte Jutta. „Ich habe schon wieder Hunger.“
„Ich auch“, sagte Rosi, „also wie findet ihr meine Idee?“

Natürlich fanden Karlchen und Jutta die Idee gut. Zumal die Kinder immer Hunger hatten. Das Essen im Haus wurde immer knapper. Die gestoppelten Kartoffeln vom vorigen Jahr waren fast aufgebraucht. Die neue Ernte begann erst Mitte September. Genauso wie die Zuckerrübenernte. Aus den gestoppelten Zuckerrüben kochte Else im Waschkessel unter der Treppe den schönsten Zuckerrübensirup. Natürlich mussten die Kinder ihr Übriges dazu tun. Sie mussten die Zuckerrüben waschen und klein schnippeln, damit sie nicht zu lange kochen mussten. Das dauerte sowieso einige Stunden. Je nachdem wie viel Feuer unter dem Herd war. Für das Feuer brauchte man Holz. Und das war rar. Ein Glück, dass Richard dafür zuständig war. Er hätte so seine geheimen Quellen, hatte er einmal gesagt, und würde schon dafür sorgen, dass immer genug da ist. So war es dann auch. Mit Koks konnte man den Waschkessel ja nicht befeuern.

Mit einem riesengroßen Kochlöffel rührte Else stundenlang die Zuckerrübenstücke in dem Waschkessel. Meistens Nachts. Else rührte so lange, bis der Saft eingedickt war.
Mit den Pflaumen, die nach den Zuckerrüben dran waren, war es etwas einfacher. Die Kinder wuschen die Pflaumen und entkernten sie. Dann begann wieder das Einkochen. Doch so lange, wie bei den Rüben, brauchte Else nicht zu rühren. Die Pflaumen konnten auch mal ein paar Stunden allein vor sich hinköcheln. Doch aufpassen musste Else hier auch. Denn das Pflaumenmus durfte ja nicht anbrennen. Es war schon eine sehr anstrengende Arbeit.
„Doch es lohnt die Mühe“, sagte Else oft, wenn ihr vom vielen Stehen und ständigem Bücken der Rücken weh tat, „das Mus und der Rübensaft bringen uns gut über den Winter. Und ihr helft ja alle fleißig mit“, freute sie sich.

*

Seit einiger Zeit versammelten sich oben am Kleffer einige Kinder, um gemeinsam zu spielen. Wie es dazu gekommen ist, konnte niemand sagen. Jedenfalls wurde die Kinderschar immer größer.
Die beliebtesten Spiele waren Seilspringen. Einzeln oder in der Gruppe. Für das Einzelspiel brauchte man nur ein Springseil. Doch das Seilspringen wurde mit der Zeit langweilig. So traten die Kinder in den Wettstreit. Zwei Kinder sprangen gleichzeitig. Ein Kind zählte die Sprünge. Das Kind, das die meisten Sprünge in einer bestimmten Zeit hatte, war der Gewinner. Später kamen noch Kunstsprünge hinzu. Zum Beispiel auf einem Bein springen. Abwechselnd springen. Geduckt springen. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Sehr beliebt war auch das Seilspringen mit einer dicken Wäscheleine. Dank dieser konnten mehrere Kinder gleichzeitig ihre Kunststückchen vorführen. An jedem Ende der Wäscheleine stand ein Kind. Beide Kinder bestimmten den Rhythmus der Sprünge, während mehrere Kind gleichzeitig sprangen. Wer einen Fehler machte, musste ausscheiden. Bis nur ein Kind übrig blieb. Das war der Sieger.
Das beliebteste Spiel war das Murmelspiel. Das waren Kugeln aus Glas oder Keramik in unterschiedlichen Größen und Farben. Besonders beliebt waren natürlich die großen bunten Glaskugeln. Doch Kugeln aus einfachem Lehm gingen auch. Bemalt oder einfarbig.
Das Murmelspiel war auch ein Spiel für mehrere Kinder. Die Kinder buddelten ein Loch zwischen die lockeren Steine. In einem bestimmten Abstand stellten sich die Kinder in einer Reihe auf. Dann versuchten sie abwechselnd, eine Murmel in das Loch zu werfen. Wer die meisten Treffer in einer bestimmten Zeit hatte, war der Gewinner. Ihm gehörte dann der ganze Inhalt.
Das stachelte natürlich den Ehrgeiz an. Rosi, Jutta und Karlchen hatten davon ziemlich viel. Jeder wollte der Gewinner sein. Doch was nützte der größte Ehrgeiz, wenn man keine schönen bunten Kugeln hatte.
Else hatte den Kindern kleine Säckchen für die Murmeln genäht. Jedes in einer anderen Farbe. Rosis Säckchen war rot. Juttas blau. Und Karlchens gelb. So konnten die Kinder die Murmelsäckchen nicht verwechseln. Das war schön und gut. Doch in den Säckchen befand sich kaum eine Murmelkugel.

Eines Tages hatten die Kinder auf ihren Streifzügen vor der Alten Ziegelei einen Lehmklumpen gefunden. Daraus hatten sie einige unansehnliche Kugeln geformt. „Damit wir wenigstens mitspielen dürfen“, hatte Rosi gesagt, „vielleicht gewinnen wir ja bessere.“
So war es dann auch. Doch dann sagte der Aufpasser: „So geht das nicht. Kinder. Eure Kugeln sind doch aus Lehm. Und die sind nicht einmal gebrannt. Die zerfallen doch gleich wieder.“
Da hatte er natürlich recht. Der Junge war so sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Er hieß Franz. Und er nannte sich selbst Aufpasser.
„Ich bin von jetzt der Aufpasser“, hatte er sich eines Tages vorgestellt. „Ich bin der Franz. Und ich sorge dafür, dass es hier keinen Streit gibt.“
„Wir können selbst auf uns aufpassen“, hatte sich Rosi gewehrt.
„Dann frage ich die anderen Kinder“, hatte Franz gesagt, „ob sie einen Aufpasser wollen.“
„Ich könnte doch der Aufpasser sein“, hatte Rosi geschmollt.
„Du bist noch zu klein“, hatte Franz erwidert, „und außerdem ein Mädchen.“
Die anderen Kinder wollten Franz als Aufpasser. Er hatte sich schon Respekt verschafft.
Franz sah ziemlich verwegen aus. Er hatte blonde, struppige Haare und ganz helle blaue Augen. Seine bestimmt einzige Hose war völlig ausgefranzt. Sie ging ihm nur bis zu den Knien. Anstatt eines Gürtels hielt sie ein dicker Strick in der Taille zusammen. Das graue Hemd, das Franz immer anhatte, hatte auch schon bessere Tage gesehen. Doch Franz hatte die schönsten Murmeln. Er verkaufte sie an die Kinder.
„Die Murmeln hat er bestimmt vom Schwarzmarkt“, vermutete Rosi. Zu gern hätte sie gewusst, wo der war. Aber Else hatte ihr verboten, sich da rumzutreiben. „Da trifft sich lauter liederliches Gesindel“, hatte sie gewarnt. „Also halte dich da fern.“
Das tat Rosi natürlich. Aber gewusst hätte sie schon gern, was das liederliche Gesindel da trieb. Vorerst interessierten sie aber mehr die Murmeln. Und dafür brauchte sie Geld. Und die Margariten.

Es gab noch andere Klefferspiele. Kreiselspiele zum Beispiel. Dazu brauchte man einen schönen bunten Kreisel. Und dazu natürlich die Kreiselpeitsche, die den Kreisel antrieb, sich wunderschön zu drehen. Desweiteren waren die Hüpfkreidespiele sehr beliebt. Die Himmel – und Höllespiele.
Doch das schönste Spiel war und blieb das Murmelspiel.
Jedenfalls war jetzt oben am Kleffer ein lustiges Treiben. Und so oft die Kinder Zeit hatten, riefen sie sich gegenseitig zu:
„Kommt! Wir kleffern!“

*

„Wollen wir gleich los?“, fragte Jutta, „bevor Mama kommt und sagt, wir sollen auf Bertraud aufpassen.“
„Wir brauchen noch eine Schere und Bindfaden“, war Rosi einverstanden. Schnell lief sie in den Schuppen und holte beides. „Einen Spankorb brauchen wir auch noch“, sagte sie.
Leise schlichen die Kinder aus dem Haus.
Auf den Wiesen angelangt, fielen sie sofort in das wundervolle Blumenmeer. Wie das duftete. Wie das flimmerte. Im Licht der vormittäglichen Sonne. Auf den Gräsern und Blumen schimmerte sogar noch etwas Tau vom Morgen. Käfer, Insekten, Schmetterlinge naschten gierig davon. Als wüssten sie, dass in der nahenden Mittagssonne das köstliche Nass verschwunden sein würde.
Mit unter dem Kopf verschränkten Armen schauten die Kinder in den Himmel. Die Luft war fast durchsichtig. Der Himmel blau. Ohne ein einziges Wölkchen. Und überall ein Summen und Zirpen. Ein weltentrücktes Wiesenleben.

Nach einiger Zeit des Entrücktseins sagte Rosi energisch: „So, jetzt müssen wir aber die Margariten pflücken. Sonst schlafen wir noch ein.“
Das war ihr nämlich schon mal passiert. Als sie wiedermal, wie so oft, allein durch die Wiesen stromerte. Sie war plötzlich ganz müde geworden. Sie hatte sich ins Gras gelegt und war eingeschlafen. Als sie gegen Abend erwachte, brannte ihre linke Gesichtshälfte ganz schrecklich. Sie hatte sich den schönsten Sonnenbrand geholt. Und dazu noch Elses Geschimpfe. Das sollte ihr nicht noch einmal passieren.
„Dürfen wir auch andere Blumen pflücken?“, fragte Jutta. „Und Gräser. Die sehen so schön aus.“
„Erstmal lieber nur Margariten.“ Rosi stand auf und pflückte die ersten Margariten.
„Erstmal sehen, ob wir Glück haben mit dem Verkaufen“, sagte sie.
Schnell pflückten die Kinder die Margariten. Sorgfältig reihten sie Köpfchen an Köpfchen zwischen Daumen und Zeigefinger. So sahen sie schön gleichmäßig aus. Die Stängel schnitt Rosi dann mit der Schere glatt. Jutta band die Sträuße mit dem Bindfaden zusammen. Der Korb war bald gefüllt.
„Kommt“, sagte Rosi, „wir essen noch die Äpfel und Birnen, die im Gras liegen. Wer weiß, ob es noch Mittagessen gibt.“
„Bestimmt nicht“, sagte Jutta, „Mama sagt doch immer, wer zu spät kommt, kriegt nichts mehr.“
„Oder sie sagt“, sagte Karlchen, „wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muss sehen, was übrig bleibt.“
„Und weil wir bestimmt nicht zur rechten Zeit zurück sind“, sagte Rosi, „werden wir sehen, dass nichts übrig geblieben ist.“

Die Kinder setzten sich in den Graben. Die Apfel- Birnen – und Pflaumenbäume hingen voller Früchte. Allerdings waren sie noch nicht ganz reif. Doch einige reife Früchte waren herunter gefallen. Sie konnte man gut essen. Auch wenn die meisten schon von Schnecken oder Bienen und Hummeln angeknabbert waren.
„Nächste Woche können wir die Bäume schon schütteln“, sagte Rosi, „dann können wir so viel essen, wie wir wollen. Und auch mit nach Hause nehmen.“
Hungrig aßen sich die Kinder an dem Fallobst satt. Dann liefen sie zurück. In Brühl 18.
Else stand wie immer, wenn die Kinder ausgebüxt waren, wie sie das unabgemeldete Fortbleiben nannte, in der Haustür. Auf dem Arm die kleine Margitta. An der Hand Bertraud Johanna.
„Wo wart ihr denn nun schon wieder“, rief sie den Kindern entgegen. „Mittagessen gibt es nun nicht mehr. Jetzt müsst ihr bis zum Abend warten.“
Verärgert ging Else ins Haus. Die Kinder trotteten mit hängenden Köpfen hinter ihr her. Else hatte die Margaritensträuße keines Blickes gewürdigt.
‚Auch gut. Ist auch besser, sie weiß nichts von der bevorstehenden Einnahmequelle‘, dachte Rosi. ‚Oder sie will das Geld. Dann hätten sie wieder keins. Für die Murmeln. Oder sie würde sagen: „Was sollen denn die Leute denken?“
Je ärmer die Familie wurde, desto mehr war Else darauf bedacht, es zu verheimlichen. Sie hatte ja einen Mann, der nur arbeitete. Und sie arbeitete ja auch nur. Man konnte schon sagen, rund um die Uhr. Und trotzdem reichte es nicht vorne. Und nicht hinten. Mit fünf kleinen Kindern war es sehr schwer, über die Runden zu kommen. Es fehlte an Allem. Besonders an Kleidung und Nahrung.
Rosi versteckte den Korb mit den Margaritensträußen in der Waschküche. Da war es schön kühl. Die Blumen würden sie dann morgen verkaufen.

Zu essen gab es wirklich nichts mehr. Ein Glück, dass die Kinder die aufgelesenen Äpfel und Birnen gegessen hatten. So war der Hunger wenigstens etwas gestillt.


***

Episode 8

Der Läusetag und die die verlassene Trude


Karlchen kratzte sich wütend am Kopf. „Die blöden Läuse sind noch blöder als die blöden Hühner“, jammerte er.
„Die sieht man aber nicht gleich“, sagte Rosi.
Ärgerlich warf Karlchen seinen Kopf mit den Läusen mit einem kurzen Ruck in den Nacken. Die Haare fielen ihm trotzdem wieder in die Stirn. „Die könnten ja die Hühner auffressen“, sagte er.
„Schön wär‘s“, erwiderte Rosi. „Aber hör endlich auf, dich zu kratzen. Dein Kopf ist schon voller Schorf. Und schüttle nicht deine Läuse hier überall rum.“
„Mein Kopf ist auch voller Schorf“, sagte Jutta. „Und ich muss auch immer kratzen.“
„Und ich jetzt auch.“ Rosi kratzte wie wild auf ihrem Kopf herum. „Die haben die Flüchtlinge eingeschleppt“, sagte sie böse. „Und die Soldaten aus den Lagern.“
„Die haben alle Läuse“, sagte Jutta. „Und die Krätze haben sie auch. Und Wanzen. Und ganz viele schlimme Krankheiten.“ Jutta machte ein ganz ängstliches Gesicht und große Augen. „Und wenn wir uns nicht vorsehen“, fuhr sie fort, „stecken wir uns alle an. Und dann werden wir sehr, sehr krank. Das hat Frau Schmids zu Mama gesagt. Das habe ich genau gehört.“
„Wir werden schon nicht krank werden“, versuchte Rosi Jutta zu beruhigen. „Auf dem Mist gedeihen die besten Pflanzen, sagt doch Mama immer. Und Dreck reinigt den Magen.“
„Na dann können wir ja getrost weiter hier im Deck rumscharren, was Karlchen?“, freute sich Jutta.
„Und unser Futter auf dem Mist suchen. Wie die Hühner“, lachte Karlchen, während er weiter auf seinem Kopf kratzte.
„So“, bestimmte Rosi, „wir spielen das Siel noch zu Ende. Und dann ist Schluss. Wir müssen uns beeilen.“
„Warum denn?“, murrte Jutta.
„Weil doch heute Läusetag ist.“
Die Kinder spielten das Mensch ärgere dich nicht Spiel, das sie nach langer Zeit endlich mal wieder ungestört gespielt hatten, zu Ende und legten alle Figuren gewissenhaft an ihren Platz.
„Fertig“, freute sich Rosi. „Jetzt können wir noch ein bisschen mit den Zicklein spielen.“
In diesem Moment eilte Else in den Hof.
„So“, sagte sie. „ich gehe jetzt nach oben. Das Baby stillen. Wenn ich zurückkomme, beginnen wir mit dem Entlausen. Ihr wisst, heute ist Läusetag.“

*

Else hatte schon alles vorbereitet. Vor der Couch stand der wacklige Küchentisch. Darauf eine große Emailleschüssel mit Wasser. Daneben lagen drei Läusekämme. Eigentlich hießen sie Nissekämme. Läusekamm fanden die Kinder treffender. Weil ja an dem Kamm meistens die Läuse klebten. Nicht so sehr die Nüsse. Oder besser Nissen. Und daneben lag eine große Lupe.
„Die Nissen findet man am leichtesten hinter den Ohren“, hatte Else gesagt. „Oder im Nacken. Und mit einer Lupe lassen sich besonders gut die jungen Kopfläuse erkennen, weil die sich ja noch im Nymphenstadium befinden.“
„Was ist Nymphenstadium?“, wollte Rosi wissen.
„Das sind die jungen Läuse“, hatte Else erwidert. „Mit bloßem Auge könnte man sie glatt übersehen. Weil sie so klein sind.“
„Und warum kommen die immer wieder?“, fragte Karlchen.
„Weil die befruchteten Weibchen jeden Tag bis zu zehn Eier legen. In ihrem ganzen Leben sind das so hundert bis zweihundert.“
„Dann werden wir die ja nie wieder los“; hatte Rosi empört gesagt.
„Ja“, hatte Else erwidert, deswegen machen wir ja auch jede Woche diese Prozedur. Irgendwann werden die Plagegeister schon verschwinden.“
Doch die Plagegeister verschwanden nicht. Es schien, als würden es immer mehr.
Alle Kinder im Brühl hatten Läuse. Wie würde es erst sein, wenn die Schule wieder beginnt. Wenn so viele Kinder ihre Köpfe zusammenstecken.
So eine ausgewachsene Kopflaus ist zwei mm bis fast vier mm groß. Oder besser klein. Sie hat eine gelb-graue bis bräunliche Farbe. Und so sieht sie ziemlich hell oder fast durchsichtig aus. Und weil die meisten Kinder blonde Haare hatten, waren sie kaum zu erkennen.
„So, die Kleinen schlafen“, sagte Else, kaum dass sie in die Stube getreten war, „da können wir ja mit der Lauserei beginnen. Und danach könnt ihr am Kleffer spielen. Bis zum Abendessen.“
Das war ja mal eine gute Nachricht.

Die Kinder setzten sich nebeneinander auf die Couch. Jedes nahm einen Läusekamm. Damit kämmten sie sich die Haare. Karlchen und Jutta hatten sehr dicke Haare. Mit dem Kamm kamen sie kaum durch. Die Haare verhedderten sich immer wieder in den engen Zinken des Kammes. Und für Rosi war es noch schlimmer. Ihre Haare waren sehr lockig und auch wieder lang.
Die Kinder versuchten es trotzdem immer wieder. Die herausgekämmten Läuse und Nissen streifte Else mit einem Lappen von den Kämmen. Die kamen dann auf ein weißes Blatt Papier. Else konnte so sehen, welche Nisse schon tot waren und welche nicht. Die Untoten knackte sie dann mit ihren Fingern tot. Das erzeugte jedes Mal ein ekliges Geräusch. Dann schüttete sie das ganze Zeugs in die Schüssel mit dem Wasser.
„Eine große Ausbeute ist es ja nicht“, stellte Else nach einer halben Stunde mit einem Blick in die Schüssel fest. „Da muss ich nochmal ran. Karlchen, du zuerst“, sagte sie.
Bereitwillig zeigte Karlchen Else seinen geschorften Läusekopf. Immer wieder fuhr Else mit dem engen Kamm durch Karlchen verwuschelte Haare. Bis sie etwas glatter waren. Die ausgekämmten Nisse zerquetschte sie dann wieder gewissenhaft zwischen ihren Fingern. Sie musste ja sichergehen, dass sie auch tot waren. Damit keine neuen Nymphen aus ihnen werden konnten.
Nach einer Weile fing Karlchen an, zu weinen. Er wollte einfach nicht mehr. Mit Jutta war es das Gleiche. Ihre Haare waren noch dicker. Und die Prozedur dadurch noch qualvoller.
Als Rosi an die Reihe kam, war Else schon völlig genervt. „Bei dir geht ja gar nichts“, wütete sie. „Die Haare sind ja schon wieder viel zu lang. Und zu dick. Wie soll ich denn da durchkommen?“
„Ich kämme selbst weiter“, sagte Rosi. „Du brauchst nicht durchkommen. Sonst zerbrichst du nur wieder den Kamm.“
„Werd nur nicht frech“, ärgerte sich Else. Genervt griff sie nach der Schere auf dem Tisch, „sonst schneide ich dir die Haare wieder ab.“
Nur das nicht. Erschrocken sprang Rosi von der Couch. Wenn sie jetzt nicht sofort verschwände, würde ihr Else auf alle Fälle die Haare wieder abschneiden. Wie damals. Kurz vor der Einschulung. Und sie fand kurze Haare einfach doof. Sie war doch kein Junge.
Kaum, dass Rosi die Flucht ergreifen wollte, bis Else sich wieder beruhigt hätte, läutete es an der Haustür.
„Ich mach schon auf“, sagte Rosi schnell.
Vor der Tür stand Trude. Trude wurde neuerdings Läusetrude genannt. Weshalb wusste keiner zu sagen. Alle Kinder hatten Läuse. Doch nur Trude war verschrien als Läusetrude. Und mit der Läusetrude wollte kein Kind spielen.
„Kann ich reinkommen?“, fragte Läusetrude.
„Warum denn?“ Rosi stellte sich mit ausgebreiteten Armen in die Haustür. „Wir haben gerade Läusetag“, sagte sie. „Und meine Mutter will mir die Haare abschneiden.“
„Das wird auch nichts nützen“, sagte Trude. „Die Nissen kleben ja an der Kopfhaut. Und die Läuse saugen dann da das Blut raus. Damit ernähren die sich nämlich.“
„Na du musst es ja wissen“, lachte Rosi. „Du Läusetrude.“
„Darf ich nun reinkommen?“, fragte Trude wieder.
„Warum denn?“
„Meine Mutter ist verschwunden. Ich grusel mich. So allein in dem Haus.“
„Na dann komm“, sagte Rosi.
Rosi setzte sich wieder auf ihren Platz. Trude auf den neben ihr.
„Da kann ich ja gleich bei dir weitermachen“, sagte Else zu Trude. „Seit wann ist denn deine Mutter verschwunden?“
„Seit einer Woche.“ Trude standen die Tränen in den Augen. „Ich habe auch nichts mehr zu essen“, sagte sie.
„Du kannst heute hier bleiben“, sagte Else. „Dann werden wir weitersehen.“

*

Trudes Mutter war und blieb verschwunden. Die Polizei stellte nach einiger Zeit die Suche ein. Trude kam in ein Waisenhaus. Wie viele Kriegs – und Flüchtlingskinder auch, deren Verwandte nicht mehr auffindbar waren.
Erst Jahrzehnte später traf Rosi zufällig Trude wieder. Ihre Mutter war tatsächlich ihrem Amiliebhaber, den sie damals, während des Krieges, bei Stars kennengelernt hatte, nach Amerika gefolgt.

„Sie hat mich einfach meinem Schicksal überlassen“, sagte Trude traurig.


***

Fortsetzung folgt
 
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