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8 Seiten

Schwarze Schwäne - Weiße Schwäne, Teil 39 - SCHLAFLOS IM DORF

Romane/Serien · Nachdenkliches
Donnerstag am Abend: Ich freue mich kein bisschen auf Daarau. Seltsam, ich habe es immer geliebt als Zufluchtsort und das fing schon an, als ich neun Jahre alt war. Daarau, das Dorf, in dem ich geboren wurde und in dem ich immer die Ferien verbrachte, nachdem meine Eltern mit mir ins Ruhrgebiet gezogen waren. Das Dorf mit den drei Teichen, dem Herrenhaus, den Maden in den Himbeeren, den Stechfliegen im Fichtenwald und den Plumpsklos. Letztere gibt es kaum noch.
Ich muss Hardy mal was über Doppelsitzerplumpsklos erzählen, das findet er bestimmt amüsant. Ich kann ihn heute nicht aus meinen Gedanken verdrängen. Und versuche mich in ihn hineinzufinden, stelle mir vor, wie es mir ginge, wenn ich Ähnliches gesehen hätte. Oh nein! Ich glaube, ich würde ausflippen: Der gleiche Mann, mit dem ich seit mehreren Wochen schlafe, der mir zwar größte sexuelle Wonnen verschafft, aber nie zärtlich zu mir ist, den sehe ich irgendwo in den Armen einer Frau, die er zärtlich umarmt und dann küsst?
Nein, das würde mir nicht gefallen! Und was wäre, wenn er die ganze Wahrheit wüsste? Ich stöhne auf, er darf sie nie erfahren!
Ich lenke mich ab: Schwesterchen Donni wird mich morgen Nachmittag abholen, und dann geht es los in Richtung Heimat, wo dann abends die große Geburtstagsfeier stattfindet. Früher hätte ich mich darauf gefreut, aber das Dorf Daarau hat seit ein paar Jahren seinen Reiz für mich verloren, nämlich als meine Eltern dorthin zurückzogen. War es wegen Mutter?
Ich kann kaum schlafen in der Nacht. Eigentlich will ich gar nicht fort von hier.
-*-*-
Ich begrüße Mutter zurückhaltend wie immer. Sie ist dünner geworden und sieht gar nicht gut aus. Himmel, sie ist doch erst fünfzig, also noch relativ jung.
„Was ist los mit dir?“, frage ich sie. „Du siehst schlecht aus. Bist du krank?“
Sie schüttelt den Kopf. „Nein, es ist nichts!“
„Warst du schon beim Arzt?“
„Er hat gesagt, es wären nur die Hormone ...“
„Du solltest zu einem anderen Arzt gehen!“ „Ja, das werde ich tun“, sagt sie, aber es hört sich kraftlos an. Irgendwas stimmt da nicht. Ich umarme sie und halte sie länger fest als sonst.
Ich muss Daddy fragen, was da los ist. Aber Daddy interessiert sich nicht für so was, und meine Mutter tut mir auf einmal leid. Ich muss dran denken, was Ralf vermutet hat, nämlich dass sie eine kleine Schwester in der Gestalt von Donni bekam und deswegen wohl ziemlich sauer war. Abgesehen von den Betrügereien meines Vater. Ich will mich aber jetzt nicht damit beschäftigen, ich habe andere Probleme.
Nach einem kurzen Gang durchs Dorf muss ich feststellen: Es gibt nur noch zwei von ehemals drei Teichen, immerhin haben sie noch genug Wasser und darauf schwimmen Schwäne. Weiße Schwäne ... Gibt es nur noch weiße Schwäne? Sind alle Männer treu? Fast muss ich lachen.
Mein Vater arbeitet jetzt in der Kreisverwaltung. Er erzählt mir, dass er noch nie so leicht sein Geld verdient hätte. Klar, früher war er Zimmermann und hat in Notzeiten Moniereisen gebogen, das muss schlimm gewesen sein. Jetzt hat er nebenbei noch eine gutgehende Kneipe und fühlt sich als Unternehmer. Die Kneipe führt meine Mutter ganz alleine.
Nebenbei sehe ich meine Mutter, eine abgehärmte Person, sie muss krank sein, und ich sollte mich drum kümmern, weil sie meine Mutter ist. Aber wie? Ich kann sie nicht zwingen, zu einem anderen Arzt zu gehen.
Und wieder erscheint Hardy in meinen Gedanken. Hätte ich ihn fragen sollen, ob er mitkommt zum Nürburgring? Mehr als ein Nein hätte er nicht sagen können. Tabu, alles tabu durch meine mir selbst auferlegten Beschränkunken.
Und dieser Auftritt gestern? Er ist weg gegangen, als ich ihm nicht sagte, mit wem ich nach Daarau fahre. Hat er etwa erwartet, dass ich ihn bitte, mich zu begleiten? Nein, das ist absurd.
Dann kommt mir der Text von ‚Love Games’ in den Sinn, den ich noch nie bewusst gehört habe, den ich aber trotzdem auswendig singen kann – Hardy hat das Stück so oft gespielt, da ist es wohl in meinem Unterbewusstsein hängen geblieben.
If you won't show
your heart to me
Set me free ...
Will er von mir befreit werden? Oh nein, Ich habe mit Bruce geschlafen, nur aus dem vagen Gefühl heraus, ich müsste mich an Hardy rächen. Und diese Frau, die bei mir angerufen hat? Vielleicht war es ja total harmlos, denn eigentlich traue ich Hardy das nicht zu, mich so gemein zu behandeln. Er müsste doch wissen, dass ich ihm das nicht verzeihen würde.
Würde ich nicht? Gute Frage. Ich bin ja auch nicht die unschuldige Jungfrau. Langsam fange ich an durchzudrehen. Ich sitze hier bei dieser Geburtstagsfeier, muss mir die Reden anhören, die geschwungen werden, muss mir die Lieder anhören, die gesungen werden, trinke Asbach mit Cola, weil die keinen Sambuca haben, muss mich mit meinem entfernten Onkel Gerd unterhalten, dem Dorfpapagallo, der Gefallen an mir gefunden hat und mich vollsülzt mit Komplimenten. Und ich kann nicht betrunken werden.
Warum sollte ich Hardy nicht einfach fragen, was er gemeint hat? Denn ich habe die Nase voll von den Heimlichkeiten, mit denen wir uns umgeben und von all den Tagen, die ich ohne ihn verbringe. Ich habe die Nase voll von unserem einerseits heißen, andererseits lauwarmen Verhältnis, von unserem Schweigen über Gefühle, von unseren Berührungen, die nur gewisse Körperteile betreffen und den Rest ignorieren.
Ich will was anderes, ich weiß nur nicht genau was. Ich habe jedenfalls die Nase voll. Ich möchte, dass er mich liebt. Was, was? Das ist absurd. Der und mich lieben?
Aber es wäre schön, zwar kaum vorstellbar, aber es wäre schön. Ich würde dann richtig zu jemandem gehören, denn ich habe ihn lieb, ich mache mir Sorgen um ihn, obwohl er keiner ist, um den man sich Sorgen machen müsste. Oh nein, das ist nicht wahr! Ich habe ihn lieb?
-*-*-
Es ist, als würden schwarze Raben über mir krächzen und mich verhöhnen. Im Geiste höre ich ‚The Smiths’ höre den Songtext, schreibe meinen eigenen Text dazu, der ist viel schlechter, muss aber jetzt raus:

Am Tage träumte ich, dass ich jemand liebte
Es war so gut, so warm, doch nur ein falscher Alarm
In der Nacht fühlte ich, wie mich Arme umarmten
so tröstlich und warm, doch wieder nur falscher Alarm
Wie lang wird es sein bis zur richtigen Zeit
Die Geschichte ist alt ... doch ich bin bereit
für alles!

Bin ich das? Gott sei Dank sieht Schwipponkel Gerd nicht, dass ich gerade rot im Gesicht werde vor innerer Verlegenheit, denn dieses Eingeständnis kann nur heißen, dass Hardy mir etwas bedeutet. Viel mehr, als jeder andere mir jemals bedeutet hat. Es trifft mich wie ein Schock: Mein Leben mit Parker war unsäglich, aber belanglos, meine Zeit mit Robert, ich kann mich kaum noch dran erinnern, meine Verliebtheit in Bruce existierte gar nicht. Ich bin immer nur mit Männern zusammen gewesen, die in mich verliebt waren. Aber ich war nie in der Lage gewesen, diese Gefühle zu erwidern. Ich habe meine Männer abserviert, wenn meine erste Verliebtheit vorbei war, nur Parker nicht, der hat mich nicht gehen lassen. Doch jetzt hat es mich tatsächlich erwischt. Zum ersten Mal in meinem Leben.
Die Geschichte ist alt ...
Hardy ... Bis jetzt habe ich die dummen Weiber nicht verstanden, die sich so hoffnungslos in einen Mann verknallen, Andrea zum Beispiel mit diesem ätzenden Kerl, der sie so kaputt gemacht hat. Aber ich bin genauso wie sie.
Könnte ich es Hardy sagen? Nein! Ich habe das noch nie gemacht, und was sind schon Worte? Ich werde es ihm irgendwie zeigen, durch Zärtlichkeit vielleicht. Die Geschichte ist alt ...
Aber will er mich überhaupt? Wahrscheinlich gibt es ihm einen Kick, dieses rein sexuelle Ding, vielleicht wird er versuchen, dasselbe mit anderen Frauen zu erleben und erzählt ihnen: ‚Letztens habe ich mit einer Frau geschlafen, die wollte keine Gefühle zulassen. Sie wollte nicht über ihre Probleme mit mir reden, wollte mich nicht berühren. Wir lagen nach dem Akt einfach da und unterhielten uns über belangloses Zeug. Das fand ich toll!’
Wird es so ablaufen? Es tut weh, an die Zeit nach ihm zu denken. Könnte das Liebe sein, dieses Gefühl, das ich habe? Dieses Gefühl, als ob einem alles wehtut? Dann möchte ich das lieber nicht haben. Trotzdem will ich weg von hier und zurück zu Hardy, obwohl ich mich davor fürchte.
In diesem Augenblick spricht mich jemand an: „Tony, bist du das?“ Ich wende mich zur Seite und sehe ... ja was? Es ist ein großer attraktiver Mann.
„Ja, ich bin Tony. Und ich kenne dich doch!“
Er lacht: „Wir haben uns vor - ach du lieber Himmel - jetzt muss ich selber nachdenken ...“, er macht eine Pause und sagt dann: „Ist schon lange her, du warst zwölf und ich vierzehn. Du warst mit deiner Kusine hier in Daarau. Und wir beide haben uns gebalgt auf einer Wiese. Ich war über dir, habe dich geküsst und dich danach angespuckt! Sorry, tut mir echt leid im Nachhinein. Waren wohl die Hormone ...“
„Genau, du bist das, der Anspucker!“ Ich muss trotz aller Grübeleien lachen. Und jetzt kann ich mich noch an andere Sachen erinnern. An ein Fußballspiel, ich war in Daarau, um vom untreuen Parker wegzukommen, und dieser Mann ist hinter mich getreten und hat kurz seine Hände auf die Rückenlehne meines Stuhls gelegt, bevor er sich zurückzog. Seltsam, ich fand es aufregend und beruhigend zugleich. Ich habe ihn gefragt, ob er schon verheiratet wäre. Er hat gelacht und gesagt: ‚Ich bin doch nicht verrückt! Und wie steht's mit dir’? Ich sagte: ‚Für mich wäre das auch nichts, nee danke!’ Und irgendwie war die Luft zwischen uns elektrisch aufgeladen. Aber ich musste ja zurück in die Stadt.
„Und was treibst du jetzt so, Tony?“ Er hat sich zu mir gesetzt.
Ich glaube, ich schaue gequält drein. Doch dann antworte ich: „Ich bin mir nicht sicher, aber ich befürchte, ich habe mich verliebt. In einen unmöglichen Typen.“
„Warum unmöglich?“
„Weil er alle Frauen kriegen kann. Und warum sollte er sich mit mir abgeben? Ich bin doch höchstens Mittelmaß.“ Ich weiß nicht, warum ich einem Mann, den ich kaum kenne, meine tiefsten Sorgen anvertraue. Vielleicht weil er ein Teil meiner Jugend ist?
„Bist du nicht! Du bist hübsch, du bist interessant. Wo liegt dein Problem?“
„Ich weiß es zwar, aber daran ist kaum was zu ändern.“
„Ich werde an dich denken, Tony. Und vielleicht sehen wir uns bald wieder. Ich heiße übrigens Georg.“
„Das wäre schön“, sage ich kraftlos zu Georg. Er ist nett, und ich sollte mir seinen Namen merken. Er geht weg, und ich bin wieder meinen Gedanken ausgesetzt.
-*-*-
Schwesterchen will unbedingt noch in die zehn Kilometer entfernte Kreisstadt fahren und da so richtig einen draufmachen. Donni steht nun mal auf Italiener. Und dort existieren mindestens zwei Diskotheken mit italienischen Besitzern, und sie kennt jeden von ihnen. Normalerweise wäre ich mitgegangen, denn wir hatten immer einen Haufen Spaß mit den Kleinstadtburschen, aber heute kann und will ich es nicht.
Ich schlafe in einem Gästezimmer über der Gastwirtschaft meiner Eltern, und ich bin um drei Uhr morgens immer noch wach. Schlaflos im Dorf ...
Es ist dunkel und so still hier, dass ich das Blut in meinen Adern rauschen höre. Ab und zu heult der Wind auf, fegt durch die verlassene Dorfstraße und bringt irgendwas zum Klappern.
Noch nie zuvor habe ich mich so einsam gefühlt wie in diesem Bett. Ich stelle mir vor, mit Hardy hier in Daarau zu sein und ihm alle Plätze zu zeigen, die ich aus meiner Kindheit kenne: Den Gutshof mit dem Herrenhaus, den großen Park dahinter mit den riesigen Bäumen und den uralten Grabsteinen, die aus dem 13. Jahrhundert stammen und die dort einfach herumstehen oder liegen. Ich würde ihm zum Mausoleum der Barone von Daarau führen. Als Kinder haben wir immer durch das kleine vergitterte Fenster hineingeschaut, und die Sarkophage darin sahen gruselig aus.
Ich würde ihm den Weg vom Gutshof zum Unteren Teich zeigen und die alten Häuser, die so malerisch verfallen sind. Ich würde ihm den Wald zeigen, der so viele Sehnsüchte in mir geweckt hatte. Und keine dieser Sehnsüchte hatte sich jemals erfüllt.
Ich könnte mit ihm in diesem Bett liegen und würde mich nicht mehr einsam fühlen. Vielleicht würde ich mein Gesicht in seiner Halsbeuge vergraben und mich eng an seinen harten Körper schmiegen. Bei diesem Gedanken bricht irgendetwas in mir auf, und ich habe einen dicken Kloß im Hals, was soll das, so was kenne ich gar nicht. Es wird natürlich nie sein, aber die Vorstellung alleine ...
Die Nacht geht schließlich vorbei, und ich verbringe einen unruhigen Vormittag; viele Verwandte müssen besucht werden, von der Oma bis zur angeheirateten Tante, später müssen wir noch zu Mittag essen, und das spielt sich natürlich in der Kneipe meiner Eltern ab. Schade, mein angeheirateter Onkel mitsamt meiner Tante Lisa ist nicht da, ich habe seine Adresse Hardys Vater gegeben. Und schon wieder Hardy ...
Alles zieht sich in quälende Länge. Am späten Nachmittag, so um halb sechs fahren wir endlich los, ohne das Haus meiner Eltern überhaupt gesehen zu haben.
Die Verabschiedung von Mutter ist nicht so kühl wie sonst, ich nehme sie sogar in den Arm und sie schaut mich dankbar an. Sie ist wirklich dünn geworden, und auch ihr Gesicht sieht abgezehrt aus. Da stimmt einiges nicht. Ich sollte mich drum kümmern, aber im Augenblick habe ich mit mir selber zu tun.
Neue Erkenntnisse stürmen auf mich ein. Ich habe Hardy lieb? Wie gehe ich damit um? Ich weiß es nicht.
Hirn meldet sich gerade: ‚Du kannst doch gar keine Liebe empfinden, die hat Mutter doch aus dir rausgeprügelt!’ Ich kann es aber versuchen, antworte ich trotzig, vielleicht ist ja noch was da. ‚Ha, das klappt doch nie!’, Hirn besteht auf seiner Meinung. Körper sagt: ‚Hast du bei deinen anderen Männer jemals so empfunden? Nein, denke ich gequält. ‚Dann lass es ihn wissen!’
Schwester Donni hat viel Spaß gehabt in der letzten Nacht. Aber auch sie möchte schnell zurück in die Stadt.
Ich unterhalte mich während der Fahrt mit ihr über Mutter. Donni hat natürlich auch einiges abgekriegt, aber sie war schon dreizehn, als sie endgültig zu uns kam, sie ist nicht bei meiner Mutter aufgewachsen, sondern bei meiner Oma mütterlicherseits. Sie wurde verwöhnt und ihr Charakter ist unbeugsamer als meiner, Mutter hat ihn nicht brechen können. Meinen hat sie zwar auch nicht brechen können, aber da ist einiges verbogen worden.
Ich erzähle Donni ein bisschen über Hardy, habe das Verlangen, über ihn zu sprechen. Aber ich kriege es nicht richtig zusammen. Was zum Teufel soll ich über ihn erzählen? Ich weiß ja selber nicht, was überhaupt los ist.
Donni erzählt mir was anderes, und darüber freue ich mich. Sie hat nämlich Enrico - ihren sizilianischen Eierdieb - zwar nicht in die Wüste geschickt, aber immerhin zu seiner sizilianischen Verlobten. „Das war schon abzusehen“, sagt sie, „eine sizilianisch versprochene Verlobung ist wie eine Heirat.“
Wow, Schwesterchen ist viel besser drauf als ich, die immer noch rumeiert von wegen Liebe und so einem Zeug! „Hast du etwa den Paten gesehen?“, frage ich sie.
Nein, hat sie nicht, aber sie weiß auch so Bescheid. „Und jetzt habe ich einen neuen Freund. Er ist auch Italiener und er hat ein Restaurant, es heißt ‚OCEANO’, und die Gerichte dort sind super lecker. Wenn du also Lust hast, komm einfach vorbei mit deinem Lover. Enrico lässt Verwandte immer umsonst dort speisen.“
„Echt jetzt? Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch einen Lover habe ...“
„Na und? Dann kommst du eben alleine!“
Natürlich landen wir kurz vorm Ruhrgebiet in einem Stau, Donni versucht, ihn zu umfahren, rasselt aber immer wieder in ihn hinein. Der Stau kostet uns eine volle Stunde, wenn nicht noch mehr an Zeit. Ich werde allmählich ungeduldig.
Kurz nach neun bin ich dann endlich zuhause, und da muss noch einiges ausgepackt und aufgeteilt werden. Wir haben nämlich große Fresspakete bekommen mit diversen Zuckerkuchen, Mettwürsten und Wurstdosen.
Andrea ist da und die Katzen leben noch. Ich gebe Andrea einen Kurzbericht über meine Gefühle.
Sie weiß sofort Bescheid, und das wundert mich. Kann sie mich so leicht durchschauen? Und warum habe ich mich nicht selber durchschaut? Ich habe mir diese ganzen Wochen über etwas vorgemacht – und das bis zur Perfektion.
„Du solltest ihn anrufen“, sagt Andrea.
„Okay, aber ich weiß nicht ...“
„Mach es, verdammt noch mal! Entweder geht es gut, oder es geht voll in die Hose.“
„Na gut ...“ Ich versuche also, ihn anzurufen, aber da tut sich nichts, nur der Anrufbeantworter ist eingeschaltet und ich habe keine Lust, einem anonymen Apparat irgendwas anzuvertrauen. Und vielleicht ist Hardy gar nicht zu Hause. Es ist ja Samstag.
„Du solltest einfach hinfahren und die Lage checken“, rät mir Andrea.
„Einfach hinfahren?“, frage ich skeptisch. Aber ich bin schnell davon überzeugt, dass ich einfach hinfahren muss. Und wenn er nicht da ist, dann werde ich auf ihn warten. Ich habe ja schließlich die Schlüssel. Sind die Schlüssel ein Zeichen? Ich glaube nicht, dass er viele Schlüssel an seine Geliebten verteilt hat. Muss an den Proff denken: ‚Du hast mehr Zeit hier verbracht als alle anderen zusammen ...’
Ich vermisse Hardy. Ich vermisse alles, was ich mit ihm versäumt habe. Obwohl das Erlebte auch ganz gut war, nur nicht vollständig. Da fehlte viel.
Also fahre ich hin zu ihm. Ich kann es auf einmal nicht mehr erwarten, und ich habe auch keine Angst mehr, ihn mit einer anderen Frau im Bett zu erleben, die Angst ist verschwunden. Ich vertraue ihm, ich weiß zwar nicht warum, aber ich vertraue ihm.
Während der Autofahrt kommen mir einzelne Szenen aus der letzten Zeit in den Sinn, und alle vermitteln mir den Eindruck, dass er mich mag, ja wirklich. An Liebe und so'n Zeug will ich jetzt nicht denken, aber er mag mich, sonst hätte er es nicht so lange mit mir ausgehalten. Ich habe ihm viel erzählt, das mit Robert zum Beispiel. Das hätte ihm reichen sollen, aber er ist trotzdem geblieben. Warum nur? Oh Gott, es gab so viele Anzeichen, aber ich habe sie alle nicht wahrgenommen oder einfach ignoriert.
 
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