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4 Seiten

Lewin

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Lewin schlägt seine Augen auf. Er starrt an die Decke seines Schlafzimmers. Aufstehen, heißt es jetzt. Er weiß es, doch will es einfach nicht wahr haben. Gequält schält er sich aus der Decke heraus und steigt aus seinem Bett. Er schlüpft in seine Schlappen und schlürft in Richtung Küche, um sich einen Kaffee aufzugießen. Alles erscheint ihm irgendwie trübe und etwas verlangsamt. Er gähnt ausgiebig. Der Kaffee würde ihn schon wach machen, so wie jeden Morgen. Während die Kaffeemaschine ihre Arbeit verrichtet, setzt er sich an seinen Küchentisch. „Schon seltsam, was dies für eine Welt ist“, denkt er dabei bei sich. „Jeder scheint irgendwie dazu gezwungen zu sein, zu funktionieren. Funktioniert jemand nicht, versucht man ihn zu modifizieren. Gelingt dies nicht, versucht man ihn zu entfernen. Eine überraschend menschenfeindliche Welt, die der Mensch sich selbst da erschaffen hat.“ Die Kaffeemaschine signalisiert mit ihrem Geräusch, dass sie ihr Werk, für das sie konstruiert worden ist, gerade vollendet hat. Er seufzt, erhebt sich, geht zu seinem Küchenschrank hin, öffnet diesen, entnimmt ihm eine Tasse, schlürft zur Kaffeemaschine hin, gießt sich den Kaffee ein, geht zum Kühlschrank hin, öffnet diesen, entnimmt ihm eine geöffnete Packung Milch, gießt etwas davon in seinen Kaffee, wodurch dieser sich von einer schwarzen Flüssigkeit in eine bräunliche verwandelt, geht wieder zurück zu seinem Platz, setzt sich hin und nippt an seinem Kaffee. Er spürt, dass das Aufgussgetränk seine Kehle herunterrinnt, diese wärmt, und dann mit der entsprechenden Wirkung auch in seinen Magen gelangt. Er spürt, wie die Wirkung sich in ihm entfaltet; wie er etwas wacher wird; wie seine Konzentration etwas zunimmt. Er setzt die Tasse erneut an, diesmal nimmt er einen größeren Schluck daraus. Dementsprechend vergrößert sich auch die Wirkung. Der Kaffee scheint ihn nun vollends über die Bewusstseinsschwelle hinaus gehoben zu haben. Er fühlt sich jetzt wach und fähig, die Herausforderungen des Tages zu meistern; zu funktionieren; nicht befürchten zu müssen, über kurz oder lang aus dem System entfernt zu werden. Über seine vorherigen Befürchtungen muss er jetzt sogar kurz auflachen. Er schaut sich seine Kaffeetasse in seinen Händen noch einmal etwas genauer an. Er mustert sie kritisch. Steht er vielleicht unter Drogen? Unterschätzt man in dieser Hinsicht vielleicht die Wirkung von Kaffee auf den menschlichen Organismus? Schon möglich. Sollte es so sein, dann ist er eh schon längstens süchtig nach dieser Alltagsdroge. Er genehmigt sich erneut einen großzügigen Schluck aus seiner Tasse. Dann schaut er auf die Uhr. Jetzt ist es aber Zeit, sich fertig zu machen. Er erledigt in Rekordzeit seine Toilette, zieht sich auch in Rekordzeit an, und steht viel schneller, zumindest gefühlt, als es sonst der Fall ist, mit seiner Bürotasche fertig vor der Eingangstür seines Single-Apartments. Er öffnet die Tür und tritt beschwingt heraus. Er schreitet den Weg, den er immer geht, mit großen, zuversichtlichen Schritten. Es geht durch einen Schrebergartenbereich hindurch, der direkt neben seinem Wohnblock liegt. Es ist der direkte Weg zu seiner Arbeit. Eigentlich könnte er sich eine viel teure Wohnung mit seinem Gehalt leisten. Er tut es aber nicht, weil er damit vollends zufrieden ist. Schnellen Schrittes nimmt er eine Biegung in diesem Labyrinth, nach der anderen. Seine Tasche, die er in der Hand hält, fliegt ihm förmlich hinterher. Viele bunte Blätter der vielen Bäume hier im Schrebergarten, die von dem Herbstwind abgerissen worden sind und nun ihren letzten wilden Flug in der Luft vollziehen, wehen um ihn herum. Es ist bewölkt und es ist windig. Lewin fängt etwas an zu schwitzen. Er macht sich schon Sorgen, dass er heute im Büro aufgrund seines Schweißes bei seinen Kollegen negativ auffallen könnte; denkt deshalb gerade darüber nach, sein Tempo etwas zu verringern, als er um eine weitere Biegung mit seinen immer noch schnellen Schritten geht, an der ein großer Busch steht, weshalb man nicht in die Seite dahinter einsehen kann. Plötzlich spürt er, dass er mit irgendetwas heftig zusammenprallt; spürt einen heftigen Schmerzt in sich ausbreiten und sieht gleichzeitig, wie sich die Welt um ihn herum zu drehen beginnt. Alles wird schwarz.

Er hört das Rauschen der Blätter der Bäume. Er spürt erste Regentropfen auf seinem Gesicht. Er öffnet seine Augen. Er sieht die Wolken am Himmel über sich. Er sieht die Blätter, die wild durch den Wind gewirbelt werden. Offenbar liegt er auf dem Boden. „Was ist geschehen?“, denkt er bei sich und sieht plötzlich ein Gesicht in sein Blickfeld kommen. Ein etwas schmutziges Gesicht. Aber dennoch ein wunderschönes. Mit langen schwarzen Haaren. Es sieht besorgt aus. Es schaut ihn mit Falten auf der Stirn an. Es sagt etwas, was er aber nicht so recht verstehen kann. Er möchte selbst etwas sagen, aber er bringt nichts heraus. Sein Hals scheint trocken zu sein; seine Kehle wie zugeschnürt. Plötzlich schaut das bezaubernde Gesicht noch etwas besorgter drein. Es streckt seine Hand aus und streichelt ihm sanft über die Wange. Die Berührung wärmt ihn. Es berührt nicht nur seinen Körper sondern auch seine Seele. Wie kann es sein, dass ein Mensch einem anderen so gut tut? Wie kann dies sein? Es steht derart arg konträr zu den bisherigen Erfahrungen von Lewin, dass er es einfach nicht so recht begreifen kann. Die Menschen sind ihm ansonsten immer eher als Konkurrenten erschienen; geradezu als Feinde, die es stets strategisch zu besiegen gilt. Kein Mensch hat ihm je in seinem Leben Zuneigung gezeigt, geschweige denn… Liebe. Noch nicht einmal seine Mutter. Er hat eine sehr strenge Erziehung genossen und das Wörtchen Liebe bis dahin immer nur als romantische Verklärung abgetan; als kitschigen Bestandteil eines systematischen Selbstbetruges, um sich von der Realität abzulenken; um diese nicht annehmen zu müssen; um mit ihr keinen Umgang finden zu müssen. Ist er vielleicht tot, und dies hier ein wahrhafter Engel? Möglich. Aber nicht sehr wahrscheinlich. Der Engel, oder was es auch immer ist, streift sich ihren Pullover über. Darunter trägt es oder sie ein schlichtes Hemd, durch das ihr Büstenhalter sehr deutlich zu sehen ist. Sie faltet sorgfältig ihren Pullover in ihren Händen zusammen, hält ihn dann balancierend auf einer Handfläche, während sie vorsichtig mit der anderen seinen Kopf in die Höhe hebt, und schiebt den gefalteten Pullover sachte darunter. „Was für eine selbstlos Tat“, denkt er bei sich und die Wärme breitet sich nun vollständig in ihm aus. Jene Wärme, die nur durch Gefühle ausgelöst werden können. Sein Gehirn, sein gesamter Körper, sein Ich, geradezu sein gesamtes Dasein werden nun durch diese Person bestimmt; von dieser Person vollständig ausgefüllt. Kein Gedanke mehr an seine Arbeit, dass er dort zu spät kommen könnte, oder an seinen sündhaft teuren Anzug, der jetzt sehr wahrscheinlich ruiniert ist. Seine Gedanken kreisen nun ausschließlich um dieses bezaubernde Wesen, dass durch ihre selbstlos Tat nun offenbar zu frieren beginnt. Sie legt sich ihre Arme um sich selbst und Lewin bemerkt nun auch eine Gänsehaut auf ihrer blassen Haut. Sie zittert etwas vor Kälte. Er versucht, sich aufzurichten, doch es will ihm nicht gelingen. Er versucht, sich zu erheben, so sehr, dass er sein Gesicht dabei verzieht und seine Zähne zusammenbeißt, doch es will ihm einfach nicht gelingen. Er möchte sie in die Arme nehmen; sie wärmen; ihr Trost spenden, doch es ist aussichtslos. Sein Körper will ihm einfach nicht gehorchen. Es lässt ihn verzweifeln. Sie bemerkt es, beugt sich zu ihm herunter, offenbar kniet sie die ganze Zeit neben ihm, nimmt seinen Kopf in ihre Hände, schließt ihre Augen und nähert sich mit ihrem dem seinigen Mund. Kurz bevor ihre Münder sich berühren, er spürt schon ihren sanften Atem auf seinen Lippen, schrillt ein lautes Geräusch auf. Dieses Geräusch ist störend, geradezu Terror, einfach schrecklich. Er öffnet seine Augen und fühlt sich desorientiert und etwas benebelt und wird sich langsam gewahr, dass er gerade von seinem Wecker, der immer noch dieses ekelhaft laute Geräusch von sich gibt, aufgeweckt worden ist.
 
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