302


5 Seiten

Die Kinder von Brühl 18/ Teil 3/ Die Russen und die Neue Zeit/Episode 2/ Der vergessene Gott und die jungen Zicklein

Romane/Serien · Erinnerungen
© rosmarin
Episode 2

Der vergessene Gott und die jungen Zicklein

Else holte den großen Eisentürschlüssel von der Ablage in Brühl 18. Vorsichtig schloss sie die Tür auf. Die blaue Tür öffnete sich mit einem leise knarrenden Geräusch.
„Pst.“ Else legte einen Finger auf ihren Mund. „Alles ist ruhig. Die schlafen alle schon“, sagte sie zu Rosi. „Du schläfst mal ausnahmsweise in der Kammer, damit du Jutti und Berti nicht störst. Heinzi schläft ja jetzt im Verschlag. Wie er wollte“, schmunzelte sie und fügte hinzu: „In der Kammer kannst du dich auch besser ausschlafen.“
„Gut“, war Rosi einverstanden, „aber weck mich beizeiten. Ich muss doch in die Schule. Und noch meinen Ranzen packen. Und andere Sachen zum Anziehen brauche ich auch. “
„Ja, ja“, sagte Else leichthin, während sie Rosi durch den Flur bis zur Treppe schob. „Vergiss das Abendgebet nicht. Auch wenn es schon Nacht ist.“

Das Abendgebet. Vor Schreck bekam Rosi ein schlechtes Gewissen. In Wasungen brauchte sie nicht zu beten. Obwohl Karl ja Else zuliebe Adventist geworden war und immer gebetet hatte. Als er noch in Brühl 18 lebte. Doch mit Buttstädt und Brühl 18 und Else hatte Karl wohl das Beten vergessen. Und damit auch Gott. Und nun hatte auch sie Gott vergessen. Nicht einen Gedanken hatte sie in Wasungen an ihn verschwendet. Auch nicht an das Beten. Das ja zu Gott gehört. Vielleicht war Gott nur in Brühl 18 ? Obwohl sie ja manchmal gedacht hatte, dass da der Teufel in allen Ecken hockte.

Vorsichtig drückte Rosi die Klinke der Kammertür nieder. In der Kammer war es stockdunkel. Es gab kein Licht. Nicht einmal einen Lichtschalter.
Schnell kniete Rosi sich vor das Bett. Sie faltete die Hände und betete: „Lieber Gott. Endlich bin ich wieder in dem Haus, in dem du wohnst. Obwohl Mama gesagt hat, dass du überall bist. Doch das kann nicht sein. In Wasungen warst du jedenfalls nicht. Ich danke dir, dass du hier bist. Und ich will deinem Wort gehorchen. Amen.“
Zufrieden stand Rosi auf. So, wie sie war, legte sie sich angezogen aufs Bett und schlief sofort ein. "Ein Glück, dass es in diesem Bett keine Kratzwäsche gibt", war ihr letzter Gedanke.

*

Als Rosi am nächsten Morgen erwachte, schlug die Uhr in der Stube neun Mal. Panisch rannte Rosi die Treppe hinunter. Else saß ganz gemütlich auf dem alten Sofa. Die kleine Margitta schmatzte zufrieden an ihrer Brust. Else hatte sie fürsorglich in ihr Kleid gewickelt. Nur einige schwarze Haarbüschelchen waren zu sehen.
Neben Else saß Bertraud Johanna. Genüsslich schlurfte sie ihre Milch aus einem Becher. Als sie Rosi in der Tür stehen sah, sprang sie auf. Vor freudigem Schreck fiel ihr der Becher aus der Hand.
„Rosi! Rosi ist wieder da. Mama, Mama! Guck mal. Rosi ist wieder da.“ Stürmisch hängte sich Bertraud Johanna an Rosis Hals. „Ich habe so lange auf dich gewartet“, sagte sie. „Gehst du wieder fort?“
„Nein.“ Rosi nahm Bertrauds kleine Patschhand in ihre. „Nein“, wiederholte sie. „Ich bleibe jetzt hier.“
„Die schöne Milch“, sagte Else. „Kannst sie ja gleich aufwischen. Bevor sie noch mehr in die Dielen sickert.“
„Mach ich gleich.“
„Ich auch.“ Bertraud Johanna hüpfte in die Küche. Schnell holte sie einen nassen Lappen aus dem Eimer hinter der Grude. „Ich bin doch schon groß“, freute sie sich. „Hier nimm.“
Rosi nahm den Lappen und wischte die Milch auf. Danach warf ihn Bertraud hinter den Eimer neben der Grude.
„Warum hast du mich nicht geweckt?“, fragte Rosi Else. „Du hast es versprochen. Und was man verspricht, muss man halten. Das hast du selbst gesagt.“
„Das schon“, erwiderte Else. „Aber es gibt auch Ausnahmen. Und die Ausnahme war, dass du dich ausschlafen musstest.“
„Aber nun kann ich nicht in die Schule“, murrte Rosi. „Ich hatte mich schon so gefreut.“
„Auf den einen Tag kommt es nun auch nicht mehr an“, sagte Else. „So kannst du wenigstens in Ruhe deinen alten Ranzen packen.“

*
Mittags saß die Familie wieder am Tisch. Wie eh und je. Und wie eh und je gab es Rosis Lieblingsessen. Pellkartoffeln mit Quark. Dazu frischer Kopfsalat. Mit Essig und Öl und Zucker.
Über dem Tisch schwankte die blaue Runterziehlampe. Mit den gelben Sonnenblumen. Dem Fliegenfänger. An dem die toten und noch zappelnden Fliegen klebten.
Rosi wunderte sich, dass sie das alles nicht störte. Wie sonst immer. Es kam ihr sogar vertraut und heimelig vor.
Jutta und Karlchen hatten Schulschluss. Richard Mittagspause.
„ Erzähl doch mal Rosi“, war Jutta neugierig. „Mach schon.“
„Ja mach schon“, war auch Karlchen neugierig. „Wie war es in Wasungen? Was hast du erlebt?“
Doch Rosi hatte keine Lust, zu erzählen. Ganz davon abgesehen, dass ihr auch nichts einfiel. Die Zeit in Wasungen schien schon in weite Ferne gerückt. Sie war fast vergessen. Der Wald. Die Burg. Der Turm. Die sonnigen Wiesen. Mit den wilden Blumen und Kräutern. Den Himber- und Brombeersträuchern entlang der Lichtungen. Das Gezwitscher der unzähligen Vögel. Der Anblick, wenn die Sonne am Abend hinter den Bergen verschwand. Die Schule drunten im Tal. Die Lehrer, die sie ständig tadelten. Karls Frau und das Herumtollen und Zanken mit ihrem Sohn. Sogar Karl. Alles vergessen.
Vielleicht war die Zeit in Wasungen ja nur ein Traum?, dachte Rosi. An ihre Träume konnte sie sich ja auch kaum erinnern.
„Träume sind Schäume“, sagte Else oft.

„Verstehe ich nicht“, staunte Jutta. „Hier ist so viel passiert.“
„Und ob“, stimmte Karlchen Jutta zu. „Zippi und Zappi haben Junge bekommen.“
„Und die spielen immer mit Zippi und Zappi“, freute sich Bertraud. „Im Stall. Oder im Hof.“
„Ja“, mischte sich Else in das Gespräch, „Papi hat die Ziegen im Herbst zum Decken gebracht. Da waren sie alt genug.“
"Beim ersten Mal klappt es auch nicht immer“, sagte Richard, während er die letzte Kartoffel auf seinem Teller zerquetschte. "Also bin ich mit Zippi und Zappi nach Rudersdorf gegangen. Nicht nach Gutmannshausen, wo ich zuerst hin wollte.“
Richard legte eine schwarze Haarsträhne von rechts nach links über die kahle Stelle auf seinem Kopf und sah Else an.
„Ja“, sagte Else, „zu Bauer Lange. Bei dem hat er Zippi und Zappi von seinem Bock decken lassen.“
„Besamen“, kicherte Rosi. Der Bock hat sie besamt.“
„Genau“, stimmte Else Rosi zu. „Der Bock hat unsere Ziegen besamt. Damit sie Junge bekommen.“
„Und es hat geklappt“, sagte Karlchen. „Willst du sie sehen?“
Und ob Rosi die Zicklein sehen wollte. Nichts lieber als das. Bisher hatte sie ja keine Zeit dazu gehabt. Die Zeit seit ihrem Aufstehen war wie im Fluge vergangen.
„So. Ich gehe jetzt in den Hof.“ Rosi stand auf. Schnell lief sie zur Tür. „Ich will jetzt endlich die Zicklein sehen“, sagte sie. „Kommt ihr mit Kinder?“
Bevor die Kinder antworten konnten, sagte Else streng: „Hiergeblieben. Erst aufessen.“
„Dann kommt halt nach.“

Der Pflaumenbaum vor Schmids Mauer hing voller kleiner, grüner Früchte. Darunter stand die lange Holzbank. Davor der große Tisch. Auf dem Rasenfleckchen blühten die Gänseblümchen. Die Hühner hatten sie nicht weggepickt. Wie im vorigen Jahr. Bestimmt hatten sie genug anderes zu fressen gefunden. Auf dem Mist stand der Hahn. In seinem bunten Gefieder. Dem glutroten Hahnekamm. Er reckte und streckte sich großtuerisch. Schüttelte fröhlich sein Gefieder. Plustertet sich auf. Wie ein selbstbewusster Gockel. Sein Hahnekamm schwoll rot an und er krähte mit heiserer Stimme: „Kikeriki! Kikerikie!“
Schöner Willkommensgruß.
„Kikeriki! Kikeriki!“, krähte Rosi übermütig zurück. „Gack, gack, gack“, verscheuchte sie die Hennen, die aufgeregt um ihren Hahn herum scharrten und unentwegt gackerten.
„So ein Lärm aber auch.“
Erschrocken drehte sich Rosi zu Schmids Mauer. Frau Schmids Kopftuchwuschelkopf wackelte auf der Mauer hin und her. „Da bist du ja endlich wieder, Rosi", sagte Frau Schmids. „Es hatte sich ja schnell rumgesprochen, dass der Karl dich entführt hat. Und dass er jetzt eine neue Frau hat. Na ja, getratscht wird halt immer“, lachte sie. „Nichts für ungut. Wir sehen uns ja nun wieder öfter.“
So plötzlich, wie Frau Schmids Kopftuchwuschelkopf erschienen war, war er wieder verschwunden.

Auf der dicken Wäscheleine baumelten Richards schwere Arbeitssachen. Auch die leichten Sachen der Kinder. Besonders die vielen Windeln von Margitta. Mullwindeln. Einlegewindeln. Große Umschlagewindeln. Gummihöschen. Jäckchen. Mützchen. Strampler. Alles einträchtig neben einander. Else musste also gerade ihren Großwäschetag gehabt haben.
„Vielen Dank für die schöne Begrüßung“, wandte sich Rosi wieder an den Hahn und seine gackernden Hennen. „Nun muss ich aber endlich zum Ziegenstall.“
Als Rosi den Riegel vor der Ziegenstalltür zurückschieben wollte, standen plötzlich Jutta und Karlchen neben ihr.
„Wir sind auch fertig“, sagte Karlchen. „Los, mach die Tür auf. Da wirst du aber staunen.“
Rosi staunte wirklich. Kaum, dass sie die Tür geöffnet hatte, strömte den Kindern ein warmer Stallgeruch in die Nasen. Es roch nach frischem Heu. Warmen Ziegenkörpern. Und besonders nach frischer Milch. Ziegenmuttermilch. Diese roch irgendwie ganz anders als Kuhmilch. Irgendwie lieblicher. Kuhmilch mochte Rosi gar nicht. Und Ziegenmilch musste sie ja nicht trinken. Die war für die kleinen Zicklein.

Zippi und Zappi standen bewegungslos auf einem Berg Heu. Die kleinen, noch ganz flauschigen, weißen Zicklein saugten genüsslich an ihren Zitzen.
Auf Zehenspitzen lief Rosi zu Zippi und Zappi.
„So“, sagte sie, während sie Zippi und Zappi abwechselnd streichelte, „ich bin wieder da. Ich habe euch so vermisst. Ihr seid jetzt nicht mehr klein. Ihr seid jetzt die Geißen. Also, die Eltern.“
Zippi und Zappi meckerten vor Freude. Sie schienen Rosi nicht vergessen zu haben. Zappi wagte sogar einen kleinen Hüpfer. Die jungen Zicklein störte das nicht. Sie saugten einfach weiter.
„Wie heißen die denn“, wollte Rosi wissen.
„Namen haben die noch nicht“, sagte Jutta. „Wir haben auf dich gewartet. Du hast doch immer die Ideen“, scherzte sie.
„Aber wir haben jetzt ein Ziegengeschirr. Von Onkel Metzner“, sagte Karlchen aufgeregt. „Damit können wir Zippi und Zappi vor den Handwagen spannen. Das heißt, wenn wir von den Wiesen wieder das Heu holen.“
„Das ist kein Heu“, widersprach Jutta. „Das sind doch die Blumen und die Gräser. Wir müssen sie nur trocknen. Damit es Heu wird.“
„Aber ich muss trotzdem lenken“, sagte Karlchen. „Sonst wissen die Ziegen doch gar nicht, wo sie hin sollen.“
„Na wir werden sehen“, sagte Rosi. „Bestimmt müssen sie erstmal noch eine Weile bei ihren Kindern bleiben.“


***

Fortsetzung folgt
 
Wenn du registriert und angemeldet bist und selbst eine Story veröffentlicht hast, kannst du die Stories bewerten, oder Kommentieren. Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diese Story kommentieren.
Weitere Aktionen
Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diesen Autoren abonnieren (zu deinen Favouriten hinzufügen) und / oder per Email weiterempfehlen.
Ausdrucken
Kommentare  

Noch keine Kommentare.

Login
Username: 
Passwort:   
 
Permanent 
Registrieren · Passwort anfordern
Mehr vom Autor
Die Kinder von Brühl 18/ Teil 4/ Hammer Zirkel Ährenkranz/Episode 12/Das inbrünstige Gebet Richards Sturheit und der zerplatzte Traum   
Die Kinder von Brühl 18/ Teil 4/ Hammer Zirkel Ährenkranz/Episode 11/ Der sozialistische Gang die Aura die blaue Tschapka und die Klassenkeile  
Hoch die Tassen  
Balkonien und Begonien  
Der Mensch muss frei sein  
Empfehlungen
Andere Leser dieser Story haben auch folgende gelesen:
---
Das Kleingedruckte | Kontakt © 2000-2006 www.webstories.eu
www.gratis-besucherzaehler.de

Counter Web De