403


10 Seiten

Die Belfast Mission - Kapitel 04

Romane/Serien · Fantastisches
Kapitel 04 – Mission Titanic

Als Henry Gudimard am Hafen von Southampton eintraf, hörte er das Kreischen der Schienen und Schnaufen der Lokomotiven, die im nahegelegenen Bahnhof abbremsten. Schwarzer, wölbender Rauch stieß in die Luft.
Schnellen Schrittes eilte Henry über die Straße, damit er rechtzeitig vor der nächsten eintrudelnden Menschenmasse das Ocean Terminal erreichen konnte. Dort begegneten ihm Menschen unterschiedlicher Herkunft. Viele von ihnen waren Emigranten, die ihre Heimat Europa, Asien oder wo auch immer sie herkamen, für immer den Rücken kehren wollten, um im gelobten Amerika ein neues Leben zu beginnen. Nachdem er sich mit fantasievollen Ausflüchten durch die Warteschlangen geschickt vorgedrängelt und die Kontrolleure passiert hatte, ging er dem Pier 44 zielstrebig entgegen, dorthin, wo der Ozeanriese Titanic ankerte.

Henry lief durch die Menschenmasse hindurch, wobei er seinen Blick nicht von dem schwarzen Schiffsrumpf der Titanic abwandte, der monumental in die Höhe ragte. Manchmal blieb er stehen und schaute an den unzähligen Bullaugen vorbei, hoch bis zu den weißen Decks hinauf. Darüber ragte das überdachte Promenadendeck etwas hervor, wobei sich unzählige Menschen herauslehnten und mit Taschentüchern winkten. Irgendwo dort oben, zwischen all diesen Personen, die eigentlich seit einer Ewigkeit nicht mehr existierten, befanden sich weitere Agenten aus dem 25. Jahrhundert und warteten auf seine Anweisungen.
Möwen umkreisten den Schiffsmast und aus den gigantischen gelben Schornsteinen, dessen obere Umrandungen schwarz lackiert waren, stieg sachter Rauch hinaus, welchen der neblige Himmel einfach zu verschlucken schien. An der Spitze des Bug- und Heckmastes wehten die englische sowie die rote Flagge der White Star Line, auf der mittig ein weißer Stern zu sehen war. Das Logo der Reederei White Star Line.
Hoch oben über dem Ausguck zwischen all den stramm gespannten Stahlsträngen, drang die Sonne wie eine schwache Leuchte einer Taschenlampe durch den Dunst hervor. Es versprach trotz alledem ein wunderschöner Tag zu werden.
Auf dem Kai wurden die beladenen Fuhrwägen dicht an den Schiffsbug herangezogen, damit der Verladekran die letzten sperrigen Überseekisten der Ersten- sowie Zweiten- Klasse Passagiere, die gewissenhaft aufgelistet und nummeriert wurden, ordentlich verstauen werden konnte. Sogar einige fabrikneue Automobile aus dem deutschen Kaiserreich wurden mit Eisenpaletten über zwanzig Meter auf das Bugdeck hinaufgehievt und im Frachtraum verschifft. Das Hab und Gut der Dritten Klasse Passagiere hingegen, verfrachteten Hafenarbeiter eilig mit dem Schubkarren in das Mittelschiff, wo es dann einfach in die Lagerräume wie Kieselsteine ausgeschüttet wurde. Selbst die massenhaften Postpakete hatte man behutsamer deponiert, als das Gepäck der Dritte Klasse Passagiere.

Henry holte seine Taschenuhr hervor und klappte sie auf während er lief, schaute dann hinauf auf den langgezogenen Bug der Titanic und behielt dabei die Kommandobrücke genauestens im Augenschein.
„Hört ihr mich? Haben wir Funkverbindung? Sind alle auf Position? Funktioniert das GPS des Satelliten?“
Was niemand bemerkte – selbst dem Oberkellner aus der Pension Café Forest View war es nicht aufgefallen, obwohl dieser Gudimard gründlich gemustert hatte – war, dass in Henrys Ohrmuschel und an seinem dunkelgrauen Überzieher stecknadelkleine Mikrogeräte angeheftet waren. Hinblick der altmodischen Technik des anfänglichen Zwanzigsten Jahrhunderts war es gar angebracht, ein veraltetes GPS-System zu nutzen. Eine fortgeschrittene Technologie stand einer störfreien Funkverbindung erfahrungsgemäß oftmals im Wege. Damit war nicht gut zu arbeiten. Besonders die Funkwellen der ständig gesendeten Telegrafen störten die hochsensiblen technologischen Kommunikationssysteme, welche die Agenten üblich einsetzten. Missionen im Mittelalter und noch weiter zurück in die Vergangenheit, bestanden wiederum keine Signalprobleme.
„Noch verfügen wir über einen ausgezeichneten GPS-Sendeempfang. Dies könnte sich aber innerhalb einer halben Stunde ändern, wenn der Satellit hinter die Erdkrümmung verschwindet. Unsere Zielperson lässt sich außerdem nicht lokalisieren. Frag mich bitte nicht, weshalb. Was sollen wir jetzt also tun? Wollen wir abbrechen und eine halbe Stunde zurücksetzen oder weiter machen? Vielleicht ist aber nur der Nebel für die schwachen Signale verantwortlich. Das war sicherlich das Problem, welches der Beobachtungstrupp hatte, den TT ausfindig zu machen. Seinen ID-Chip kann er schließlich unmöglich selbst deaktiviert haben“, vernahm Henry vom Funkspruch übermittelt.
„Merde, also gelingt es uns wieder nicht, diesen Penner rechtzeitig aufzustöbern und ihn zu transferieren. Verstehe ich nicht. Ganz so dicht ist der Nebel nun auch wieder nicht. Egal, wir machen weiter wie geplant. Thomas, bestätige!“
Einige Sekunden rauschte die Funkverbindung in Henrys Ohrmuschel, bevor der Einsatzleiter Thomas antwortete.
„Na schön, Henry“, sagte Agent Thomas energisch. „Ich bin zwar der Einsatzleiter, aber dann trägst du dafür gefälligst auch die Verantwortung, falls es misslingt!“
„Ja, ja … Verantwortung. Die Verantwortung trage ich letztendlich sowieso immer“, antwortete Agent Henry gelangweilt. „Dem Bericht zufolge wird der TT den Kapitän kontaktieren. Also, beobachtet einfach E.J. Smith und haltet euch alle für einen Zugriff bereit. Ich komme jetzt an Bord!“

Irgendwo unter den 2300 Passagieren und Besatzungsmitgliedern befand sich ein unbekannter Zeitreisender, der sich nicht nur ohne eine Genehmigung in dieser Zeitepoche aufhielt, sondern obendrein beabsichtigte, die legendäre Titanic vor dem Untergang zu bewahren. Das Archiv in der Sicherheitszentrale hatte daraufhin einen Masteralarm ausgelöst, worauf eine Beobachtungseinheit in das Jahr 1912 gesandt wurde, die sich als Passagiere auf das Schiff einschleusten und einfach nur abwarteten, weshalb die Titanic nicht gesunken war und den New Yorker Hafen unbeschadet am Dienstag den 17. April 1912 erreichte. Als die Agenten den Saboteur, der sich als ein Schiffsoffizier verkleidet hatte enttarnten und ihn schließlich verhaften wollten, verschwand er ganz plötzlich durch ein unbekanntes Zeitfenster. Jemand hatte versucht, die Weltgeschichte zu manipulieren. Dieses Verbrechen wurde mit der Höchststrafe geahndet. Nun sollte Agent Henry und sein Team den TT dingfest machen, ihm einfach zuvorkommen, ihn vom Schiff zu holen, damit sich dieses Verbrechen erst gar nicht ereignet und die Titanic untergeht.
Agent Henry Gudimard beabsichtigte an Bord zu gehen. Die Abfertigung an den Gangways ging allerdings nur schleppend voran. Als Henry endlich oben vor der Einstiegsluke der Titanic stand, verlangte ein uniformierter Steward freundlich nach seinem Ticket. Henry lugte über dessen Schulter und erhaschte einen Blick in das Schiffsinnere. Ein roter Teppich bedeckte den Boden des weißen Korridors, der am Ende des Flures in zwei verschiedene Richtungen führte. In den Nischen standen prächtige Topfpalmen und Deckenleuchten sowie ovale Glaslampen, die mit gleichmäßigen Abständen an den Wänden montiert waren, spendeten ausreichend Licht. Während der Schiffssteward sein Ticket überprüfte, blickte Henry hinter sich in erwartungsvolle Gesichter. Nach dieser Gesellschaft zu urteilen, befand er sich wie es geplant war, auf der Gangway der Ersten Klasse.
„Okay, Henry. Habe verstanden“, knisterte es in seiner Ohrmuschel. „Die Mission wird auf deinem Befehl fortgesetzt. Drei unserer Agenten befinden sich im Getümmel auf dem Promenadendeck. Agent Dave steht auf dem Bugdeck und beobachtet die Kommandobrücke. Er hat unsere Zielperson gesichtet. Der TT hält sich gerade oben auf dem Bootsdeck auf. Ich stehe mit zwei neuen Schleusern an unserem ausgemachten Platz, direkt an der Abfertigungshalle B“, meldete sich der Einsatzleiter Agent Thomas zu Wort.
Der neunundvierzigjährige Agent Thomas, der sich als ein Hafenarbeiter verkleidet hatte und sein Kopf mit einer braunen Schirmmütze bedeckt war, verweilte mit verschränkten Armen vor der besagten Abfertigungshalle B und überblickte das riesige Schiff aus einer gewissen Distanz. Der Menschenauflauf war enorm und völlig unübersichtlich, zudem war es äußerst laut. Leute riefen sich gegenseitig zu; Hupen von Automobilen der Reichen tröteten, weil sie sich durch die Menschenmasse bis genau zur Gangway vorfahren ließen, und Schiffsoffiziere brüllten lautstarke Anweisungen durch ihre Megaphone. Neben Thomas standen rechts wie links zwei gutaussehende Burschen, bekleidet in schnieken Herrenanzügen mit Krawatte, darüber trugen sie hellgraue Überzieher. Auf Thomas’ Nase lag eine schlichte Nickelbrille, damit konnte er das Geschehen perfekt überblicken. Dies war eine speziell angefertigte Brille, mit der man nicht nur nachts sehen oder gar röntgen, sondern sie auch als Fernglas benutzen konnte. Zum Regulieren der Brennweite benötigte es nur kurze Berührungen auf das Brillengestell, somit gelang es sogar, kleinere Objekte aus weiter Entfernung mühelos zu identifizieren. Die herangezoomte Sicht passte sich sekundenschnell dem Auge des Betrachters an und überdies garantierte die Sehhilfe hochauflösende Fotografien.

Die zwei Agentenanwärter neben Thomas wirkten etwas unbeholfen. Die jungen Männer wurden zu Schleuser ausgebildet und hatten erst vor zwei Wochen ihren offiziellen Dienst angetreten. In der Akademie verbrachten sie zwar unzählige Stunden in den Simulatoren und bewiesen sich ausgezeichnet, aber nun war der Kampf gegen harmlose holografische Gegner vorbei und ihr erster realer Einsatz erwartete sie. Noch sollten die Agentenlehrlinge lediglich zuschauen, eifrig nachfragen, falls ihnen etwas unverständlich vorkäme. Trotzdem mussten sie damit rechnen, urplötzlich in das Geschehen miteinbezogen zu werden, wobei dann von ihnen einen vorschriftsmäßigen Einsatz abverlangt wurde. Sie hatten schließlich eine fünfjährige Ausbildung mit Bravour absolviert, und irgendwann ist bekanntlich immer das erste Mal.
„Warum knallen wir diesen Scheißkerl nicht einfach ab, Thomas? Wenn Sie mir ein Scharfschützengewehr geben, dann könnte ich mich irgendwo verschanzen, und der Spuk wäre vorbei. Garantiert!“, schlug einer der Grünschnäbel vorlaut vor. „Meine Trefferquoten sind nachweislich exzellent. Ich wurde sogar zum besten Schützen des Jahres `73 …“
„Sachte, Ike, ganz sachte. Sei geduldig“, unterbrach ihn Thomas. „So einfach, so wie du dir das vorstellst, ist das nicht. Das oberste Gebot lautet: Keine Aufmerksamkeit erregen und das Zweite: Bring die Zielperson immer, wenn möglich, in einem Stück nach Hause zurück. Sprich, lebendig! Eine Leiche an Deck eines vollbesetzten Passagierschiffes können wir uns nicht leisten. Wir hätten es sofort mit der hiesigen Polizei zu tun und müssten damit rechnen, dass die Titanic später als vorgesehen ausläuft, was bedeutet, das Schiff verpasst wohlmöglich den Eisberg. Außerdem ist diese Angelegenheit hier eine Nummer zu groß dafür, als dass ein einzelner Täter es durchführen könnte. Wenn möglich wollen wir doch auch die Marionettenspieler unschädlich machen, richtig?“
Nickend stimmten die zwei Agentenanwärter zu.
„Wir versuchen jetzt schon zum zweiten Mal, ein und dieselbe Person aufzuhalten und falls es uns diesmal wieder nicht gelingen sollte, haben wir ein echtes Problem“, fügte Thomas bei.
Normalerweise verlangte die Einsatzleitung nach zwei weiteren, aber erfahrenen Agenten, doch stattdessen schickte man ihnen Neulinge, die einen Einsatz diesmal nicht nur im Simulator sondern real, vor Ort miterleben und dienen sollten.
Ike van Broek, der links neben Thomas stand, war äußerst begeistert, obwohl er das frühe Zwanzigste Jahrhundert, aufgrund der spießigen Gesellschaft, anfangs für zu langweilig hielt. Er interessierte sich eher für das Deutsche Reich, hatte sogar gezielt diese Epoche studiert und hoffte innig, dass die UE-Regierung ihn bald dorthin beordern würde. Aber nun befand er sich direkt dort, wo er eigentlich gar nicht sein wollte, im Jahre 1912. Doch seine anfängliche Enttäuschung verfloss rasch. Der leibhaftige Anblick des legendären Titanen imponierte ihm, zumal er zusätzlich den Schiffsbau des 20. Jahrhunderts studiert und eine Schreinerausbildung absolviert hatte. Fiebrig verfolgte er den regen Funkkontakt.

„Sir, es tut mir leid, aber ich darf sie hier nicht passieren lassen“, sagte der Schiffssteward. „Sie besitzen leider nur ein Ticket der Zweiten Klasse. Sie befinden sich hier aber am Gate der First Class“, wies ein Schiffsteward Henry zurecht, der ständig hinter sich schaute, um endlich einen Blickkontakt mit dem Einsatzleiter Thomas zu bekommen.
„Was?!“, fuhr Henry ihn ungläubig an und entriss ihm ruppig das Ticket, um sich zu vergewissern. „Tatsächlich“, brummelte Henry vor sich hin, schaute den Steward aber sogleich streng an. „Ich habe eine Fahrkarte für dieses Schiff, also lass mich gefälligst rein, Mister!“, konterte Henry im Befehlston.
„Sir … Das ist aber die Erste Klasse, deshalb muss ich Sie bitten, sich am übernächsten Gate, achtern am Mittelschiff einzureihen. So lautet nun mal die Vorschrift!“
Einen Augenblick verharrte Henry und überlegte. Er wirkte etwas konfus und massierte sich mit seinen Fingern die Stirn, während er verdutzt auf sein Ticket schaute. Es hätte eigentlich ein Erste Klasse Ticket sein sollen, damit er gesitteter und vor allem zügiger in das Schiff gelangen konnte. Die Zeit dazu, sich nochmals hinter einer wartenden Schlange einzureihen, fehlte ihm und war gewiss nicht eingeplant. Henry blickte ihn entnervt an.
„Du lässt mich jetzt sofort da rein oder ich bleibe hier einfach stehen. Dann kannst du zusehen, wie du mit diesen wartenden Snobs fertig wirst!“, zischte Henry ihm leise ins Ohr und zeigte dabei mit dem Daumen auf die hinter sich ungeduldig wartenden Herrschaften.
„Aber Sir, bitte verstehen Sie mich doch. Ich kann Sie hier unmöglich mit einem Ticket Zweiter Klasse passieren lassen. Was glauben Sie wird mit mir geschehen, wenn das herauskommt!“, flüsterte der Schiffssteward ihm dringlich zu.
Henry seufzte und versuchte es mit einer alternativen, einer unwiderstehlicheren Taktik zu regeln, indem er ihm einen Hundert Dollar Schein zusteckte. Henry versprach hochheilig, sich gegenüber den Ersten Klassen Passagieren angemessen zu verhalten, sofort hinauf auf das Promenadendeck zu eilen und von dort aus würde er sich sogleich in seinen Bereich begeben. Niemand würde diesen Schummel bemerken, versicherte er ihm.
Der Steward war sichtlich angespannt und wirkte, trotz eines zerknüllten Hunderter in seiner Brusttasche, sehr nervös, denn Henry war beharrt darauf durch die geöffnete Einstiegluke zu spazieren und wahrlich abgeneigt davon, wieder die Gangway hinunter, sich hindurch ungeduldige reiche Leute zu schlängeln, die ihn deswegen gewiss maßregeln würden.
Die Zeit drängte, für Henry aber auch genauso für den Schiffssteward, denn mittlerweile drangen Beschwerderufe ihm entgegen. Aber das großzügige Trinkgeld, welches nun in seiner Uniformbrusttasche steckte, überzeugte letztlich.
„Na schön, Sir … In-in Ordnung. Passieren Sie bitte zügig“, sagte der Steward schließlich nervös und winkte ihn hektisch durch. Doch Henry blieb trotzdem einen Augenblick stehen, reckte seinen Hals und überblickte hinter sich angestrengt die Menschenmenge. Erst als er den als Hafenarbeiter verkleideten Agenten Thomas, mit seinen beiden neuen Anwärtern an seiner Seite am verabredeten Platz, an der Halle B entdeckte und er statt zu winken, nur die Hand hoch hielt, tat er den Schritt in die Titanic. Der Schiffssteward atmete erleichtert auf, weil ihm nicht sonderlich wohl dabei war, wenn etliche reiche, teilweise sogar prominente Persönlichkeiten an seinem Gate warten mussten und vor allem behagte ihm nicht, falls es sich herumspräche, dass sie wegen eines Zweiten Klasse Passagiers warten mussten.
Eine ältere Dame, die einen Mops auf ihrem Arm hielt und in Begleitung einer deutlich jüngeren Frau war, beschwerte sich, als sie vor dem Steward stand und ihm erbost ihr Ticket vorhielt.
„Unerhört, junger Mann. Sollen wir, ich, mein kleiner Constantin (ihr Hündchen) und die Komtess, hier auf dieser Gangway etwa versauern? Sorgen Sie gefälligst dafür, dass es zügiger vorangeht!“, fuhr sie ihn mit einem hochgestochenen, englischen Unterton spitz an. „Das ist ja ungeheuerlich, dieser miserable Service. Es ist ja schon bald Zeit für den Tee. Wir sind schließlich nicht die Zweite, geschweige gar die Dritte Klasse, die unendlich Zeit haben.“
Der Schiffssteward wirkte sichtlich überfordert und führte die betagte Dame sachte in das Schiff, während der kleine Mops seine Zähne fletschte, den jungen Mann anknurrte und sogar nach ihm schnappte.

Immer wieder klappte Henry die Taschenuhr auf, kontrollierte die Uhrzeit und fragte, währendem er sich zwischen einer diskutierenden asiatischen Großfamilie und einer Gruppe jüdisch Orthodoxen eilig hinauf zum Promenadendeck hindurchzwang: „Und, wo steckt der TT jetzt? Ist ein Zugriff endlich möglich?“
„Negativ. Noch führen sie ihn nicht in die Offizierskabine ab. Er ist immer noch von zu vielen Akteuren umgeben. Wir müssen abwarten, bis der TT in die Kabine beordert wird“, sprach Thomas über Funk.
„Eine bescheidene Frage, Thomas. Weshalb halte ich ein Ticket der verdammten Zweiten Klasse in meiner Hand? Es war ausgemacht, dass ich so nah wie möglich am Bug einsteige. Dazu benötigt man aber ein gottverdammtes First Class Ticket! Was glaubst du, was hier für ein Gedränge herrscht!“, beschwerte er sich.
Nach einem Moment der Funkstille meldete sich Thomas wieder zu Wort.
„Tut mir leid, Henry. Das war anscheinend ein organisatorischer Fehler, den ich im Einsatzbefehl übersehen und urtümlich abgezeichnet habe.“
„Hmm“, brummelte er. „Lies das nächste Mal den Befehl gefälligst bis zur letzten Zeile durch, bevor du abzeichnest. Dann schleichen sich auch keine Flüchtigkeitsfehler ein!“
Wieder verstrichen einige Sekunden, bevor eine Antwort aus seinem Mikrogerät drang.
„Bei allem Respekt, Henry. Auf deinem Schreibtisch lag meines Wissens derselbe Einsatzbefehl, welchen du ebenfalls abgezeichnet hattest.“

Henry Gudimard stand nun endlich auf dem Promenadendeck zwischen winkenden Menschen, lehnte sich weit hinaus und schaute möglicherweise als Einziger nach oben. Er wusste, dass die Zielperson sich genau in diesem Moment irgendwo über ihm auf dem Oberdeck befand. Zwischen aberhunderten von Menschen.
Wahrscheinlich würde dieser sich grad bei Kapitän Smith als ein von der White Star Line neu angeheuerten Schiffsoffizier vorstellen. Kapitän Smith, der davon aber nicht in Kenntnis gesetzt wurde, wird misstrauisch reagieren, den vermeintlichen Schiffsoffizier sicherheitshalber vorrübergehend in einer der Offizierskabinen abführen lassen und die Rederei White Star Line in Liverpool per Telegraf kontaktieren und nachfragen, weil normalerweise der Erste Schiffsoffizier William Murdoch den Dienst hätte antreten müssen. Eine verhängnisvolle Verzögerung bahnte sich an, denn sollte die Titanic nur Minuten verspätet ablegen, würde der schicksalhafte Eisberg wahrscheinlich nicht mehr auf dem Kollisionskurs treiben oder eventuell sogar in jener Nacht eher gesichtet werden.
„Merde, am liebsten würde ich jetzt hinaufgehen, den Kerl schnappen und ihn einfach über Bord werfen. Dann hätten wir unseren wohlverdienten Feierabend.“
„Negativ, Henry. Dann würde nämlich am nächsten Tag eine Schlagzeile in den Zeitungen geschrieben stehen, die nichts in den Geschichtsbüchern verloren hätte. Außerdem hätten wir zusätzlich das Southampton Police Department auf dem Hals, die genauestens untersuchen würden, wie der Kerl über Bord fiel. Stunden würden vergehen bis das Schiff auslaufen könnte. Habe noch ein bisschen Geduld, er wird bald abgeführt!“
„Ja, Mann, weiß ich doch selber. War nur eine Überlegung, die mir sehr angenehm gewesen wäre“, antwortete Henry seufzend.

Henry schaute wieder auf seine Taschenuhr. Es war jetzt mittlerweile 11.45 Uhr. Der Anker würde normalerweise in einer Viertelstunde gelichtet werden. Agent Dave, der die Kommandobrücke vom Bugdeck aus kontrollierte meldete, dass das Gespräch zwischen Kapitän Smith und der Zielperson abgeschlossen sei und er nun in die besagte Kabine abgeführt wird. Jetzt war die Zeit gekommen, die Begleitung abzulenken und den Zeitverbrecher zu überrumpeln, ihm Handschellen anzulegen und ihn zurück in das 25. Jahrhundert zu befördern. Dann könnte dieser Kerl die Titanic Katastrophe nicht mehr verhindern.
Doch plötzlich erreichte Henry ein unangenehmer Funkspruch, der alle bisherigen Hoffnungen auf einen erfolgreichen Missionsabschluss zunichte machte.
„Henry … Wir müssen unseren Einsatz abbrechen. Es ist etwas Unvorhersehbares passiert.“
„Was ist denn nun schon wieder?“, fragte er genervt.
„Soeben wurde mir von der Sicherheitszentrale mitgeteilt, das in der morgigen Tageszeitung folgende Schlagzeile geschrieben stehen wird: Erster Schiffsoffizier der Titanic, William Murdoch, erdrosselt im South Western Hotel aufgefunden. Möglicherweise ist Murdoch in diesem Augenblick bereits tot, aber noch weiß es niemand. Dieser Mord wurde noch nicht entdeckt. Henry … William Murdoch gilt als ein Hauptakteur! Er übernahm in dieser Schicksalsnacht das Kommando über die Titanic und veranlasste die verhängnisvollen Befehle für das Ausweichmanöver. Er muss unbedingt auf dieses Schiff. Egal wie! Er ist doch ein Hauptakteur!“
Für einen Augenblick schwieg Henry, dann schlug er wütend mit beiden Händen gegen die Reling.
„Putain de merde!“, fluchte er. „Wie ist das möglich? Der Beobachtungstrupp hatte dieses Ereignis nicht im Bericht erwähnt, also kann das normalerweise unmöglich geschehen sein!“

Die Lage schien aussichtslos und die Mission gescheitert zu sein. Jemanden war es gelungen, die Titanic vor der Katastrophe zu bewahren. Über 1.500 Menschen würden daraufhin leben, die eigentlich nicht existieren sollten und könnten die Zukunft beeinflussen. Die Zukunft wäre jedenfalls nicht mehr identisch mit dem, was ursprünglich in den Geschichtsbüchern geschrieben steht.
Henry strich sich mit der Hand über sein Gesicht und atmete schwermütig auf. Noch war der Mord an William Murdoch nicht publik geworden. Noch bestand eine Hoffnung, das Ruder erfolgreich herumzureißen. Er dachte verzweifelt nach.
„Thomas, ich habe da eine Idee, wie wir den Mord an Murdoch rechtzeitig verhindern können. Dazu brauchen wir aber einen von den neuen Anwärtern“, sagte Henry.
 
Wenn du registriert und angemeldet bist und selbst eine Story veröffentlicht hast, kannst du die Stories bewerten, oder Kommentieren. Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diese Story kommentieren.
Weitere Aktionen
Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diesen Autoren abonnieren (zu deinen Favouriten hinzufügen) und / oder per Email weiterempfehlen.
Ausdrucken
Kommentare  

Noch keine Kommentare.

Login
Username: 
Passwort:   
 
Permanent 
Registrieren · Passwort anfordern
Mehr vom Autor
Die Belfast Mission - Kapitel 11  
Die Belfast Mission - Kapitel 10  
Die Belfast Mission - Kapitel 09  
Die Belfast Mission - Kapitel 08  
Die Belfast Mission - Kapitel 07  
Empfehlungen
Andere Leser dieser Story haben auch folgende gelesen:
Die Belfast Mission - Kapitel 06  
Die Belfast Mission - Kapitel 08  
Die Belfast Mission - Kapitel 09  
Die Belfast Mission - Kapitel 01  
Die Belfast Mission - Kapitel 07  
Das Kleingedruckte | Kontakt © 2000-2006 www.webstories.eu
www.gratis-besucherzaehler.de

Counter Web De