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Die Belfast Mission - Kapitel 07

Romane/Serien · Fantastisches
Kapitel 07 – Das Verhör

Das einzige Licht in dem betonierten Verhörraum spendete eine gewöhnliche Glühbirne, die mit einem langen Stromkabel verbunden war und von der Decke herab hing. Oben aus der Betondecke ragten metallische Röhren heraus, die mittig synchron im Sekundentakt aufblinkten. Der Gefangene konnte sich nicht sicher sein, ob es sich hierbei um Kameras, zusätzliche Lichtstrahler oder gar um Schusswaffen handelte. Dabei waren diese zylindrischen Dinger einfache Lügendetektoren, die sowohl Akustik als auch mentale Schwingungen aller Anwesenden analysierte und diese Daten sogleich auswerteten. Selbst der berühmte Baron von Münchhausen würde an dieser Gerätschaft bitter scheitern – lügen war absolut sinnlos. Die Kamera jedoch, die zur Aufzeichnung des Verhörs diente, war in der Glühbirne integriert, die über dem Haupt des Gefangenen baumelte und ihn absichtlich blendete. Diese KI-Hologramm-Kamera zeichnete das Verhör objektiv zusammen, sodass dieses produzierte Filmmaterial völlig unparteiisch und für eine Gerichtsverhandlung zulässig war.

Der Inhaftierte saß regungslos am Tisch und starrte vor sich hin. Seine Offiziersjacke hatte man ihm gewaltsam aufgerissen; sein weißes Hemd hing zur Hälfte aus der Hose und war in Brusthöhe mit Blut getränkt. Sein linkes Auge war zugeschwollen und aus seiner aufgeplatzten Unterlippe und Augenbraue quoll Blut heraus. Ein faustbreiter Armreif, auf dem eine kleine Leuchte im Sekundentakt grün aufblinkte, umklammerte press sein Handgelenk. Der bullige, einsneunzig große Agent Maikel, saß mit halbem Gesäß auf dem Tisch und schaute den Mann mit zusammengezogenen Augenbrauen scharf an. Maikels Jackett und Überzieher, die er während der Mission in Southampton getragen hatte, sowie seine Krawatte lagen auf dem Tisch und die Ärmel seines weißen Hemdes waren hochgekrempelt.
Agent Dave, der immer noch mit seinem Mantel und Melone bekleidet war und in der Ecke hinter ihm stand, zündete sich gerade eine Zigarette an. Maikel hob, nachdem er das Zippen des Feuerzeuges wahrnahm, sachte die Hand und winkte mit dem Mittel- und Zeigefinger, ohne dabei den Blick von dem Gefangenen abzuwenden. Dave näherte sich seinem Kollegen und steckte vorsichtig die angezündete Zigarette zwischen seinen Fingern. Maikel zog kräftig an dem Glimmstängel, inhalierte den Tabakrauch und blies den beißenden Dunst in das Gesicht des Gefangenen, worauf dieser hüstelte. Plötzlich schnellte die Panzertür nach oben. Agent Henry betrat die Inhaftierungszelle. Kurz nachdem er die Türschwelle passiert hatte, schloss sie sich wie ein herunterschnellendes Fallbeil.
„Ihr habt ihn geprügelt?“
„Ach, nicht der Rede wert, Henry. Nur das Übliche bevor ich es wirklich ernst meine, denn er macht einfach das Maul nicht auf“, bekundete Agent Maikel gelassen. „Er sagt nicht, wie er heißt, er sagt nicht, aus welcher City er kommt und weshalb ihm kein Mikrochip implantiert wurde, verschweigt er uns ebenfalls. Ich hab`s nämlich schon probiert, ihm mit dem Beamer ein paar Stromschläge zu verpassen, aber er lächelte nur. Da hab ich ihm eben ein paar Ohrfeigen verpasst. Jetzt lächelt er nicht mehr.“
„Erzähl ihm auch, dass der Augenscanner ebenfalls keine brauchbaren Daten übermittelt. Weil, er besitzt keine ID (Personalausweis) in seinem Auge“, meldete sich Dave zu Worte.
„Wie … Tatsächlich kein Chip und keine ID?“, fragte Henry überrascht.
Jeder Zeitreisende musste sich zuerst einen Mikrochip implantieren lassen, um überhaupt von der Kontaktschwelle eines Zeitfensters erfasst zu werden. Dies erledigten gewöhnlich die Mediziner von der Time Travel Agentur. Dieser Mikrochip war nicht nur mit einem Identitätschip und einem Peilsender ausgestattet, damit in der Sicherheitszentrale die reisende Person auf den Monitoren sowie auf dem Display eines Beamers genauestens lokalisiert werden konnte, sondern es war zusätzlich der notwendige Sendeempfänger darin integriert, der auf die programmierten Daten des Zeitfensters reagierten und einen Transfer durch Raum und Zeit überhaupt erst ermöglichten. Ein Lebewesen, welches man mit dieser Technik nicht ausgestattet hatte, könnte niemals in einem Zeitfenster durch Raum und Zeit reisen. Aber die Handfessel mit dem blinkenden Lichtsignal funktionierte genauso wie ein Implantat und beförderte den Gefangenen somit trotzdem direkt zum Checkpoint.

Henry warf einen Blick auf den Computermonitor, der eine dreidimensionale Röntgenaufnahme des Inhaftierten wiedergab. Seine Skelettstruktur bestand ausschließlich aus menschlichen Knochen, genauso waren seine Organe weder präpariert noch gab es Hinweise auf verdächtige Bauteile in seinem Körper, die darauf hinweisen könnten, dass dieser Mann sich zu einem Cyborg hat operieren lassen.
Ein Cyborg wurde aufgrund seiner übermenschlichen Kraft und Ausdauer gefürchtet, weshalb die Cyborg-Technologie in United Europe gesetzlich nur bedingt erlaubt war, beispielsweise für loyale Agenten.
Der Mann schwieg beharrlich, aber anhand seines tomografischen Schnittbildes und seines Äußeren zu urteilen, musste der Mann, genauso wie Henry, ungefähr Mitte fünfzig sein. Henry runzelte nachdenklich die Stirn und verschickte eine E-Mail an seine Sekretärin.
„Okay Maikel, ich danke dir. Ab jetzt übernehme ich ihn. Ich werde ihn persönlich in meinem Büro verhören.“
Henry ballte die Faust und Agent Maikel schnallte ihm seinen Armreif über, diesen er ebenfalls die ganze Zeit um sein Handgelenk getragen hatte. Mit einem Knopfdruck seines Beamers passte sich die kabellose Handschelle seinem Handgelenk press an. Die kleine Leuchte blinkte grün. Jetzt war der Gefangene mit Henry verbunden und es war ihm nun unmöglich, sich von ihm zu entfernen oder, dass er sich ihm bedrohlich näherte.
Der Gefangene folgte Henry zwangsweise hinterher. Er verspürte wenn er langsamer lief, wie sein Arm, an dem die elektronische Handfessel befestigt war, von innen verkrampfte und der Schmerz verstärkte sich, wenn er nicht Schritt hielt. Versuchte er aber den Sicherheitsabstand zu überwinden, um eventuell direkt neben Henry zu laufen, drückte ihn eine unsichtbare Kraft, wie die eines gleichpoligen Magneten von ihm weg, was dem Gefangenen zusätzlich migräneähnliche Kopfschmerzattacken bescherte.
Nachdem sie die labyrinthisch betonierten Gänge passiert hatten, gelangen Henry und der Gefangene zu einem Lift, der sie in wenigen Minuten 130 Stockwerken nach oben befördern würde. Dieser Aufzug war die einzige direkte Verbindung zwischen den Zellenblöcken unterhalb der City und der Sicherheitszentrale in der obersten Etage, dem Geheimdienst. Der Höhenunterschied betrug über 900 Meter. Befugt diesen einzigartigen Lift zu benutzen waren ausschließlich nur UE-Agenten, die über ein gültiges Passwort verfügten.

In Henrys Büro angekommen, setzte sich der Mann in einen gemütlichen Ledersessel und schaute sich verunsichert um. Die gerundeten Wände waren aus Glas, genau wie die anderen rundherum stehenden Büros. In welcher Richtung er auch schaute, sah er auf unzählige gläserne Kuppeln, in denen Beamte vor ihren Schreibtischen saßen und ihre Arbeit verrichteten. Henry betätigte einen Schalter, woraufhin die Verglasung milchig anlief, ohne dabei an Helligkeit einzubüßen. Nun konnte sie niemand außerhalb seines Büros weder beobachten, noch hören. Ein weiterer Knopfdruck deaktivierte alle seine privaten Fotos in den Bilderrahmen, stattdessen strahlte daraufhin ein schlichtes helles Licht heraus. Minutenlang schwiegen beide sich an, bevor Henry das Wort erhob.
„Lass uns doch vernünftig sein. Wenn Sie nämlich schweigsam dieses Büro verlassen, wird man Ihnen die Höchststrafe aufbrummen: Die Verbannung aus allen Citys.“
Schweigend schaute der Häftling Henry mit einem geschwollenen Auge an. Henry starrte ihm direkt ins Gesicht.
„Verstehen Sie eigentlich, wovon ich rede? Wissen Sie überhaupt, was außerhalb der Citys vor sich geht? Es ist Anfang Mai, zurzeit toben noch Sandstürme bei Minus 60 Grad Celsius und nachts wird es noch etwas kälter werden. Die Erde entfernt sich allmählich aus dem Jupiter Sektor und nähert sich wieder der Sonne. Dann wird es sehr bald etwas wärmer, und zwar unerträglich heiß“, meinte Henry. „Alle Stadtruinen außerhalb der Citys sind unbewohnbar, dennoch leben dort draußen einige Menschen, die wie Sie nicht kooperieren wollten. Jedenfalls Vereinzelte, die es irgendwie geschafft hatten, wie eine Kakerlake am Leben zu bleiben. Können Sie das auch, wie eine Scharbe zu überleben?“
Der Mann zeigte weiterhin keine Regung sondern blickte Henry nur schweigend an.
„Man wird Sie aus der City hinauswerfen und Ihnen nur einen Schutzanzug überreichen mit etwas Ausrüstung. Weiter nichts. Dann sind Sie so gut wie erledigt und nur noch ein Opfer. Denn, solch ein Schutzanzug und vor allem der integrierte Sauerstoffwandler sowie die Ausrüstung sind schließlich lebensrettend, und außerhalb der Citys sehr begehrt. Außerdem sind Sie da draußen eine lukrative Mahlzeit; man wird Sie am lebendigen Leib filetieren, Sie irgendwo in einer kühlen Höhle aufbewahren, grillen und verspeisen. Die Outlaws ernähren sich nämlich von allem, was essbar ist. Außerdem werden dieses Barbaren …“
„Nennen Sie mich einfach nur Eric“, unterbrach er plötzlich.
Henry war erstaunt. Nur die Wenigsten knickten in so kurzer Zeit ein.
„Sie wollen kooperieren, Eric? Das ist sehr vernünftig. Somit werden Sie auch nicht verbannt werden. Also, wie viele Personen sind noch involviert und was ist Ihr Motiv? Wir wissen, dass Sie kein Einzeltäter sind. Außerdem will ich wissen, wie Sie Zeitreisen ohne die dazu nötige Technologie unternehmen. Und die entscheidende Frage lautet: Wie kann es sein, dass unser Augenscanner keine ID erkennen kann? Schließlich wird jedem UE-Bürger direkt nach der Geburt ein Augenchip implantiert.“
Eric lächelte und schnaufte abfällig.
„Ich habe nicht behauptet, dass ich mit euch kooperiere. Von mir aus verbannen Sie mich doch, dann erspare ich mir nämlich eine sinnlose Debatte über die Weltgeschichte. Ich sage Ihnen allein dies, Henry. Ich versuche nur die Weltgeschichte wieder zu korrigieren, denn ihr mit euren Zeitreisen habt alles durcheinander gebracht und somit die Gegenwart verändert.“
Henry schüttelte sachte mit dem Kopf, während er das Rechtsurteil durchblätterte.
Schon wieder so ein Spinner der glaubt, dass die Regierung die vergangene Welt ständig nach ihrem Ermessen manipuliert, um die Urlaubsreisen sowie das Auswandern in die vergangene Welt attraktiver zu gestalten. Denn schon seitdem vor dreißig Jahren Zeitreisen ermöglicht wurde, kursierte die Verschwörungstheorie, dass die UE-Regierung das Weltgeschehen der Vergangenheit manipuliert und alle legendären Katastrophen eigentlich selbst verursacht hatte, damit die Leute in das staatliche Reisebüro TTA stürmen und Zeitreisen buchen, um sich ein angeblich geschichtliches Abenteuer zu gönnen, ohne dabei irgendwie geschädigt zu werden.
Das Zeitreiseunternehmen Time Travel Agentur war schließlich ein äußerst lukratives Einkommen, was dem UE-Staat letztendlich sogar aufrecht hielt. Besonders interessierte sich Henry dafür, wie es dem TT ohne ein ID-Implantat gelungen war, durch Raum und Zeit zu reisen. Dies war mit der UE-Technologie einfach unmöglich. Sollte sich also irgendwo in United Europe ein weiteres Zeitfenster befinden, welches nicht von der Regierung kontrolliert wird, dann musste es umgehend verschlossen werden. Da sich aber der TT anscheinend diesbezüglich zum Schweigen entschlossen hatte, blieb keine andere Wahl als ihn einfach außerhalb der City auszusetzen in der Hoffnung, dass er spätestens nach 24 Stunden sich besinnen würde und schließlich zur Kooperation bereit wäre. Sollte er aber nicht mehr auftauchen, wäre das Problem eben auf diese Weise aus Welt geschafft, sofern es keine weiteren Täter gab. Henry betätigte eine Taste.
„Maikel, du hattest recht. Der TT macht einfach das Maul nicht auf und will jetzt unbedingt an die frische Luft. Besorg ihm Ausrüstung, in wenigen Minuten werde ich ihn zu euch bringen.“

Kurz darauf führte Henry in Begleitung zwei SEK-Soldaten den Time Thief ab und begab sich zum Lift, der ihn wieder über 900 Meter hinunter zu den Zellenblöcken beförderte. Unten angekommen erwarteten sie bereits Agent Maikel und Dave, zur Übergabe des orangenen Astronautenanzuges, einem weißen Helm mit integrierten Sauerstoffwandler und dunklem Schutzvisier. Die dazugehörende Überlebensausrüstung bestand aus einem Medizinpaket und Nahrungspräparate für einige Wochen vorrätig, die in einem speziellen Rucksack verstaut waren. Aber schwache Menschen überlebten außerhalb der Citys grad mal ein paar Stunden. Agent Maikel packte nach dessen Handgelenk, hielt seinen Beamer dagegen und deaktivierte die Handschelle. Die grüne Leuchte erlosch.
Erics Mundwinkeln verzierten sich daraufhin zu einem zufriedenen Lächeln, weil jetzt seine geplante Flucht aktiviert wurde.
Noch bevor es einem Soldat des SEK gelang die Luke zur Außenschleuse zu öffnen, überkam plötzlich jeden Anwesenden im Schleusenkoridor ein extremes Schwindelgefühl. Die sonst so harten Burschen des SEK, Agent Maikel, Dave und sogar auch Henry, die man nicht so schnell außer Gefecht setzen konnte, sanken nach Atem ringend zu Boden. Ein Vakuum entzog ihnen ganz plötzlich die Atemluft, als würden sie sich außerhalb der Erde im Weltall befinden. Während alle Anwesenden vergebens nach Luft rangen und auf die Knie fielen, beobachteten sie, wie sich Erics Gestalt langsam auflöste und er letztendlich wie eine zerplatzende Seifenblase einfach verschwand. Die Männer verspürten zugleich eine Druckwelle mit einem dumpfen, hörbaren WUPP und nachdem, atmeten sie wieder Sauerstoff ein. Eric war verschwunden. Spurlos.
„Obacht Männer, möglicherweise war das gar kein Zeitsprung, sondern er benutzt nur eine Tarnvorrichtung und ist jetzt unsichtbar. Durchkämmt den Raum!“, befahl Henry hektisch.
Die Agenten sowie die SEK-Soldaten fassten sich gegenseitig an ihren Händen, sodass ein Durchschlüpfen unmöglich war und durchforsteten langsam gehend den Schleusenraum. Aber als sie jeden Winkel abgetastet hatten, musste sich Henry zerknirscht eingestehen, dass dem Inhaftierten die Flucht gelungen war.
„Putain de … So eine verfluchte Scheiße. Dieser Dreckskerl ist uns entwischt. Er hat sich buchstäblich in Luft aufgelöst.“
Henry atmete schwermütig auf. „Wie erkläre ich das jetzt bloß Monsieur Staatspräsident Klaasen“, grummelte er vor sich hin.
 
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