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12 Seiten

Die Belfast Mission - Kapitel 11

Romane/Serien · Fantastisches
Kapitel 11 – Ruhm und Ehre

Ike musste vier Monate lang suchen bis er die geeignete Frau an seiner Seite fand, weil er gewisse Ansprüche stellte. Sie sollte unbedingt hübsch aussehen, zumindest einen gewissen Reiz auf ihn ausüben, die Hausarbeiten perfekt beherrschen und vor allem hervorragend kochen können und zwar so, dass man ihm nicht täglich Rührei mit Speck servieren würde. Denn Eiergerichte konnte er mittlerweile selbst zubereiten. Dass eventuell eine wahre Liebesbeziehung entstünde, schloss er völlig aus.
Ausgerechnet auf Eloises beste Freundin – wie er später überraschend festgestellt hatte –, die brünette Margaretha, 22 Jahre jung, hatte er es anfangs abgesehen, weil sie als Sekretärin im Hauptquartier von Harland & Wolff tätig und dazu befugt war, in vertrauliche Unterlagen einzusehen. Sobald sich Ike ungestört fühlte und niemand anwesend war, setzte er sich mit halbem Gesäß auf ihren Schreibtisch und flirtete mit ihr. Er zeigte stets großes Interesse an ihre Arbeit, lobte sie ständig und bewunderte täglich ihre moderne Kleidung sowie ihr lockiges, langes Haar. „Wissen Sie, Margaretha. Irgendwie erinnern Sie mich sehr an Mary Pickford. Hat Ihnen das schon mal jemand gesagt?“, hatte Ike ihr eines Tages dieses Kompliment gemacht, obwohl nur ihre Haarfrisur etwas an die weltberühmte Stummfilmschauspielerin erinnerte.

Mit seiner charmanten Art gelang es Ike, dass Margaretha ihn heimlich in die Akten einiger Mitarbeiter hatte blicken lassen, die ihm Schwierigkeiten bereiteten. Margaretha war es sehr wohl bewusst, dass sie gewissermaßen Spionage betrieb und Verrat an ihre Mitarbeiter ausübte, dies ihren Job hätte kosten können. Aber Ike verlangte hauptsächlich nach Informationen, die den Vorarbeiter der Elektriker, Mr. Carl Clark, sowie weitere Angestellte wie Bob McMurphy betrafen, die sie nicht besonders mochte und zudem war sie offensichtlich in Ike etwas verknallt.
Margaretha hatte selbstverständlich seinen Lebenslauf ebenfalls genauestens studiert. Ikes hervorragende Diplome hatten ihr imponiert und sie hatte für seine Neugier sogar Verständnis gezeigt, schließlich hatte er es als Ausländer nicht einfach. Sie wollte keinesfalls, dass er eines Tages dem Stress nicht mehr gewachsen war und aufgrund dessen wohlmöglich kündigen würde.
Sobald er das Büro wieder verlassen und die Tür hinter sich zugezogen hatte, hatte sie ihre Hände gefaltet und verträumt gegen die Decke geschaut. „Ach, was für ein aufregender Mann er doch ist.“
Margaretha kleidete sich immer modisch und achtete sehr auf ihre Erscheinung. Schicke Damenbekleidung und Kosmetik waren ihr heilig. Sie arbeitete stets flink, wirkte hinter ihrem Schreibtisch äußerst kompetent und machte selbst während es stressig war niemals den Anschein, etwas nicht bewältigen zu können. Und gegenüber allen Vorgesetzten sowie auch dem einfachen Arbeiter, war sie stets freundlich und war immer bestrebt, deren Anliegen schnellstmöglich zu erledigen.
Kurzum, das fleißige Bienchen wurde von jedem geschätzt und respektiert; Margaretha fühlte sich in dieser Männerdomäne offensichtlich wohl und kam jederzeit zurecht. Der Kuchen, den sie einmal extra für Ike gebacken und ihm heimlich zugesteckt hatte, hatte ihm vorzüglich geschmeckt. Als er damals in der Schreinerwerkstatt, während der Frühstückspause, ein paar Kuchenstücke verspeist hatte war ihm klar geworden, dass er diese attraktive Frau, die obendrein ausgezeichnet backen und bestimmt genauso gut kochen konnte, unbedingt erobern müsste. Sie war seine Auserwählte gewesen.

Jedoch brachte Ike alsbald in Erfahrung, dass Margaretha und der Vorarbeiter der Maschinenbauer, Matthew Kelly, der mittlerweile zu seinem Freundeskreis zählte, miteinander verlobt waren und sie demnächst heiraten wollten.
Matthew Kelly hatte ihn eines Tages persönlich zu seiner bevorstehenden Hochzeit eingeladen und ersuchte in einem vertraulichen Gespräch um einen Ratschlag. Matthew gestand ihm, dass sich seine Verlobte neuerdings merkwürdig distanziert verhalten würde und er sich dies nicht erklären könne. Margaretha sei seine erste große Liebe, gestand er ihm kleinlaut, die er um keinen Preis der Welt verlieren wollte. Matthew ahnte ja nicht, dass Ike eigentlich die Ursache war, weshalb sich seine Liebste verändert hatte. Daraufhin hatte Ike sich geräuspert, ihm freundschaftlich auf die Schulter geklopft und ihn beraten.
„Matthew, du musst eines verstehen. Das ist völlig normal. Mach dir deswegen keine Gedanken. Sie liebt dich ganz bestimmt, vertraue mir. Frauen verhalten sich manchmal so, bevor sie sich ewig zu binden gedenken. Dieses Verhalten nennt man Torschlusspanik. Wenn du weißt, was ich meine“, erklärte er ihm neunmalklug. „Ach so …“, raunte Matthew erleichtert, weil er ihm anstandslos glaubte und er daraufhin wieder frohen Mutes seiner Hochzeit entgegen sah.
Ike war immerhin ein fabelhaft aussehender Kerl und niemanden entging es, wie ihm die Frauen heimlich hinterherschauten. Van Broek kennt sich mit Frauen aus, hieß es. Keine Frage. Matthew war davon absolut überzeugt und stellte seine wertvollen Tipps bezüglich Frauen niemals infrage. Nachdem Ike diese enttäuschende Neuigkeit erfahren hatte, dass Margaretha schon vergeben war, massierte er mit seinen Fingern nachdenklich seine Stirn und atmete dabei schwermütig auf.
„So ein Mist aber auch. Diese Akteurin wäre die optimale Lebenspartnerin für mich gewesen. Obendrein sieht sie wirklich scharf aus. Verdomme, wie ärgerlich!“
Doch es widersprach dem UE-Gesetz, während des Aufenthaltes in der vergangenen Welt sich für eine Lebenspartnerin oder eine Liebelei zu entscheiden, die bereits versprochen, liiert oder gar verheiratet war. Diese Vorschrift hatte selbst ein gewöhnlicher Zeitreisender zu befolgen. Die absehbaren Komplikationen würden nur unnötig die Mission behindern. Jeden möglichen Ärger musste ein Zeitreisender unterlassen, um unauffällig zu bleiben.
Ike wollte aber keinesfalls auf diese überaus wertvolle Informationsquelle verzichten und versuchte mit einer ehrlichen Aussprache wenigstens ihre Freundschaft aufrecht zu halten. Margaretha war eine kluge junge Frau, die sich daraufhin selbst eingestand, in ihn nur verknallt gewesen zu sein. Ihre zukünftige, vielversprechende Ehe wollte sie nicht leichtfertig verspielen, also bedankte sie sich bei ihm für seine Aufrichtigkeit, dass er ihr die Augen geöffnet hatte.
Margaretha schätzte seine Diskretion und versorgte Ike weiterhin mit internen Informationen. Die junge Frau betrachtete ihn nun als einen wahren Freund, wovon sie aber ihren Verlobten Matthew niemals in Kenntnis gesetzt hatte. Ike behielt also weiterhin seine Augen offen und musterte unauffällig jedes nette Fräulein, das ihm begegnete. Und Margaretha und Ike verband seitdem eine heimliche Freundschaft.

Es war nun März 1909. Er hatte instinktiv ein gutes Gefühl, dass er möglicherweise am Wochenende auf dem Belfaster Frühjahrsmarkt fündig werden würde, auf seine Auserwählte zu treffen, zumal dort Samstagabend vor einem riesigen Lagerfeuer traditionell ein Tanzball veranstaltet wurde. Dieses alljährliche Ereignis lockte selbst die Hiesigen aus ihren entlegenen Nestern hervor, die sich sogar Wochen bevor der Jahrmarkt in der Stadt überhaupt veranstaltet wurde, sich weitgehend darauf vorbereiteten und täglich von nichts anderem mehr sprachen. Der Belfaster Frühjahrsmarkt war das zurzeit größte Ereignis in ganz Ulster. Darauf freuten sich die Leute mindestens genauso wie auf Weihnachten oder Ostern. Und wenn es endlich soweit war, zogen die Pferdegespanne in regelrechten Trecks aus allen umliegenden Dörfern hinaus in die Stadt.
Insbesondere auf den abendlichen Tanzball unter freiem Himmel freute sich die jüngere Generation ungemein, weil sich dann eine Gelegenheit ergab, eventuell ihrem zukünftigen Lebenspartner zu begegnen. Das Tanzfest auf dem Jahrmarkt war in der Provinz Ulster aufgrund der berühmten Wartebank sehr beliebt, die gehemmten Junggesellen als auch für die schüchternen Fräuleins ein geeignetes Forum anbot, sich bei feierlicher Stimmung näher kennenzulernen.
Das Prinzip der sogenannten Wartebank sah wie folgt aus: Es wurde ein großes Podium als Tanzfläche aus Holzbalken und Dielen erbaut, wobei jeweils auf der gegenüberliegenden Seiten dutzende Stühle aufgestellt wurden. Auf der einen Sitzreihe hockten nur männliche Personen, die steif dasaßen und begeistert die kichernden und tuschelnden Damen gegenüber anschauten. Jede der jungen Fräuleins wartete nur darauf, bis einer der gaffenden Herren sich herüber wagen und sie zum Tanz auffordern würde.
Man starrte sich also oftmals über eine Stunde lang nur an und allein anhand einer freundlichen Geste, eines erwiderten Lächelns konnte angenommen werden, dass die Herzdame oder der Traumprinz gewisses Interesse zeigte. Manchmal entstanden allerdings auch peinliche Missverstände, weil eine junge Frau bezaubernd lächelte und zuwinkte, der junge Mann gegenüber sich angesprochen fühlte, seinen ganzen Mut am Schopfe packte und herzklopfend auf sie zuging. Doch wenn er sie ansprach und zum Tanzen aufforderte musste er verbittert feststellen, dass sie die Tanzaufforderung freundlich ablehnte, weil ihr charmantes Lächeln eigentlich dem Sitznachbar gegolten hatte.

Eloise war es eigentlich gewesen, die Ike zuerst entdeckt und sich dazu entschlossen hatte, ihn irgendwie zu erobern. An jenen Samstagnachmittag war er ihr unter der Menschenmenge sofort aufgefallen, wie er mit einem niedlichen Hundewelpen auf seinem Arm umhergeschlendert war und hatte ihn heimlich verfolgt. Der Anblick eines starken und obendrein gutaussehenden Mannes, der ein zartes Hündchen in seinen Armen hält und sich rührend mit ihm beschäftigt, hatte sie entzückt. Zudem gefiel er ihr sehr. So einen starken, obendrein attraktiven Mann hatte sie sich schon immer gewünscht: „Wenn der jetzt auch noch gescheit ist, dann muss er mir gehören“, hatte sich Eloise in den Kopf gesetzt.
Immer wieder hatte sie ihren Hals gereckt, sich auf Zehnspitzen gestellt und über dutzende Köpfe hinweggeschaut, ihn im Auge behalten und hatte ihn unauffällig verfolgt. Plötzlich war Ike an einer Schießbude stehen geblieben. Das war für Eloise die einmalige Gelegenheit, ihren Schwarm aus nächster Nähe zu betrachten, eventuell sogar mit ihm zu plaudern. Sie hatte sich am Schießstand einfach neben ihn gesellt und ständig zu ihm kurz rüber gelugt. Doch sie traute sich nicht ihn anzusprechen.
„Herrjemine, sieht der aber verflixt gut aus“, dachte sie sich insgeheim.
Ihre Begeisterung für Ike schlug jedoch rasch in Eifersucht um, als sie eine Gruppe von modern gekleideten Fräuleins ihres Alters erblickte, die ihn umgarnten und er sichtlich darüber geschmeichelt war. Nach ihrer Auffassung handelten die Damen äußerst hinterlistig, weil sie sich angeblich nur für sein Hündchen zu interessieren schienen. Aber sie wusste es besser. Zu allem Überfluss versprach ihr Schwarm den jungen Frauen, dass er ihnen jeweils eine Rose schießen würde.
„Na wartet nur, euch Hexen werde ich`s schon zeigen“, murmelte Eloise mit gekniffenen Augen säuerlich vor sich hin und legte ihr komplettes Kirmesgeld auf den Tresen, welches ihr Vater zur Feier des Tages zugesteckt hatte, wie er es jedes Jahr tat, und verlangte vom Schausteller dafür zwei komplett geladene Luftgewehre.
Eigentlich hatte Eloise sich vorgenommen, anstatt wie all die Jahre zuvor das Kirmesgeld in Zuckerwatte und Bonbonstangen zu investieren, diesmal ihr Geld für ein paar schicke Winterstiefel aufzusparen. Nun aber zielte sie äußerst verärgert ausschließlich auf Rosen, die in Porzellanhülsen steckten.
„Ihr verflixten Stadtweiber werdet gar nichts bekommen. Das schwöre ich euch!“, brummelte sie vor sich hin, legte das erste Gewehr an und kniff ein Auge zu.
Nach jedem Schuss spritzten zerbärste Porzellanhülsen umher. Immer wieder betätigte sie in Windeseile den Spannhebel, lud nach, kniff ein Auge zu und schoss. Klack-klack-klack-klack: Jeder Schuss war ein Volltreffer. Dann schnappte sie sich das zweite Luftgewehr, schoss, spannte sogleich den Spannhebel und schoss erneut. Klack-klack-klack-klack. Kein einziger Schuss ging daneben.
Der Schausteller duckte sich erschrocken, weil Porzellanteilchen umherflogen, und eine Rose nach der anderen fiel zu Boden.
Ike hatte sein Luftgewehr zwar schon im Anschlag gehalten doch musste er feststellen, dass die rothaarige Meisterschützin mit dem geflochtenen Zopf neben ihm keine einzige Rose für ihn übrig gelassen hatte. Das Versprechen, welches er seinen Verehrerinnen gegeben hatte, konnte er nun nicht mehr einhalten. Er legte sein Luftgewehr auf den Tresen nieder, stützte mit seinen Ellenbogen auf und hielt sich verblüfft die Faust vor dem Mund, während er Eloise musterte. Der Schausteller hatte als einziger applaudiert und Eloise schließlich einen riesengroßen Rosenstrauß übergeben, diesen er ihr sorgfältig zusammengebunden hatte.
„Nicht schlecht, junge Miss. So etwas habe ich noch nie erlebt. Wo haben Sie so gut schießen gelernt? Das war eine echte Meisterleistung“, meinte der Schausteller bewundernd.
Ike hatte sie erstaunt angeglotzt und noch bevor er etwas sagen konnte, hatte sie sich umgedreht und sich der ebenfalls verdutzten Damenrunde zugewandt. Keinen einzigen Blick hatte sie ihm gewürdigt. Mit einem frechen Grinsen hatte sie den Fräuleins einen schönen Tag gewünscht, und war dann mit erhobenem Haupt und einem beachtlichen Rosenstrauß davonmarschiert.

Als Ike sich am späten Abend diskret an einen abgelegenen Strauch entledigte – der abendliche Tanz hatte längst begonnen und das eine vertilgte Bier drückte auf seine Blase –, erblickte er einen weggeworfenen Rosenstrauß im hohen Gras. Während er pieselte, runzelte er die Stirn und dachte dabei sofort an dieses rothaarige Mädchen mit dem langen karierten Schottenrock und grüner Strickjacke. Ist das etwa ihr Blumenstrauß? Falls ja, was hatte dies dann zu bedeuten, fragte er sich? Was machte es bloß für einen Sinn, das ganze Geld in ein Luftgewehr zu investieren und alle Rosen zu ergattern, nur um das Grünzeug zu guter Letzt wegzuwerfen? Er schüttelte verständnislos mit dem Kopf, während er sich entledigte.
„Die Akteure in diesem Zeitalter verhalten sich manchmal echt merkwürdig“, dachte er sich.
Ike traf das mysteriöse Fräulein schließlich am Lagerfeuer wieder, als der Tanzball längst begonnen hatte. Sie tanzte mit einem wesentlich jüngeren Burschen zur Geigen- und Dudelsackmusik, begleitet von rhythmischen Handtrommeln. Die älteren Leute rundherum klatschten im Takt und freuten sich, dass ihre Sprösslinge vielleicht bald heiraten würden.
Die Rothaarige mit dem geflochtenen Zopf wirkte auf ihn aber nicht unbedingt fröhlich gestimmt. Sie machte eher einen mürrischen Eindruck, als ob sie widerwillig tanzte. Also zwängte sich Ike durch die tanzenden Leute, bis er direkt vor dem ungleichen Paar stand und tippte dem Jugendlichen behutsam auf die Schulter.
„Hallo, junger Mann. Gestattest du, dass ich dich ablöse? Ich würde nämlich gerne mit deiner reizenden Freundin tanzen.“
Der Junge drehte sich erschrocken um, richtete seine Schirmmütze etwas weit zurück und blickte ihn verdutzt an.
„Was? Wie bitte? DIE soll reizend sein? Was ist denn mit Ihnen los, Mister?“ Der Bursche lachte kurz laut auf. „Die ist nicht meine Freundin. Ganz gewiss nicht!“, empörte er sich sogleich. „Das ist bloß meine Schwester. Sie hat mich zum Tanzen gezwungen. Ehrlich, Mister!“, bekundete der junge Bursche. Aha, das bemerkenswerte Mädchen ist also noch zu haben, dachte sich Ike. Diesbezüglich wird es demnach keine Komplikationen geben.
„Paddy, halt deinen Mund!“, fauchte Eloise, blickte ihren Bruder dabei zornig an und rüttelte an seiner Schulter.
Ike merkte es, dass ihr diese Situation offensichtlich peinlich war, obwohl er im Zwielicht des Lagerfeuers nicht sehen konnte, wie sich ihr Gesicht augenblicklich errötete. Ike schmunzelte. Ihre Natürlichkeit, die sie unbekümmert an den Tag legte, hatte ihn fasziniert.
„Glauben Sie mir, Mister. Es ist wahr! Meine Schwester sagte, dass sie keine Lust hat auf der Wartebank zu hocken, wie eine Henne auf der Stange um abzuwarten, bis irgendein verliebter Gockel sie zum Tanzen auffordert. Das ist ihr nämlich zu peinlich und deswegen muss ich jetzt mit ihr tanzen, obwohl ich das gar nicht will! Hey Mister, ich muss Sie warnen. Meine Schwester meint, etwas Besseres als die anderen zu sein. Die spinnt manchmal, glauben Sie mir! An Ihrer Stelle würde ich mich gleich davon machen!“, meinte der jugendliche Bursche vorlaut. Daraufhin rüttelte Eloise seinen Arm, drohte mit der flachen Hand und wies ihn zurecht.
„Paddy, noch ein Wort und ich schmiere dir voll eine!“
Aber sogleich versteckte sie ihre erhobene Hand hinter dem Rücken und lächelte Ike mit glänzenden Augen an.
Eloise war völlig perplex. Einerseits war ihr diese Situation äußerst peinlich, weil ihr Schwarm direkt vor ihr stand während sie mit ihrem Bruder tanzte, allein nur damit die Leute nicht denken, dass sich niemand für sie interessieren würde. Trotzdem war sie überaus glücklich darüber.
Eloise strahlte diesen gutaussehenden Mann an, wies aber ihren Bruder zugleich energisch zurecht: „Verschwinde endlich! Wenn das hier schief geht, wirst du jedes Jahr mit mir tanzen müssen!“, nuschelte sie in gälischer Sprache, wobei sie Ike aber unentwegt bezaubernd anlächelte, als er ihr eine Rose überreichte. Der vierzehnjährige Paddy gehorchte und verschwand sofort, denn jedes Jahr mit der Schwester tanzen zu müssen, das wäre für ihn ein Graus.

Eloise war total überrascht und wusste nun gar nicht, wie sie sich jetzt verhalten sollte. Noch nie in ihrem Leben hatte ein Mann sie zum Tanzen aufgefordert. Zudem überreichte Ike ihr eine Rose.
„Wie heißt sogleich das entzückende Fräulein, das mich eigentlich zum Tanzen aufgefordert hätte, wenn sie nicht mit ihrem Bruder tanzen müsste? Ihr Lächeln, Miss, ist einfach hinreißend. Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle. Mein Name ist Ike van Broek. Ich komme aus der Niederlande“, sagte er, nahm ihre zarte Hand und küsste sie, wobei er ihr unentwegt in ihre wundervollen grünen Augen blickte. „Sie haben hervorragend geschossen, meine Hochachtung.“
Eloise aber erstarrte nach diesem Kompliment, anstatt sich darüber zu freuen. Sie hielt augenblicklich die Luft an, denn über die Angelegenheit an der Schießbude wollte sie überhaupt nicht reden. Und schon gar nicht über den weggeworfenen Blumenstrauß.
„I-ich bin die Eloise … I-ich meine, Miss O’Brian. Aber alle nennen mich nur Eloise”, stammelte sie kichernd.
Plötzlich sanken ihre lächelnden Mundwinkel und sie runzelte die Stirn.
„Ike van Broek heißt du? Du bist also ein Holländer?“, entwich es ihr überrascht. „Aha, soso. Und wo ist dein Hund geblieben?“, fragte sie besorgt.
„Eine Gegenfrage, Eloise O’Brian. Wo ist dein großer Rosenstrauß geblieben?“, lächelte Ike.

Der Jahrmarkt dauerte eine Wochen lang. Ike hatte aufgrund seines Postens als Vorarbeiter das Privileg, seinen Feierabend selbst zu bestimmen und übergab meistens dem Gesellen Bob McMurphy nach Absprache die Leitung, weil dieser seiner Einschätzung nach der kompetenteste Schreiner in seinem Team war. Ike schätzte ihn sehr. Er mochte Bob und nahm sich vor, diesem mürrischen Kauz ebenfalls die Freundschaft abzugewinnen. Ike entging es zwar nicht, dass ihm Bob oftmals kaltschnäuzig begegnete und er sich ihm gegenüber auffällig reserviert verhielt, dennoch war er von seiner Gutmütigkeit felsenfest überzeugt. Aber sobald Ike die Werkstatttür hinter sich geschlossen hatte, spuckte Bob verächtlich auf den Boden und richtete seine Schirmmütze. „Verfluchter holländischer Hurensohn. Männer, eines Tages mach den fix und fertig. Ihr werdet es erleben. Verlasst euch drauf!“

Es stellte sich heraus, dass Eloise in ein der benachbarten Dörfer wohnte, nicht allzu weit von seinem Zuhause entfernt. Ike verhielt sich selbstverständlich wie ein Gentleman, reiste nach Feierabend extra aus der Stadt 20 Kilometer zu ihr hin, nur um sie mit seinem Fuhrwagen abzuholen. Dann trafen sich beide heimlich am Waldfriedhof und poussierten noch ein Weilchen, bevor sie zum Jahrmarkt nach Belfast kutschierten.
Ihr gefiel dies sehr. Noch nie zuvor hatte sich ein Mann so sehr um sie bemüht, der sie obendrein zu nichts bedrängte, so wie die anderen Gleichaltrigen und ältere Herren es ständig lästig taten, die sie zuvor kennen gelernt hatte. Die Dorfburschen wollten immer nur mit ihr sofort irgendwo in irgendeine Pferdescheune verschwinden, um rumzuknutschen und wollten gerne ihre nackten Brüste betatschen. Und die älteren Herren versuchten sie mit kostbaren Geschenken zu ködern, um dasselbe und noch viel mehr zu erreichen.
Aber Ike war da ganz anders. Er teilte sogar mit ihr die Liebe zu den Pferden und ließ sich von ihr diesbezüglich ausführlich beraten. Denn er wusste mittlerweile, dass Pferde in dieser Zeitepoche immer noch unerlässlich waren.
Ike gab ihr niemals das Gefühl, als wäre dies nur ein Vorwand, ihr Vertrauen zu gewinnen um letztendlich im Heu zu landen. Weil es auch nicht so war. Er erkannte, dass diese Akteurin ihm vieles über die vergangene Welt beibringen konnte und äußerst nützlich sein würde. Zudem fand er das einfache Landmädchen irgendwie attraktiv, weil sie nie heuchelte, großherzig, witzig und taff war. Außerdem erkannte er in ihr eine attraktive Frau sobald er sich vorstellte, wie sie ihren geflochtenen Zopf öffnen und ihren wohlgeformten, nackten Körper präsentieren würde. Ein hübsches Gesicht hatte sie allemal, trotzdem wirkte Eloise mit ihren Sommersprossen auf viele Männer eher unscheinbar.

Ike und Eloise liefen täglich Hand in Hand auf dem Jahrmarkt umher und naschten Zuckerwatte. Dabei erlaubte er ihr, seinen kleinen Hund an der Leine zu führen. Eloise genoss die neidischen Blicke aller modisch gekleideten Stadtweiber, die offensichtlich darüber nachdachten, was ein Mann wie er an einem Bauerntölpel wie sie so interessant findet. Überglücklich schmiegte sie sich an seinen kräftigen Körper.
„Nennen wir sie doch Laika“, hatte Eloise spontan vorgeschlagen, als Ike ihr beichtete, dass er der kleinen Schäferhündin noch gar keinen Namen vergeben hatte. Ike zögerte einen Moment und grübelte.
Ein UE-Paragraph besagte ausdrücklich, dass es jedem Zeitreisenden strengstens untersagt war, Akteuren zukünftige Ereignisse nur ansatzweise anzudeuten. Galt diese Vorschrift etwa auch für Namensnennungen? Immerhin würde in ferner Zukunft, im Jahre 1957, ein sowjetischer Satellit (Sputnik) in die Erdumlaufbahn geschossen werden und an Bord wird die berühmte Hündin Laika sein, die als erstes Lebewesen die Erde umkreisen würde.
Ike lächelte. Weshalb nicht? Es war schließlich die Idee einer Akteurin und nicht seine Idee.
„Das ist ein wundervoller Name, Liebes. Einverstanden. Nennen wir unseren Hund eben Laika.“

In seiner Gegenwart fühlte Eloise sich geborgen wie noch nie in ihrem Leben zuvor. Sie redete unbekümmert drauf los, obwohl sie anfangs etwas nervös und schüchtern wirkte. Dies hatte sich jedoch ganz schnell gelegt. Ike zeigte für die Schwierigkeiten mit ihren Eltern volles Verständnis. Nicht so wie die Anderen, die stets meinen, dass die Eltern immer Recht behielten.
Am Nachmittag des Donnerstages wurde auf dem Jahrmarkt im Zirkuszelt eine besondere Attraktion geboten. Das Podium, auf dem ein Schausteller zusammen mit einem gewichtigen kahlköpfigen Mann stand, war mit bunten Wimpeln und Luftballons geschmückt. Der kahlköpfige Kirmesboxer blickte mit seinen buschigen Augenbrauen stechend auf die staunenden Leute herab und sein Walrossbart zuckte, wenn er gefährlich die Zähne fletschte.
„Ihr lieben Leut`, wer von euch wagt es, den ungeschlagenen Champion herauszufordern? Er verteidigte seinen Titel bereits in Paris, London, Stockholm und sogar überall im deutschen Kaiserreich! Dem Gewinner winken satte 20 Pfund und die Ehre, die Bestie von Belfast geschlagen zu haben!“, posaunte der kleine schmächtige Mann mit einem Sprachrohr hinaus.
Nach diesem Ausruf trommelte der Glatzkopf mit seinen Boxhandschuhen gegen seine beharrte, fleischige Brust, wobei er einen mächtigen Kampfschrei rausbrüllte.
Ein Gemurmel raunte durch die gaffende Menge. Einige junge Burschen, vom Kampffieber gepackt, krempelten sogar ihre Ärmel hoch. „Dem würd ich`s gerne zeigen“, sagten sie aber letztendlich fehlte ihnen doch der Schneid, auf das Podest zu steigen und im Ring gegen die Bestie zu boxen.
Ike starrte den Fleischklops kämpferisch an und spielte ernsthaft mit dem Gedanken, die Siegesprämie einzuheimsen. Er fühlte sich sowieso schon seit geraumer Zeit unterfordert, vermisste das Boxtraining mit Jimmy und verlangte danach, sich endlich wiedermal mit einem ebenbürtigen Gegner zu messen.
„Zwanzig Pfund haben oder nicht, Liebes. Wie du es immer sagst. Das ist leicht verdientes Geld für mich und obendrein ein Wochenlohn. Mach dir keine Gedanken, ich gebe dem Kerl anstandshalber zwei Runden, und in der dritten Runde schlage ich ihn gnadenlos zu Boden. Von dem Preisgeld kaufe ich dir deine Winterstiefel, die du dir so sehr wünscht.“
Aber Eloise umklammerte seinen Arm, blickte ihn panisch an und schüttelte energisch mit dem Kopf.
„Nein Ike, bist du denn wahnsinnig? Der sieht doch viel zu gefährlich aus! Bitte nicht! Der wird dich windelweich schlagen. Ich will die Winterstiefel nicht mehr. Lass uns lieber mit dem Kettenkarussell fahren!“
Plötzlich hatte der Kirmesboxer Ike erblickt. Das muskelbepackte Kerlchen entsprach genau seinem Niveau. Die Bestie von Belfast trat vor das Podium, zog seine buschigen Augenbrauen hoch und blickte Ike mit großen Augen auffordernd an.
„Hey … Du da! Ja, genau du! Dich schmächtiges Bürschlein meine ich. Komm doch mal kurz rauf zu mir, mein Söhnchen, und zeig mir was du so alles drauf hast, falls du dich traust!“, rief der Kirmesboxer ihm zu. Die Leute im Zirkuszelt jubelten und klatschten in ihre Hände. Wird er sich mit der Bestie wirklich anlegen? Das wäre wahrlich eine Show!
Immer wieder deutete der Kirmesboxer provozierend seinen gestreckten Arm auf ihn, wobei er lautstark verkündete, ihn mächtig zu vermöbeln falls er es wagen würde, gemeinsam mit ihm in den Ring zu steigen. Daraufhin lachte die Menge und Ike fühlte sich peinlich vorgeführt, dies sein Gemüt augenblicklich zornig aufbrodeln ließ.
Das ist doch nur ein Akteur aus dem anfänglichen Zwanzigsten Jahrhundert. Deren Boxtechnik steckt doch noch in den Kinderschuhen. Diesen Kerl mach ich mit Links fertig, dachte er sich. Ike verschränkte die Arme und blickte den fettleibigen, nichtsdestotrotz beeindruckenden großen Mann grinsend an.
Der Schausteller hob seinen Melonenhut und begrüßte Ike.
„Nur keine Scheu, junger Mann. Nehmen Sie die Herausforderung ruhig an, wenn Sie Mut haben. Ich bitte Sie, zwanzig Pfund ist doch jede Herausforderung wert!“, ertönte es aus dem Megaphon. „Ihnen Mister, wird es keinen müden Penny kosten. Also, was haben Sie dabei zu verlieren?“, hallte es im Zirkuszelt und die Menge jubelte.
Aber Eloise klammerte fester an seinen Arm und blickte ihn verzweifelt an.
„Nicht … Bitte, bitte, bitte nicht, Ike!“, flehte sie ihn an. Ihre besorgte Miene entzückte ihn mindestens genauso, wie ihr lächelndes Gesicht.
„Sei doch nicht so töricht, wie all die anderen Männer! Ich bitte dich, tu es nicht!“

Ike kniff seine Lippen und seufzte. Niemals zuvor war er einer Frau begegnet, die sich so um ihn gesorgt hatte. Er dachte nach. Er hatte es einfach nicht nötig, dieser Frau irgendetwas zu beweisen. Ike erkannte, dass sie sogar enttäuscht wäre, würde er jetzt in den Ring steigen, nur um seine Überlegenheit zu beweisen. Letztendlich würde sie es gar nicht beeindrucken. Wahrscheinlich wäre sie eher enttäuscht.
Eloise schätzte seine Menschlichkeit und Ike kannte sie bereits so gut, um zu wissen, dass sie ihn eventuell verschmähen würde, falls er sich auf diesen Kampf einlassen würde. Selbst wenn es ein Monatsgehalt einbringen würde. Also, was kümmerte ihn noch Ruhm und Ehre?
Er dachte nach.
Das war es ihm nicht wert, zumal er danach eventuell eine neue Lebenspartnerin suchen müsste. Eloise sah ihn bittend an, in der Hoffnung, er würde sich auf diesen wahnwitzigen Kampf nicht einlassen. Er küsste ihre Stirn und wandte sich schließlich gemeinsam mit ihr vom Podium ab. Ike entschloss sich, nicht zu kämpfen.
„Feigling!“, hörte er brüllend rufen. „Da geht er hin, dieser feige Hund! Wer von euch aber wird seinen Mann stehen und die Bestie herausfordern?!“, ertönte es aus der Flüstertüte. Im Zirkuszelt hörte man Buhrufe, weil Ike die Herausforderung ablehnte.
Eloise schmiegte sich in seinen Armen und lächelte wieder glücklich, weil Ike scheinbar vernünftig war. Dies war ihr ebenso wichtig, dass der Mann ihrer Träume seinen gesunden Menschenverstand auch umsetzte. Sie war schließlich ein anspruchsvolles Landmädchen und wollte nur einen Mann haben, der zwar stark ist und sie beschützen kann, aber auf einen Angeber und Raufbold, darauf konnte sie getrost verzichten. Von dieser Sorte Männer gab es schließlich genügend in ihrem Dorf.

Ike konnte es sich nicht erklären, weshalb ihm diese Schmach vor allen Männern plötzlich nichtig geworden war. Buhrufe ertönten, doch es machte ihm nichts aus, dass er in den Augen der vielen Männer als ein Feigling abgestempelt und ausgelacht wurde. Als er mit Eloise durch die pfeifende Menge lief, hob er nur lächelnd seine Hand und bedankte sich ironisch für diesen schmähenden Applaus, und Eloise streckte den Herrschaften frech die Zunge raus.
Nach Ruhm und Ehre hatte es ihn zwar auch im Centrum immer gedürstet und er genoss hinterher diese Anerkennung, aber nun bevorzugte er mit Eloise Kettenkarussell zu fahren, wobei sie ihre Hände fest hielten und beide johlend ihre Runden drehten. Zum ersten Mal in seinem Leben erlebte Ike wie es ist, wirklich geliebt und geschätzt zu werden.
 
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