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7 Seiten

Die Kinder von Brühl 18/ Teil 4/ Hammer Zirkel Ährenkranz/Episode 13/Das unnütze Zeugnis der Kopf des Johannes und die schlimme Nachricht

Romane/Serien · Erinnerungen
© rosmarin
Episode 13
Das unnütze Zeugnis der Kopf des Johannes und die schlimme Nachricht

Manchmal hielt Rosi ihr Abschlusszeugnis in den Händen. Doch sie wusste nichts damit anzufangen. Wozu hatte sie so ein gutes Zeugnis, wenn sie nun doch Zuhause rum saß. Die Pionierkleidung brauchte sie auch nicht mehr.
Die Pionierleiterin, Fräulein Müller, hatte bei der feierlichen Zeugnisübergabe in der Aula gesagt: "Die Pionierkleidung tragt ihr heute zum letzten Mal. Ihr seid jetzt keine Pioniere mehr. Ihr werdet jetzt automatisch in die FDJ aufgenommen. Also in den Verband der Freien Deutschen Jugend. Ganz gleich, ob ihr nun in die Oberschule geht oder eine Lehre beginnt. Der Vorstand der FDJ wünscht euch viel Mut und Glück bei der Mitgestaltung und dem Aufbau unserer jungen Republik. Einer sozialistischen, demokratischen Republik. In der ihr tatkräftig für den Frieden in der Welt kämpfen könnt. Zusammen mit unserem großen Bruder. Der Sowjetunion. Mit der wir in unverbrüchlicher Freundschaft verbunden sind."

Rosi war also jetzt in der FDJ. Allerdings ohne FDJ. Und ohne FDJ-Ausweis. Wenn sie an die Feier in der Aula dachte, kamen ihr fast die Tränen. Auch, weil es keine Feier zu Hause gab. Berta und Otto konnten nicht kommen. Die waren mit ihrem Umzug nach Suhl beschäftigt. Dort hatte Otto eine Predigerstelle bekommen. Und dieses Ereignis war natürlich wichtiger. Als eine Schulabschlussfeier.
Immer wieder sah sich Rosi in der festlich geschmückten Aula sitzen. Mit den von Else gebundenen Affenschaukeln. Verziert mit zwei großen, weißen Schleifen.
Rosi fand es total lächerlich, sich so zum Klops machen lassen zu müssen. Die anderen Mädchen hatten ihre erste Dauerwelle. Sie gaben sich, trotz der Pionierkleidung, sehr damenhaft. Sie waren ja jetzt erwachsen. Und bestimmt würden sie auch bald die Tanzschule besuchen. Bei Stars. Und sie saß da, wie ein Schulmädchen aus der Unterstufe. Aber das störte Else nicht die Bohne. "Die Haare werden nicht abgeschnitten", hatte sie bestimmt. "Und das Tanzen kannst du auch vergessen."
"Ich will aber eine Dauerwelle", bockte Rosi. "Und tanzen will ich auch. Die anderen Kinder lachen mich sonst aus."
"Lass sie lachen", sagte Else. "Es wäre ja nicht das erste Mal. Wir als Adventisten müssen darüber stehen. Sonst kommst du womöglich noch auf den Einfall und willst konfirmiert werden", fügte sie genervt hinzu.
"Würde ich auch gern", sagte Rosi. "In der wunderschönen Kirche. Mit richtiger Orgelmusik."
"Das sind doch nur Äußerlichkeiten", sagte Else. "Kein Grund, konfirmiert zu werden."
"Ich komme mir aber ausgestoßen vor." Rosi schaute auf ihre nackten Füße in den Holzklapperlatschen. "Alle anderen Kinder werden konfirmiert. Und alle Mädchen durften ihre Zöpfe abschneiden lassen. Für die Dauerwelle", sagte sie leise.
Else würdigte Rosi keines Blickes mehr. Und keines Tones. "Im Land der Allegorien tanzt Salome stets vor Herodes", rezitierte sie stattdessen theatralisch. "Und er trägt die Tiara auf ewig; und der Kopf Johannes des Täufers, vor dem die Löwen erschauern, fällt durch den Axthieb. Blut strömt herab. Und dann überwältigt die Rose des Sexus, die sich halb öffnet, alles, was lebt, mit ihrem fleischlichen Duft und ihrem Geheimnis des Geistes." Else holte tief Luft, bevor sie Rosi fragte: "Wie findest du das?"
"Blöd", sagte Rosi. "Ich verstehe nicht, was du meinst."
"Du kennst doch die Geschichte aus der Bibel von Johannes dem Täufer und Salome, der Tochter des Herodes", wunderte sich Else.
"Vielleicht", sagte Rosi. "Aber ich weiß nicht mehr, worum es da geht."
"Na, da werde ich dir mal auf die Sprünge helfen", sagte Else gönnerhaft und fuhr fort: "An seinem Geburtstag lud Herodes seine Hofbeamten und Offiziere zusammen mit den vornehmsten Bürgern von Galiläa zu einem Festmahl ein. Und zu diesem Fest tanzte Herodes Tochter. Die Salome. Sie tanzte so schön. So anmutig und hingebungsvoll, das Herodes voll Begeisterung sagte: Wünsch dir, was du willst, meine liebe Tochter. Ich werde es dir geben. Und wenn es die Hälfte meines Reiches wäre'. Da fragte Salome ihre Mutter: 'Was soll ich mir wünschen?' Und Herodias sagte: 'Den Kopf des Johannes'. Da sagte das Mädchen zum König: 'Ich will, dass du mir sofort auf einer Schale den Kopf des Johannes bringen lässt'."
"Und? Hat sie ihn gebracht?", unterbrach Rosi Else.
"Klar", sagte Else. "Welch teuflisches Gastmahl war das. Welch satanisches Schauspiel. Welch sündhafter Tanz. Und noch sündhafterer Tanzlohn. Stell dir vor: Ein Mord. Verbrecherischer als alle Morde, wird begangen. Und mitten im Feste wird derjenige abgeschlachtet, der den Ehrenkranz und Lobpreis verdient hätte. Was gäbe es Schlimmeres, als solch eine Grausamkeit, einen Mord als Gnade sich zu erbitten, einen ungesetzlichen Mord, einen Mord während des Mahles, einen Mord, begangen vor der Öffentlichkeit und ohne Scham?"
"Hör auf Mama!", schrie Rosi Else an. "Ich weiß schon, warum ich von den Geschichten aus der Bibel immer Albträume bekomme. Ich will die nicht mehr lesen. Und auch nicht mehr hören!"
"So, so", sagte Else kalt. "Du weißt aber auch, dass der Teufel in Salome gefahren ist. Und sie dadurch durch ihren Tanz das Wohlgefallen des Herodes erregt hat. Wo eben ein Tanz ist, ist auch der Teufel." Else schaute Rosi streng an. "Nicht zum Tanze hat uns Gott die Füße gegeben", sagte sie. "Sondern, um damit auf dem rechten Wege zu wandeln. Wenn schon der Leib bei solcher Ausschweifung besudelt wird, um wie viel mehr noch die Seele."
"Mama", sagte Rosi etwas ruhiger, "das sind doch nur Geschichten. Aus einer ganz anderen Zeit."
"Und damit der Teufel nicht wieder in dich fährt", ignorierte Else Rosis Einwand, "gehst du nicht in die Tanzschule. Und bekommst auch keine Dauerwelle. Basta."
Damit war das Thema erledigt. Wegen einer Geschichte aus uralten Zeiten.
*
Rosi fühlte sich mehr und mehr gefangen. Doppelt gefangen. Dreifach gefangen. Anders konnte sie sich ihren ungewöhnlichen Zustand nicht erklären. Traurig saß sie auf ihrem Bett in der Kammer neben dem Elternschlafzimmer. Sie hatte die Schule verlassen. Ihre geliebte Schule. Sie hatte sozusagen ihre Heimat verloren. So schien es ihr jedenfalls. Ihre Heimat, in der sie nicht gegängelt und herumkommandiert wurde. In der es einen Herrn Mayer mit y gab. Fräulein Ziehe und Fräulein Dahlke. Herrn Rau. Und Herrn Mikowitsch. Lehrer, die sie nie vergessen würde. Lehrer, die ihr Wissen vermittelt und sie für ihr späteres Leben geprägt haben. Einer Heimat, in der sie auch mal über die Stränge hüpfen konnte. Ohne sofort über Gebühr bestraft zu werden. Einer Heimat, in der sie singen, tanzen und lachen durfte. In der Sport Pflicht war. In der Fräulein Ziehe mit der Klasse nach Weimar gefahren ist und sie sich im Theater, vor dem in Übergröße Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller auf einem Sockel stehen, und in dem sich die ganze Klasse 'Kabale und Liebe' und 'Wilhelm Tell' angeschaut hatte.
"Und ich war im Gruppenrat", fuhr Rosi in ihrem inneren Selbstgespräch fort. "Schriftführerin. Wie Norbert. Auf seiner Oberschule in Roßleben."
Rosi seufzte tief auf. Ja, das alles würde sie vermissen. Besonders auch die Einzelstunden mit Fräulein Dahlke. Die Spaziergänge mit ihr zum Loh. Und die umliegenden Felder und Wiesen. Das Beobachten und Malen der Pflanzen und Tiere. Niemand würde mehr zu ihr sagen: "Du hast Talent Mädchen. Nun mal doch mal diese wunderschöne Blumenwiese. Aber so, wie du sie siehst. Mit dem inneren Auge. Du weißt schon."
Natürlich wusste Rosi schon. Sie wusste auch: das richtige Wort für Schule war Heimat. Ihre Heimat. In dieser Heimat gab es keinen Gott. Keinen Gott, der sie für jede Kleinigkeit bestrafte. Keinen Gott, vor dem sie ständig ein schlechtes Gewissen hatte. Der ihr schlimme Albträume schickte. Jetzt sogar schon am Tag. Oder war es der Teufel? Der ihr die Albträume schickte. Wie der Salome den sündhaften Tanz?

Rosi starrte das Bild an der Wand gegenüber an.
So ein Schwachsinn. Blödes Bild. Welcher Kitschmaler hat das denn gemalt?
Der pausbäckige Engel über dem Jungen auf der Brücke rollte plötzlich böse mit den Augen. Seine schützend ausgebreiteten weißen Flügel färbten sich grau, dann schwarz. Die Flügel klappten zwei Mal heftig auf. Dann wieder zusammen. Das ruhige Bächlein unter der Brücke gurgelte laut. Als wäre unter ihm ein Wasserungeheuer. Plötzlich wurde das gurgelnde Bächlein zu einem wilden Fluss. Der kleine Junge stürzte mit einem lauten Schrei von der Brücke und verschwand mit dem Wasserungeheuer in dem Fluss.
War sie denn ganz und gar verrückt? Entsetzt sprang Rosi von ihrem Bett. Das war bestimmt die Strafe. Die schickte ihr Gott. Weil sie so ein böses Kind war. Weil sie nicht an die Geschichten in der Bibel glaubte.
Vorsichtig schaute Rosi zu den zwei einsamen Pferdeköpfen über ihrem Bett. Sie hatten sich nicht verändert. Vielleicht, weil sie hinter Glas waren. Ohne Körper. Ohne Beine. Und somit doppelt gefangen.
Ängstlich schaute Rosi wieder zu dem Engelbild. Ein Glück. Es war wie immer. Bestimmt hatte ihr ihre Fantasie mal wieder einen bösen Streich gespielt.
"Jetzt ist aber Schluss mit dem Gejammer", rief sich Rosi selbst zur Räson.
In Selbstmitleid versinken nur schwache Charaktere. Das hatte sie mal irgendwann irgendwo gelesen. Auf keinen Fall wollte sie ein schwacher Charakter sein. Da hielt sie sich doch lieber an den Spruch 'Was mich nicht umbringt, macht mich stark'. Oder 'Mach das Beste draus'.
Genau.
Erleichtert warf Rosi den zwei Bildern eine Kusshand zu. Dann lief sie fröhlich die weiße Treppe hinab.
"Ich gehe schnell mal zum Feld", rief sie Else durch die offene Stubentür zu.
Ehe Else etwas erwidern konnte, war Rosi verschwunden.
*
Die Ferien waren fast zu Ende. Rosi wusste noch immer nicht, was sie werden sollte. "Alle aus meiner Klasse fangen am 1. September ihre Lehre an", sagte sie vorwurfsvoll zu Else.
"Wenn du nicht weißt, was du werden willst, bleibst du eben zu Hause", erwiderte Else unwirsch. "Meinen letzten Vorschlag, in Meißen auf die Porzelanmalschule zu gehen, hast du ja auch abgelehnt."
"Ja, weil ich da auch dem Richard auf der Tasche liegen und ihm die Haare vom Kopf fressen würde", machte Rosi eine Anspielung auf die Oberschule.
"Das Geld hätte ich schon aufgebracht", seufzte Else. "Aber du willst ja nicht. Du willst nicht ins Büro. Du willst nicht auf die Haushaltsschule."
"Haushaltsschule. Das fehlte noch", schüttelte sich Rosi. "Und danach anderen Leuten den Dreck weg machen."
"Und ins Büro willst du auch nicht. Wie einige Mädchen aus deiner Klasse."
"Da sitzt man ja den ganzen Tag in der Bude und tippt auf der Schreibmaschine herum. Nee, nichts für mich."
"Dann bleibst du halt hier", wiederholte sich Else. "Hier gibt es genug zu tun."
Else hörte auf, ihre teure Singernähmaschine zu treten. Sie zog das kostbare Russentuch unter den Nadeln hervor. Dann legte sie es sorgfältig zusammen und stapelte es zu den anderen kostbaren Russentüchern auf dem Tisch. "Fertig", freute sie sich. "Jutti und Heinzi können die Tücher nachher nach Mannstedt zu Stockmanns bringen. Wo sind die Kinder überhaupt?", wunderte sie sich.
"Die sind doch mit den Ziegen und den Kleinen aufs Feld", sagte Rosi.
"Und warum bist du nicht mit?", fragte Else. "Spielst wohl wieder die beleidigte Leberwurst?"
Von wegen beleidigte Leberwurst. Wenn es nur das wäre. Der Kummer saß tiefer. Viel tiefer. Aber das verstand Else ja nicht. Oder sie wollte es nicht verstehen. Also überhörte Rosi geflissentlich die 'beleidigte Leberwurst'. Mürrisch schubste sie den Besen, mit dem sie die Stube kehren sollte, in alle Richtungen.
"Da musst du wohl oder übel die Tücher zu Stockmanns bringen", sagte Else. "Und fummel nicht dauernd mit dem Besen ziellos durch die Gegend. Und kehre den Dreck nicht wieder in das Mauseloch."
"Ich bin doch nicht dein Aschenputtel!"
Wütend schmiss Rosi den Besen auf die Erde. Empört rannte sie die weiße Treppe hinauf und schmiss sich auf ihren Strohsack.
Es war schon ein Jammer, dass die Stadelmann aufgegeben hat. Nun mussten die Russentücher immer nach Mannstedt gebracht werden. Mit dem Handwagen.
Immerhin hatte sich Rosi bisher erfolgreich gedrückt. Und so fuhren jede Woche Jutta und Karlchen mit den Russentüchern im Handwagen zu den Stockmanns. Nach Mannstedt.
"Ich werde gar nichts mehr machen. Gar nichts", wütete Rosi in ihren Strohsack. Plötzlich spürte sie das Kästchen unter ihren Händen. Das Kästchen mit den Steinen, den Murmeln. Den Perlen und anderem Krimskrams. Das Kästchen mit den Erinnerungen.
Vorsichtig tastete Rosi nach dem Kästchen in ihrem Strohsack. Sie zog es hervor und klappte den Deckel auf. Und da waren sie. Die Erinnerungen. Das Kohlestückchen. Von dem Flüchtlingsjungen Walter. Die Schokoladentafelverpackung von Pawel. Der sie immer Naseweis genannt hatte. Der ihr zum Abschied die Tafel Schokolade geschenkt und dafür seine teure Armbanduhr vom Schwarzmarkt auf dem Schwarzmarkt im Loh geopfert hat.
Vorsichtig breitete Rosi all die Köstlichkeiten auf ihrem Strohsack mit der kratzigen, weißblau karierten Bettwäsche vor sich aus. Sogar die Verpackung mit den Süßigkeiten aus Amerika. Mit denen damals Elses Prügelorgie begann.
Ganz klein zusammengefaltet entdeckte Rosi auf dem Boden des Kästchens sogar noch einige Fünfmarkscheine. Die hatte ihr der Richard geschenkt. Als er noch der 'Kleine, einsame Mann' war. Der bei der Frau Kuckuck gewohnt hatte. Am Marktplatz.
"Ihr bleibt, wo ihr seid", sagte Rosi.
Schnell verstaute Rosi die Erinnerungen wieder in ihrem Kästchen und versteckte es in dem Strohsack. Dann ging sie in das Elternschlafzimmer und zog vor dem großen Spiegel ihre Gesichter. Als sie davon genug hatte, beschloss sie schnell nochmal zum Feld zu rennen. Um diese Zeit war Richard ja noch auf der Arbeit. Sie würde ihm also nicht begegnen.
*
Nach dem Besuch von Fräulein Ziehe war Richard kaum noch zu Hause. Er verbrachte jede freie Zeit auf dem Feld. Wenn Rosi noch manchmal, so wie früher, nach der Schule zum Feld wanderte und sich auf die Bank zwischen die zwei Kirschbäume setzte, musste sie zusehen, dass sie wieder verschwand, bevor Richard auftauchte. Denn weder sie noch Richard hatten Lust auf eine Begegnung. Geschweige denn auf ein Gespräch.

Kaum war Rosi aus der blauen Tür getreten, kamen ihr die Kinder entgegen. Karlchen hielt Zippi und Zappi an der Leine. Jutta hatte sich vor den Handwagen gespannt. Gitti und Walti saßen vergnügt darin. Bertraud Johanna schob von hinten.
"Wo ist denn Freia?", wollte Rosi wissen.
"Die durften wir doch nicht mit nehmen", sagte Bertraud Johanna. "Und da hat sie der Papi heute Mittag in den Schuppen gesperrt.".
"Warum denn das?", empörte sich Rosi. "Der spinnt wohl? Nur, weil sie läufig ist."
"Sie hat ein Mädchen gebissen. Hat das Mädchen gesagt", sagte Bertraud.
"Stimmt", sagten Jutta und Karlchen. "Und wenn das so weiter geht, soll sie fort."
"Wohin denn?", fragte Rosi erschrocken.
"Das hat er nicht gesagt", sagte Karlchen.

Das war doch schrecklich mit dem Richard. In letzter Zeit war Freia noch anhänglicher geworden. Anschmiegsamer sozusagen. Ständig wollte sie mit in die Kammer. Und oft schmuggelten sie die Kinder hinein. Richard durfte es auf keinen Fall wissen. Oder merken. Er hatte sogar einige Stichproben gemacht. Und wenn er Freia, die sich verängstigt zu den Füßen der Kinder gekuschelt hatte, entdeckte, hatte er sie wie ein Wilder beim Schlawittchen gepackt und wutentbrannt durch die Kammer geschleudert. "Wenn ich den Hund noch einmal hier erwische", hatte er neulich geschrien, "hat sein letztes Stündlein geschlagen."
Sprachlos und eingeschüchtert hatten die Kinder dann Freia in ihre Arme genommen und gestreichelt, bis sie winselnd eingeschlafen war.

"Ich laufe noch schnell mal zum Feld", sagte Rosi jetzt. "Holt Freia aus dem Schuppen. Sie kann ja vorerst im Hof rumtollen. Ich bin zum Abendessen zurück."
Doch es sollte kein Abendessen geben. Als Rosi auf ihrem Rückweg vom Feld beim Schwimmbad angelangt war, sah sie Karlchen und Jutta vor dem Eingang hocken. Wie ein Häufchen Unglück. Aufgelöst in Tränen.
"Was ist denn los?" Rosi setzte sich zu Jutta und Karlchen auf die Erde. "Warum weint ihr denn? Ist was passiert?", fragte sie.
Jutta und Karlchen brachten kein Wort heraus. Sie hielten sich ganz fest. Weinten und schluchzten.
Rosis Herz fing auf einmal an, wie wild zu klopfen. Abrupt sprang sie auf und schrie die Kinder an: "Steht endlich auf! Und sagt mir, was los ist."
Vor Schreck sprangen auch Jutta und Karlchen auf.
"Los! Raus damit", schrie Rosi weiter.
"Papi hat Freia umgebracht", brachte Jutta mühsam heraus.
"Mit dem Beil", stotterte Karlchen. "Auf dem Hackklotz."

***

Fortsetzung folgt
 
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Kommentare  

Danke für das Lob. Ja, es ging einfach ums
Überleben in der Nachkriegszeit. Da war für
Gefühle kein Platz.
Gruß von


rosmarin (07.06.2024)

Brutal. Ja, so waren die Zeiten damals. Ich habe auch so Einiges davon gehört. Über Tiere machte man sich damals keine Gedanken. Sie sollten einem nur nutzen und mehr nicht. Sehr packend geschrieben. Ein Roman der einen mitreißt. Einfach toll.

Gerald W. (06.06.2024)

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