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Der Preis der Moderne

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Es ist eine Erfolgsgeschichte gewesen. Steil ist es bergauf gegangen, raus aus dem Elend, raus aus der Dürftigkeit der Verhältnisse. Unsere Vorfahren, nur wenige Jahrhunderte ist es her, da wurden sie wieder und wieder durch periodische Hungersnöte und Seuchenzüge dezimiert. Eine Dürre, ein Regenjahr, so etwas bedeutete damals den Zusammenbruch der Nahrungsmittelversorgung, das Leben ging irgendwie weiter, nur mit ein paar Bewohnern weniger.

Die Technik hat uns viele neue Freiheiten eröffnet, sie hat uns überhaupt erst ermöglicht, die Sklaverei abzuschaffen, von einem Leben zu träumen, in dem es um mehr als nur um das reine Überleben geht. Wir könnten nicht hier sitzen und uns über die Folgen der Technik Gedanken machen, gäbe es die Technik nicht. Die Annehmlichkeiten der Technisierung, die gewonnene Bewegungsfreiheit, die Kommunikationsmöglichkeiten, die Ersparnis körperlicher Anstrengung, das erachten wir als Selbstverständlichkeit, als gottgegebenes Recht, ohne die Mühsal harter körperlicher Arbeit mit dürftigem Resultat sein Leben zu verbringen.

Wie gesagt, die Moderne ist seit der Aufklärung, seit den Anfängen der Industrialisierung eine Erfolgsgeschichte, oder sie könnte uneingeschränkt als eine solche gelten, wäre der ewige Katzenjammer der Zivilisationsmüdigkeit nicht und würde der Mensch vom Brot alleine leben.

Letzteres tut er aber nicht, und diese Tatsache verkompliziert die Angelegenheit ungemein.
Die Abwesenheit vom Existenzdruck, von den täglichen Kämpfen ums Dasein offenbart die innere Leere des Menschen. Was zur Folge hat, je bequemer das Leben geworden ist, desto größer wird der Absatz von Psychopharmaka. Generationen wachsen heran mit dem Gefühl, nicht zu wissen, wozu sie auf der Welt sind, die nicht ihren Platz in derselben finden können. Es gibt nur wenig Möglichkeit, durch Annahme und Bewältigung von Herausforderungen ein Selbstwertgefühl entwickeln zu können. Die (gefühlte) Made im Speck antwortet mit Verweigerungshaltung, mit der Flucht in die virtuelle Traumwelt, in die Betäubung. Der homo infantilis smartphoniensis in embryonaler Haltung über sein Smartphone gebeugt, eine Gesellschaft in kollektivem Autismus, als Masseneremit mit der ganzen Welt befreundet, welche sich beim ersten Konflikt unverzüglich in Luft auflöst.

Haben die Rezepturen der Moderne das Seelenleben verkümmern lassen? Die Fähigkeit, auch mit den Schattenseiten des Lebens umzugehen. Bedeutet der bequeme Ausweg, sich in den digitalen Autismus flüchten zu können, dass man den Widrigkeiten des Daseins nicht mehr gewachsen ist?
Ist durch die Rezepturen der Moderne das Sozialleben verödet, das Gefüge aus den gegenseitigen Abhängigkeiten, das den Einzelnen zum kooperativen Verhalten nötigte? Man lebt in der Illusion, man bräuchte das Gegenüber nicht, da längst irgendwelche Geräte diese Rolle eingenommen haben.

Eine Folge der durch die Moderne induzierten Hilflosigkeit, kleinteilige Gemeinschaften und soziale Beziehungen werden durch zentrale Hierarchien ersetzt, Ansprechpartner durch anonymisiere Bürokratien, die Empathie und Solidarität wird durch ein Zwangssystem ersetzt, das Engagement bestraft und Trittbrettfahrerei belohnt. In der atomisierten Gesellschaft wird das Individuum zum bedeutungslosen Partikel.

Man glaubt nicht mehr an die Fähigkeit, eigenständig oder in Kooperation Lösungen zu finden, man delegiert es an den Gesetzgeber, der nichts Besseres zu tun haben soll, als alles zu verbieten, was im Entferntesten eine Gefahr darstellen könnte. Dem Staat kommt die Verpflichtung zu, alles und jeden in Watte zu packen, und wer nicht in Watte gepackt werden will… bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt…



Wird das schlussendliche Resultat der emanzipatorischen Bestrebungen der vergangenen Jahrhunderte das Ende der freiheitlichen und der zivilisierten Gesellschaft sein, der Ruf nach der alles dirigierenden Staatsmacht, die Umstellung von der Freilandhaltung auf die Legemenschenbatterie? Die nicht artgerechte Menschenhaltung? Werden die Überreste dessen, was einmal die europäische Zivilisation gewesen sein soll, nur noch durch totalitäre Machtgebilde zusammengehalten werden können?
Die sogenannte offene Gesellschaft, sie läuft Gefahr, sich selbst abzuwickeln, da sie anscheinend nicht in der Lage ist, die Grundlagen zu erhalten, auf denen sie beruht.

Man kann sich die Frage stellen, ob und wie wohlhabende Gesellschaften auf Dauer bestehen können. Oder ob die Abwesenheit materieller Not nicht die Grundlage neuer Notlagen erzeugt, weil der Mensch nur dann etwas tut, wenn er dazu gezwungen ist. Muskeln, die nicht gebraucht werden, verkümmern, nicht benutzte Gehirnzellen sterben ab. Die Fähigkeit, mit Widrigkeiten umzugehen, sie nimmt ab, in dem Maße, wie die Verhältnisse geregelt sind.
Die erste Generation baut auf, die zweite erhält es, die dritte verliert sich in der Illusion, dass alles ohne Anstrengung zu haben sei. Schwere Zeiten erschaffen starke Menschen, die bessere Zeiten schaffen und bessere Zeiten erzeugen schwache Menschen, die durch ihre Unfähigkeit die Grundlage zu schweren Zeiten legen, ein Kreislauf, wie er nur allzu gerne von Konservativen beschrieben wird.

Der französische Philosoph Michel Onfray prophezeit in seinem Werk „Decadence“ der abendländischen Kultur ihren unaufhaltsamen Niedergang. Nach dem Aufstieg und Blüte der christlichen Kultur deren Infragestellung durch Renaissance und Aufklärung und der Verfall durch Nihilismus und durch fanatisierte Massenbewegungen. Es sei nicht mehr zu verhindern, dass der Islam die Vorherrschaft in Europa übernehme und auf noch längere Sicht der Mensch durch den Transhumanismus abgeschafft werde. Man könne nur noch ein guter Verlierer sein und aus den restlichen Tagen das beste machen. Also mit einer Flasche guten Weines auf dem Sofa sitzend das unvermeidliche Ende erwarten…

Für den der Krise bewussten Bewohner unserer Gefilde bedeutet das ein Dilemma, auch wenn man den Fatalismus des Herrn Onfray nicht teilt. Einerseits sind die Nebenwirkungen des Fortschritts unübersehbar, andererseits befinden wir uns in einem Innovationswettlauf. Nur wer ganz vorne mitspielt, kann auf eine Zukunft hoffen, andernfalls bezahlt er den Preis von Verarmung und Fremdbestimmung. Eine bislang prosperierende Volkswirtschaft kann in die Bedeutungslosigkeit absinken, wenn wichtige Entwicklungen verschlafen werden. Andererseits bedeutet jede neue Innovation ein Gesellschaftsexperiment mit ungewissem Ausgang, niemand kann die biologischen und gesellschaftlichen Folgen technischer Entwicklungen vorhersagen.

"Die akkumulierte Summe des menschlichen Wissens ist in der KI-Ausbildung erschöpft", sagt Elon Musk. "Es liegt nun an der KI selbst, den Menschen dabei zu helfen, sie durch einen selbstlernenden Prozess stärker zu machen", so Musk. Er glaubt, dass die KI bereits Ende dieses Jahres die menschlichen Fähigkeiten übertreffen wird. Vielleicht werden auch die menschlichen Fähigkeiten abnehmen, je mehr sich der Mensch auf die künstliche Intelligenz verlässt. Wer alles googeln kann, braucht nichts mehr zu lernen und irgendwann ist seine Hirnstruktur nicht mehr dazu in der Lage, den Lernprozess zu bewältigen.
Was als Abkürzung gedacht war, das könnte sich als Umweg erweisen, der Computer keine Hilfe, sondern ein Hemmnis, die künstliche Intelligenz keine Arbeitserleichterung, sondern die Abschaffung des eigenen Denkens.

Von der Künstlichen Intelligenz verfasste Inhalte werden gespeist aus dem im Internet vorhandenem Material und ein Teil der KI generierten Texte wird wieder ins Internet einsickern und die Quelle neuen Textmaterials bilden. Es ergibt sich auf längere Sicht das Phänomen der Kopie der Kopie der Kopie… Der in jedem Text vorhandene kleine Anteil an Absurdität nimmt zu, er potenziert sich, bis irgendwann der Unsinn die Normalität darstellt, das Internet durch Entropie sich ad absurdum führt…

Vielleicht haben wir bald einen Wettlauf zwischen der Degeneration des menschlichen Geistes und dem schleichenden Verfall der künstlichen Intelligenz. Der Mensch hat verlernt, selbst zu denken und die KI erweist sich als ein perfektes Spiegelbild seiner Debilität. In diesem Fall müssten dann die ewiggestrigen Außenseiter aus ihren analogen Inseln hervorkommen und die Reorganisation der Gesellschaft übernehmen.

Können Nostalgiker darauf hoffen, dass sich die Moderne auf diese Weise selbst erledigt?
Die Kollateralschäden wären beträchtlich, denn die Moderne gleicht einem Luxusdampfer mit ziemlich wenig Rettungsbooten, wenn dieses Schiff sinkt, dann reißt es die meisten seiner Passagiere mit in die Tiefe. Also an einem Modernisierungsprozess festhalten, wer A sagt, muss auch B sagen und C, und so weiter, bis man das gesamte Alphabet durch ist?
Die Moderne hatte als Universallösung gegolten, man hält an ihr fest, denn der Weg zurück ist versperrt, dazu sind die Abhängigkeiten zu groß, die Fähigkeiten zur Bewältigung der Herausforderungen ohne die ganzen Bequemlichkeiten allzu sehr geschwunden. Unsere Situation gleicht der eines Suchtkranken, der ohne seine Droge nicht mehr existieren kann und einen Entzug wahrscheinlich nicht überleben würde.

Die Moderne, ist sie eine Art Perpetuum Mobile, ein Hamsterrad, das sich fortwährend beschleunigt, bis es durch die Zentrifugalkräfte auseinandergerissen wird?
Die Reproduktionsraten in der modernen Welt sind rückläufig, immer weniger steigen ein in das Hamsterrad, immer mehr verabschieden sich. Erledigt sich die Moderne dadurch, dass die Bürotürme und Maschinenparks demnächst als verwaiste Dinosaurier herumstehen?
Wird es zum Bruch kommen, zu einer Stunde Null, in der die Theoreme der Moderne widerlegt werden, dieses „immer höher, immer schneller, immer weiter“ obsolet wird? Nach der ersten, der zweiten, der dritten und mit der Etablierung der künstlichen Intelligenz vierten industriellen Revolution stellt sich die Frage, haben wir da nicht etwas gezüchtet, das uns zu verschlingen droht? Oder ist das alles nur unbegründeter Pessimismus, werden sich solcherlei Befürchtungen als unbegründete Unkenrufe herausstellen?

Vielleicht könnte man mit der Behandlung des Themas der künstlichen Intelligenz sowohl Optimisten wie Pessimisten zufriedenstellen. Denkt man diese Entwicklung zu Ende, so würde sich die Illusion einer virtuellen Welt perfektionieren lassen, sodass der Mensch die real existierende Welt vollkommen vergisst. In den Stunden oder Tagen, bis der real existierende Mensch eingegangen ist, weil er zu essen, zu trinken, zu atmen vergessen hat, so könnte man ihm doch einige tausend Jahre wunderschöne Erlebniswelten in einem perfekt programmierten virtuellen Garten Eden verschaffen, mit Ausritten auf dem rosa Einhorn durch psychedelische Landschaften und mit Füllhörnern, die märchenhafte Reichtümer über einem ausschütten.

Die Frage bleibt offen, ob auch unsere sichtbare und erfahrbare Welt vielleicht nicht auch eine solche Programmierung darstellt, eine Art holographisches Internet, ein Spiel namens „second live“, in dem man aufgegangen ist und sein „first live“ vergessen hat, in diesem Fall wäre die künstliche Intelligenz kein neuartiges Phänomen, sondern älter als die Menschheit. Am Ende unseres irdischen Daseins kommt vielleicht ein Techniker und sammelt die Illusionsbrillen ein und mokiert sich darüber, dass wir das Spiel des Lebens so bitter ernst genommen haben...
 
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