Wie spricht man über ein Thema, über das man keinerlei Ahnung hat? Im Grunde genommen ist es ziemlich einfach, man kann mit einigem Geschick Kompetenz vortäuschen auf Gebieten, auf denen man sich nicht auskennt. Man muss lediglich die entsprechenden Gesprächstaktiken beherrschen, im richtigen Moment eloquent zu wirken verstehen, das unbedarfte Gegenüber mit Sprachgewandtheit beeindrucken, zwischendurch zerstreut man aufkommende Zweifel mit einer gewissen Arroganz und mit demonstrativem Beleidigtsein. Man tut einfach so, als ob…
Eine Meisterschaft auf diesem Gebiet erreichte der ehemalige Postbote Gert Postel, der es geschafft hatte, als Arzt bei einem psychiatrischen Krankenhaus angestellt zu werden, und der dort zwei Jahre zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten wirkte, der kurz vor seiner Beförderung zum Chefarzt durch einen dummen Zufall enttarnt worden war und der in seinen Vorträgen und in einem Buch genüsslich darüber berichtete, wie er es schaffte, die Größen seiner Zunft an der Nase herumzuführen. Vierzig Ärzte hatten sich um diese Stelle beworben und der Briefträger wurde genommen. Immerhin hielt Postel bei seinem Antritt einen Vortrag vor 120 vermeintlichen Kollegen, bei welchem er wahllos Fachbegriffe aneinanderreihte und niemand hatte es gemerkt, was auf ein gewisses Aufmerksamkeitsdefizit schließen lässt.
Die Welt, sie ist ein Wunderhorn, aus dem alles, was man sich nur wünschen könne, wunschgemäß herausquillt. Zumindest hat sie ein solches zu sein, denn was würde alles Wünschen nützen, wenn es nutzlos wäre?... Irgendwann beginnt man, auf dem Boden der Tatsachen anzukommen, aus dem Wunderhorn wird ein Wunderhörnchen und aus diesem ein ganz ordinäres Horn, aus dem nichts mehr herausquillt außer... ein wenig heiße Luft und vielleicht ein zerquetschtes Tönchen. Oder man beherrscht das Spiel perfekt und bläst das Hörnchen zum Riesenwunderhorn auf, wer will da jetzt unterscheiden, ob man über Problemlösungskompetenz oder über Problemlösungsvortäuschungskompetenz verfüge…? Und ist es nicht auch egal, die Welt will ja schließlich betrogen werden…? Gehört zu einem Hochstapler nicht auch ein Gegenüber, das sich nur allzu bereitwillig blenden lässt?
Nicht die schnöde, nicht die langweilige Realität ist gefragt, sondern die Sensation, das Spektakuläre, doch das Spektakuläre wird mit der Zeit langweilig, wenn man sich nur einmal daran gewöhnt hat. Deswegen steigert sich die Dosis, auf der Suche nach der immer neuen Sensation, nach dem immer größeren Spektakel. Es ist ein Wettlauf zwischen Erregung und Langeweile, und der Gelangweilte ist mehr als dankbar für jedes neue Erregungspotential, was ein interessantes Betätigungsfeld für Scharlatane jeglicher Couleur ergibt. Von Sensation zu Sensation, immer höher, immer schneller, immer weiter, eine Leistungssteigerung, die lediglich Hütchenspieler noch erbringen können, da, wo die solide Arbeit nicht mehr gefragt ist, sondern das Rauschmittel. Da schlagen die Hochstapler sämtliche Konkurrenten aus dem Feld.
In der Welt des „als ob…“, da ist die Sprache voller Vokabeln, die sich durch übermäßigen Gebrauch abgenutzt haben und die im Laufe der Zeit zu inhaltsleeren Floskeln werden. Man spielt den Menschenfreund, den Philanthropen, man beschwört Tugenden und Werte, die man sich wünscht, die man nach außen hin vertreten will, mit denen man identifiziert werden möchte. Allerdings, solcherlei Tugenden tatsächlich zu leben, das fiele ziemlich schwer, es bringt einem Nachteile ein und deswegen bleibt es in der Regel dabei, sie demonstrativ zur Schau zu stellen. Man beschwört das Gute, ist aber Realist genug, um zu wissen, dass zumeist das Böse den Sieg davonträgt und den allergrößten Vorteil hat das Böse unter der Maske des Guten...
In Sonntagsreden werden wieder und wieder die Werte beschworen, die man sich auf die Fahne geschrieben hat, deren Umsetzung mit den verbalen Ergüssen allerdings wenig zu tun hat. Man spricht von der Würde des Menschen, von dessen Freiheit, vom gesellschaftlichem Fortschritt, von der Wissensgesellschaft, von Bildung und Kultur, und bei genauer Betrachtung erweisen sich die schönen Reden zumeist als nichts weiter als eine große Parade lebloser Verpackungen, als Worthülsen, die zwar wunderbar klingen, jedoch die Realität zumeist eine gänzlich andere ist.
Ein Problem wird derjenige haben, der den ganzen schönen Worten Glauben schenkt. So verführerisch die Ideale, die Utopien. Der Traum von einer besseren Welt. Leider bleibt nach dem Versuch der praktischen Umsetzung zumeist ein schwerer Geruch vergossenen Blutes zurück. Der Mensch ist eben nicht das gewesen, wie man ihn gerne gehabt hätte. Nicht so edel, nicht so selbstlos, wie es Voraussetzung gewesen wäre, dass die perfekte Welt hätte funktionieren können.
Sein Ich mit allen seinen Fehlern nimmt man überall hin mit. Selbst nach Utopia...
In dem Teil der Unterhaltungsindustrie, dem Betätigungsfeld für Schauspieler, die zu unattraktiv für Hollywood sind, in der lieben Politik, da schlägt ein Medienprofi die spröde Konkurrenz innerhalb seiner Partei aus dem Felde. Immerhin bietet er seiner Anhängerschaft eine perfekte Show, füllt ganze Fußballstadien mit seinen Spektakeln.
Hier die gespielte Rolle des Erlösers, die Zurschaustellung einer Macht, die der Machthaber nicht wirklich innehat. Seine wirkliche Aufgabe, wegen der überbordenden Staatsverschuldung Zahlungsaufschub bei den Gläubigern zu erreichen, den drohenden Staatsbankrott ein wenig weiter in die Zukunft zu verschieben, den Geldgebern zu gehorchen und die Untertanen zum Narren zu halten, vielleicht noch für den Nachfolger die Fallhöhe zu optimieren…
Was bleibt, ist das ewige „als ob…“
Die ehemals autoritätskritischen politischen Bewegungen sind inzwischen selbst Autoritäten geworden, wer früher für einen autoritätsfreien Diskurs eintrat, vertritt heute die diskursfreie Autorität. Links und rechts haben ihre Rollen gewechselt, die Revolution von gestern ist zum neuen Spießertum mutiert. Was bleibt, ist der Habitus des Unkonventionellen, die Simulation des Rebellentums. Die Avantgarde, etwas müde geworden, schiebt den Rollator vor sich her, beharrt aber auf dem Anspruch, weiterhin die Speerspitze des Fortschritts zu sein.
Im Kulturbetrieb wieder und wieder das gleiche Ritual. Die Verspottung des Publikums, anschließend die Klagen darüber, dass dieses sich aus dem Staub gemacht hat und der Ruf nach immer höheren Subventionen. Da die tradierten Maßstäbe nicht mehr gelten, wird derjenige gefördert, der am meisten Lärm macht. Zumeist ist es viel Lärm um sehr wenig, manchmal sogar um nichts.
Das Wort „Kultur“ hängt mit dem Wort „Kult“ zusammen. Und der Kult, das Ritual, manchmal ist es ein exzellentes „als ob…“. Je aufgeklärter wir uns geben desto dürftiger wird unser „als ob…“. Womöglich ist eine Kultur der Aufklärung, der Vernunft, nichts als ein Widerspruch in sich, eine Schimäre. Eine Antikultur, die auch mit noch so vielen Geldmitteln keinen kulturellen Höhenflug ergibt.
Der langjährige Leiter eines Museums für die Kunst der klassischen Moderne bis zur Gegenwart sagte nach seiner Pensionierung, das 20. Jahrhundert habe keine wirklich bedeutende Kunst hervorgebracht. Selbst Picasso reiche nicht an Goya heran. Als er noch Museumsdirektor in Düsseldorf gewesen war, tat er erfolgreich, als ob…
Vielleicht ist unsere derzeitige Rationalität (die oftmals eine Pseudorationalität ist), das Suprimat der Effizienz, kein geeigneter Nährboden für die Kultur.
Es gibt eine gewisse Diskrepanz zwischen den Glaubenssätzen, dem Selbstbild, und dem, was ist. Die Welt ist nicht das Bild, das man von ihr hat und der Mensch ist nicht immer das, was er von sich glaubt, zu sein. Zumeist identifiziert er sich mit der Rolle, die er spielt. Manchmal ist ihm die Rolle lästig, er sieht sich aber gezwungen, sie weiterzuspielen. Andere stecken ihn in eine Schublade, zumeist hilft er kräftig mit dabei.
Um des lieben Friedens willen, da sieht man sich gezwungen, dem Bild, das man nach außen abgibt, zu entsprechen, auch wenn es mitunter bedeutet, einiges von dem, was sich im Inneren abspielt, zum Schweigen zu bringen. Man tut eben so, als ob…
...als ob man die Rolle wäre, die man spielt. Wer dies an exponierter Stelle tut, wer in der Öffentlichkeit steht, wer den Anschein gibt, Macht auszuüben, ist in ganz besonderem Maße Gefangener seiner Rolle. Der Abschied von der Halbwahrheit ist fast nicht mehr möglich, weil man so sehr in der Rolle aufgegangen ist, dass es kaum mehr ein Innenleben gibt. Die Jahrzehnte als Gefangener des Terminkalenders haben ihre Spuren hinterlassen, es gibt kaum ein Leben außerhalb des Rollenspiels mehr. Es gibt keine Eigenheiten mehr, sondern „Corporate Identity“, die Maske ist in Fleisch und Blut übergegangen. Man ist Vertreter einer Idee, Parteisoldat, Zahnrad im Getriebe...
Für das Zusammenleben in einer Gesellschaft, in einer Gruppe, einer Zivilisation muss man sich gewissen Regelwerken unterwerfen, die manchmal dem Individuum einen hohen Preis abfordern. Im biologischen Sinne ist das Leben in der modernen Welt nicht artgerecht. Es bedeutet Domestizierung, Handeln gegen die eigene Natur, das Nichtausleben vieler Potentiale. Der Mensch als Haustier, der Träume hegt von Freiheit und Wildheit und intensiven Erfahrungen, vom Ausbruch aus dem täglichen Einerlei. Die Suche nach dem ungefährlichen Abenteuer, nach Authentizität auf dem Maskenball, nach etwas, das echt ist in einer Welt, in der nichts echt sein kann. Die Heldenreise beginnt nach der Tagesschau und endet vor den Spätnachrichten...
Manchmal ist man gezwungen, ein Spiel mitzuspielen, das man verabscheut. Manchmal hat man Gedankengut zu vertreten, an das zu glauben einem unmöglich ist. Manchmal muss man den Zweifel zum Schweigen bringen, ansonsten könnte man die Rolle, die man spielt, nicht weiterspielen. Im Durchschnitt lügt der Mensch mehrere hundert Male am Tag, die Alternative dazu wäre die Vogelfreiheit und der Dauerkrieg mit den Mitmenschen.
Aber man glaubt an seine eigene Wahrhaftigkeit, glaubt daran, weder Andere noch sich selbst zu belügen...
Man tut eben so, als ob. Die einsturzgefährdeten Gedankengebäude versieht man mit einem neuen Anstrich. Zweifel und den Überdruss überspielt man mit einem geschäftsmäßigem Dauerlächeln. Als wäre das, wovon man sich längst innerlich verabschiedet hat, eine Herzensangelegenheit. Als wäre das, was man als Fron empfindet, der tiefste Wunsch.
Man spielt das Spiel mit. Weil man es nicht anders kennt, weil man sich selbst fremd ist. Weil man sich Fragen nicht stellt, die sich aufdrängen, die man sich stellen sollte, während der Energieaufwand, die aufkommenden Fragen zu verdrängen, exponentiell steigt. Die Welt des „als ob…“ erweist sich als Seifenblase.
Das Wunderhorn, das bislang so wunderbare Spielzeuge und rosarote Einhörner ausgespuckt hatte, hat seine Farbe geändert. Plötzlich soll die neue Ernsthaftigkeit angesagt sein und der Verzicht. Die bislang so verpönte Wehrhaftigkeit steht wieder hoch im Kurs, auch wenn sie den meisten anderen heute gepredigten Glaubensartikeln widerspricht und die so erfolgreich erfolgte Domestizierung in Frage stellt. Auf der Menschenfarm wird die Herde in ein neues Gehege getrieben, mit neuen Glaubensartikeln und mit einem neuen „als ob…“ Und eine Zeitlang wird dieses neue „als ob…“ als authentischer Ausdruck des Menschseins durchgehen...