
Von dem spanischen Maler Goya gibt es eine berühmte Radierung, auf der ein schlafender Mensch umgeben von einer Horde Fledermäuse abgebildet ist. Der Titel: „El sueno de la razon produce monstrous.“ Der Schlaf der Vernunft erzeugt Ungeheuer. Allerdings, das spanische Wort „sueno“ bedeutet sowohl Schlaf wie auch „Traum“. Es könnte also ebenso gut heißen: „Der Traum von der Vernunft erzeugt Ungeheuer.“, was das exakte Gegenteil der ersten Interpretation wäre.
Suchen uns diese unheimlichen Schattengestalten heim, weil wir uns der Vernunft verweigern, oder gerade deshalb, weil wir sie überschätzen, weil wir meinen, wir könnten sämtliche Irrationalität aus dem Leben verbannen? Mal schläft die Vernunft, mal träumen wir von ihr, mal fliegen wir mit dem ganzen Ingenieurwissen auf den Mond, mal pilgern wir nach Woodstock und dröhnen uns die Birne zu. Apoll, der Schutzpatron der Logik und Dionysos, der Gott des Rausches geben sich ihr Stelldichein. Und manchmal vertauschen diese beiden ihre Rollen, Apoll geht auf Kneipentour, Dionysos schreibt die Computerprogramme für den Mondflug. Dies ist dann die Stunde, in der die Fledermäuse den Himmel verdunkeln, in der die Vernunft abhanden kommt und der Vollrausch, die moralische Entrüstung, die Sentimentalität, das Steuer übernimmt.
Überhaupt leben wir in einer vertauschten Welt. Wo ist oben, wo unten, wo ist links, wo ist rechts? Der fettleibige Kapitalist, der mit der Zigarre in der Hand seine Fabrikräume inspiziert, der gehört der Vergangenheit an. Der heutige Ausbeuter präsentiert sich als Philanthrop, als Verwirklicher gesellschaftlicher Utopien, als Kämpfer für Humanität, er steht für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, für Ideale, für die einstmals verwegen aussehende Revolutionäre standen. Der Facebook Milliardär präsentiert sich mit Kapuzenpulli im Underdog Outfit, der Apple Gründer in existenzialistischem Outfit mit schwarzem Rollkragenpullover. Diejenigen, die einstmals die aufkommende Moderne so vehement bekämpft hatten, diese haben sich nun zu deren Verteidiger gewendet, der Fortschritt wird von der einstmaligen Reaktion verteidigt. Und die Progressiven von gestern bejubeln den Einzug des Mittelalters, die antiindustrielle Revolution, den Import archaischer Denkmuster.
Die Verwirrung der Begriffe ist weit fortgeschritten, die Orientierung in einer Welt, die nicht mehr zu verstehen ist, ist kaum möglich. Sachdiskussionen werden emotionalisiert, sie werden von einem hysterisch aufgepeitschten Klima überlagert. Die Frage, auf welche Weise dem Allgemeinwohl am besten gedient werden kann, spielt keine Rolle mehr, es geht nicht um zu erzielende Resultate, sondern um die Lautstärke, mit der eine Gesinnung vorgetragen wird.
In Zeiten der als Vernunft deklarierten Unvernunft geht es nicht um Plausibilität, es geht nicht um Logik, nicht um Vernunft, es geht um die Moral, vor allem dann, wenn das Augenmaß verloren geht.
Moral ist dann das Wohlfühlbecken, in dem die Seele plantscht. Moral ist dann die letzte aller Religionen in einer Welt, die an nichts mehr glaubt, die aber unbedingt glauben möchte. Moral ist dann der höchste aller Werte, der alle anderen Werte aussticht. Moral ist eine Trumpfkarte, mit der sich jedes Spiel, jeder Interessenkonflikt mit Leichtigkeit gewinnen lässt. So manche moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen. Doch wer die Moral auf seiner Seite hat, der besitzt die Legitimation, die andere Seite niederzubrüllen, eine Hexenjagd zu beginnen, ein Autodafé, einen Akt des Glaubens, durchzuführen. Denn auch heute werden Hexen verbrannt, allerdings, das ist ein wirklicher Fortschritt, ist der gegenwärtige Hexenwahn klimaneutral, das Holz der Scheiterhaufen stammt aus ökologischem Anbau, es wurde fair gehandelt, der Co2 Ausstoß wird mit den entsprechenden Zertifikaten kompensiert.
Doch wer bestimmt, was moralisch ist und was nicht? Früher lag die Definitionsgewalt in den Händen der Religionsbeamten, und die damit verbundenen Erfahrungen waren nicht immer positiv. Allerdings ist der gegenwärtige Wildwuchs auf dem Markt des Glaubens nicht die Befreiung, die man sich erhofft hatte, als man die „Pfaffen“ in die Wüste schickte. Der Abschied von der Religion hat nicht die Religion aus der Welt geschafft, sondern er hat alles Mögliche zur Religion gemacht, auch die Religionslosigkeit. Die verwaltete Irrationalität ist einer wild wuchernden gewichen, um deren Deutungshoheit sich andere Akteure streiten.
Das Wesen des eigenen Kulturkreises ist den Eigenen nie wirklich sichtbar, zu sehr steckt man in der kulturellen Haut, zu sehr erscheint einem Menschen mit seiner kurzen Lebensspanne das nun Da-Seiende kulturelle Leben als das natürliche. Wir halten das Soziotop für ein Biotop. Die Gesellschaft des liberalen Individualismus erscheint dem Westler als die normale Gesellschaft. Doch ist der Individualismus ebenso eine Glaubensdoktrin, wie es das Christentum, der Kommunismus oder der Faschismus gewesen sind. Es gehört zu den allgemeinen Lügen unserer Zeit, zu behaupten, wir seien eine ideologiefreie Gesellschaft.
Wir leben heute in einer Gesellschaft, welche gekennzeichnet ist durch eine tiefe Amoral und gleichzeitig einem Terror von Pseudomoral. Wie passt das zusammen?
Es ist nichts Geringeres als eine totale Umkehrung der Werte, die stattgefunden hat. Moral ist immer etwas, das sich auf Gemeinschaft bezieht. Es mildert die Kanten des Egoismus ab und ermöglicht im Idealfall das harmonische Zusammenleben der Vielen, bändigt die entgegengesetzten Willen und führt sie zu einem Ganzen. Das leistet Moral, beziehungsweise Sitte. Man lernt, die Impulse des Ego zu bändigen um der Gemeinschaft willen, von der wir alle leben.
An dessen Stelle tritt eine Pseudomoral. Ein rein symbolischer Hypermoralismus, der an die Stelle der Selbstbeschränkung der Handlung die bloße Selbstbeschränkung des Wortes setzt. Anstatt uns selbst zu bessern, bessern wir die Worte. Wir betreiben eine bloße Show, indem wir an die Stelle natürlicher Verhaltensethik eine Wortzensur setzen.
Dieser Tugendterror ist auch keine Moral, keine Ethik, die einen Zusammenhalt ermöglicht, er ist im Gegenteil ausschließlich im Dienst einer Ideologie des totalen Individualismus. So haben wir heute die absurde Dialektik einer tiefen Amoral bei gleichzeitigem Pseudomoralismus.
Wir haben einen rigiden Tugendterror dort, wo freies, kritisches Denken nötig wäre und gleichzeitig eine Auflösung allen sozialen Kitts, aller menschlichen Bindungen, weil dieser Tugendterror sich nicht auf das Gemeinsame bezieht, sondern nur und alleine auf die Erhebung des Individualismus auf das Podest der letztgültigen Werte…
...Das Wesen des totalen Individualismus ist der Unwille und die charakterliche Unfähigkeit, sich verbindlich auf etwas festzulegen. Der Individualist lebt im dauernden Zustand eines Kindes, seine Wünsche und sein Ich thronen als König über der Gesellschaft. Generation „maybe“, vielleicht ja, aber versprechen kann ich nichts… Das ist das Credo der Epoche...
...In unserer Zeit der Alldurchleuchtung ist für private Haltung kein Verständnis mehr da. Alle private Innerlichkeit wird ins Licht gezerrt. Weil im grellen Licht hypermoralischer Erwartung allerdings jeder reale Mensch scheitern muss, ist Nihilismus, die Zerstörung aller Ethik, die logische Folge.
Der Berliner Historiker Holger Schnepf, von dem diese höchst pessimistischen Sätze stammen, analysiert die selbstzerstörerischen Tendenzen einer hyperindividualistischen Gesellschaft, er prognostiziert durch den Verlust der Verantwortungsfähigkeit und der Scham die völlige Auflösung des Zusammenhalts, das Scheitern des Liberalismus, auf vergleichbare Weise, wie auch kollektivistische Gebilde der Vergangenheit untergegangen waren.
Die gegenwärtige Hypermoral ist die Wiederauferstehung der christlichen Erbsündenlehre. Wir sind schuldig, diesmal nicht, weil unsere Vorfahren einmal einen Apfel geklaut hatten, sondern daran, dass das Gewicht unserer Füße eine übermäßige Belastung des Bodens von Mutter Erde ist. Allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass es aus dieser mit der bloßen Tatsache der Existenz verbunden Hypothek keinerlei Erlösung, keinerlei Vergebung, sondern lediglich die Selbstaufgabe und die ewige Zerknirschung gibt.
Laut den Theorien Darwins bedurfte es einer Milliarde Jahre für die Evolution vom Wurm zum Menschen, die Hypermoral schafft die Rückabwicklung, also die Transmutation vom Menschen zurück zum Wurm in wenigen Jahrzehnten. Es bedarf einer gewissen Propaganda, um dem Menschen die Freuden des Wurmseins in Nannytopia, in Ökotopia oder in Esotopia schmackhaft zu machen. Und damit wird eine jahrhundertelange Emanzipationsgeschichte auf den Müllhaufen der Geschichte befördert.
Die gegenwärtige Hypermoral ist vorrangig ein Phänomen der Massenmedien, eine Erscheinung des elektronischen Zeitalters. Diese suggerieren, die Welt sei ein globales Dorf. Wir erleben diese Welt, also das Dorf, vorwiegend aus zweiter Hand, oftmals mit zweifelhaftem Wahrheitsgehalt. Die Empathie vor dem Bildschirm, die allgegenwärtige Not in Gebieten, die wir auf der Landkarte nicht finden würden, die ertrinkenden Kinder im Mittelmeer. Bilder, suggestiv aufbereitet und mit dramatischer Musik unterlegt, diese generieren eine Empathie, die wir im realen Leben mit unseren tatsächlichen Mitmenschen nicht mehr haben, nicht haben können, da die Empathiefähigkeit längst schon verbraucht worden ist. Beim Buhlen um die knappe Ressource Aufmerksamkeit zieht die reale Umgebung gegenüber dem elektronischen Geflimmer der Medienwelt den Kürzeren. Es ist also normal, bei dem Konsum dramatischer Bilder in einem Tränenmeer zu ertrinken, sich von jeder infantilen Wut, von jeden noch so absurden Vorwurf moralisch erpressen zu lassen, während die realen Herausforderungen in der unmittelbaren Umgebung kaum mehr wahrgenommen werden.
Denn es geht um Gefühle, um große Gefühle, um das ganz große Kino, es geht um die Geheimnisse der Hormonproduktion, die sich elektronisch generieren lässt und die uns Stellung beziehen lässt in Konflikten, von denen wir nichts verstehen, von denen wir nichts verstehen können, da wir zwar die dramatischen Bilder, aber die dazugehörigen Hintergründe nicht kennen. Wir bekommen die Ergebnisse langer Kausalitätsketten serviert, und ohne Kenntnis der jeweiligen Vorgeschichten laufen wir zwangsläufig in die Irre, wenn wir von den Zusammenhängen keinerlei Kenntnis haben. Und wer bei den in den Abendnachrichten gezeigten Bildern eine skeptische Miene aufsetzt, wer nicht seinen Gefühlen auf den Leim gehen will, wer erst mal Fragen stellt, dieses, wie, wo, wann, weshalb, warum?, der sieht sich dem Vorwurf der Herzlosigkeit ausgesetzt.
Denn das Gefühl schwemmt die Logik, die Analyse hinweg. Das Herz ist laut den Aussagen der Schulmedizin, ein Muskel, dazu bestimmt, Blut zu pumpen und zum analytischen Denken weniger geeignet.
Die einzige Gemeinsamkeit, das allerletzte „wir“, das es in einer Welt atomisierter Monaden noch gibt, ist die Empörungsgemeinschaft. Denn der Mensch möchte Individuum sein, er akzeptiert Kollektivismus lediglich angesichts materieller Not. Ist diese beseitigt, so lösen sich auch die Notgemeinschaften auf, man löst sich von der Familie, von seiner Sippe, von der Herkunft, man geht hinaus in die große weite Welt, man hört auf, Teil eines „Wir“ zu sein und wird ein „Ich“. In das Tat, wie drückend war oftmals die Last des „Wir“, wenn man Teil einer Gemeinschaft bleiben musste, mit der man sich auseinandergelebt hatte und doch nicht gehen konnte, weil die materiellen Verhältnisse keine andere Wahl ließen. Doch auch das „Ich“ kann zur Last werden, es ist alles Andere als der narrensichere Königsweg zu einem erfüllten Dasein. Und, da sich das „Ich“ auf Dauer ziemlich kalt anfühlt, der Drang nach Individualität in die heterogene Gleichförmigkeit von Quasiautisten führt, da wird in der Torschlusspanik angesichts eines Daseins als Masseneremit vor dem Bildschirm oder als verbitterte Katzenmutti noch eine letzte Rechtfertigungsmöglichkeit eines gefühlt gescheiterten Daseins gesucht. Auch wenn es ein Scheitern am Erfolg gewesen ist, ein sich Verrennen in der Spielwiese der unbegrenzten Möglichkeiten und der Feststellung, dass die Wünsche mitgewachsen sind. Während die Fähigkeit, mit den Frustrationen unerfüllbarer Begehrlichkeiten fertigzuwerden, so langsam schrumpft, und der allgemeine Wohlstand es einem Großteil der Gesellschaft ermöglicht hat, niemals erwachsen zu werden.
Wozu also die Flucht vor der Vernunft? Warum die Hormone über den Verstand stellen, die sorgfältige Analyse durch die zur Schau getragene Emotion, durch den Exhibitionismus der zur Schau getragenen Bekenntnisse zu ersetzen? Weswegen ist das Erregungspotential des Massenspektakels attraktiver als die Suche nach Erkenntnis? Auch wenn die kollektive Erregung immer die Gefahr birgt, in einem roten, braunen, grünen oder regenbogenfarbenen Totalitarismus zu versinken.
Ist es die Angst vor der Einsamkeit. Als Einziger nüchtern zu bleiben inmitten einer Horde Betrunkener? Mit den Enttäuschungen einer entzauberten Welt, die Erde ein bedeutungsloses Stäubchen im All, der Lauf der Geschichte ohne Ziel, ohne höheren Zweck, der Mensch eine Tierart unter vielen? Ein Trockennasenaffe, der im Keller seiner Behausung Bananen hortet. Kein von den Göttern erwähltes Schicksal, keine Bestimmung, keinen Weltenplan, sondern einfach nur Glück oder Pech beim Würfelspiel?
Vielleicht ist es auch der Umgang mit der Enttäuschung. Eine Welt ohne Geheimnisse, ohne Mysterien ist ein langweiliges Gebilde, sie riecht nach dem zweifelhaften Glück von Billigmärkten und Aktenordnern. Man träumt vom großen Abenteuer und landet im Beamtendasein, falls es einen nicht unter eine der vielen Brücken verschlagen hat, also wird man (als Kompromisslösung) Hasardeur mit Ärmelschonern.
Schläft mit der metaphysischen Enthaltsamkeit, mit der Entzauberung der Welt nicht auch jeder Antrieb ein, die zivilisationsbildende Kraft, der kulturelle Aufbau? Ist die Welt nach dem Verlust der Illusionen nicht eine Stätte kultureller Unfruchtbarkeit geworden? Und entsteht da nicht zwangsläufig das Bedürfnis nach neuen Illusionen, da es außer dem gemeinsamen Besäufnis und der kollektiven Erregung keinerlei Grund gibt, zusammenzubleiben? Gibt es überhaupt noch Gemeinsamkeiten außer gemeinsamen Feindbildern?
Zurück zu der Frage, ob nun der Schlaf der Vernunft oder nicht vielmehr der Traum von der Vernunft die als Fledermäuse dargestellten Dämonen auf den Plan ruft. Die Vernunft schläft und träumt von der Vernunft, der Traum vom rationalistischen Utopia. Dieses ist und bleibt ein Traum, die Planung und Neuerschaffung des Menschen nach vernünftig scheinenden Aspekten ist keine Vernunft, sondern Hybris, also allerhöchste Unvernunft. Wenn die Grundthesen, auf denen die Weltbilder aufgebaut sind, nicht mit der faktischen Realität übereinstimmen, dann wird aller Logik zum Trotz, nichts als Datenmüll herauskommen. Und der Konflikt mit den Fakten ist der Humus, auf dem die Hässlichkeiten der Weltgeschichte gedeihen. Religion ist Opium für das Volk, so Marx; Die Ersatzreligionen sind es nicht minder. Auch wenn diese sich den Anschein von Logik Wissenschaftlichkeit und Rationalität geben.
Man meint, vom Glauben ins Wissen konvertiert zu sein und hat doch nur den Glauben gewechselt. Dann steht man in religiöser Verzückung vor dem schwarzen Quadrat von Malevic, und hält dieses für den Gipfelpunkt der Rationalität. Was man nicht wissen kann, ist, dass Röntgenaufnahmen der Urfassung in der Tretjakow Galerie in Moskau zu Tage geführt hatten, dass sich unter der schwarzen Farbe Reste einer Inschrift befinden: Bitwa negrow notschju, übersetzt: “Schlägerei von Negern in der Nacht“. Die Ikone der Moderne ein alberner Scherz, ein politisch nicht korrekter Witz, ein Plagiat sogar? (einige Jahrzehnte vorher stellte der Satiriker Alphonse Allait ein monochrom schwarzes Gemälde mit nahezu gleichlautendem Titel aus) Vielleicht ist der Glaube, wir seien rational, wir hätten uns vom Aberglauben vergangener Zeiten befreit, eine ebensolche Albernheit. Vielleicht schläft die Vernunft ausgerechnet dann am tiefsten, wenn wir meinen, „vernünftig“ geworden zu sein.