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Was man auf dem Berge hört

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Es liegt in der Natur des toleranten Denkens, jeder Gegebenheit eine zweite gleichwertige an die Seite stellen zu wollen, weshalb es sich gern der lästigen Aufgabe überhebt, sich mit einer von beiden eingehender zu beschäftigen, und sich lieber wie ein Bibliothekar mit einem alle diese Gleichwertigkeiten erschöpfenden und systematisierenden Katalog begnügt.
Eine solche Rolle hatte für den Protestanten Drängelmeyer auch immer der Buddhismus gespielt, der für ihn einen dem Christentum gleichwertigen Rang einnahm, weshalb er sich niemals für eine der beiden Religionen interessiert hatte.
Dies änderte sich jedoch schlagartig, als ihm angekündigt wurde, man werde in Kürze ein buddhistisches Kloster auf einem Berge aufsuchen, und tatsächlich wurde er schon am nächsten Morgen in der Frühe um 6 Uhr sanft aus dem Bett gerissen, um in Begleitung von Herrn Chen, der niemals gute und niemals schlechte Laune hatte — oder zumindest nicht zeigte, das Haus zu verlassen.
‘Jetzt kommt’s’, dachte Drängelmeyer auf freidenkerische Art, als ihm die leichte Kost eines Berg-steigers vorgesetzt wurde und Herr Chen ihm im Bus empfahl, sich nicht hinzusetzen. Außerdem schienen ihm die Geschäftigkeit der Leute im Bus und bei der Müllabfuhr ein gewichtiges Ereignis anzukündigen, aber dann war es nur ein kleiner Hügel, der jedoch trotz allem schwer zugänglich sein sollte, wie Herr Chen mit gleich-gültiger Miene versicherte, da der Chinese, ebenso wie er keine grünen Lungen künstlich in die Stadt verpflanzen würde, dem Wald auch keine schwarzen Adern aus Beton transplantiert. ‘Ganz richtig’, dachte Drängelmeyer, der es voll akzeptierte, daß sich ein buddhistisches Kloster hinter Unzugänglichkeiten verbirgt, und sich noch mit Grauen erinnerte, wie man ihm in New York zugemutet hatte, zwischen dem Tosen der 5th Avenue die feierliche Stille einer Kirche zu empfinden, und so schlängelte er sich, lässigen Schrittes hinter Herrn Chen einhergehend, durch das Dickicht.
Während Drängelmeyers Unterbewußtsein aber nun, wenn auch keine Tiger, so doch ein paar buddhistische Mönche erwartet hatte, so wurde es empfindlich gestört durch die chinesischen Touristen, die ihnen bei jeder Kurve in Scharen entgegenkamen, so daß sich eine weihevolle oder gar meditative Stimmung nicht recht einstellen wollte, wenn diese auch das Gesicht von Herrn Chen scheinbar ausdrückte, was jedoch immer der Fall war. Die Skepsis, welche sich hierauf Drängelmeyers bemächtigte, wurde noch durch ein paar kitschige Steinfiguren unterstrichen, welche am Wegrand auftauchten, sowie durch die stolze Bemerkung Herrn Chens, daß das Kloster ein ehrwürdiges Alter von siebzig Jahren habe, und der Gedanke, daß die europäischen Altersrekorde schließlich auch bloß Eitelkeit, und somit nach buddhistischer Lehre unheilvoller Natur, seien, half Drängelmeyer nur ungenügend über diese Skepsis des Unterbewußtseins hinweg.
Aus diesem Grunde atmete Drängelmeyer, der bereits sein tolerantes Denken bedroht sah, erleichtert auf, als plötzlich und noch unerwartet das Kloster vor ihnen in prächtigen Farben und geschwungenen Formen erschillerte, obwohl ihm unter anderen Umständen ästhetische Zweifel gekommen wären. Sein Blick wurde jedoch rasch von einer Gruppe weißbekleideter Mönche eingefangen, welche auf einem Seitenhof im Schatten einiger exotischer Bäume Kung-Fu betrieben, und dies hätte Drängelmeyer bestimmt bewundert, wenn er nicht bereits durch die neumoderne amerikanische Bewunderung für diesen Kampfsport verdorben gewesen wäre. Doch da lenkte ihn Herr Chen in das lnnere des Klosters. Obgleich die Einzelteile, wie zum Beispiel die große Zahl der goldenen Buddhas, welche sich in den verschiedensten Größen dem Auge Drängelmeyers darboten, oder die stilisiert verlängerten Rüssel der Steinelefanten, die der psychologisch geschulte Drängelmeyer lächelnd als Penissymbole entlarvte, dem Nordeuropäer leicht abgeschmackt erscheinen würden, verströmte ihre Gesamtheit dennoch eine rätselhafte Würde, in der Herr Chen ehrfurchtsvoll verharrte, während Drängelmeyer, der gehofft hatte, einen Gottes-, beziehungsweise Buddhadienst, zu Gesicht zu bekommen, gemessenen Schrittes diese Rätselhaftigkeit durchschritt. Er blieb im Rahmen einer kleinen Tür, die auf den Hinterhof zeigte, stehen, als er einen jungen Menschen gewahrte, der sich sitzend an die Wand des Klosters gelehnt hatte, um vor einer kleinen, mit Bäumen bewachsenen Bodenerhebung zu meditieren. ‘Nun ja — im Schneidersitz ist das freilich einfach’, dachte Drängelmeyer, der den Yogasitz beherrschte, doch da hob der Meditierende, der sich unbeobachtet glaubte, sein rechtes Knie, so daß sich seine Rückenachse bedenklich nach links neigte, und im selben Augenblick entfuhr der Verlängerung dieser Achse in geradezu plastischer Deutlichkeit ein Geräusch. Obgleich Drängelmeyer noch kurz zuvor an Penissymbole gedacht hatte, so wurde er doch durch die geradezu hand-, oder besser ohrgreifliche, Realität dieses Geräusches peinlich berührt und wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als auf der anderen Seite der Welt einem andächtig protestantischen Weihnachtsgottesdienst mit Orgelmusik beizuwohnen, was ihn veranlaßte, Herrn Chen zu raschem Verlassen des Klosters zu drängen.
‘Um den wahren Buddhismus kennenzulernen, muß man also wahrscheinlich nach Thailand fahren’, dachte Drängelmeyer abschließend auf dem Rückweg, und diese Erkenntnis, die etwas Endgültiges an sich hatte, gab Drängelmeyer seine alte Sicherheit zurück, so daß man ihn wenig später wieder lässigen Schrittes hinter Herrn Chen einherschreiten sehen konnte, der zu alledem ein gleichgültiges Gesicht machte.
 
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Kommentare  

Sorry, ich verstehe die Geschichte nicht?....
[Sabine Buchmann]


Jurorenkommentare (03.05.2002)

Ein Mönch furzt in China und Drängelmeyer wünscht sich auf die andere Seite der Welt - auf unsere. Ja...so herum kann man es auch sehen. Ist ja gut geschrieben, das Teil.

Stefan Steinmetz (13.04.2002)

Wenn auch religiös-angehauchte Stories eigentlich nicht mein Fall sind, ist diese doch sehr gut geschrieben.

Lord B. (03.04.2002)

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