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Der Mann, der sein Versprechen hielt

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
Es wird mitunter angenommen, ein erfolgreicher Schüler habe intelligent und kreativ zu sein. Wer jedoch den Alltag unseres Schullebens kennt, weiß, daß es kaum eine fälschere Vorstellung geben kann. Um an all jene pseudo-wissenschaftlichen Halbwahrheiten, all jene ideologischen Thesen zu glauben; all jene Informationen und Behauptungen, mit denen die Schüler täglich bombardiert werden, bedarf es einer ganz unglaublichen Naivität - mithin Dummheit. Um diesen Stoff auch noch auswendig zu lernen für die Prüfung, bedarf es einer geradezu unmenschlichen Sturheit, die ein fantasie-begabter Mensch wahrscheinlich gar nicht aufbringen könnte. Zwar soll es Personen geben, die ihre Intelligenz je nach Belieben an- und ausschalten können, ungefähr so, wie es die Taiwan Power Company mit der Stromversorgung tut. Aber solche Genies sind äußerst selten, und so kommt es, daß die erfolgreichen Schüler meist die besonders dummen und stumpfsinnigen sind.

Eine solche Erfahrung hatte auch der Vizeprofessor H. gemacht. Dieser hatte nämlich eine ganz außergewöhnlich dumme Schülerin, die jedoch - den geheimen Hoffnungen H.'s zum Trotz - jede Prüfung mit besonderer Auszeichnung bestand. Mei-Lee (Schönheit), so hieß jenes Wesen nämlich, war in hohem Grade autistisch und hatte die merkwürdige Gabe, jedes einmal gelesene Wort für immer zu behalten, ohne dennoch durch den Sinn der Lektüre belastet zu werden. Je trockener und unwichtiger der Stoff war, desto perfekter funktionierte ihr Gedächtnis, welches ganze Paragraphen fehlerlos und wie ein Computer auf Abruf reproduzierte. Sie konnte die gesamten "Drei Volksprinzipien" rückwärts und mit korrekter Seitenzahl rezitieren. Als Person war Mei-Lee jedoch so unwahrscheinlich naiv, daß sie jeden noch so widersinnigen Befehl sofort ohne den geringsten Argwohn ausgeführt hätte.

Kurz und gut: Mei-Lee war auf dem besten Wege, eine ganz außergewöhnlich hervorragende Schülerin zu werden. Doch eine solch fantastische Naivität, wie sie Mei-Lee besaß, findet meist schnell einen Liebhaber, der sich erhofft, jene Qualität zu seinem Vorteil auszunutzen. Ein recht schlechter und zynischer Knabe hatte Mei-Lee eingeredet, sie sei eine große Schönheit, und müsse unbedingt an einem Schönheitswettbewerb teilnehmen. Das arme Mädchen, welches wie gesagt äußerst leicht zu beeinflussen war, stürzte sich voll Eifer auf die Pflege der Schönheit und wurde in kürzester Zeit zum Gespött ihrer Kameraden, da sie alles andere als schön war.

Der Vizeprofessor H. konnte nur mit dem Kopf schütteln und rief in einem unbedachten Moment: "Meinen Kopf will ich Dir geben, wenn Du einen Schönheitswettbewerb gewinnst."

Mei-Lee jedoch betrachtete diesen Ausspruch als einen ernstgemeinten Ansporn und richtete ihren Ehrgeiz nun darauf, den Kopf ihres verehrten Vizeprofessors zu erlangen. Wahrscheinlich glaubte sie, daß dies eine Trophäe sei, die sie neben ihren anderen Urkunden und Ehrenzeichen aufhängen könnte. Sie meldete sich in der Tat bei einem Schönheitswettbewerb an und bereitete sich darauf mit der gleichen hartnäckigen Akribie und allumfassenden Gründlichkeit vor, mit der sie sonst für die Prüfungen zu studieren pflegte.

Nun weiß ein jeder, der etwas Verstand besitzt, daß auch Schönheit heute ein Wert ist, der sich durchaus produzieren läßt. Mei-Lee war, wie gesagt, keine Schönheit, aber sie hatte eine ideale Größe, und alles andere läßt sich ja ohnehin manipulieren. Mei-Lee memorisierte sofort sämtliche Modemagazine, die jemals erschienen waren, und prägte sich alles ein, was jemals über Kleidung, Kosmetik und Schönheitsoperationen geschrieben war. Mit solch einem übermenschlichen Wissensschatz ausgerüstet, nimmt es nicht wunder, daß Mei-Lee sich bald in eine sensationelle und erregende Schönheit verwandelte. Es war zwar nichts echt an ihr, aber dies spielt ja bei Schönheitswettbewerben bekanntermaßen keine Rolle. Kurz: Sie gewann den Schönheitswettbewerb mit der gleichen Souveränität, mit der sie sonst die Prüfungen in der Schule bestand.

Der Leser wird sich leicht vorstellen können, in welch' schrecklicher Lage sich nun der Vizeprofessor H. befand. Mei-Lee hatte ihn nämlich sofort nach der Preis-übergabe angerufen und gefragt, wann sie den Kopf abholen könne. Sie hatte auch ihre Adresse hinterlegt im Falle, daß H. ihn schicken wolle, aber sie befürchte, dies könne H. Unannehmlichkeiten bereiten, weshalb sie ihn gern selbst abholen würde.

Nun würde jeder gewöhnliche Mensch einen derartigen Ausspruch wie "ich gebe Dir meinen Kopf" sofort vergessen oder zumindest nicht weiter ernst nehmen, aber Mei-Lee war kein gewöhnlicher Mensch. Sie behielt jeden Ausspruch für ewig und nahm ihn todernst.

Der Vizeprofessor H. war ein Mann von Prinzipien und ein guter Christ, der sein Versprechen nicht brach. Was würde wohl aus der Welt werden, wenn man nicht einmal mehr dem Wort eines Vizeprofessors trauen konnte. Nein - er mußte schon seinen Kopf hergeben.

H. hätte dies auch ganz sicher ohne weiteres getan, aber es gab Komplikationen, die technischer Natur waren. Er hätte natürlich zu Mei-Lee sagen können: "Wenn Du meinen Kopf willst, dann schneide ihn Dir gefälligst selbst ab." Dies jedoch wäre unhöflich gewesen, und der Vizeprofessor H. war ein Mann, der keine Unhöflichkeit dulden konnte.

Es sträubte sich auch etwas in ihm gegen den Gedanken, mit seinem Kopf unter dem Arm aufs Postamt zu gehen und denselben als Einschreiben zu verschicken. Viele Wertgegenstände gehen verloren durch die Schlampigkeit der Post, und wenn sein Kopf einmal verloren war, hatte er keinen zweiten mehr, den er vergeben konnte.

Leider war es auch nicht möglich, den Kopf per Fax zu senden. Die Wissenschaft war leider noch nicht fortgeschritten genug, obwohl man liest, daß in Japan bereits ein derartiges Faxgerät zum Übersenden von Köpfen konzipiert ist. Es ist jedoch leider noch nicht marktreif.

Selbst die kompliziertesten Probleme lösen sich aber mitunter ganz von allein. Mei-Lee hatte dem Vizeprofessor bereits einen Höflichkeitsbesuch abgestattet, und dieser war von ihrer überirdischen Schönheit so verzaubert, daß er schließlich fand, das Geschenk eines Kopfes bedeute ja keineswegs, daß man nicht auch den restlichen Körper - sozusagen als Zugabe - mitschenken könne. Er machte also Mei-Lee einen Heiratsantrag, den diese ohne weiter zu überlegen annahm.

Beide leben heute glücklich und zufrieden und haben sogar einen Preis für Musterehepaare gewonnen.
 
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Kommentare  

Der Kommentar, Mes Calinum, hat mich sehr gefreut. Vielen Dank! Diese Geschichte - und auch andere - sind fuer taiwanesische Tageszeitungen geschrieben. Die Geschichten durften nicht zu lang sein, und ich musste mir manchmal ein schnelles Ende ausdenken.

Rol-Peter (24.09.2002)

Ich bin hier gerade so hereingestolpert, weil ich den Lebenslauf so faszinierend fand und habe dabei diese ausgefallene Geschichte entdeckt.
Die Idee und Umsetzung sind mir noch nie begegnet, und ich habe die Story mit einer sehr bizarren Faszination gelesen. Auch die sprachliche Umsetzung ist überaus gelungen. Mir ist spontan nur aufgefallen, dass bei "Preis-übergabe" der Bindestrich zu viel ist.
Das Ende mit der Heirat nimmt der Geschichte ein bißchen die Atmosphäre und lässt sie wieder in konvetionellere Richtungen abdriften. Ist aber auch Geschmackssache.


Mes Calinum (24.09.2002)

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