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13 Seiten

Gute Nacht!

Schauriges · Kurzgeschichten
Gute Nacht

Der Mann lag tot in seinem zerwühlten Bett. Die Augen weit aufgerissen und die Hände ineinander gekrallt, wie zu einem letzten verzweifelten Gebet. Er hatte nur Shorts und ein T-Shirt an. Die blaue Bettdecke war auf den Boden gerutscht und ein kleiner runder Wecker lag daneben auf dem buchenfarbenem Laminat.
In seiner über dreißigjährigen Dienstzeit hatte Kommissar Degen schon viele Tote gesehen und das hier war bei weitem nicht der schlimmste Anblick. Da war kein Blut, keine Kampfspuren, keine schreienden oder weinenden Angehörigen. Nur dieser Mund des Toten, weit aufgerissen zu einem letzten stummen Schrei und seine Augen - diesen Ausdruck hatte er schon oft gesehen - Angst.
„Was ist die Todesursache?“ fragte er den Polizisten neben sich.
„Er hatte wohl einen Herzinfarkt, meinte der Notarzt, aber genau festlegen wollte er sich noch nicht und den Todeszeitpunkt gab er mit ungefähr vor vierundzwanzig Stunden an.“
„Und warum ruft man jetzt schon die Kripo wegen einen Herzinfarkt?“ fragte Degen zerknirscht. Sein Schreibtisch lief über mit Arbeit und er hatte weiß Gott besseres zu tun, als sich mit Herzinfarkten rumzuschlagen. „Einer der Polizisten, die hergerufen wurden, behauptet vor ungefähr vierzehn Tagen genau dieses Bild schon mal gesehen zu haben. Auch ein Mann um die Vierzig. Herzinfarkt …“.
„Ja und?“, unterbrach er den Polizisten. „Sie werden immer jünger aber deshalb ist es noch lange kein Fall für die Kripo. Wo ist dieser Kerl?“
Der Polizist errötete und sah sich hilfesuchend um. „Ich werde ihn suchen. Ein Moment bitte.“ Degen schaute auf seine Uhr: 8.30 Uhr. Bis er wieder hinter seinem Schreibtisch saß, war der ganze Morgen verflogen.
„Herr Kommissar?“
„Ja.“
„Ich bin Timo Herzog“, sagte der Polizist vor ihm und reichte ihm die Hand. „Ich bin daran schuld, das sie hier sind.“
Herzog war mindestens zehn Jahre jünger als er und sah ziemlich blass aus.
„Und warum sind wir alle hier?“, fragte Degen genervt.
„Ich war dabei als sie den anderen Typen gefunden haben.“
„Der auch einen Infarkt hatte?“
„Genau. Aber deshalb hab ich sie nicht gerufen. Nun, nicht nur. Haben sie sich mal umgeschaut Herr Kommissar?“
„Nicht wirklich. Die Haustür wurde aufgebrochen aber ich bin in Eile und es wartet jede Menge wichtige Arbeit auf mich. Also was haben sie für bedeutsame Gründe, die mich von meiner eigentlichen Arbeit abhalten?“
„Nun ich möchte Ihnen ein paar Sachen zeigen ….“.

Drei Tage später saß Degen spät abends mal wieder alleine in seinem Büro. Seit er sich vor zwei Jahren scheiden ließ, war das eigentlich die Regel geworden. Vor ihm auf seinem Schreibtisch lagen drei Akten, die er recherchiert hatte, nachdem er mit Herzog gesprochen hatte. Drei Männer, alle vierzig Jahre alt und die Todesursache bei zweien war ein Herzinfarkt. Der Dritte hatte sich selbst getötet. Das war eine bizarre Geschichte. Nachdem dieser Kerl seine Wohnung zertrümmert hatte, legte er sich in seine Badewanne, schnitt er sich zuerst die Pulsadern auf um sich danach das Teppichmesser in die Halsschlagader zu rammen. In einer Stadt wie Frankfurt waren das nicht ungedingt außergewöhnliche Vorfälle, dennoch gab es einige Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen diesen Todesfällen. Das Alter, der kurz Zeitraum, alle Todesfälle innerhalb von nur zwei Wochen. Und da waren noch diese seltsamen Wohnungen. Die Domizile seiner drei Toten glichen Festungen. Die Türen waren mit zusätzlichen Schlössern, nicht nur einem, sondern drei oder vier weiteren gesichert. Alle Fenster hatten zusätzliche Schließungen und am seltsamsten war, dass die Kleiderschränke mit Brettern zugenagelt waren. Und das war noch nicht alles. Es gab da noch den Brief und das Diktiergerät. Bei dem ersten Opfer fand man ein Schreiben, indem der arme Mann von Angstzuständen und Verfolgungswahn berichtete und von Etwas, nicht Jemandem, das ihn verfolgte.
Die Aufnahme auf dem Diktiergerät, die ihnen das zweite Opfer hinterlassen hatte, hörte sich Degen jetzt schon zum gefühlten zehnten Mal an:

„Ich spüre wie ich jeden Tag tiefer in den Abgrund gezogen werde und mein Leben besteht nur noch aus Angst. Jeder von uns hat mal böse Träume, Alpträume und es gibt diese Momente, in denen du noch mal überprüfst ob die Tür auch wirklich verschlossen ist. Wenn du durch das Haus eilst und alle Fenster verschließt, weil dein Gehirn dir etwas vorspielt, was nicht da ist. Oder ist da doch etwas? Als Kind schaust du schon mal unter das Bett bevor du dich schlafen legst. Es könnte ja etwas darunter sein. Was böses dunkles, etwas, was deine Seele will, dir keine Ruhe und dich nicht schlafen lässt.
Da gibt es diese Augenblicke, in denen du Geräusche hörst, die nicht da sind. Schatten in jeder Ecke sind, die da nicht hingehören. Am nächsten Tag lachst du über dich selbst, aber in diesen einsamen dunklen Momenten hörst du dein Herz hämmern, ein eiskalter Schauer läuft dir über den Rücken und dein Magen verkrampft sich. Du fragst dich, ob das alles Wirklichkeit oder nur Einbildung ist. Auch wenn du am nächsten Morgen, oder wenn das Licht wieder an ist, darüber lachen kannst. Aber erklären? Kannst du es dir erklären? Spielt unser Verstand nur Spielchen mit uns? Gaukelt er uns nur etwas vor? Sind da einfach nur Urängste am Werk oder ist da etwas, das wir nicht wahr haben wollen, nicht da sein darf und doch existiert?
Nachts, wenn es dunkel ist, traut sich dann etwas an die Oberfläche? Kriecht dann etwas aus diesem Nichts in unsere Welt hinein und beobachtet uns? Lauert uns auf? Ist dieser Schatten in der Ecke wirklich nur ein dunklerer Fleck, das Fehlen von Licht? Ist es nur ein Gefühl von gierigen hasserfüllten Augen beobachtet zu werden, oder ist da doch mehr?
Mein Psychiater hatte viele Antworten. Er wollte es mit dem Unterbewusstsein, Phobien und traumatischen Ereignissen erklären. Aber er war ja auch nicht dabei in dieser Dunkelheit, wenn ich mir vor Angst fast in die Hose gemacht habe. In seiner Praxis brannten teure Dekorleuchten oder es war taghell. Und verdammt er war nicht da und hatte keine Ahnung davon, wie es für mich war, wenn ich nachts die Augen schloss, meine Hände unter der Decke versteckte und auf das Monster wartete.
Ich meine damit nicht die Spinne, die dir nachts vielleicht langsam über das Gesicht läuft, oder der hässliche kleine Käfer, der dir langsam in die Ohren kriecht. Nein, etwas viel Tieferes, Unbeschreibliches, den Verstand raubendes und tödliches Chaos, das böse und verschlagen ist, mit dir spielt und dir Angst machen will. Und jeden Abend stellst du dir dieselben Fragen. Von wo kommt es heute? Wo ist es diese Nacht? Im Schrank, unter dem Bett oder direkt hinter dir, in der vom Licht verlassenen Ecke?
Dann mache ich schnell das Licht an und denke in der nächsten Sekunde: “Aber das ist doch lächerlich. Du bist doch erwachsen. Nur kleine Kinder schlafen mit Licht.“
Also mache ich das Licht wieder aus und sofort sind sie wieder da, die Schatten - Schatten, die sich seltsamerweise bewegen können. Kannst du dir vorstellen wie es ist, einsam in deinem Bett zu liegen und zu horchen. Geräusche zu vernehmen - mal wieder ein Knacken im Holz oder doch jemand, der sich leise und langsam immer dichter heranschleicht? Ein kalter Hauch, ein leises Stöhnen - es ist nur der Wind - Durchzug halt. Aber glaubst du das wirklich? Kannst du dir das einreden oder spürst du die Kälte, das Frösteln, wenn dieses Ding immer näher kommt, deinen Verstand und deine Seele stehlen will? Wenn du wie gelähmt in deinem Bett liegst, gefangen bist und das Böse, dieses Ding, sich an dich heran pirscht und nach dir greift. Wenn du den Atem anhältst, um nur kein Geräusch zu verpassen. Du spürst es, kannst es nicht erklären und doch ist es da. Es stiehlt sich langsam, aber unweigerlich heran und flüstert dir unglaubliche Sachen ins Ohr.
Und du kannst dich nicht wehren - dich nicht bewegen - nicht mal zucken. Deine Kehle ist wie zugeschnürt. Auf deinem Brustkorb liegt ein unerträgliches Gewicht und dein Magen dreht sich immer schneller. Bewegungsunfähig liegst du da, bis auf dein wie wild rasendes und pochendes Herz und wartest auf dein schreckliches Ende. Es hat dich fast, es will dich mitnehmen in seine finstere kalte und traurige Welt. Und wenn du kurz davor bist deinen eh schon geschundenen Verstand völlig zu verlieren, und es dich fast auf seine Seite der Dunkelheit gezogen hat, erwachst du mit einem Schrei. Schweißgebadet, mit einem Herzen, das fast deinen Brustkorb zerreißt und immer noch zitternd. Dieses Mal machst du das Licht an und lässt es an. Scheiß drauf, es merkt ja keiner, außer dir selbst.
Wie lange kann man es durchhalten wenn man jede Nacht einen solchen Alptraum hat? Wie lange dauert es bis man den Verstand verliert und sich nie wieder findet? Diese Frage stelle ich mir die ganze Zeit, und ich weiß nicht wie es weiter gehen soll. Jedes mal wenn mir jemand eine gute Nacht wünscht, beginnt für mich der Alptraum und es wird Tag für Tag schlimmer. Ich sehe es jetzt auch schon draußen wenn es hell ist. Fühle, wie es mich auf meinen Wegen verfolgt. Ich versuche es rauszulocken und doch findet es mich immer wieder. Niemand kann mir helfen.“

„Verdammt, was war hier los?“, fragte Degen sich immer und immer wieder. Er hatte drei tote Männer und keinen einzigen Hinweis auf ein Gewaltverbrechen. Keine Spuren eines Einbruches, keine Hinweise auf Gewaltanwendung, nichts was auf ein Verbrechen hinwies und doch sagte ihm sein Instinkt, dass hier etwas nicht stimmte.

Das Telefon schreckte ihn aus seinen Gedanken. So spät, das war nie was Gutes. „Degen“, meldete er sich und hatte mal wieder Recht.
„Wir haben noch einen.“

Auch diese Haustür war von der Feuerwehr aufgebrochen worden, wie die anderen drei. Als Degen in die Wohnung kam trat Herzog auf ihn zu und sagte: „Erhängt! Er hat sich erhängt ...“
„Ganz ruhig Herzog, zeig mir zuerst den Toten.“ Der Notarzt hatte die Leiche bereits untersucht und der Mann lag nackt auf dem kalten Fliesenboden seiner Küche. Am seinem Hals war Blut zu sehen. Er hatte sich mit einen Nylonseil erhängt, dass sich tief in seine Haut geschnitten hatte und immer noch von der Decke hing.
„Und was macht dich so sicher, dass es etwas mit unseren anderen drei Fällen zu tun hat, außer der Tatsache mit der Tür?“, fragte Degen.
Herzog, dieser schmächtige Kerl mit seinen blonden Haaren, lächelte matt. Er sah übernächtigt und ausgelaugt aus: „Wir haben ein Foto gefunden“, sagte er und drückte Degen einen Bilderrahmen in die Hand.
Degen kramte seine Lesebrille aus der Brusttasche und betrachtete die Aufnahme. Sechs junge Männer waren darauf zu sehen. Lachend und sich in den Armen haltend standen sie da. Vier von ihnen kannte Degen.

Am nächsten Morgen saß Herzog bei ihm im Büro. Beide tranken den miesen Kaffee und schauten sich die Pinnwand an. Auf ihr hatte Degen die Bilder der vier Leichen befestigt und darunter ihre wenigen Informationen zu den Toten.
„Gut, was haben wir?“, machte Degen den Anfang.
„Vier Leichen – zwei mal Herzinfarkt und zwei mal Selbstmord - und kein einziger Hinweis auf ein Verbrechen. Und doch haben wir eine Verbindung gefunden. Sie alle waren Studenten in Freiburg. Sie haben dort zur gleichen Zeit studiert. Haben wir schon was von den Kollegen vor Ort gehört oder einen Hinweis auf die anderen zwei Personen auf dem Bild bekommen?“
Herzog sah langsam von der Pinwand zu seinem Gegenüber. „Nein, die Kollegen sind in der Uni und ich denke, wenn es Hinweise zu den beiden anderen Personen auf dem Bild gibt, dann dort. Ich …“
„Was ist los?“, fragte Degen.
„Keine Ahnung. Diese ganze Geschichte mit den Alpträumen und dem Verfolgungswahn. In der Wohnung des letzten Opfers haben wir zwar keinen Brief gefunden, aber in jeder Ecke seiner Wohnung stand eine Lampe und wir haben dutzende von Kruzifixen gefunden. Außerdem hatte er die Wohnung schon tagelang nicht mehr verlassen. Das bestätigt auch der Nachbar, der die Schreie hörte und die Polizei rief. Ich frage mich die ganze Zeit, ob man sich so eine Angst wirklich einbilden kann und wenn ja, wie lange man so was durchhält.“
Degen sah in Herzogs müde Augen und sagte: „Ich glaube nicht an Geister, Dämonen oder Ufos. In meiner ganzen Laufbahn ist mir so was noch nicht untergekommen. Sicher, ich kann nicht alle Fälle lösen aber das hat andere Gründe. Wir übersehen etwas bei dem Fall und ich werde schon noch rausbekommen was es ist. Lass dich nicht verrückt machen Herzog. Es ist einfach nur Polizeiarbeit gefragt. Recherchieren, Leute befragen, Spuren sichern und logisches Denken. Also, was hat dieser Psychiater gemeint?“
Herzog wollte etwas entgegnen, besann sich dann eines Besseren und sagte: „Unser zweites Opfer war viermal in der Praxis dieses Herrn Psychologen Lauck. Der Kerl hat mit Fachwörtern nur so um sich geworfen aber der Inhalt seines ganzen Geschwafels war wohl, dass unser Mann unter akuten Angstzuständen litt. Bei den Sitzungen mit unserem Opfer kam nicht viel heraus weil er zu den letzten nicht mehr gekommen ist. Der Arzt hat ihm ein Antidepressiva verschrieben und konnte weiter nichts tun, da sein Patient nicht mehr aufgetaucht ist“
Degen sah Herzog nachdenklich an.
„Ich verstehe das alles nicht. Es ist mir alles ein Rätsel und doch bin ich davon überzeugt, dass es einen äußeren Grund für die Todesfälle gibt. Ich frage mich, ob man vor Angst sterben kann? Kann man einen Menschen mit Absicht so in Angst und Panik versetzen, dass er einen Infarkt bekommt?“
„Soll ich noch mal mit dem Gerichtsmediziner sprechen?“, frage Herzog.
„Ja, tu das und ich werde mich mal mit dieser Uni beschäftigen und ein paar Telefonate führen. Wir treffen uns heute Abend wieder.“

Degen sprach gerade mit den Kollegen aus Freiburg, als Herzog wieder an seiner Tür klopfte. Es war zwar noch kein Abend aber er winkte ihn trotzdem hinein.
Als er auflegte sah er zu Herzog und sagte: „Die sechs Männer auf unserem Foto haben tatsächlich alle zur gleichen Zeit in Freiburg studiert und wir haben jetzt auch die Namen der beiden anderen. Einer der Dozenten konnte sich an sie erinnern. Ich lasse unsere letzten beiden Überlebenden ausfindig machen.“
Herzog ließ sich erschöpft auf dem Besucherstuhl aus braunem Plastik nieder und sagte:
„Gut, es gibt also Fortschritte. Nun ich hab mit unserem Gerichtsmediziner gesprochen. Er sagte, dass es schon möglich sei vor Angst zu sterben aber nicht so, wie wir uns das vorstellen.“
„Und was will er uns damit sagen?“
„Er meinte, dass Angstzustände sicher auch Auswirkungen auf den Kreislauf und das Herz haben. Es wird Adrenalin ausgeschüttet, der Blutdruck steigt und die Blutgefäße verengen sich. Menschen mit Angstzuständen haben auch ein viermal höheres Risiko einen Infarkt zu bekommen. Panik und Herzrasen sind nicht gesund und haben Auswirkungen auf den Körper, aber das jemand nach einem Schreck oder vor Angst einen Herzanfall bekommt sei sehr unwahrscheinlich, dann müsste schon eine Vorerkrankung vorliegen oder man müsste einer absoluten Risikogruppe angehören, aber er konnte es auch nicht ganz ausschließen.“
„Jemanden zu Tode ängstigen. Was sagt das Strafgesetzbuch darüber?“
„Kein Ahnung, ich …“
„Herzog, es war nur ein Spaß. Mach Feierabend. Du siehst verdammt fertig aus.“
„Aber …“
„Nix aber, morgen geht’s weiter. Fahr nach Hause und schlaf dich aus.“
„In Ordnung. Gute Nacht und bis morgen.“
„Ja, gute Nacht.“
Herzog blieb an der Tür stehen und sah zurück. „Junger Mann, was hast du noch auf dem Herzen?“, fragte Degen und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
„Nur mal angenommen, unsere sechs Männer haben in ihrer Studienzeit etwas Dummes angestellt. Keine Ahnung was, und nun verfolgt es sie. Es treibt sie langsam aber sicher in den Wahnsinn und sie wissen sich nicht anders zu helfen, als sich selbst zu töten oder sie sterben vor Angst an ihren Alpträumen.“
„Und was soll dieses Es sein? Ein Geist oder Dämon? Was willst du mir damit sagen?“
„Vielleicht haben sie sich etwas erkauft und müssen nun den Preis dafür zahlen. Vielleicht wehren sie sich dagegen und dieses Etwas oder dieser Jemand quält sie so lange, bis sie aufgeben.“
Degen sah ihn mit seinen kalten blauen Augen durchdringend an. „Ich dachte eigentlich du wärst ein guter Polizist Herzog. Du bist erst auf die Zusammenhänge bei diesen Todesfällen gekommen. Ich habe bis jetzt viel von dir gehalten. Du bist aufmerksam und schlau, ergreifst Initiative und kannst mit Menschen umgehen, aber ich will nichts von Geistern und Dämonen hören. Vielleicht haben sie sich etwas erkauft. Doch dann von einem sehr realen Menschen und nicht vom Teufel. Sieh zu, dass du in dein Bett kommst. Vielleicht bist du dann morgen früh wieder bei Verstand“, sagte Degen wütend und sah Herzog nachdenklich hinterher, der sich still davonschlich.

Um sieben Uhr am nächsten Morgen saß Degen schon wieder auf seinem alten Schreibtischstuhl und wartete auf Neuigkeiten. Er ging noch mal die Akten durch. Was übersah er bloß?
So gegen acht streckte ein Beamter seinen Kopf durch die Tür. „Chef, wir haben schlechte Nachrichten.“ Degen sah ihn finster und voller böser Vorahnungen an.
„Die zwei Gesuchten?“
„Ja, sie sind beide tot.“

Am Abend ließ er sich wieder auf seinen durchgessenen Stuhl sinken. Jetzt hatte er sechs tote Männer und er wünschte sich, nie von diesen Infarkten gehört zu haben und verfluchte in Gedanken Herzog, der den ganzen Tag nicht aufgetaucht war. Die beiden letzten Opfer starben nicht an einem Herzinfarkt. Der eine hatte in der letzten Nacht seine komplette Wohnung mit einer Schrotflinte in Fetzen geschossen und sich dann selbst hingerichtet - im wahrsten Sinne des Wortes sich den Kopf weggepustet. Der andere hatte sich scheinbar, in einem Anfall von Wahnsinn, mit einem Messer zuerst seine Ohren abgeschnitten und es sich dann selber in die Augen gestochen. Nicht nur in eines in beide. Es war ein schrecklicher Anblick gewesen und er konnte den ganzen Tag nichts mehr essen. Was Degen aber an seinem Verstand zweifeln ließ, war die Tatsache, dass es wieder keinen einzigen Hinweis auf ein Verbrechen gab. Warum taten diese Menschen sich das an?

Auf seinem Tisch fand er den Bericht der Kollegen aus Freiburg. Sie hatten weitere Informationen zu den sechs - nun toten - Personen auf dem Bild.
Einer der Polizisten hatten sich die Mühe gemacht eine kleine Zusammenfassung ihrer Ermittlungen zu machen und sie Degen an die Akte geheftet:


Hallo Herr Degen,

Den üblichen Bericht über unsere Ermittlungen finden sie in der Akte. Was unsere Untersuchungen noch ergeben haben, möchte ich ihnen kurz zusammenfassen:

Alle Personen auf dem Bild haben im gleichen Jahrgang studiert. Sie hatten aber verschiedene Studiengänge belegt. Sie waren nicht weiter auffällig geworden, aber einer der Dozenten hatte damals einen Verdacht geäußert. Es gab die Vermutung, dass die sieben Personen auf irgendeine Art und Weise betrogen. Die ersten Semester der sieben Studenten waren alles andere als hervorragend gewesen, und ein Jahr später waren sie plötzlich Jahrgangsbeste und machten ihren Abschluss mit Traumnoten. Es konnte ihnen jedoch nichts nachgewiesen werden, wie gesagt verschiedene Fächer, verschiedene Dozenten und Vorlesungen und es gab auch nie eine offizielle Untersuchung.
Die Studenten beteiligten sich auch an ehrenamtlichen Tätigkeiten und so weit dieser Dozent wusste, hatten sie auch Verbindungen zur damaligen Einrichtung der Psychologie und im Besonderen zur Abteilung Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene. So wie ich das verstanden habe eine Gruppe von Wissenschaftlern, die sich mit paranormalen Phänomenen, auf wissenschaftliche Weise, also Feldforschung, Untersuchungen und so was beschäftigten.
(Es waren kein Ufojünger oder so was in der Art, sondern Wissenschaftler)
Aber diese Abteilung existiert nicht mehr und der damalige Leiter ist verstorben.
Unsere Ermittlungen haben außerdem ergeben, dass sich die Wege der Studenten danach trennten. Sie hatten gut bezahlte Jobs in ganz Deutschland und auch im Ausland und vor ungefähr drei Monaten sind sie seltsamerweise alle nach Frankfurt gekommen.

Degen sah das Blatt Papier an und war verwirrt. Warum sieben? Hatte der Beamte sich verschrieben? Er griff sich die Akte. „Scheiße“, fluchte Degen und stemmte sich aus seinem Stuhl. Herzog! Er war an allen Tatorten gewesen und war seit gestern Abend verschwunden. Und natürlich mussten es sieben Personen sein - einer hatte das Foto geschossen. Verdammter, alter Narr, dachte er und rannte die Tür hinaus.

Nachdem sie endlich die verdammte Tür aufgebrochen hatten, fanden sie Herzog in seinem Bett. Mit seiner Uniform bekleidet saß er da, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt. Der Kopf war auf die rechte Schulter gesunken und dahinter an der Wand klebten Blut, Knochenstücke und Gehirnmasse. Er hatte sich mit seiner Dienstwaffe erschossen, die er immer noch in der Hand hielt. Aus Degens Gesicht wich alles Blut und er sah sich langsam um. Herzogs Wohnung sah aus wie die der anderen. Überall Kreuze, zusätzliche Beleuchtung und die mit Brettern zugeschlagenen Schränke und noch was fiel ihm auf. Herzog hatte die Füße seines Bettes abgesägt damit es direkt auf dem Boden auflag, ohne einen Zwischenraum für Monster zu lassen.

Am gleichen Abend saß Degen zur Abwechslung mal in seiner Wohnung. Was hatte das alles zu bedeuten? Diese Frage kreiste seit Stunden durch seine Gedanken und er hatte das erste Mal in seinem Leben keine Erklärung parat. Für einen kurzen Moment hatte er gedacht, Herzog sei der Täter aber das hatte sich als falsch erwiesen. Er hatte sich schon gestern, am späten Abend erschossen, ganz zu schweigen davon, wie er das alles hätte anstellen sollen. Degen konnte sich absolut keinen Reim darauf machen, was hier vor sich ging.
Er nahm die angebrochene Flasche Rotwein vom Tisch und setzte sich in seinen Schaukelstuhl, ein Überbleibsel seines alten Arbeitszimmers. Das Leben meinte es im Moment nicht gut mit ihm. Zuerst die Scheidung, dann hatte er das Haus verkaufen müssen und jetzt diese Geschichte. Es war an der Zeit sich richtig zu betrinken.
Er goss sich gerade das zweite Glas ein, als das Telefon läutete. Zuerst wollte er nicht rangehen aber dann tat er es doch, wie immer in seinem Leben, wofür seine Ex ihn so gehasst hatte.
„Degen.“
„Hallo, hier ist Kommissar Baldauf. Sie bearbeiten doch diesen seltsamen Fall von Selbstmorden und Herzinfarkten.“
Baldauf, eine Kollege von Revier. Hatte man denn nie seine Ruhe dachte er und sagte:
„Ja, wenn es denn überhaupt ein Fall ist. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Nun, wir haben ein Problem. Ich weiß nicht, ob es mit Ihrem Fall zu tun hat oder ob es überhaupt ein Verbrechen war, aber wir haben hier was Seltsames.“
„Nun rücken Sie schon raus mit der Sprache. Ich hab Feierabend und keine Lust Ihnen alles aus der Nase zu ziehen.“
„Unser Gerichtsmediziner hatte heute Abend einen Infarkt. Das ist zwar tragisch, jedoch wäre er weniger seltsam, wenn er nicht kurz vorher versucht hätte sie zu erreichen. Unserer Telefonistin zu Folge, war er total aufgewühlt und panisch. Sie sagte, er hätte sich verzweifelt angehört. Sie gab ihm ihre Handynummer und kurz darauf muss er den Notruf gewählt haben aber als der Arzt kam war es schon zu spät. Hat er Sie erreicht?“
„Oh, mein Gott. Was ...? Der Gerichtsmediziner? Nein, ich hab das blöde Handy irgendwo verlegt. Ich werde sofort ins Präsidium kommen.“
Degen wollte schon auflegen als Baldauf noch eins drauflegte: „Degen, es geht noch weiter und wird immer seltsamer. Ein Kollege von Herzog hat sich heute Abend auch das Leben genommen. Er ist mit seinem Dienstwagen durch die halbe Stadt gerast, hat sich in einer
Kneipe verbarrikadiert und sich eine Stunde später selber erschossen. Zeugen haben ausgesagt, er hätte Selbstgespräche geführt und gesagt, er würde vom Teufel verfolgt.“

Degen legte mit zitternden Händen den Hörer auf. Seine Welt ging gerade in Trümmern unter und jemand zertrat auch noch die restlichen Scherben zu Staub. Das konnte alles nicht wahr sein. Das ergab alles keinen Sinn. Er taumelte durch seine Wohnung. Wo hatte er sein verdammtes Handy wieder? Nach zehn Minuten verzweifelter Suche fand er es in seiner Jackentasche und stand selbst kurz vor einem Zusammenbruch.
Sechzehn Anrufe in Abwesenheit. Acht mal hatte der Gerichtsmediziner angerufen, sieben mal seine Exfrau und einmal Herzog. Eine Nachricht war auf seiner Mailbox:

„Hallo Degen. Ich weiß nicht wie weit du inzwischen mit den Ermittlungen bist, oder was du herausgefunden hast, aber ich bin die Person die dieses Foto geschossen hat. Ich kann nicht mehr. Ich halte dieses Grauen nicht mehr aus. Du hast die Nachricht auf dem Diktiergerät gehört und genauso geht es mir auch. Jede beschissene Nacht habe ich diese Alpträume und dieses Ding wird mich bald kriegen oder ich werde mich vorher erschießen. Wir haben damals etwas aufgeweckt in unserer Studienzeit. Wir sieben. Ich kann dir jetzt nicht alles erklären aber du musst mir glauben. Ich weiß nicht ob es ein Dämon, der Teufel oder sonst was ist. Es ist ganz einfach das Grauen und es hat uns gefunden und will unsere Seelen. Wir haben diesem Ding den Weg in unsere Welt gezeigt und nun ist es auf den Geschmack gekommen. Es war wohl schon immer da, existiert seit Ewigkeiten und doch konnte es nie in unserer Welt hinüber. Wir haben irgendwie eine Tür, nur einen Spalt weit geöffnet und dieses Ding hat es geschafft sie komplett aufzustoßen. Ich weiß nicht ob dir klar ist von was ich rede. Ich will dir damit sagen, dass es noch nicht vorbei ist Degen. Es endet nicht mit uns sieben. Wir waren nur der Anfang. Wir haben ihm einen Durchgang zum Meer aller Seelen geöffnet. Es hat Hunger und wird sich alles nehmen, auf die eine oder andere Art. Was du tun kannst? Ich weiß es nicht. Wir haben nach einem Weg gesucht, deshalb sind wir alle nach Frankfurt gekommen. Wir wollten zusammen eine Lösung finden und sind gescheitert. Es war schneller als wir und es lernt und wird gieriger. Ich glaube du bist jetzt an einem Punkt angelangt an dem du glauben musst. Degen, ihr müsst einen Weg finden es zu stoppen oder alle werden sterben. Denk daran, wenn du wieder jemandem eine gute Nacht wünschst.“

Degen sah das Handy an als hätte er gerade eine Nachricht vom Teufel persönlich erhalten und ließ es fallen, weil er glaubte etwas Ekliges und Dreckiges in der Hand zu halten. Das war doch verrückt, totaler Unsinn - nein er konnte das nicht glauben und er wollte es auch nicht. Ende. Schluss. Er schlug sich selbst dreimal ins Gesicht und schüttelte sich. Herzog war also auch durchgeknallt. Was war hier nur los? Vielleicht nahmen die alle eine neue seltsame Droge, die ihnen das Gehirn anschwellen ließ. Er hatte keine Ahnung. Geister, Dämonen, der Teufel, so ein verdammter Blödsinn, dachte er und fuhr ins Büro, wo er versuchte alles herunter zu spielen und es ein wenig auf Herzog zu schieben. Degen stellte die Ermittlungen so dar, als seien es für ihn allesamt nur normale Herzinfarkte und Selbstmorde gewesen und nur auf Herzogs Bestreben seien all diese Untersuchungen gemacht worden. Die einzige Erklärung, die Degen für all die Vorfälle hatte, war eine neue Sekte. Ja, das wäre eine logische Erklärung. Einfach nur ein paar Irre, die sich selbst umbrachten oder einfach verreckten, weil ihnen eine fremde Macht dies befohl. Jemand musste sie einer Gehirnwäsche unterzogen haben oder so was, aber das war ihm egal und er wollte nichts mehr damit zu tun haben. Sein geschundenes Gehirn wollte sich nicht mehr damit beschäftigen – nie mehr!

Am nächsten Morgen schrak er in seinem Bett auf. Er war schweißgebadet und zitterte. Er ignorierte es und seine erste Tat am diesem Tag war der Gang zum Arzt. Er würde sich krankschreiben lassen. Sollte sich doch sonst wer mit dem ganzen Unsinn befassen. In der Nacht hatte sich die Idee mit der Sekte immer besser angehört. Die Nachricht auf der Mailbox war weg und niemand sonst wusste davon. Er würde sich ein paar schöne Tage zu Hause machen, das stand ihm einfach auch mal zu. Man konnte sich nicht nur aufopfern. Einmal war auch Schluss und man musste sich wieder um sich selber kümmern und scheiß auf den Rest der Welt. Sollte sie doch durchdrehen und untergehen. Er würde sich nicht daran beteiligen.

Als Degen in seinem abgeschottetem Heim das dritte Mal in Folge morgens schreiend aufwachte, konnte er sich nicht länger selbst belügen und gab vollends auf. Er drehte einfach durch. Er schnappte sich seine Waffe, schoss auf die Schatten in den Ecken seines Schlafzimmers und danach durchsiebte er den Kleiderschrank. Aber es ließ sich nicht verscheuchen. Es war einfach überall und immer mehr auch in seinem Kopf. Er spürte, wie es seine gierigen Finger nach ihm ausstreckte und rannte die Haustür hinaus. Er lief zum Auto und verschoss noch ein ganzes Magazin auf das Haus. Danach raste er durch die Stadt. Immer wieder sah er in den Rückspiegel und als er dachte, er könne doch noch entkommen, sah er den Schatten auf der Rückbank. Nachdem er einen anderen Wagen gerammt hatte und an einer Bushaltestelle zum Stehen gekommen war, kroch er aus dem Auto, rappelte sich auf und lief in den Stadtpark, wo er sein letztes Magazin auf seinen Verfolger verschoss, die sich einfach nicht abschütteln ließen und tötete dabei drei unschuldige Menschen.
Bevor er von den Beamten tödlich getroffen wurde, sah er noch einmal die Schatten. Sie waren jetzt überall. Sie wimmelten in jeder Ecke. Im Park, an den Fenstern der Häuser gegenüber der Straße. Auf der Straße und in den Autos und selbst hinter den Polizisten, die auf ihn angelegt hatten und er wusste, dass es kein Entrinnen gab. Für keinen. Alle würden sterben und bevor er auf dem Boden aufschlug und sich der Schatten auf ihn warf, sich in ihn hineinfraß, flüsterte er nur: „Gute Nacht“.
 
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Kommentare  

Danke euch alle fürs Lesen und Kommentieren. Es freut mich, dass die Geschichte ankommt und ein paar Leute auch mal unters Bett schauen, bevor sie sich schlafen legen!

Daniel Freedom (12.06.2011)

War mir eine Freude das zu lesen, obwohl ...wenn ich jetzt einen Schatten sehe, sollte ich besser aufpassen.

Gerald W. (11.06.2011)

Ach, nein, und bis zuletzt hatte ich noch gehofft, dass es gut ausgehen würde. Schrecklich gute Story.

doska (10.06.2011)

Richtig unheimlich. Heute Abend werde ich erstmal unter meinem Bett nachgucken, ob da nicht etwas liegt. Tolle Gruselstory.

Petra (10.06.2011)

Für wahr, eine schaurig -schöne Story zum Atem anhalten. Na, dann wünsche ich allen noch ein gutes Nächtchen. Guter Text.

Dieter Halle (10.06.2011)

Hallo Barbara,

danke für das Lob. Für einen selbst ist die Geschichte ja immer klar und nachvollziehbar, nur wie sie dann auf andere wirkt, weiß man halt leider nie!


Daniel Freedom (10.06.2011)

Woa, sehr spannend, sehr mysteriös und toll geschrieben.
Hat mir echt meine Nachtschicht ein wenig erträglicher gemacht....außerdem habe ich das große Licht im Dienstzimmer angemacht :)


Barbara Saskat (10.06.2011)

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