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4 Seiten

Berserkor der übelst Schreckliche - 1. Kapitel

Romane/Serien · Fantastisches
© Jingizu
Erstes Kapitel

Das hier ist Windhall, unser Dorf.
Unser Heimweg war nicht weit. Der Abstieg von der Drachenhöhle um den Berg herum zurück ins Tal dauerte nur ein paar Stunden, denn Windhall liegt direkt an der Schwarzsturmsee, die zu Füßen der Drakeberge an unser kaltes Land brandet. Es ist ein Dorf voller raubeiniger Gestalten und wagemutiger Abenteuer. Abgelegen, klein und direkt am klarsten und kältesten Wasser gelegen, dass je ein Mensch gesehen hat. Es ist wie gesagt zwar nicht besonders groß, besteht auch nur aus dreiundzwanzig Hütten, die regelmäßig wegen Drachenschäden erneuert werden müssen, aber für mich ist es der schönste Platz auf der ganzen, weiten Welt.
Wir haben hier sieben Wochen im Jahr einen kühlen, grünen Sommer und ansonsten nur Schnee und Eis und ewig lange Nächte. Meine Leute sagen oft voller Stolz, dass nur ein hartes Land, wie das unsere, richtig harte Wikinger gebiert. Ich sag es so - wenn man den Winter mag, dann kann man nicht anders als meine Heimat zu lieben. Wir Windhaller streben danach, in allem was wir tun, die Besten zu sein. Es ist also unnötig zu erwähnen, dass Windhall schon seit über einem Jahrzehnt den Preis für den größten Schneewikinger des Landes hält und ihn jährlich immer wieder stoisch gegen unsere ärgsten Widersacher aus Talsöng und Rimberge flussaufwärts verteidigt.
Vor neun Jahren hat mein Vater einmal Modell für die Schneeskulptur gestanden. Eine größere Ehre wird einem Wikinger in unserer Gegend nicht zuteil. Er erzählt noch heute mit Tränen in den Augen davon und ist dabei noch immer so gerührt wie nur damals, als meine Mutter ihn während der Schlacht mit einem Dreihorn zwischen klirrenden Äxten und Drachenfeuer um seine Hand angehalten hatte.
Doch Windhall tut sich noch in vielerlei Hinsicht hervor. Anders als im Rest des Landes, bestehen unsere Hütten nämlich größtenteils aus Stein, da der schlecht brennt und kleinere Drachen davon abhält die Häuser mit einem Flügelstreich einzureißen. Es gibt etwa sieben oder acht Angriffe pro Jahr, die in unregelmäßigen Abständen zu scheinbar willkürlich gewählten Zeiten stattfinden. Niemand weiß so genau, warum die Drachen gerade unser Dorf so oft angreifen. Ist es, weil wir sie jagen, oder jagen wir sie, weil sie uns überfallen? Ich glaub weder sie noch wir wissen eine Antwort darauf.
In den wenigen Wochen, in denen sich das Gras durch den steinharten Boden zwängt, tummeln sich sogar eine Handvoll Schafe und Ziegen auf diesen Weiden. Es sind genug, um das Dorf mit Wolle für Kleidung zu versorgen und mit Fleisch für besondere Anlässe, aber doch so wenig, dass sie nicht Unmengen geflügelter Raubtiere anlocken. Einen Drachen zu jagen ist spaßig – zumindest für die meisten von uns – gejagt zu werden ist es hingegen nur selten.
Noch bevor wir den Dorfeingang erreichen, wo wir uns trennen, da Erik etwas weiter den Berg hinunter bei seinem Onkel dem Fischer lebt, sehe ich meine Eltern schon im Schatten des mit Schilden und Trophäen geschmückten Giebels lauern. Sie haben wohl beinahe die ganze Nacht dort gestanden und fieberhaft auf meine Rückkehr gewartet.
„Deine Rüstung sieht gut aus. Wie nach einem richtig harten Kampf! Naaa? Und?“, begrüßen mich Hendrik der grausam Grinsende und Helga die Kopfabreißerin mit leuchtenden Augen an der Tür. „Wo hast du den Kopf des Drachen? Ist es ein großer?“
„Erik hat ihn“, erwidere ich schlicht und hoffe inständig, dass sich das Gespräch damit erledigt hat. Und während meine Mama sogleich von einem freudigen Strahlen in ihr Ach-mein-armer-Junge-komm-ich-mach-dir-eine-heiße-Schokolade Gesicht wechselt, bleibt mein Paps fröhlich begriffsstutzig.
„Erik hat ihn? Wieso hast du ihn denn Erik gegeben? Ich dachte, wir hängen ihn hier gleich neben die Tür über den Schwarzen Schatten von deiner Schwester.“
„Ja, also… das wird wohl nichts.“
„Nicht? Bei Thor, ist er etwa so gigantisch? Und deshalb musste Erik ihn auch tragen, ich verstehe.“
„Darf ich jetzt durch? Ich will auf mein Zimmer.“
Ich muss fragen, da mein Paps von so gigantischer Statur ist, dass nicht einmal ein Hänfling wie ich eine freie Stelle findet, um mich an ihm vorbei ins Haus zu quetschen.
„Was? Nein! Ich will alle Einzelheiten von deinem großen Kampf hören!“
„Hendrik“, ruft Mama ihm zu, aber er ignoriert es einfach.
„Hast du ihn in die Ecke getrieben, so wie ich es dir gezeigt habe? Links eins mit dem Schild und dann die Axt. Rumms! Und dann? Wie hast du ihn erledigt?“
„Hendrik!“
„Mit Papas Spezialtechnik? Nein, warte. Du kommst nach deiner Mutter. Du hast dem Biest den Kopf abgerissen!“
„Hendrik!“, ihre Stimme ist so laut, dass selbst die Nachbarn schon verdutzt aus ihren Fenstern schauen, um zu überprüfen, ob nicht vielleicht gerade ein Drachenangriff stattfindet. „Er will auf sein Zimmer.“
„Ich verst… oh. Ohhhh! Ja, natürlich. Klar darfst du auf dein Zimmer.“
Er tritt beiseite und versucht weiterhin zu Lächeln. Seinen Lippen gelingt es zwar, seinen Augen jedoch nicht. Ich will ihr Mitleid nicht, auch keine tröstenden Worte oder Umarmungen und so tragen mich meine Schritte rasch durch die hölzerne Innenausstattung die Treppe hinauf in mein kleines Reich.
„Ich hatte so ein gutes Gefühl dieses Mal. Er war so motiviert und gut vorbereitet“, höre ich noch Stimmen von unten. Doch sie verstummen, als ich die Tür hinter mir schließe.
In einem hat mein Paps zumindest Recht gehabt. Ich komme wirklich in vielerlei Hinsicht nach meiner Mutter. Wir haben die gleichen, blonden Haare, diese blauen Augen mit dem leichten Grünstich und diese vielen Sommersprossen sowie die unschöne Stupsnase, die ich an mir nicht leiden kann. Wenn ich doch nur auch so stark wäre wie sie.
„Bersi!“, begrüßt mich ein dünnes Stimmchen, das nicht in mein Zimmer gehört. „Hast du den Drachen gefunden?!“
„Ja, Frieda“, seufze ich resigniert, als ich feststelle, dass ich heute wohl nie meine Ruhe finden werde.
Frieda, meine jüngste Schwester, hüpft aufgekratzt auf meinem Bett herum. Wahrscheinlich tut sie das schon die halbe Nacht, denn Laken und Kissen liegen zerwühlt auf dem Boden und hunderte verstreute Daunenfedern bedecken meinen spärlichen Besitz im ganzen Raum.
„Oh, du bist der Größte!“, jubelt sie mit großen, leuchtenden Augen.
Als sie drei Jahre alt war, ist ein Troll nachts zu ihr ins Zimmer gestiegen, um sie zu rauben. Wie es so oft hier in der Gegend passiert. Sie hat dem Wicht noch ganz schlaftrunken mit einem Provisorium aus Puppen und Haarbüsten den Schädel eingeschlagen, während ich es nicht einmal schaffe einen Drachen zu erlegen, aber in ihrer Welt bin ich trotzdem der Held.
„Hat er Feuer gespuckt? So richtig ´roaaaaar´?“, sie lässt sich auf alle Viere fallen und krabbelt fauchend über die Laken.
„Ja.“
„Du bist so mutig, Bersi!“
„Ja“, so langsam kommt meine gute Laune zurück. „Ja, du hast Recht. Der Drache war groß und feurig und hatte sich in seiner grausigen Höhle versteckt. Er…“
„Hatte er viele Schätze?!“
„... ähm, nein. Aber er hat gekämpft wie ein Drache und ganz viel Feuer gespuckt. Etwa so!“
Ich springe auf Frieda zu und fauche wie ein in die Ecke getriebener Klingenschwanz. Sie schnellt quiekend in die Höhe und lässt sich lachend durch das Zimmer jagen, bis es an der Tür klopft.
„Berserkor, mach dich fertig. Du musst zur Schule.“
 
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Kommentare  

Wieder ganz hinreißend geschrieben. Du kannst es einfach. Und das tollste an dieser Geschichte: So etwas gibt es noch nicht. Klar, dass es mir gefallen hat und natürlich muss auch eine Fortsetzung her.

doska (12.12.2013)

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