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Memoiren eines Schriftstellers - 11. Kapitel

Romane/Serien · Fantastisches
Kapitel 11

Am späten Nachmittag des 4. Juli 1971 erschien George mit einer Zeitung in seiner Hand. Man sah den einunddreißigjährigen Rechtsanwalt nun öfters mit einem Herrenanzug bekleidet, selbst in seiner Freizeit. William hatte wiedermal auf seinem Anwesen in Beverly Hills unzählige Leute zu ein Barbecue Fest eingeladen, diesmal aber nicht nur wegen dem Nationalfeiertag Independence Day, sondern vielmehr weil Penélope ihren 26. Geburtstag feierte. Es wurde krakeelt und laut gelacht. Penélope planschte mit ein paar Leuten im Swimming Pool während einige Gäste zu dem Doors Song, Light My Fire, welcher lautstark aus den Musikboxen dröhnte, wie im Trance tanzten.
Es war ein schwülwarmer Sommertag, der Himmel war bewölkt und man musste jeden Moment damit rechnen, dass ein Gewitter aufziehen würde. William war nur mit einer Badehose, Schlappen und einem Bademantel bekleidet, hatte eine gespiegelte Pilotenbrille auf und bediente den Smoker Grill. Er hatte vorsorglich neben dem Smoker einen Regenschirm in den Rasen gesteckt. Sein Haar war zerzaust und George erkannte, dass er wiedermal völlig betrunken und zugekokst war. Als William ihm albern kichernd Kokain anbot, lehnte George jedoch energisch ab und drückte ihm stattdessen die eingerollte Zeitung in die Hand.
„Da hast du deine New York Times. Lies mal, was darin heute steht. Ab sofort werde ich keine Drogen mehr nehmen. Nie wieder!“, sagte George ausdrücklich wobei er ihn ernst anblickte.
William Carter schlug die Zeitung auf und erblickte sogleich die fettgedruckte Schlagzeile. THE END, war zu lesen. The End, das war ein der erfolgreichsten Hits von The Doors. Darunter war ein Porträt von Jim Morrison abgedruckt worden. Der Rockstar war mit siebenundzwanzig Jahren an Herzversagen gestorben. Er hatte sein kurzes Leben mit übermäßigen Alkohol- und Drogenkonsum zerstört und George befürchtete, dass dem jungen Ehepaar Carter bald ein ähnliches Schicksal widerfahren wird, falls sie ihr ausschweifenden Lebensstil nicht in absehbarer Zeit ändern würden.

Chapter 61-69 aus meinen Memoiren: Nightmare

Dass Jim Morrison am gestrigen Tag tot in Paris in seinem Apartment aufgefunden wurde (er lag leblos in der Badewanne, nicht ertrunken), kümmerte mich ehrlich gesagt wenig. Dies war sowieso absehbar, nachdem es Brian Jones von den Rolling Stones, letztes Jahr Jimi Hendrix und kurz darauf auch Janis Joplin erwischt hatte. Sie wurden allesamt nur siebenundzwanzig Jahre alt, ebenso Morrison. Mich störte es eher, dass George plötzlich auf meiner Party auftauchte und eine miese Stimmung verbreitete.
„Die verdammten Drogen sind gefährlich, William. Es ist irrwitzig zu glauben, dass man das Scheißzeug unter Kontrolle hat. Nur am Anfang vielleicht, aber irgendwann werden die Drogen dich selbst beherrschen!“
„Aha, so sieht die Sache jetzt also aus?“, fragte ich spöttisch. „Hattest du und Adam damals auf der Godspeed nicht rumposaunt, dass ausgerechnet diese Leute die Coolsten im Universum wären?“
George verzog die Mundwinkel und zuckte mit der Schulter. „Tja, was soll ich dazu sagen, Kumpel? Wir waren damals alle stoned und bewunderten sie. Diese Jungs und Janis waren eben etwas zu cool, leben dafür jetzt aber nicht mehr, okay? Das sollte für uns eine Warnung sein. William, sei nicht dumm und höre auf mich!“
George appellierte an meinen Verstand und deutete auf Penélope, die nur mit einem Bikini bekleidet war und soeben mit Anlauf johlend in den Pool sprang.
„Mann, verdammt, sieh dir doch mal Penny an. Ihr zwei ernährt euch ja von dem Dreckszeug regelrecht. Allerhöchstens wiegt sie doch nur noch fünfundvierzig Kilo. Und schau mal in den Spiegel. Du siehst wie ein verrückter Penner aus! Adam ist übrigens meiner Meinung!“, schimpfte George, während er an meinen geöffneten Bademantel rüttelte. Als plötzlich die ersten Regentropfen prasselten, zog ich den Regenschirm aus dem Boden und spannte diesen auf. Ja, sicher, es würde nass werden aber das war lange kein Grund für uns, die Party abzubrechen und wie wasserscheue Katzen in meine Villa zu flüchten.
George blickte mich skeptisch an, weil das Motiv auf dem Regenschirm ein großes Gesicht von der Mickey Maus war. Ich grinste ihn an. Sicherlich musste er gedacht haben, dass ich nun völlig durchgeknallt war. Ich jedenfalls fand den Mickey Maus Schirm richtig cool.
„Bist du jetzt etwa ein Moralapostel geworden? Vom Saulus zum Paulus gewandelt, oder wie? Alter, ist das etwa dein Ernst? Du willst wirklich keinen Rüsseln? Bist du etwa krank? Geht’s dir nicht gut?“, fragte ich ihn zynisch. „Du lässt dir was entgehen, denn das ist astreiner Stoff aus Kuba!“, bekundete ich stolz.
Ich konnte es nicht fassen, dass George tatsächlich keinen Schnupfen wollte. Heute war doch der Unabhängigkeitstag und Penélopes Geburtstag. Zwei sehr gute Gründe also, weshalb man es jetzt aber so richtig krachen lassen sollte, war meine Meinung.
„William, ich kann es mir nicht mehr erlauben, ständig zu feiern. Ich bin ein Rechtsanwalt und habe es jeden Tag mit vermögenden Klienten zu tun. Ich muss täglich wichtige Aufträge bearbeiten und dazu brauche ich einen klaren Kopf. Genauso wie Adam. Er hat gestern das Büro seines Vaters bezogen. Er ist nun der oberste Boss von Jack Hopkins Books Publishing. Und du solltest unserem Beispiel folgen, endlich wieder arbeiten und weiter Romane schreiben. Denn wenn du das nicht machst und dich stattdessen nur vergnügst, wird dein Traum, den du dir erarbeitet hast, sehr bald wie eine Seifenblase zerplatzen und wirst letztendlich wieder wie eine arme Kirchenmaus in Cape Cod hausen. Willst du das? Ich garantiere dir, dass Penny da aber nicht mitspielen wird!“, sagte er warnend.
Aus der Richtung des Swimming Pools ertönte Penélopes Jubelschrei, weil der laue Regenschauer sie erfreute. Sie stand mitten im Pool, breitete ihre Arme auseinander und genoss die prickelnde Dusche von Oben.
„Will, komm auch in den Pool, schnell! Der Regen ist wundervoll. Was für ein tolles Geburtstagsgeschenk vom Himmel das ist!“, rief sie mir mit ihrem spanischen Akzent zu.
Ich malte mit dem Finger ein Herz in die Luft und deutete dann auf sie, woraufhin sie ihre Lippen spitzte und mir einen Kuss vom Weiten schenkte.
In der Ferne zuckten Blitze aus den dichten Wolken und es donnerte mächtig, woraufhin Penélope wieder freudig aufschrie. Die jungen Damen jedoch flüchteten sogleich schreiend aus dem Pool, aber sie hatte keine Angst im Wasser zu bleiben. Blitz und Donner war schließlich ihr Element.
Alle Gäste jubelten, hüpften verrückt herum und tanzten und sangen im strömenden Regen, als ein alter Song von The Byrds aus den Musikboxen erklang. Ich griff in meine Bademanteltasche, holte eine Ecstasy Pille hervor und versuchte sie sachte in seinen Mund zu stecken. Dabei sang ich den Byrds Hit mit: „Hey, Mister Tambourine Man, play a song for me. I'm not sleepy and there ain't no place i'm going to…“
George aber öffnete seinen Mund nicht, sondern blickte mich nur nachdenklich an. Er wirkte sogar fast verzweifelt, dies mich zugegeben etwas belustigte. Er wollte die Pille nicht schlucken, na ja, da hab ich sie eben selber gefressen. Ich legte dann für ihn ein mariniertes Sparerip auf einen Teller, aber auch das lehnte er dankend ab. George blickte auf seine Rolex Armbanduhr.
„Tut mir leid Kumpel, aber ich habe Missey versprochen, dass wir nachher Essen gehen werden. Sie ist zurzeit in der Klinik und assistiert heute zum ersten Mal bei einer Operation. Das müssen wir feiern, mit allem Drum und Dran, du verstehst schon. Ich muss sie jetzt gleich abholen. Außerdem, sieh mich nur mal an. Ich bin pitschnass und muss mich zuerst umziehen. Hey“, fügte George hinzu, „du bist und bleibst mein Freund. Egal was geschieht. Solltest du oder Penny irgendwie Probleme bekommen, du weißt, ich bin immer für euch beide da. Immer, jederzeit! Nicht nur als Rechtsanwalt sondern hauptsächlich als euer Freund. Und ändert beide verdammt nochmal euer Leben. Im Augenblick bist du der Große Mann, lebst in Saus und Braus, dies sei dir ja auch gegönnt. Aber hinterfrage dich, wie sieht es in zehn Jahren aus? Außerdem musst du unbedingt Penny zügeln, die macht sich mit dem Scheißzeug sonst kaputt. Du bist ihr Ehemann, du hast die Beziehungen zu den Dealern und hast das Geld. Du bist für sie verantwortlich! Hast du das kapiert?!“

Ich war von George und Adam tief enttäuscht. Offenbar waren sie Spaßbremsen geworden. Mit meinem Mickey Maus Regenschirm in der Hand haltend biss ich vom Sparerip ab, kaute und sah ihm wortlos hinterher, wie er im strömenden Regen durch die tanzende Menge zum Swimming Pool lief.
George hatte sich merklich verändert. Sein dunkelblondes Haar war jetzt kurz geschnitten und seine Koteletten waren abrasiert. Er sah nun solide aus, statt wie früher cool und lässig. Richtig spießig, aber ich konnte seinen äußerlichen Wandel nachvollziehen. Schließlich war er ein Anwalt und musste von seinen Mandanten, von den Geschworenen und Staatsanwälten sowie Richtern ernst genommen werden. Da kann man schließlich nicht wie ein Hippie rumlaufen. Aber das er es nie wieder mehr krachen lassen wollte, dass konnte und wollte ich nicht akzeptieren.
Bei mir war es genau umgekehrt. Ich hatte das Image eines Bad Boys, welches die Leute so sehr an mir mochten. Würde ich plötzlich mit schnieken Herrenanzügen in der Öffentlichkeit erscheinen und mich brav verhalten, könnte es passieren, dass ich hauptsächlich junge Fans verlieren würde. Dies glaubte ich zumindest.
Penélope war grad aus dem Wasser gestiegen und hielt einen Plastik Delfin unter ihrem Arm. Sie zupfte sich an ihrer Nase und lächelte ihm strahlend entgegen. Ihre schmale Figur sowie ihre kleinen Busen glichen tatsächlich dem eines fünfzehnjährigen Mädchens, aber ich war es gewohnt und kannte sie nicht anders. Ich fand sie, so wie sie war, unheimlich sexy.
Ihr langes, nasses Haar hatte sie nach hinten gestreift und ihr dürrer Körper war von der Sonne gebräunt. Sie lächelte, pustete sich eine Wasserperle von der Nase und blickte ihn mit ihren großen dunklen Augen scheu an. Vor George hatte sie großen Respekt.
Sie war zwar eine zarte Person geworden doch hatte sie keineswegs etwas von ihrer Attraktivität deswegen eingebüßt. Alle Männer schauten ihr nach wie vor hinterher. Sie sah immer noch hinreißend aus und war eine ungeschminkte Schönheit, die durchaus liebevoll sein konnte und im Grunde war sie eine großherzige Person. Jedes Mal, wenn im Fernsehen zu einer Spende für hungrige Kinder in Afrika aufgerufen wurde, forderte sie mich energisch auf, dass wir mindestens 10.000 Dollar spenden sollten. Aber anonym. Sie verzichtete daraufhin sogar auf einen neuen Pelzmantel, Schuhe oder Schmuck, oder was auch immer ich ihr versprochen hatte.
George griff in seine Jackettasche und überreichte ihr eine kleine verpackte Schachtel mit einer goldenen Schleife umbunden, und zudem eine Geburtstagskarte. Ein sachtes Grollen rumpelte durch die regenschweren Wolken. Der laue Regen rauschte und das Wasser im Pool prickelte.
„Hey Muchacho, pass auf mein Flipper auf“, sagte sie lächelnd zu einem jungen Kerl, der unbekümmert im Pool schwamm, und warf ihm den aufblasbaren Delfin zu.
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, liebe Penny. Gib auf dich Acht, Mäuschen“, sagte er woraufhin sie ihn umarmte und ihm auf die Wange küsste.
George war der einzige aus unserer Clique, der sie bedenkenlos Penny nennen durfte ohne damit zu rechnen, dass sie sich dafür irgendwie rächen würde. Es war nun mal ihr Spitzname und aus Georges Mund klang es nicht wie bei Adam frech, sondern einfach nur freundschaftlich und nett.
George wartete schmunzelnd bis sie das Geschenkpapier mit ihren zarten Fingern behutsam aufzupfte und das Schächtelchen schließlich öffnete. Penélope lugte hinein und lachte herzhaft, als sie einen abgeschnittenen Kondom erblickte und die Karte las, darauf geschrieben stand: „Viel Spatz beim Kindermachen, wünschen dir vom Herzen: George und Missey.“
Dann umarmte sie ihn erneut, bedankte sich vielmals für sein originelles Geschenk und sagte: „Hoffentlich wird’s ein Junge. Will wünscht sich zwar unbedingt ein Mädchen … Ach, was soll`s. Ist mir eigentlich egal. Hauptsache es wird ein gesundes Kind.“

George brachte mir die New York Times mit, weil ich ihn darum gebeten hatte. Für mich gab es drei Orte auf der Welt, die meine Heimat waren. Das waren selbstverständlich mittlerweile meine Villa in Beverly Hills, Cape Cod und auch New York. Ich wollte stets in Kenntnis gesetzt werden, was sich neues in New York zugetragen hatte. Und während ich im strömenden Regen mit dem Schirm am Smoker grillte, studierte ich die Zeitung. Plötzlich zog ich meine Sonnenbrille ab, weil ich einen kleinen Bericht entdeckte mit der Überschrift: Der gute Geist von Manhattan ist tot.
Big Martha hatte wiedermal einen Sperrmüllhaufen auf der Fifth Avenue energisch verteidigt. Augenzeugen berichteten, dass die beleibte Frau mit ihren bloßen Händen versucht hatte, den rückwärtsfahrenden Müllwagen aufzuhalten, wobei sie wütend geschimpft hatte: Gott sieht alles! Dabei war sie gestolpert und wurde überfahren. Daraufhin hatten etliche Leute, insbesondre Kioskbesitzer und Metzgereien, zu einer Spende aufgerufen, um ihre Beerdigung zu finanzieren. Ansonsten wäre die gute Frau sicherlich namenlos in einem Massengrab verscharrt worden, dort wo die meisten Obdachlosen und Penner begraben wurden. Einfach anonym.
Dieser kleine Bericht über eine verstorbene, unbedeutende obdachlose Frau hatte mich eher berührt, als der Tod des berühmten Rockstars. Was George nicht ahnen konnte war, dass mir ein Schicksal wie es Morrison ergangen war niemals zustoßen konnte. Ich selbst hatte festgestellt, als ich letztens in einer Nacht vier Flaschen Whiskey mit Crystal Meth untergemixt vertilgt, zweiundzwanzig Ecstasy Pillen und sechs LSD Trips eingeworfen und mir danach eine Ladung Heroin hinterher spritzte, dass ich scheinbar unverwüstlich war. Den Genuss dieser Rauschmittel konnte ich vollkommen auskosten, ohne dabei die Kontrolle über meine Person zu verlieren und irgendwann ohnmächtig in einer Ecke zu kauern. Dabei war diese Mischung eigentlich absolut tödlich gewesen aber ich fühlte mich sogar am nächsten Tag topfit, als wäre ich am Vortag joggen gewesen. Ich litt weder unter Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit noch bemerkte ich irgendwelche Suchterscheinungen, so wie es bei meiner Ehefrau war. Und im Gegensatz zu Penélope stieg mein sexuelles Verlangen, selbst wenn ich völlig zugedröhnt war. Ich merkte schließlich, dass sie es nur über sich ergehen ließ, weil wir beide uns sehnlichst ein Kind wünschten. Mir war dann aufgefallen, dass seitdem ich Europa verlassen hatte, ich nicht einmal an einen harmlosen Schnupfen erkrankte.

Ich liebte mein Zuhause in Beverly Hills und weil das so war, kümmerte ich mich stets um mein beachtliches Grundstück und mähte sogar den Rasen selbst, obwohl ich genügend Geld hatte um einen Gärtner oder sonstigen Handwerker einzustellen. Ich bestellte dann sogar eine Gerüstbaufirma und verpasste unserer Villa ganz alleine einen neuen Anstrich, somit war ich wochenlang täglich beschäftigt und es bereitete mir obendrein Spaß.
Penélope jedoch langweilte sich und kokste mittlerweile sogar schon, nachdem sie irgendwann spät am Nachmittag aufgestanden war, noch bevor sie etwas Nahrhaftes zu sich nahm. Sie aß sowieso wie ein Vögelchen, war mir aber erst bewusst aufgefallen, als George mich darauf aufmerksam gemacht hatte. Dass das Kokain zudem eine appetithemmende Wirkung hervorrief, wusste ich doch nicht, weil es mich nicht betraf. Ebenso waren mir die gefährlichen Nebenwirkungen der massiven Depression und Verfolgungswahn fremd.
Ich hatte immer einen gesunden Appetit, selbst wenn ich mir kurz zuvor Amphetamin eingeworfen hatte und fühlte mich auch ohne Drogen täglich happy (das Zeug steigerte meine Konzentration und Leistung, somit konnte ich präzise wie ein Malermeister pinseln und war gleichzeitig so schnell wie Speedy Gonzalez).
Penélope fehlte definitiv eine sinnvolle Beschäftigung (wir beide glaubten ein Baby sei die Lösung), denn sie war nur dann gut gelaunt, wenn wir feierten oder uns irgendein berühmter Nachbar besuchte, oder wenn wir einkaufen gingen selbstverständlich. Mittlerweile war mir schließlich klar geworden, wie Adam es mir damals vorhergesagt hatte, weshalb sie Penny genannt wurde. Denn nur das Teuerste vom Teuersten war ihr gut genug.
Manchmal schauten Elizabeth Taylor und Richard Burton bei uns vorbei, die sich ja auch bekanntlich des Öfteren wie wir zofften. Wir Vier verstanden uns prächtig. Während meine reizende Ehefrau die hinreißende Liz Taylor stolz unsere Räumlichkeiten präsentierte (insbesondre war Penélope auf ihre 35.000 Dollar teure Küche stolz – warum auch immer, denn sie kochte ja doch nie, sondern meistens ich), pichelte ich mit Richard Burton heimlich Cognac und kubanische Zigarren in einer Gartenhütte, die ich abseits von unserer Villa irgendwo zwischen dem Palmengarten unserer Parkanlage selbst aufgebaut hatte. Diese Hütte war sozusagen meine Zuflucht gewesen, wenn mir meine Gattin wiedermal mit ihrem Genörgel und Wutausbrüchen auf die Nerven ging.

Ich muss zugeben, dass auch ich mich hin und wieder langweilte sobald der Rasen gemäht war und ich diverse Reparaturen am Haus verrichtet hatte. Ich weiß, es klingt für den normalen arbeitenden Bürger sicherlich absurd, weil wir alles machen konnten und besaßen, wovon so mancher nur träumte. Aber was sollten wir großartiges tun? Etwa Urlaub machen? Unser Leben war doch ein Urlaub und außerdem scheute sich Penélope neuerdings davor, fremde Leute kennen zu lernen. Wenn ich sie so ansah hatte ich das Gefühl, dass das Kokain sie mittlerweile sogar Menschenscheu gemacht hatte. Sie wollte ausschließlich in ihrer gewohnten Umgebung bleiben und hatte sogar letztens Missey mit einer banalen Ausrede abgewiesen, als sie Penélope spontan abholen wollte, um sie einmal ihren Freundinnen vorzustellen. Dabei hätte ihr ein Frauenabend ohne Drogen sicherlich gut getan.
Stimmt, ich sollte einen neuen Roman schreiben, denn mir schwirrte seit Tagen wieder ein neues Konzept im Kopf herum. Eine Idee für eine neue Geschichte. Da gab es nur ein kleines Problem: Ich hatte Angst die Schreibfeder zu benutzen, weil ich diesen wochenlangen Blackout sowie die Visionen fürchtete, die mich eventuell wieder heimsuchen würden, weil ich sie damals in Cape Cod sehr real empfunden hatte. Für meinen Geschmack waren diese Visionen etwas zu real gewesen und auf eine weitere Begegnung mit dem Erzengel Lucifer, dem Teufel, oder Satan, oder wer auch immer dieses Geschöpf gewesen war, konnte ich gut und gerne verzichten. Selbst wenn es nur ein Hirngespinst war. Waren es überhaupt Hirngespinste, fragte ich mich schließlich? Vielleicht waren diese Visionen doch Realität, die sich nur in einem anderen Bewusstsein zugetragen hatte? Ich war verwirrt und wusste selbst, dass ich in letzter Zeit zu viele Drogen genommen hatte.
Aber mich verfolgten dafür wieder Albträume, die sich ebenfalls real anfühlten und ich sogar dabei neuerdings Schmerzen empfand. Es war jede Nacht derselbe Traum:

Ich stand plötzlich auf dem Gelände des Zoogeschäftes, wie früher in New York. Da war genau derselbe Müllcontainer, darin Gary damals zahlreiche Hundefutter Dosen gefunden hatte. Ich schaute mich zuerst nur um und erkannte, dass dies die Nacht war, als ich unfreiwilliger Zeuge einer Mafia Hinrichtung geworden war. Und dann kam auch gleich der junge Kerl mit der Collegejacke und dem schwarz gelockten Haar auf mich zu, der etwa in meinem Alter war. Er blickte mich mit seinen dunklen Augen genau an, und in seiner Hand hielt er einen Revolver, damit er zuvor zwei Männer zuerst kaltblütig in ihre Hinterköpfe und als sie tot waren, dann sogar in ihre Gesichter geschossen hatte. Damals hatte er den Revolver einfach fallen gelassen und war an mir wortlos vorbei gelaufen, doch diesmal ging er mit der Knarre zielstrebig auf mich zu.
Je mehr er sich mir näherte, desto ängstlicher wurde ich. Und plötzlich zielte er mit der Waffe direkt auf mich und schoss, bis keine Patrone mehr in der Munitionstrommel übrig war.
PENG-PENG-PENG-PENG-PENG-PENG. Sechs Schüsse, alle sechs Patronen.
Mein Körper zuckte auf und die Wucht der Geschosse warf mich zurück; ich spürte wie die Kugeln meine Brust durchlöcherten und fiel rückwärts zum Boden.
Ich bin dann von meinem eigenen Geschrei aufgewacht, weil ich wahnsinnige Schmerzen verspürte, und saß schließlich senkrecht im Bett. Ich fühlte meine nackte Brust ab und merkte, wie die Schmerzen langsam abklangen. Von meinem Gebrüll war schließlich auch Penélope aufgewacht, die aber, nachdem sie irgendwas gebrummelt hatte, wieder eingeschlafen war.
Und in der folgenden Nacht träumte ich exakt den gleichen Traum.
Ich stand wieder auf dem Zoogeschäft Gelände, sah wieder den Müllcontainer direkt vor mir stehen und sah wieder den jungen Italiener mit der Collegejacke, wie er mich starr anblickte und unermüdlich auf mich zuging. Ich war völlig perplex, weil ich exakt dieselbe Situation nochmal erlebte und hielt ihm diesmal meine Hände fuchtelnd entgegen und stammelte: „Hey du … Hey, lass mich bloß in Ruhe!“
Doch es nützte nichts.
Er zielte mit dem Revolver genau auf mich und schoss einfach durch meine Hände hindurch, genau in meine Brust. Alle sechs Patronen verschoss er, wobei ich entsetzt zusehen musste, wie meine Finger zerfetzten.
Wieder erwachte ich schreiend, saß keuchend kerzengrade im Bett und spürte wahnsinnige Schmerzen in meine Hände und Brust, die aber dann allmählich abklangen. Ich bewegte meine Finger und war heilfroh, dass sie noch da waren. Ja, ich träumte dermaßen intensiv, dass ich einen Moment zuerst brauchte um zu realisieren, dass dies doch nur ein Albtraum gewesen war.
Penélope war ebenfalls erschrocken aufgewacht, sah mich erbost an und brüllte: „Sag mal, hast du sie noch alle?! Was schreist du hier schon wieder so rum? Ich will pennen, du Idiot!“

In der dritten Nacht wollte ich nicht schlafen. Nachdem Penélope und ich uns geliebt hatten (es war aber nicht leidenschaftlich, so wie früher, sondern nur zweckmäßig um ein Baby zu zeugen. Am liebsten hätte sie eine Zigarette beim Bumsen geraucht), und sie bereits friedlich eingeschlafen war, schnappte ich mir irgendein Buch und las, um auf andere Gedanken zu kommen. Es steckte nämlich mittlerweile in mir drin und ich befürchtete, dass wenn ich einschlafe, ich träumen würde und schließlich niedergeschossen werde, dies mir ziemliche Schmerzen verursachte.
Es kam jedoch wie es kommen musste.
Während ich las waren mir irgendwann nach Stunden schließlich unweigerlich die Augen einfach zugefallen, und stand wieder auf dem verfluchten Hinterhof des verdammten Zoogeschäftes und sah diesen beschissenen Müllcontainer. Diesmal kroch aber zusätzlich dieser weiße, wölbende Nebel dicht am Boden entlang, direkt auf mich zu. Den kannte ich ja mittlerweile und dieser konnte mich nicht mehr sonderlich erschrecken. Aber ich wusste, dass dieser unheimliche Nebel immer eine unangenehme Überraschung für mich parat hatte.
Und dann hörte ich seine Schritte und sah, wie der Collegebursche mit dem Revolver auf mich zukam. Sein Blick beängstigte mich und ich wusste, er wird mich gleich mit dem Revolver niederschießen. Sechs Mal, alle sechs Patronen. Das wird höllisch wehtun.
Ich ging langsam zurück, wedelte hektisch mit den Händen und versuchte ihn davon abzuhalten. Mir war es bewusst, dass dies nur ein Traum war, ein wahrer Albtraum, der sich nur wieder und wieder in meinem Kopf abspielte. Es musste doch irgendwie möglich sein die Kontrolle über meinen eigenen Traum zu erlangen, zumal ich die Situation bewusst wahrnahm obwohl ich schlief.

Der weiße Nebel zischte und breitete sich wie eine riesige Pfütze aus. Jetzt hatte der Dunst schon den Container erreicht. Der Kerl zielte mit dem Revolver auf mich während er unermüdlich auf mich zuging, und blickte mich dabei kaltblütig an.
„Hey-hey-hey-hey, warte, warte, warte! Ganz sachte, nur nicht schießen, das tut weh! Lass uns doch darüber reden und wir werden …“
Mir gelang es nicht auszureden, denn der Kerl drückte sofort ab. Er schoss mir zuerst in den Arm und dann ins Bein. Ich fiel auf die Knie, verbiss mir den Schmerz, drehte mich um und versuchte humpelnd zu flüchten. Dann schoss er mir dreimal in den Rücken, woraufhin ich stürzte aber krampfhaft versuchte nicht aufzuschreien. Es waren wirklich höllische Schmerzen aber mir war bewusst, dass wenn ich jetzt aufschreie mein Albtraum zwar aufhören würde, dafür aber würde mich ein Donnerwetter der Sonderklasse in der Realität erwarten, weil ich Penélope wiedermal aus dem Schlaf schrecken würde. Das wäre dann ein realer Albtraum und könnte den Rest der Nacht in meiner Gartenhütte im Park verbringen.
Während ich schmerzverzehrt am Boden kauerte, fiel mir auf, dass es ruhig geworden war. Ich hörte nicht einmal dieses grässliche Zischen des Nebels. Langsam öffnete ich meine Augen. Mein Rücken schmerzte, ja, als würden drei Kugeln darin stecken.
Aber dann war mir aufgefallen, dass ich nur fünf Mal angeschossen wurde. Oder hatte ich mich etwa verzählt? Als ich dann vorsichtig sowie unsicher meinen Kopf hob, um nachzuschauen, wo dieser Typ geblieben war, blickte ich genau in den Lauf des Revolvers. Der Collegebursche stand doch tatsächlich direkt über mir, grinste hämisch, und drückte ab.
PENG
Genau zwischen meine Augen. Es fühlte sich an, als hätte mir jemand einen Kieselstein wuchtig gegen die Stirn geworfen. Mit verzehrtem Gesicht verbiss ich mir auch diesen qualvollen Schmerz, sodass mir sogar Tränen aus den Augen rannen. Am Boden kauernd merkte ich, dass der wölbende Nebel an mir vorbei zischte und sah wie der Typ darin versank, als wäre es Moor.

Dann tat sich ein grelles Licht vor mich auf – es war ein angenehmes Licht, in das ich mühelos schauen konnte. Schemenhaft erkannte ich darin eine Lichtgestallt, eine kniende Person, aus dessen Schultern mächtige, schneeweiße Flügeln schlugen. Glitzernde Funken umschwirrten das Wesen – dann erkannte ich seine Gestalt und sein Gesicht.
Sein knabenhafter Oberkörper war nackt; er war nur mit einer schwarzen Hose bekleidet und war barfüßig. Lange, kupferrote Haarsträhnen verdeckten sein wunderschönes Gesicht, aber seine hellblauen Augen stachen deutlich hervor. Ich konnte nicht abschätzen, ob er weiblich oder männlich, ob er gut oder böse war. Er kniete und hatte seine Arme zum Boden mit geballten Fäusten gestreckt. Er wirkte in dieser Pose weder bedrohlich noch freundlich, weil mir solch eine Haltung völlig fremd war. Aber offenbar war er kein Erzengel, sondern nur ein gewöhnlicher Engel, denn über seinem Haupt war keine Glorie zu sehen. Ein Trost war es für mich dennoch nicht, denn jetzt waren es schon zwei von der gefiederten Sorte, die mich verfolgten. Und das waren meiner Meinung nach zwei zu viele.
Trotz seiner geballten Fäuste, die er kräftig zum Boden stemmte, sah ich, dass er spitze silberne Fingernägel hatte. Die reinsten Klauen waren das, sicherlich tödlich.
Meine Schritte hallten, als ich auf ihn gemächlich zuging und in sein Licht eintauchte. Die Funken glitzerten und schwirrte wie neugierige Glühwürmchen um mich herum. Sie ließen sich aber nicht einfangen. Es war fantastisch.
„Was willst du von mir? Wer bist du? Warum terrorisierst du mich im Schlaf?“
Er starrte mich an.
„Fürchte dich nicht, William Richard Carter. Ich bin Ariel Lucius … Dein Schutzengel“, sprach er mit einer rauen Stimme, die sich wie eine Raucherstimme oder die einer uralten Frau anhörte. Ich blieb vorsorglich stehen, denn seine Stimme klang etwas gruselig, weil sie absolut nicht zu seinem wunderschönen Wesen passte.
Ich stand ein paar Meter vor dem Engel und kniete mich ebenfalls. Etwas Mächtiges umgab ihn, etwas Heiliges, was mich unweigerlich dazu veranlasste, dass ich vor ihm kniete und mich nicht wagte, ihn anzuschauen. Daraufhin stand er auf, flatterte mit seinen riesigen Schwanenflügeln, dann schlossen sie sich und verschwanden hinter seinen Schultern. Langsam kam er auf mich zu und obwohl er barfüßig war, hallten seine Schritte, als wenn er mit Kampfstiefeln durch ein hellhöriges Schloss stampfen würde.
„Die Schreibfeder ist es, die dich kontrolliert, die das Tor deines Unterbewusstseins öffnet. Eigentlich ist es der junge Mann, der jede Nacht von dir träumt, weil er sich vor dir ängstigt. Wisse, er ist nun ein einflussreicher Mann. Ein Mafiosi. Er bereut es mittlerweile, dich damals nicht auch erschossen zu haben. Du hattest zugesehen, wie er getötet hatte und er hatte dich im Fernsehen wiedererkannt. Vor ihm musst du dich hüten aber sei unbesorgt, bald ist es mit ihm vorbei. Aber du musst jetzt endlich deine Angst in den Griff kriegen. Lerne die Schreibfeder zu beherrschen.“
Er stand zuerst ein paar Meter von mir entfernt doch plötzlich, wie ein Fingerschnippen – ich erschrak sogleich und zuckte kurz zusammen – kniete er vor mir und sah direkt in mein Gesicht. Behutsam hielt er seinen Zeigefinger unter mein Kinn und hob langsam meinen Kopf, sodass ich direkt in seine hellblauen Augen sah, die durch seine kupferroten Haarsträhnen leuchteten. Ich spürte seinen spitzen Fingernagel, der sich wie eine scharfe Messerklinge anfühlte. Er war beinahe transparent, nur eine Lichtgestalt, und trotzdem konnte ich seine spitze Kralle spüren. Ohne weiteres hätte er mir mit seinem scharfen Fingernagel die Kehle aufschlitzen können. Er lächelte freundlich.
„Bezwinge deine Ängste und lerne mit der Schreibfeder umzugehen, und du wirst erfolgreich bleiben. Du hast den Vertrag unterzeichnet und ohnehin keine alternative Möglichkeit. Vertag unterzeichnet bedeutet: Vertrag erfüllen … Mister William Richard Carter. Du hast dein Schicksal selbst auserwählt. Niemand hatte dich dazu gezwungen“, sagte seine raue Stimme.

Ich schmunzelte. Das alles war doch nur ein Traum. Zwar ein außergewöhnlich intensiver Traum aber es waren nur Hirngespinste. Jetzt begriff ich, weshalb diese Albträume ständig in meinem Hirn spukten, weil ich vor der Schreibfeder Angst hatte. Und um meinen Albtraum zu beenden, stand ich einfach auf und versuchte aus dem Licht zu gehen. Leider funktionierte das nicht. Ich war wie von einem Magnet in seinem Licht angezogen worden, meine Beine und Arme waren schwer wie Blei. Ich konnte nicht flüchten, stattdessen spürte ich plötzlich seine boshafte Aura.
„Du unsäglicher Narr. Du kleines Menschlein wagst es in der Tat mich zu verspotten? Ich sehe deine Gedanken und weiß, dass du mich für einen Lügner, einen Scharlatan, ein Hirngespinst hältst. Ich werde dir jetzt eine Lektion erteilen um dich zu inspirieren, damit du gleich morgen früh wieder die Schreibfeder zückst!“, zischte seine raue Stimme wütend.
Ich sah entsetzt wie er seine Zähne fletschte und dabei wie eine Raubkatze fauchte. Seine Augen waren plötzlich milchig und seine Pupillen strichförmig, wie bei einer Giftschlange.
Sein Anblick war scheußlich. Ich war nicht drauf gefasst gewesen. Seine Zähne waren grässlich spitz, scheinbar kannte er meine Angst vor Vampire. Schon seit der Kindheit fürchtete ich mich, dank den genialen Schauspielern Bela Lugosi und Christopher Lee, ausschließlich vor Vampire und Werwölfe. Es war praktisch eine Urangst und er wusste es.
Der Engel packte mein Bein und biss mir in meinen Oberschenkel. Er verbiss sich regelrecht in mein Bein, wie ein tollwütiger Hund und ließ einfach nicht mehr los. Ich sah nur noch diese Vampirzähne vor mir und schrie. Dieser Schmerz und dieser Schock waren einfach unerträglich und konnte dies nicht weiter unterdrücken.

Mein eigener qualvoller Schrei ließ mich wiedermal senkrecht im Ehebett aufsitzen. Ich schrie und schrie und schrie, weil ich mich dermaßen vor diesen grässlichen Zähnen erschrocken hatte und zudem einen unbeschreiblichen Schmerz im Oberschenkel verspürte.
Dann geschah es. Penélope wachte auf und schlug mir fuchsteufelswild geworden mit ihrem Kopfkissen auf mich ein.
„Bist du denn total übergeschnappt? Was zur Hölle schreist du gottverdammt nochmal jede Nacht rum? Ich will pennen, du beklopptes Arschloch!“
„Liebling, ver-verzeihe mir“, stammelte ich verzweifelt. „Ich hatte wiedermal schlecht geträumt! Verstehe doch bitte, dafür kann ich doch nichts!“
„Schlecht geträumt? Du Psychopath hast sie doch nicht mehr alle! Du gehörst in die Irrenanstalt!“, brüllte sie. „In die verfluchte Irrenanstalt gehörst du, jawohl!“
Ich versuchte sie in meinen Armen zu nehmen aber sie stieß mich weg, als wäre ich ein Aussätziger.
„Rühr mich bloß nicht an, du willst doch nur wieder ficken!“, fauchte sie aufgebracht. Sie sprang aus dem Bett und trat unsere 2.000 Dollar teure Stehlampe um, woraufhin die wundervolle Glaskuppel in Scherben zerbärste. Aber weil ihr der angerichtete Schaden noch nicht genug war, warf sie den Rest der massiven Lampe aus dem geöffneten Fenster, direkt auf unseren Mercedes. Als ich dann einen dumpfen Schlag hörte, musste ich unweigerlich meine Augen zu petzen und das Gesicht verziehen. „Oje, hoffentlich war es nur der Benz und nicht der Porsche“, dachte ich insgeheim
„Hol dir gefälligst eine Nutte zum Bumsen aber lass mich endlich in Ruhe!“
Ihre zornigen Worte waren stets verletzend, das war ich mittlerweile von ihr gewohnt. Sie beruhigte sich ja auch wieder, irgendwann jedenfalls. Aber als Penélope zum Kleiderschrank marschierte und mitten in der Nacht wutentbrannt einige Klamotten in einen Koffer steckte, wurde mir mulmig zumute.
„W-was machst du da?“, fragte ich unsicher.
„Na was wohl? Nach was sieht es denn aus, Amigo? Morgen reich ich die Scheidung ein. Diesmal wirklich! Tut mir leid Will, aber du bist mir ein Tick zu krass“, antwortete sie ungewohnt besonnen. Da wurde mir augenblicklich bewusst, dass sie es diesmal ernst meinen könnte. Ich sprang aus dem Bett und umarmte sie. Zuerst räumte sie weiter zornig ihre Klamotten in den Koffer, aber nach einigen schmeichelhaften Worten konnte ich sie schließlich wieder besänftigen.
Weinend lag sie in meinen Armen. Ich hielt sie fest und küsste auf ihren Kopf und streichelte über ihr langes braunes Haar, während sie schluchzte. Ich seufzte. Diesmal konnte ich sie gut verstehen, dass sie ihr Leben mit mir nicht mehr teilen wollte. Sie war ein Nervenbündel geworden, aber ich liebte mein Mädchen über alles und wollte sie um keinen Preis der Welt verlieren.

William Carter und Penélope hockten schließlich im Morgengrauen auf dem Boden, an ihrem riesigen verspiegelten Kleiderschrank mit dem Rücken angelehnt. Überall im Schlafzimmer lagen Klamotten und Kopfkissen verstreut herum. Glasscherben lagen auf dem Boden. Sie rauchten, unterhielten sich und träumten von ihrem gemeinsamen Kind. Sie schäkerten, kicherten und schmusten miteinander.
Es war einfach ein böser Traum, dachte sich William. Bloß ein Albtraum. Er konnte sich sowieso nur noch vage daran erinnern. Der Collegejunge, der ihn ständig erschossen hatte, war ihm im Gedächtnis geblieben. Und er konnte sich an eine Lichtgestallt mit Schwanenflügeln erinnern, die ihm gut zusprach aber gleichzeitig warnte. Aber an seine genauen Worte und wie dieser ausgehen hatte, war wie aus seinem Kopf gelöscht worden. So sehr er sich auch anstrengte, es gelang ihm nicht, dieses geheimnisvolle Lichtwesen eindeutig wiederzuerkennen. So wie manchmal ein Traum nun mal war. Eben konnte man sich noch sehr gut daran erinnern und im nächsten Augenblick, war der Traum wie im Nebel verschwunden und es blieb einem lediglich ein unvollendetes Bild übrig, dessen wichtigste Puzzleteile fehlten.
Ihm war klar geworden, dass er mit der Schreibfeder umzugehen lernen musste. Die Schreibfeder war das Werkzeug zu seinem Erfolg. Vielleicht durfte er nur eine Idee aufschreiben und nicht gleich mehrere auf einmal. Vielleicht war dies das Geheimnis. Ein Roman nach dem anderen schreiben, so könnte es klappen, ohne dabei wochenlang das Bewusstsein zu verlieren, dachte er sich.
William Carter spürte immer noch einen starken Schmerz im Oberschenkel. Diesmal wollte das Leid einfach nicht abklingen. Er schmatzte Penélope auf die Nase, die ihn daraufhin anlächelte, und humpelte nebenan ins Badezimmer. „Diesmal waren die Geschosse aber wirklich heftig“, murmelte er.
Als er seine Boxershorts anhob und auf seinen Oberschenkel sah, erblickte er stattdessen erschrocken eine errötete Bisswunde, die langsam abklang und verschwand. Er sah entsetzt in den Spiegel. Es war wie ein Geistesblitz, denn plötzlich sah er gedanklich die Story für seinen neusten Roman vor sich. Und der Titel hatte sich ebenfalls deutlich in seinen Gedanken eingepflanzt und lautete: Der böse Engel.
 
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