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5 Seiten

Alea

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
© Middel
Alea

Alea war anders. Das wussten alle. Ihre Mama wusste es. Ihr Papa wusste es. Und auch Alea wusste es. Doch worin unterschied sie sich von den anderen Kindern? Sie dachte viel nach. Saß häufig alleine im Kindergarten und tat allem Anschein nach nichts. Sie starrte in eine Ecke und grübelte, so schien es. Und wenn sie gefragt wurde, an was sie dachte, überlegte sie lange und antwortete: „An nichts Genaues. Einfach an die Welt, glaube ich.“ Es war die die Art und Weise wie sie dabei sprach, sie passte nicht zu einer Vierjährigen. Durchdacht. Gewählt. Besonders.
Doch das alleine wäre noch kein Grund um zu behaupten, dass Alea anders war. Es gab immer mal wieder Kinder, die stiller waren als die anderen. Die sich zurückzogen und wenig redeten.
Da war noch etwas Anderes. Wenn man Alea ansah oder mit ihr redete, wenn man einfach nur in ihrer Nähe war, fühlte man sich gut. Ja, irgendwie berauscht und positiv.
Ihre Erzieherin im Kindergarten sagte einmal zu ihrer Mama: „Ihre Tochter hat etwas ganz Spezielles. Etwas Einzigartiges. Sie spricht nicht viel, aber ihre Worte sind wohlüberlegt. Man hat nicht das Gefühl mit einer Vierjährigen zu sprechen. Und obwohl sie so verschlossen ist und so gut wie gar nicht mit den anderen Kindern spricht, suchen diese ihre Nähe. Manchmal sitzen ein halbes Dutzend Kinder einfach nur neben ihr. So etwas habe ich noch nie erlebt.
Und da ist diese Traurigkeit in ihren Augen. Als wenn sie etwas bedrückt. Und je mehr Kinder hinzukommen, desto niedergeschlagener wirkt sie. Dabei tun die anderen nichts. Wirklich gar nichts. Wir haben das beobachtet.“
Da die Traurigkeit, die Alea in sich zu tragen schien, nicht verschwand und sogar schlimmer zu werden schien, gingen Aleas Mama und ihr Papa mit ihr zum Hausarzt. Ein älterer Mann mit wenig Haaren, mit Bart und immer gut gelaunt. Er untersuchte Alea. Dann sagte er zu ihren Eltern: „Also körperlich ist alles in bester Ordnung. Da kann ich nichts feststellen. Außer, dass sie recht dünn ist und etwas blass wirkt.“ Also verschrieb er ihr Vitamine, gab ihren Eltern den Rat viel mit ihr raus zu gehen und darauf zu achten, dass Alea regelmäßig aß. Doch Aleas Traurigkeit änderte sich nicht. Und sie sprach noch weniger mit den Erzieherinnen im Kindergarten, mit den anderen Kindern und mit ihren Eltern. Und doch waren um sie herum alle glücklich und zufrieden.
Früher, bevor Aleas Mama mit ihr schwanger gewesen war, stritten sich Aleas Eltern häufig. Manchmal über wichtige Dinge. Über Geld zum Beispiel. Oft aber auch über Unwichtiges, zum Beispiel, wer vergessen hatte, die Garagentür zu schließen. Seitdem Aleas Mama allerdings mit ihr schwanger gewesen war – und sie wusste es vom ersten Tag an, hatte es gespürt und war sich von Anfang an einhundert Prozent sicher gewesen - haben sich Aleas Eltern nie wieder gestritten. Auch ihr Name war vom ersten Moment an klar gewesen. Ohne jemals bewusst darüber gesprochen zu haben war sowohl ihrem Vater als auch ihrer Mutter bewusst, wie sie einmal heißen sollte. Von diesem einen Tag an, bis heute, gab es nicht einen Vorwurf von Aleas Vater, dass ihre Mama zu viel Geld ausgeben würde, für Dinge, die sie nicht braucht. Und nicht ein böses Wort von Aleas Mama, wenn ihr Vater mal am Wochenende auf der Couch saß und Fernsehen schaute, anstatt den Rasen zu mähen, wie er es zuvor versprochen hatte.
An Aleas fünften Geburtstag kamen viele Kinder zu ihrer Party. Dabei hatten die Eltern eigentlich nur mit einigen wenigen Kindern feiern wollen. Doch schon Wochen im Voraus gab es so viele Anfragen von Müttern und Vätern, deren Kinder gerne dabei sein wollten, dass sie sich dazu entschlossen, Aleas fünften Geburtstag ganz groß zu feiern. Im Garten. Mit dutzenden Kindern und deren Eltern. Ein weiterer Grund, der sicher dazu beigetragen hatte, war, dass sie sich erhofften, dass so eine schöne, große Party Alea vielleicht aufmuntern würde und es ihr danach besser ging.
Mittlerweile gingen die Eltern regelmäßig mit Alea zu einer jungen Frau, die einmal in der Woche mit ihr sprach. Manchmal im Beisein der Eltern, manchmal mit Alea alleine. Besser ging es Alea dadurch nicht. Und die Eltern machten sich große Sorgen um Alea. Allerdings nur, wenn sie nicht da war. War sie Zuhause, zum Abendessen zum Beispiel, dann waren die Eltern glücklich. Alea saß dann stumm auf ihrem Platz und ihre Eltern unterhielten sich angeregt über ihren Tag, schauten sich verliebt an und manchmal beugte sich Aleas Papa zur Mama und gab ihr einen Kuss.
Aleas Geburtstag war mitten im Sommer und ihre Eltern hatten sich alle Mühe gegeben, damit es eine schöne Party werden würde. Überall im Garten hingen Luftballons, es gab ein Trampolin, eine Wasserrutsche, eine Hüpfburg und auf jedem Tisch standen Süßigkeiten und Limonade und als Höhepunkt der Party war ein Zauberer eingeladen worden.
Als die ersten Gäste kamen, saß Alea alleine auf ihrer Schaukel mitten im Garten und blickte in den Himmel. Sie sah zufrieden aus, fast so, als sei sie glücklich. Doch je mehr Eltern mit ihren Kindern hinzukamen, desto finsterer wurde ihre Miene und desto betrübter sah sie aus.
Einige Kinder spielten miteinander. Andere gingen direkt zu Alea oder setzten sich in ihre Nähe. Sie alle wirkten angenehm beseelt. Einige saßen fast wie in Trance da. Manche lachten auch oder schrien ihre Freude einfach heraus. Ein Mädchen, das besonders begeistert schien, schupste Alea immer wieder an, die weiter in der Schaukel saß. Die Situation wäre einem Außenstehenden wohl äußerst bizarr vorgekommen. Ein augenscheinlich trauriges Mädchen, das wie festgewachsen in der Schaukel sitzt, während es ein anderes Mädchen wie wild anschupst. Immer und immer wieder. Wie ein groteskes Ritual, das sie zu vollführen schienen und das nur sie verstehen. Aber niemand Außenstehendes schien sie zu beachten.
Und obwohl so viele Kinder da standen oder saßen – und es wurden immer mehr – wirkten sie nicht wie eine Gruppe von Kindern, die gemeinsam spielen. Jedes Kind war vielmehr in der Gemeinschaft für sich allein – ja fast isoliert.
Irgendwann war dann der Moment gekommen, an dem der Zauberer auftreten sollte.
Die Kinder saßen auf der Wiese im Halbkreis und der magische Mister Beam betrat die provisorische Bühne, die aus nicht mehr als ein paar zusammengezimmerten Paletten bestand, die Aleas Vater mit Hilfe einiger Nachbarn gezaubert hatte. Nach ein paar Kartentricks und einem Stoffkaninchen, das er aus einem Zylinder gezaubert hatte, sollte nun sein erster großer Zaubertrick zelebriert werden.
Er würde jetzt, so kündigte er an, eine oder einen Freiwilligen auf die Bühne bitten, um einen der größten magischen Tricks zu zeigen, die je ein Zauberer vollführt hätte. Sofort meldeten sich eine ganz Reihe von Kindern, die unbedingt auf die kleine Bühne wollten. Doch Mister Beam hatte nur Augen für ein Kind. So bat er das schmächtige, kleine Mädchen mit dem traurigen Blick zu sich nach vorn. Alle Kinder, alle Eltern und sonstige Erwachsene jubelten frenetisch, als das Kind aufstand und ganz langsam nach vorne trat. Von oben herabbeugend hievte der Zauberkünstler sie auf die Bühne.
Später würde man sich an das, was nun folgte, nicht mehr erinnern, aber es muss sich so zugetragen haben, denn einige der damaligen Kinder fangen auch heute noch, 30 Jahre später, urplötzlich an zu weinen, wenn sie einen Zauberer sehen, der seine Tricks vollführt.
Unter dem noch immer tobenden Applaus der Menge – es schienen immer mehr Menschen hinzugekommen zu sein – setzte sich das Mädchen auf einen eigens auf der Bühne platzierten Stuhl. Der magische Mister Beam stand nun hinter Alea, die direkt ins Publikum schaute. Dann schloss sie ihre Augen. Er nahm ein Tuch und verband sich die Augen, während er zu dem Mädchen sprach: „Ich kann deine Gedanken lesen, kleines Fräulein. Ich weiß, was du weißt. Ich kann sehen, was du denkst.“ Der Magier nahm ihren kleinen Kopf zwischen seine Hände und murmelte etwas in undeutlichem Kauderwelsch. Alle starrten wie gebannt auf das Mädchen, während der Zauberer weiterredete: „Dein Name ist Alea und du bist fünf Jahre alt …“ In diesem Moment schrie das kleine Mädchen auf, sie schrie so laut, dass man sie womöglich im ganzen Ort hören konnte. So laut, dass nichts anderes zu hören war. So laut, dass einige der Gläser auf den Tischen im Garten zerplatzten. Doch nicht allein die Lautstärke mit der sie schrie war das Erschreckende, sondern das, was sie dann herausbrachte: „Ich bin nicht Alea. Mein Name ist Anna-Lea und ich …“, sie fixierte die Menge, „… ich bin Schuld am Tod meiner kleinen Tochter. Es tut mir so leid. Ich habe sie doch nur beruhigen wollen. Sie schaukelte doch so gern. Es war meine Schuld.“ Sie brauchte gar nicht weiter zu reden, denn alle Kinder und alle Erwachsenen, die auf der Wiese saßen oder im Garten standen, sahen das, was damals geschehen war, wie in einem Film in ihrem Kopf. Das Mädchen auf der Schaukel. Die junge, verzweifelte Mutter, die sie anschuppst. Immer und immer wieder. Die möchte, dass das Kind aufhört zu schreien und damit alles nur noch schlimmer macht. Bis es plötzlich von der Schaukel fällt und sich nicht mehr rührt.
Und alle Anwesenden fühlten die Trauer und das Bedauern über das, was passiert war tief in ihrem Inneren. Einige schluchzten. Andere weinten. Und man sah den Kummer in den Augen jedes Einzelnen, egal welchen Alters. Die Verzweiflung und die Angst um das Kind. Und jeder wusste, was dann passiert war. Krankenwagen. Notarzt. Die Diagnose. Filmriss. Ein einsames Grab im Juli vor fünf Jahren. Und eine junge Mutter, die sich dort das Leben nimmt.
Es waren keine 60 Sekunden vergangen und dann öffnete das kleine Mädchen seine Augen und lächelte. Und die Kinder auf der Wiese lächelten mit ihm. Und die Erwachsenen. Selbst die Sonne schien heller zu strahlen und der Wind leise zu flüstern: „Alles ist gut.“
Von diesem Tag an war das kleine, zurückgezogene Kind wie ausgewechselt. Es lachte oft und strahlte dabei übers ganze Gesicht. All die Traurigkeit, all die Melancholie war wie verflogen und sollte auch nie mehr zurückkehren.
Und auf ihren fünften Geburtstag angesprochen sagte Alea viel später einmal: „Wenn ich ehrlich bin, kann ich mich heute an nichts mehr erinnern, was vorher gewesen ist. Es ist als hätte meine Leben an diesem 15. Juli damals angefangen.“
 
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Kommentare  

Starke Geschichte, schön emotional und eindringlich erzählt, so dass mich das Ende wirklich packt. Gefällt mir sehr gut.

Christian Dolle (31.01.2019)

Hat mir gefallen! Eine Geschichte ganz nach meinem Geschmack und sehr gut geschrieben.
Gruß Daniel


Daniel Freedom (18.01.2019)

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