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7 Seiten

Durch die Tunnel - Die Unerleuchteten (Teil 5)

Romane/Serien · Spannendes
Dies hier war das wahre Leben, sagte sich Freya, doch ebenso bot die Freiheit auch Gefahren. Während sie mit Tibor durch die Ruinen der Stadt streifte, entdeckten sie immer wieder Spuren wilder Tiere, der Katzenmenschen und anderer Gefahren, die sie vielleicht noch gar nicht einschätzen konnten. Dennoch wollte sie die Freiheit um keinen Preis der Welt gegen die beengte Sicherheit des Bunkers tauschen.
Sie hatte Tibor erzählt, wie sie sich aus dem Bunker geschlichen hatte, um endlich die wirklich Welt zu sehen. Vor allem aber hatte sie ihn nach seinem Leben hier draußen ausgefragt und so auch von seiner Flucht aus der alten Fabrik gehört und davon, wie sein Clan kurz darauf schon wieder von einer Horde Katzenmenschen überfallen worden war. Bis jetzt hatte sie immer nur von Jaromir, Mala und den anderen Geschichten über die Gefahren hier draußen gehört, Tibors Erzählung jedoch kam ihr so viel näher, so viel wahrhaftiger vor. Möglicherweise hatte es ja damit zu tun, dass sie sich all diesen Gefahren jetzt selbst aussetzte und dass sie ihrem Schutzraum, der die Welt bis jetzt all die Jahre von ihr fern gehalten hatte, nun entkommen war.
„Ich verstehe ja, dass du die Welt draußen einmal sehen willst“, hatte Tibor gesagt, „aber wenn deine Leute in einem sicheren Bunker leben und ihr dort genug Nahrung und überhaupt alles habt, was ihr zum Leben braucht, dann verstehe ich nicht, warum du sagst, dass du nie wieder dorthin zurück möchtest.“ Freya zuckte nur mit den Schultern uns sah versonnen in den dunklen Himmel über ihr, wo hinter pink- und türkisfarbenen Schleiern helle Sterne funkelten.
Tibor hatte sich inzwischen auf die Überreste einer Mauer gesetzt und Freya neben ihn. Während sie aber immer noch nach oben blickte, sah er stumm vor sich auf den Boden. Der Himmel sei unendlich, hatte sie in ihren Büchern gelesen, irgendwo dort gab es einen Gott, der die Welt früher beschützt hatte. Wenn es diesen Gott gab, dann würde er auch eines Tages dafür sorgen, dass die Menschen sich nicht mehr in Höhlen und Bunkern verstecken mussten, sondern wieder frei auf der Erde leben konnten.
Besonders gespannt hatte sie Tibor gelauscht als er von Prypjat erzählte, jener Stadt, in der Menschen angeblich jetzt schon tagsüber hinaus gehen konnten und wo es keine Erleuchteten und wilden Tiere gab. Vielleicht hatte Gott ja schon einen Anfang gemacht. Irgendwo auf dieser Welt. Und wenn es diesen Ort wirklich gab, dann wollte sie genau dorthin gehen. Immerhin war es ja auch Tibors Wunsch, auch wenn der im Moment ziemlich unentschlossen wirkte.
„Was ist jetzt?“, fragte sie und stupste ihn in die Seite, „Wollen wir jetzt hier rumsitzen und in den Himmel starren oder gehen wir los und suchen uns alles, was wir für unsere Reise brauchen?“ Tibor sah sie an und sein Gesicht hellte sich endlich etwas auf. „Okay. Wenn du wirklich mit mir kommen willst, dann haben wir noch eine Menge zu tun.“ Beide standen auf, denn wenn sie sich wirklich auf die lange und beschwerliche Reise machen wollten, war Vorbereitung äußerst wichtig.
Zunächst einmal machten sie sich daran, die umliegenden Gebäude nach allem Brauchbaren zu durchsuchen, dass sie in ihren Rucksäcken mitnehmen konnten. Immerhin wussten sie nicht, wann sie wieder in ehemals bewohnte Gebiete kommen würden. Daher suchten sie nach Waffen, Feuerzeugen, Decken und sogar Zeltplanen, aus denen sie sich zur Not einen Unterschlupf als Schutz vor dem Tageslicht machen konnten.
Allerdings war die Stadt schon vor vielen Jahren verlassen worden, so dass ihre Ausbeute auch nach Stunden noch ausgesprochen mager war. Alles hier war vermutlich schon unzählige Male von Menschen durchsucht worden,. Vielleicht sogar von einem Trupp aus ihrem Bunker, dachte sich Freya. Also wollten sie wenigstens noch etwas Beute machen, bevor sie endgültig loszogen.
Tibor hatte in einem Keller einen ganzen Karton voll dünner Metallröhrchen entdeckt, deren eines Ende er zu Spitzen geschliffen hatte, so dass sie jetzt immerhin ausreichend Pfeile hatten. Außerdem hatte er auch Freya einen Bogen gebaut, jetzt wollte er ihr das Jagen beibringen. Dazu hatten sie sich wieder in eines der oberen Stockwerke jenes Gebäudes begeben, in dem sie sich gestern zum ersten Mal begegnet waren. Von ihr oben hatten sie den besten Blick und Tiere, die unten entlangliefen, konnten sie nicht sofort wittern.
„Bist du denn sicher, dass du einfach so weggehen willst, ohne zu wissen, was aus deinem Clan geworden ist?“, fragte Freya irgendwann leise. Tibor zuckte mit den Schultern und dachte darüber nach. „Die Erleuchteten, die Katzenmenschen, haben sie in ihrem Versteck aufgestöbert. Was denkst du, was sie mit ihnen gemacht haben?“ Darauf konnte Freya ihm keine Antwort geben. Immerhin kannte sie nur allerlei schreckliche Geschichten. Sie selbst jedoch wusste fast nichts über die Katzenmenschen, hatte sie erst vor ein paar Stunden zum ernsten Mal mit eigenen Augen gesehen, und das auch nur aus der Ferne.
Dennoch war sie froh, dass sie ihre Leute im Bunker in Sicherheit wusste. Zwar für alle Zeit versteckt, aber wie Tibor vorhin richtig bemerkt hatte, immerhin vor den meisten Bedrohungen dieser Welt geschützt. Das machte es ihr leichter, von hier fort zu gehen, erklärte sie nun auch Tibor. Wieder schwieg er nachdenklich, hing offenbar doch den Gedanken und Sorgen um seinen Clan nach. Von Anfang an hatte er auf sie nicht den Eindruck gemacht, als könne er ein solches Erlebnis einfach so abschütteln.
„Da“, flüsterte Tibor jetzt und deutete in die Richtung einer verfallenen Tankstelle. Freya blickte sich suchend auf dem mehr und mehr von Gras und Gestrüpp überwucherten Gelände um, dann entdeckte sie, was er meinte. Ein ziemlich großer Hirsch graste dort. „Er hat nur drei Beine...“, flüsterte Freya erschrocken. Das sei seit der Katastrophe nicht ungewöhnlich, erklärte Tibor ihr, viele Tiere hätten sich verändert, waren missgebildet oder entwickelten sich zu völlig neuen Arten.
„Genau wie der Wolf da unten“, fuhr er fort und deutete auf die Straße direkt unter ihnen. Vom Körperbau her sah das Tier normal aus, nur dass es keinerlei Fell hatte. „Der ist ja nackt!“, rief Freya erschrocken aus. „Ja, der war mit seiner Familie im Schwimmbad, aber jetzt hat er Hunger bekommen.“ Sie musste lachen, doch blitzschnell hielt Tibor ihr den Mund zu, damit der Wolf sie nicht hörte.
Gemeinsam verfolgten sie dann, wie er langsam immer weiter auf die Tankstelle zu schlich. Er musste seine Beute gewittert haben, bevor er sie überhaupt sehen konnte. Da der Wind aus der anderen Richtung kam, ahnte der Hirsch allerdings noch nicht, welche Gefahr ihm drohte.
Freya und Tibor beobachteten, wie der Wolf durchs hohe Gras schlich, sich hinter rostigen Öltanks verbarg und immer mal wieder die Nase in den Wind hielt, um seine Beute genau zu lokalisieren. Langsam aber unaufhaltsam näherte er sich, während der dreibeinige Hirsch weiterhin in aller Seelenruhe graste. Mehrmals zielte Tibor mit dem Bogen auf den Wolf, doch selbst wenn er ihn von hier aus traf, würde das Tier aufheulen, damit den Hirsch vertreiben und somit würde keiner von ihnen an die Beute kommen.
Daher ließ er den Bogen immer wieder sinken und beobachtete, wie angespannt und fokussiert das Raubtier sich anpirschte und dabei kein einziges Geräusch verursachte. Nur wenig später war er nahe genug, um zu einem letzten kurzen Sprint anzusetzen. Genau in diesem Moment jedoch hörten sie ein heftiges Flügelschlagen am Himmel, Freya presste sich erschrocken und ängstlich an Tibor und schon im nächsten Moment stürzte ein riesiger Vogel auf den Wolf nieder, packte ihn mit seinen mächtigen Krallen und erhob sich sofort wieder in die Lüfte. Für einen Moment flog sie so dicht an ihnen vorbei, dass Freya meinte, den Luftzug des Flügelschlages spüren, den Atem riechen und dem sterbenden Wolf für einen Augenblick in die Augen blicken zu können. Dann entschwand das gigantische Tier hoch über ihnen.
Der Hirsch ergriff die Flucht, Freya stieß einen kurzen Schrei aus und Tibor hielt ihr instinktiv den Mund zu. „Sei still“, zischte er, „wenn die Harpyie uns entdeckt, sind wir ihr nächste Opfer.“ Freya wusste nichts von Harpyien, sie wusste nicht, dass es solch riesige Vögel gab, sie wusste nur, dass Tibor Recht hatte und presste sich noch enger an ihn.
In diesem Moment legte sich ein Schatten über ihre Gesichter, die Harpyie war zurückgekommen, dachten sie zunächst. Doch nein, es war ein zweites Tier, ebenso hungrig wie das erste und nicht weniger gefährlich. „Wir müssen hier weg“, flüsterte Tibor, „wo zwei sind, sind bestimmt auch noch mehr.“ Freya sah ihn entsetzt an. „Aber hier im Gebäude können die uns doch nichts anhaben, oder?“
„Du hast die mächtigen Krallen doch gesehen, oder? Und dir ist schon klar, wie marode diese Gebäude sind. Also ich will es jedenfalls nicht drauf ankommen lassen.“ Freya nickte stumm, dann stand sie auf und half ihm dabei, ihre wenigen Sachen zusammenzusuchen und in die Rucksäcke zu stecken. Wieder einmal würde sie sich auf den Weg ins Ungewisse machen, diesmal auf der Flucht vor einer Bedrohung, doch wenigstens nicht mehr allein.
Zuerst schlichen sie auf schnellstem Wege hinaus und dann im Schatten des Gebäudes zu einer nahen Mauer. Immer wieder richteten sie ihre Blicke zum Himmel, denn sobald die Harpyien sie entdeckten, würden ihnen nur wenig Chancen bleiben. Sie bahnten sich ihren Weg vorbei an den verfallenen Gebäuden und blieben möglichst im Schutz der höheren Mauern.
Zum Glück war es inzwischen richtig dunkel geworden, so dass sie sich wenigstens nicht mehr um die Sonne sorgen mussten und die riesigen Vögel sie schlechter erkennen konnten. Doch auch, wenn die Tiere eher am Tage jagten, wie Tibor ihr erklärte, kreisten ab und zu immer noch Schatten über sie hinweg.
„Wahrscheinlich finden sie hier inzwischen auch nicht mehr genug Nahrung“, flüsterte Tibor ihr zu, doch das vermochte Freya nur wenig zu beruhigen. Hungrige Jäger, schoss es ihr durch den Kopf, waren nur umso gefährlicher und vor allem würden sie auf keinen Fall aufgeben, wenn sie ihre Beute erst einmal erspäht hatten.
„Wenn wir weiter in diesem Tempo hier herumschleichen, kommen wir nicht weit“, bemerkte Freya als sie beim Überqueren einer Straße den Blick zurück warf und feststellte, dass sie sich noch nicht entscheidend von ihrem Versteck entfernt hatten. „Hast du eine bessere Idee?“, gab Tibor zurück und wirkte jetzt deutlich gereizt. Aus einem ersten Impuls heraus fühlte sie sich verletzt und wollte ihm ebenso bissig antworten, dann jedoch schluckte sie die Bemerkung herunter und sah sich stattdessen in der Umgebung um.
Es musste einmal eine recht große Stadt gewesen sein, die Straßen, wenn auch inzwischen verwittert, waren breit und einige Gebäude ragten hoch in den Himmel. Freya kramte alles aus ihrem Gedächtnis hervor, was sie über damalige Städte wusste. Immerhin wollte sie vor Tibor nicht völlig dumm dastehen und außerdem hasste sie es, ihm nur wie ein nutzloses Anhängsel zu folgen.
Endlich entdeckte sie, wonach sie gesucht hatte. „Ja, ich hab 'ne bessere Idee“, verkündete sie und deutete auf ein auf die Straße gestürztes Schild mit einem großen U. „Was meinst du?“, fragte Tibor, „willst du etwa runter in die U-Bahn-Tunnel?“ „Genau. Dahin können uns die Harpyien nicht folgen. Und so ein U-Bahn-Netz durchzieht die ganze Stadt und wir können sicher überall hingelangen.“
Einen Moment sah Tibor sie unschlüssig an. War es sogar Furcht, die da in seinem Blick lag? „Aber in den Tunneln ist es stockfinster. Außerdem sind bestimmt einige eingestürzt und nicht mehr passierbar. Da unten verlieren wir jede Orientierung.“ Sie legte ihre Hand auf seinen Arm, dann versicherte sie: „Glaub mir, wenn ich eines kann, dann mich in unterirdischen Tunneln zurechtfinden. Außerdem habe ich eine Taschenlampe im Rucksack und noch dazu kennen wir uns hier oben auch nicht besser aus.“
Einen Moment, der Freya ewig vorkam, überlegte er noch hin und her. Dann aber nickte er und meinte, sie sollten es zumindest einmal versuchen. Sie musste Lächeln, drehte sich dabei aber von ihm weg, weil sie ihm auf keinen Fall das Gefühl geben wollte, sie lache ihn aus. Tat sie ja auch nicht, denn sie wusste sehr genau, dass sie ohne ihn hier draußen wahrscheinlich verloren war. Dennoch tat es gut, auch mal diejenige zu sein, die das Kommando übernahm.
Bevor sie den Eingang zur Station jedoch erreichten, mussten sie eine große Kreuzung überqueren. Sie suchten zuvor den Himmel ab, um sich so knapp vorm rettenden Ziel nicht noch der Gefahr auszusetzen und doch noch zur Beute zu werden. „Lauf!“, rief Tibor ihr zu und Freya rannte los. Tibor hatte die Treppen nach unten schon beinahe erreicht, als Freya merkte, dass sie für solche Sprints einfach nicht trainiert war. Möglicherweise waren es auch die vielen neuen Eindrücke der letzten Stunden und die Überforderung. Jedenfalls fühlten ihre eine sich mit einem Mal wie Gummi an und wollten ihr kaum noch gehorchen.
„Los, beeil dich!“, hörte sie Tibor rufen, dann vernahm sie auch schon den drohenden Flügelschlag über sich. Sie wagte es nicht, nach oben zu sehen, konzentrierte sich nur aufs Laufen. Vorm Eingang zur U-Bahn sah sie Tibor jetzt in eine andere Richtung laufen und dabei mit einem Metallrohr laut auf den Boden schlagen. Er wollte die Harpyie ablenken und offenbar gelang es ihm auch, denn das Flügelschlagen kam für einen Moment nicht näher.
Das nutzte Freya, um sich mit allem Willen aus der Kraftlosigkeit zu reißen und die letzten Meter so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Außer Atem stürzte sie die Treppe, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, hinunter und war froh, Tibors Schritte hinter sich zu hören.
Ein lauter Schrei des Riesenvogels begleitete sie nach unten, wo sie sich erst einmal erschöpft zu Boden sinken ließen. Freya spürte, wie sie zitterte, und merkte auch, wie ihr Tränen in die Augen schossen. „Also wenn du es spannend machen wolltest, dann ist dir das gelungen“, flüsterte Tibor jetzt und legte seinen Arm um ihre Schultern. Eigentlich hatte sie vor ihm keine Schwäche zeigen wollen, doch jetzt gerade war sie froh über seine Nähe.
„Los komm schon, da vorne ist der Bahnsteig und dort hinten sind die Tunnel“, mahnte er schließlich zur Eile. Freya sah sich erst einmal um. Die Station wirkte riesig. Viel größer als ihr Bunker. Doch vielleicht lag das auch nur daran, dass sie sich in diesem Moment ganz klein fühlte. „Bist du bereit für unseren Trip ins Ungewisse?“, fragte Tibor mit einem aufmunternden Lächeln, „Bitte sag ja, denn ohne dich bin ich hier unten ziemlich verloren.“ Freya nickte. „Klar. Mit unterirdischer Dunkelheit kenne ich mich jedenfalls besser aus als mit fliegendem Federvieh.“
Dann sprangen sie auf die Gleise, knipsten die Taschenlampe an und folgten dem schwachen Lichtkegel in die für sie sicher erscheinenden Tunnel, die sich ein Stück weit nach Heimat anfühlten.
 
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Kommentare  

Spannend wie immer und sehr authentisch. Gerne gelesen.

axel (05.10.2019)

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