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Himmelsturz (4 von 4) - Der Tag des Aufstands

Trauriges · Kurzgeschichten
"Ich werde meinen Thron
im Himmel auf die Wolken setzen
und dem Allmächtigen gleich werden!"

Diese Worte von Satanel, die er seit Wochen postulierte, ich verstand sie nicht wirklich. Mit der Einsicht, ich würde für eine gerechte Sache demonstrieren, schritt ich zu der von Satanel ausgerufenen Ansprache. So wie unzählige Engel aus dem Geschlecht der Cherubim, der höheren Kaste der Engel; und einer wahren Heerschar an Seraphim, einer niederen Hierarchie der Engel. Jene, die sich anfangs noch gegen die umstürzlerischen Gedanken stellten – auch diese hatte der Magier der Redekunst für sich gewonnen.
Der Platz vor dem „Weißen Tempel“ und den Gassen in seiner Nähe war proppevoll. Ein Drittel aller Engel hatten sich auf die Seite dessen geschlagen, der von Gott abgesetzt werden sollte.

Der „Weiße Tempel“ war ein langes, schmales Gebäude, vollkommen gefertigt aus Marmor. In der Mitte stand ein hoher Rundbau mit einer goldenen Kuppel. Auf der Vorder- wie auch der Rückseite stützten Säulen die oberste Etage. Von dieser runden Mitte gingen zwei vollkommen identische Schenkel in Form eines langen Quaders ab. In ihnen waren die Büros und Audienzzimmer des Rates der Engel untergebracht, unter der Kuppel war der große Plenarsaal. Anders als sein Name vermuten ließ, war der „Weiße Tempel“ kein Gotteshaus, sondern diente der Ausübung der Politik.
Einige hundert Meter vor dem feudalen Eingang zwischen den Säulen, zu dem man über eine breite, im Halbkreis angelegte Treppe gelangte, war die Rednerbühne aufgebaut. Satanel wiederholte, was er seit Wochen predigte: Die Abstimmung über die „Rechte Hand Gottes“ wäre ungültig. Eine gerechte Stimmenabgabe hätte es nicht gegeben, Gott täte sich weigern, die Stimmen exakt auszählen zu lassen. Somit stimmte das Resultat nicht, dass Jesus die Seite an Gottes Thron einzunehmen habe. Eindeutig wäre Satanel diese Abstimmung gestohlen worden, beteuerte der Engel mit den schwarzen Haaren stets aufs Neue, von daher wäre es das Recht und die Pflicht der Engel, diesen Betrug zurecht zu rücken.

An dieser Stelle seiner Rede wies Satanel mit der Hand zum Eingang des „Weißen Tempels“, als er in hetzerischer Art uns alle dazu aufrief, diesen Betrug nicht zu dulden und den Rat zu besetzen.
Viele jubelten, einige schrien Schlachtrufe, diese bildeten die erste Reihe beim Sturm auf das Regierungsgebäude. Frenetisch wie sie war auch ich ergriffen von der Euphorie, uns zurückzuholen, was uns gehörte. Meine Wut war ebenso wie bei den anderen in eine ganz genaue Richtung kanalisiert worden – ohne dass es mir bewusst geworden war. Eindeutig stimmte ich der Anwendung von Gewalt zu, weil ich nur so glaubte, zu meinem Recht zu kommen. Dass jedoch die Engel aus den ersten Reihen unter ihren Gewändern die Schwerter verborgen hatten, wusste ich nicht. Wie diese mit gezückter Waffe auf die Sicherheitsengel des Rates zustürmten, stockte mir der Atem. Wir waren so viele, sie so wenige.

Wer sich aus den Reihen des Sicherheitsdienstes nicht schnell genug in den Palast aus Marmor retten konnte, wurde von der aufgebrachten Meute niedergemäht. Viel half ihnen diese vermeintliche Sicherheit nicht. Satanels Handlanger hatten gut vorgesorgt. Mehrere Baumstämme als Rammbock hatten sie, Fenster und Türen wurden in Windeseile eingeschlagen, dann drang die Meute in den „Weißen Tempel“ ein und meuchelte jeden, den sie fand. So begann der Aufstand der Engel gegen Gott. Drei Tage währte der Krieg.
Den Rat zu erobern, war aufgrund des Überraschungsmomentes ein Leichtes gewesen, ihn zu halten, entpuppte sich als viel schwieriger.
Der Engel Micha hatte innerhalb von Stunden eine enorme Streitmacht aus dem Boden gestampft, an seiner Seite schritten die drei Erzengel Raphael, Gabriel und Uriel. Mit diesen Recken als Zugpferde waren die an Gottes Seite gebliebenen Engel zuversichtlich. Mutig warfen sie sich in die Schlacht.

Am zweiten Tage konnten wir Abtrünnigen den „Weißen Tempel“ nicht mehr halten, wir zogen uns zurück in die Stadt, wo es bis zum nächsten Tag zu einem erbitterten Häuserkampf kam.
Auch hieraus wurden wir vertrieben, die Straßen, die Plätze, ja, die ganze Stadt war mit Leichen übersäet; uns trieb man nun über die Felder und Wiesen hinab zum großen Krater.
Satanel wehrte sich verzweifelt gegen sein Schicksal, alle drei Erzengel waren von Nöten, um ihn bedrängen zu können. Einer alleine hätte nie die Kraft gehabt, gegen den stärksten aller Engel bestehen zu können.
Weil diese höchsten Engel anders als die Cherubim und Seraphim unsterblich waren, ging mir erst jetzt die Absicht der Erzengel auf. Sie und ihre Mannen trieben uns Abtrünnige zum Rand des großen Kraters. Von da aus ging es senkrecht zur Erde. Die Hunde hatten wirklich vor, uns aus dem Himmel zu stürzen.

Satanel musste zeitgleich mit mir deren Absicht durchschaut haben. Mit einem unmenschlichen Gebrüll warf er sich seinen drei Gegnern entgegen. Mit der Kraft der Verzweiflung landete er bei Gabriel und Uriel erstklassige Treffer, die diese ohnmächtig werden ließen. Jetzt hatte er nur noch den Blonden vor sich, den Gott für eine geheime Mission herbeordert hatte. Der Gedanke wollte nicht mehr von mir weichen, Gott war schon seit langem über unsere Pläne im Klaren gewesen, um sich an der entscheidenden Stelle zu verstärken. Wer aus unseren Reihen aber war der Verräter? Egal, ich schwang mein Schwert weiter, schützte mich mit dem Schild. Dass mich kein Todesstreich ereilte, kann ich bis heute, wo ich diese Erlebnisse in mein Tagebuch schreibe, nicht begreifen. Denn anders als Satanel war ich nicht unsterblich.
Tja, und dann war ich entwaffnet und eine Schwertspitze pikte in meinen Hals. Ich schmiss mein Schild weg und ergab mich. Schritt für Schritt ließ ich mich an den Abgrund drängen.

Jetzt, wo ich nicht mehr kämpfen musste, konnte ich mich auf Raphael und Satanel konzentrieren. Der Blonde hatte eine Kampftechnik, die dem Schwarzhaarigen Schaum vor dem Mund bescherte. Nie zuvor sah ich jemanden sich so schnell bewegen wie den fremden Erzengel. Er drehte sich um seine eigene Achse, tauchte wie ein Blitz unter den Streichen seines Gegners hinweg, war wie durch Zauberhand plötzlich in dessen Rücken und nutzte die Drehkraft seines Gegners aus, sich mit dessen Schwert in Einklang zu bringen. Oft sah es so aus, als würde Raphaels Klinge an der von Satanel kleben; eins werden mit dessen Schlagrichtung, die Führung übernehmen und mit einer wischenden Bewegung wegfegen. Jedem anderen, der nicht die Bärenkraft des Schwarzhaarigen hätte, wäre sein Schwert schon längst aus den Händen geschlagen worden.
Und so, wie Raphaels Schwert die Energie des gegnerischen Schwertes zu absorbieren schien, saugte er auch seinem Widersacher die Kondition aus den Armen. Satanels Schläge wurden schwächer, ich sah, wie der größte und stärkste aller Engel ermüdete. Da wusste ich, unser Reformversuch war gescheitert.
In dieser Phase stürmte der Engel Micha auf die einstige Lichtgestalt des Himmels zu. Sein von Gott erteilter Auftrag beflügelte ihn. Er persönlich sollte Satanel hinauswerfen. Mit der Kraft eines Ausgeruhten, weil Micha sich im Kampf bisher sehr zurückgehalten hatte, drängte er den Erschöpften an den Rand. Ein Fußtritt gegen Satanels Brust, da taumelte das Urbild an Kraft, ruderte mit seinen Armen in der Luft, kippte nach hinten und ward nicht mehr gesehen.

Viel Zeit blieb mir nicht, mich von meinem Schock zu erholen. Raphael, Vaskoll wieder in die Scheide gesteckt, kam auf mich zugeschritten. Seine Stirn war zerfurcht wie ein Acker im Herbst, seine Augen sprühten Zorn. Mir war bewusst, er kam nicht, mich zu umarmen. Ein letztes Mal sah ich auf seine breiten Lippen, die ich so gerne geküsst hatte und schaute in die hellgrauen Augen, in denen das Licht der Liebe nicht mehr leuchtete. Mit beiden Handballen stieß er mir gegen die Schlüsselbeine, wie ein morscher Baum im Orkan fiel ich nach hinten um. Und stürzte, und stürzte, und stürzte.

Jetzt, wo ich diese Zeilen auf Pergament bringe, kommen mir die Tränen. Wie konnte ich unsere Liebe nur so verraten haben, unsere Zukunft. Meine Sinne waren benebelt gewesen von der geschickten Rhetorik Satanels. Er machte uns allen Glauben, es ging um unsere Sachen, um Reformen, um eine bessere Welt. Wir sahen nicht, wie er uns instrumentalisierte; wie es ihm nur um sich selber ging. Als oberster Engel war er viel zu stolz, sich von einem Menschen etwas sagen zu lassen. Anstatt Jesus als seinen neuen Vorgesetzten zu akzeptieren, wollte Satanel sich selber auf Gottes Thron setzen. Daraus wurde ein Selbstläufer. Wie der schwarzhaarige Engel, griffen auch wir, die ihm folgten, nach den Sternen. Und allesamt verbrannten wir uns.
Als Konsequenz wurden wir aus dem Himmelreich verstoßen und in die ewige Verdammnis verbannt, in die Unterwelt auf der Erde. Der einzige Trost der mir sowie den anderen Engeln blieb, die mit Satanel zusammen zur Hölle gefahren waren, war, dass Satanel als uneingeschränkter Fürst der Unterwelt uns allen das ewige Leben schenkte. Ob das allerdings wirklich ein Trost sein wird, werde ich sehen, wenn es mir gelungen ist, Raphael auf immer zu vergessen. Raphael, der Mann, den ich abgöttisch liebte und der mich nie akzeptierte, wie ich wirklich war.

An dieser Stelle endeten die Aufzeichnungen der Cheruba Lucille. Ralf Mansfeld rollte das letzte Pergament zusammen. Nachdenklich schaute er in die fünf Flammen seines Kerzenleuchters. In seinem halb mit Rotwein gefüllten Glas spiegelten sich die zitternden Lichter, trotz der romantischen Stimmung lag auf dem Gemüt des Inspektors eine zentnerschwere Last. Tag für Tag hatte er sich eine Aufzeichnung nach der nächsten durchgelesen, und mit jedem Blatt war er schwermütiger geworden. Jetzt kam er sich vor, als hätte er das grauenhafte Ziel erreicht, das Maul des Drachen. Nachdenklich rezitierte er eine Stelle aus der Bibel, die Offenbarung des Johannes, 12. Kapitel, Vers 9:

Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahingeworfen.

*

Lucille und Raphael werden sich nach über 2000 Jahren in Quedlinburg wiedersehen und neu verlieben. Diese vier hier veröffentlichten Episoden vom Himmelsturz werden in dem Mystery-Krimi zu lesen sein. Der Roman wird derzeit bei einigen Verlagen beworben.
 
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Kommentare  

Oh, so schnell vorbei und dann auch mit einem so furchtbaren Ende, ein Jammer! Habe ich gerne gelesen und bin gespannt auf die Fortsetzung!

Ingrid Alias I (06.07.2021)

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