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4 Seiten

Wahre BerlinGeschichten/2/Heißhunger

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
© rosmarin
Heißhunger
Als ich mein frisches Vollkornbrot, wohlgemerkt vegan, so stand es jedenfalls oben am Brotregal bei Lidl, kaum zuhause angekommen, auspackte, fiel ich aus allen Hungerwolken. Das heißbegehrte vegane Brot zerfiel in drei Teile. Was soll‘s, dachte ich, Brot ist Brot. Egal ob geteilt oder im Stück, Laib. Brotlaib. Natürlich. Der andere Leib wird ja mit ei geschrieben. Nicht mit ai. Ein Unterschied muss schon sein. Außerdem kann man das Laib Brot essen. Den Leib natürlich nicht. Der ist für andere Dinge zuständig. Obwohl, es gibt ja auch Kannibalismus. Da soll es schon vorgekommen sein, dass der Leib verspeist wurde. Und nicht nur der Leib. Auch der Kopf. Wenn es sein musste. Denn das menschliche Hirn ist sehr begehrt. Mit all seinen guten Eigenschaften. Aber auch mit seinen unergründlichen Abgründen.

Also brach ich ein Stückchen Laib von dem Stück Laib heraus. Genüsslich schob ich es in meinen Mund. Doch von Genuss konnte keine Rede sein. Im Gegenteil. Das Stückchen vom Stück quoll in meinem Mund zu einer ekligen, glitschigen Masse, die mir letztendlich aus dem Munde quoll.
Igitt, igitt. Weg mit dem Zeugs. In die Biotonne. Der Appetit auf Brot war mir vergangen, Es war ja sowieso keines mehr da. Ich tröstete mich mit einem Schüsselchen Reis, das noch im Kühlschrank stand.

Der nächste Tag, ein Samstag, fing auch traurig an. Ohne ein schönes Stück Brot mit Marmelade oder Mus oder Sirup zu einer Tasse Kaffee war es kein Frühstück. Also verzichtete ich darauf. Das Wetter zeigte sich von seiner sonnigen Seite. So zog es mich, anstatt zu Edeka oder Lidl oder Aldi zu gehen, um ein Brot zu kaufen, das könnte ich später ja immer noch, zum Fernsehturm. Ich wollte unbedingt zu den Wasserspielen, die jede volle Stunde zur Höchstform aufliefen und die ich jedesmal als sehr erquicklich empfand. Besonders, wenn eine Schar Kinder johlend unter den Fontänen hindurch lief, während ich mir, sittsam am Rand sitzend, mein Eis schmecken ließ. Ich lief die halbe Stunde bis zum Alex. Kurz davor bewegten sich zu meiner Verwunderung Menschenmassen über Menschenmassen. Auch Trommelmusik war von irgendwoher zu vernehmen. Aber so viel Menschen hatte ich selten dem Alex zuströmen sehen. Seit Corona sind es immer weniger geworden. Da war kein richtiges Leben mehr auf dem Alex. Oder Umgebung.

Neugierig ging ich weiter. Endlich am Alex angekommen, stand ich in einer riesigen Menschenmenge. Ich konnte nicht mehr unterscheiden, was war Bürgersteig. Was Straße. Was Fahrbahn. Autos sah ich auch keine. Keine normalen Autos. Dafür standen überall jede Menge Polizeiautos herum. Die Polizisten und Polizistinnen, also PolizistInnen, um mal scherzhaft zu (t)schändern, gendern, was ich sonst ja ziemlich abstoßend finde, weil es grammatikalisch völlig unzumutbar ist und unsere seit Jahrhunderten gewachsene Sprache dermaßen verhunzt, dass es körperlich weh tut, so ein Gestümmele zu lesen oder gar zu hören, schienen nichts zu tun zu haben, denn sie standen vor ihren Autos. Allerdings in voller Montur. Sie lachten und scherzten und ließen den lieben Gott einen lieben Mann sein. Wieso eigentlich Mann? Na, darüber würde ich ein andermal wieder nachdenken. Jetzt ließ ich mich mehr von der Masse schieben, als ich gehen konnte, und beobachte das Treiben. Aus mehreren Nebenstraßen strömten immer mehr Menschen. Ab und zu wurde auch das Trommeln lauter. Einige Gruppen spazierten dann wieder in eine andere Richtung. Doch langer Rede kurzer Sinn, irgendwie kam ich zu meinem Eis. Pünktlich zur vollen Stunde saß ich wohlgemut auf meinem Ecksteinrand.

Nach zwei Stunden lief ich zurück. Musste ja noch Brot einkaufen. Allerdings überfiel mich unterwegs die Unlust. Ich kaufte in einem vietnamesischen Laden zwei Kilo Pflaumen. Ein Brot würde ich wohl auch selbst backen können. Die Zutaten hatte ich ja. Also machte ich mich, zuhause angekommen, sofort ans Werk. Es sollte ja nur ein Schnellbrot werden. Ein Fünfminutenbrot sozusagen. In die Teigschüssel kamen 500 Gramm Mehl, vermischt mit einem Löffel Trockenhefe, war allerdings schon ein Jahr alt, eine Prise Salz, eine Prise Zucker, alle möglichen und unmöglichen Körner, dazu Leinsamen, Kressesamen, Thymian, Pfeffer, Zwei Esslöffel Essig. Zum Vermengen eine Tasse warmes Wasser. Diese zähe Masse schüttete ich vorsichtig in eine mit Kokosöl eingefettete Form und schob sie in den kalten Ofenherd. Ich stellte ihn auf 220 Grad. Natürlich Umluft. In einer Stunde würde ich ein lecker duftendes Brot mein Eigen nennen und genüsslich verschlingen und morgen endlich mal wieder schön frühstücken können. Doch daraus wurde nichts. Das Brot, wenn man das zusammengepresste, wie ein kranker Igel aussehende, hügelige Etwas auf dem Boden der Kuchenform, so nennen wollte, war knochenhart. Ungenießbar. Und das seit Jahrzehnten benutzte, stabile Brotmesser hat den versuchten Schnitt nicht überlebt. Ich würde mir also erst am Montag ein Brot kaufen können. Diesmal bei Edeka. Das war näher als Lidl. Oder Aldi. Einen richtigen Bäcker gibt es ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Einen richtigen Bäcker. Bei dem man die schönsten und frischesten Backwaren kaufen konnte. Sogar am Sonntag. Apropos Sonntag. Nur ganz kurz. Mit der eigentlichen Geschichte hat es ja nichts zu tun. Am Sonntag gab es wieder eine Menge Demos. Der Menschenauflauf am Alex soll auch eine gewesen, sagte meine Freundin. Und zwar eine gegen die Coronamaßnahmen. Ich hätte sie nur nicht als solche wahrgenommen, weil sie als Spaziergang getarnt war.
Am Sonntag reihten wir uns in der Frankfurter Allee in die Liebesdemo ein. Auch hier hatte kaum jemand eine Maske auf. Oder hielt Abstand. So, wie es eigentlich vorgesehen war. Wir reihten uns also ein und tanzten mit all den anderen Mischlingen munter durch die Straßen. Bis zum Mauerpark. Hier war feiern angesagt. Ausführlich natürlich.
Mein Brot hatte ich vergessen. Doch am Montag, zur Frühstückszeit, fiel es mir wieder ein.
Also hin zu Edeka. Zum Backwarenstand. Keine Menschenseele war am Stand. Oder saß an einem der akkurat platzierten Tische. Oder saß auf den Stühlen.
„Was darf‘s sein?“, fragte die Verkäuferin freundlich.
„Ein Vollkornbrot, geschnitten“, sagte ich. Auch sehr freundlich.
Die Verkäuferin schnitt das Brot und steckte es in eine Tüte. „Außerdem noch etwas?“, fragte sie.
„Ja“, erwiderte ich voller Vorfreude. „Ein Stück Marmorkuchen. Und eine große Tasse Kaffee.“
„Gern“, sagte die Verkäuferin. „Sie müssen sich aber ausweisen.“
„Wieso das?“, fragte ich perplex.
„Sie müssen beweisen, dass Sie vollständig geimpft, getestet oder genesen sind.“ Die Verkäuferin machte ein strenges Gesicht. „Ich darf Sie sonst nicht bedienen“, sagte sie.
Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Star Trek lässt grüßen, war mein erster Gedanke. Wie schon so oft, würde Science-Fiction Wirklichkeit werden. Ich tat nichts von Beidem. Ich bekam einen Lachanfall. „Haha“, lachte ich. „Das ist wohl ein Witz."
Die Verkäuferin schaute mich irritiert an. "Es ist doch aber Vorschrift", sagte sie.
Fast tat mir die Verkäuferin leid. Sie konnte ja nichts für die Vorschriften. Also erwiderte ich etwas versöhnlicher: "Es reicht doch wohl schon, wenn ich mir die Maske aufzwänge. Obwohl kein Fasching ist. Haha. Behalten Sie Ihre Köstlichkeiten. Ich gehe woanders hin.“

Das tat ich auch. Zehn Schritte vor Edeka gibt es einen Kiosk. Daneben steht ein Zelt mit Tischen und Bänken. Das Zelt ist immer voll besetzt. So auch diesmal. Ich holte mir am Kiosk zwei Schrippen und eine große Tasse Kaffee. Damit ging ich in das Zelt. Noch immer lachend. Etwas Platz war ja noch. Ich brauchte nicht viel. Ich setzte mich zwischen einen Schwarzen und einen Türken. Beide hatten ein großes Bier vor sich stehen. Halb ausgetrunken. Der Schwarze hatte ein interessantes T-Shirt an. ICH BIN EIN NEGER stand da auf seiner Brust. Ich bekam den zweiten Lachanfall. „Du bist ein Neger?“, lachte ich. „Das darf man doch nicht mehr sagen. Und schreiben auch nicht. Haha.“
„Ich schon“, stimmte der Schwarze in mein Gelächter ein. „Und Eddi auch.“ Er klopfte dem Türken wohlwollend auf die Schulter. „Was Eddi?“
„Ich heiße eigentlich Erdogan“, stellte sich EddiErdogan mir vor. „Aber weil ich den nicht leiden kann, nenne ich mich Eddi. Willst du auch ein Bier?“
Klar wollte ich.

***

 
 
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