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Kopfbahnhöfe, Teil 21 - CANOSSAGANG ZUM ENDE

Kurzgeschichten · Sommer/Urlaub/Reise · Romantisches
Ich habe kaum geschlafen und fühle mich grässlich. Ich warte und warte. Vielleicht kommt er ja. Nein, er kommt nicht, aber statt seiner die Katzen. Es ist schön, jemanden streicheln zu können, obwohl mir Georg lieber wäre.
Ich überwinde mich und gehe hinauf ins Erdgeschoss. Dort treffe ich Daddy und Djenny an. Ich würde mich sofort in Djennys Arme werfen und schluchzen, wenn mein Vater nicht da wäre.
Beim gemeinsamen Frühstück bin ich sehr schweigsam.
„Was ist los, Tony?“, Daddy grinst mich dabei süffisant an. „Gibt's Ärger im Paradies?“
„Falls ja, dann bist du auch schuld dran“, sage ich muffig, „denn du hast mir verschwiegen, dass Georg ein reicher Typ ist. Wolltest du mich etwa mit ihm verkuppeln?“
„Was findest du denn so schlimm daran?“
„Dass niemand es mir gesagt hat! Denn dann wäre ich nicht auf ihn reingefallen.“ Einwandfrei gelogen, ich würde immer wieder auf ihn reinfallen.
„Ach komm schon, Tony! Der Mann ist vernarrt in dich; ihr seid doch füreinander geschaffen. Und was willst du überhaupt?“
„Ich will vor allem Ehrlichkeit! Georg weiß so viel von mir - und ich weiß kaum was von ihm!“ Ich rede aufgebracht weiter: „Und du, lieber Daddy, könntest mich endlich drüber aufklären, wie er das alles geschafft hat!“
„Gerne, Tony!“ Daddy trinkt einen Schluck von seinem Kaffee, bevor er anfängt zu reden: „Georg hat von seinem Großonkel eine Autowerkstatt und ein Haus geerbt, der Großonkel war homosexuell und kinderlos. Die Werkstatt bestand zwar nur aus einer großen Halle mit sämtlichen Geräten und Maschinen, aber sie war Teil eines riesigen Grundstücks, das ein Jahr später zu Bauland erklärt wurde ...“
Ich schaue meinen Vater gespannt an. Was werde ich noch alles erfahren?
„Georg war zu diesem Zeitpunkt einundzwanzig Jahre alt, hatte sein Abitur gemacht und seine Prüfung als Automechaniker bestanden. Er wusste nicht recht, was er mit diesem Erbe anfangen sollte. Ich riet ihm, Betriebswirtschaftslehre zu studieren. Das war mein eigener Traum gewesen, aber ich konnte ihn nie verwirklichen.“
Stimmt, nach dem Krieg, aus dem mein Großvater nicht zurückkehrte, musste Daddy die ganze Familie ernähren, er hatte zwar Mittlere Reife, konnte aber ‚nur’ Zimmermann werden, um Arbeit zu kriegen.
„Georg hat dann in Hannover BWL studiert, aber in der Werkstatt weitergearbeitet, natürlich nicht die volle Zeit. Die Baufirma stand gerade günstig zum Kauf. Und damit im Rücken kann man repräsentative Gebäude bauen, aus Glas zum Beispiel. Rate mal, was er gebaut hat?“
„Ich habe keine Ahnung.“
„Es war das neue Einkaufszentrum. Und kurz darauf hat er die Werksvertretung eines namhaften Autoherstellers an Land gezogen.“ Daddy schweigt endlich, nachdem er mich mit der Wahrheit konfrontiert hat.
Und mir wird einiges klar: Mein Georg ist eine Art Manager und ein gewiefter Geschäftsmann, aber er hat bestimmt noch jede Menge Schulden. Das stimmt mich versöhnlich. Ich werde selber was verdienen und den Verdienst sparen für schlechte Zeiten. Aber ist er noch mein Georg?
„Also lass es gut sein, Tony! Manchmal muss man auch nachgeben können.“
Ich schnaube verächtlich vor mich hin. Ich bin keine Spielfigur in seinem Spiel. Aber ich vermisse Georg und sollte mir irgendwas einfallen lassen.
„Ich spüle das Geschirr, also könnt ihr ruhig gehen.“ Sie gehen ohne viel Widerspruch. Ich spüle gerne mit der Hand, denn dabei kann ich gut nachdenken. Trotzdem finde ich keinen Ausweg aus diesem Dilemma. Ich bin ein niedersächsischer Sturkopf - und das bis zum Exzess. Also warte ich erstmal ab.
Aber er kommt nicht, verdammt noch mal, er kommt einfach nicht! Er ist anscheinend noch dickköpfiger als ich. Und ich muss mir eingestehen, während ich das Geschirr spüle, abtrockne und in Schränke und Schubladen verteile, dass ich sehr davon angetan bin. Georg ist kein Weichei und wird sich nicht von mir manipulieren lassen. Und jetzt? Ich stehe hier mit meiner Sturheit und spüre, dass sie bröckelt. Ich liebe diesen Kerl und ich sollte es ihm allmählich sagen.
Ich dusche ausgiebig und ziehe dann ein von mir selbstgenähtes Kleid an. Ich hatte es am Freitag mitgebracht und noch nicht bei Georg deponiert. Es ist ärmellos, eng, glänzend weiß und sieht leicht chinesisch aus. Vorne hat es einen langen aushakbaren Reißverschluss, ohne den ich gar nicht hineinkommen könnte. Vielleicht lässt dieses Kleid ihn meine üblen Worte vergessen. Wenn nicht, dann muss ich wirklich zu Kreuze kriechen, denn ich bin auf einem Canossagang. Auf einem Canossagang, bei dem ich statt eines Büßerhemds keine Unterwäsche und keinen BH trage ... Das Wetter spielt mit, es ist wunderbar sonnig, aber mit einer erfrischenden Brise wie immer im Bergland. In der Stadt ist es bestimmt schon schwülwarm.
Ich streife eine leichte Jeansjacke über, das wirkt seriöser. Das Dorf kriegt alles mit - und mit Sicherheit auch meinen Canossagang. Das von gestern hat sich bestimmt verbreitet, erst von Frau zu Frau - und dann von Mann zu Mann. Ich denke, Georg steht nicht schlecht da. Eine Frau will ihn heiraten, weil sie ihn liebt und ihn für einen Automechaniker hält. Trotzdem gehe ich zögernd los. Warum habe ich ihn so beschimpft? Er hat sich doch entschuldigt. Warum tue ich so etwas? Ich muss das in den Griff kriegen, sonst verliere ich alles, was mir etwas bedeutet.
Ich höre ein Miauen hinter mir, blicke zurück und sehe, dass die Katzen mir folgen. „Geht weg, geht nach Hause!“ Ich will sie verscheuchen, aber sie begleiten mich trotzdem, Pascha links und Kiddie rechts von mir.
Hilfe, welch ein Anblick für das Dorf. Ach Quatsch, soll das Dorf doch denken, was es will. Es juckt mich nicht, denn ich möchte Georg zurückhaben.
Es ist mittlerweile elf Uhr. Um diese Zeit steht viel Besuch vor den Türen des Dorfes und falls er zu Hause ist, wird er mir aufmachen. Es sei denn, er wäre beim Frühschoppen mit den anderen Honoratioren des Landkreises, weil er ja selber einer von denen ist. Oh je, ich sollte mich daran gewöhnen. Falls ich noch eine Chance dazu kriege.
Nein, er ist da, macht mir die Tür auf und er hat nur Boxershorts an. Ich fühle mich befangen und schaue schnell weg von ihm. Warum muss er so gut aussehen?
„Was willst du?“ Es hört sich nicht sehr freundlich an.
„Ich ... ich möchte meinen Ring zurückhaben“, sage ich zaghaft.
„Und warum möchtest du das?“ Georg sieht irgendwie grimmig aus und ich habe fast Angst vor ihm. Ich sehe aus dem Augenwinkel heraus, dass die Katzen gerade an mir vorbei ins Haus spazieren. Hoffentlich vertragen sie sich mit dem Hund Arnie.
Ich komme mir vor wie eine untreue Ehefrau, die mit ihren Kindern vor der Tür ihres Ehemanns steht und um Einlass fleht. Obwohl die Kinder ja schon drinnen sind. Ich stöhne auf. Kann es noch schlimmer werden?
„Weil der Ring von dir ist. Und weil ich dich liebe“, sage ich mühsam. „Und es tut mir leid, wie ich mich verhalten habe. Ich wollte dich nicht verletzen, aber ich bin manchmal furchtbar, das weiß ich und ich werde mich bemühen, es in Zukunft nicht mehr zu sein.“
Es ist heraus, dem Himmel sei Dank ist es heraus! Aber wie wird er darauf reagieren? „Kannst du mir das verzeihen?“, füge ich leise hinzu.
Georg kommt auf mich zu und ich schöpfe neue Hoffnung.
„Gut, dass du es endlich gesagt hast. Ich liebe dich auch!“ Er zieht mich ins Haus hinein. Er küsst mich hart, und ich dränge mich an ihn, seine Nähe ist so berauschend, so verheißungsvoll. Ich will ihn und ich will es jetzt unbedingt!
Er schiebt eine Hand unter mein Kleid.
Ich sage mit zitternder Stimme: „Das Kleid hat vorne einen Reißverschluss.“ Er lacht und öffnet mein selbst genähtes Kleid mit dem Reißverschluss - und ich bin nackt darunter.
Im ersten Augenblick ist er erstaunt, aber es gefällt ihm wohl. Er küsst erst meine Brüste, dann kniet er sich vor mich hin und küsst meine Scham, während ich mich lüstern an ihn schmiege. Er richtet sich auf, schaut mich begehrend an, macht sich nicht die Mühe, seine Boxershorts auszuziehen, er streift sie nur herunter, während ich atemlos auf ihn warte, er drängt mich an eine Wand, hebt mich hoch und dringt in mich ein, während ich mich an ihn klammere.
„Du willst mich?“ Ich höre seine Stimme kaum noch, bin total erregt.
„Ich will nur dich, mein King!“, sage ich mühsam.
Ich halte mich an ihm fest und kaum eine Zeit danach trägt er mich ins Gästezimmer, wo es ein Gästebett gibt, auf dem man es treiben kann. Und wir treiben es, bis wir beide total erschöpft und befriedigt sind.
„Nennt man das Versöhnungssex?“, frage ich ihn danach. „Dann sollten wir uns öfter streiten.“
„Nein, besser nicht, na gut, ab und zu schon.“ Georg umarmt mich fest, genauso wie ich ihn. Kann man sich noch enger an jemandem festhalten? Nein, das geht nicht.
„Ist alles in Ordnung zwischen uns?“, fragt er mich.
„Hättest du mich gehen lassen, einfach so? Warum bist du nicht gekommen, um mich zu holen?“
„Ich war fast schon so weit ...“, seine Stimme stockt, bevor er weiterspricht, „aber ich wollte es dir überlassen. Warum? Mein Stern, ich kenne dich mittlerweile gut, wenn auch nur aus deinen Briefen. Ich weiß, dass du nie im Leben einen schwächeren Partner akzeptieren wirst. Aber hier bin ich, einer der dich liebt und der mit dir klarkommen wird.“
Das ist wunderbar und aufschlussreich. Habe ich ihn unbewusst mit all meinen Sehnsüchten und Wünschen konfrontiert? Und dazu mit meinen schlechten Eigenschaften? Falls ja, dann hat er mich sozusagen ausgelesen.
„Und du willst mich immer noch heiraten?“
„Ach komm schon, mein Stern! Ich werde dich jetzt nicht mehr loslassen, es wird geheiratet! Nimm dir einen Tag Urlaub, dann können wir das Aufgebot in die Wege leiten und noch im Herbst Hochzeit feiern.“
„Mist, ich dachte, ich könnte aus dieser Nummer rauskommen. Obwohl der Hochzeitstanz bestimmt viel schlimmer ist.“
Georg fängt an zu lachen. „Wir werden sehen und tanzen ...“
„Und noch was“, das muss ich ihm unbedingt sagen, „ich werde nicht bei dir arbeiten, ich suche mir woanders einen Job, es reicht mir, wenn du im Bett mein Chef bist.“ Atemlos höre ich auf zu sprechen.
„Ich bin also dein Chef im Bett, das gefällt mir! Mein Stern, ich liebe dich. Vor allem, weil du so total selbstständig bist. Und das sollst du auch bleiben.“
Für eine lange Weile schweigen wir, sehen uns an, umarmen uns und sind einfach nur glücklich.
Plötzlich fällt mir ein: „Hilfe, wo sind die Katzen abgeblieben?“
„Sind wohl in den Garten gelaufen“, sagt Georg. „Es war sehr ergreifend, als du mit ihnen vor der Tür standst ...“
„Sie ahnen es, wenn ich unglücklich bin. Himmel, hoffentlich haben sie Arnie nichts angetan!“ Ich stehe auf, suche mein Kleid, steige hinein, ziehe hastig den Reißverschluss hoch und gehe mal gucken.
Was ich im Garten sehe, wundert mich: Auf der bunt blühenden Sommerwiese liegt ein entspannter Hund und nicht weit von ihm liegen zwei entspannte Katzen, die sich gerade im hohen Gras herumwälzen. Ich atme erleichtert auf und kehre ins Gästebett zurück.
„Die tun sich nichts, aber trotzdem werde ich sie bei Daddy lassen. Ist ja nicht weit und ich kann sie immer besuchen.“ Dabei muss ich an frühere Aussagen denken, von wegen, dass ich nie ohne meine Katzen bei einem Mann einziehen würde.
„Ach komm schon, du liebst die Jungs und sie sollten hier sein. Arnie wird sich schon dran gewöhnen.“
Ach Georg, wieso versteht er mich so?
Wieder schweigen wir. Bis ich schließlich sage: „Gibt es denn nun eine Vorsehung? Mittlerweile glaube ich daran. Wie sonst hätte ich dich finden können, mein King. Vielleicht war es sogar meine Mutter, die uns zusammengeführt hat. Leider musste sie dazu sterben.“
Georg nimmt mich noch enger in den Arm: „Nein, es war keine Vorsehung, ich habe darauf hingearbeitet. Ich habe immer den Kontakt zu dir gesucht. Über deinen Vater und später über deine Mutter. Ich habe abgewartet, denn du musstest selber darauf kommen, dass Hardy nicht der Richtige für dich war.“
Ich muss an Hardy denken. Ich hätte um ihn kämpfen sollen, als ich verleumdet wurde und er mir nicht glaubte. Aber ich habe es nicht getan und jetzt weiß ich auch warum: Es war nicht genug Liebe da. Ich umarme Georg innig und küsse ihn, dränge mich an ihn und genieße seine Männlichkeit. Ach Georg, du bist Freund und Geliebter gleichzeitig.
„Denkst du manchmal noch an ihn?“
Also macht er sich doch Gedanken darüber. Nach kurzem Zögern sage ich: „Nicht oft. Aber wenn, dann verschafft es mir Klarheit. Es konnte nicht gut gehen - mit oder ohne seine beknackte Schwester. Er ist in Wirklichkeit ein Knabe, er sucht immer nach Neuem, um es faszinierend zu finden. Auch das mit der Liebe war neu für ihn.“
Georg sagt nichts, sondern schaut mich nur von der Seite her an.
„Ich habe ihm nie gesagt, dass ich ihn liebe. Ich habe gesagt, dass ich ihn liebhabe. Und so was sagt man doch eher zu einem Knaben. Vielleicht hatte ich Angst vor Männern. Aber du bist ein Mann, mein erster Mann. Und es ist das erste Mal, dass ich es ausgesprochen habe.“
Georg schweigt und schaut mich immer noch aufmerksam an.
„Ich hatte Hardy ein Eishockeytrikot geschenkt, weil er geil darin aussah. Ich habe es ihm gelassen. Er kann darin andere Frauen beglücken und es ist mir egal.“
„Ich habe früher Eishockey gespielt“, sagt Georg nach einer Weile. „Im Winter, wenn die Teiche zugefroren waren.“
„Mein geliebter King, das ist noch geiler als so ein blödes Trikot!“
-*-*-
Es ist Sonntagnachmittag und da geht man als Daarauer immer in den Wald. Ich habe mittlerweile Unterwäsche an, was Georg sehr bedauert. Pascha und Kiddie begleiten uns, halten aber respektvoll Abstand zum Hund Arnie, obwohl sie ihn nicht fürchten. Die anderen Spaziergänger lachen sich kaputt darüber. So was haben sie bestimmt noch nie gesehen.
Ich muss an die vielen Sommer denken, die ich als Kind in Daarau verbrachte. Ich war so froh, meiner Mutter für ein paar Wochen nicht ausgeliefert zu sein.
Vieles hat sich seitdem in Daarau verändert, aber manches auch nicht. Hinter dem Herrenhaus gibt es immer noch einen breiten Pfad, er führt an einer Backsteinmauer entlang, von der wilder Wein herunterrankt, vermischt mit Efeu.
Wir kommen an Bauerngärten vorbei, in denen Dahlien, Astern und steife Gladiolen buntsommerlich blühen. Ab und zu erhaschen wir einen Blick auf den Mittleren Teich, der mit Entengrütze bedeckt ist und auf dem Schwäne schwimmen.
Dann gehen wir durch die Gemeindegärten, wo jeder im Dorf ein Stück Land bestellen kann seit uralten Zeiten. Diese Gärten werden kaum noch genutzt, weil man in den Supermärkten viel billiger einkaufen kann. Aber ein paar davon sind immer noch mit Gemüse bepflanzt.
Pascha und Kiddie treten zögernd den Rückzug an, sie haben die Grenze ihres Reviers erreicht und nehmen laut klagend Abschied von uns.
Georg und ich halten uns an den Händen. Es ist schön, mit Georg zu schweigen und ihn an meiner Seite zu wissen.
Wir laufen nun in Richtung Wald. Am Anfang geht es leicht bergauf zwischen schon abgeernteten Kornfeldern, dann ist der Weg gesäumt mit Brombeerbüschen, später erscheinen sporadisch Heidepflanzen und Birken, bevor wir den Saum des Waldes erreichen. Dort wachsen nur Fichten, aber dieser strenge monotone Wald ist für mich der typische Wald, mein Märchenwald, mein finsterer Tann.
Ich erinnere mich: Es gab im Wald eine große Lichtung, eine natürliche Wiese, umsummt von allerlei Insekten. Ich kletterte immer auf den Hochsitz am Rande dieser Lichtung. Das war damals schon eine altersschwache Kiste. Aber es lohnte sich, denn wenn man sich eine Weile still verhielt, kamen Rehe auf die Lichtung, um dort zu äsen.
„Gibt es diese Wiese noch?“, frage ich Georg. „Die mit dem Hochsitz?“
„Ja. Und wir sind ganz nahe daran.“ Georg führt mich dort hin - und sie sieht genauso aus wie früher. Auch der Hochsitz ist noch da.
Ich klettere hoch, habe zwar Angst, dass das morsche Holz unter mir zusammenbricht, aber ich schaffe es nach oben. Ich sehe hinunter auf die Wiese und dann in den Wald hinaus. Ich bin wieder zu Hause. Und plötzlich muss ich an Hardys Schwester Regina denken. Warum? Sie schrieb etwas von Kopfbahnhöfen und dass man dort die Wahl hätte, ob man in einen anderen Zug einsteigen - oder gar zurückfahren sollte. Ich bin zurückgefahren, nämlich in meine frühe Kindheit. Und der Entschluss war gut, hier ist mein Zuhause, weil Georg hier ist.
Ich sehe mich als Kind in der Abenddämmerung auf dem Waldweg entlang gehen, kurz vorm Ende der Ferien. Und immer habe ich das Gefühl, dass jemand rechts neben mir geht. Könnte es mein Geliebter aus der Zukunft sein? Aber ich kann ihn nicht erkennen. Da ist nur eine verschwommene Gestalt ohne Gesicht.
Ich blicke versonnen auf die Wiese herab, doch dann spüre ich jemanden neben mir. Es ist ein Kind. Habe ich gerade eine Vision? Es kann nicht sein. Ich bin es selber im Alter von vielleicht neun Jahren. Das Kind schaut mich an, es lächelt und nimmt meine Hand. Du darfst nicht traurig sein, sagt es. Traurig sein ist nicht gut.
Ich bin es selber. Und plötzlich sehe ich alle kleinen Mädchen, die ich einmal war, eine endlose Reihe von blonden Köpfen. Und ich möchte sie davor warnen, ihr Herz zu verhärten in Reaktion auf zukünftige Ereignisse. Ich möchte ihnen raten, ihre Tränen nicht zu unterdrücken, ich möchte ihnen zeigen, dass sie geliebt werden, auch wenn sie es später nicht glauben können.
Ich habe sie jahrelang verdrängt, sie einfach nicht wahrgenommen. Und es tut mir leid. Denn sie sind ich und ich bin sie. Und ich liebe sie.
Und durch diese Liebe fange ich endlich an zu sein. Ich und all mein jüngeren vertrauensseligen Ichs verschmelzen miteinander und fügen zu einem neuen Ich zusammen. Und das gibt mir das Gefühl, endlich ganz zu sein und nicht so zerrissen wie zuvor.
Ich wache aus meinem Tagtraum auf und klettere vorsichtig den Hochsitz hinunter. Georg passt unten auf, er wird mich auffangen, wenn ich stürze.
„Wo treibst du dich herum, mein Stern?“
„Nur in meinen Gedanken“, sage ich.
„Komm, wir gehen nach Hause.“ Er nimmt meine Hand.
Er geht rechts neben mir. Der unbestimmte Nebel aus der Vergangenheit nimmt auf einmal bestimmte Konturen an, und endlich sehe ich sein Gesicht, das Gesicht des unbekannten Geliebten aus der Zukunft.
„Du bist es? Du bist es immer gewesen?“

-*-*--*-*--*-*- E N D E -*-*--*-*--*-*-

Ich bedanke mich bei euch für das viele Lesen, für die Kommentare und die grünen Punkte.
Es gibt eine fünfteilige Fortsetzung zu den „Kopfbahnhöfen“ und hier geht es los:
http://webstories.eu/stories/story.php?p_id=129065
 
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Kommentare  

Ein toller Schluss. Erotisch und nachdenklich machend. Außerdem traumschön. Ich liebe deine Romane. Man taucht da immer in eine völlig neue Welt ein. Man kann deine Protas sehr gut verstehen, deren Handlungen sind wirklich nachvollziehbar. Es ist alles leicht zu lesen und stets unterhaltsam. Kurz: wieder ein ganz toller Roman.

Evi Apfel (02.08.2022)

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