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5 Seiten

Der Korridor

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Klement ist unterwegs. Bewegung tut ihm gut. Das regt seine grauen Zellen an. Sein Geist kommt in Bewegung, wie es auch bei seinem Körper der Fall ist. Er denkt über sein Leben nach; was es bedeuten könnte; wie es in einem Zusammenhang zu den anderen Menschen stehen könnte. Macht das Leben nicht eben dies aus: die Beziehungen zu den anderen Menschen? Zu den Mitmenschen? Die Einstellung, die man zu ihnen hat, bestimmt sehr wahrscheinlich existentiell mit, welches Leben man führt; welche Leute einem sympathisch sind; welchen man besser aus dem Weg geht; mit welchen man Konflikte haben muss, um sein Leben so zu leben, wie man es selbst für richtig hält. Vieles scheint schon vorgegeben. Nur einiges scheint über die Erfahrungen erworben zu sein.
Der Lebensweg ist zum größten Teil vorgezeichnet. Kann es hierbei überhaupt einen Ausweg geben? Die Art der Wege, die er theoretisch beschreiten kann, sind vorgegeben, ebenso wie es ja auch hier der Fall ist. Er kann in diesem Wald jede Richtung einschlagen, die er nur möchte. Er kann an jeder Biegung nach links oder nach rechts gehen; er kann jederzeit zurückgehen; er kann auch querfeldein gehen, wenn er es möchte, nur dann mit einem größeren Risiko verbunden, den Weg zum See nicht finden zu können, der heute sein Ziel ist. Der mögliche Raum bleibt immer begrenzt, und die Möglichkeiten zum See zu kommen, ebenso.
Er könnte sich die Mühe machen, einen neuen Weg zum See zu kreieren, der vielleicht schneller ist, als den, den es schon gibt. Doch angesichts der Mühe, die es bedeuten würde, diesen Weg zu ermöglichen, scheint im Vergleich die Mühe, den etwas längeren Weg zu gehen, den es schon gibt, viel geringer zu sein.
Die Wege wurden von anderen Menschen als ihm angelegt. Vielleicht schon vor Jahrhunderten, oder noch länger. Andere Menschen als er bestimmten und bestimmen, wie der Wald aussieht, durch den er gerade schreitet; welche Bäume gefällt werden können und welche Art von Baum für die Wiederaufforstung verwendet wird. Alles ist bereits vorgegeben, und von ihm im Grunde gar nicht zu beeinflussen.
Vieles, was er erblickt, versteht er auch gar nicht. Für die Dinge sind aber dennoch Leute verantwortlich; kennen sich damit aus; arbeiten vielleicht jeden Tag damit; sorgen dafür, dass es läuft, weil es für die angrenzende Stadt eine Grundvoraussetzung dafür ist, dass dort überhaupt Menschen leben können. Zum Beispiel, wie man das Wasser des Sees aufbereitet, um es als Trinkwasserreservoir der Stadt zur Verfügung zu stellen. In heißen Sommern eine sehr wichtige Aufgabe. Um den See herum stehen überall Schilder, auf denen steht, dass es sich um ein Wasserschutzgebiet handelt. Er läuft an den Schildern vorbei; nimmt diese zur Kenntnis, hat aber nichts weiter mit ihnen zu tun. Den Fachleuten, die dafür verantwortlich sind, werden diese Schilder viel mehr sagen, als ihm. Sie durchschauen ihre Bedeutung wesentlich mehr; kennen den Nutzen für die Stadt, der dahintersteckt, und vor allem auch die Arbeit.
Er läuft die Wege weiter in Richtung See. Er ist jetzt schon sehr nahe dran; hört schon die Stimmen der vielen Leute, die sich heute am Rande des Sees an den vielen Badestränden um ihn herum eingefunden haben. Es wird viel los sein. Heute ist es schon wieder über 30 Grad im Schatten.
Die Gesellschaft scheint ihm in dieser Weise aufgebaut zu sein: viele Menschen leben zusammen; alle haben etwas zu tun; jeder kennt nur seine Aufgabe; ist auf sein Gebiet spezialisiert, hat aber keine Ahnung von den Aufgaben des anderen. Wir haben Beziehungen untereinander, die auf die Arbeit bezogen sind, die Kollegen eben. Wir haben Beziehungen, die auf unsere Freizeit bezogen sind, zum Beispiel in einem Sportverein. Wir gehen Verknüpfungen mit anderen Menschen ein, auf den unterschiedlichsten Ebenen. Auf jeder dieser Ebenen nehmen wir Rollen ein; Verhaltensmuster; Verhaltenskodexe. Bei Nichteinhalten der Verhaltenskodexe werden wir sanktioniert und bei Erfüllung belohnt. Wir haben ein Privatleben, ein Arbeitsleben, ein Freizeitleben. Überall sind Verknüpfungen und Regeln des Zusammenlebens. Alles ist vorherbestimmt; alles ist kultiviert, so wie dieser Wald hier auch. Alles ist auf Nutzen ausgelegt, zumindest auf den menschlichen Nutzen. Denn wir gehen zwar Verbindungen zueinander ein, teils tiefe, teils oberflächliche, je nachdem, was gerade angemessen erscheint, aber zu den Tieren gehen wir in der Regel keine tiefere Verbindung ein und auch nicht zu den Pflanzen. Wobei es auch hierbei wieder Spezialisten gibt, die sich damit auf unterschiedlichen Ebenen und unterschiedlich empathisch auseinandersetzen. Man denke nur an Botaniker, Forstwirte, Blumenhändler, Jäger oder Naturforscher, um nur einige von ihnen zu nennen. Auch dies wurde Spezialisten übergeben, und alle anderen halten sich mehr oder weniger dabei heraus.
Klement hat nun bald den See erreicht. Die Stimmen der Menschen werden lauter, um so näher er dem See kommt. Er hört auch Musik, irgendeine moderne Popband, die er nicht kennt, die er aber schon öfters gehört hat; schon öfters irgendwo aufgeschnappt hat. Auch mit der aktuellen Popmusik kennt er sich nicht wirklich aus. Auch hierbei scheint es Spezialisten zu geben.
Manchmal kommt es ihm so vor, als sei das Leben wie das Laufen durch einen Korridor. Man fängt bei der Geburt an, geht immer weiter geradeaus, und kommt irgendwann bei der letzten Tür direkt vor einem an, durch die man schreitet; schreiten muss, und dann ist alles vorbei. Auf dem Weg dorthin sind links und rechts Türen. Man hat die Möglichkeit, wenn man es möchte, und wenn man Zeit, Lust und Interesse hat, bei diesen Türen durchs Schlüsselloch zu blicken. Nicht bei allen diesen Türen hat man die Möglichkeit, diese auch zu öffnen. Die Meisten von ihnen sind fest verschlossen. Man kann oft nur einen kurzen und sehr eingeschränkten Blick durch das Schlüsselloch erhaschen, dann muss man aber auch schon weitergehen. Manche Türen lassen sich auch einfach so öffnen, und man kann etwas Zeit oder auch etwas mehr Zeit investieren, um sich darin umzusehen; um verstehen zu können, was dahinter ist und welche Bedeutung es hat oder haben könnte. Irgendwann muss man dann aber seinen individuellen Weg durch den Korridor weiter beschreiten.
Um manche Türen öffnen zu können, muss man sehr viel Zeit investieren. Hat man dann eine Tür mit viel Mühe irgendwann tatsächlich geöffnet, kann man oft nur feststellen, dass sich dahinter die nächste Tür befindet, die noch schwieriger zu öffnen ist, als die davor. Man kann erneut Zeit investieren, oder sich entscheiden, lieber zum Korridor umzukehren, und einfach weiter zu gehen.
Die meisten Türen bleiben verschlossen und man kann sich nicht mit allem so intensiv beschäftigen, wie es den Spezialisten möglich ist.
Einem Labyrinth ähnlich. So würde es wohl von oben aussehen. Genau wie die Wege durch diesen Wald. Ein Hauptgang führt aber konsequent vom Anfang zum Ende hin, den jeder beschreiten muss. Zwar gibt es manchen Umweg, doch am Ende kommen alle an der gleichen Tür an. Es ist die einzige Tür, bei der man keine Wahl hat; bei der man sich nicht entscheiden kann, ob man hindurchgehen möchte, oder nicht.
Klement kommt am See an. Er geht an dem Strandabschnitt vorbei, an dem viele Leute sind. Es sind vor allem junge Leute hier. Ein einziger lauter Trubel. Sie scheinen ausgelassen zu sein; scheinen sich zu amüsieren; scheinen ihr Leben zu genießen; scheinen sich überhaupt nicht über die Dinge zu kümmern, um die sich Klement so viele Gedanken macht. Er wird nicht neidisch. Doch er hat durchaus auch Verständnis dafür.
Er entfernt sich von dem Trubel. Dieser wird immer leiser hinter ihm. Irgendwann ist es nur noch in weiter Ferne zu hören. Der Rand des Sees ist hier bewaldet. Es gibt Schatten und viele versteckte Plätze, an die man sich setzen kann und einen wunderbaren Blick auf den See genießen kann. So macht er es. So hat er es vor.
Er schließt seine Augen und lauscht den Geräuschen um ihn herum. Er hört das Wasser des Sees, das in kleinen Wellen an das Ufer bricht, an dem er gerade sitzt. Das Ufer ist etwas erhöht hier. Er saugt tief und bewusst die Luft ein. Das Wasser riecht hier etwas modrig. Das macht ihm aber nichts aus, weil er es als authentisch empfindet. So riecht das nun einmal. Er versucht diesen Moment intensiv zu erleben. Es ist das, was er gesucht hat, weil es ihm ermöglicht, etwas innerlich zur Ruhe zu kommen. Es ist eine Tür, die sich sehr leicht öffnen gelassen hat, an der aber die meisten Menschen einfach so achtlos vorbeigegangen sind. Das macht diese Tür zu etwas Besonderem. Vielleicht, gerade weil sie so leicht zu öffnen ist, erkennen die Menschen nicht ihren Wert. Denn Wert scheinen die Meisten nur mit etwas verbinden zu können, das für sie schwer zu erreichen ist, und wie viele andere es haben wollen. Also nur mit Dingen, die bei den anderen Menschen Neid auslösen.
Klement würde angesichts dieser absurden Verhaltensweisen der meisten Menschen fast laut auflachen wollen. Doch das Lachen bleibt ihm im Halse stecken. Diese Tatsache ist nicht lustig. Sie ist eher traurig. Eigentlich müssten die Menschen darüber aufgeklärt werden, was im Leben tatsächlich einen Wert hat, und was nicht.
Er seufzt tief, weil er erkennt, dass dies reine Zeitverschwendung wäre. Denn entweder hat ein Mensch Antennen dafür, oder eben nicht. Der Weg eines jeden Menschen ist vorgezeichnet, und daran lässt sich nun einmal nichts ändern. Und was nicht zu ändern ist, das muss man akzeptieren.
Er öffnet wieder seine Augen. Er sieht immer noch das Gleiche wie zuvor, doch sein Blick auf die Dinge hat sich dennoch ein kleines Stück verändert. Er ist zufrieden, und das ist das Beste, was er heute hätte erreichen können.
 
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Kommentare  

Freut mich sehr, dass diese Geschichte gefällt.
LG,


Siebensteins Traum (08.08.2023)

Ein guter, philosophischer Text. Dein Clemens
gefällt mir.
Gruß von


rosmarin (04.08.2023)

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