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Die Belfast Mission - Kapitel 01

Romane/Serien · Fantastisches
Kapitel 01 – Operation Murdoch

Mittwoch 10. April 1912, Southampton 10:03 Uhr

Obwohl es sein erster Diensteinsatz war und ihm obendrein ein äußerst wichtiger Auftrag zugeteilt wurde, um die Mission erfolgreich abzuschließen, spürte Ike van Broek nicht die geringsten Anzeichen innerer Unruhe. Diese Operation musste ihm unbedingt gelingen, egal wie, ansonsten wären die wochenlangen Recherchen im Archiv, sowie die kostspieligen und äußerst aufwendigen Vorbereitungen umsonst gewesen, und die eigentliche Mission wäre gescheitert. Überdies riskierte Ike sein Leben, aber das taten letztendlich alle Geheimagenten, die bei diesem Einsatz mitwirkten.
Auf dem Weg vom Hafen in das gegenüberliegende South Western Hotel überlegte Ike van Broek, ob es vielleicht nach einer Niederlage seinerseits doch noch eine weitere Chance geben könnte, die Mission erfolgreich zu beenden, obwohl der Einsatzleiter Agent Thomas dies ausschloss und ihm ins Gewissen redete, er solle es bitte nicht vermasseln.
Ikes charismatische Erscheinung sowie sein ausgeprägtes Selbstvertrauen ließen ihn seriös wirken, seine Herrengarderobe wählte er stets zeitgemäß aus und stand ihm ausgezeichnet, aber dennoch, genau diese Attraktivität hindert eine Person meist daran, unscheinbar handeln zu können. Aber irgendjemand musste es tun und leider stand der Einsatzleitung momentan lediglich zwei fabelhaft herausgeputzte Geheimagentenanwärter zur Verfügung, sogenannte Schleuser, die kürzlich erst die Akademie verlassen hatten, weshalb dem Secret Service nichts anderes übrig geblieben war und man sich letztlich für van Broek entschieden hatte.
„Unternimm ja nichts Törichtes!“, gab ihm Agent Thomas warnend mit auf dem Weg. „Wir sind hier im konservativen England, also grüß brav die Herrschaften und unterlasse vor allem die Turteleien mit den Damen. Ike, konzentriere dich ganz auf deinen Auftrag!“

Was mochten die Leute wohl über Ike gedacht haben? Der ist bestimmt einer dieser amerikanischen Millionäre, ein wohlhabender Erbe vielleicht oder möglicherweise ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann, der mit einem Luxusdampfer wie die RMS Mauretania ständig von New York nach Europa und wieder zurückpendelte, wann immer es ihm beliebt. Ein sehr Reicher jedenfalls. Immerhin war Ike eine imposante Erscheinung; er war einsachtzig groß, fünfundzwanzig Jahre jung, trug sein kurzes schwarzes Haar ordentlich zu einem Seitenscheitel gekämmt, das vom aufgetragenem Haarwasser glänzte, und sein wohlgeformtes Gesicht schmückten zwei hellblaue Augen, die stets freundlich drein schauten. Einige Damen schauten ihm sogar heimlich hinterher, denn ein junger, gutaussehender Mann mit breiten Schultern ist schließlich attraktiv.
Mit zügigen Schritten ging er eilig voran. Sein geöffneter, hellgrauer Mantel flatterte sachte und die entgegenschreitenden Passanten wichen ihm entweder instinktiv aus oder blieben einfach stehen, um diesen stattlichen Mann an ihnen vorbei zu lassen.
Dieser Sonderauftrag war Ikes große Chance zu beweisen, was in ihm steckte, wohl aber auch sogleich die einzige und vorerst letzte Gelegenheit, falls er es verpatzen würde. Dessen war er sich bewusst, gleichzeitig aber auch, dass er bereits während seiner Ausbildung schon zur Elite zählte und dies zukünftig auch so bleiben würde. Das stand für ihn außer Frage, weil sein Ego ihm dies tagtäglich im Spiegelbild eintrichterte und es ihn ohnehin schon seit seiner Kindheit angespornt hatte, der beste Geheimagent zu werden.

Ike huschte zwischen geparkten Automobilen und Pferdekutschen hervor und überquerte einfach stur die Straße. Reifen quietschten; die Hupe eines Automobils trötete, als Ike einfach seine flache Hand vor dem klobigen Kühlergrill hielt, während er rücksichtslos vorbeimarschierte. Aufgebracht klappte der Fahrer die Windschutzscheibe nach vorne um.
„Sagen Sie mal Mister, sind Sie denn völlig übergeschnappt?“, empörte sich der Autofahrer, aber Ike ließ sich nicht provozieren, ignorierte den entrüsteten Mann und ging einfach weiter. „Sind Sie lebensmüde? Beinahe hätte ich Sie umgefahren!“, brüllte dieser ihm noch hinterher.
Als er fast die Straßenmitte erreicht hatte, vernahm er kurze, schnelle Schritte hinter sich heraneilen. Plötzlich packte ihn jemand an der Schulter und riss ihn grob herum.
„Hab ich dich endlich, Freundchen! Sag mal, was fällt dir eigentlich ein, unser Bankkonto einfach aufzulösen? Bist du noch bei Trost?“, fuhr der Mann ihn keuchend sowie zornig an. Ike blickte ihm verdutzt ins Gesicht.
„Rijken? Was machst du denn hier?“, fragte er überrascht, setzte seinen Fußmarsch aber einfach fort.
Nach dessen Erscheinung zu urteilen, hätte er durchaus Ikes Cousin zweiten Grades sein können. Er war ungefähr seines Alters, allerhöchstens drei Jahre älter, gab genauso eine stattliche Figur ab und sah ebenfalls blendend aus. Bekleidet war dieser junge Herr mit einer schnieken Bundfaltenhose und einem hellgrauen Sakko, darunter trug er eine passende Oberweste, in dessen Brusttasche eine Taschenuhr steckte. Ein beigefarbener Hut bedeckte sein kurz geschnittenes Haar und seine braunen Augen schauten Ike verärgert an, während er neben ihm beharrlich Schritt hielt.
„Was zum Geier treibst du eigentlich hier, van Broek? Du müsstest doch normalerweise in Irland sein!“, fuhr ihn Marko Rijken verwundert an.
„Irland? Wieso in Irland? Was redest du da für einen Unsinn? Du kommst mir sehr ungelegen, also verschwinde. Lass mich in Ruhe, Marko!“
Wegen diesen beiden Männern, die einfach rücksichtslos eine verkehrsreiche Hauptstraße überquerten, waren weitere Automobile gezwungen abrupte Vollbremsungen hinzulegen. Wutschnaubend drückten die Fahrer die Hupen, die seitlich an der Karosserie befestigt waren, und fuchtelten ihnen zornig ihre Faust entgegen, zumal sie plötzlich sogar mitten auf der Straße stehen blieben, um zu diskutieren.
„Runter von der Straße, ihr zwei Armleuchter. Seid ihr noch von Sinnen?!“, schimpften sie.
Marko atmete einmal tief durch.
„Dir habe ich eine Konventionalstrafe von 80.000 Euro zu verdanken, van Broek. Was sagst du dazu?“
„Keine Ahnung, was du meinst. Geh mir endlich aus dem Weg, ich habe zu tun. Mir steht ein äußerst wichtiger Auftrag bevor!“, zischte Ike, schubste ihn und ging weiter. Marko Rijken aber blieb beharrlich an seinen Fersen und penetrierte ihn weiterhin.
„Das könnte dir so passen. Spiel jetzt bloß nicht den Unwissenden. Nur weil dir eine Mission zugeteilt wurde brauchst du trotz alledem nicht zu denken, dass die Welt sich nur noch um dich dreht und du über das Bankkonto nach Belieben verfügen darfst. Es ist godverdomme ein Gemeinschaftskonto, an dem sich auch noch andere Schleuser bedienen müssen, wie ich zum Beispiel!“, motzte Marko Rijken.
„Ich weiß wirklich nicht, wovon du redest. Weder wurde mir eine Mission anvertraut, noch weiß ich etwas von einem gemeinsamen Bankkonto. Und in Irland war ich noch nie in meinem Leben gewesen. Ich erledige gerade einen Sonderauftrag für Thomas und Henry, mehr nicht. Würdest du mich also bitte in Ruhe lassen, Marko? Zieh Leine!“
Marko Rijken packte ihn wütend am Kragen seines Überziehers, ließ ihn aber, von seiner eigenen Unbeherrschtheit erschrocken sogleich wieder los, und strich ihm gekünstelt lächelnd mit seinen Handrückenflächen über die Schultern, so, als wenn er ihn vom Staub säubern wollte. Marko öffnete leicht seinen Mund, starrte ihn dabei scharf an und hielt einen Augenblick inne, bevor er ihn mit einem ruhigen, zynischen Unterton aufklärte.
„Der verdomme Autokühler meines Tin Lizzys ist gestern geplatzt, weshalb ich unbedingt ein neues Ersatzteil benötigte. Als ich allerdings das Bankinstitut aufsuchte, um ein wenig Bargeld abzuheben, erklärte man mir: Tut uns leid Mister Rijken, aber nada, empty, niente, finito. Verdomme! Das beschissene Bankkonto wurde aufgelöst, nicht einen einzigen Penny konnte ich abheben. Also war ich gezwungen einen Kredit von lächerlichen achtunddreißig Pfund aufzunehmen und das ohne Genehmigung seitens der Sicherheitszentrale. Gestern zog nämlich eine Schlechtwetterfront über Südengland und hatte deshalb keine Funkverbindung. Die Sicherheitszentrale ist trotzdem irgendwie dahintergekommen, dass ich einen Kredit illegal in Anspruch nahm. Und das alles nur wegen dir!“, brüllte er.
Ike lachte kurz schadenfreudig auf, zuckte aber sogleich mit seinen Schultern.
„Tja, war wohl nicht dein Tag gewesen, Rijken. Pech gehabt. Du bist dämlich. Du hättest besser abwarten sollen, bis die Funkverbindung wieder hergestellt war. Dann würde man dir jetzt keine Bereicherung an der Vergangenheit vorwerfen.“
Die Zeit drängte und es waren nur noch wenige Schritte bis in die Lobby des South Western Hotels. Ike wandte sich von ihm wortlos ab, daraufhin zerrte Marko ihn erneut zurück und packte ihn abermals wütend am Kragen.
„Wichser!“, fauchte er ihn zornig an. „Du schuldest mir achtzigtausend Riesen und die hol ich mir von dir zurück, van Broek. Egal wie. Das garantiere ich dir. Ich werde dich verklagen, sobald die Mission Titanic beendet ist. Meine Rechtsanwälte werden dich fertig machen und dir gewaltig den Arsch aufreißen. Verlass dich drauf!“
Ike blickte mit hochgezogenen Augenbrauen abwechselnd demonstrativ auf Markos geballte Fäuste, die seinen Mantelkragen umklammerten, woraufhin Marko Rijken losließ, während er ihm feindselig in die Augen starrte.
„Rijken, seit der Uni mögen wir uns zwar nicht sonderlich, aber ich schwöre dir Partner, ich habe keinen blassen Schimmer, wovon du redest. Ich weiß nichts von alledem, was du mir vorwirfst. Also verpiss dich endlich und belästige mich nicht weiter. Ich sag es dir jetzt zum letzten Mal, du Penner. Ich habe einen äußerst wichtigen Job zu erledigen. Also, zisch ab!“, sagte Ike und stieß ihn von sich weg.
Plötzlich wurde Marko Rijken von zwei uniformierten Bobbys an seinen Armen gepackt und abrupt weggezerrt. Zuerst guckte er verdutzt, ließ sich aber jedoch ohne Gegenwehr von beiden Polizisten abführen, als sie ihm eine Karte vor die Nase hielten, darauf etwas geschrieben stand. Zornig schaute er Ike hinterher, während die Bobbys ihn abführten.
Ike massierte sich mit seinen Fingern nachdenklich die Stirn. Zwar disste er seinen Kontrahenten bereits seit der Universität leidenschaftlich gerne, wofür Marko sich stets rächte, Ike es ihm wiederum irgendwann heimzahlte und Rijken es nicht lange auf sich sitzen ließ, und so weiter und so fort. Aber diesmal konnte Ike van Broek sich absolut nicht daran erinnern, Marko Rijken letztens irgendwie gemobbt oder gar geschadet zu haben. Geschweige denn wusste er absolut nichts davon, dass er angeblich ein geheimes Bankkonto aufgelöst haben sollte.

Das South Western Hotel Gebäude sah man schon anhand des klassischen Renaissancebaustils an, dass es sich hierbei nicht um irgendeine Absteige handelte, sondern um das luxuriöseste Hotel von Southampton. Dort checkte nur die Prominenz ein oder die es sich`s leisten konnten, mit der bevorstehenden Jungfernfahrt der Titanic in einer First-Class-Ambiente zu reisen. Kurz gesagt, man musste äußerst bekannt und sehr vermögend sein, um dort zu nächtigen.
Mit bestimmenden Schritten betrat Ike die Hotellobby – der davorstehende Hotel Boy bekam nicht einmal die Gelegenheit, wie es eigentlich üblich war und sein Job es auch so abverlangte, ihn angemessen im Hause des South Western Hotel zu begrüßen. Dieser fühlte sich sichtlich von Ikes selbstsicheren Auftreten überrumpelt und während der Hotel Boy dem zügig heranschreitenden Herrn die verglaste Ebenholztür öffnete, begrüßte er ihn stotternd: „G-guten Tag, Sir.“
Ike schritt über den glänzenden Marmorboden, schaute sich kurz um und ging dann zielstrebig zur Rezeption hinüber, hinter dem Tresen zwei junge Damen und ein Mann mit einem gezwirbelten Oberlippenbart die Hotelgäste abfertigten. Die jungen Frauen starrten ihn respektvoll an und beobachteten, wie er direkt auf sie zumarschierte. Dieser junge Herr erweckte sofort den Anschein, obwohl er ohne Gepäck erschien, dass er eine der teuersten Suite zu mieten beabsichtigte. Freundlich lächelnd trat Ike vor die Rezeption.
„Guten Tag, meine verehrten Damen. Mister van Broek, mein Name. Ich möchte meinem Freund, Schiffsoffizier William Murdoch, eine angenehme Reise wünschen, bevor er mit der Titanic in See sticht. Wie lautet seine Zimmernummer, bitte?“
Er lehnte sich mit verschränkten Armen auf die Tresen, bediente sich ungefragt an den Streichhölzern und kaute darauf lässig herum, während er der blonden Frau tief in die Augen flirtete.
„Vierhundertdreizehn“, schoss es aus ihrem Mund heraus und sie vergaß dabei die strenge britische Höflichkeit, die vor allem in diesem Hotel selbstverständlich als Pflicht galt, diesen Herrn mit Sir anzureden. Sicherlich war ihr dies im selben Augenblick bewusst geworden, denn sogleich presste sie sich verlegen ihre Hand auf dem Mund.
Sie lächelte, sie himmelte Ike an, als wäre er ein berühmter Komponist, ein bekannter Theaterschauspieler oder Schriftsteller, von dem sie schon seit ihrer Kindheitszeit geträumt hatte. Der Sog seiner Anmache zog auch die nebenstehende Brünette in seinen Bann, die sich daraufhin sogleich neben ihre Kollegin gesellte und ihm ebenfalls schöne Augen machte. Argwöhnisch verfolgte der nebenstehende Herr diese, seiner Meinung nach pikante Unterhaltung. Genervt von der ungehaltenen Art seiner Kolleginnen, zudem weil sie einfach die Zimmernummer eines Gastes herausgeplaudert hatten, behinderte er die schamlose Schäkerei, indem er sich zwischen ihnen zwängte und eine steife Haltung dem Gentleman gegenüber beibehielt. Mit einem aufgesetzten Lächeln versuchte der konservative Engländer, den Unbekannten zum Warten zu überreden. Denn eine weitere, ebenso wichtige Vorschrift der Hausordnung verlangte, dass der Hotelgast vorher über Besucher unbedingt informiert werden müsste.
„Sir, unsere Housekeeping wird Mister Murdoch unverzüglich mitteilen, dass Sie ihn erwarten. Ihr Name war sogleich noch einmal wie, Sir?“
„Mister van Broek.“
Der Rezeptionist räusperte sich.
„Ähm, Verzeihung … Bitte wie?“, hakte er nach.
„Van Broek!“, wiederholte Ike mit seinem ausgeprägten holländischen Akzent energisch.
„Besuchen Sie doch so lange unseren Salon, bis Mister Murdoch erscheint und Sie empfängt, Mister van Broek. Darf ich Ihnen dort einen Brandy anbieten, Sir?“
Ike rieb seine Hände und pustete das Strichholz von seinen Lippen.
„Danke mein Herr, nicht mehr nötig. Ich geh selbst zu ihm hinauf. Soll doch eine Überraschung werden, nicht wahr?“, antwortete Ike, zwinkerte den Damen zu und marschierte über die Hotellobby hinüber zum Fahrstuhl.
„Ja aber … Aber das dürfen Sie doch nicht einfach so!“, hörte Ike ihn empört stammeln. Kichernd tuschelten die jungen Damen und beobachteten, wie ihr Schwarm den Lift betrat. Ike verharrte augenblicklich, als der Lift Boy im Fahrstuhl vornehm fragte: „Welche Etage wünschen Sie, Sir?“ Daraufhin packte er ihn beherzt am Arm und beförderte den verdutzten jungen Mann einfach aus dem Lift hinaus.
„Du wartest hier bis mein Dienstmädchen mit meinem Gepäck erscheint!“, herrschte er ihn an.
Der Lift Boy schaute ihn fassungslos an und gerade, als er mit erhobenem Finger zum Reden ansetzte, schloss Ike eigenhändig das Schutzgitter des Fahrstuhls. Und noch bevor der emporsteigende Lift seine Gestalt komplett verdeckte, bückte er sich und winkte beiden Damen charmant aus dem Handgelenk zu, die daraufhin verzückt kicherten. Mit aufgebrachten Blicken musterte der Rezeptionist seine ungehaltenen Kolleginnen, deren Mundwinkel sowie winkenden Hände abrupt sanken.

Als der Fahrstuhl die zweite Etage passierte, entschwand plötzlich Ikes freundlicher Gesichtsausdruck und wirkte nun bedrohlich. Hastig kramte er in der Innentasche seines Mantels und holte eine silberne Handfeuerwaffe heraus, schraubte einen Schalldämpfer auf die Mündung und zog das Magazin aus dem Handgriff, um die Munition zu überprüfen. Das grün blinkende Lämpchen signalisierte, dass die Geschosse zurzeit auf Betäubung abgestimmt waren. Ike tippte mit dem Daumen hastig darauf, bis es rot leuchtete, und schob das Magazin zurück in den Kolbenschacht. Klickend rastete es ein. Als die Geschwindigkeit des Liftes sich verlangsamte, zog er einmal kurz am Pistolenlauf und ließ diesen wieder zurückschnellen. Jetzt war die Waffe entsichert, geladen und zum Töten bereit.
Der Lift war in der vierten Etage angekommen. Ike zog das Schutzgitter auf. Doch plötzlich stand eine Hotelangestellte mit dutzenden Handtüchern auf ihren Armen haltend vor ihm, die sofort bei seinem Anblick verlegen zu Boden schaute, einen Höflichkeitsknicks machte und ihm mit dünner Stimme einen guten Tag wünschte. Ike stieg aus dem Fahrstuhl grußlos aus – das Zimmermädchen stieg ohne ihn anzublicken wortlos ein.
Ike schaute sich um. Der hell beleuchtete Korridor war leer und ruhig. Er blickte nervös nach rechts und dann nach links. Anhand der Zimmernummernschilder der Türen erkannte er, dass er den linken Weg einschlagen musste. Mit der Pistolenmündung nach unten gehalten, lief Ike zügig den langen Korridor entlang und schaute gelassen auf die Türnummer 420, die er gerade passierte. Plötzlich öffnete sich die Hotelzimmertür 418 – zugleich verdeckte Ike seine rechte Hand, mit der er die Handfeuerwaffe hielt, unter seinem Mantel.
Eine großgewachsene junge Frau, mit langen, gelocktem roten Haar, eingehüllt in einem molligen Pelzmantel, betrat rückwärtsgehend den Flur und stieß mit ihm zusammen, wobei der reifengroße Hut in ihr Gesicht rutschte. Erschrocken drehte sie sich ihm zu, richtete ihren Hut, der mit weißen Rosen bestickt war, und blickte ihm direkt in die Augen.
„Pardon, Monsieur“, fuhr es ihr keck heraus, wobei ihr Lächeln und Stimmlage einen frechen Eindruck hinterließen. An der Türschwelle lümmelte ein schlaksiger Gentleman mit schulterlangen, blondem Haar, dessen Zylinderhut ihm tief im Gesicht lag. Er richtete rasch seinen Zylinder und fühlte sich aufgrund der Albernheit peinlich berührt. Er räusperte sich beschämt.
„Monsieur …“ grüßte er Ike schließlich mit einem unterdrückten Grinsen.
„Diese Franzosen schon wieder“, fuhr es durch Ikes Gedanken.
Ike schaute beide überrascht an, versuchte sein Erstaunen aber zu verbergen, denn dies war bereits die zweite Begegnung am frühen Morgen mit diesen Herrschaften. Er hatte nämlich die junge Frau vorhin am Hafen ebenfalls unglücklich angerempelt, sich dafür aber nicht angemessen entschuldigt und sie hatte daraufhin nicht gerade erfreut reagiert. Jetzt hoffte er nicht wiedererkannt zu werden, um nicht in eine ungelegene Debatte über die Kinderstube des Benehmens verwickelt zu werden. Das käme grade nicht nur äußerst unpassend, sondern ihm fehlte zudem die wertvolle Zeit dazu, dies ausgiebig auszudiskutieren.
Ike nickte kurz gebunden, atmete entspannt auf und lief zügig weiter. Aber gegen seine Erwartung, dieses Pärchen würde ihn wiedererkennen und sich sogleich abermals über ihn entrüsten, schlenderten sie unbekümmert dem Fahrstuhl entgegen und er vernahm, wie sie zuerst albern prusteten und schließlich laut lachten. Während er langsam weiter lief, griff er sich kurz an die Stirn.
„Vorhin sind wir uns zwar begegnet, aber jetzt erinnern sie sich nicht mehr an mich. Kein Wunder, es ist ja auch noch gar nicht geschehen. Ich werde sie erst nachher ausversehen anrempeln und … Nein, ich hatte sie doch schon längst angerempelt. Wie verwirrend und faszinierend zugleich Zeitreisen sind“, murmelte Ike vor sich hin.

Als Ike endlich vor der Zimmertür 413 stand, hielt er seine Pistole mit beiden Händen nach unten und lauschte an der glänzenden Mahagonitür. Es war still. Doch dann vernahm er plötzlich ein dumpfes Poltern, was die Tür spürbar sachte erschüttern ließ. Ike drehte am Türknauf, öffnete vorsichtig und sah, wie zwei uniformierte Männer miteinander kämpften. Auf dem Boden lagen ein umgestoßener Stuhl und eine Offiziersmütze.
Ein Unbekannter versuchte angestrengt mit einem Seil den Ersten Schiffsoffizier der Titanic, William Murdoch, zu erdrosseln. Dabei zog er kräftig mit beiden Händen die Schlinge um seinen Hals, presste ihn somit an seinen Körper und weil der Mörder größer als sein Opfer war, gelang es ihm, Murdoch ruckartig etwas in die Höhe zu zerren und ihn zu strangulieren.
Mr. Murdochs Gesicht sah schmerzverzehrt aus und war blutrot angelaufen, wobei er sich verzweifelt aus dieser Todesschlinge zu befreien versuchte, indem er wild um sich trat.
Ike blickte starr. Mit vorgehaltener Waffe, die er mit beiden Händen festhielt, ging er auf die rangelnden Männer langsam zu. Der Mörder hatte ihn noch nicht wahrgenommen – zu sehr war er damit beschäftigt, William Murdoch zu massakrieren. Doch plötzlich weitete dieser seine Augen und wagte verdutzt einen schrägen Blick auf Ike, als er den kalten Mündungslauf einer Pistole an seiner Schläfe spürte.
Ein dumpfes Zischen, leiser als der Knall eines herausschnellenden Champagnerkorkens, beendete die wilde Rangelei. Das Projektil trat aus seiner anderen Kopfhälfte wieder heraus, riss dem Mann ein Stück seiner Schädeldecke weg und klatschte mit samt den Blutspritzern gegen die Wand. Leblos brach der Fremde abrupt zusammen und knallte unsanft, zuerst mit dem Kopf gegen die Bettkante und schließlich auf dem Boden nieder. Ike zuckte erschrocken zusammen und duckte sich sogleich. Die Wucht des Projektils war so heftig, dass zugleich einen halben Quadratmeter Putz aus der Wand herausgesprengt wurde, sodass man in die benachbarte Suite blicken konnte. Gleichzeitig flogen Tapetenschnipsel und Mörtelbrocken, wie Splitter einer explodierenden Handgranate umher, und prasselten gegen die Fensterscheiben und auf dem Boden nieder. Eine sachte Staubwolke erfüllte die Suite. Ike schüttelte sich duckend die Staubpartikel aus seinem Haar.
Sofort floss aus dem Schädel der Leiche eine Blutlache heraus, die sich wie eine unaufhaltsame Pfütze erweiterte und im Teppichboden versickerte. William Murdoch, der das Seil immer noch krampfhaft festhielt, fiel auf die Knie. Hustend rang er nach Atemluft, während er auf dem Boden kauerte. Ike schaute unterdessen nach dem Toten und drehte ihn mit dem Fuß herum, bis er sein Gesicht genau erkennen konnte. Seine Augen waren geöffnet und sein Blick verdreht. Ike schaute ihn überrascht an.
„Das gibt’s doch nicht. Den kenne ich doch. Unglaublich. Der ist das also?“, raunte er erstaunt. Sogleich durchsuchte er hastig die Taschen der Leiche, fand aber darin nichts.
Mr. Murdoch hangelte sich erschöpft am Tisch hoch. Mit seiner Rechten betastete der Neununddreißigjährige vorsichtig seinen aufgeriebenen Hals, prüfte nach Blutspuren und setzte sich völlig entkräftet auf einen Stuhl, während er seinen Beschützer und die Leiche abwechselnd mit Schrecken anblickte.
„Was um Himmelswillen ist hier los? Wer-wer sind Sie? Und wer zum Teufel ist der da? Weshalb wollte er mich umbringen?“, fragte William Murdoch völlig aufgebracht.
„Der Drecksack ist tot. Operation erfolgreich erfüllt“, murmelte Ike vor sich hin und betrachtete die Leiche faszinierend aber zugleich schaute er ratlos auf ihn herab. Dieser Mann war ihm wahrlich nicht unbekannt. Plötzlich machte sich der Geruch, der aus einer Mischung von Urin und nach Metall roch, im Raum bemerkbar. Der Tote verlor sehr schnell, sehr viel Blut und durch sein urplötzliches Ableben, entleerte sich zusätzlich seine Blase. Nun wusste Ike van Broek wie der Tod roch. Bewundernd musterte er seine Schusswaffe.
„Wow … Beim nächsten Mal beherzige ich wohl lieber einen gut gemeinten Ratschlag und betätige das gelbe Lichtlein, statt das Rote“, brummelte er vor sich hin.
„Wer-sind-Sie? Und was in Gottes Namen ist hier los?!“
William Murdochs Stimme klang besorgt und zornig zugleich. Ike wagte einen Blick aus dem Fenster der vierten Etage. Gegenüber am Hafen ragten die mächtigen gelb-schwarzen Schornsteine der Titanic weit über die Abfertigungshallen hervor. Ein lautes Tuten eines auslaufenden Schiffes ertönte. Ike zog den Vorhang zusammen und ließ die Pistole in seiner Manteltasche verschwinden.
„Hören Sie mir jetzt genau zu und folgen Sie meinen Anweisungen, Will. Alles muss jetzt schnell gehen!“
Während Ike den Ersten Offizier der Titanic eifrig unterhielt, durchwühlte er sämtliche Schubladen, den Kleiderschrank und krabbelte sogar hektisch unter dem Bett herum. Er ließ es sich zwar nicht anmerken, aber insgeheim war er zudem gedanklich damit beschäftigt, dem aufgebrachten Schiffsoffizier eine Ausrede aufzutischen. Denn die Wahrheit klang einfach zu absurd, also war es angebracht, Schiffsoffizier Murdoch etwas anderes zu erzählen, damit er sich wenigstens wieder beruhigen würde.
„Dieser Kerl wollte Sie ausschalten und somit verhindern, dass Sie als Offizier die Titanic befehligen.“ Ike krabbelte rücklings unter dem Bett hervor und blickte ihm kämpferisch in die Augen.
„Will, das Schiff soll entführt werden und wenn das gelingt, ist der Ozeanliner samt 2.200 Menschen in der Gewalt skrupelloser Terroristen. Man wird die Reederei White Star Line daraufhin erpressen. Ich spreche von Millionen englische Pfunde, kapiert?“
Ike kroch wieder unter das Bett zurück und suchte weiter. Als er sich vergewissert hatte, selbst unter der Bettmatratze nichts Verdächtiges aufzufinden, kam er wieder hervor, kniete vor Murdoch nieder, der immer noch erschöpft auf dem Stuhl hockte, und sprach beruhigend auf ihn ein.
„Folgendes, Mister Murdoch. Es ist jetzt genau 10.46 Uhr. Sie müssen umgehend an Bord der Titanic gehen und sich persönlich bei Kapitän Smith zum Dienst melden, dann ist die Welt wieder in Ordnung. Und kein Wort über das hier alles. Ist-das-klar!“, ermahnte Ike mit vorgehaltenem Zeigefinger.
„Was zur Hölle meinen Sie mit Terroristen?“, fragte Mr. Murdoch aufgebracht. „Und woher wissen Sie all diese Dinge? Sind Sie etwa von der Polizei? Jetzt sagen Sie mir doch endlich, was hier gespielt wird und wer Sie sind!“
„Glauben Sie mir, Will. Was Terroristen sind, wollen Sie eigentlich gar nicht so genau wissen“, antwortete Ike. „Und was mich angeht, um es Ihnen kurz zu schildern: Ich gehöre einem Geheimdienst an und unglücklicherweise sind Sie der Schlüssel einer Truhe, gefüllt mit verzwickten Ereignissen, die geschehen werden, was Sie aber momentan niemals verstehen würden. Dies wiederum Ihnen alles auf die Schnelle zu erklären, ist jetzt nicht möglich, dazu fehlt uns beiden nämlich Zeit. Sie müssen umgehend Ihren Dienst auf der Titanic antreten. Unbedingt!“
Für einen Augenblick spiegelte sich eine gewisse Hilflosigkeit in Ikes Augen. Murdoch war doch nicht so einfach zu überzeugen, wie er es sich erhofft hatte.
„Oh, nein, nein, nein, nein! Ich werde allererst die Polizei alarmieren und dann …“
„Nicht doch, das lassen Sie besser sein“, unterbrach ihn Ike. „Seien Sie doch kein Narr und stattdessen einfach nur froh, noch am Leben zu sein! Und nun verschwinden Sie endlich! Die Zeit drängt. Kapitän Smith erwartet Sie bereits!“
Ike hob den umgekippten Stuhl auf, stellte sich darauf und untersuchte den Kronleuchter.
„Wonach suchen Sie überhaupt ständig?“, fragte Murdoch sichtlich gereizt.
„Nach Wanzen.“
„Wanzen? Wollen Sie mich etwa auf den Arm nehmen? Weshalb sollten Sie der Annahme sein, Bettwanzen in einem Kronleuchter vorzufinden? Mir reicht es! Ich werde jetzt so lange hier sitzen bleiben, bis Sie mich endlich aufklären!“, entgegnete Mr. Murdoch ihm zornig, wobei er seine Arme verschränkte.
Daraufhin unterbrach Ike seine hektische Suche, wandte sich William Murdoch wieder zu und hielt ihm mit einem ernsten Gesichtsausdruck warnend seinen Zeigefinger vor die Nase.
„Hören Sie mir genau zu, William. In ein paar Minuten werde ich sowieso wieder verschwunden sein, und zwar unauffindbar. Das garantiere ich Ihnen! Niemand wird Ihnen Glauben schenken, wenn Sie irgendjemanden von diesem Vorfall berichten. Das Gegenteil wird gar eintreffen. Hier liegt eine Leiche und Ihre Suite ist demoliert. Die Polizei wird Sie des Mordes verdächtigen und Sie verhaften. Dann werden Sie die Jungfernfahrt der Titanic logischerweise verpassen und Ihre Karriere ist zunichte. Vertrauen Sie mir endlich, dass ich Sie beschütze. Hier geht es um eine äußerst wichtige Angelegenheit, Will!“
William Murdoch blickte ihn mit leicht geöffnetem Mund empört an.
„Was fällt Ihnen eigentlich ein, mich ständig Will zu nennen? Sie kennen mich doch überhaupt nicht, und ich Sie erst recht nicht!“

Die Uhr tickte unaufhörlich. Ikes Coolness entglitt ihm allmählich und er spürte selbst, dass er ungeduldig wurde. Er musste eine geschicktere Taktik anwenden, um den Ersten Schiffsoffizier dazu bewegen, dass er sich sofort auf die Titanic begeben sollte, ohne dass er dabei von dem Mordanschlag einer Menschenseele berichten würde. Die Titanic musste unbedingt samt dem Schiffsoffizier um Punkt 12 Uhr ablegen, ansonsten wären sein Auftrag und die gesamte Mission ebenso gescheitert. Weil die Weltgeschichte nämlich verändert worden wäre.
„Also gut. Hören Sie mir jetzt genau zu … Mister Murdoch“, sprach Ike besonnen. „Wenn Sie nicht sofort verschwinden, wird man eben ohne Sie fahren und dann verpassen Sie Ihre Chance.“
„Meine Chance?“, hakte Mr. William Murdoch verwundert nach.
„Ja, genau. Ihre Chance. Kapitän E.J. Smith geht, wie allen bekannt ist, nach dieser Jungfernfahrt in den Ruhestand und die White Star Line würde Sie gerne als neuer Kapitän der Titanic begrüßen.“
„Das weiß ich selber. Der Vertrag ist längst unterzeichnet worden. Und weiter?“, fauchte er ungeduldig.
Ike stieg wieder auf den Stuhl und inspizierte den Kronleuchter erneut, während er fortfuhr.
„Aus einer ganz sicheren Quelle kam mir zu Ohren, dass der Zweite Schiffsoffizier, Mister Charles Lightoller, sich ebenfalls für dieses Amt eignet und man auch ihn als neuen Kapitän der Titanic in Betracht zieht, was auch geschehen wird, falls Sie sich als unzuverlässig erweisen und nicht rechtzeitig zum allerletzten Dienst Ihres Kapitäns erscheinen oder gar in einem kuriosen Mordfall verwickelt werden.“ – Er lächelte überheblich – „Man wird Sie festnehmen und bis es einem sehr guten Rechtsanwalt tatsächlich nach Monaten gelingen würde, Ihre Unschuld zu beweisen, wovon ich nicht unbedingt ausgehe, müssten Sie, anstatt mit einer noblen Gesellschaft Hummer und Kaviar dinieren, mit inhaftierten Sträflingen Wasser und Brot fressen. Würde Ihnen das schmecken oder doch eher bitter aufstoßen? Was ist jetzt? Wollen Sie nun der zukünftige Kapitän der Titanic werden oder lassen Sie Mister Charles Lightoller den Vortritt, während Sie im Knast jahrelang versauern werden?“
Schiffsoffizier William Murdoch stockte und senkte kapitulierend seinen Kopf.
„Meinetwegen. Vielleicht haben Sie mich überzeugt“, lenkte er ein. „Bin ja in der Tat froh, überhaupt noch am Leben zu sein. Sie haben recht, ich müsste längst auf der Kommandobrücke sein. Was genau ist jetzt zu tun, Mister …?“
William Murdoch schaute ihn fragend an, während Ike den Kronleuchter mit seinen Händen ausbalancierte, bis dieser zu klimpern aufhörte. Er hatte nichts verdächtiges im Kronleuchter gefunden.
„Okay, Mister Murdoch. Lass uns nun von hier schleunigst verschwinden.“

Vorsichtig öffnete Ike die Tür und prüfte, ob sich jemand auf dem Korridor aufhielt. Noch war diese Operation nicht erfüllt worden. Noch konnte Ike sich nicht in Sicherheit wiegen und gar im Erfolg schwelgen. Der Schiffsoffizier musste jetzt schleunigst wohlauf zum Hafen gelangen und erst dann, wenn Mr. Murdoch sich beim Kapitän zum Dienstbeginn melden würde, konnte aufgeatmet werden. Der Einsatzleiter Agent Thomas warnte ihn, bevor er ihn mit allen Einzelheiten vertraut machte, dass sich möglicherweise weitere TT`s um das Ableben von Murdoch bemühen würden und riet ihm, den Schiffsoffizier auf gar keinen Fall ohne Begleitung zum Hafen zu lassen. William Murdoch wirkte noch etwas wackelig auf seinen Beinen, darum packte ihn Ike beherzt am Arm und führte ihn zum Lift.
„I-ich möchte mich bei Ihnen bedanken, weil Sie mir das Leben gerettet haben“, stotterte der Schiffsoffizier.
„Es war mir eine Ehre, Ihnen gedient zu haben, Mister Murdoch.“
„Zu welchem Geheimdienst gehören Sie eigentlich, Mister? Ihr Akzent klingt so …“
„Niederländischer Secret Service.“
„Die Holländer haben in der Tat einen Geheimdienst? Davon ist mir gar nichts bekannt. Und wie heißen Sie, wenn ich zu fragen erlaube?“
„Nennen Sie mich einfach nur Ike“, schmunzelte er.
„Also gut, Ike. Ihre Pistole … Also solch eine imposante Waffe habe ich noch nie zuvor gesehen, so ganz ohne hörbaren Schuss.“
„Das ist eine EM23 Schnellfeuerwaffe. Sie funktioniert elektromagnetisch, oder so ähnlich. Alles streng geheim, Sie verstehen?“
„Aja … Elektrisch“, raunte Murdoch. „Wie alles heutzutage.“

In diesem Moment öffnete sich eine Hotelzimmertür und ein älteres Ehepaar betrat den Flur. Der sperrige Hut der alten Dame verhinderte, dass die beiden Männer ungehindert weiterlaufen konnten, also blieben sie mitten auf dem Korridor stehen.
„Mister Murdoch … Na, das ist ja eine angenehme Überraschung! Schau nur Edward, da ist Mister Murdoch, unser Erster Offizier, “ sprach die Dame freudig während sie mit einem Fächer vor ihrem Gesicht wedelte. Sie neigte ihren Kopf seitlich und grinste ihn breit an. Murdoch lächelte gezwungen und Ike schaute mit verdrehtem Blick genervt zur Decke hinauf.
Der Herr kraulte sich seinen ergrauten Bart und runzelte dabei die Stirn, während er den Schiffsoffizier nachdenklich musterte. Plötzlich klatschte der Fächer auf seinem Haupt, woraufhin er kurz zusammenzuckte.
„Edward, streng deine betagten Hirnzellen gefälligst an. Wirst du dich wohl an Mister Murdoch erinnern?!“, flüsterte sie ihm dringlich zu. „Letztes Jahr … Auf der Olympic! Wir hatten mit Kapitän Smith gemeinsam Hummer diniert und Mister Murdoch saß genau neben dir!“
Der betagte Mann fasste sich an die Stirn und versuchte sich zu entsinnen.
„Schiffsoffizier Murdoch … Auf der Olympic … “, grübelte er. „Natürlich, selbstverständlich: Mister Murdoch!“, platzte es plötzlich erfreut aus ihm heraus und schüttelte ihm erfreut die Hand. „Ihr amüsanter Witz mit dem Schäfer und dem Kuhmist“, lachte er sogleich.
Ike ließ Murdochs Arm los, wandte sich von den plaudernden Herrschaften ab und ging in das Hotelzimmer zurück. Solange der Schiffsoffizier in Begleitung war, konnte ihm nichts geschehen. Währendem Ike zügig zum Tatort zurückeilte, rief er zurück: „Also dann, Will! Gute Reise! Nehmen Sie sich ein Taxi und bleiben Sie immer in Gesellschaft, dann wird alles gut. Leben Sie wohl und … Bloß keinen Mucks!“, warnte Ike zu guter Letzt.

In Anbetracht dieser schrecklichen Ereignisse, war es William Murdoch nur recht, nicht ohne Gesellschaft zum Hafen zu gelangen. Dafür nahm er sogar eine nervige Konversation mit einer plappernden Tratschtante in Kauf. Als aber der Fahrstuhl die Etage erreichte, bat Schiffsoffizier Murdoch das ältere Ehepaar ein paar Minuten auf ihn zu warten und den Lift zu blockieren, damit er mit ihnen gemeinsam hinunterfahren könne. In der ganzen Hektik hatte er doch tatsächlich seine Offiziersmütze vergessen, erklärte er mit einem verlegenen Lächeln.
Die Mütze lag infolge des Kampfes immer noch auf dem Boden. Mr. Murdoch war es zwar sehr mulmig zumute, den Tatort noch einmal zu betreten, doch er würde schließlich nicht alleine dort sein, dachte er sich. Der geheimnisvolle Retter, dieser holländische Geheimagent, sei wahrscheinlich gerade dabei, den Tatort zu inspizieren, zu fotografieren und Zeugen aus benachbarten Suiten zu vernehmen. Außerdem wäre dies eine weitere Gelegenheit, seinem Lebensretter nochmals zu danken. Beim Gedanke jedoch, dass er gleich ein zweites Mal mit einer Leiche und sehr viel Blut konfrontiert werden würde, realisierte William Murdoch nun endgültig, was eigentlich geschehen war. Seine Hand zitterte, als er nach dem Türknauf griff. Keinesfalls, so dachte er sich, würde er einen Blick auf die Wand wagen. Vor dem Anblick des in seinem Blut die Tapete langsam runtergleitenden Gehirns, davor schauderte es ihm etwas.
Als Mr. Murdoch die Tür öffnete, war er jedoch sprachlos. Das Zimmer war aufgeräumt, die Leiche verschwunden und von dem Geheimagenten war ebenfalls keine Spur zu sehen. Selbst die Tapete, die Bettwäsche und der helle Teppich, der mit einer Blutlache vollgesogen war, wiesen nicht einmal die geringsten Spuren von Blutspritzern auf. Nichts deutete mehr auf ein Verbrechen hin und wenn das Einschussloch in der Wand nicht sichtbar gewesen wäre, wäre William Murdoch sicherlich der Annahme gewesen, er befände sich in der falschen Suite.
 
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